Vaterland (2026)

MEPHISTOPHELISCHES NACHGLÜHEN

5/10


Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann im Film Vaterland
© 2026 Polyfilm / Agata Grzybowska


LAND / JAHR: POLEN, DEUTSCHLAND, ITALIEN, FRANKREICH 2026

REGIE: PAWEŁ PAWLIKOWSKI

DREHBUCH: PAWEŁ PAWLIKOWSKI, HENK HANDLOEGTEN

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: HANNS ZISCHLER, SANDRA HÜLLER, AUGUST DIEHL, DEVID STRIESOW, ANNA MADELEY, DAVID MENKIN, JOACHIM MEYERHOFF, ENNO TREBS, THEO TREBS, FRITZI HABERLANDT, MILAN PESCHEL, WALDEMAR KOBUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 22 MIN



An dir, liebes Deutschland, ist ein Dichter verloren gegangen. Thomas Mann, einer der größten deutschsprachigen Wortakrobaten des 20. Jahrhunderts, dem wir die Buddenbrooks, den Zauberberg oder den Tod in Venedig zu verdanken haben, hatte 1933 diesem in den Untergang treibenden Vaterland den Rücken gekehrt. Wieder einer weniger von all den Intellektuellen, die rechtzeitig erkannt hatten, dass einer wie Hitler nichts Gutes bringen kann.

Zwischen den politischen Stühlen

17 Jahre später, so viel zumindest sagen die historischen Fakten, ist der Vater der Literatur und Vater von Erika und Klaus Mann, der sich in diesem Jahr auch das Leben nehmen wird, zurückgekehrt. Die Absicht, von West und Ost instrumentalisiert zu werden, hegt er nicht. Die beiden politischen Systeme des Landes – der liberale Westen, der es sich gerichtet hat, und natürlich die kommunistische DDR – wollen diesen klugen Kopf aber für sich beanspruchen.

Hier wie dort soll Thomas Mann mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet werden, benannt nach einem weiteren Halbgott der Literatur, der zu Lebzeiten mehrfach durchsickern ließ, nicht allzu viel vom jüdischen Volk zu halten. Doch das scheint eine andere Geschichte zu sein, denn Goethe ist in Paweł Pawlikowskis eng gesetztem Psychogramm das personifizierte Nachglühen einer längst vergangenen Welt.

Woher komme ich, wenn nicht von hier?

Dieses Nicht-Wiedererkennen einer Heimat ist das Kernstück dieser schwarzweißen Beobachtung, Hanns Zischler als Thomas Mann findet keine emotionale Regung für dieses Dilemma und verkriecht sich hinter seinen Satzeskapaden, die er, unverständlich fürs zuhörende Volk, zum Besten gibt. Wie Perlen vor die Säue kommen seine Reden rüber, applaudiert wird, weil man applaudieren muss.

Mit im Buick, der durchs Land fährt, vorbei an ruinenhaften Zeitzeugen des Krieges, sitzt Tochter Erika. Dem nachglühenden, mephistophelischen Faschismus, den das Land wie ein schlummerndes Virus immer noch in sich trägt, stellt sie sich mit verbalem Unmut und einer Ohrfeige, die ganz allein Gustav Gründgens gehört.

In dieser einen Szene, die fast schon als Kernstück von Vaterland anzusehen ist, bündelt Pawlikowski den ganzen Frust derjenigen, die bislang geglaubt haben, Deutschland habe aus seinen Fehlern gelernt. Joachim Meyerhoff liefert hier in dieser Szene das Bild eines Elite-Deutschen, der sich zugunsten des Ruhms gerne auch mit dem Teufel arrangiert hat. Erkannt hat das Klaus Mann schon viel früher, als er Mephisto schrieb und den Charakter Gründgens in sein Werk mit einfließen ließ.

Thomas Mann arrangiert sich auch. Vielleicht aber eher, um einen ganz anderen Frust auszuhalten, nämlich den, der mit einer Verzweiflung einhergeht, das Vaterland vollends verloren zu haben.

Der Blick an der Seele vorbei

Pawlikowski lässt erkennen, welche Gespenster die Familie Mann immer noch heimsuchen – die des vergangenen, des gegenwärtigen und des zukünftigen Deutschland. Das heißt aber nicht, dass er diesen historischen Figuren auch Tiefe gibt. Die fehlt in Vaterland über weite Strecken, sie gehen verloren in der Rekonstruktion überforderter Laudatoren, die dem Rückkehrer zujubeln.

Vaterland hält sich mit einer Agenda auf, die wohl besser dafür genutzt worden wäre, dem Dichter mehr in die Seele zu blicken. Sandra Hüller versucht das Defizit zu kompensieren, und übertüncht wird das dünne Handlungskonstrukt mit einer erlesenen Bildsprache, die beeindruckend authentisch wirkt. Pawlikowski ist wohl mehr ein Meister des visuellen Arrangements als der Dramaturgie, ungeachtet seiner Palme, die ihm dieses Jahr für die beste Regie verliehen wurde.

Geschmackvoll, aber starr

In der reduktiven Sachlichkeit seiner Bilder stecken virtuose Schachzüge. Die Schlüsselszene mit August Diehl zu Beginn des Films ist eine einzige statische Einstellung mit Bedacht aufs Detail. Gesprächspartner bleiben im Off, bevor sie ins Bild gerückt werden oder bleiben, am anderen Ende der Telefonleitung, gesichtslos positioniert. All das ist streng komponiert, völlig durchdacht – und letztlich auch auffallend starr, was die eigentliche Erzählung betrifft.

In diesem Korsett bewegt sie sich kaum, doch vielleicht spiegelt das die Gefühlswelt unfehlbarer Dichter wie Mann oder Goethe wider, die gerne mit ihrem Ego zeitlos erhaben über allem wären. Was sie letztlich nicht sind.

Vaterland (2026)

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

ZWISCHEN DEN KLASSEN EIN STERBENDER SCHWAN

7/10


Isaac Hernández und Jessica Chastain haben eine Beziehung in Dreams – Gefährliches Verlangen
© 2026 Panda Filmverleih


LAND / JAHR: MEXIKO 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: JESSICA CHASTAIN, ISAAC HERNÁNDEZ, RUPERT FRIEND, MARSHALL BELL, ELIGIO MELÉNDEZ, MERCEDES HERNÁNDEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Am Ende wird alles gut…

Es gibt wirklich wenige Filmemacherinnen und Filmemacher, die den Mut und die Beharrlichkeit haben, ihren Geschichten, die sie erzählen, das entsprechend konsequente Ende zu geben – eben jene Konklusio, die unweigerlich kommen muss, wenn es darum geht, das Gezeigte als markerschütternd böses Gleichnis für einen Missstand zu instrumentalisieren.

Im Falle des Michel Franco lässt sich davon ausgehen, dass er wohl niemals irgendeinen Film machen wird, der einem das gute Gefühl gibt, alles käme in Ordnung, geschweige denn die Gewissheit, dass im Grunde alles einem wohlgefallenen Ende zustreben muss, denn die Welt ist ja schließlich so aufgebaut.

… und wird es das nicht, ist es trotzdem das Ende

Bei Michel Franco ist sie das nicht. Der Mexikaner kann mit dieser Naivität, die im Kino als Kompromiss in der Handlung auf seufzende Akzeptanz stößt, reichlich wenig anfangen. Und setzt stattdessen auf Radikalität.

Mit seinem Debütspielfilm New Order – Die neue Weltordnung macht er 2020 die Filmwelt auf sich aufmerksam – und verstört sie gleichermaßen. Seine erschütternde Chronik eines Volksaufstandes, der letztlich in einer Militärdiktatur mündet, zieht einem auf grimmige und kompromisslose Weise den Boden unter den Füßen weg.

Seine dahingleitende, rätselhafte Psychostudie Sundown mit Tim Roth ist auf versöhnliche Weise weniger destruktiv, während mit Memory erstmals Jessica Chastain aufspielt und vielleicht schon als Francos Muse gilt. Kann man das bei zwei Filmen schon sagen? Ich vermute es.

Die knisternde Exotik einer Liaison

Im neuen Werk Dreams – Gefährliches Verlangen, was dank der deutschsprachigen Untertitelvergabe eher nach schwülstigem Erotikthriller klingt, macht Chastain wieder das, was sie am besten kann: Die schicke Unterkühlte mimen, die mit der nötigen Distanz ihrem sozialen Umfeld begegnet und für die stinkreiche Familie, die eine Stiftung verwaltet, unbedingt und immer funktionieren muss. Da diese Stiftung soziales Engagement zeigt und unter anderem auch in Mexiko diverse Projekte unterstützt, lernt Jennifer McCarthy den Tänzer Fernando kennen. Und nicht nur das: auch lieben.

Es knistert gewaltig, wobei man diese Liaison erst im Nachhinein zu greifen bekommt, denn Franco beginnt seine Geschichte mit dem bestürzenden Prozedere einer illegalen Migration. In San Francisco treffen dann die beiden aufeinander – und nichts entwickelt sich so, wie der von Illusionen und eben Träumen gepushte Fernando die Dinge haben will.

Als sich Jennifer nicht zu ihrem Dritte-Welt-Lover bekennen will und ihn auch vor ihrer Familie verheimlicht, da sie weiß, das kommt nicht gut an, geraten die Dinge aus dem Ruder. Dreams entwickelt sich zum Beziehungsthriller, der aber kein Interesse hat, an der Oberfläche herumzustochern und lediglich den Spannungsbogen zwischen Begehren und Blowjob zu bedienen.

Gehen wir lieber auf Distanz

Tatsächlich hat Francos Film zumindest in den ersten zwei Dritteln gehörige Längen. Hinzu kommt Francos distanzierte Art, zu filmen. Seine Bilder erinnern hier an Michael Hanekes Stil, selten geraten Kamera und Ensemble in Berührung. Der Beobachter soll keinen Einfluss nehmen auf das Geschehen, das wie aus einem versteckten Winkel heraus verfolgt wird.

Haneke selbst hat sich auch nie dazu durchgerungen, den Gesichtern vor der Kamera mehr Aufmerksamkeit zu schenken als für die Handlung erforderlich. Weg von der garantierten Wahrnehmung des Stars, hin zu deutlich relevanteren Themen, wie zum Beispiel jenem der Klassengesellschaft, die sich heillos in Doppelmoral und Heuchelei verliert.

Von oben herab

Mit Dreams – Gefährliches Verlangen wird Michel Franco wieder so richtig pessimistisch. Ganz Wohlstandsamerika entlarvt sich selbst in selektivem Rassismus, getarnt durch eine soziale, multikulturelle Agenda.

Die Anklage sitzt, und sie enttarnt den Gutmenschen alleine in seinem Modus Operandi, ohne die Elite vorzuführen wie Karim Aïnouz in seiner auf völlig andere Weise destruktive Groteske Rosebush Pruning. Was dort als Plakativität belächelt wird, findet hier den ganz normalen Machtmissbrauch – darin eingebettet eine sexuell aufgeladene Romanze, die aufgrund von Vorbehalten, Klischees und Abhängigkeit unter Schmerzen scheitern muss.

Dreams – Gefährliches Verlangen (2025)

Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

DER SLASHER ALS DAS HÖCHSTE DER GEFÜHLE

7,5/10


Gillian Anderson und Hannah Einbinder kommen sich in Teenage Sex and Death at Camp Miasma näher
© 2026 MUBI


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN

KAMERA: ERIC YUE

CAST: HANNAH EINBINDER, GILLIAN ANDERSON, AMANDA FIX, ARTHUR CONTI, EVA VICTOR, ZACH CHERRY, SARAH SHERMAN, PATRICK FISCHLER, DYLAN BAKER, QUINTESSA SWINDELL, JACK HAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Ich wünschte, es gäbe in meiner Heimatstadt Wien noch das gute alte Schönbrunner Kino – dort sah ich Filme wie Independence Day, Schlafes Bruder oder Sieben, bevor es Ende der 90er Jahre geschlossen wurde. Nun ziert diese Hallen ein Sonnenstudio – wie unwürdig.

Die Dreifaltigkeit der Projektionsfläche

Gäbe es das Schönbrunner Kino noch, wäre Jane Schoenbrun dort am besten aufgehoben, einschließlich Marketing-Gag und vielleicht gar dreiteiliger Retrospektive, denn satte drei Filme zählt ihr kinematografisches Œuvre mittlerweile, dank des jüngst in Cannes uraufgeführten letzten Teils der sogenannten Screen-Trilogie, die sich mit – wie kann es anders sein – drei unterschiedlichen Medien beschäftigt: Dem Fernsehbildschirm, dem Computerdisplay und der Kinoleinwand. Für Schoenbrun sind das Portale in eine andere Realität – die hauchdünne Membran, das Rabbit Hole wie bei Alice im Wunderland. Dahinter wartet das Unaussprechliche oder Unfassbare, die Twilight Zone, wenn man so will, das Gespenstische und unbedingt in die Realität wollende.

Dafür schafft sich das Unheimliche seine willfährigen Helfer. Es sind jene, die in das jeweilige Screen-Medium hineinkippen. Die davon eingefangen werden, wie Justice Smith in I Saw the TV Glow, Anna Cobb in We’re All Going to the World’s Fair und nun Hannah Einbinder (Hacks) in einer märchenhaft anmutenden Meta-Satire mit dem merkwürdig bemerkenswerten Titel Teenage Sex and Death at Camp Miasma.

Nicht komplett davonschwebend

Auch Schoenbruns dritter Film hat nichts von diesem eigenwilligen, im rosarot-violetten Farbspektrum umherschillernden Stil verloren, eingebettet in eine rätselhafte Dunkelheit. Dennoch lässt sich deutlich mehr erzählerische Gefälligkeit bemerken als in den anderen beiden Arbeiten, die völlig emanzipiert und unbekümmert ihre sperrige Gedankenwelt ausleben. Teenage Sex and Death at Camp Miasma hat schon allein mit Protagonistin Kris eine Figur geschaffen, die im sozialen Gefüge einer urbanen und fortschrittlichen Gesellschaft am tiefsten verankert ist als irgendeine andere Figur in Schoenbruns fantastischen, doppelbödigen Medienwelten. Der Zugang des Publikums in das Geschehen ist also allein dadurch schon ein deutlich einfacherer.

Zu Besuch beim Final Girl

Was wir vor uns haben, ist als Plot recht schnell abgesteckt, und hält auch kein nennenswertes horizontales Storytelling bereit, schließlich sind Schoenbruns fast schon essayistische Betrachtungen ein verspieltes Exhumieren sämtlicher Versatzstücke, und zwar an Ort und Stelle, in einer Nerd-Blase, die keine ihrer Figuren wirklich weglässt. So ist Hannah Einbinder als eben diese Kris zu Besuch bei einer (fiktiven) Ikone des Slasher-Films: Billy Preston, leidenschaftlich verkörpert von Ex Akte X-Ikone Gillian Anderson, die selten so viel Spielfreude an den Tag gelegt haben mag wie hier.

Der ehemalige Jugendstar, der in den Achtzigern so wie Jamie Lee Curtis in Halloween, Heather Langenkamp in Nightmare oder Neve Campbell in Scream die längst noch nicht ausgelutschte Filmreihe Camp Miasma begründet hat, soll zu einem Reboot überredet werden. Denn Kris hat als junge Regisseurin und ordentlich viel frischem, kreativem Wind im Gepäck ihre ganz eigene Vision für dieses Franchise.

Doch wohl weniger sie als ihre regieführende Person namens Jane Schoenbrun hat wohl die größte Lust am Sezieren eines in der Filmgeschichte und im Genrelexikon nicht mehr wegzudenkende Figur des „Final Girl“ – einer knapp beschürzten, frivolen und auf dem Präsentierteller des Sexismus ausgelieferten Scream Queen zwischen Wollust, Jungfräulichkeit und wundersamer Renitenz. Es ist die dem Drachen doch nicht zum Fraß vorgeworfene letzte Königstochter, und der Male Gaze ist ihr sicher. Mit dieser Wahrnehmung muss aufgeräumt werden – und dem meist maskierten männlichen Antagonisten in seiner vermeintlichen Symbolkraft eine Metaebene angedichtet werden, mit der Sigmund Freud seine größte Freude hätte.

Der Kill als Lust-Multiplikator

Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist ein Metafilm in Reinkultur, so unbekümmert und lustvoll, so wild und völlig versponnen. Schoenbrun ist jemand, der dabei lieber das Pacing streckt als die Spannungsschrauben anzieht. Die vertikale Erzählweise dringt Schicht für Schicht in Hannah Einbinders Wahrnehmung und leidenschaftliche Fabulierkunst vor.

Ein ganzes Subgenre wird zerpflückt, von Psycho über den Crystal Lake und Jason Voorhees in Freitag der 13., der fast schon als Stütze für diesen Film funktioniert, bis hin zu diesem seltsamen Typen mit Speer und einem Lüftungsmodul als Maske – der kleine Tod. Vom kleinen Tod wissen wir: es ist ein bekanntes Synonym für den Orgasmus. In diesem Fall ganz eindeutig der weibliche – was Schoenbruns Film letztlich fast schon recht simpel, aber sehr stark zielgerichtet erscheinen lässt. Der sexuell konnotierte Killer und die junge Frau – ein Genre als Sex-Akt? Der Kill als weiblicher Höhepunkt?

Vom Einlegen einer Videokassette

So kommt man zu dem Schluss: Teenage Sex and Death at Camp Miasma funktioniert als queere Sexkomödie auf Umwegen durch den blutgetränkten Morast eines trivialen Erzählmusters für die breite Masse, in welcher vor allem die männliche Komponente viel zu oft nichts von der weiblichen Lust versteht. Was sich Schoenbrun hier zusammengereimt hat, ist ein kurioser und vor allem auch witziger und augenzwinkernder Mindfuck, der die Lust am Retro-Zitieren mit jener auf den feuchten Laken in den Hütten eines Sommercamps vereint.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma (2026)

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

GRÜN IST DIE FARBE DES UMBRUCHS

7,5/10


Naián González Norvind inmitten der Aufstände in New Order
© 2020 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: NUEVO ORDEN

REGIE / DREHBUCH: MICHEL FRANCO

KAMERA: YVES CAPE

CAST: NAIÁN GONZÁLES NORVIND, MÓNICA DEL CARMEN, DIEGO BONETA, FERNANDO CUALETLE, ELIGIO MELÉNDEZ, DARIO YAZBEK BERNAL, AVIER SEPULVEDA, ROBERTO MEDINA, SEBASTIAN SILVETI, GUSTAVO SÁNCHEZ PARRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN



Der Mexikaner Michel Franco hat seine ganz eigenen Visionen, um daraus Filme zu machen. Er schert sich wenig um altbekannte Erzählweisen, orientiert sich auch nicht an den Eliten in Hollywood oder Europa. Es kann passieren, dass ganz andere Pioniere in Francos Art und Weise des Filmemachens genug Inspiration sehen, um in sein Fahrwasser zu schippern – warum auch nicht. Gut übernommen ist halb gewonnen – für andere.

Die Kunst des Weglassens

In seinem Mysterydrama Sundown – Geheimnisse in Acapulco gibt Tim Roth einen rätselhaften Aussteiger, der in der Strandpromenade titelgebender Stadt herumhängt. Was relativ langweilig klingt, entwickelt sich zu einem vertrackten Psychogramm, in dem nur nach und nach das ganze seltsame Verhalten des isolierten Mannes Sinn ergibt. Ein Vexierspiel also mit nichts außer Tim Roth, viel Acapulco und einem Existenzialismus, der an Albert Camus erinnert.

Dabei zeigt sein erster abendfüllender Spielfilm, der Polit- und Gesellschaftsthriller New Order, bereits Francos Kunst des Weglassens und Nicht-Erzählens. Im Grunde sind es Bruchstücke, die er aneinander montiert, doch die sind gerade groß oder klein genug, um nicht fragmentarisch zu wirken. Nur Fragmente wären recht plump, doch so, wie Franco es macht – diese erzählerische Brut-Art, die nicht klotzig erscheint, sondern klug auf- und aneinandergelegt wird – das zeugt von einer eigenen intuitiven Vision. Und in dieser einen, ersten Vision, geht die ganze kaputte neureiche Elite von Mexiko-Stadt den Bach runter.

Die Reichen werden nicht erfreut sein

Reichtum ist im größten urbanen Moloch Mittelamerikas, um die Phrase nochmal zu dreschen, mehr als nur eine Schande. Wie so oft in Ländern wie diesem haben nur wenige alles, und alle anderen wenig. Eine Ungerechtigkeit, deren Konsequenzen man in den Geschichtsbüchern Europas lesen kann. Zum Beispiel im Kapitel über die Französische Revolution. Guillotine im Dauereinsatz. Köpfen, was das Zeug hält, die Vernichtung des Adels – und letztlich nur der vorübergehende Aufschwung des Proletariats, bevor kaisergleiche Anführer ihren Allerwertesten wieder auf den Thron geschoben haben werden.

In Mexiko erscheint dieser Umbruch als niederschmetternde, semidokumentarische Zukunftsvision, die schon in den ersten Minuten für Unbehagen sorgt. Eine feine Hochzeitsgesellschaft gibt sich die Ehre, die Wohlhabenden versammeln sich, während ein gewaltiger Demo-Zug der Unzufriedenen und Übervorteilten im ganzen Stadtkreis revolutionäre Züge annimmt.

Von Chaos und Ordnung

Und dann schwappt der Wahnsinn über – mit grüner Farbe, in Rage und mit Mordlust in den Augen, um die Diskrepanz zwischen den Klassen ein für alle Mal auszubügeln. Da kann es schon passieren, dass sich ehemalige Angestellte der feinen Familie zum Lynchmord an ihre Brotgeber hinreißen lassen.

Wer glaubt, damit wäre in dem ohnehin knappen 80-Minüter das Fass schon zum Überlaufen gebracht worden, der irrt. In weiterer Folge erzählt Franco das Schicksal von Braut Marianne. Wer das aushält, ist entweder gerade mit Unmengen an Resilienz gesegnet oder abgehärtet wie ein Krisenreporter.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn sie stirbt…

New Order ist schlichtweg harter Tobak. Ein Film, der verstört und lange nachhallt. Was objektiv wie das Erstarken einer Militärdiktatur ganz und gar nicht nach düsterem Zukunftsszenario klingt, da Südamerika diesen Wahnsinn bereits mehrmals über sich ergehen lassen musste, ist im Detail abgrundtief nihilistisch, destruktiv und hoffnungslos. Wer glaubt, im Kino gäbe es immer und überall noch die Gunst des Schicksals für das Gute und Aufrichtige, der irrt spätestens hier, wo es keine Werte mehr gibt – nur Unterdrückung, Macht- und Raffgier.

Definitiv nichts für schwache Nerven, kann New Order niemanden gefallen. Allerdings ist die Chronik einer enthumanisierten Gesellschaft, die man sich garantiert kein zweites Mal ansehen will, es sei denn, es geht uns zu gut, auf erschütternde Weise fabelhaft gelungen und wirkt wie Flugangst ohne beruhigendes Händchenhalten.

New Order – Die neue Weltordnung (2020)

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

SCHWEIGEN WIE EIN FAMILIENGRAB

8/10

 

Llúcia Garcia stellt sich in Romería – Das Tagebuch meiner Mutter ihrer Verwandtschaft
© 2025 Quim Vives / Elastica Films

 

LAND / JAHR: SPANIEN, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: CARLA SIMÓN

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: LLÚCIA GARCIA, TRISTÁN ULLOA, MITCH ROBLES, SARA CASASNOVAS, JOSÉ ÁNGEL EGIDO, MIRYAM GALLEGO, CELINE TYLL, JANET NOVÁS U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN



Bei diesem Film könnte es passieren, dass die eigene Familie plötzlich fremder wirkt als jene in Carla Simóns Romería – Tagebuch meiner Mutter.

Wieso das? Nun, es kommt immer darauf an, wie viel Wert man dem biologischen Faktor des gemeinsamen Blutes beimisst. Dass manche schließlich in ihrer eigenen Familiengeschichte herumstochern, ohne gute Gründe dafür zu haben, und ohne dass es einen Anlass dazu gibt, eine ohnehin distanzierte Beziehung näher zu ergründen, wird wohl kaum passieren. Eher passiert es, dass eine adoptierte Person will Klarheit über jene Umstände erlangen, die schließlich dazu geführt haben, unter fremder Obhut aufgezogen worden zu sein. Weil die echten Erziehenden entweder ums Leben gekommen oder auf andere Weise gänzlich unpässlich waren? Vielleicht, weil sie auch gar keine Kinder wollten?

Meister der Verdrängung

Alt genug, um nun endlich zu studieren, benötigt die gerade volljährig gewordene Marina für ihr Vorhaben die Bestätigung der leiblichen Familie ihres Vaters, der viel zu früh von der Bildfläche verschwand. Ähnliches widerfuhr Marinas Mutter – auch sie, genauso wie ihren Vater, hat das AIDS-Virus dahingerafft, verursacht durch Drogenexzesse jedweder Art. Die Familie väterlicherseits hat sich längst distanziert. Über Alfonso breiten all die Angehörigen, vorzugsweise die über allem erhabenen Großeltern, den Mantel des Schweigens und zeichnen sich als Meister der Verdrängung dadurch aus, alles Unangenehme von dieser ihrer Sippschaft fernzuhalten.

Da kommt es natürlich ungelegen, dass die sogenannte „dreizehnte“ Fee, das letzte, blutsverwandte Kind, das verlorene Schaf, tatsächlich heimkehrt – oder besser gesagt: einen Seitenblick in das soziale Gefüge namens Familie wirft, um erstens eben all ihre Verwandten kennenzulernen. Und zweitens, dem Großvater das Zugeständnis abzuringen, dass Marina seine leibliche Enkelin ist. Der Weg dorthin mutet an, als würde man durch ein Fotoalbum blättern – das üppige, bildgewaltige Portfolio eines lebendigen Stammbaums, der, hin und hergerissen zwischen Wahrheit und Vergessen, Marina als die Chance erkennt, endlich reinen Tisch zu machen und das letzte fehlende Glied zu ergänzen.

Rollendynamik vom Enkel bis zum Patriarch

Carla Simón zeigt dabei, genauso wie in ihrem mit dem Goldenen Löwen 2022 ausgezeichneten Familienschicksal Alcarràs – Die letzte Ernte, wie virtuos sie ein ganzes familiäres Biotop aus dem narrativen Boden stampfen kann. In Romería (was so viel heißt wie Pilgerfahrt) schwirren eine Vielzahl an Charakteren vor den beobachtenden Blicken Marinas vorbei – Klein und Groß, Alt und Jung, sie alle vollführen ihren aufgeregten Alltag, als spiele man die Reise nach Rom.

Dennoch schafft es Simón, jeden einzelnen und jede einzelne im Auge zu behalten, sie greifbar zu machen, zumindest für Marina. Sie ist der Ruhepol, das windstille Zentrum. Llúcia Garcia vollbringt hier angesichts der Herausforderung, eine ganze Klaviatur an Emotionen empfinden zu müssen, eine schauspielerische Meisterleistung. Authentizität ist in diesem Film letztlich alles, und da mit dieser Figur einer spurensuchenden jungen Frau alles steht und fällt, ist die Verantwortung, den ganzen Film zu tragen, enorm groß.

Als wäre man selbst eingeladen

Umso mehr ist Zurücknahme das oberste Gebot – durch diese sanftmütige, präzise und niemals überzeichnende Charakterisierung einer Person, die sich selbst nicht als entwurzelt oder verstoßen sieht, sondern nur Bescheid wissen will, ist man auch als Zuseher plötzlich Teil einer fremden Familie und einem fremden Leben.

Stößt die Realität an ihre Grenzen, öffnen sich Visionen

Fasziniert von Llúcia Garcias Auftreten, im letzten Drittel des Films in leuchtend rotem Kleid aus dem Stoff, den schon ihre Mutter getragen hat, belohnt einen der Film am Ende sogar noch mit behutsam gesetztem, magischem Realismus, der Marina träumen und sogar noch in die Zeit zurückreisen lässt, während sie und ihr Cousin auf einer imaginären Erzählebene Marinas Eltern verkörpern. Dieses schmucke Präsent an verzaubernder Poesie hat sich Simón für den Schluss bewahrt – und niemals verliert Romería durch die Tragödie der beiden Biografien seine kontemplative Leichtigkeit, die den ganzen Familienzirkus wie eine gesellschaftliche Himmelserscheinung vielleicht bewundernswert, aber auch ablehnend erscheinen lässt.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter handelt im Grunde vom Vater, von seinen Brüdern, seinen Neffen und Nichten. Marinas Akzeptanz gegenüber deren Leben und Leiden schafft erstaunliche Tiefe, in der man, statt darin selbst zu ertrinken, neue Wurzeln schlägt – für ein neu erstarktes, mutiges und von Sippenhaftung befreites Selbstbewusstsein.

Romería – Das Tagebuch meiner Mutter (2025)

Lebensansichten eines Huhns (2025)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ (K)EIN HUHN

7/10


Dieser Vogel erlebt in György Pálfi's Lebensansichten eines Huhns so einige Abenteuer
© 2025 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: KOTA

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GYÖRGY PÁLFI

KAMERA: GIORGOS KAVELAS

CAST: ESZTI, SZANDI, FERI, ENCI, ETI, ENIKÖ, NÓRA, ANETT (ALLES HÜHNER), IOANNIS KOKIASMENOS, MARIA DIAKOPANAGIOTI, ARGYRIS PANTAZARAS, ELENI APOSTOLOPOULOU, MAHMOD BAMERNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Das meiner Review den Titel gebende Lied der Comedian Harmonists aus der Frühzeit der Spaß- und Quatschlieder tönt mir in den Ohren, und lieber ein Huhn zu sein, das würden sich wohl so einige der Zweibeiner in dieser bitteren Groteske des Ungarn György Pálfi wünschen. Denn so, wie Homo sapiens sich hier aufführt – das kann nicht der Zivilisation letzter Schluss sein, oder doch?

Denn zum Essen sind sie da

Zumindest wundert sich darüber das namenlose schwarze Schaf innerhalb seiner Spezies Gallus gallus domesticus, kurz: das Haushuhn. Kosmopolit, gezüchtet aus der wilden Urform des fasanartigen Bankaviahuhns und eigentlich nur dazu da, um von Milliarden an Menschen tagtäglich getötet, geröstet, gebraten, gekocht und letztlich verspeist zu werden. Zu diesem Schicksal gesellt sich dann noch die erniedrigende Tatsache des Eierklaus, tagtäglich und immer wieder.

Die schwarzgefiederte, durchaus schmucke Lady mit dem Seitenblick muss mit so einigen Schicksalsschlägen und radikalen Wendungen klarkommen. Mit der Hasswelle übler Gehege-Genossinnen, mit den Übergriffen eines wirklich hässlichen Hahns. Mit dem Kiefer eines Hundes, dem flammenden Inferno, heißem Asphalt und lauernden Füchsen. So ein Tier hat ein hartes Leben, doch wie es aussieht, lässt sich immer noch der Schluss ziehen, dass der von Gott gegebene Umstand, Federn zu tragen, direkt schon als nachhaltiges Glück erscheint.

Irgendwo in Griechenland…

Will Pálfi damit die Ironie auf die Spitze treiben? Natürlich geht es Gallus gallus domesticus schlecht. Und dem Menschen? Ebenso. Denn irgendwo in Griechenland, und zwar dort, wo man meinen könnte, hier lässt es sich sogar Urlaub machen, schwappen humane Tragödien von der anderen Seite des Meeres hinüber, wollen grimmige Gesellen ihre Geschäfte machen, und will ein versoffener alter Patriarch aus seinen Fehlern lernen.

Der hat das schwarze Huhn unter seine Fittiche genommen. Die beiden sind sich ähnlich, zumindest, was das Straucheln und Wiederaufstehen betrifft. Doch bei diesen Lebensansichten, die ein Huhn an den Tag legt, sind wir weit entfernt von George Millers Schweinchen Babe, und sogar noch weit entfernt von Schafen, die kriminelle Fälle lösen. Diese Lebensansichten nähern sich jenen Erfahrungen, die mal ein Esel gesammelt hat – im assoziativen Kunstfilmdrama EO, das aber dem Esel jedoch nicht jene Ehre erweist und ihn zu einem Individuum formt wie György Pálfi es tut.

Vielleicht besser, doch ein Huhn zu sein

Der ungarische Exzentriker hat mit seiner Gesellschaftskritik keine Fabel im Sinn, er entzieht seinem Huhn niemals seine natürliche Bestimmung und den tierischen Aspekt. Er spricht keine gackernden Sätze, aber gackert.

Wie zäh und widerstandsfähig so ein Wesen sein kann, ist einerseits wirklich witzig, andererseits respekteinflößend. Und es wäre nicht Pálfi, wären die Lebensansichten eines Huhns ein lediglich unterhaltsamer Schwank, der einer uns so reichlich ernährenden Tierart alles in die Hand gibt, damit es Freiheit erlangt. Die Aardman Studios hatten mit ihrem Plastilin-Geflügel die Hühnerstall-Version von Gesprengte Ketten fabriziert (Chicken Run) – Palfi will sein Huhn sogar noch mehr herrschen und bestimmen lassen, ganz so, wie es das Schicksal will. Und dieses meint es für Hühner gut, für Menschen nicht.

Antihumanistische Gutenachtgeschichte für Kücken

Palfis bisheriges Filmschaffen ist von eigentümlichem Kolorit. Der fast wortlose Dorfkrimi Hukkle ist nur eines seiner Experimente, im Generationeepos Taxidermia wissen so manche, wie man sich und seine Familie präpariert. Die Lebensansichten eines Huhns sind so eigenwillig und unzuordenbar wie alles Bisherige von Pálfi. Zwischen Düsternis, Hässlichkeit und kauziger Satire bewegt sich dieser von allen Schubladen befreite, beharrliche Selbstverwirklichungstrip eines Vogels auf eine Welt ohne Menschen zu, um tatsächlich sowas wie kitschige Harmonie zu finden. Ein bizarres Abenteuer zwischen Leben, Tod und allen Unannehmlichkeiten dazwischen – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Lebensansichten eines Huhns (2025)

Bitteres Fest (2026)

DAS SCHICKSAL HAT SINN FÜR NOBLES DESIGN

6/10


Bárbara Lennie tröstet Victoria Luengo in Pedro Almodovars Bitteres Fest
© 2026 Constantin Film


ORIGINALTITEL: AMARGA NAVIDAD

REGIE / DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR

KAMERA: PAU ESTEVE BIRBA

CAST: LEONARDO SBARAGLIA, BÁRBARA LENNIE, AITANA SÁNCHEZ-GIJÓN, VICTORIA LUENGO, PATRICK CRIADO, MILENA SMIT, QUIM GUTIÉRREZ, ROSSY DE PALMA, CARMEN MACHI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Spaniens Regie-Gott Pedro Almodóvar fühlt sich dort am wohlsten, wo er auch selbst zuhause ist. Und er kann dort die schillerndsten Charaktere schaffen, wo er beruflich verkehrt: Im Territorium des Autorenfilmers, in der hermetischen Blase der Schreiberlinge, im Biotop der Filmemacher, die sich längst selbst produzieren.

Künstler kennen den Schmerz nur zu gut

Almodóvar sieht sich natürlich als Künstler, und er sieht auch seine Figuren vorwiegend als genau das: Als Künstler entweder in der Schaffenskrise, in der Identitätskrise oder in was für Krisen auch immer. In Almodóvars Welten wird Zeigbares produziert und entworfen – und so entwirft er auch mehr oder weniger einen Splitter seiner selbst als Drehbuchvirtuose und Regisseur, der endlich mal wieder etwas Neues zuwege bringt, eine neue Geschichte mit sehr viel Schmerz, Leid und Katharsis. Kaum ein Stoff, der sich besser eignet, um einen anspruchsvollen Film zu erschaffen, als des Lebens Schicksal. Als Krankheit, Tod und das Ende von Beziehungen.

Vom Schicksal der Lebenden inspiriert

Pedro Almodóvar ist in Bitteres Fest – ein Titel, der sich auf Weihnachtsfeierlichkeiten bezieht, die alles andere als entspannt verlaufen – der Autor Raúl, ein Feingeist mit grauem Haupt- und Gesichtshaar, lebend in einer queeren Beziehung und umgeben von Leuten, die im Dienste seiner Projekte stehen. Dazu zählt auch sein Partner und eine Assistentin, die Raúl nur zu ungern gehen lassen muss. Doch Mónica hat das große Bedürfnis, ihrer Freundin beizustehen, die gerade eben ihren krebskranken Sohn verloren hat. Eine Tragödie sondergleichen ist das, da ist keine Zeit fürs Kunstschaffen, doch die Kunst weiß dabei selbst, was sie aus der Realität ziehen kann, um eine Geschichte, die sich nur mühsam vorwärtsschreiben lässt, aufzupeppen.

Wie existent ist die fiktive Welt?

Dass diese Timeline wohl nicht die einzige in Bitteres Fest sein kann, ist wohl allen klar, die Almodóvars Œuvre kennen. Natürlich gibt es eine zweite Ebene; eine, die sich mehr als zwei Jahrzehnte früher abspielt, die allerdings nicht real, sondern fiktiv ist – und eben genau jene Handlung visualisiert, die Raúl gerade „zu Papier“ bringt.

Dort, in dieser imaginären Welt, ist Elsa die Protagonistin, ebenfalls ehemalige Filmemacherin, nunmehr in der Werbung tätig und mit einem Unterhosenmodel liiert, der zumindest auch Brände löscht, wenn er nicht gerade als Stripper gebucht wird. Diese Figur ist die wohl eingängigste in Almodóvars Ensemble – kaum um sich kreisend, während alle anderen Reichen und Schönen in elitärer Unantastbarkeit mit der Schwere des Lebens dennoch zu tun haben müssen, denn Menschen sind sie schließlich alle.

Die tröstende Expertise eines Innenausstatters

Und so wechselt der Schauplatz von Madrid ins luxuriöse Anwesen auf der Kanareninsel Lanzarote, die mit ihrer einzigartigen Landschaft natürlich ordentlich Schauwerte in den Film bringt. Das geschieht immer dann, wenn Almodóvar seine Lieblingsfarben Grün und Rot in allen möglichen Abstufungen und Schattierungen sowie in akribischem Kompositionsdrang auf der Leinwand arrangiert.

Bitteres Fest ist wie Malen auf bewegtem Grund. Bicolore Ornamentik, grobe Muster, Retro-Orange – dann wieder Werke von Künstlern, nach denen sich jeder Innenausstatter alle zehn Finger abschlecken würde und die womöglich ein Heidengeld kosten. Der Filmemacher hat sie alle beisammen, stattet seine Wohnzimmer, Schlafgemächer und Loggias mit allerlei Kunst aus, die einen Großteil seiner Arbeit einnehmen. Wie das gelingt?

Für Arrangements wie diese gibt es Platz genug. Bitteres Fest selbst mag zwar Fiktion und Realität miteinander verbinden, doch längst nicht so raffiniert wie in anderen seiner Werke. Von daher sprengt die Handlung wohl kaum den Rahmen. Thematisch wendet sich das große Drama des Trostes und der seelischen Heilung dem künstlerischen Missbrauch tatsächlicher Tragödien zu.

Ist Raúl dabei skrupellos genug, wenn er einen ähnlichen Fall wie jenen skizziert, den seine Assistentin Mónica erlebt? Verletzt die Implementierung realer Persönlichkeiten in eine schriftstellerische Arbeit das Persönlichkeitsrecht, auch wenn nur einzelne charakterliche Spuren neu interpretiert werden?

Die Realität bleibt immer Inspiration

Zu einer Antwort lässt sich Almodóvar gar nicht hinreißen, zu sehr schwingt in seinen Arbeiten stets das Autobiografische mit, wobei man davon ausgehen kann, dass so manche Figur in seinem bisherigen Schaffen tatsächlichen Ursprungs ist.

Vielleicht will sich Almodóvar mit diesem Film auch rehabilitieren und zur Sprache bringen, was ihn dahingehend wohl immer schon beschäftigt hat. Es reicht ihm, den kritischen Blick zu werfen. Alles Übrige arrangiert sich in gediegenen Bildern, in denen virtuose Dialoge schlummern, die jedoch niemals so stark an Gewohnheiten rütteln, dass diese sich ändern könnten.

Bitteres Fest (2026)

Possession (1981)

DER ABGRUND IST NUR EINE EHEKRISE WEITER

7,5/10


Isabelle Adanai verfällt in Possession dem Wahnsinn
© 1981 Marie-Laure Reyre / Marianne Productions


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 1981

REGIE: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI

DREHBUCH: ANDRZEJ ŻUŁAWSKI, FREDERIC TUTEN

KAMERA: BRUNO NUYTTEN, ANDRZEJ J. JAROSZEWICZ

CAST: ISABELLE ADJANI, SAM NEILL, HEINZ BENNENT, JOHANNA HOFER, CARL DUERING, MARGIT CARSTENSEN, MICHAEL HOGBEN, LESLIE MALTON, MAXIMILIAN RÜTHLEIN, THOMAS FREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das Ableben des neuseeländischen Schauspielers Sam Neill kam für mich völlig unerwartet. Vielleicht, weil ich den so sympathischen und integren Mann, dem ich sogar seine Geisterbahn-Gemeinheit Event Horizon verzeihen muss, hat er souverän wie immer uns allen im Kino ordentlich Angst eingejagt, im vorletzten Jurassic World von 2022 längst nicht so viele Sonnenumrundungen angerechnet hätte als er tatsächlich hinter sich gebracht hat.

Ein blutjunger Sam Neill

Einige Lenze früher, nämlich ganze 45 an der Zahl, stand er mit Isabelle Adjani vor der Kamera, und zwar für Andrzej Żuławskis zum Kult gewordenen Psychotrip Possession. Da war Sam Neill noch blutjung, und bereits schon damals höchst begabt darin, verstörte Gesichter zu ziehen, bevor er zwölf Jahre später in Jurassic Park aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Neill war ein Charakterdarsteller der oberen Liga, gerne auch oft am Rande besetzt, doch immer wieder so markant, dass er sich mit Leichtigkeit in den Hauptcast schmuggelte.

Ein simples Ehedrama? Von wegen!

In Possession ist er gemeinsam mit Adjani gleich vorne mit dabei, denn beide erleben das Ende einer Ehe, die Zerrüttung einer Liebe, und die Qual des Entschlusses, ohne den anderen neu anzufangen. Klingt nach profaner Beziehungskiste, oder vielleicht nach Sorgerechtsstreit wie in Kramer gegen Kramer mit Dustin Hoffman und Meryl Streep – schließlich spielt ein Kind dabei auch noch eine Rolle.

Wer aber Żuławski kennt oder ungefähr weiß, was der Pole Zeit seines Künstlerlebens so vollbracht hat, wir zugeben müssen, es hier mit einem Visionär zu tun zu haben, der lieber sein Publikum verschreckt oder fordert, aber ganz sicher nicht auf unterhaltsame Weise einlullt.

Kaum ein Film, der diese Subversivität stärker und kontrastreicher ausspielt als Possession, wo Sam Neill den toxischen Besitzanspruch eines zurückgewiesenen und somit gekränkten Mannes zwar nicht mit einem Femizid an die Spitze treibt, aber mit einer akrobatischer Intensität aus Bedrängung und Flehen, enervierendem Lamento und kindlicher Wut.

Neill konnte gar nicht anders als so aufzudrehen, denn auf der anderen Seite haben wir Isabelle Adjani, die Żuławski in Werner Herzogs Neuinterpretation des Nosferatu-Stoffes gesehen haben muss, um zu wissen, dass mit ihr der verlangte Wahnsinn neue Methoden finden wird, um sich zu entfalten.

Des Wahnsinns knusprige Beute

Es ist schlicht und ergreifend unmöglich, dass sich der Abgrund einer Psychose exzessiver darstellen lässt als Adjani das getan hat. Betrachtet man im Vergleich dazu Lynne Ramsays ähnlich gelagertes Psychodrama Die My Love, erscheint Jennifer Lawrence auf allen Vieren als müder Nachhall.

In der Szene, in der Isabelle Adjani in einer Unterführung exzessiv brüllend in Blut und Milch badet und scheinbar völlig den Verstand verliert, bekommt der darstellerische Umstand eines emotionalen Ausbruchs eine neue Hochwassermarke. Was die damals 26jährige Schauspielerin als emotionalen Subtext dafür verwendet hat, um dermaßen über die Grenzen gewohnter Intensitäten hinauszuschießen, mag ein Geheimnis bleiben.

Es wird immer monströser

Mit diesem Mysterium der selbstvergessenen und wirklich furchteinflößenden Ekstase passt Adjani perfekt in einen psychologisch herausfordernden Thriller, der in der stilistischen Interpretationswelt des Surrealen genauso beheimatet ist wie auf der bizarren Spielwiese eines Roman Polanski, wofür sich als Querverweise ganz gut dessen Werke Wenn Katelbach kommt oder Ekel eignen. Nur: Żuławski taucht bisweilen noch tiefer in die Absurdität ab, in dem er auch die Komponente eines Creature Features anfügt – was überhaupt nicht zur Tonalität des Filmes passt.

Doch ähnlich wie in David Lynchs Eraserhead schafft er damit eine Metaebene des Symbolismus, und Adjanis nach außen gekehrter psychischer Zustand manifestiert sich als groteske Monstrosität. Das Spiel mit den Identitäten und Doppelrollen, die ein gewiefter Psychothriller oft mitbringen will, verschränkt das längst um die eigene Identität gekommene Horrordrama so sehr mit sich selbst, dass jedwede Interpretation, die sich herauslesen lässt, immer nur viel zu trivial anfühlt.

Filme muss man ausleben

Was die Frage aufwirft: Wohin will Possession eigentlich wirklich? Ist das ganze nur eine filmgewordenen Narrenfreiheit, ein Ausleben wilder künstlerischer Energien, oder gezielte Provokation, die allein schon durch den wüsten Genremix, der aber reizvoll ineinanderpasst, nur auffallen will?

Dafür hat Żuławskis Film deutlich zu viel Ehrgeiz, zu viel Vision. Als Avantgarde ist Possession bis heute ein vorzügliches Beispiel für regelbrechendes Kunst- und Faszinationskino, so befremdlich wie irrwitzig – und mit dem wohl entfesseltsten Schreikrampf der Filmgeschichte.

Possession (1981)

Die Odyssee (2026)

DIE PRAKTISCHE WUCHT DER MYTHEN

7/10

 

Matt Damon als Odysseus in Christopher Nolans Die Odyssee© 2026 Universal Pictures. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, NACH DEM EPOS VON HOMER

KAMERA: HOYTE VAN HOYTEMA

CAST: MATT DAMON, TOM HOLLAND, ANNE HATHAWAY, ROBERT PATTINSON, HIMESH PATEL, CHARLIZE THERON, ZENDAYA, BENNY SAFDIE, LUPITA NYONG’O, JON BERNTHAL, JOHN LEGUIZAMO, ELLIOT PAGE, SAMANTHA MORTON, MIA GOTH, RYAN HURST, COREY HAWKINS, ANDREW HOWARD, JAMES REMAR, BILL IRWIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 52 MIN



Das Warten hat ein Ende – nicht nur für Penelope. Endlich ist er da, der neue Film von Christopher Nolan, der Hit des Sommers und der wohl am heißesten erwartete Film des Jahres, bevor noch die Avengers den Doomsday einläuten.

Dabei aber ist eines klar: Nolan ist niemand, der sein Publikum in erster Linie in den Eskapismus führen will. Seine Filme haben stets Gewicht – sind sie nun intellektuell herausfordernd wie Inception oder Tenet – oder historisch und gleichzeitig gegenwartsrelevant wie Oppenheimer oder Dunkirk.

Fast schon intim und doch riesengroß

Eines macht Nolan nicht, und zwar niemals: Blockbuster. Eventfilme. All das im herkömmlichen Sinn, durch Studios fremdbestimmt und durch die letzten Worte schlecht aufgelegter Sanktusgeber verwässert. Nolan ist ein Independent- oder gar ein Autorenfilmer. Sein neuestes Werk, Die Odyssee, frei nach Homers Epos, ist genau das: Arthouse – mit dem einzigen Unterschied zu anderen unabhängigen Arthouse-Filmen, dass diesmal ordentlich Budget zur Verfügung stand, und Nolan nicht daran denken musste, groß zu improvisieren, um Defizite wettzumachen.

Nolan kann sich zurücklehnen. Für seine Vision bekommt er, was er verlangt. Warum das so funktioniert, ist eine andere Frage. Fakt ist: Hier kehrt das Kino zu einer reaktionären und zugleich progressiven Art von „New Wave“ zurück – zu einem Neo-Neo-Realismus, der so wenig wie möglich mit den Bequemlichkeiten und der fehlenden Echtheit von Studioproduktionen zu tun haben will.

Ein Stoff, von dem wir alle was haben

Um das zu bekommen, mussten Nolan und sein Team wohl einen Stoff vorlegen, der diesen „New Wave“-Weg eigentlich erst rechtfertigt. Das funktioniert am besten mit alten Geschichten, die uns alle verbinden. Mit einem Epos, das in einer Zeit spielt, in der die Geschichte Amerikas lange noch in Europa liegt – wie eine Art Wiege, eine magische Identität, die die USA sonst vergeblich suchen würde und dabei in den Junk-Food-Beglückungen eines Percy Jackson-Abenteuers landen muss, in denen die griechische Götterwelt längst aus Europa auswandern und ins Exil hat müssen und der Olymp womöglich in New York liegt.

Und irgendwann bleib i dann dort…

Die Odyssee gibt einiges her. Gerade im Sommer, wenn das Schippern diverser Stars auf dem Mittelmeer Lust auf Griechenlandurlaub entfachen soll. So manche werden hoffen, dass sie, wenn sie schon nicht dort sind, zumindest ein paar Culture-Vibes aus dem Kinosaal als Souvenir mitnehmen können.

Den Wunsch erfüllt Nolans Version jedoch weniger. Keine exotische, liebliche, abenteuerlustige Mittelmeerkreuzfahrt. Sondern ein Apocalypse Now aus einer Zeit, die längst schon verklärt genug ist, um Schlachten wie die um Troja zu romantisieren.

Lieferengpass für Lotusblüten

Die ganze verdammte Reise des Odysseus, die in mosaikartiger Anordnung ähnlich wie in Homers Vorlage in das kollektive Gedächtnis des Publikums sickert und letztlich auch in den durch Kalypsos Lotusblüten umnebelten Geist des Protagonisten, lehnt den Tonus der feisten Helden-Apotheose strikt ab und schenkt dem listig-kreativen Krieger, dem Troja auch selbiges Pferd zu verdanken hat, einen psychologischen Irrweg der Reue und der Schmach.

Verfolgt von den Bildern eines brennenden und hingemetzelten Königreichs, treibt es ihn und seine Männer an wenig gastfreundliche Gestade – vom Zyklopen Polyphem über die kannibalischen Laistrygonen und der Zauberin Circe, die in einer völlig irren Body-Horror-Sequenz Odysseus‘ Kameraden in Schweine verwandelt, bis hin auf die Insel des Sonnengottes und seiner Kuhherde, an der sich kein Sterblicher vergreifen darf.

Einmal straffen und kürzen, bitte!

Nolan, der Homers Epos in der aktualisierten Version von Emily Wilson als Grundlage verwendet hat, nimmt sich so einige Freiheiten, die nicht dem klassischen Stoff, so wie wir ihn kennen, entsprechen möchten.

Zum Beispiel hier: Polyphem führt niemals einen Dialog mit Odysseus (schade um „Mein Name ist Niemand“). Circe wird im Grunde auf völlig andere Weise bezwungen und ein Floß, wie einst Tom Hanks in Castaway, baut Odysseus eigentlich auch nicht. Vielmehr stößt dieser nach seinem siebenjährigen Aufenthalt auf Kalypsos Insel auf Prinzessin Nausikaa, die ihn am Ende auch nach Ithaka bringt.

Zugegeben, Die Odyssee ist ordentlich Stoff, irgendwo muss Nolan auch kürzen, und irgendwo muss auch er seinen Schwerpunkt setzen, der beim Krieg, beim Verrat und bei einer abenteuerlich konnotierten Katharsis liegt. Da hat das Geplänkel mit dem Zyklopen keinen Platz, da ist Augenzwinkern nicht gefragt, da darf es durchaus bleischwer übers Meer gehen, denn auch die Antike war nichts, wohin man sich wünschen sollte, weil es da womöglich illustrer war.

Die Pflicht, Odysseus‘ Abenteuer abzuhaken

Mit dem Fokus auf den Krieg – am Ende, in einer schauspielerisch grandiosen, weil ruhigen und ausnahmsweise mal nicht wummernden Szene lässt Matt Damon, noch immer verkleidet als Bettler, vor Penelope die Schande mit dem Pferd nochmal Revue passieren – nimmt sich Nolan allerdings kaum Zeit, Odysseus‘ Abenteuer lustvoller zu feiern.

Diese werden, bis auf Kalypso (idealbesetzt: Charlize Theron) chronologisch geordnet, mehr abgehakt als ausgefochten. Kaum sind die Laistrygonen dran, sind sie auch schon weg. Viel mehr will sich Nolan mit Telemachos (blass: Tom Holland) auseinandersetzen, was ihm wieder die Wucht seiner Mythologie nimmt. Stattdessen poppt ab und an Zendaya als angebliche Athene auf – oder als begleitendes schlechtes Gewissen. Doch auch sie bleibt überraschend unscheinbar und maximal eine Fußnote.

Ein Filmdreh als Europareise

Weniger Querverweis, sondern der eigentliche Grund, warum man Nolans Odyssee sehen sollte, ist das streng auferlegte Credo der Authentizität und der exzessive Wille, alles, was nur möglich wäre, „on location“ gedreht zu haben.

Natürliches Licht, echtes Salzwasser, echte Schiffe; ein fast schon echter Polyphem und ein nahezu echtes Troja – Handwerk macht auch in der Welt des Films einen Unterschied. Schließlich fühlt es sich anders an, rauer, physischer, vom Ensemble einfach empfundener. Wenn mehrere Dutzend Statisten ein echtes trojanisches Pferd über den Strand ziehen, so ist das – mit all der Muskelraft, dem Schweiß und dem Sand – einfach geschehen.

Wenn Circes Schweine echte Schweine sind, das Wasser im Gesicht von Matt Damon tatsächlich das Mittelmeer, der dunkle Lavastrand, der den Hades markiert, auch wirklich Lava – so ist das epischer, auf spezielle Weise berührender Realismus, dem virtuell Erstelltes niemals entgegentreten kann. Der Unterschied ist schwer zu artikulieren, und daher eigentlich nur zu erfahren.

Audiovisuelle Stärken

Die Wucht der Bilder entsteht dann aus dieser Anforderung heraus: Wenn Zyklop Polyphem als gespenstischer Golem wie aus einer Zeichnung von Alfred Kubin im Gegenlicht des Höhleneingangs erscheint, wenn nur die Flammen des Feuers ihn erleuchten, dann sind das visuelle Interpretationen, die man so noch nicht gesehen hat. Mitunter ist diese Szene etwas ganz Besonderes, auch der Hades mit all den Toten oder Circes Zauber: düster und gespenstisch zwar, aber, ergänzt durch Ludwig Göranssons kreativem Score als Stimmungsmultiplikator, wegweisend gefilmt.

Gebändigte Impulsivität

So steht der visuelle Reiz gegen eine verpeilte Dramaturgie, die gerne impulsiver wäre, als sie eigentlich ist, stattdessen verblüffend rational und ernüchtert Odysseus Herausforderungen annimmt. Die Odyssee wirkt fast schon kontemplativ, weniger leidenschaftlich, obwohl die Bilder diese Leidenschaft ausleben möchten, es aufgrund einer verbissenen narrativen Vision aber einfach nicht können.

Matt Damon tut da sein bestes, er selbst verschwindet irgendwann hinter der Figur des Odysseus – und das, obwohl Matt Damon jeder kennt. Ist dieser Wendepunkt erreicht, ist das hohe Kunst. Auch Anne Hathaway ist stark, Robert Pattinson, fies wie noch niemals zuvor, ebenso. Und Elliot Page als Sinon muss wohl die bedauernswerteste Figur des ganzen Epos verkörpern.

Es lebe der praktische Realismus!

Was bleibt, unterm Strich? Nicht zwingend massentaugliches Independentkino mit Riesenbudget und großem ökologischem Fußabdruck, den Nolans Vision rechtfertigen will. Eine erstaunliche Optik, viele reise- und kriegsmüde Männer und ein Manifest auf den praktischen Realismus, der den computertechnologischen Bequemlichkeiten den Kampf ansagt. Bleibt nur die Frage, ob sich Die Odyssee vorrangig durch ihre Absichten und Ambitionen identifizieren will. Abgekoppelt von seiner Entstehung, ist der Film dann immer noch ein Meisterwerk?

Die Odyssee (2026)

The Love That Remains (2025)

ALLE SIND EINE INSEL

7,5/10

 

Grímur und Þorgils Hlynsson im Film The Love that Remains von Hlynur Pálmason
© 2025 Hlynur Pálmason

 

ORIGINALTITEL: ÁSTIN SEM EFTIR ER

LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: HLYNUR PÁLMASON

KAMERA: HLYNUR PÁLMASON

CAST: SVERRIR GUÐNASON, SAGA GARÐARSDÓTTIR, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, GRÍMUR HLYNSSON, ÞORGILS HLYNSSON, INGVAR SIGURDSSON, ANDERS MOSSLING, KATLA M. ÞORGEIRSDÓTTIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Ganz zu Beginn hat unser Planet ganz anders ausgesehen. Superkontinent Pangäa, dann Gondwana – bis vor die Haustüre der Stadt Wien reichte das Flachmeer, Austernbänke im Nordosten des Landes zeugen heute noch davon, wie es damals war.

Intakte Systeme haben auch mal ein Ende

Vielleicht war alles ganz harmonisch, gemächlich, unter tropischer Sonne dahinplätschernd, dahinlebend. Alles wunderbar. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich alles verändert, kein Meer mehr, kein Superkontinent, isolierte Inseln mit isolierten Arten und so weiter und so fort. Nichts ist beständig, alles vergeht, Neues entsteht, und die Welt macht weiter.

Terrence Malick hat in seinem kontemplativen Epos The Tree of Life über nichts anderes sinniert. Sein Film beginnt überhaupt schon mit dem Urknall, mit der Ausdehnung des Universums und landet am Ende bei einer Familie, deren Eltern Jessica Chastain und Brad Pritt sind. Hlynur Pálmason wagt sich an ein ähnliches Gleichnis heran. Er spart sich aber Urknall und Planetenwerdung und die ersten Lebewesen auf diesem Planeten, die aus dem Wasser krochen – obwohl das Wasser stets Bestandteil seiner bruchstückhaften und dann doch wieder stringenten Erzählung bleibt.

Papa im Sog des Meeres

Schließlich ist der Vater dieser Familie ein Fischer – und zieht, wie es der Job verlangt, immer mal wieder über Tage und Wochen aufs Meer hinaus. Er selbst wird zum Fremdkörper im System und entfernt sich, wie die Raumsonde Voyager von unserer Erde, immer weiter von jenen, die ihm viel bedeuten. Dass diese Fliehkraft so stark an der Vaterfigur zieht, liegt natürlich an der Trennung der Eltern.

In der Kinderstube selbst sitzen zwei Söhne und eine Tochter; zwei davon noch nicht mal Teenager oder gerade erst. Sie leben bei Muttern, rein berufsbedingt. Die wiederum versucht sich als Land-Art-Künstlerin, arbeitet mit dem Wetter, mit Rost und Metall. Dazwischen ein zerbrochener Alltag auf Island, mit Momenten der Vollständigkeit, wenn Papa mit auf Ausflug geht. Schön ist das, und dann wieder doch nicht. Nichts ist, wie es mal war, nur die Liebe bleibt, eine ganz gewisse Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, und Kinder für ihre Eltern. Das ist The Love That Remains.

Familie bei jeder Witterung

Es wäre ja alles eine recht ernüchternde, besinnliche, mitunter wehmütige kleine Geschichte, wenn Hlynur Pálmason hier nicht Regie geführt und sich diese isländische Miniatur zwischen all den Wetterlagen ausgedacht hätte. Pálmason ist ein Andersdenker, seine Filme sprengen Sehgewohnheiten, erklären sich nicht, bleiben kryptisch, symbolisch und experimentell.

Erkennen kann man Pálmasons Stil an den statischen Betrachtungen von Landschaften und so manchen Dingen. Nichts bewegt sich, nur die Zeit zieht vorüber – die Zeit, der Tag, die Nacht, das Wetter. Jede noch so mögliche Witterung nimmt Einfluss auf das zu Betrachtende – und gerät damit in Bewegung.

Auf die Spitze treibt Palmason seine Zeitpanoramen in Weißer weißer Tag – in seinem bislang besten und stilistisch beeindruckendsten Meisterwerk Godland über die Missionierung Islands lässt er tote Tiere eins werden mit ihrer Natur, während wir dabei zusehen.

Die ganz eigene Insel-Realität

In dieser reduzierten Opulenz, in der die Unwirtlichkeit eines Landes fast schon zum Hauptdarsteller wird, geistert diese vierköpfige Familie zwischen Sehnsucht, Begehren, Streben und Innehalten dahin. The Love That Remains behält trotz all seiner entrückten Experimentierfreude den roten Faden seiner Geschichten in der Hand und lädt sie auf mit märchenhaften Metaphern, die aber stets so wirken, als wäre hier oben im Norden das Metaphysische und Surreale Teil einer anderen, eben dieser Insel-Realität.

Immer wieder kehrt Pálmason zu einem Holzpflock in der Erde zurück, an dem irgendwann die lebensgroße Puppe eines Ritters gebunden wird, mit Helm und Harnisch. Die Kinder schießen Pfeile auf sie ab, immer wieder. Diese Manifestation einer Heldenfigur, die sowohl für den Vater als auch für die Mutter steht, wird irgendwann lebendig – als Opfer einer aufgestauten Aggression und einer Ohnmacht, die ein nicht mehr intaktes Familiengefüge vor allem bei denen, die abhängig sind, mit sich bringt.

Ein nicht planbarer Zugang

Dass Stilbrüche in einem Film zu einem eigenen Stil werden – dafür bedarf es vor allem Konsequenz in der Umsetzung von Visionen, die aus dem Inneren kommen. Vieles in The Love That Remains erklärt sich durch intuitives Wahrnehmen, wie schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen. Pálmasons Film ist einer, in den man sich genauso hineinfallen lassen sollte, ohne viel nachzudenken. Dass man dann, genauso wie die Figur des Vaters, weiter so dahintreibt wie auf offener See, weit entfernt die rettende Küste, dann macht das gar nichts. Dann ist The Love That Remains eben nicht steuerbar, wie die Sehnsucht selbst.

The Love That Remains (2025)