Destroyer

INS GESICHT GESCHRIEBEN

4/10

 

destroyer© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: USA 2019

REGIE: KARYN KUSAMA

CAST: NICOLE KIDMAN, SEBASTIAN STAN, SCOOT MCNEARY, TATIANA MASLANY, BRADLEY WHITFORD U. A.

 

Das Leben ist ein einziges Risiko. Zu viel Sicherheit langweilt, also warum nicht mal Bungee springen, sich in die Stratosphäre schießen lassen oder in Krisenländern Urlaub machen? Natürlich ist das Risiko da sehr groß, und das wissen diese Leute auch, und wenn sie dann unglücklich landen oder aus dem Urlaub nicht mehr zurückkommen, war das leider der hohe Prozentsatz an Risiko, den man nicht als Katze im Sack mitgekauft hat. Klarer Fall von bewusster Selbstentscheidung. Der Mensch ist ja an sich intelligent, kann in die Zukunft planen und Situationen richtig oder falsch abschätzen, und auch die Risiken bei seinem Tun reflektieren. Auch wenn es darum geht, sich als Undercover-Polizistin in eine Verbrecherbande einzuschleusen. Sowas tut man freiwillig. Nicole Kidman als Polizistin Erin Bell hat das gemacht, nämlich undercover in der Clique eines Räubers mitzumischen (Toby Kebell mit unfreiwillig komischer Tommy Wiseau-Mähne). Aber das ist lange her.

Jetzt sitzt Polizistin Erin Bell entweder auf den Stufen, liegt am Boden oder sitzt bevorzugt im Auto – und starrt resignierend vor sich hin. Und sie sieht furchtbar aus. Nicole Kidmans Gesicht spricht Bände schlafloser Nächte und regelmäßiger Vollräusche. Die Haut ist trocken und fleckig, Augenringe bis zu den Mundwinkeln, und abgemagert bis auf die Knochen. Die aparte Juristenmama aus Big Little Lies ist längst vergessen. Dass es sich hierbei um dieselbe Schauspielerin handelt, ist ungefähr genauso schwer zu begreifen wie die Rolle Charlize Therons in Monster. Beide sehen zum Fürchten aus. Kidman hat noch dazu so einen glasigen Blick, der im Nirgendwo endet. Und sie starrt. Sitzt und starrt. Rafft sich manchmal auf, setzt sich aber bald wieder irgendwo nieder. Und trinkt. Warum? Aus purem Selbstmitleid. So ein Eigenjammer kann ganz schön runterziehen, da lässt man sich als armes Opfer gerne gehen bis es nicht mehr geht. Selbst die Rache für etwas, das im Laufe des Films lange im Dunkeln bleibt, boxt den larmoyanten, mieselsüchtigen Schlendrian auch nicht aus ihr raus. Das Gambling mit erhöhtem Risiko war allerdings hausgemacht, und auch das selbstgewählte Abbiegen von Geplantem war ein Wachsen auf eigenem Mist. Also warum nicht die Konsequenzen erhobenen Hauptes tragen? Erin Bell tut das nicht, kann es nicht. Und das bitteschön grenzt schon etwas prätentiös an Selbstgefälligkeit.

Eine Märtyrerin im Thrillergenre, die das Schicksal nicht ertragen kann, rückt sich selbst in all ihrem Leiden direkt ikonenhaft ins Bild, abgöttisch verehrt von Filmemacherin Karyn Kusama (u. a. Aeon Flux und Jennifers Body, ebenfalls zwei Damen am Rande des Erträglichen), die diese Selbstbeweinung großzügig duldet und während dessen aber sonst nicht mehr weiß, was sie mit ihrem Film eigentlich machen soll. Nicole Kidman ist natürlich ein Profi zweifelsohne, aber es lässt sich schwer einen Profi zwei Stunden lang beweisen lassen, wie gut er nicht auch ganz andere Rollen spielen kann. Das müsste man bei Kidman gar nicht mal wissen wollen, sie ist schon so lange im Filmbiz, dass sie Filme wie Destroyer nicht mehr nötig hat. Denn was transportiert das Thrillerdrama denn noch? Eine trostlose Chronik der Vergeltung, die keine Erkenntnisse birgt, die vielleicht ganz geschickt ihre Zeitebenen montiert, womit der Film wirklich punktet, aber sonst in unbedingt gewollter Lethargie völlig die Kraft verliert. Tragische Polizeigeschichten dieser Art können auch ganz im Stile des Film Noir in gewisser prosaischer Verklärung die Antithese zum Happy End zelebrieren, andere verlieren das Ziel einer Geschichte aus den Augen, um die zentrale Figur stolpern zu sehen. Das ist bei Destroyer der Fall, noch dazu ist die Kausalität des Verzweifelns eine in Kauf genommene. Mein Mitleid hält sich dabei in Grenzen. So bleibt nur mehr jenes von Kidmans Filmfigur, das aber keiner mit ihr teilen will.

Destroyer

I, Tonya

DREIFACHER AXEL AUF DÜNNEM EIS

7/10

 

I_Tonya© 2018 DCM

 

LAND: USA 2017

REGIE: CRAIG GILLESPIE

MIT MARGOT ROBBIE, SEBASTIAN STAN, ALLISON JANNEY, MCKENNA GRACE U. A.

 

Lillehammer 1994 – nur in Bruchstücken kann ich mich an jene Ausgabe der Olympischen Winterspiele erinnern. Woran ich mich wirklich erinnern kann, ist Katharina Witt – warum auch immer. Und tatsächlich sieht man die Eiskunstläuferin in Craig Gillespie´s True-Story-Farce zumindest eine Sekunde lang auf einer einmontierten Archivaufnahme. Das ist dann aber auch schon der einzige persönliche Bezug zu zeitnahen, realen Ereignissen – und ich weiß nicht, ob der ganze Skandal rund um Tonya Harding auch wirklich bis in die Medienlandschaft Österreichs so flächendeckend vorgedrungen ist. Das war wohl nur Sportinteressierten bekannt. Da kenn ich in meinem Bekanntenkreis so einige, und die gelten sowieso längst als fixer Telefonjoker für einen möglichen Auftritt in der Millionenshow. Die würden auch wissen, ohne I, Tonya gesehen zu haben, womit diese junge Dame damals in Verbindung gebracht wurde – mit dem vor Gericht ausgefochtenem Vorwurf, eine Konkurrentin mithilfe von grenzdebilen Schlägertypen per Schlagstock außer Gefecht gesetzt zu haben. Also zumindest das Knie von Nancy Kerrigan. Was Kerrigan´s Karriere letzten Endes zumindest bis Lillehammer glücklicherweise nicht wirklich geschadet hat, der Karriere von Tonya Harding allerdings schon.

Dabei kommt die in Intervallen des Ehrgeizes aufblühende Blondine völlig unverschuldet zum Handkuss. Das beteuert sie jedenfalls. Also das beteuert Margot Robbie, in Gestalt einer gesetzten, in den zynischen Winkel gedrängte Tonya, die ein fiktives Interview gibt. Und nicht nur sie kommt zu Wort – auch ihr Liebhaber, ihr größenwahnsinniger Bodyguard (so einen Bodyguard habt ihr noch nicht gesehen) und die Schreckschraube namens Mutter, die stets betont, ihrem unfähigen Kind die größte Mutterliebe überhaupt zugestanden zu haben. Allison Janney spielt das verknöcherte Hassobjekt mit Hingabe. Außer Flüchen, Drill und Liebesentzug hat die kettenrauchende Matrone für ihre Tochter sichtlich nichts übrig. Vertrauensvorschuss an der Kassa. Da kann man sich als Kind entweder völlig zurückziehen und sich selbst als wertlos empfinden – oder man trotzt der dauerbeschallenden Demotivation und zeigt, was in einem steckt. Harding hat das versucht. Ohne aber die Rechnung mit ihrem Ehemann zu machen. Der schnauzbärtige Schlägertyp lässt sich mit dem hübschen Sportsternchen Tonya auf eine Never Ending Lovestory ein – im Grunde auf eine ähnliche Hassliebe wie jene mit der alles in den Dreck ziehenden Übermutter. Auf Blutergüssen folgt traute Zweisamkeit. Eine Amour fou, die schon ziemlich bezeichnend ist für ein Leben, das letzten Endes zum Scheitern verurteilt sein muss. Da reißt auch ein dreifacher Axel nur kurzzeitig das Leben der im Grunde ehrgeizigen Sportlerin aus dem verkorksten Alltag. Weil man nur so kann, wie die anderen wollen. Und Harding kann wieder mal nichts dafür.

Ein Biopic rund um ein Attentat im Schlittschuhmilieu – das ist normalerweise ein Plot, den Studios dahergelaufenen Filmemachern und Drehbuchautoren nachschmeißen müssten. Nicht aber, wenn solch eine auf den ersten Blick schale Geschichte dermaßen pfiffig aufbereitet wird. Da sieht man wieder, dass die Faszination eines Stoffes, der nur bedingt was hergeben kann, davon abhängt, wie man ihn erzählt. Autor Steven Rogers hat ein Musterbeispiel dafür abgeliefert, wie biografische Puzzleteile zu einem schnittigen Ganzen komponiert werden können. Aus der Chronik eines Scheiterns lassen sich Filme wie The Wrestler machen – tristes Sozialdrama, autoaggressive Lebensüberdrüssigkeit. Oder Filme wie I, Tonya. Realsatire, aufbereitet wie eine Episode Gossip-TV. Eine semidokumentarische Ironie des Schicksals, so absurd, man glaubt es kaum. Craig Gillespie (Lars und die Frauen) schaltet niemals auf resignierendes Pathos. Margot Robbie´s Interpretation von Tonya Harding ist aufmüpfig, trotzig, durchaus jammernd und unschuldig an allem – womöglich ist das aber der einzige Selbstschutz, den Robbie ihrer Tonya gewährt – und der sich ausnehmend glaubhaft einsetzen lässt. Die Harley Quinn des DC-Universums ist auch ohne Baseballschläger, dafür aber mit scharfkantigen Schlittschuhen eine Haudrauf-Person, die sich in Wahrheit immer nur selbst schlagen lässt. Von jenen, deren sporadische Nähe alle Entbehrungen vergessen lässt. Ein gelungenes Portrait, und nicht weniger gelungen Sebastian Stan und Allison Janney, herrlich garstig und eigennützig um das Geheimnis eines Erfolges ringend, dass sie selber nie haben werden.

Zwischen gefakten Fernsehinterviews und Spielszenen sorgt dieses Beispiel, wie sehr man dem Undank des Lebens trotzen kann, für kopfschüttelndes Staunen und seltsam schadenfroher Neugier. I, Tonya unterhält dort, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Eine eisglatte, unerhörte Satire, teils frei erfunden, und trotzdem nah am Leben. Ein Film wie ein Sturz auf dem Eis. Es schmerzt, man rappelt sich auf – und lächelt. Und bestenfalls ist nichts gebrochen.

I, Tonya