Die versunkene Stadt Z

DEN DSCHUNGEL IM KOPF

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2010 veröffentlichte der amerikanische Journalist David Grann ein Buch, das sich kurzerhand in meiner Hausbibliothek wiederfinden durfte, da meine Vorliebe für Entdeckergeschichten aller Art eine ist, die man nur schwer oder gar nicht unterdrücken kann.

In seinem fein säuberlich recherchierten und spannend geschriebenen Tatsachenbericht Die versunkene Stadt Z hat sich Grann einem der letzten Mysterien der Neuzeit angenommen: dem Mythos rund um Colonel Percy Fawcett, Vater von drei Kindern, Kartograph, Abenteurer und Militarist. Der leidenschaftliche Perfektionist hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts, während einer Flussvermessung im Grenzgebiet zwischen Bolivien und Brasilien, in den Kopf gesetzt, auf Basis spärlicher archäologischer Spuren dem Geheimnis einer goldenen Stadt nachzugehen, die im unbekannten Dickicht Amazoniens immer noch auf ihre Entdeckung zu warten schien. Eine gescheiterte Expedition und ein ganzer Weltkrieg später macht sich Fawcett erneut auf den Weg. Gemeinsam mit seinem nun fast schon erwachsenen Sohn, um endlich Gewissheit zu erlangen. Diese letzte Reise wird eine Irrfahrt ohne Wiederkehr.

Wer sich für Geografie, Entdeckungsgeschichte und Archäologie interessiert, wird die dramatischen Ereignisse ziemlich sicher kennen. Grann´s Buch zu lesen ist fast so, als würde man selbst auf die Suche gehen nach jemandem, der wie vom Erdboden verschluckt wurde. Das Spannende: noch Jahrzehnte später haben sich, finanziert mithilfe des Vermögens von Fawcetts Ehefrau, Abenteurer auf den Weg gemacht, die Verschwundenen zu finden, was fast noch aufregender ist als die verhängnisvolle Odyssee an sich. Damals schon, 2010, war auf dem Klappentext des Buches davon die Rede, dass Brad Pitt demnächst in der Verfilmung von Fawcett´s Leben die Hauptrolle übernehmen wird. Klar, dass ich der Sache nachgegangen bin, doch nichts dergleichen ließ sich im Internet finden. Fast 7 Jahre später kam sie dann – die Verfilmung. Ohne Brad Pitt, oder zumindest nur als Produzent, während Regisseur James Gray (Two Lovers, Helden der Nacht) den charismatischen Newcomer und Sons of Anarchy-Star Charlie Hunnam in Szene setzen durfte. Und seit den letzten Filmen mit Brad Pitt bin ich froh, dass jemand anders als der medienmüde Ex-Ehemann von Angelina Jolie diese prägnante Charakterrolle übernommen hat. Hunnam ist der ideale Kandidat. Und das nicht, weil er dem jüngeren Brad Pitt zum Verwechseln ähnlich sieht. In seiner Rolle als Col. Fawcett gibt sich der charismatische Blondschopf ausdrucksstark, draufgängerisch, konzentriert und vor allem eines: diszipliniert. Genau diese Charaktereigenschaften schreibt David Grann, beruhend auf Fakten, auch der realen Person des Percy Fawcett zu. Wenn der fürs Kino adaptierte Fawcett mit konzentrierter, überlegt betonter und leiser Stimme seine Überzeugungen kundtut, gibt es selbst für uns Zuseher keinen Zweifel mehr, dass an der Sache mit El Dorado nicht doch etwas dran sein muss. Dank Hunnam wird die biografische Vorlage des Buches lebendig. Dabei beeindrucken nun weniger die stimmungsvollen Aufnahmen aus dem Dschungel, die man zwar gerne, aber oft schon gesehen hat, als vielmehr die Schauspieler, die den vergangenen Ereignissen greifbares Leben einhauchen. Die wandelbare Sienna Miller trägt da ebenso ihren Teil dazu bei wie Ex-Edward Cullen Robert Pattinson, der immer noch vehement gegen die Twilight-Strömung schwimmt und sich mit Rauschebart bis zur Unkenntlichkeit gegen den Strich besetzt.

James Gray schafft es, mit Die versunkene Stadt Z das Sachbuch von David Grann geschickt zu dramatisieren. Spekulatives Beiwerk lässt er außen vor und konzentriert sich auf das Wesentliche – auf die Lust und die Gier, Geheimnisse zu entmystifizieren. Auf den egomanischen Dschungeltrip durch die Psyche eines unruhigen, ruhelosen Geistes.

 

 

Die versunkene Stadt Z

Kong: Skull Island

MONSTER MAG MAN EBEN

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kong

2014 beschlossen die Warner Brothers, angesichts lukrativer Kinouniversen aus der Comic- und Spielzeug-Franchise seitens der Konkurrenz, das japanische Monsterfilm-Genre für sich zu entdecken. Unter der Regie von Gareth Edwards (Monsters, Rogue One – A Star Wars Story) haben die Macher im Frühsommer genannten Jahres das Parade-Untier vom Stapel gelassen – Godzilla. Edwards interpretierte das Subgenre des Fantasyfilms komplett neu und näherte sich dem plakativen Thema mit unorthodoxer Ernsthaftigkeit und einer zurückhaltenden, ungewohnten Bildsprache, was den Fans klassischer Kaiju-Filme mitunter sauer aufstieß. Kaiju – aus dem Japanischen entnommen, bedeutet so viel wie „seltsame, rätselhafte Bestie“ und bezeichnet ein spezielles Subgenre unter den Fantasy- und Science-Fiction-Filmen. Der neue Godzilla entsprach dem Aussehen nach viel mehr dem japanischen Man-Suit-Original als bei Roland Emmerich, der es gewagt hatte, sein Monster als Dinosaurier umzuinterpretieren. Bei mir kam der Film damals gut an, da ich Edwards´ Regie sehr schätze. Da Warner vorhat, ein Cinematic Universe im Stile von Marvel zu erschaffen, allerdings mit haushohen Kreaturen, hat es nach 3 Jahren nun das zweite gigantomanische Parademonster sein müssen, das die Leinwand neu erobern soll – und zwar niemand geringerer als der Riesengorilla King Kong.

Zugegeben, meine Skepsis war groß, vor allem nach Peter Jacksons missglückter Reanimation aus dem Jahr 2005. Dem Meister der Herr der Ringe-Filme gelang es nicht, das Kaiju-Thema neu zu interpretieren, stattdessen verließ er sich auf die CGI aus Jurassic Park und einer völlig fehlbesetzten Naomi Watts, die hanebüchen um sich schrie. Jackson´s King Kong war weder Affe noch Godzilla, sondern eine stillose Abenteuergurke, die nicht begriff, wann es genug war. Regiekollege Jordan Vogt-Roberts hingegen ließ sich weder von Gareth Edwards noch von Peter Jackson irritieren und besann sich auf die ureigenen Charakteristika pazifischen Monsterhorrors. Sein Kong: Skull Island ist respektloser, sauteurer Trash auf handwerklich höchstem Niveau. Um ehrlich zu sein – ein unglaublicher Schmarrn, der Logiklöcher wie seismische Bomben in die Oberfläche der Schädelinsel sprengt und für Unwahrscheinlichkeitsrechnungen absichtlich falsche Lösungen findet. Aber, um nochmal ehrlich zu sein – wie kann es denn bei so einem Schmarrn, der Primaten auf einen halben Kilometer Höhe anwachsen lässt, mit rechten Dinge zugehen? Wenn schon das Unmögliche möglich sein darf, dann können auch alle möglichen physikalischen Gesetze aus Natur und Technik außer Acht gelassen werden. Denn es würde ja schon fast an selbstbetrügerische Feigheit grenzen, Wasser zu predigen und Wein zu trinken. Wenn, dann predigt Vogt-Roberts auch den Wein, den er trinkt – und trägt die Konsequenzen seines Szenarios bis zum Ende. Und dieses Szenario bedient locker aus dem kleinen Finger heraus jenes Publikum, das Monster ganz einfach gern hat. Wer mit Riesenechsen, Megaspinnen, Kraken und brüllenden Affen nichts anzufangen weiß, sollte den Film meiden. Denn um nichts Anderes geht es hier – Monster, die sich und andere zum Fressen gerne haben, auch Menschen nicht verschmähen und zum heumärktlichen Fressepolieren antreten, dass die Palmen wackeln.

Den furchteinflößenden Kreaturen werden namhafte Schauspieler zur Seite gestellt, die sich, klar unterfordert, dem tobsüchtigen Spaß entweder anschließen, unterwerfen oder damit gar nichts anzufangen wissen. Brie Larson zum Beispiel, Oscarpreisträgerin 2016 für Raum, kommt erst gar nicht auf die Idee, großartig aufzuspielen, sondern wirkt die ganze Zeit über so, als wäre sie im falschen Film. Monsterfilme dürften nicht ihres sein, davon sollte sie zukünftig die Finger lassen. Ähnlich ergeht es Tom „Loki“ Hiddleston – sein Fährtenleser ist alles andere als ein Indiana Jones. In diesem endlos scheinenden Urwald wirkt er ziemlich verloren. John C. Reilly als Robinson Crusoe-Verschnitt und dem omnipräsenten Samuel L. Jackson als manischem Racheengel geht’s da schon etwas besser. Reilly hat sichtlich Freude. Und Jackson weiß, was er zu tun hat. Wahrscheinlich aber ist, dass in Kaiju-Filmen die menschliche Komponente hauptsächlich zur Staffage gereicht, und ihr Schauspiel nicht viel mehr abverlangt als plakative Showbühnenpräsenz. Genauso passiert es, und es scheint, als wäre das durchaus gewollt. Und genauso ächzen, ballern und schwitzen die Helden unter den fetzigen Klängen von Jefferson Airplane oder Black Sabbath durch einen tropischen Fiebertraum der Superlative, der sich zwischen Tropic Thunder, Platoon, Predator und Abenteuerromanen von Jules Verne selbst persifliert und gefundene Stilmittel wie pathetisch-reißerische Slow-Motions hemmungslos überzeichnet. Zu den absurdesten – und besten Szenen zählt Hiddleston´s Angriff mit dem Samurai-Schwert auf hässliche Flugsaurier inmitten giftgrüner Nebelschaden. Würde Tarantino einen Monsterfilm entwickeln, wären solche Szenen wohl mit von der Partie.

Spätestens da weiß der Zuseher, worauf er sich eingelassen hat. Auf eine dramaturgisch grottenschlechte Geisterbahnfahrt, bei der sich die Monster AG nochmal warm anziehen muss. Eine Geisterbahnfahrt, die ihrem speziellen Genre allerdings mehr als gerecht wird und die Erwartungen nerdiger Monsterfans mehr als erfüllt. Denn so wie sich die wahren Herrscher dieses Planeten prügeln – genauso hat man es gern. Die filmische sowie kameratechnische Brillanz von Kong: Skull Island und der dazugehörige rosarote 3D Effekt durch die Brille sorgt für reueloses Vergnügen beim Wrestling der Bestien in der ersten Reihe fußfrei. Menschen, die zufällig im Bild stehen, möchte man nur noch wegwinken. Kong: Skull Island ist phantastischer Fleischbeschau ohne Hirn und Verstand, aber unwiderstehlich gut bebildert und herrlich banal. 

 

 

Kong: Skull Island