Marshall

ROUTINE VOR GERICHT

5/10


marshall© 2017 Droits réservés

LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: REGINALD HUDLIN

CAST: CHADWICK BOSEMAN, JOSH GAD, DAN STEVENS, KATE HUDSON, STERLING K. BROWN, SOPHIA BUSH, JAMES CROMWELL, JOHN MAGARO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Chadwick Boseman lässt sich zurzeit nachhören – und zwar in der auf Disney+ erschienenen, animierten Marvel-Serie What If… . Anscheinend dürften diese Synchronarbeiten schon etwas länger zurückliegen. Gerade als alternativer Star Lord T’Challa hätte Boseman wohl vielleicht sogar einen Multiversum-Auftritt in der neuen MCU-Phase haben und ganz viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Doch leider wird das nichts. Falls man aber den charismatischen Schauspieler nochmal gerne auf den Schirm holen möchte, bietet sich natürlich das Heimkino an. Einer seiner Filme, die wohl nicht ganz so an die große Marketing-Glocke gehängt wurden, weil sie vielleicht zu hausbacken geworden sind, wäre jedenfalls Marshall – ein Biopic über den ersten schwarzen US-Richter der Geschichte. Zuvor war dieser allerdings als Anwalt für Minderheiten tätig, unter anderem für einen Kriminalfall wie jenen, den Regisseur Reginald Hudlin (u. a. Boomerang mit Eddie Murphy) hier als sehr herkömmliches Justizdrama aufbereitet hat.

Marshall spielt in den frühen Vierzigerjahren, zu einer Zeit also, in der es Schwarze deutlich schwerer hatten, vor Gericht Gehör zu finden als natürlich die Weißen. Die waren überdies auch einfach wohlhabender und konnten, wenn schon nicht mehr Sklaven, so doch ihre Bediensteten mit Minderheiten besetzen. Einer davon: Chauffeur Joseph Spell (Sterling K. Brown), der kurzerhand verhaftet wird, nachdem ihm eine wie Kate Hudson, die hier die High Society gibt, der Vergewaltigung beschuldigt. Das Wort einer Weißen steht gegen das eines Schwarzen – der wiederum beteuert, das Verbrechen nicht begangen zu haben. In dieser Not tritt Thurgood Marshall auf den Plan, für den Fälle wie diese zum Job gehören, der aber ganz besonders in dieser Sache mit dem jüdischen Anwalt Sam Friedman (Josh Gad) zusammenarbeiten muss, der zwar nur Versicherungsfälle betreut, in dieser Oberliga aber mitmischen muss, da Marshalls Konzession in diesem Eck der USA nicht gilt.

Es lässt sich in Marshall wieder ganz gut erkennen, wie sehr Chadwick Boseman mit nur wenigen charakterlichen Adaptionen gänzlich unterschiedliche Persönlichkeiten spiegelt. Sein Thurgood Marshall ist weit von einem Black Panther entfernt, und auch weit von seiner letzten, meiner Meinung nach besten Rolle, nämlich die des Trompetenspielers aus Ma Rainey´s Black Bottom. In diesem Film hier gibt sich Boseman distinguiert und aufgeräumt, konzentriert und selbstbewusst – keinesfalls leidenschaftlich. Ein praktisch veranlagter Anwalt, der keiner Obsession erliegt. Entsprechend konventionell ist auch Hudlins Krimidrama geworden. Für ein Fernsehspiel wäre Marshall vielleicht bemerkenswert gewesen. Oder eben gerade richtig. Großes Kino ist diese Routine vor Gericht somit nicht. Es ist ein Spiel nach bewährten Formeln, die allesamt fraglos verstanden wurden. So wirklich packend sind aber weder die mögliche Aussicht auf ein falsches Urteil noch die obligaten Schlussplädoyers. Hier fühlt man sich als stoischer Ordnungshüter auf dem Flur vor dem Gerichtssaal, der Fälle wie diese immer wieder zu hören bekommt. Deren Erörterung mag ja manchmal für die ganze verstockte Gesellschaft von damals zu einem nachhaltigen Ergebnis gelangt sein. Das Wie und Weshalb, das dazu führt, ist aber doch nur pflichtbewusste Tagesagenda.

Marshall

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

DAS RICHTIGE TUN

8,5/10


stillwater© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TOM MCCARTHY

CAST: MATT DAMON, CAMILLE COTTIN, ABIGAIL BRESLIN, LILOU SIAUVAUD, DEANNA DUNAGAN, ANNE LE NY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Ihr könnt euch sicher alle noch an den aufsehenerregenden Fall Meredith Kärcher erinnern. Wenn da nichts klingelt, dann vermutlich beim Namen Amanda Knox. Jene Studentin, die knapp einer lebenslangen Haftstrafe entging, als sie nach vier Jahren aus dem Gefängnis kam, aufgrund eindeutiger Beweise der Unschuld der Angeklagten. Dennoch: das Image des Engels mit den Eisaugen blieb ihr – Danke den Medien an dieser Stelle, die das Kriminal-Brimborium publikumswirksam ausschlachten konnten. Amanda Knox hat sich im Falle des aktuellen Kinofilmes Stillwater – gegen jeden Verdacht gar zu Wort gemeldet – natürlich mit Plagiatsvorwürfen gegen das Drama von Tom McCarthy (Drehbuch-Oscar für Spotlight), der sich von dieser merkwürdigen Konstellation aus Opfer, Täter und Verdächtige inspirieren hat lassen. Wie gesagt: inspirieren. Nur sehr vage erinnert der Film an die tatsächlichen Ereignisse. Kein Grund, hier irgendwelche Rechte verletzt zu sehen. Und lässt sich der prägnante Lebenswandel einer bekannten Person denn tatsächlich rechtlich schützen? Gibt‘s dafür schon ein Copyright?

Abigail Breslin, die hat ohnedies keine eisblauen Augen, und sitzt außerdem nicht in Italien, sondern in Frankreich als Allison hinter schwedischen Gardinen. Schuldig des Mordes an ihrer Partnerin. Ausgefasst hat sie statt 26 „nur“ neun Jahre, und sie kann froh sein, dass ihr Vater Bill (die Mutter hat Suizid begangen, aber nicht wegen des Schicksals ihrer Tochter) immer wieder mal nach Marseille reist, um nach dem Rechten zu sehen und seiner Tochter die Wäsche zu waschen. Da überreicht sie ihm einen Brief für ihre Anwältin, mit einer wichtigen Information, die sie vielleicht, wenn alles klappt, deutlich früher als geplant entlasten und entlassen könnte. Papa Bill geht der Sache nach. Stößt zwar erst auf taube Ohren und bringt leere Kilometer hinter sich, doch dann öffnen sich ganz andere Chancen, die das Leben des sonst vom Pech verfolgten Amerikaners für immer verändern könnten.

Interessant und ungewöhnlich dabei ist, dass in Stillwater – Gegen jeden Verdacht der Fokus gar nicht mal zwingend auf dem Kriminalfall liegt, sondern sich vielmehr auf das Leben des verarmten, hart arbeitenden und ganz und gar nicht auf die Butterseite des Lebens gefallenen Charakter von Matt Damon konzentriert. Der liefert die beste und intensivste Performance seiner Karriere ab, wofür er, so hoffe ich, bei den nächsten Oscars zumindest nominiert werden sollte. Seine Rolle, die er mit jeder Faser seines schauspielerischen Know-Hows verkörpert, ist die eines schlichten, wortkargen Gemüts, eines bärbeißigen Arbeiters und Vorbestraften, der das Herz allerdings am rechten Fleck hat, sich im Zwischenmenschlichen allerdings ordentlich schwertut. Damon bringt mit wenigen Variationen des Ausdrucks dennoch eine ganze Palette an Gefühlsregungen zustande, von väterlicher Liebe bis zur fahrigen Anspannung. Sein Spiel ist wahrhaftig, seine zum Scheitern verurteilten Versuche, das Richtige zu tun, eine für ihn bewusstseinsverändernde Erfahrung. Tom McCarthy gelingt mit einem komplexen Script, das auf mehreren Ebenen funktioniert und in seiner Tonalität an Ken Loachs Sozialdramen erinnert, der psychosoziale Lebensentwurf einer Familie, die von einem andauernden schlechten Karma verfolgt zu sein scheint. Kurzum: Während die einen im Leben privilegiert sind, haben es andere scheinbar absichtlich schwer. In diesem Dilemma, indem das Richtige niemals richtig sein kann, sucht Matt Damon nach dem einzig richtigen Ausweg. Dieser Prozess ist bewegend, vielschichtig und grandios inszeniert. Trotz seiner Überlänge spart sich der Film unnötig Offensichtliches, behauptet sich sowohl als ruhiges Drama als auch als stimmungsvoller Thriller. Stillwater – Gegen jeden Verdacht zählt schon jetzt für mich zu den außergewöhnlichsten und daher auch besten Filmdramen des Jahres.

Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Der Mauretanier

KUBAKRISE 2.0

6,5/10


mauretanier© 2021 TOBIS Film GmbH.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: KEVIN MACDONALD

CAST: TAHAR RAHIM, JODIE FOSTER, SHAILENE WOODLEY, BENEDICT CUMBERBATCH, ZACHARY LEVI, COREY JOHNSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Es kommt immer darauf an, wie Message Control ihre Arbeit leistet: Außen hui, innen pfui. Nach Filmen wie Judas and the Black Messiah oder eben Der Mauretanier ist das Bild von den (ehemals) selbsternannten Wächtern der Welt das eines durchtriebenen Heuchlers, der westliche Werte predigt, und selbst aber zu Mitteln greift, die schon in der spanischen Inquisition irgendwann später als überholt galten. Die Rede ist vom Foltern, bis das Geständnis kommt. Statt Streckbank und Daumenschrauben gibt’s in Guantanamo Waterboarding, Schlafentzug und sonstige Abscheulichkeiten, die den Gefangenen brechen sollen. Mit diesen Methoden ist es ein Leichtes, alle möglichen Geständnisse zu erzwingen, und seien es auch jene, die zugeben, mit sowas Abstraktem wie dem Teufel im Bunde zu sein oder den Hexensabbat zu tanzen. Unterzeichnete Wahrheiten, die nichts wert sind. Doch zumindest befriedigt es die Wähler, denn die wollen einen Sündenbock für das 9/11-Verbrechen, und da ist einer, der über mehrere Ecken mit Bin Laden zu tun hatte, gut genug.

Dieser Jemand ist Muhamedou Ould Slahi, eben ein Mauretanier, der früher mal auf Seiten der Amerikaner und der Al Kaida gegen die kommunistischen Invasoren in Afghanistan gekämpft hat. Der wird eines Nachts, kurz nach dem 11. September, ganz einfach einkassiert, zuerst in den Nahen Osten verschleppt, dann in Guantanamo inhaftiert – und folglich immer wieder verhört. Zuerst noch auf humane Weise, später dann auf die harte Tour. Klar sieht man das in diesem Film, manche Szenen wirken so, als wären sie aus der Horrorreihe The Purge oder aus einem anderen perfiden Psycho-Murks. Tatsächlich waren das Methoden des US-Militärs. Von dieser Schande erfuhr die Öffentlichkeit erst einige Zeit später, und das dank einer liberalen, sozial engagierten Anwältin, die sich Slahi annimmt, einfach, um einen fairen Prozess auf Schiene zu bekommen – und den Verdächtigen mangels Beweisen freizubekommen. Das gebärdet sich natürlich schwieriger als gedacht.

Das Beeindruckende an diesem Politdrama von Kevin McDonald, der in Sachen Menschenrecht und Politik schon mit Der letzte König von Schottland verstört hat, sind die im Abspann zu sehenden, echten Aufnahmen des ehemals Gefangenen. Slahi wirkt wie eine unerschütterliche, lebensbejahende und enorm sympathische Person. Wie einer, der es geschafft hat, dank seines Glaubens an Gott diese 14 gestohlenen Jahre zu überstehen. Tahar Rahim versucht, diesem Gemüt ebenfalls zu entsprechen – und bekommt das szenenweise wirklich gut hin. Dieses Verschmitzte, Zuversichtliche, diese direkte Art, aber auch dieses Unbeugsame: eine stilsichere Performance. Dagegen bleibt Jodie Foster angespannt und blass, der Golden Globe für diese Rolle wurde womöglich aus reiner Sympathie vergeben. Der Fokus liegt also eindeutig auf Rahim, der übrige illustre Cast bleibt nicht mehr als solide, was man von der eigentlichen Inszenierung allerdings auch sagen kann. Schwierig, so einem brisanten Thema gleichzeitig den Schrecken zu lassen und andererseits aber ein chronologisch akkurates Geschichtskino zu bieten. Sehr wohl gelingt das, und auch schafft MacDonald den Schulterschluss mit vergeltungsaffinen, skeptischen und humanitär veranlagten Parteien. Dadurch bekommt Der Mauretanier eine überlegte Nüchternheit – doch was nebenbei den stärksten Effekt erzielt, ist die erfolgreiche Nutzbarkeit eines festen, inneren Glaubens, in diesem Fall dem des Islam, der in seiner reinen, von kulturellen Geboten entkoppelten Beschaffenheit genauso wie das Christentum Geist und Seele schützen kann.

Der Mauretanier

Im Labyrinth des Schweigens

DAS BÖSE ZUR RECHENSCHAFT ZIEHEN

6/10


labyrinthdesschweigens© 2014 Universal Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2014

REGIE: GIULIO RICCIARELLI

CAST: ALEXANDER FEHLING, GERT VOSS, JOHANNES KRISCH, ANDRÉ SZYMANSKI, JOHANN VON BÜLOW, ROBERT HUNGER-BÜHLER, LUKAS MIKO, FRIEDERIKE BECHT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Was habe ich nicht die schauspielerischen Spitzen dieses großartigen Künstlers auf den Brettern des Wiener Burgtheaters genossen! Egal, ob Thomas Bernhard oder Samuel Beckett – mit seiner sonoren Stimme und seinem Charisma war Gert Voss immer ein Erlebnis. 1995 gar von der Times als bester Schauspieler Europas genannt, verstarb dieser mit nur 72 Jahren – sein letzter Auftritt lässt sich im Holocaust-Aufarbeitungsdrama Im Labyrinth des Schweigens bewundern, in welchem er den legendären Eichmann-Jäger Fritz Bauer verkörpert. Voss hat seine Version des Staatsmannes ganz anders angelegt als dies ein Jahr später Burghart Klaußner in Der Staat gegen Fritz Bauer getan hat. Die zerzauste weiße Haarpracht, kettenrauchend und im Verhalten recht sperrig – zumindest optisch weiß Klaußner die historische Persönlichkeit schillernder und naturgetreuer zu verkörpern. Voss ist da womöglich bereits von seiner Krankheit gezeichnet, bleibt lieber er selbst als jemand anderer, erreicht aber immer noch Größe. Allein dafür wäre dieser Film schon sehenswert. Und natürlich kann ein Film nicht nicht ansehenswert sein mit einer Thematik wie dieser, geht’s doch um so etwas menschenrechtlich relevantes wie die in Frankfurt stattgefunden Auschwitz-Prozesse. Der Film beleuchtet, wie es dazu eigentlich gekommen war.

Im Mittelpunkt dieses in seinen Fakten tatsächlichen Geschehens steht allerdings eine fiktive Figur, die im Grunde die drei wirklichen Anwälte zusammenfassend darstellt: Alexander Fehling gibt den jungen Anwalt Johann Radmann, der sich erstmal nur mit juristischem Pipifax auseinandersetzen muss – Bezirksgericht auf langweilig. Bis ihm allerdings die Aussage eines Holocaust-Überlebenden namens Kirsch in die Hände fällt (gewohnt intensiv: Johannes Krisch), der dann folglich vieles ins Rollen bringt, in erster Linie aber ganz viel Papierkram und Organisatorisches. Ziel ist es schließlich, so viele Zeitzeugen wie möglich zur Aussage zu bewegen, um damit so gut wie alle Nazis, die in Auschwitz stationiert waren, des Mordes oder zumindest der Beihilfe dessen zu verurteilen. Fritz Bauer ist da als Generalstaatsanwalt ganz vorne mit dabei (in eingangs erwähntem Film von Lars Kraume sieht man ganz genau, auf welchen Widerstand aus den eigenen Reihen er damals gestoßen war). Im Laufe seiner Arbeit allerdings verbeißt sich Radmann auf eine ganz bestimmte Person – nämlich jene des nach Brasilien geflüchteten KZ-Arztes Josef Mengele, dem Inbegriff unmenschlicher Scheußlichkeiten.

Im Labyrinth des Schweigens ist konventionelles, polithistorisches Erzählkino, notwendigerweise chronologisch aufgebaut und vermengt mit den Versatzstücken eines pseudobiographischen Begleitdramas rund um Fehlings Filmfigur. Geschichtsdramen wie diese brauchen einen gefälligen, dramaturgischen Unterbau, schon allein deshalb, um eine Identifikationsfigur auf Augenhöhe zu schaffen. Hier, im Frankfurt der späten 50er Jahre, kauert der Faschismus hinter den Masken jener, die es sich gerichtet haben. In einer Szene verfällt Anwalt Radmann geradezu in verzweifelte Panik, weil er plötzlich in allen und jeden einen heimlichen Nazi zu erkennen glaubt. Dieser braune Dunst wabert über dem Retro-Interieur privater Wohnungen und Büros – ein schwelender Zustand, den Regisseur Giulio Ricciarelli relativ gut einzufangen weiß.

Ganz besonders begrüßenswert ist aber vielmehr die Art und Weise, wie der Film mit den schrecklichen Details umgeht, die weder breitgetreten noch als sentimentales Betroffenheitskino demonstrativ eingesetzt werden. Über die erzählenden Gesichter unterschiedlichster Art legt er den Mantel des Schweigens, nur ab und zu werden so manch erschütternde Erinnerungen artikuliert, und der ganze schreckliche Rest lässt sich in den eigenen Gedanken sowieso nacherleben – wenn man es zulassen kann und will. Durch diese pietätvolle Balance findet Im Labyrinth des Schweigens nie sein Ziel aus den Augen. Was bleibt, ist wichtiges Kino, allerdings nach bewährtem Muster, das durch seine prosaische Norm zwar interessant ist, aber nie wirklich emotional vereinnahmt. Dass dann tatsächlich so jemand wie Mengele bis in die 70er Jahre hinein unbehelligt weiterleben konnte, macht einem zumindest klar, wie sehr man in Sachen Gerechtigkeit damals wie heute gegen Windmühlen kämpft.

Im Labyrinth des Schweigens

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

VOM VERRATEN DER VERRÄTER

7/10


iltraditore© 2020 Pandora Filmverleih


LAND: ITALIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BRASILIEN 2019

REGIE: MARCO BELLOCCHIO

CAST: PIERFRANCESCO FAVINO, MARIA FERNANDA CÃNDIDO, FABRIZIO FERRACANE, LUIGI LO CASCIO, FAUSTO RUSSO ALESI U. A. 

LÄNGE: 2 STD 33 MIN


Anfangs scheint es noch so, als wäre die italienische True Story rund um Mafioso Tommaso Buscetta so eine ähnlich tragende, romantisierte Gewaltoper wie Francis Ford Coppolas natürlich meisterliche Trilogie rund um die Familie Corleone. Wir finden uns plötzlich an der sizilianischen Küste wieder, am Tage der heiligen Rosalia am 4. September 1980. Die Familien der Cosa Nostra kommen zusammen, um sich zu verbrüdern, zu plaudern und zu feiern. Beziehungen werden vertieft und neue gesponnen. Es scheint, als wäre die Mafia sowas wie ein gesitteter Adel, dabei war sie zu den damaligen Zeiten längst von einer gewissen Tollwut befallen, die in blinder Machtgier und Raserei ganze Sippen bis auf den letzten Blutstropfen über die gewetzte Klinge springen ließ. Tommaso Buscetta hat sowas schon geahnt – und sich aus dem Staub gemacht Richtung Südamerika. Dorthin, wo regelmäßig allerlei Verbrecher auswandern, in der Hoffnung, unter falschem Namen nicht mehr gefunden zu werden. Dieser Buscetta war noch dazu aus dem Gefängnis von Turin geflohen – also Gründe gibt es mehrere, um zwangsläufig zu privatisieren. Doch der Arm der Justiz ist lang. Er reicht auch bis nach Rio – und macht den Schurken dingfest. Der aber will vor seiner Vergangenheit nicht mehr davonlaufen. Ein Ehrenmann, wie er selbst einer zu sein glaubt, muss für seine Taten gradestehen. Also packt er aus. Als Kronzeuge gegen all die Schurken, die längst nicht mehr dem „noblen“ Codex des mafiösen Geheimbundes Folge leisten.

Bis auf die glamouröse Feier Anfang des zweieinhalbstündigen Films hat die sizilianische Mafia hier nichts mehr vom imperialen Schimmer, den sie in Filmen und Romanen immer wieder gerne aufpoliert bekommt. Die Mafia ist hier ein fast schon zerlumpter Haufen herumballernder Figuren ohne Moral, nicht viel mehr als Meuchelmörder. Irgendwo auf der Spitze dieser von Buscetti erläuterten Pyramide sitzt der Kommandant und hält das Zepter in der Hand. Während der sogenannten Maxi-Prozesse gegen gefühlt alle Mitglieder des Kartells werden viele davon auch verurteilt. Wie und wodurch – das spart Regisseur Marco Bellocchio so ziemlich aus, denn Zeuge Buscetta allein kann es nicht gewesen sein. Verurteilen kann man nur jene, die unter akkuraten Beweisen einknicken. Also muss es noch jede Menge Belastendes gegeben haben. Nur was? Das hätte ich gerne noch gewusst. Aber dann wäre der Film um die doppelte Spielzeit länger geworden. Il Traditore – Als Kornzeuge gegen die Cosa Nostra ist daher in erster Linie kein Film über die Mafiaprozesse, sondern ein biographisches Justizdrama um den Charmebolzen Buscetta, der sich zur Wahrheit durchringt und mit den Sünden seiner Vergangenheit reinen Tisch machen will. Perfrancesco Favino verleiht seiner historischen Figur etwas unnahbar Charismatisches, gleichermaßen aber auch etwas abstoßend Chauvinistisches und Patriarchalisches, wie das Klischee eines Mafioso eben. Zwischen den Rissen dieser errichteten Zitadelle aus Selbstgefälligkeit und Zugeständnis blitzt eine von Furcht und Erschöpfung wie gelähmte Seele, die von Alpträumen geplagt wird.

Il Traditore ist trotz seiner Überlänge ein in seinen Szenen klug selektiertes, straffes Biopic, bei dem man allerdings leicht die vielen Namen, Familien und Beziehungen durcheinanderbringt, was aber den kathartischen Grundton des Films und die zentralen Figuren nicht vernebelt. Die Mafia selbst wird hier trotz ihres weitreichenden Netzes und ihrer scheinbar unerschütterlichen, zeitlosen Struktur zu einem bröckelnden, obsoleten Konstrukt, das angreifbar wird und sich aushebeln lässt. Das kann man als Entrümpelung eines Mythos verstehen, der sich, verfolgt man die Fakten, längst überholt hat. Oder mittlerweile zu etwas ganz anderem geworden ist.

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

The Trial of the Chicago 7

UNTER DEM DRUCK DER STRASSE

6,5/10


chicago7© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: AARON SORKIN

CAST: EDDIE REDMAYNE, SACHA BARON COHEN, JOSEPH GORDON LEVITT, MARK RYLANCE, FRANK LANGELLA, JEREMY STRONG, MICHAEL KEATON U. A. 

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Eigentlich wäre dieser historische Stoff hier das richtige Thema für Vietnamkriegs-Veteran Oliver Stone gewesen. Vielleicht gar als Ergänzung für sein hochgeschätztes Drama Geboren am 4. Juli. So gesehen sind beide Filme recht verwandt, nur dass The Trial of the Chicago 7 Erfahrungen an der Front komplett ausspart. Relevant ist hier das politische Engagement der breiten Masse Ende der 60er Jahre, die verfechteten Grundwerte der freien Meinung und vor allem das Demonstrationsrecht in Zeiten wie den damaligen. Ein ewiges Recht, das aktuell nicht mal durch allerlei Corona-Maßnahmen groß beschränkt werden kann. Das Versammeln des Volkes, um Unmut oder Statements kundzutun, das lässt sich den Menschen genauso wenig nehmen wie das Recht auf Schlaf, Verpflegung und Gesundheit. Die Vorsicht vor skandierenden Kritikern war zu Präsident Nixons Amtsantritt eine ungemein große. Dementsprechend wenig wollte man den Anti-Vietnam-Tonus zu hören bekommen.

Völlig logisch – was hätte eine Demonstration für einen Sinn, wäre sie nicht unbequem? Ausarten sollte sie nicht, zu keinen Straßenschlachten sollte es kommen. Doch genau das war an besagtem Tag im Jahre 1969, vielleicht auch inspiriert und motiviert durch den Studententumult im überseeischen Frankreich, leider passiert. Acht Mitglieder unterschiedlichster Vereine sind festgenommen worden. Die Frage ist also vor Gericht: war es bewusste Aufwiegelei zur Gewalt? Oder doch nur reine Eigendynamik angesichts ganzer Herden hochgerüsteter Polizisten.

Drehbuch-Erfolgsmann Aaron Sorkin, berühmt geworden durch sein Stück Eine Frage der Ehre, schwimmt im Dunstkreis der Justiz längst nicht in unbekannten Gewässern. Jack Nicholson auf der Anklagebank ist bis heute noch gut in Erinnerung, zuvor wurde das Stück am Broadway stürmisch gefeiert. Später dann sind seine Drehbücher für The Social Network oder Moneyball mit dem Oscar geadelt worden. Jetzt führt er selbst Regie – nach Molly’s Game seine zweite Arbeit hinter der Kamera. Und es scheint, dass Aaron Sorkin auch als investigativer Reporter eine ganz gute Figur gemacht hätte. Warum? Weil seine Filme vor allem eines sind: dramatisierte Chroniken brisanter Fakten. Informativ, das sogar sehr, dafür aber ausgeprägt sachlich. Eine gewisse Distanz zu den handelnden Personen bleibt gewahrt, um berichterstattende Objektivität zu wahren. Bei The Trial of the Chicago 7 ist genau das passiert: sein Polit- und Justizdrama, das sich fast ausschließlich im Gerichtssaal abspielt, ist zwar bis unter den Talar prominent besetzt – von Eddie Redmayne über Sacha Baron Cohen bis Michael Keaton – emotional mitreißen vermag sein Werk aber wenig. Aber wäre das dann nicht ohnehin allzu pathetisch? Wäre das nicht Boulevardkino zur falschen Zeit am falschen Ort?

Sorkin ist alles andere als ein impulsiver Künstler. Sein Blick ist geordnet, seine Arbeit akkurat, sein Team unter planender Hand auf seine Plätze verwiesen. Bizarre Lichtgestalt des ganzen True Story-Prozesses ist allerdings nicht Borat-Ikone Baron Cohen, der allerdings auch eine recht schillernde Performance hinlegt, sondern „Euer Ehren“ Frank Langella. Seine unberechenbaren Eskapaden hinter dem Richterpult könnten in die Filmgeschichte eingehen.

The Trial of the Chicago 7

Vergiftete Wahrheit

IM MORDOR DES KONZERNS

7,5/10


vergiftetewahrheit© 2020 Tobis 

 


LAND: USA 2019

REGIE: TODD HAYNES

CAST: MARK RUFFALO, ANNE HATHAWAY, TIM ROBBINS, BILL PULLMAN, VICTOR GARBER, BILL CAMP, MARE WINNINGHAM, WILLIAM JACKSON HARPER U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Das erste, was man nach diesem Kinobesuch womöglich tun wird, ist, in der hauseigenen Küche nach den Pfannen zu sehen. Womöglich wird man nach dieser kleinen Inventur in der Teflonfrage zumindest mit einem der Utensilien auf der Habenseite stehen. Solche Teflon-Pfannen hat fast noch ein jeder. Dabei ist dieses Wundermaterial scheinbar überall zu finden, vor allem dort, wo Flüssigkeiten abperlen sollen. Regenjacken zum Beispiel. Dieses Teflon, das gibt´s ja scheinbar schon ewig, wie Todd Haynes Streifen uns verrät. Doch erst Anfang der 2000er Jahre kam eine Wahrheit ans Licht, die eigentlich niemand so genau wissen wollte. Und das erst, nachdem der Chemiekonzern DuPont bereits massenhaft irreversiblen Schaden angerichtet hatte.

Die Wiedergutmachung, auf welche der Megakonzern verklagt werden soll, den zahlt doch der Riese aus der Portokassa. Solche Machtzentren der Wirtschaft sind unbezwingbar. Ein Thanos der Gier, ein Sauron der Vertuschung und der Zermürbungstaktik. In diesen Hexenkessel gerät der rechtschaffene Anwalt Robert Bilott, der im Begriff ist, nach kurzem Kratzen an der Oberfläche einen Umweltskandal von ungeahnten Ausmaßen aufzudecken. Bilott muss die Seiten wechseln, hat er doch bislang Chemiekonzerne wie DuPont nur vertreten. Jetzt aber muss er einen verklagen. Den größten nämlich. Und ahnt nicht mal ansatzweise, womit er es zu tun haben wird. Das organisierte Verbrechen wirkt in seiner brutalen Problemlösung dagegen wie ein Kindergeburtstag, während Konzerne wie DuPont ihre Gegner auf ganz anderem Level mundtot machen. Mark Ruffalo alias Anwalt Rob ackert bis zum Nervenzusammenbruch, um den Riesen zum Wanken zu bringen. Der Hulk-Schauspieler verleiht dem integren Menschen mit Hang zur Verbissenheit zutiefst menschliche Züge, seine Figur ist eine zum Anfassen, zum Ausweinen, das Gewissen in Person, das in ruhigem Ton den Bonzen von ganz oben die Fakten auf den Tisch legt. Seine Waffe ist die genaue Recherche. Und das ist auch die Stärke von Todd Haynes bewegender Zeitgeschichte.

Der Regisseur von Velvet Goldmine oder Carol hat – so wie Anwalt Robert Bilott – all seine Hausaufgaben gemacht. Sein Film ist ein ruhig erzähltes, klar strukturiertes und sehr konzentriertes Tatsachendrama, dessen tosender Schrecken in den unerhörten Fakten ruht, die fast zu absurd sind, um nicht erfunden zu sein. Doch alles ist wahr. Vergiftete Wahrheit hütet sich davor, angesichts dieses ausufernden Stoffs nicht die Fassung zu verlieren oder abzuschweifen. Er bleibt am Punkt, setzt seine Justiztragödie in wintergraue Landschaften und kalte Büroarchitektur. Kameramann Edward Lachmann hat schon bei Carol bewiesen, dass er passend zur Geschichte die richtige visuelle Tonart finden kann. Vergiftete Wahrheit ist ein Film, der trotz all seiner nüchternen Justizfilm-Parameter den menschlichen Faktor im Auge behält. Berührend dabei: einige der Beteiligten dieser Katastrophe spielen sich selbst. Das gibt dem Werk ungemeine Authentizität. Nichts ist überzeichnet, alles ruht auf einer Wahrheit, die man nicht sofort sieht, die aber womöglich schon längst ganze Generationen um ihre Gesundheit gebracht hat. Vergiftete Wahrheit sollte man gesehen haben – weil man darin gut erkennen kann, wie viel Platz der Mensch als solcher im globalen Milliardenmanagement eigentlich hat.

Vergiftete Wahrheit

Der Fall Richard Jewell

DER ÜBLICHE VERDÄCHTIGE

8/10

 

richardjewell© 2020 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: PAUL WALTER HAUSER, KATHY BATES, SAM ROCKWELL, JON HAMM, OLIVIA WILDE U. A. 

 

Wer ist eigentlich Paul Walter Hauser? Würde mich nicht wundern, wenn hier jetzt einige von euch fragend nach dem Namen googlen. Womöglich erscheint hier ganz oben bei den Ergebnissen ein gewisser Film namens I, Tonya, jener True Story über besagte Eiskunstläuferin, die ihre Konkurrentin sabotiert haben soll. Eine der Nebenrollen, die hier im Gedächtnis geblieben sind, war jene des selbsternannten Agenten Shawn Eckhardt. Auch in BlackKlansmann fiel er als eher unterbelichteter Neonazi auf, beides handfeste Performances, die wohl auch Clint Eastwood aufgefallen sind. Denn der hat ihn kurzerhand für seinen neuesten Film engagiert, und zwar nicht für eine Nebenrolle, sondern gleich für die ganz große One-Man-Show, in der er Richard Jewell verkörpert, dessen Name vermutlich nun auch durch den Suchfilter laufen wird, denn jenseits des Atlantiks sind die Schlagzeilen rund um einen mehr schlecht als recht vereitelten Anschlag auf die Olympischen Spiele in Seattle entweder längst in Vergessenheit geraten oder gar nicht mal in solchem Ausmaß durchgedrungen wie zum Beispiel jenes Wunder vom Hudson River, das Flugzeugpilot Sully vollbracht hat. Diesen gewissenhaften, integren Charakterkopf kann man nach wie vor durchaus als Held bezeichnen, obwohl Helden selber von sich niemals so sprechen würden. Held ist auch ein relativ „gefährliches“ Wort, ich sage mal so, denn ein Held scheint unfehlbar zu sein, und diese implizierte Unfehlbarkeit ruft in relativ kurzer Zeit jede Menge Gegenstimmen auf den Plan, und so wird die Perfektion einer guten Tat schnell zu einem ungläubigen Wunder, dass, hat man es nicht selber gesehen, im Zweifel für des Menschen guten Charakter niemals passiert sein kann. Nach Sully ist Der Fall Richard Jewell der zweite Film zur Analyse von Alltagshelden anhand wahrer Geschichten. Die Ambivalenz eines solchen Geschehnisses, diese graue Wolke, die solche Menschen in ihren unnachahmlichen Taten umgibt, dürfte das sein, was Clint Eastwood fasziniert. Überhaupt sind es diese Portraits außergewöhnlicher Amerikaner, denen sich Clint Eastwood schon die längste Zeit gewidmet hat und vermutlich noch widmen wird. Er beobachtet sie innerhalb ihrer Zeitkapsel aus Ruhm und Zweifel, um sie dann wieder in ihre Anonymität zu entlassen. Doch bemerkenswert sind sie alle. Und ganz besonders dieser Richard Jewell, den Paul Walter Hauser eben so grandios verkörpert. Als wäre das die Rolle, auf die er Zeit seines Lebens hingearbeitet hätte, stünde er nicht erst am Anfang einer großen Karriere, die hiermit womöglich ihren ernsthaften Anfang nimmt.

Zugegeben, Richard Jewell dürfte damals ein Sonderling gewesen sein. Einer, der bei seiner Mutter wohnt (ebenfalls grandios: Kathy Bates), Waffen sammelt und für den Recht und Ordnung über alles geht. Das klingt schon mal verdächtig – aber warum eigentlich? Recht und Ordnung ist schon mal notwendig, wenn jemand so ein Verständnis dafür hat, warum sollte nicht gerade der einen Job in der Exekutive haben? Weil er über die Stränge hinausschlägt? Manches zu ernst nimmt? Über nichts hinwegsieht? Im Nachhinein ist es gut, das Jewell über nichts hinweggesehen hat, denn der oftmals gekündigte und scheel beobachtete Junggeselle hat als erster diesen herrenlosen Rucksack bemerkt, der unter einer Bank im Areal des Olympia-Parks lehnt. Natürlich war das eine Bombe, und natürlich ist sie explodiert, doch dank Richard Jewell hat diese weniger Schaden angerichtet als geplant. Der Mann wird zum Helden, wird in so gut wie fast allen Medien zum Interview geladen und durch die Gegend hofiert wie ein Popstar. Bis dem FBI die Sache spanisch vorkommt, ist doch der Bursche das exakte Ergebnis einer Faustformel fürs Täterprofil. Pech für ihn, ein üblicher Verdächtiger, und im Namen aller Profiler fraglos schuldig. Inquisition verlief im tiefsten Mittelalter nicht anders, aber das nur am Rande. Der Retter wird also zum Täter hochstilisiert. Was dann beginnt, sind quälende Wochen aus Bespitzelung, Hausdurchsuchung und Schmutzkübelmedien, die aus dem Paulus einen Saulus machen.

Mit Der Fall Richard Jewell ist Clint Eastwood mit knapp 90 Jahren wohl einer seiner besten Filme gelungen. Dieses unfassbar wahre Paradebeispiel einer mediengemachten Hexenjagd der Neuzeit ist Schglagzeilenkino vom Feinsten, alleine schon aufgrund seines grandios aufspielenden Ensembles bis in die Nebenrollen, die von Eastwood mit sicherer Hand und ohne allzu viel Druck aufs Set geschickt werden. Bei so viel dramatisierter Erniedrigung klappt einem durchaus die Kinnlade herunter, und zwischenszeitlich ertappt man sich selbst dabei, der investigativen Meinungsmache stattzugeben. Doch Jewell, der dürfte ein aufrichtiger Bursche gewesen sein (und ist es so denke ich heute noch), und dabei zuzusehen, wie ein ebenfalls begnadeter Sam Rockwell als schrulliger Anwalt seinem Klienten aus der Misere hilft, ist packend, unglaublich menschelnd und kurios zugleich.

Der Fall Richard Jewell

Just Mercy

GNADE VOR UNRECHT

7/10

 

Just_Mercy_Picture_No_1© 2020 Warner Bros GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

CAST: MICHAEL B. JORDAN, JAMIE FOXX, BRIE LARSON, TIM BLAKE NELSON, O´SHEA JACKSON U. A.

 

Da blieb kein Auge trocken: Als der reuige und zum Glauben gefundene Sean Penn in Dead Man Walking seinen titelgebenden letzten Gang antreten musste, war die Schmerzgrenze des zumutbar Tragischen eigentlich längst erreicht. An seiner Seite: Susan Sarandon, die als Emotional Support des zum Tode Verurteilten ihren Oscar erhielt. Wen allerdings dieser ultimative Film zur Todesstrafe noch immer nicht ganz davon überzeugt hat, dass dieses drakonische Mittel nichts mehr anderes ist als ein so sinnloser wie obsoleter Rest aus dem Mittelalter; wer nach diesem Film immer noch nicht verstanden hat, dass die Dunkelziffer aller Fehlverurteilten erschreckend hoch und Tod durch Tod keine Lösung ist, der könnte sich durch den vor Corona im Kino angelaufenen und nun auf amazon als Streaming-Highlight abrufbaren Justizdrama nun die letzten Prozent seines Zweifels ausräumen lassen. Just Mercy beruht auf den als Buch verfassten Erfahrungen des Bürgeranwalts Bryan Stevenson und präsentiert ein ausgeschlafenes Ensemble, das gegen die Todesstrafe und für eindeutig mehr Gnade wettert.

Gnade vor Unrecht könnte der Slogan sein, der dieser Art von Strafe den Tod bringen kann. In vorliegendem Film wagt der Harvard-Jurist Stevenson, souverän und einnehmend verkörpert von Michael B. Jordan, das Abenteuer Südstaaten – und lässt sich gerade dort nieder, wo die rassistische Kacke Ende der 80er immer noch gehörig am Dampfen ist. Mutter sieht das kritisch, ungefährlich ist dieses Unterfangen nicht. Doch Stevenson will helfen, ist durch und durch Humanist und steht für eine Gerechtigkeit, die verhindern soll, das „Herrenmenschen“ Menschenrecht mit Füßen treten. Getreten werden die Schwarzen dort tagaus tagein. Leicht ließe sich die Darstellung weißer Rednecks in Uniform als gängiges Klischee interpretieren. Die erschreckende Erkenntnis wird aber sein: diese Darstellung ist womöglich gar noch untertrieben. Ein Schwarzer als Sündenbock ist schnell mal herbei intrigiert und Zeugenaussagen zum Schaden anderer sehr leicht eingeholt. Jamie Foxx, der landet dann in der Todeszelle. Natürlich für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Stevensons CEO-Anwaltskanzlei, speziell auf Todesstrafen und deren Revision fokussiert, will es in diesem Fall wissen – und legt sich mit korrupten, kriminellen Mechanismen auf Seiten des Gesetzes an.

Just Mercy ist ein hemdsärmeliges, gehaltvolles Stück Justizdrama, alles nach Fakten. Jamie Foxx war nach Ray womöglich nie mehr so gut, sein nachvollziehbares Verhalten zwischen gottergebener Resignation vor dem Damoklesschwert der Ungerechtigkeit und dem Fall ins Bodenlose balanciert der Schauspieler in einer intensiven Performance. Die Szenen im Todestrakt erinnern etwas an The Green Mile, und auch der Schrecken selbst – der Tod auf dem elektrischen Stuhl – zeigt sich wiedermal als Barbarei, die sich vom Ketzerverbrennen am Scheiterhaufen nicht viel wegbewegt hat. Ein guter Film, ein durchaus wichtiger Film, und einer, der diesen ewigen Kampf gegen die Windmühlen der US-Strafgesetze wieder in Erinnerung ruft.

Just Mercy

Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets