Yesterday

MUSIK VON GESTERN FÜR MORGEN

5/10

 

Yesterday© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: DANNY BOYLE

CAST: HIMESH PATEL, LILY JAMES, KATE MCKINNON, ED SHEERAN, ROBERT CARLYLE U. A.

 

Danny Boyle ist vielseitig, zweifelsohne. Vor allem in der Wahl seiner Filmthemen. Die reichen vom Zombiehorror über Drogenkonsum bis hin zum fiktiven Märchen über einen Inder, der die Millionenfrage knackt. Im Vorhinein lässt sich seine nächste Wahl wohl schwer prognostizieren, das muss etwas sein, dass dem Briten einfach in die Hände fällt – und fasziniert. Oder etwas, das ihm während einer künstlerischen Pause in den Sinn kommt. Vielleicht sind es aber auch schlaflose Nächte, in der so Ideen wie zum Beispiel für einen Film wie Yesterday reifen können. Und zugegeben – dieser Einfall ist nicht irgendeiner, der hat schon wirklich seinen Reiz, vor allem die Sache mit dem Weglassen popkultureller Institutionen, ganz einfach von heute auf Morgen. Schuld daran: ein globaler Stromausfall. Zeitgleich damit kommt der Engländer Jack Malick mit seinem Fahrrad einem Bus in die Quere. Seltsame Zufälle, die sich da ereignen, und seltsam auch, dass die Welt von nun an nicht mehr weiß, wer The Beatles sind. Ist das alles? Nein, sie wissen auch sonst so einiges nicht mehr. Was genau, bleibt hier geheim. Lässt sich diese Raum-Zeit-Anomalie aber irgendwie erklären? Nicht wirklich, Drehbuchautor Richard Curtis, der für Filme wie Tatsächlich… Liebe und Alles eine Frage der Zeit (übrigens großartig!) verantwortlich zeichnet, hat das auch nicht vor. Was, wenn sich zwei Universen überlappt haben, so wie in Another Earth oder sogar in Avengers: Endgame, ganz im Sinne der Multiversum-Theorie? Hat Jack Malick die Dimensionen gewechselt? Halt, Stop! Yesterday ist kein Science-Fiction Film, ist keine Fantasy, es geht Danny Boyle um etwas ganz anderes. Dazu dienen nun mal die absurden Fakten, so wie sie sind. Boyle geht es um die Frage: Was, wenn kulturelle Werte verschwinden? Wenn die eine oder andere Musik nicht mehr erklingt? Wenn nicht mal Wikipedia dafür garantiert, das wohlklingende Erbe einer Beat-Boyband zu erhalten? Wenn es nur mehr einen Menschen auf dieser Erde gibt, der weiß, was gestern noch war? Hat er die Pflicht, das Wissen zu teilen? Ein Kassandra-Komplex, nur in die andere Richtung. In ein Yesterday, das es, wie es scheint, eigentlich nie gegeben hat.

Himesh Patel spielt also diesen Jack Malick, der zu seinem eigenen Glück all die Lyrics der Beatles noch im Oberstübchen hat, mit einigen Abstrichen wohlgemerkt. Eleanor Rigby zum Beispiel will ihm einfach nicht in den Sinn kommen. Patel aber tut sich sichtlich schwer, mit seiner Rolle des erfolglosen Musikers warm zu werden. Und so schwer, wie er sich damit tut, tue ich mir auch mit ihm. Lily James hingegen ist so bezaubernd wie immer; gut, dass sie die zweite Hauptrolle hat, denn ohne den Spirit einer Mathelehrerin, die nebenbei ihren besten Freund managt, wäre das Beatles-Sprachrohr in seiner phlegmatischen Resignation dem Leben gegenüber nicht halb so interessant wie Oscar Isaac seinerzeit in der Loser-Komödie Inside Llewyn Davis. Llewyn Davis hatte dazu noch nicht mal die Beatles. Und wer das Œuvre einer der besten Bands aller Zeiten in petto weiß, darf Gott einen guten Mann sein lassen, sofern die Musik der Pilzköpfe die Jahrzehnte überdauert hat und nicht etwa aus der Zeit gefallen klingt. Das tut sie nicht. Die Beatles, das steht fest, sind zeitlos, ihre Musik kann man in 200 Jahren noch hören, ihre Songs lassen sich unterschiedlich interpretieren, weil die Melodien einfach unkaputtbar sind. Da kann drübersingen, wer will. Noch dazu sind es positive Vibes, die sich in Zeiten wie diesen rar machen und umso wertvoller sind, wenn man sie verspürt.

Diese Vibes, die hat Yesterday neben Lily Collins und der komödiantisch hochbegabten Kate McKinnon selbstredend auch in Sachen Soundtrack zu bieten. Wenn Help! oder Here comes the Sun erklingen, ist das natürlich toll, und der Kinosessel wippt vor allem bei Nummern wie A Hard Days Night. Doch funktioniert Yesterday auch ohne all der Noten? Nur bedingt. Was eine augenzwinkernd gesellschaftskritische Parabel auf das popkulturelle Erbe der Menschheit hätte sein können, verspielt seine Chance, etwas wirklich Außergewöhnliches zu erzählen. Etwas, das mit dem Musikbiz abrechnen, das kollektive Gedächtnis hinterfragen und der Bedeutung von Musik als Welterbe nachgehen hätte können. Stattdessen flüchtet sich die joviale Komödie scheinbar ratlos in eine allzu gewollte Romanze, die ich natürlich schon in Ansätzen, aber nicht hauptsächlich sehen will – in einem Film, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes gehen sollte. Boyle huldigt natürlich den Beatles auf direkt rührende, um nicht zu sagen transzendente Art, fast wie bei einem Fanfilm. Sonst aber tendiert der überlange Streifen, der zwischendurch ordentlichen Leerlauf hat, zu einem Du-gehörst-zu-mir-Kitsch der redundanten Art, die dem ideenreichen Spirit eines Songwritings, wie ihn McCartney, Lennon und Co hatten, oft nicht gerecht wird. Und Ed Sheeran? Wir können froh sein, dass er Musiker ist. Schauspieler muss – und kann er gottlob nicht auch noch sein, auch wenn er mit diesem Film sein neues Album promotet.

Yesterday

The Dead Don´t Die

NUR NICHT DEN KOPF VERLIEREN

6/10

 

THE DEAD DON'T DIE© 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 

LAND: UDA 2019

REGIE: JIM JARMUSCH

CAST: BILL MURRAY, ADAM DRIVER, CHLOË SEVIGNY, STEVE BUSCEMI, SELENA GOMEZ, DANNY GLOVER, TILDA SWINTON, TOM WAITS, IGGY POP U. A.

 

Schon mal was von Sturgill Simpson gehört? Ein Singer und Songwriter relativ späten Baujahres, vorwiegend Country. Gut, das ist ein Genre, mit dem muss man etwas anfangen können. Das muss man wollen, dieses schmerzliche Romantisieren, dieses intonierte Fernweh an Orte ohne Wiederkehr. Das ist ein bisschen wie das Wienerlied, nur amerikanisch. Sturgill Simpson, der klingt, als wäre er ein Zeitgenosse von Johnny Cash gewesen – ist er aber nicht. Der Musiker aus Kentucky, der könnte mit Jim Jarmuschs neuen Film aus eng gezogenen Kennerkreisen zu höherer Bekanntheit aufsteigen – mit seinem Song The Dead Don´t Die. Mit diesen saitenbewegenden Klängen, und mit bunter Retro-Typo vor schwarzem Hintergrund, damit betritt Amerikas kultigster Autorenfilmer abermals ein Terrain, auf dem er sich bereits 2013 erstaunlich gut zuerechtfand. Aufgrund dieser Trittsicherheit macht sich nun nochmal weihnachtliche Vorfreude breit, in Erwartung, etwas ähnlich neu Intepretiertes vorgelegt zu bekommen. Dieses Terrain, das ist jene des mythenbesetzten Grusels, bevölkert von den Kindern der Nacht, den Untoten. In Only Lovers Left Alive durften Tilda Swinton und Tom Hiddleston im Cure-Look die schlechten Zeiten für Vampire beklagen. Traumverloren und scheinbar nicht von dieser Welt, völlig deplaziert in einer Gesellschaft, die des Tages lange Stunden nutzt und mit Ewigkeit nichts anfangen kann. Eine Filmballade, die Jarmusch daraus gemacht hat, durchaus selbstironisch und durchdrungen von einem erlesen sortierten Soundtrack, der das Ensemble erst so richtig in der Schwebe hielt, der das Szenario im Zwielicht den nötigen psychedelischen Drive mit auf dem Weg in die Finsternis mitgegeben hat.

Jim Jarmuschs Filme sind ohne ihre groovigen Sampler völlig undenkbar. Man nehme nur Broken Flowers. Da sucht Bill Murray die Mutter seines Sohnes. Wenn The Greenhornes den Song There is an End über die Szene schmettert, während Murray, längst kein oberflächlicher Spaßvogel mehr, mit einem Strauß Blumen in der Hand völlig orientierungslos in der Landschaft steht, dann ist das im Ganzen lakonisches Kino vom Feinsten, für Aug und Ohr gleichermaßen. Ähnlich verläuft es mit seinem neuen Streifen, der wieder mal die Skills der Untoten zelebriert, sich diesmal aber deutlich mehr schmutzig macht, mit Friedhofserde unter den Fingernägeln. Die Zombies brechen aus, und sie tun es endlich wieder wie zu Zeiten von Michael Jackson, als das Video zum Disco-Meilenstein Thriller die Ghule aus den Gräbern geholt hat. Von dort sollen sie auch kommen, meiner Meinung nach. Das sind wiedermal Zombies, die sich ihren ursprünglichen Pflichten besinnen, nämlich als Tote wieder aufzuerstehen, und nicht durch einen fragwürdigen, x-beliebigen Virus erst zu solche gemacht zu werden. In The Dead Don´t Die überfallen sie allesamt eine Kleinstadt namens Centerville, fressen natürlich auch Menschenfleisch, zeigen aber deutlich mehr Vorliebe für die Dinge, die sie Zeit ihres Lebens verehrt haben. Kaffee zum Beispiel, Smartphones oder Süßes, vor allem bei Zombie-Kindern. Das ist ein erfrischend origineller Ansatz, der sein Potenzial aber leider nicht allzu bewusst ausspielt.

Die hirnlose Sucht nach Dingen und Gewohnheiten, nach Konsum und sozialen Mustern hat John Carpenter damals bei Sie leben viel präziser kritisiert. Dass das Zombie-Genre gerne als gesellschaftskritischer Zerrspiegel angesehen wird, kann man so annehmen, oder aber auch nicht. Dafür sind die mit der Tür ins Haus fallende Bedrohung und die Gier nach Blut vorwiegend zu plakativ und effektorientiert, um eine tiefsinnigere Metaebene deutlich auszumachen. Ausnahmen gibt es natürlich genug, allen voran sicherlich auch George A. Romeros Klassiker in Schwarzweiß – The Night of the Living Dead. Obwohl ich den Film nicht kenne, könnte es gut sein, dass Jarmusch den Horrorstreifen bewusst und von Herzen zitiert hat. Die Szenen einer Welt wie wir sie kennen, in der latent und undefinierbar Bedrohliches aufkommt, die Ruhe vor einem unausweichlichen Sturm, erinnern an Twin Peaks, haben aber einen ganz anderen Rhythmus. Einen, den Jim Jarmusch stets zelebriert – die Langsamkeit, das Entschleunigte. Unterlegt mit den bedrohlich-melodischen Klängen der Postrock-Band Mogwai, ebenfalls in genüsslich zurückgeschraubtem Tempo, entfaltet der eigenwillige Künstler durch eben diesen rätselhaften Chill einen fast schon zeitlosen, beklemmenden Ist-Zustand, wie die windstille Schwüle vor einem Gewitter. Mittendrin ein Cast, der wahrlich ungern Macheten und Katanas schwingt, um die faulenden Rüben der Untoten zu kappen, auf lakonische Komik der Rat- und Kopflosigkeit ausweicht, und der wohl gerne zugibt, mit dieser Art Endzeit nichts mehr anstellen zu können.

The Dead Don´t Die ist längst nicht so parodierend wie Shaun of the Dead zum Beispiel, auch nicht so abenteuerlich wie Zombieland oder so hitzig wie Train to Busan. Jarmuschs Antwort auf den Zombie-Hype ist kein innovativer, aber bewusst träger Zitatenschatz, in versonnenen Alltagsfloskeln verloren und voller verpeilter Sprüche, die dem Unausweichlichen höhnen. Da stellt Jarmusch die richtigen Figuren auf, lässt sie scheinbar unentwegt Sturgill Simpson hören und in aus schierer Überforderung entsprungenem Stoizismus eins und eins zusammenzählen. Das wiederum geht sehr langsam. Aber langsam ist hier gut, fast wie neu entdeckt.

The Dead Don´t Die

Ein Gauner & Gentleman

EINER, DER´S NICHT LASSEN KANN

7/10

 

THE OLD MAN AND THE GUN© 2019 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LOWERY

CAST: ROBERT REDFORD, CASEY AFFLECK, SISSY SPACEK, DANNY GLOVER, TOM WAITS U. A.

 

Und dabei dachte ich schon, All is Lost war Robert Redfords letzter Film vor der Kamera. In diesem Ein-Personen-Survivaldrama hatte der smarte Weltstar mit diesem einnehmenden, sympathischen Charisma ja eigentlich schon den sinnbildlichen Schlussstrich seiner kinematographischen Existenz gezogen, mit der Hoffnung auf Neuanfang am Ende – und wäre dann de facto auf dem Weg in den künstlerischen Ruhestand, wo man als Künstler ohnehin nicht wirklich untätig bleiben kann. Doch so abhängig von dem, was sie können, das ist nicht nur Clint Eastwood, sondern auch der Gründer des Sundance Filmfestivals und ewiger Partner des Paul Newman. Filmedrehen macht Spaß, das Know-How schütteln diese erfahrenen Haudegen aus dem Ärmel, so wie die Rolling Stones ihre Musik. So leicht und schmerzbefreit meistert auch der mit 82 immer noch gut aussehende Rotschopf (natürlich nachgefärbt) seine bislang jüngste – und diesmal vielleicht wirklich letzte Rolle vor der Kamera: Als Gauner & Gentleman, unter der Regie von David Lowery (A Ghost Story) und mit einem entwaffnenden Charme, der ihm völlig nachvollziehbar den eigentlich unverdienten Mammon in die Hände fallen lässt. Für das Füllhorn unter Aufsicht von Fortuna hat der wohl zuvorkommendste Bankräuber der Kriminalgeschichte zumindest eine Zeit lang die Exklusivrechte. Gemeinsam mit zwei weiteren Gaunern, die so wie er schon längst den Ruhestand genießen könnten, erleichtert der Senior sämtliche Geldinstitute quer über den nordamerikanischen Kontinent um Tausende Dollar – wenn nicht gar um Millionen. Doch um Geld geht es der Rentnergang nicht wirklich. Wo andere zum Fischen fahren oder ihre Briefmarkensammlung erweitern, rauben die drei alleinstehenden Herren eben Banken aus – man gönnt sich im Alter ja sonst nichts. Und da Verbrechen wie hier geradezu glücklich machen, hat zumindest der von Robert Redford verkörperte Gentleman mit Hut, Trenchcoat und falschem Bart ein motivierendes Lächeln auf den Lippen. Bei Lowerys True Crime Story sieht man wiedermal – mit Manieren und Höflichkeit kommt man anscheinend weiter. Und hat die Gunst der Bestohlenen sogar auf seiner Seite.

Dieser Film, der wäre nicht gedreht worden ohne Robert Redford. Zumindest sage ich das. Denn so angegossen hätte wohl niemand anderem die Rolle des durch einen Zeitungsartikel im New Yorker bekanntgewordenen Fluchträubers Forrest Tucker  gepasst. Diesem verschmitzten Spaß am gutgemeinten „Bösen“ kann Redford nicht widerstehen. Einmal noch auf den Putz hauen, das spürt man in jeder Szene. Und einmal noch dem Herzen folgen. Das tut der Gauner dann auch, indem er Sissy Spacek auf ihre Pferderanch folgt, wo sich der Kultstar, der aus der Filmgeschichte einfach nicht wegzudenken ist, seiner filmischen Highlights besinnt. Dort finden sich scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten, nochmal einen Blick zurückzuwerfen auf Klassiker wie Butch Cassidy & the Sundance Kid, Der Elektrische Reiter oder Der Clou. Wenn Redford so am Pferd sitzt, im Poncho und im fahlen Abendlicht, dann ist das eine wehmütige Hommage auf eine Karriere, die in ihrem integren Selbstbewusstsein ihresgleichen sucht.

Lowery lässt Ein Gauner & Gentleman betont gechillt von der Spule. Mit unaufgeregt jazzigen Musiknummern unterlegt, entfaltet der Film anfangs die Sogwirkung eines versonnenen Small Talks mit Leuten, die man erst kürzlich kennengelernt hat. Diese Entschleunigung ist ziemlich aus der Zeit gefallen – wie das ganze Werk. Denn was Lowery neben der Wahl seiner Besetzung noch gelingt, ist, die frühen Achtzigerjahre, die noch stark den Zeitgeist der Siebziger atmen, nicht nur anhand sämtlicher Requisiten in Mode und Technik anzudeuten, sondern auch genauso zu filmen. Man nehme Klassiker wie Die Unbestechlichen oder Die Tage des Condors – im Imitieren dieser Retro-Optik, die in Grobkörnigkeit, natürlichem Licht und angenehm distanzierten Bildkompositionen ihren Steckbrief findet, gibt sich Lowery nicht nur mit dem Offensichtlichen zufrieden, sondern lässt Ein Gauner & Gentlemen auch so aussehen, als wäre es eine Krimikomödie, die schon seit mehreren Dekaden abgedreht ist und dennoch immer noch oder erneut gut funktioniert. Lowery hat das Glück, einer von wenigen zu sein, die über Glockenhosen, Wählscheibentelefon und Schnauzer hinausgehen, wenn sie von damals erzählen wollen. Das macht den Film zu einer Art elegantem Experiment, welches vom rechtlosen Drang nach Freiheit erzählt, wie damals, im Wilden Westen, als Sundance Kid auf der Flucht war. Eine Reminiszenz, die Robert Redford sicher viel bedeutet hat.

Ein Gauner & Gentleman

The Man Who Killed Don Quixote

DES WAHNSINNS NETTE LEUTE

6,5/10

 

donquixote© 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: SPANIEN, BELGIEN, PORTUGAL, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: TERRY GILLIAM

CAST: JONATHAN PRYCE, ADAM DRIVER, STELLAN SKARSGÅRD, OLGA KURYLENKO, JOANA RIBEIRO, ROSSY DE PALMA U. A.

 

Nein, ich bemühe hier nicht noch einmal das von vielen engagierten Kritikern herangezogene Gleichnis des Kampfes gegen Windmühlen – obwohl es stimmt. Terry Gilliam´s Mammutprojekt ist ein filmgewordener Bau der Pyramiden, wobei meines Wissens die Errichtung des größten aller Weltwunder rund zwanzig Jahre in Anspruch genommen hat. Bei einem solchen Werk für die Ewigkeit eine vertretbare Zeitspanne. Das Werk für die Ewigkeit des Ex-Monty Python-Masterminds schlägt dieses Projekt aber sogar noch um knapp 10 Jahre. Um genau zu sein hat diese Idee der Verfilmung von Cervantes´ Antihelden-Roman bereits 1989 Gestalt angenommen. Da waren noch Sean Connery und der blutjunge Johnny Depp im Gespräch. Nach dem Ausscheiden Sean Connerys folgte Jean Rochefort, der musste aber aufgrund langwieriger Prostataprobleme ebenfalls vom Sattel steigen. Knapp vor einem neuerlichen Drehbeginn hatte es dann auch noch 2017 John Hurt erwischt. Und ja, bevor ich´s vergesse: Gerad Depardieu war auch mal eine Überlegung wert, allerdings mit Sicherheit für die Rolle des Sancho Pansa.

Man muss dazusagen, dass am Don Quixote-Projekt natürlich nicht wie bei den Pyramiden permanent gearbeitet wurde. Es waren wohl mehrere Anläufe, ein großes, kostenintensives Mensch, ärgere dich nicht! – Immer wieder zurück zum Start, kurz vor dem Ziel dann noch ein Orkan, der die Figuren vom Brett weht. (Nachzusehen im Making Of Lost in la Mancha) Geärgert hat sich Terry Gilliam wohl bestimmt. Doch der Mann ist ein Visionär, ein sturer Exzentriker seines Fachs. Womöglich ein bisschen wahnsinnig, ansatzweise so wie die Figur, über die er erzählen will, und was in den ersten Dekaden der Umsetzung nicht und nicht gelingen will. Gut Ding braucht Weile, wird aber die Weile zu lang, schaut nichts mehr Gutes dabei heraus. Letzten Endes war es schlicht und ergreifend Beharrlichkeit, die bei Gilliam den Silberstreifen am Horizont doch noch wahrnehmbar werden ließ. Zwischen all den Planungen, Vorplanungen und Reboots war der Meister surrealer Psychomärchen natürlich auch nicht untätig. Dr. Parnassus durfte sein Kabinett präsentieren, und Christoph Waltz tüftelte am Zero Theorem. Bei Parnassus schlugen die höheren Mächte ja genauso zu, da verstarb unerwartet Heath Ledger. Doch Gilliam hat eine Haut wie Leder, Probleme sind da, um gelöst zu werden. Nichts kann schlimmer sein als die Vitalisierung eines Don Quixote, oder nicht?

Wobei sich hier für mich die Frage stellt: Ist nach all den Jahren des Umbruchs, Abbruchs und Aufbruchs dieses scheinbar verfluchte Werk dann so geworden, wie es sich Gilliam vorgestellt hatte? Kann sich der Meister nun zufrieden zurücklehnen und sagen: „Ja, das ist es, genau das wollte ich machen. Jetzt ist es fertig. Ich lege das Projekt zu den Akten und Nein, ich inszeniere diesen Film nicht nochmal neu, nur um genau das zu bekommen, was mir vorschwebt.“ Nach so einer langen Zeit, da geht man natürlich Kompromisse ein, da macht man Abstriche. Gibt sich zufrieden mit Alternativen. Also gehe ich mal davon aus, dass The Man who killed Don Quixote neben all des autobiographischen Anstriches, den das Konstrukt mittlerweile verpasst bekommen hat, frei nach dem Stille Post-Prinzip irgendwie ganz anders geworden ist. Ich wage zu behaupten, dass The Man who killed Don Quixote ein für Gilliam versöhnliches Opus Magnum geworden ist, auf die Leinwand gewuchtete Memoiren eines vom Schaffensdrang gedrillten Künstlers, der im Grunde alle seine immer wiederkehrenden Versatzstücke in der Wüstenei Spaniens in den Sand setzt, wie eine wabernde Fata Morgana mit all seinen Dämonen und Traumgestalten. Wir finden mediäval geharnischte Schlachtrösser mit lanzenbewährten Rittern, die in Slow Motion der Kamera entgegenreiten. Wir finden spärlich bekleidete Riesen, keifende Mütterchen und die zirkusreife Opulenz archaischer Jahrmärkte. Reminiszenzen an Time Bandits, Die Ritter der Kokosnuss und natürlich König der Fischer, der wohl The Man who Killed Don Quixote am Ähnlichsten ist. In beiden Filmen erliegt die Hauptfigur dem Wahn, eine Mission zu erfüllen. In der tragikomischen Katharsis aus dem jahr 1991 ist es der heilige Gral, den Robin Williams zu finden gedenkt. Bei Don Quixote ist es namensgebender Held in trauriger Gestalt, hinter der Gilliam´s alter Bekannter Jonathan Pryce steckt, welcher schon im Klassiker Brazil den Staat gegen sich aufgehetzt hat. Nun sind es all die anderen, die es zu bekämpfen gilt. Vor allem all die anderen Abenteuer. Und eben Windmühlen, damit das auch mal erwähnt wird.

Pryce und Adam Driver sind ein Glücksfall für diesen Film. Der etablierte Star Wars-Bosnigl geht unter der Regie des Kino-Gauklers so richtig aus sich heraus wie selten in einem Film. Exaltierte Künstlerallüren wechseln mit panischer Verwirrung und dem Verlieren in einem bizarren Tagtraum, der kaum mehr in die Realität findet. Der Plot, der ist Nebensache, was zählt, ist der Irrweg quer durch befremdende Landschaften, vorbei an seltsamen Figuren. Immer weiter weg von festem Boden unter den Füßen, immer mehr gleitet das zumindest einseitig unfreiwillige Duo in die psychedelischen Kaskaden eines verschachtelten Narrenkästchens ab, in das auch der Zuseher blicken muss, und dass auch etwas Anstrengung kostet, wenn einem bei dem Spektakel nichts entgehen soll. Wobei ich tief durchatmen kann – The Man who killed Don Quixote ist nicht so fahrig und konfus geraten wie Brothers Grimm. Auch nicht so austauschbar wie Dr. Parnassus. Die Autoren Gilliam und Tony Grisoni, welcher auch schon am allerersten Drehbuch mitgeschrieben hat, finden eine runde Geschichte, die zu einem geschmeidigen Ende führt, die sich selten selbst übers Knie bricht und in einem Universum verharrt, dass sich zwar nach der Decke machbarer Kompromisse streckt, aber nie mehr will als möglich.

Gilliam´s Hommage an sich selbst ist ein Blick zurück durch die offenen Tore märchenhafter Burgen auf die steinigen Pfade seines Schaffens, bleibt aber am Schluss immer noch voller Tatendrang. Zu Ende ist es lange nicht, Don Quixote lebt ewig, in welcher Form und wo auch immer. Der Wahnsinn hat in diesem Film Methode, diese Methode lädt ein zum Wiedererkennen eines Stils, den man auch 100 Meilen gegen den Wüstenwind identifizieren kann. The Man who killed Don Quixote ist im Ganzen betrachtet eine Hofnarretei, die schon seine Längen hat, die seine Figuren auch nicht ganz nachvollziehbar handeln lässt und sich selbst geistesgegenwärtig auf die Finger klopft, wenn das Werk kurz davorsteht, zu zerfasern. Es klingen die Schellen an der Narrenkappe, es darf an das antike Theater eines Aischylos gedacht werden, an das Satyricon eines Federico Fellini, an die Texte eines Andre Heller, der es gut findet, ein Narr zu sein. Dieser Meinung ist Gilliam auch. Und besteht seine Bemühung, das eigene Scheitern ad absurdum zu führen.

The Man Who Killed Don Quixote

Rampage

HALALI ZUM WILDLIFE-WRESTLING

5/10

 

rampage© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRAD PEYTON

MIT DWAYNE „THE ROCK“ JOHNSON, NAOMIE HARRIS, JEFFREY DEAN MORGAN, MALIN AKERMAN U. A.

 

Die Elternschaft aller Kinogeherinnen und Kinogeher wissen, wovon ich schreibe: Da will man einmal das Kinderzimmer betreten, und es geht nicht. Ein aussichtsloses Unterfangen. Der Spielteppich und die Wohnfläche darüber hinaus sind verwüstet. Im Zentrum des Wahnsinns ist gerade noch eine Stadt aus Bausteinen zu erahnen, die aber schon ziemlich mitgenommen aussieht. Dazwischen Figuren, denen die einen oder anderen Extremitäten fehlen. Und dann diese Dinos und Drachen eines bekannten deutschen Figurenherstellers, die alles breitgetreten haben. Zwischen all den Relikten einer sagenhaft aggressiven Zerstörungsorgie: Zufriedene, aber überreizte Kinder. Gut, der Tag war lang, ab ins Bett. Wer sich das so ungefähr vorstellen und gleich noch dazu die Antwort auf die Frage geben kann, wer das alles wieder aufräumen wird, darf erahnen, was beim neuen Film mit Dwayne „The Rock“ Johnson auf ihn zukommt. Und ja, es ist was großes. Aber so groß nun auch wieder nicht.

Rampage ist wie ein Kinderzimmer während und nach einer Spielzeugschlacht. Man muss auch wissen, das von einem Film, der sich Rampage nennt, nichts anderes zu erwarten ist als Rampage – nämlich Randale, Tobsucht, Amoklauf. Dabei versucht der Film sogar, dem Mutantentheater so etwas wie eine Einleitung voranzustellen. Was wäre da nicht einfacher, als die schon gefühlt unendlich oft vorgekaute Angstmacherei rund um unsere Gene einzuschreddern. Das Ausschlachten dieser Wissenschaft fernab jeglicher Realität ist deswegen so simpel, weil man das Ganze nicht zu verstehen braucht. Das Wort Gene an sich ist schon ein Schreckgespenst, da weiß ein jeder, dass sich da ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper in progress befindet und gewiss Kollateralschäden verursacht. Wunderbar einfach, eigentlich schon fertig, das Drehbuch. Eine sinistre Organisation mit ebenso sinistrem Personal – und der Spielteppich ist vorbereitet. Dwayne Johnson kann kommen – und er kommt. Und er ist so, wie wir ihn erwartet haben. Er ist auch nie anders. Eigentlich, und obwohl mir das eigentlich schon viel früher so richtig bewusst hätte werden sollen, hat Dwayne johnson von Schauspielerei nicht den blassesten Schimmer. „The Rock“ ist „The Rock“. Muss er denn in kopflastigem Method Acting die Essenz seiner Rollen spüren? Nein, das sollen andere machen. Und außerdem ist der wandelnde Kleiderschrank so einnehmend sympathisch, dass es reicht, einfach ihn selbst sein zu lassen. Also, wohlgemerkt: wenn Dwayne Johnson draufsteht, ist Dwayne Johnson drin. Und zumindest ich sehe ihm beim Praktizieren dieser einfachen Formel durchaus gerne zu.

Das lässt sich bei mir auch auf Monster ummünzen. Wer meine Reviews kennt, dem wird meine Liebe zu Kreaturen aller Art nicht verborgen geblieben sein. Die Tiermutanten in Rampage sind animationstechnisch wieder mal State of the Art. Wenn sich der Warzenschwein-Alligator durch Chicagos Häusermeer wühlt, der große böse Wolf einen auf Stachelschwein macht oder der Albino-Primat in einer modernisierten Version des guten alten King Kong alles auf die Spitze treibt, können Genre-Liebhaber durchaus vergünglichen Momenten beiwohnen. Klarer Fall von Kaiju-Kino, wie es der südostasiatische Mainstream gerne sieht. Rundherum aber registriere ich weitgehend tote Hose, überraschungsfrei und unfreiwillig trivial. Nichts gegen Trash, noch dazu Edeltrash, das ist die King Kong-Hommage im Stile eines Roland Emmerich von vornherein, und das weiß das Publikum auch. Allerdings scheint es so, als wäre das unausgewogen getimte, dröhnende Krawallkino noch mehr in Richtung Unfug abgeglitten als von den Machern beabsichtigt. Zum Haareraufen, wenn zum Beispiel der Gorilla seine Ernährung umstellt. Vergnüglich wiederum, wenn „Watchman“ Jeffrey Dean Morgan als Süffisanz in Person das Klischee des FBI-Agenten karikiert. Na gut, zum Glück muss ich dann Chicago nicht wieder aufräumen, sondern nur den samtbezogenen Sitzplatz im Kino. Und vielleicht das Kinderzimmer.

Rampage

Mute

ICH HAB NOCH EINEN KOFFER IN BERLIN

7/10

 

Mute© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2018

DREHBUCH & REGIE: DUNCAN JONES

MIT ALEXANDER SKARSGÅRD, PAUL RUDD, JUSTIN THEROUX, SEYNEB SALEH U. A.

 

Sehr schade, dass das Warcraft-Franchise unter der Regie von Duncan Jones im Kino nicht durchstarten konnte. Aber das konnte Hulk unter der Regie von Ang Lee auch nicht. Warum nicht? Eine Theorie hätte ich da. Beide Filmemacher haben ihre eigenen Visionen. Gut, welcher Filmemacher hat die nicht, aber die beiden sind schon einen Schritt weiter gewesen, als ihnen das Projekt Blockbuster auferlegt wurde. Künstlerische Differenzen sind da womöglich vorprogrammiert. Dennoch hatten beide zumindest die Chance ergriffen, ihre ganz eigene Interpretation von Popkultur zu verwirklichen. Doch Undank war des Publikums Lohn. Halbleere Kinosäle für Filme, die mehr wollten als nur die Kasse klingeln lassen.

Zurück also zum Ursprung. So schnell wird sich der Filius von David Bowie der Versuchung des schnellen Geldes nicht mehr hingeben. Das hat sein Papa auch nicht getan – und dennoch vollen Erfolg erzielt. Aber das ist etwas, was man vorab nicht wissen kann. Und es ist ja nicht so, dass Jones´ Erstling Moon kein achtbarer Erfolg war. Zumindest im Independent-Sektor des Science-Fiction Genres gilt das Solo-Drama am Erdtrabanten als innovativer Meilenstein. Source Code war nicht weniger beklemmend, wenn nicht gar noch mehr verstörend als der Einstand mit Neo-Oscarpreisträger Sam Rockwell. In Mute scheint sich Duncan Jones tief vor einem seiner möglichen Kino-Top Ten zu verbeugen – nämlich vor Blade Runner. Die urbanen Dystopien eines Philip K. Dick sind genau sein Ding, diese gesellschaftskritische Art von Science-Fiction, die keine Alien-Invasionen abwehren muss, sondern von innen heraus, durch die Technologie und den Fortschrittsglauben des Menschen, unterwandert wird. Alles keine rosigen Aussichten, eben wie in Ridley Scott´s Kult-Klassiker, der unter der Regie des Visionärs Denis Villeneuve eine vor allem visuell mächtige Fortsetzung fand. Auch Villeneuve ist ein Filmemacher auf seine Art. Das gefällt den Produzenten oder eben nicht. Duncan Jones hat für seinen futuristischen Film Noir das Streaming-Imperium Netflix gewinnen können. Netflix riskiert so einiges im Filmsektor, was ich erstmal sehr begrüßenswert finde. Wäre schön, wenn sich Netflix noch eine Kinokette krallt, dann könnten wir so bildgewaltige Filme wie Auslöschung und eben Mute auch auf Großformat genießen – wo beide Filme auch hingehören.

Jones taucht tief in den Farbpinsel und lässt so gut wie alle Ecken und Enden eines überbevölkerten, versifften Berlins in Blau- und Violett-Tönen irrlichtern, was das Post-Productions-Graffiti so hergibt. Zwischen all den Abgasen, zwielichtigen Gestalten und einem verspäteten Punk-Rock-Revival sucht ein stummer Barkeeper nach der Liebe seines Lebens. Von einem Tag auf den anderen verschwunden, hat die blauhaarige Kellnerin bis auf ein paar wenige kryptische letzte Worte keinen Hinweis hinterlassen. Mute fängt an wie ein Howard Hawks-Krimi, nur dass Alexander Skarsgård (Legend of Tarzan, True Blood) nicht als Detektiv investigiert, sondern als Einzelgänger, der mit Zeichensprache, Kopfnicken und defensiv-eruptiver Gewalt dem Abgang seiner Vertrauten auf die Spur kommen will. Das geht sehr tief in die Keller der Unterwelt hinein, wo wir auf Justin Theroux und Paul Rudd stoßen, von welchem ich kaum glauben kann, ihn als wohlgesonnen Marvel-Minikin Ant-Man gesehen zu haben. Rudd kehrt hier die düstersten Winkel seiner Seele hervor. Mit buschiger Rotzbremse und ungehobeltem Verhalten lehrt er nicht nur der Filmfigur Leo Beiler Respekt – so greifbar verkommen wie Rudd war schon lange kein Antagonist mehr, trotz Liebe zu seiner Filmtochter.

Mute ist ein ambivalentes Machwerk mit klassischen Film Noir-Elementen, die schon Ridley Scott in seinem Blade Runner gekonnt mit unheilvollen Android-Visionen kombiniert hat. Mute gelingt die Nachahmung ansatzweise ähnlich gut, nur seine Blick in die Zukunft ist auch ein verkappter Blick in die Vergangenheit, in die 80er Jahre des eigenen Berlin-Aufenthalts, unter der Obhut von Papa David Bowie, der hier eine Zeit lang gelebt hat. So richtig Science-Fiction ist Mute außerdem nicht wirklich, jedenfalls aber irgendwas dazwischen. Und obwohl der Film vor allem in der ersten Hälfte deutliche Überlängen aufweist und gleich zwei Handlungsebenen Geraden gleich, die sich irgendwann in der Unendlichkeit berühren mögen, stur vorwärts treibt, bekommt Mute im letzten Drittel auf eine Weise die Kurve, mit der ich leise gähnend nicht mehr gerechnet hätte. Denn siehe da – die Tangenten berühren sich. Und das nicht gerade zaghaft. Wenn sich der lichtverschmutzte Nebel hebt und die auf der Zunge liegende große Rätselfrage des Filmes, wohin die ganze Geschichte eigentlich führen soll und ob sie überhaupt irgendwo hin führt, anstatt zu versanden glasklar offenbart wie die Luft nach einem Gewitter – dann hat Duncan Jones ein in sich plausibles, dramatisches wie gleichsam faszinierendes Drehbuch verfasst, in dem Liebe, Hass und die Abgründe dazwischen zu einem formvollendeten Finale finden.

Mute

Ready Player One

WIR KINDER DER 80ER

6/10

 

readyplayerone© 2000-2017 Warner Bros.

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVEN SPIELBERG

MIT TYE SHERIDAN, OLIVIA COOKE, BEN MENDELSOHN, MARK RYLANCE, SIMON PEGG U. A.

 

Beim Lesen der Lektüre von Autor Ernest Cline wird das ewige Kind Hollywoods wohl feuchte Augen bekommen haben. „Wenn einer Ready Player One verfilmen soll, dann muss das ich sein“, wird Spielberg gedacht haben. Eine Herzensangelegenheit, die letzten Endes mehrere Jahre seines Schaffens in Anspruch genommen hat. Bei Spielberg müsste man meinen, Tür und Tor würden sich öffnen, wenn es vor allem darum geht, Lizenzen fürs vielfache Zitieren unvergesslicher Blockbuster zu erlangen. Nun, um Biff aus Zurück in die Zukunft zu zitieren: „Da hast du falsch gedacht, Würstchen“. Und damit hat Spielberg mit dieser Verfilmung so seine Probleme bekommen – und musste sich nach der Decke strecken. Disney hat dem Starregisseur die Tür vor der Nase zugeknallt. Daher wird man Zitate aus Star Wars oder Tron flächendeckend vermissen. Und nicht nur das – es fehlt so einiges aus dem Universum der 80er. So einiges. Sogar Spielbergs eigenes Oeuvre, die er aus einer falschen Bescheidenheit heraus bis auf eine Ausnahme geradezu verleugnet. Das Vermissen sämtlicher Jugendlieblinge dominiert alsbald das Geschehen. Oder sagen wir so – die liebevoll ehrende Verbeugung vor den Helden der Kindheit ist ein zaghafter Kratzfuß – wenn man Ready Player One aus diesem Blickwinkel betrachtet. Normalerweise ist „Nehmen, was man kriegen kann“ nicht unbedingt Spielberg´s Devise. Der Mann gibt sich doch nicht mit halben Sachen zufrieden? In diesem Punkt aber schon. Gemacht ist gemacht. Und das Kind im Manne glücklich entspannt.

Womit wir bei der Haben-Seite von Ready Player One wären. Glücklich entspannt und genüsslich unterhalten ist man nämlich genauso wie Spielberg selbst. Denn was die Computerspiel-Odyssee Tron für die 80er war, will Ready Player One für das neue Jahrtausend erfüllen. Einmal eingetaucht in die Oasis, offenbart sich die Bewegtbildergalerie eines Fiebertraums unserer Franchise- und Merchandise-Jugend als quirlige Orgie der Figuren, Reminiszenzen und unbegrenzten Möglichkeiten. Ein flashiger Mix aus High Fantasy, Spielemesse und Science-Fiction, die in seiner Opulenz an Luc Besson´s Valerian-Märchenwelt erinnert. Die Oasis ist so etwas wie ein scheinbar geordnetes, aber doch wieder regelloses Chaos. Eine Comic Con ohne Panels, und wenn, dann nur mit einem einzigen, auf dem sich alles trifft, was auf der Chart-Gästeliste notiert wurde. Und die Charts werden im Shuffle präsentiert, rauf und runter. Dazwischen die ganze Menschheit in ihren Avataren, ausgerüstet mit einem Equipment, das, um noch eines draufzusetzen, nochmal mehr kann. Also entweder ist man von der virtuellen Welt heillos überfordert, oder man gibt sich der Sucht hin. Und nirgendwo anders hin verlockt Ernest Clines literarischer Entwurf. Ein Drogenrausch ohne Nebenwirkungen. Oder naja – die Nebenwirkung ist die, seine physische Existenz dem Schlendrian preiszugeben. Dementsprechend versifft der Planet Erde in fahrlässiger Dauerlethargie, während die Oasis fröhliche Urstände feiert. Ob im endlosen Gefecht auf der Ebene der Verdammnis oder in der wohl härtesten Rallye der Filmgeschichte, die selbst das ausgekochte Schlitzohr Burt Reynolds blass um die Nase werden lässt. Da kann es schon passieren, dass ein gigantischer T-Rex den Kühler deines Schlittens verspeist. Oder King Kong die Straße wie eine Banane schält. So gesehen haben wir schon längst die 80er verlassen. Statt Darth Vader gibt’s den Riesenaffen am Empire State Building. Und Stanley Kubrick würde seine Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und, würde er noch leben, mit Steven Spielberg kein Wort mehr wechseln. Obwohl die Shining-Reminiszenz immerhin eine der pfiffigsten Szenen des Films ist.

Die Intermezzi in der realen Welt sind Beiwerk. Nötig, um den Szenencocktail der Oasis in eine Story zu packen. Janusz Kaminski liefert gewohnt grobkörnige Bilder in gleißend-staubigem Gegenlicht. Sonst hält Spielberg mit seinem Missfallen der Echtwelt gegenüber nicht hinterm Berg. Was er hier aufbringt, ist halbgares Anfängerglück. Seltsam unvollendet für einen Meister seiner Klasse. Dazu auch sein nüchterner Vor- und Abspann, reduziert auf Schwarzweiß-Credits Marke Woody Allen. Da fehlt doch noch was? Enttäuschend, wie sehr Spielbergs Film stellenweise aussieht wie seine eigene Rohfassung. Abgesehen vom Verdacht des Zeitdrucks könnte dies auch beabsichtigt gewesen sein. Warum, weiß ich nicht. Und wenn ja, geht der Schuss nach hinten los.

Vielleicht ist Ready Player One das zeitgeistige Manifest für eine Flucht aus einer Realität, vor der man ohnmächtig resigniert? Ein Imperativ zur Selbstfindung an der Konsole, die Welt als gescheiterten versuch betrachtend, in der es keinen Reboot gibt? Im Spiel allerdings schon, noch dazu gibt’s den garantierten Karrierekick in ein höheres Level. Höre nur ich diesen stellenweise bitteren Unterton, oder ist Ready Player One wirklich ein fatalistisches Gloria auf die Migration in den Pixelraum? Womöglich höre ich das Gras wachsen. Und zugegeben – Spielberg bekommt ja in letzter Sekunde noch die Kurve und lässt den Bräutigam die Braut küssen. Und was Vernünftiges zu essen, so Oasis-Erfinder Halliday. bekommt man auch nur, wenn man den Avatar mal kurz unbeaufsichtigt lässt.

Ich habe nie wirklich Computerspiele gespielt. Dieses Medium ist für mich unbekanntes Terrain. Ready Player One gibt mir aber einen Einblick, was auf diesem Sektor mittlerweile alles möglich sein kann. Und ja, es gefällt mir. Sieht verdammt nochmal gut aus. Fetzt, wie es nur fetzen kann. Selbst die glupschäugige Art3mis hat Sex-Appeal. Kann sein, dass ich mich demnächst ins nächste VR-Brillen-Café begebe und nebst Melange andere Realitäten teste. Für andere, die das Medium kennen, könnte der Ausflug in gerenderte Welten ein bisschen zu viel von bereits Gespieltem sein – vor allem auch weil sie selbst nicht interagieren können. Aber wie auch immer Ready Player One zu sehen ist – ob als hysterischer Zitatenschatz oder Petition zur Anerkennung generierter Welten als legitime Paralleluniversen – Spielberg´s Film zur Geschichte der Traumfabrik ist ein fabrizierter Traum mit Mängel, der zwar seltsam irritiert, auf digitale Jungfernfahrer wie mich aber verlockend gefällig wirkt. Und das Rätseln, welcher Avatar man wohl selbst am liebsten wäre, macht die dramaturgische Ungelenkigkeit wie die des Giganten aus dem All fast schon vergessen. Aber nur fast.

Ready Player One