Fjord (2026)

FAMILIE IN DER KLAPS-MÜHLE

4/10


Die Familie rund um Renate Reinsve und Sebastian Stan in Fjord
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: RUMÄNIEN, FRANKREICH, NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK 2026

REGIE / DREHBUCH: CRISTIAN MUNGIU

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: SEBASTIAN STAN, RENATE REINSVE, LISA CARLEHED, ELLEN DORRIT PETERSEN, LISA LOVEN KONGSLI, HENRIKKE LUND-OLSEN, VANESSA CEBAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 26 MIN



Was haben Park Chan-wook, Demi Moore, Chloé Zhao oder Stellan Skarsgård gemeinsam? Ja, sie arbeiten alle in der Filmbranche. Aber da gibt es noch etwas, etwas anderes. Sie alle saßen mit einigen anderen auch in der Jury für die Goldene Palme 2026, die heuer in Cannes verliehen wurde.

Die Sache mit den Filmpreisen

Sie alle haben sich auf einen Film geeinigt, fast schon wie die zwölf Geschworenen auf das Schicksal eines Angeklagten, nur diesmal waren es neun. Alle Neune sahen Fjord als den wohl besten des ganzen Festivals an, und beweisen damit aber nur, wie radikal subjektiv das Empfinden über einen Film sein kann.

Park Chan-wook selbst meinte, Cristian Mungius Arbeit wurde deswegen ausgewählt, weil er „Das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt auf künstlerisch großartige Weise beleuchtet“. Nun, entweder hat die Jury den Film nicht verstanden, oder das Superlativ „künstlerisch großartig“ wird nun auch als inflationäre Schmeichelei für alles, was Arthousekino sein will, angewandt.

Ein Meisterwerk der subversiven Beeinflussung?

Was soll das überhaupt heißen? Das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt? Niemand in Fjord versteht und respektiert den anderen. Alle kochen ihr eigenes Süppchen, alle haben ihre eigene Wahrheit. Niemand kommt in diesem Film zu diesem weisen Schluss, zu dem Park Chan-wook gekommen war.

Trägt Fjord dann auch zu dieser Vielfalt bei, wenn er ausschließlich zeigt, wie es nicht funktioniert und Lösungen gar nicht mal andenken will? Gehen wir weg von dieser Banalität einer grob umrissenen Begründung für einen der größten Preise der Filmwelt hin zu den eigentlichen Beweggründen eines Rumänen wie Cristian Mungiu, der sich womöglich ein bisschen ins Fäustchen lacht, denn eines ist dieser Mann ganz bestimmt: ein Meister der subversiven Beeinflussung. Das schafft er in einem Ausmaß, bei dem selbst einer wie Ruben Östlund (Triangle of Sadness) den Hut zieht, so subversiv wollte der nämlich in seinen Gesellschaftsgrotesken nie sein.

Östlund hat immer gewusst, dass er seine Betrachtungen auch satirisch von einem zugrundeliegenden, reinen Diskurs abheben muss, um sie greifbar zu machen. Mungiu macht das nicht, er hätte sich auch an seinem Landsmann Radu Jude (Bad Luck Banging or Loony Porn) ein Beispiel nehmen können, der in wilder Fabulierlust Kontroversen erzeugt, die wenigstens Spaß machen.

Mungiu macht auch das nicht. Fjord macht schließlich keinen Spaß, und ist auch nicht erfrischend provokant, sondern bemüht sich in besagter subversiver Ernsthaftigkeit, eine versteckte Agenda durchzubringen, die am Ende seltsam sauer aufstößt.

Eine vorbildliche Familie

So kalt, wie es in der Vorweihnachtszeit an einem norwegischen Fjord auch ist – einem nicht nur maritim-geografischen, sondern auch gesellschaftlichen Engpass, den Titel habe ich schon verstanden – so kalt ist auch dieser Film. Konstant auf Distanz betrachtet Mungiu eine konservativ-christliche Familie bei ihrem Neuanfang im Heimatstädtchen der fünffachen Mutter Renate Reinsve (unlängst noch in den Backrooms unterwegs).

Als rumänischer Gatte hat Mihai (kaum zu erkennen und zugegeben grandios: Sebastian Stan) den ganzen Nachwuchs mit einem Punktesystem an Strafen und strengen christlichen Erziehungsmethoden fest in der Hand. Hier herrscht Disziplin und Ordnung, und natürlich auch die Liebe der Eltern, die ganz traditionsbewusst ihren Kindern statt Internet, Social Media und weltlicher Lektüre lieber die Bibel aufs Auge drücken, auf dass sie diese mal irgendwann ganz auswendig rezitieren können.

Hier ein Klaps, da ein Klaps

Man ahnt schon, dass diese strengen Methoden vielleicht auch die eine oder andere ausgerutschte Hand verbergen – im Film wiederholt als Klaps (oder Slap) bezeichnet. Die gesunde Ohrfeige oder der Schlag auf die Pobacke unterstützen lediglich eine liebevolle Erziehungsagenda. Allerdings nimmt man sowas in Norwegen ernster als andernorts, wo Gewalt in der traditionellen Erziehung vielleicht immer einen triftigen Grund hat. Hier in Norwegen – oder zumindest in diesem Norwegen im Film – führen die blauen Flecken am Körper der ältesten Tochter dazu, dass sich eine „Klapsmühle“ in Gang setzt, die in unaufhaltsamer Sturheit und ohne vernünftige Selbstreflexion alles, was Familie auf ihre Art sein will, zwischen ihren Mühlsteinen zermalmt.

Familiengesetze drehen frei

Womit Fjord schon die erste Reibung verursacht, nämlich jene der überspitzten Darstellung einer Jurisdiktion, die wohl so, wie Mungiu sie beschreibt, niemals durchgehen kann. Mungiu lässt aber niemanden wissen, dass er das tut – er verkauft diesen lose auf Tatsachen beruhenden Fall als authentisch.

Das könnte man an der völligen Aussparung der Gedankenwelten der Kinder merken, an der fehlenden Einvernehmung selbiger und an einer wohl nicht haltbaren Vermutung einer Verschwörung, die von den Jungen ausgeht. In diese Zweifel hinein setzt Mungiu noch eins drauf, indem er auf den ersten Blick keinerlei Stellung bezieht, in Wahrheit aber immer und immer wieder und zwar höchst manipulativ die rustikalen Werte einer christlichen Erziehung gegen die moderne, liberale Familie setzt. Na gut, denke ich mir, die christlichen Fanatiker kommen in Fjord wirklich nicht gut weg – stellt er sich denn, womöglich selbst Christ, gegen all diese Werte? Oder verurteilt er deren Radikalität? Nein, tut er nicht, obwohl er so tut als ob.

Eine träge Chronik der Ereignisse

Diese ganze Kette an Ereignissen reiht Mungiu fast schon klinisch und horizontal an, es gibt keine Höhen, keine Tiefen, es gibt nur die Chronik der Ereignisse, die oftmals auf der Stelle treten, die sich winden wie ein Gerichtsprozess, was ja passend wäre, aber in gefühlter Echtzeit will man sie dann auch nicht verfolgen.

Weder handelt Fjord von häuslicher Gewalt noch von Kindesmissbrauch und schon gar nicht oder nur peripher von den Kindern. In subjektiver Langeweile gelingt es dem Film, zu zermürben und hinzuhalten. Es gelingt ihm, Ärger zu verbreiten, Unschlüssiges als schlüssig erscheinen zu lassen, manches für die Story Wichtiges bewusst auszusparen, um noch mehr zu provozieren.

Ein Wunder! Ein Wunder muss her!

Niemand macht hier in Fjord irgendetwas richtig – oder doch? Um das herauszufinden, dient die Ebene darunter, das Hochkochenlassen sämtlicher Töpfe, ohne auf irgendeinen den Deckel zu setzen. Durch all den erzeugten Dampf lassen sich die Orientierung und auch das Interesse verlieren – irgendwann am Ende bemüht Mungiu dann auch noch das christliche Wunder, um die Katze aus dem Sack zu lassen. Und das ist alles andere als das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt. Die Vielfalt, die Mungiu meint, ist lediglich der zynisch verteidigte Wert veralteter Tradition.

Fjord (2026)

Gentle Monster (2026)

DIE WAHRHEIT, DIE NIEMAND VERTRÄGT

7/10


Laurence Rupp und Léa Seydoux in Gentle Monster von Marie Kreutzer
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: MARIE KREUTZER

KAMERA: JUDITH KAUFMANN

CAST: LÉA SEYDOUX, LAURENCE RUPP, JELLA HAASE, CATHERINE DENEUVE, SAMI LORIS, RAINER DOPPLER, SYLVESTER GROTH, KATHARINA LORENZ, REGINA FRITSCH, ANTON RUBTSOV, NILS STRUNK U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



„Was ist Wahrheit?“, will schon der rebellische Prediger aus Nazareth wissen, nachdem er dem römischen Statthalter vor die Füße fällt. Jede und jeder hat schließlich seine eigene. Am liebsten so zurechtgezimmert, dass sie ein ganz besonderes Soll erfüllt, nämlich die Liebe – wohlwissend, dass der Blick auf den Partner nicht zwingend der ist, der auch dem tatsächlichen Charakter entspricht. Beziehungen fußen also auf einem gewissen Vertrauensvorschuss, der erst verdient werden will oder von welchem man hofft, dass er zurecht gegeben wurde. Vertrauen ist alles, wenn man beschlossen hat, das Leben miteinander zu teilen.

Geheimnisse und Geheimnisse

Vertraut man also erst, wenn man alle Geheimnisse des Partners kennt? Geheimnisse an sich sind schön und gut, die muss und darf es geben. Doch nicht, wenn ein ganzer Lebensentwurf damit steht und fällt, je nachdem, ob dieses Geheimnis ans Licht kommt oder nicht.

Zuletzt hatte sich Kristoffer Borgli einer solchen Situation angenommen. Zendaya und Robert Pattinson sind in Das Drama – Noch einmal auf Anfang ein Paar in der Krise, weil die zukünftige Braut ganz plötzlich damit herausrückt, früher einmal einen Terroranschlag geplant zu haben. Das Licht auf die Geliebte ist plötzlich ein anderes – fahl, flackernd und wenig einladend. Wie damit umgehen? Andererseits geben die dunklen Seiten einer Persönlichkeit dieser erst Profil, Kontrast und Struktur, oder nicht?

Es kommt auf das Ausmaß an. Darauf, ob die dunkle Seite Schaden anrichtet, angerichtet hat oder hätte anrichten können. In Gentle Monster ist es das schwerwiegende Delikt der Pädokriminalität (nicht Pädophilie). Und vor allem noch etwas: Die Lüge.

Als hätte sie es geahnt

Was für ein Zufall, der da mitspielt und der die Österreicherin Marie Kreutzer, die diesjährig mit ihrem neuen Film zum Wettbewerb in Cannes eingeladen wurde, da das, wovon sie erzählt, uns alle angeht und darüber hinaus, dazu bewogen hat, Gentle Monster doch noch umzusetzen.

Wir erinnern uns: In ihrem letzten Film Corsage hatte Schauspieler Florian Teichtmeister seine letzte große Rolle als Kaiser Franz Josef. Wenig später wird er wegen pädokrimineller Aktivitäten und des Besitzes kinderpornografischen Materials angeklagt und bedingt verurteilt. Das Erstaunliche: Kreutzer hatte ihr Drehbuch zu Gentle Monster schon verfasst oder zumindest angedacht, das Thema war da, Teichtmeisters Fall aber noch nicht.

Da beides irgendwie zusammenhängt, und ihr neuer Film da fast schon wie ein Statement zur allgemeinen Situation wirkt, die nun auch noch durch den Fall des Kabarettisten Günther Paal an Brisanz gewinnt, wäre es gar nicht auszudenken, würde es diesen Film doch nicht geben.

Wie man einem unbequemen Thema nicht ausweicht

Gut, dass es ihn gibt. Und gut, dass Kreutzer so ein integres Ensemble vereint hat, das seine Anforderungen in diesem verzwickten Drama mit notwendiger Ernsthaftigkeit auf sich nimmt. Niemandem macht Kreutzer es leicht. Ihrem Publikum nicht, ihr selbst nicht, ihrem Film nicht. Wenn ein Weltbild zusammenbricht, oder das Bild eines Menschen, das man mit Liebe, Vertrauen und Hingabe verbindet, in unmöglich wieder zu kittende Fragmente gesprengt wird – wie soll jemand damit schon umgehen können? Gar nicht.

Die Vernichtung einer Beziehung

Niemand kann das, nicht mal Laurence Rupp selbst, der diesen Charakter spielen muss, diesen pädophilen Verdränger und Schönredner, diesen Geheimniskrämer und aufgrund von Selbstscham in die Defensive gedrängter Phantasten, der mit Wahrheiten überhaupt nicht umgehen kann. Ein Verbrecher mit Profil und Verhaltensmustern, der Außenstehenden eine Ahnung davon vermittelt, wie solche Menschen ticken, die mit der Entsetzlichkeit ihrer Taten umgehen, als hätten sie die Sonntagszeitung gestohlen. Da stimmt so einiges nicht, und wenn dieses grauenvolle Geheimnis in der Lüge gipfelt, ist das sogar der zweite unentschuldbare Faktor in einer Beziehung, deren Fundament völlig weggespült wird.

Der Selbstbetrug als Rettungsanker

Léa Seydoux verliert als energische, leidenschaftliche Musikerin, die von Männern verfasste Lovesongs neu interpretiert, um ihnen ihren Male Gaze zu nehmen, auf intensive Weise völlig die Orientierung und bleibt nachvollziehbar, genauso wie Jella Haase, die den Arm des Gesetzes verkörpert und in Sachen Kindesmissbrauch ermittelt.

Haase deckt zwar auf, allerdings nicht innerhalb der eigenen Familie, in der ihr alter Vater seine Haushälterin sexuell belästigt. Die Wahrheit will auch sie nicht sehen, während Seydoux darum ringt, ihr gegenüberzutreten. Das ist ein Prozess voller Schmerz und Enttäuschungen, und der Angst, dass dem eigenen Sohn Schlimmes widerfahren sein könnte. Viele Emotionen ziehen hier ihre Kreise, Erschütterndes entfaltet seine Wirkung lediglich durch das Sperren eines Schlüssels in der Dunkelheit.

Dezent, pietätvoll, aber auch vollkommen offen setzt Marie Kreutzer diesen Konflikt in Gang, und weiß: Es gibt keine Lösung für all das, es sei denn, jeder stellt sich seiner Wahrheit. In einen Menschen kann man nicht hineinsehen, das stimmt. Doch vielleicht ist es deswegen so, weil sich jeder davor hütet, mehr zu sehen als es dem gemachten Bild des Gegenübers guttut.

Gentle Monster (2026)

Marriage Story

TROTZDEM FAMILIE

7,5/10

 

marriagestory© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: NOAH BAUMBACH

CAST: SCARLETT JOHANSSON, ADAM DRIVER, MERRITT WEVER, LAURA DERN, AZHY ROBERTSON, RAY LIOTTA U. A.

 

Vorsicht: Die Sicht auf diesen Film könnte durch eigene Erfahrungen im Ehe- und Zusammenleben maßgeblich beeinflusst werden. So geschehen bei mir. Noah Baumbachs vielfach hochgelobtes Ehe-Endgame wird wohl von vielen Menschen gesehen werden, die selbst in einer Beziehung stecken, Familie haben oder geschieden bzw. getrennt sind. Marriage Story ist ein Film, der lässt sich nicht unvoreingemnommen betrachten, da gibt es Vorbehalte, Vorurteile und emotionale Trigger, da gibt es alles mögliche, was aus der eigenen Geschichte der Zwei- oder Dreisamkeit hochgefahren wird. Marriage Story wirkt hundertmal anders, bestätigt oder hinterfragt den Zustand des Zusehers zu dem, was hier abgeht. Dabei beginnt der Anfang vom Ende relativ alltäglich, er beginnt mit einer Sicht auf die Dinge, die erst dazu geführt haben, dass sich zwei Liebende entschieden haben, ein Leben gemeinsam zu führen. Es sind die positiven Skills, die ein jeder hat. Es ist das, was der andere am anderen liebt. Es ist das große Ganze, dass das Zusammenleben ausmacht. Die Schwächen haben da vorerst nichts zu suchen. Baumbach gelingt mit seiner Steckbrief-Overtüre ein origineller Kniff, eine Methode, um ein ganzes harmonisches Eheleben als Prolog anzuführen, damit der Zuseher vollends begreifen und empfinden kann, um wen es hier eigentlich geht.

Vergessen wird aber das Kind. In Marriage Story läuft alles darauf hinaus, dass es nicht um die Trennung eines Paares geht, sondern um die Teilung einer Familie. Das kommt bekannt vor. Das hatten wir schon Ende der Siebzigerjahre in Robert Bentons zutiefst berührendem, höchst intensiven Scheidungs- und Sorgerechtsdrama Kramer gegen Kramer. Ich kenne diesen Film, da bleibt wirklich kein Auge trocken. Dustin Hofmann und Mery Streep als liebende Eltern litten da unübersehbar an gebrochenem Herzen, ein meisterlicher Film, allerdings auch nicht leicht verdaulich. Es ist der Kampf um ein Kind, von der Trennungsabsicht bis zum Urteil vor Gericht. Noah Baumbachs Erzähl- und Filmstil ist da trotz sehr ähnlichem Plot wesentlich anders. Natürlicher, ungeschminkter, spontaner. Scarlett Johansson hat man so noch nie gesehen. Auch Adam Driver geht an seine Grenzen. Zwischen seinem phlegmatischen Schauspiel in BlackKklansman und Marriage Story liegen Welten, irgendwo dazwischen sein Kylo Ren aus Star Wars. Im Film sind beide Künstler, die eine Schauspielerin, der andere Regisseur. Um Künstler dieser Art zu sein braucht es schon ein starkes Ego, eine Egozentrik gar, und die haben beide. Das Kind? Das hat das Nachsehen. Natürlich, die Eltern kümmern sich liebevoll, doch machen sie das, was sie tun, wohl eher für sich selbst. Würde man sie danach fragen, wäre natürlich der Nachwuchs, der den Eltern überraschend distanziert gegenübersteht, an erster Stelle. Vielleicht aber liegt es am Spiel des jungen Azhy Robertson, der manchmal so wirkt, als wären Driver und Johansson nicht seine Eltern, sondern Fremde, die eben nett sind, aber nicht wirklich die Emotionen des Kindes bewegen. Keine Vorstellung davon, wie sehr dieser Umbruch den achtjährigen Buben bewegt. Das liegt aber daran, dass Robertson keine Vorstellung davon gibt.

Der spannende Konflikt des Filmes entsteht erst durch den Auftritt der Anwaltschaft. Damit bekommt das Ehedrama eine ganz andere Dimension, aber auch eine, die mich irritiert. Da sie im Grunde einander weder hassen noch einander ernsthaft aus dem Weg gehen wollen, wirken die emotionalen Schreiduelle, von denen es ohnehin eigentlich nur eines gibt, etwas erzwungen, die dargestellten Gefühle verpassen um Sekunden den richtigen Einsatz. Dennoch brillieren sie, vor allem Johansson. Und das weniger dank der dichten, gehaltvollen Dialoge, sondern vielmehr der Monologe, die einfach fabelhaft, elegant und genau so geschrieben sind, sodass man stundenlang und ohne Anstrengung zuhören könnte. Das ist die Stärke Baumbachs, sein Händchen für wortgewaltigen Seelenstriptease in bestem Rhythmus eines Bühnendramas. Auf Augenhöhe begegnet er da sprachlichen Altmeistern wie Woody Allen, der es auch scheinbar mühelos beherrscht, die Facetten komplizierter Gemüter durch Ich-Bekenntnisse so greifbar werden zu lassen.

Wäre aber diese fein justierte Wortgewalt nicht, wäre Marriage Story nur das halbe Sorgerecht, wäre der Film der torschlusspanische Luxus einer Trennung, die so garantiert nicht sein müsste, und die im sinnlosen Verprassen von Ressourcen dem Kind seine Lebensgrundlage entzieht, anstatt sie zu erhalten. Ob beide die Kurven kriegen, verrate ich natürlich nicht. Sehenswert ist Baumbachs Analyse in jedem Fall, und ist auch nur um ein Quäntchen zu lange geraten. Meistens aber fasziniert das, was Johansson und Driver leisten, aber auch, wie Laura Dern wieder mal ganz im Stile von Big Little Lies aufspielt oder Alan Alda seine väterliche Liebe zu seinem Klienten entdeckt. Im Grunde also Schauspielkino mit der wohl am besten formulierten Sprache des Jahres, aber mit dem wohl am wenigsten konstanten Impact auf den Zuseher, der mit seinem eigenen Bild vom Anfang und Ende einer Liebe den Film zu einer Laune seiner gerade aktuellen Emotionen macht.

Marriage Story

Kindeswohl

LASSET DIE KINDER ZU MIR KOMMEN

8/10

 

kindeswohl© 2000 – 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: RICHARD EYRE

BUCH: IAN MCEWAN, NACH SEINEM ROMAN

CAST: EMMA THOMPSON, STANLEY TUCCI, FIONN WHITEHEAD, BEN CHAPLIN U. A.

 

Erwachet! Nahezu täglich werde ich daran erinnert, doch endlich die einzig wahre Erkenntnis zu erlangen. In den Passagen zwischen den U- und Schnellbahnsteigen, an den Stationen und Fußgängerzonen: Die Zeugen Jehovas sind immer noch aktiv, unermüdlich und unverwüstlich. Der Missionseifer von Tür zu Tür ist allerdings zurückgegangen, stattdessen harren sie in stoischer Ruhe in kleinen Gruppen der Neugier einiger weniger Zweifler entgegen, die unbedingt wissen wollen, wann denn die Welt wirklich untergeht. Die Zeugen Jehovas sind es auch, die es strikt ablehnen, Bluttransfusionen durchführen zu lassen. In Fällen zur Behandlung von Leukämie unerlässlich. Doch da siegt die Akzeptanz des Todes über dem Glauben. Sogar beim eigenen Kind.

Mit solchen Fällen muss sich die Richterin Fiona Maye herumschlagen. Ihr Resort sind familiäre Streitfälle, Entscheidungen um Leben und Tod. Zum Wohle des Kindes. Da kann es sein, dass bei siamesischen Zwillingen – ein Fall, mit dem Richard Eyres Drama Kindeswohl startet – einer von beiden getötet werden muss, damit der andere überlebt. Kein leichter Job, da würde ich niemals tauschen wollen, wenn ich Entscheidungen wie diese fällen müsste, um mich dann noch der unverhohlenen Kritik jener auszusetzen, die anders entschieden hätten. Die Konsequenz ist Selbstschutz, dick wie ein Panzer, der kaum noch Gefühle heranlässt. Überhaupt finde ich es interessant, dass Emma Thompson, die endlich wieder mal in einer ihr gerechten Rolle zu sehen ist, hier stark an die britische Premierministerin Theresa May erinnert, und dazu auch noch einen ähnlich klingenden Namen trägt. Während des Filmes lässt mich die Idee nicht los, Emma Thompson doch auch gleich für einen Film über die Wirren des Brexits zu besetzen – der wahrscheinlich demnächst kommen wird. In vereinfachter Form, denn kapieren tut das ganze Brimborium sowieso keiner mehr.

Es ist also Emma Thompson, deren nächstes salomonisches Urteil bald wieder gefragt sein wird – nämlich im Fall des Jehova-Sprösslings Adam, der bereit ist zu sterben, für einen sektiererischen Glauben, und für seine Eltern, die denken, richtig zu handeln, indem sie die notwendige Hilfe verwehren. Ungewöhnlich für eine Richterin, sich dann auf den Weg ins Krankenhaus zu machen, um den Jungen persönlich zu sprechen. Und um sich ein Urteil zu bilden, ob dieser im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte so entscheidet oder ob diese Entscheidung von außen erwartet wird. Natürlich gibt niemand so selbstlos sein Leben hin, schon gar nicht ein Kind. Jehova oder nicht. Das erkennt auch Richterin Maye. Und setzt mit ihrem wegweisenden Präzedenz-Beschluss eine Eigendynamik in Gang, die ihre ganze Existenz als Ehefrau, Jurorin und Mensch neu hinterfragt. So gesehen ist Kindeswohl weniger ein Justizdrama, weniger ein Sekten- oder Familiendrama, sondern vielmehr und ganz bestimmt das Psychogramm einer verbissenen, einer immensen Verantwortung unterworfenen Frau, die nichts mehr erkennt außer ihre Pflicht, richtig zu entscheiden. Aber was ist schon richtig? Woran lässt sich das wohl messen? Unter diesem Druck der richtigen Antwort leidet auch Ehemann Stanley Tucci – und sucht das Weite. Während die Richterin in ihrer Befangenheit und am Gängelband von Göttin Justitia langsam ihre Blindheit Dingen gegenüber erkennt, die jenseits des Verhandlungssaals verzweifelt um Aufmerksamkeit heischen.

Nach Am Strand ist Kindeswohl eine weitere Verfilmung der Romane von Ian McEwan – und genauso bemerkenswert gelungen. Emma Thompson liefert eine der beeindruckendsten, wenn nicht die beeindruckendste Leistung ihrer Karriere. Ihr scheinbar versteinertes, rationales Äußeres ringt mit tief vergrabenen Emotionen, die an die Oberfläche sickern. Dieses Ringen vermittelt Thompson auf beeindruckende Weise. Was für eine einnehmende, elegante, wenngleich gebrochene Erscheinung, die sich keine Schwäche erlauben darf, obwohl sie das Wohl der Schwachen verfechtet. Das ihre Performance in Kindeswohl keine Nominierung für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nach sich gezogen hat, bleibt mir ein Rätsel. Auch der junge Fionn Whitehead als leukämiekranker Junge weiß sein darstellerisches Potenzial nachhaltig zu nutzen – seine Sehnsucht nach dem erhabenen Ideal eines gerechten Übermenschen wird zu einem Kampf gegen die Mühlen einer ambivalenten Justiz, die richtet, aber nicht fühlt. Regisseur Richard Eyre macht daraus ein vielschichtiges, facettenreiches Filmerlebnis, psychologisch durchdacht und grandios besetzt. Und solange Ian McEwan selbst die Drehbücher seiner Werke verfasst, geht von der präzisen Beobachtung seiner Figuren mitsamt ihren Schicksalen kein Quäntchen verloren. Erstaunlich, wie gut der Brite seine eigene Prosa dramatisiert. Dabei ist nicht selbstverständlich, dass Adaptionen dieser Art so gut gelingen wie hier.

Kindeswohl