The Square

SOS MITMENSCH

6/10

 

square© 2017 Alamodefilm

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK 2017

REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: CLAES BANG, ELISABETH MOSS, DOMINIC WEST, TERRY NOTARY U. A.

 

Vor einigen Jahren schuf der schwedische Filmkünstler Ruben Östlund mit dem satirischen Drama Höhere Gewalt eine messerscharfe Analyse menschlichen Verhaltens: Während eines Familienurlaubs in den französischen Alpen entgehen Mutter und Kinder nur knapp einem Lawinenabgang, während Papa in kopfloser Panik das Weite sucht und seine Liebsten im Stich lässt. Niemand kommt zu Schaden, aber dennoch: was sich danach abspielt, ist wert, zu beobachten. Vier Jahre später schreibt Östlund sein nächstes Werk – ein nicht weniger analytischer, in menschliche Verhaltensbiotope vordringender Zerrspiegel, der dem Homo sapiens auf eine Weise vorgehalten wird, die seltsam unwohl macht, manchmal lächerlich wirkt, und zeitweise verstört. The Square, mit der Goldenen Palme prämiert und für den Auslands-Oscar nominiert, ist ein Film, der mir ganz und gar nicht gefällt. Hinter dem aber ein Konzept steckt, das wiederum brillant ist.

Um nichts anders geht es hier, augenscheinlich betrachtet, als um einen Museumskurator, dem Smartphone und Geldbörse gestohlen wird. Der geht daraufhin zwecks Wiederbeschaffung seines getrackten Elektroteils in die Breitband-Offensive, die aber ungeahnte Wellen schlägt und den egozentrischen Schnösel und Vater zweier Kinder mit den Prinzipien seiner eigenen Lebensart konfrontiert. Umrahmt wird das Geschehen von einer Ausstellung, die den Altruismus zum Thema hat – und in scheinbaren Episoden, die ineinandergreifen, über das Kunstprojekt hinaus den normalen Bildungsbürger an sich zur Installation des Geplanten macht. Das ist sehr viel, was Östlund will, und sehr viel, was ihm anscheinend durch den Kopf geht. Und es spannt einen ziemlich deutlichen Bogen zu eingangs genanntem Werk, das sich im Grunde mit genau demselben Thema beschäftigt: Was ist nötig, um seine eigene Komfortzone zu verlassen und Zivilcourage zu zeigen? Wo liegt die Grenze, um uns selbstlos agieren zu lassen? The Square, also ein Geviert von 4×4 Metern, wird zu Beginn des Filmes unter den Klängen von Johan Sebastian Bach´s Ave Maria vor dem Museum für zeitgenössische Kunst ins Kopfsteinpflaster gesetzt. Ein Zufluchtsort soll es sein, für Respekt, Nächstenliebe und dem Anspruch, dass alle, die die neonbeleuchteten Grenzen der Installation überwinden, mit gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet sind. Wie seltsam, dass es dafür eine Zone braucht. Wäre das nicht selbstverständlich, für den anderen da zu sein? Macht das nicht das Menschsein aus, Hilfe zu leisten, wenn Hilfe vonnöten ist? Natürlich, was für eine Frage. Doch sind wir wirklich bereit dazu? Begeben wir uns nicht selber in Not, wenn wir helfen würden?

Anderen Filmemachern möge die Gewichtigkeit solcher sozialphilosophischen Fragen in all ihrer Euphorie zu Kopf steigen und ihr Werk überfrachten. Östlund passiert das nicht. Seine Szenen sind scheinbar beiläufig, unexaltiert und fast schon so voyeuristisch wie eine Dokusoup. Ein Aufriss bei einem Clubbing, ein Interview über Kunst, Sex mit einer flüchtigen Bekannten – und ein Hilferuf auf offener Straße. Dieser Ruf nach Beistand, der zieht sich durch den ganzen zweieinhalbstündigen Film. Ebenso wie all die Obdachlosen am Straßenrand, in der Einkaufspassage. Oder im Geviert, das Schutz verspricht. Wo ein blondes, verwahrlostes Kleinkind auf Schutz und Hilfe hofft – und von unsichtbarer Hand in die Luft gesprengt wird. Das ist heftiger Tobak, ist aber ein Promotionfilm, der auf die kommende Ausstellung der Künstlerin Kalle Boman, die tatsächlich existiert und tatsächlich dieses Quadrat in der schwedischen Stadt Värnamo installiert hat, aufmerksam machen soll. Das erinnert natürlich an die Geschmacklosigkeiten, die seinerzeit Benetton an die Plakatwand gepappt hat. Das ist eine plumpe, aber effektive Methode der Werbung, die habe ich während meiner Ausbildung zum Grafiker selbst erprobt. Nichts erreicht mehr Response als die schlechte Nachricht, der Skandal, das Unethische. Das ist aber nur eine der narrativen Spitzen von The Square, und dabei will der Film eigentlich überhaupt nicht die moderne Kunst bloßstellen oder als heiße Luft demaskieren. Ganz im Gegenteil. Was hinter dem Konzept Boman´s steckt, ist durchdacht, klug und bewegt den Besucher zur Interaktion. Kunst, die muss längst nicht mehr handwerklich erstaunen. Kunst, die ist viel mehr nur noch eine abstrakte Idee oder ein Gedanke, der sich durch den Kontext alltäglicher Materialien manifestiert. Das hat schon der Franzose Marcel Duchamp gewusst, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Sanitärkeramiken zum Kunstwerk erhob. Der Dadaismus ist entstanden, die Idee, Kunst an sich zu hinterfragen. Nicht unbedingt gefällig und schön anzusehen, aber vom Konzept her fast schon genial.

Mit The Square verhält es sich genauso. Östlund´s dunkel-humorige Reise hinter die  verqueren Demarkationslinien menschlichen Handelns ist unbequeme Provokation. Wenn die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen und ein Aktionskünstler in äffischem Verhalten die instinktiven Scheuklappen einer noblen Gesellschaft aktiviert, um die Grenze der Zivilcourage erst knapp vor einer gespielten Vergewaltigung auszuloten, ist eine der verstörendsten Szenen seit langem und erinnert an die Radikalität der Theaterstücke eines Elias Canetti oder Peter Turrini. Wie weit muss man gehen, um zur Intervention zu bewegen? Auch hier ruft die an den Haaren gezogene Dame um Hilfe, und alsbald auch das Gespenst des schlechten Gewissens bei Kurator Claes Beng, der seine eigene Feigheit mit dem Umgang anderer erkennt. Östlund ist ein Filmstratege, ein scharfer Analytiker, der die soziale Verkümmerung des gebildeten Establishments auf nachhaltig irritierende Weise verurteilt. Seine bizarren Szenen über den Verlust von Vertrauen und Respekt wagen soziale Umkehrungen, stellen experimentelle Aufgaben. Angenehm ist das Ganze nicht, Spaß macht es eigentlich auch keinen, und es fordert, auch wenn man gelegentlich lachen muss – doch warum eigentlich? Wie sehr bin ich bei Betrachten dieses Filmes selbst Teil dieser Ausstellung, dieses beklemmenden Manifests? Bin ich noch Affe, oder schon Mensch? Der Affe in uns, der hat auch hier seine metaphorische Rolle.

Selten gibt es Filme, die so eine psychosoziale Ohrfeige verpassen. Das tut weh, und es gefällt mir nicht, und dann frage ich mich: brauche ich das denn? Allerdings: muss The Square überhaupt gefallen? Sollte der Film nicht eher aufwühlen? Letzteres tut er, und das mit System. Und wir stellen fest: The Square kann überall sein. Egal, wo wir sind. Am liebsten jenseits unserer Komfortzone. Dort, wo wir uns genauso wenig wohlfühlen wie in diesem Film.

The Square

Astrid

DIE WELT, WIDDEWIDDE WIE SIE MIR GEFÄLLT

7/10

 

astrid© 2018 DCM

 

LAND: SCHWEDEN, DÄNEMARK 2018

REGIE: PERNILLE FISCHER CHRISTENSEN

CAST: ALBA AUGUST, TRINE DYRHOLM, HENRIK RAFAELSEN, MAGNUS KREPPER U. A.

 

Erst vor ein paar Wochen durfte ich gemeinsam mit meinem Filius einer Bühnenadaption des märchenhaften Abenteuers Ronja Räubertochter beiwohnen. Den DramaturgInnen ist die Aufbereitung fürs Theater fabelhaft gelungen. Die Mattisburg, der Wald und all die Rumpelwichte und Wiltruden sind mit wenigen Kniffen gleich einem Pop-up-Buch überzeugend arrangiert und zum Leben erweckt. Zwischen den Fronten der Mattisbande und der Borkasbande: ein aufgewecktes elfjähriges Mädchen, das Traditionen, die Moral ihrer Eltern und gesellschaftliche Dogmen hinterfragt. Alles ganz anders machen will, und mit dem angeblichen Feind ganz einfach lieb Freund ist. Weil Dinge hinterfragt werden müssen – oder Erfahrungen einfach selber gemacht. Denn wie sonst kann ein Mädchen sich seine eigene Meinung bilden? Ronja Räubertochter ist nur eine von ganz vielen Geschichten, die die schwedische Autorin Astrid Lindgren Zeit ihres Lebens niedergeschrieben hat. Zu größter Berühmtheit gelangte natürlich Pippi Langstrumpf – das kindliche Aufbegehren schlechthin. Ein Leben jenseits aller Regeln, die erste Superheldin zwischen Clownerie und Selbstbestimmung. Inger Nilsson hat dieser Ikone der Kinderliteratur im Fernsehen ein zeitloses Gesicht gegeben. Doch wie und warum hat sich Astrid Lindgren so sehr auf Jugendbücher spezialisiert? Warum haben Kinder vor allem literarisch so sehr ihr Leben dominiert?

Dieser Frage ist die schwedische Regisseurin Pernille Fischer Christensen nachgegangen. Ihr Film mit dem schlichten Titel Astrid ist eine unprätentiöse Annäherung an eine biographische Episode aus dem Leben der weltberühmten Autorin und gleichzeitig eine behutsam gesponnene Hymne auf eine weltbewegende Künstlerin, die das Aufwachsen so vieler Kinder mitgeprägt hat. Eine berührende Idee, während des Filmes immer wieder mal Leserbriefe aus dem Off mit den Stimmen von Kindern rezitieren zu lassen, um einen Ausblick auf das zu geben, was die junge Astrid Ericsson zukünftig erreichen wird. Davon aber hat sie im jugendlichen Alter von 16 Jahren eigentlich noch überhaupt keinen blassen Schimmer. Schreiben, das kann sie, das durfte sie schon unter Beweis stellen. Ein kreativer Kopf ist sie auch. Und jemand, der sich gerne über gesellschaftliches Regelwerk hinwegsetzt. Ein bisschen Pippi schimmert da schon durch. Und dann die Sache mit dem Zeitungsverleger Blomberg. Der viel ältere, getrenntlebende Vater zweier Kinder fängt mit dem jungen Mädchen eine Liaison an, die den kleinen Lasse das Licht der Welt erblicken lässt. Allerdings inkognito, denn in einer Zeit wie dieser war die kirchliche Gemeinde alles und ein uneheliches Kind gar nichts. Astrid muss also ihren Erstgeborenen vor übler Nachrede verstecken und ziemlich viele Entbehrungen auf sich nehmen, bis sie endlich zu sich selbst steht – und ihr Aufbegehren einen Sinn bekommt.

Es schnürt einem das Herz zusammen, wenn die eigene Mutter den kleinen Blondschopf zurücklassen muss. Wenn das Kleinkind das eigene Fleisch und Blut ablehnt. Wenn das Muttersein so abgestraft wird, dass es wehtut. Alba August bleibt in dieser prominenten Coming of Age-True Story nachhaltig im Gedächtnis. Vom Zöpfe tragenden, quirligen Teenie zur verantwortungsbewussten Frau weiß die 25jährige Schwedin, die erstmals in der Netflix-Serie The Rain in Erscheinung tritt, ihre Rolle glaubhaft zu nuancieren und die feministische Chronik gänzlich für sich zu beanspruchen. In einem Film, der an die rustikalen Bullerbü-Verfilmungen aus den 70ern erinnert, und dann wieder in nüchternen, aber eleganten Bildern die 20er-Jahre des ländlichen wie urbanen Schwedens abzubilden weiß, ohne sich in Postkartenoptik zu verlieren. Das warme Licht des Nordens aber legt sich über alles, und nichts ist trostlos genug, um die Zuversicht zu verlieren, die Astrid Lindgren stets beharrlich mit sich trägt. Alba August weiß auch das zu vermitteln.

Einziges Manko an diesem stimmigen Lebenslauf ist Fischer Christensen´s Hang zu ausuferndem Erzählen. Mit knapp über zwei Stunden hängt die Kamera szenenweise zu lange an der versonnenen Mimik der jungen Astrid Lindgren, verharrt zu lange an manchen Orten und macht es der Handlung manchmal etwas zu schwer, wieder in den Rhythmus zu finden. Da kann schon die eine oder andere Ungeduld erwachsen, doch letzten Endes wird man zum Abspann belohnt mit dem Gänsehautmoment eines Liedes der norwegischen Folksängerin Ane Brun. Dazwischen letzte Szenen eines wiedergefundenen Lebensglücks, das später in Ronja, Karlsson oder Michel von Lönneberga auf ewig weiterleben wird.

Astrid

Die Nile Hilton Affäre

DA KOMMEN DIE TAGE DES ZORNS

8/10

 

nilehilton© 2017 Port au Prince Pictures GmbH

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, DÄNEMARK 2017

REGIE: TARIK SALEH

MIT FARES FARES, MOHAMED YOURSI, HICHEM YACOUBI U. A. 

 

So vieles hätte sich ändern können. So sehr standen die Zeichen auf Neuanfang. Im Januar des Jahres 2011 war das Land der Pharaonen dem Beispiel Tunesiens gefolgt und hat als Volk im Schulterschluss Reformen gefordert, ganz oben an der Spitze aller Forderungen den Rücktritt Hosni Mubaraks. Ende Januar dann bürgerkriegsähnliche Zustände am Tahrir-Platz von Kairo. Die Revolution hat ihren Höhepunkt erreicht. Die Folge: ein Machtwechsel. Auf zu neuen Ufern also. Doch da hat wer die Rechnung ohne das Militär gemacht. Alles weitere ist Geschichte, wenngleich eine von diesen Ereignissen, die man nachträglich gerne noch umgeschrieben hätte, zugunsten der Bürger, der sozial Benachteiligten, der Freiheit des Glaubens und natürlich der Stellung der Frau. Was ich aber fast vergessen hätte: zugunsten der Abschaffung einer eingefleischten Korruptionspolitik, die den exekutiven Staatsapparat schon so weit durchdrungen hat wie Mörtel in einer Hausfassade.

In dieser Corruption Airways, wie sie die EAV in ihrem Song-Klassiker Küss die Hand Herr Kerkermeister so formschön besingen, sitzt auch der Polizist Noredin, trauernder Witwer und autoagressiver Kettenraucher – keine Szene ohne Anheizen eines Tschicks, dementsprechend verraucht sind die Settings, und dementsprechen fahrig und verzweifelt das Suchen nach dem Päckchen. Dem Zuschauer bleibt ein fahler Geschmack im Mund, ein Film also zum Passivrauchen. Dieser Rauch, der sich durch Die Nile Hilton Affäre zieht, bleibt nicht ohne Feuer. Tarik Saleh´s packender, auf tatsächlichen Ereignissen beruhender Politthriller ist höchst brisant, politisch äußerst unbequem und interessanterweise eine Produktion aus schwedisch-dänisch-deutschen Landen, obwohl es sich anfühlt, als wäre der urban-düstere, verputzbraune Straßen- und Hotelkrimi ein Film von Ägypten für Ägypten, fühlbar authentisch und mit einem Lokalkolorit von oriententzaubernder Sogwirkung.

Fares Fares, der Mike Krüger des Nahen Ostens, ist natürlich ein Gesicht, dass sich schwer vergessen lässt und sich tatsächlich sogar im Star Wars-Ableger Rogue One, im Kreise der Rebellen auf Yavin (Randbemerkung für Insider) wiederfindet. Als Herumstocherer im Kairoer Korruptionssumpf lässt er sich auf Liaisonen ein, die auf die Dauer ungesund sein müssen. Und deckt Verbindungen auf, die, wie kann es anders sein, in den Olymp der Macht führen. Die Fakten dahinter sind nicht wirklich überraschend, faszinierend sind an diesem Film vielmehr die stilistischen Referenzen an Filme der schwarzen Serie, die ihre lasterhaften Helden einem unüberschaubaren großen Ganzen gegenüberstellen und ihrer rechtschaffenen Wahrnehmung von Gerechtigkeit das Steuer entreißen. Die Nile Hilton Affäre ist nicht nur ein Krimi, der die Lösung eines Falles anstrebt. Stetig wechselnd zwischen luxuriösen Appartements und peripheren Ghettos, zwischen Szenen des Aufstandes und verrauchten Hinterzimmern gerät Saleh´s Film in einen vielschichtigen Strudel aus ohnmachtsanfälligem Wettern gegen die Mechanismen einer arabischen Politik, die sich windet wie eine Hydra, und Kritik an einer Gesellschaft, die sich dem Eigennutz verschrieben hat. Dazwischen der Polizist Noredin, dessen unautorisierte Ermittlung zu einer Herkulesaufgabe mutiert. Fares steht da für einen Typ Mensch, der zwar nicht mehr an sich selbst, aber an eine bessere, höhere Ordnung glaubt, die anstrebbar bleibt. Bis auch dieses Weltbild bröckelt.

Die Nile Hilton Affäre ist großes politisches Kino im Gewand eines so rauhen wie eleganten Thrillers, voller Substanz und ganz vielen Seitenhieben, wüstenstaubverkrustet und abgasschwer. Ein Film aus den Straßen einer Millionenstadt und darüber hinaus, aus einem Land im dunklen Schatten der Pyramiden.

Die Nile Hilton Affäre

Einer nach dem anderen

AUS DEM WEG GERÄUMT

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einernachdemanderen

Ein Mann und sein Schneepflug kämpfen gegen das Unrecht – was so klingt wie die absurde Adaption einer Actionserie aus den 80igern ist in Wahrheit eine Art „Zehn kleine Negerlein“ aus dem hohen Norden. Im Grunde bietet der nüchterne Thriller, der gerne so skurril und bizarr sein möchte wie Fargo von Joel und Ethan Coen, einen nur dürftigen Plot. Viel gibt’s hier nicht zu erzählen. Und – wie gesagt – können das die Coens oder sogar Sam Raimi, wenn man an seine blutige Schnee-Groteske Ein einfacher Plan denkt, einfach viel besser. Da kann auch Schweden-Ikone Stellan Skarsgård nichts ändern.

Als Experte für Schneeräumung erfährt er eines Tages vom gewaltsamen Tod seines Sohnes, ausgeführt von den Handlangern der Handlanger eines Drogenbosses. Verbittert und voller Rachedurst gibt sich der pragmatische Brummbär seinen väterlichen Emotionen hin und räumt einen Bösewicht nach dem anderen aus dem Weg. Die makaber-originelle Komponente an diesem Film ist, dass Skarsgård vom Tellerwäscher bis zum Millionär alle obskuren und am familiären Unglück nur ansatzweise beteiligten Gestalten über den Jordan schickt – also von den Drecksarbeitern der Organisation bis zum Oberboss, dargestellt vom knautschgesichtigen Iffland-Ring-Träger Bruno Ganz, der aus welchen Gründen auch immer diese kleine Rolle angenommen hat. Wer könnte also den grauen Schneematsch der Gesellschaft besser beseitigen als einer, der ohnehin tagtäglich die winterlichen Straßen freiräumt. Zugegeben, die Doppeldeutigkeit hat was. Und auch die Idee hinter der kruden Killerstory. Doch sobald der Däne seinen ersten Toten verzeichnet, bewegt sich die dünne Story schablonenhaft weiter und kopiert sich sozusagen selbst immer wieder. Die Bösen wirken dabei äußerst schablonenhaft, wie einer simplen Gangsterpistole vom Zeitungskiosk entsprungen.

Fans von Schneekrimis und groteskem Skandinavien-Kolorit ist von diesem lakonische Killercountdown sicher nicht abzuraten – alle anderen dürfte die belanglose Dutzendware, die so aussieht, als wäre sie an einem Drehtag entstanden, entweder langweilen oder auch nicht weiter tangieren. Vorausgesetzt, man hat nicht vor, sich mit einem Schneepflug anzulegen.

 

Einer nach dem anderen