Rim of the World

INDEPENDENCE DAY FÜRS SOMMERCAMP

5,5/10


rimoftheworld© 2019 Netflix


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: MCG

CAST: JACK GORE, MIYA CECH, BENJAMIN FLORES JR., ALESSIO SCALZOTTO, ANDREW BACHELOR, ANNABETH GISH U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Die Achtziger ließen mit den Fünf Freunden, TKKG oder den 3 Fragezeichen eine Welle eingeschworener Cliquen aus Mut, akzeptiertem Anderssein und Zusammenhalt in die lernfreien Nachmittage von Volksschülern und Unterstuflern schwappen. Das Kino ist auf dieser Welle ebenfalls mitgeritten, zu sehen in Die Goonies oder Stand by Me. Das mit Hitchcock als Testimonial veredelte Detektivtrio hatte da am meisten den Drall zum Phantastischen, obwohl nach den immer gleichen, bewährten und zeitlosen Lösungsparadigmen für scheinbar paranormale Phänomene Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews am Ende des Tages stets feststellen mussten, dass alles in diesem Universum logisch erklärbar bleibt. Ein bisschen mehr über den Tellerrand des wissenschaftlich Erfassten zu blicken, hätte der Reihe nicht geschadet. Aber gut, dafür gibt’s eben Stranger Things – oder den auf Netflix erschienenen Independence Day für Halbwüchsige: Rim of the World.

Auch hier sind vorab drei, später dann vier Freunde fest davon überzeugt, die Welt retten zu können. Der Weg dorthin führt aber über eine sozialkompetente Ebene, die sich im Sommercamp des Stanislaus National Forest in Kalifornien nur schwer erarbeiten lässt. Keine bzw. keiner der späteren Junghelden ist schließlich wirklich freiwillig hier. Die einen zur Not, die anderen, weil es ihnen dann vielleicht besser geht, wenn sie unter Leute kommen. Da wähnt man sich als Zuseher noch in einer recht unmotivierten Teenieklamotte mit schräg aufgelegten Gruppenleitern, die sich bis zur Peinlichkeitsgrenze verstockten Präpubertären auf erniedrigende Weise anbiedern. Doch dieser Fremdschämfaktor vergeht recht rasch, denn es passiert, was bereits in Independence Day passiert ist: Die Welt sieht sich einer Alien-Invasion gegenüber, und ja, natürlich bevorzugen diese den nordamerikanischen Kontinent. Sie kommen mit Raumschiffen und ballern unsere Zivilisation in Grund und Boden – zum Glück können die nunmehr vier grundverschiedenen Charaktere, die sich logischerweise zusammenraufen müssen, untertauchen, aber nicht, ohne vorher eine Raumkapsel vor den Latz geknallt zu bekommen, die nicht nur eine Astronautin, sondern auch ein recht lästiges Alien mit sich führt. Erstere wird nicht überleben, übergibt den Kids aber einen Schlüssel, den sie unbedingt von A nach B bringen müssen. Wohl klar, was die Next Generation tun wird, auch wenn es immer wieder danach aussieht, als wäre das eine Mission Impossible.

Mit dieser Franchise hat Regisseur McG allerdings nichts zu tun, wohl eher mit den Charlies Angels, dem Team aus Lucy Liu, Drew Barrymore und Cameron Diaz. Filme, die genauso wenig prägnant in Erinnerung bleiben wie seine spätere Komödie Das gibt Ärger oder 3 Days to Kill. McG inszeniert Filme, die wie Fastfood schmecken – weder Fisch noch Fleisch, aber ganz ok. Nährwert gibt’s darin keinen. Den finden wir bei Rim of the World auch nicht. Wenn man aber will, dann immerhin den Willen zur Reminiszenz eines eingangs erwähnten Hypes, der schon Jahrzehnte zurückliegt und wieder in Mode kommt. Dabei bekommen die vier Kids natürlich ihr Portiönchen an biographischer Wegzehrung mit auf den Weg, aber gerade nur so viel, damit nicht der Eindruck entsteht, sich ernsthaft damit beschäftigen zu wollen. McGs Invasions-Abenteuer braucht zur Gestaltung seiner Filmfassade nur ein bisschen davon – bei der Ausgestaltung des Monsters hätte es jedoch ein bisschen mehr sein können. Darüber mal hinweggesehen: Rim of the World ist solide Teenie-Fantasy mit dem Know-how, den kindlichen Trotz aufmüpfiger Pennäler für sich zu nutzen. Damit, so scheint es, lässt sich jedes Alpha-Alien einschüchtern.

Rim of the World

Viking Vengeance

OH HAUPT VOLL BLUT UND WUNDEN

6,5/10


vikingvengeance© 2018 Indeed Film


LAND / JAHR: USA 2018

BUCH / REGIE: JORDAN DOWNEY

CAST: CHRISTOPHER RYGH, CORA KAUFMAN

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Lass den Kopf nicht hängen! – ein Imperativ, den man gestandenen Monsterjägern mit auf den Weg geben sollte. Doch jeder macht es, wie er möchte. Manche nehmen sich nur den stattliche Eckzahn aus der Kauleiste ihrer erlegten Kreatur, manche legen gleich den ganzen Kadaver vor die Füße ihres gerade regierenden Königs. Dieser Berserker hier hängt sich die Schädel all seiner Auftragsopfer fein säuberlich an die Wand seiner Hütte mitten im Wald, jeweils aufgespießt auf einen Pflock. Dann legt er seine formschöne Rüstung ab und heilt seine Wunden mit einer magischen Mixtur aus Erde, Wurzeln und sonstigem Gemansche. Und wartet. Auf das nächste tönende Halali, wenn es wieder heißt, in den Wald zu gehen und wütenden Besten zu zeigen, wo der Kriegshammer hängt. Nur eine Kreatur ist da nicht darunter: jene, die seine Tochter auf dem Gewissen hat. Also schwört der namenlose Eremit auf ewig Rache. Die er auch bekommt. Dumm nur, dass der Kopf dieses Wesens mit des Wikingers heilender Tinktur in Berührung kommt – und wieder zum Leben erwacht.

Was für eine krude Story. Aber zugegeben: nach dem letzten Met am Ende eines Ritterfests in irgendeiner pittoresken Burg, begleitet von den Klängen der Laute, entstehen angedudelte Ideen, die man nüchtern vielleicht gar nicht in den Kopf bekommt. Aber bitte, ich will hier niemanden der Schnapsidee verdächtigen, wenngleich sich Viking Vengeance so anfühlt. Und das wiederum ist gut so. Es gibt viel zu wenig verrückte Ideen im Kosmos des phantastischen Films, und da freut man sich tatsächlich, einem Kopf-an-Kopf-Rennen wie diesem in einer Mischung aus Neugier und selbst auferlegter Kriegsstimmung, wie sie LARPer allzu gerne aus dem Filzhut zaubern, beizuwohnen. Und wenn sich der namenlose Rächer seinen bis ins kleinste Detail liebevoll in Form gebrachten Lederhelm überstülpt, dann ist ganz offensichtlich, dass die Macher dieses Dark Fantasy-Slashers zumindest beim Kostüm keine Kosten gescheut haben. Was bleibt vom Budget dann noch übrig? Womöglich nicht viel. Den Wald, die Burg aus der Ferne, die gibt’s womöglich kostenlos. Wie aber den übrigen Plot visualisieren, ohne sich selbst in die Trash-Ecke zu drängen? Denn genau das ist Viking Vengeance auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nämlich nicht: Trash. Das war auch Robert Rodriguez‘ El Mariachi nicht, der mit wenigen tausend Dollar inszeniert wurde und der den Mexikaner zur Berühmtheit machte. Das war auch Blair Witch Project nicht – ebenfalls wohlfeil umgesetzt, ohne Darlehen abbezahlen zu müssen. Der Künstler muss nur wissen, wie. Und improvisieren. Eine Challenge, die Jordan Downey auf professionelle Weise besteht.

Viking Vengeance (im Original: The Head Hunter) setzt auf Stimmung und Details – und natürlich auf das Outfit des Kopfjägers. Er setzt auf die bizarre Geschichte aus Horror und mittelalterlicher Phantastik. Er lässt sich von Andrzej Sapkowskis The Witcher genauso inspirieren wie von Prinzessin Fanthagiro – einem trickreichen Mehrteiler aus Italien. Nur hier ist Christopher Rygh allein auf weiter Flur unterwegs, ohne sonstigem höfischem Zinnober. Gut, man giert unweigerlich danach, dem Meister bei der Arbeit zuzusehen, doch außer Gebrüll und dem angestrengten Geächze von irgendwo außerhalb des Bildes bleibt die Action verborgen, und das mit Sicherheit aus Gründen mangelnder Ressourcen. Andererseits aber schafft der Film dadurch eine lakonische Mystery, die im Kopf passiert, und buttert seine Ideen geschickt in den großen Showdown, auf welchen das grimmige Solostück hinarbeitet. Downey macht das Beste draus – und befördert die erdige Groteske spätestens beim verblüffenden Schlusstwist weg von den ausgetretenen Pfaden herkömmlicher Heldenquests rein in den finsteren Forst garstiger Ironie.

Viking Vengeance

Hotel Transsilvanien 4 – Eine Monster Verwandlung

WENN DRACULA INS SCHWITZEN KOMMT

7/10


hoteltranssilvanien4© 2021 CTMG, Inc. All Rights Reserved. 


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DEREK DRYMON, JENNIFER KLUSKA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BRIAN HULL, KATHRYN HAHN, ANDY SAMBERG, SELENA GOMEZ, STEVE BUSCEMI, DAVID SPADE, FRAN DRESCHER U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCH): RICK KAVANIAN, ANKE ENGELKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wer das Hotel Transsilvanien schon mal besucht hat, weiß, dass die gemächliche Verschrobenheit einer Addams Family oder jener der Munsters in ganz anderen Welten zu finden ist. Hier, im knallbunten Monsterverse der Sony Pictures, exponieren sich Vampire, Mumien und Co wie auf einem Schaulaufen vor VIP-trächtigen Festivals. Das Umsichkreisen sämtlicher Kreaturen aus Horror, Grusel und Fantasy findet in diesen stattlichen Gemäuern seine knallbunte Erfüllung. Manch einer übertreibt dann etwas mit seiner Selbstmotivation, auf jedem Stelldichein seinen Senf dazugeben zu müssen – allen voran Hotelbesitzer Dracula, kurz Draco, der langsam darüber nachdenkt, in Rente zu gehen. Wie denn? Ein Vampir altert doch nicht. Oder doch? Hier scheint alles möglich, und in gewohnter Manier dehnt und verrenkt sich Draculas Cartoon-Körper in eckigem Stakkato zu allen möglichen Fettnäpfchen, in die er tritt. Schwiegersohn in spe, Bürschchen Johnny, ist da noch mehr auf Speed. Wer das aushält, kann darüber hinwegsehen, doch bei so vielen Energydrinks, die der Bursche da intus haben muss, hat man das Gefühl, langsam selbst einem Zuckerschock zu erliegen.

Die beiden ungleichen Helden dieses schreiend komischen Sequels führen dann auch ungeniert das knuffige Abenteuer an, welches sie quer durch den südamerikanischen Regenwald führt. Doch wie kommt’s dazu? Ganz einfach. Wie schon erwähnt – Papa Draco will den Hotelschlüssel an Töchterchen Mavis übergeben, allerdings nicht ihrem Freund, diesem Knallkopp. Um dem Dilemma zu entgehen, erfindet der Graf die Lüge, dass nur Monster Monster beerben können. Der Rotschopf ist verzweifelt und wendet sich an den Steampunk-Opa Van Helsing, den Daniel Düsentrieb des Hauses, der natürlich ein Instrument auf Lager hat, welches Monstern zu Menschen macht. Klar geht das auch umgekehrt. Jonathan ist plötzlich ein Drache, und Dracula ein Biedermann mittleren Alters mit schütterem Haar. Alles rückgängig zu machen geht auch nicht, denn das Artefakt geht kaputt, und so müssen die beiden einen Ersatz finden. Und der liegt im Dschungel.

Und genau da bündelt der launige Animationsstreifen auch all seine Stärken: Wie der temporäre Ex-Vampir unter dem Menschsein leidet, wie er sich durch die Tropen quält und dabei der Endlichkeit des Lebens auf den Zahn fühlt. Wie er in rumänischem Akzent zetert und jammert, begraben unter einem Berg von Rucksack – das ist Situationskomik vom Feinsten. Für mich zumindest zum Brüllen. Egal, wie gut, originell oder dicht der Plot auch sein mag. Egal, wie vorhersehbar – was zählt, ist in Filmen wie diesen der Humor des Moments. Komödie ist kein leicht zu meisterndes Genre. Lacher zu entlocken noch weniger einfach. Umso erstaunlicher, dass Hotel Transsilvanien 4 – Eine Monster Verwandlung seinen zwerchfellkitzelnden Charakterschmäh aus einem angenehm unverkrampften Witzepool lukriert.

Hotel Transsilvanien 4 – Eine Monster Verwandlung

Nightmare Alley

DER MENTALIST UND DAS MONSTER

8/10


nightmarealley© 2022 Twentieth Century Fox / The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

CAST: BRADLEY COOPER, CATE BLANCHETT, ROONEY MARA, WILLEM DAFOE, TONI COLLETTE, RICHARD JENKINS, RON PERLMAN, DAVID STRATHAIRN, MARY STEENBURGEN, HOLT MCCALLANY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 30 MIN


Das würde ich wirklich gerne mal machen, und zwar einen Rundgang in Guillermo del Toros schauriger Bude, auch genannt Bleak House, frei nach Charles Dickens und angesiedelt in den Vororten von Los Angeles. Dort wohnt er zwar nicht, aber er geht dorthin, um Ideen zu finden oder sich inspirieren zu lassen. Ich möchte fast sagen, es ist ein Heimkommen in ein inneres Zuhause aus Phantastereien und Alpträumen; ein Metaversum, wenn man so will. All die Räume sind bis zur Decke randvoll mit Monstern, Kuriositäten und Absonderlichem. Mit allem, was seine und andere Filme, die den Mexikaner faszinieren, jemals bevölkert haben. Da ist so viel Zeug, das hat sogar gereicht für eine ergiebige Wanderausstellung quer durch die USA bis hinauf nach Kanada. Vielleicht schafft sie es ja mal nach Übersee, wer weiß. Bis dahin sind del Toros Filme das, was immerhin auch ganz gut als Gruselkabinett funktioniert, aus welchem man allerdings nicht das Heil in der Flucht sucht, sondern fasziniert und an allen Nischen und Erkern innehält, um die bizarre Welt, getaucht in Rot- und Grüntönen, die in der Dunkelheit miteinander verschmelzen, in sich aufzusaugen.

Für diese Welt braucht es Zeit, da geht nichts zackzack. Del Toro muss man genießen wollen und sich nicht verstören lassen von in Spiritus eingelegten Missgeburten, die wie Exponate aus dem Narrenturm indirekt beleuchtet werden, um das Widernatürliche des Körperlichen zu exponieren. Es mag zwar in Nightmare Alley kein Fischmonster in die Wanne steigen, kein Vampir die Zähne fletschen oder eine gehörnte Teufelsbrut coole Oneliner schieben. Doch die Bestien aus seinen Träumen sind auch hier, in einem stringenten, opulenten Meisterwerk der Schwarzen Serie, omnipräsent.  

Guillermo del Toro hat sich eines Romans angenommen, der bereits 1947 erstmals verfilmt wurde: Der Scharlatan von William Lindsay Gresham, der den Aufstieg und tiefen Falls eines Hochstaplers beobachtet, der vorgibt, Mentalist zu sein. Und was für einer: nicht nur kann er angeblich Gedanken lesen und in die Zukunft blicken, sondern vor allem auch mit den Toten kommunizieren. Dabei sieht anfangs alles danach aus, als würde Stanton Carlisle sein Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen. Das tut er aber doch, und zwar bei Clem und seinem Wanderjahrmarkt aus Schaustellern, Freakshows und Karussellen. Dort macht er sich nützlich, lernt Tricks und das Lesen von Menschen. Sieht, wie Missgestaltete und Saufbolde als Sensationsbestien missbraucht werden, brennt dann bald durch mit seiner Geliebten, dem Jahrmarktmädchen Molly. Stanton will mehr. Mit seiner Gabe und dem perfekten Betrug die Oberschicht für sich gewinnen und reiche Beute machen. Er wird zu weit gehen, das ist klar. Und er wird einbiegen, in die Allee der Alpträume, die kein Ende hat.

Ein klassischer Film Noir, würde man meinen. Und natürlich mit dazugehöriger Femme Fatale, die Cate Blanchett als gnadenlose und maskenhafte Überzeichnung einer Lauren Bacall zum Versatzstück einer Geisterbahn werden lässt, deren Schein trügt. Es wäre aber nicht Guillermo del Toro, wäre der Film nicht genauso ein seltsames Mischwesen wie seine Kreaturen, die ihn umgeben. Das Publikum wird zum Begaffer eines ganz anderen Bestiariums, das sein großes Vorbild, nämlich Tod Brownings Horrorklassiker Freaks, vor allem in seiner parabelhaften Moral präzise zitiert. Es gibt Szenen und Bilder, die erinnern so frappant an das Schreckensdrama von damals, da gibt’s für mich keine Zweifel. Browning hatte damals mit tatsächlich missgestalteten Menschen gearbeitet, die in einer simplen, aber effektiven Rachegeschichte die finsteren Pläne einer bildschönen Trapezkünstlerin sühnen werden. Auch dort ist ein Jahrmarkt Ort des Geschehens, und auch dort sind niedere Triebe wie die Gier nach Mammon und Wohlstand der Grund dafür, die Gutgläubigkeit anderer zu manipulieren und deren Vertrauen zu missbrauchen. Bradley Cooper alias Stanton tut als Blender nichts anderes als das Schändliche und mutiert zur Kreatur der Nacht mit Vaterkomplex und Hang zum Wahnsinn – ein intensives Spiel, so wie das des gesamten Ensembles des Films, die geben, was verlangt wird, und noch ein bisschen mehr an grimmigem Spuk. In malerische Bilder taucht del Toro sein üppiges Opus Magnum, und schließt mit sicherer Hand den Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt.

Nightmare Alley

Nightbooks

JUMPSCARES FÜR KIDS

7/10


nightbooks© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: KRYSTEN RITTER, WINSLOW FEGLEY, LIDYA JEWETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Es ist nicht leicht, Grusel zu erzeugen, der so wohldosiert ist, dass er für Zuseher jüngeren Semesters reizvoll genug erscheint, um sich wohlig zu fürchten, jedoch keinen nennenswerten nachhaltigen Schaden hinterlässt. Mit der Verfilmung des Buches Das schaurige Haus hat letztes Jahr eine österreichisch-deutsche Koproduktion versucht, den Geisterhorror auf ein familientaugliches Level herunterzuschrauben. Schwarze Augen, seltsames Gekritzel an den Wänden, Taschenlampen, in deren Lichtkegeln Merkwürdiges zum Vorschein kommt. Das Ganze war gut gemeint, doch abgesehn von den überforderten Jungdarstellern etwas ungelenk. Mit der Netflix-Produktion Nightbooks hat man ein bisschen etwas anderes ausprobiert und den Horror so gut es eben geht der obligaten Basis eines jugendlichen Alltags enthoben. Es braucht nicht lange, da schlägt Nightbooks seine hexenden Seiten auf, und lässt den Kids vor dem Screen kaum Zeit, darüber nachzudenken, ob sowas überhaupt einem selbst passieren kann.

Natürlich nicht. Und deswegen ist dieser fein säuberlich ausjustierte Horror um ganze Hexennasenlängen jener voraus, die im Kontext eines klassischen Jugendabenteuers den Grusel bereit für das Kinderzimmer machen wollen. In Nightbooks nimmt der junge Alex, leidenschaftlicher Horrorfan und Autor seiner eigenen Schauergeschichten, vor lauter Frust, da niemand zu seiner Geburtstagsparty erschienen ist, von zuhause Reißaus und landet, ehe er sich versieht, in den vier Wänden einer schrecklich schönen Hexe, die Alex nur deswegen am Leben lässt, weil er ihr etwas bieten kann: nämlich Geschichten. Doch so auf Befehl geht das nicht. Muss es aber. Zu seiner Überraschung ist er nicht allein in dieser obskuren Isolation gefangen – ein Mädchen namens Yazmin ist hier ebenfalls eingesperrt und fristet ihr Dasein als Bedienstete. Es wäre kein Abenteuer für ältere Kids, würden beide nicht versuchen, der Hexe das Handwerk zu legen und ihren magischen Fesseln zu entfliehen.

Roald Dahls Hexen hexen trifft auf Hänsel und Gretel, und die wiederum auf Escape Room. Nightbooks ist ein Potpourri, ein wild zusammengepanschter Zaubertrank aus bekannten Zitaten und Grimm’schen Motiven. Verantwortlich für diesen Hokuspokus zeichnet Regisseur David Yaroveski, der mit Brightburn seinen juvenilen Anti-Superman auf die Erwachsenenwelt losließ. Man erkennt auch hier die Ambition eines Horror-Regisseurs, sich nicht nur mit knallbuntem Budenzauber abzugeben, sondern auch subversive Elemente zu setzen. Bei Eli Roth und seinem Haus der geheimnisvollen Uhren hat das nicht funktioniert – hier allerdings schon. Fiese Kreaturen, die aussehen wie ein neu zusammengezüchteter Alien-Hybrid, düstere Flure, gruselige Retro-Inserts und unschöne Hexenvisagen pushen durchaus Albträume. Mit der Freigabe von 7+ ist Netflix diesmal überraschend großzügig, für dieses Alter könnten die paar wenigen Jumpscares nachhaltiges Unwohlsein bescheren. Für Teenies allerdings und deren Elternschaft offenbart sich doch tatsächlich eine gelungene Halloween-Einstimmung, in der Krysten Ritter (Marvel’s Jessica Jones) mit Plateauschuhen und einer offensichtlichen Leidenschaft für ihre Rolle den fiesen Charme einer Anjelica Huston versprüht. Wie Nightbooks dann augenzwinkernd das uns altbekannte Volksmärchen auch noch in die Geschichte einbettet, hat ein bisschen was von der Art, wie Hellboy seine Mythen verbrät. Eine Hommage ans Märchenerzählen ist Nightbooks geworden, ein Zugeständnis an die Freude am Gruseln, die, mit dem gewissen Quäntchen an Adrenalin, jugendlicher Kreativität den Horizont erweitert.

Nightbooks

The Tomorrow War

DIE ZUKUNFT KOMMT VON DEN STERNEN

6/10


the-tomorrow-war© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHRIS MCKAY

CAST: CHRIS PRATT, YVONNE STRAHOVSKI, BETTY GILPIN, J. K. SIMMONS, SAM RICHARDSON, EDWIN HODGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


In die Zukunft zu schauen ist ein ambivalenter Umstand. Zum einen meist Humbug, ganz viel Astrologie, und jede Menge Häuser in Konjunktur mit diversen Planeten, die das Glück des Tages bestimmen. Zum anderen ist es durchaus legitim, wenn’s um Dinge wie den Klimawandel geht. Dem Planeten ist das egal, uns aber könnte es bald wegschwemmen, austrocknen oder davonblasen. Zum nochmal anderen gibt’s die Zukunft, die sich kein bisschen abzeichnet, über die sich manche aber dennoch den Kopf zerbrechen. Sorge dich nicht, lebe!, sagte einst schon Dale Carnegie in seinem gleichnamigen Bestseller. Was juckt mich, wenn morgen der Komet kommt? Wenn mir morgen der obligate Ziegelstein auf´s Haupt fällt oder wenn sich Aliens in meine Wade verbeißen? Genau an dieser Stelle wird „Star Lord“ Chris Pratt Einspruch erheben.

In seinem neuen Actionkracher, welchen er stolz und mit Clint Eastwoods kennerhaftem Kneifblick anzuführen vermag, ist es möglich, per Zeitreise für rosige Aussichten zu sorgen. Aber nur, wenn alle bereit sind, für ihr Wohl zu kämpfen. So viel Einsatz würde man gern nach Greta Thunbergs Ansprachen sehen. Doch das Klima ist kein greifbares Monster. Die White Spikes hingegen, die in naher Zukunft ganz plötzlich die Erde überrennen, und anders als in A Quiet Place alle Sinne beieinander haben, sind handfeste Bioinvasoren erster Güte und jagen sich an die Spitze der Nahrungskette, während der Mensch zum Zwischenglied verkommt. Deswegen reisen bis an die Zähne bewaffnete Krieger in die Vergangenheit, um alles, was noch gerade laufen kann, für den Endkampf zu rekrutieren. Teil der zusammengewürfelten Miliz ist Dino-Dompteur Chris Pratt, der zumindest als Ex-Soldat sowas wie Kampferfahrung hat. Klarerweise sieht er sich in der Pflicht, busselt seine Familie zum Abschied und fort ist er – für eine Woche. Vorausgesetzt, er landet nicht am extraterrestrischen Buffet.

Ein bisschen konfus ist dieser Alien-Actioner schon und viel weniger präzise ausformuliert als John Krasinskis Gehör-Knaller. Während ich mich bei letzteren noch ordentlich wundern musste, warum der hochtechnologisierte Mensch es nicht auf die Reihe bekommt, instinktgetriebenen Kreaturen, die noch dazu akustisch leicht zu manipulieren sind, Herr zu werden, erscheint in diesem exklusiv auf amazon veröffentlichten Wohnzimmer-Blockbuster allein die Menge der wütenden Viecher jegliche Strategie im Keim ersticken zu können. Diese Plausibilität kann The Tomorrow War im Gegensatz zu A Quiet Place für sich verbuchen. Was der Film nicht kann, ist, das individuelle Schicksal empfindbar darzustellen. Das liegt in erster Linie an Pratt, dem es sichtlich schwerfällt, Gefühle zu zeigen. Das liegt auch an den stereotypen Charakteren, die wohl eher in den Filmen eines Roland Emmerich zu finden sind: Independence Day mit Zeitreise also, was ja mitunter auch seine als treffsichere Boni zu verortenden Vorzüge hat. Doch sieht man von der Grundidee eines Multiversums mal ab, in dem, wie seit Loki bekannt, alles erlaubt und möglich zu sein scheint, hapert es bei unserem gewissenhaften Helden am Grundverständnis, was kausale Zusammenhänge bei Zeitreisen betrifft. Auf Basis dieses kruden Missverständnisses gerät die Vater-Tochter-Geschichte zum Blindgänger. Rundherum aber ergötzt sich der Science-Fiction- und Monsterfan an wiederholten Großaufnahmen aufgesperrter, geifernder Monstermäuler, garstigen Vierbeinern, die wie in Zhang Yimous The Great Wall die Barrikaden stürmen und am Verheizen sowieso totgeweihter Erdenbürger als astreines Kanonenfutter. Etwas zynisch, dieser Krieg. Wobei – das sind sie sowieso alle.

The Tomorrow War

Godzilla vs. Kong

WER ZULETZT BRÜLLT,…

8/10


godzillavskong© 2021 LEGENDARY AND WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. ALL RIGHTS RESERVED. GODZILLA TM & © TOHO CO., LTD.


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ADAM WINGARD

CAST: ALEXANDER SKARSGÅRD, REBECCA HALL, MILLY BOBBY BROWN, BRIAN TYREE HENRY, KAYLEE HOTTLE, DEMIÁN BICHIR, EIZA GONZÁLES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Geklotzt wird später? Wohl kaum. Dieser Streifen hier wird wohl das wuchtigste Stück Eventkino des heurigen Jahres bleiben. Ich bezweifle auch, dass sich ein Film wie Godzilla vs. Kong in Sachen Formatfülle in absehbarer Zeit toppen lassen wird. Naja, vielleicht, wenn noch ein dritter im Bunde in den Ring steigt, oder es überhaupt ein Doppel gibt. Aber auch da kann der schmale Grat zwischen entsetzlichem Getöse und wohlkomponiertem Monsterclash sehr leicht bröckeln. Hier wird uns letzteres beschert.

Bitteschön, es ist auch überhaupt kein Problem, Godzilla vs. Kong im Heimkino zu genießen. Interessanterweise läuft hier parallel zur Kinoauswertung der Retailverkauf auf DVD und Blu-Ray. Wer sich aus seinem im letzten Jahr fein säuberlich evaluierten Home Cinema nicht verabschieden kann, braucht hier nur die funkelnde Scheibe in den Player schieben – schon geht die Post ab. Kann aber sein, dass es den Fernseher vom Sockel hebt. Um dem vorzubeugen, rate ich wirklich von Herzen: wenn schon unbedingt Kino, dann wäre es ein Fehler, sich bei Godzilla vs. Kong nicht das Royal Flash unter die Nase reiben zu lassen.

Ich also in meinem Lieblingskino, Saal 1, IMAX-Leinwand (was sonst?), Reihe 9 Mitte. Die besten, längst erprobten Plätze, stets im Vorfeld gesichert. Die Erwartungshaltung ist etwas gedämpft, da der Kaiju-Vorgänger Godzilla 2: King of Monsters von Michael Dougherty ein Schuss ins Knie war. Zu viel Lärm um nichts, mittelmäßig animierte und aufgrund der vielen umhergelenkten Energiestrahlen, die extrem viel Gegenlicht erzeugen, schlecht erkennbare Kreaturen. Darüber hinaus stereotype Figuren und kaum Spannung. Von Gareth Edwards Erstling Godzilla meilenweit entfernt. Der wiederum hatte damals auf ganz viel Stimmung und Atmosphäre gesetzt und die dem Universum zugrundeliegende Wucht und Theatralik geschickt angeteasert. Da wusste man: das schmeckt nach Mehr. Nun – jetzt kommt mehr: Adam Wingard (Death Note, Blair Witch) hat die Ärmel hochgekrempelt und alle Fehler des ersten Sequels ausgemerzt. Entstanden ist ein Blockbusterkino, das die Leinwand sprengt.

Die Story ist natürlich schnell erzählt. Keiner will sich hierbei mit unnötiger Dramaturgie aufhalten. Wichtig ist: ein knapper, aber schlüssiger Plot, den Rest erledigen die Titanen. Genauso ist es auch. Nach Kong: Skull Island fristet der gigantische Primat sein Dasein isoliert unter einer Kuppel auf besagter Insel, was ihm natürlich ordentlich stinkt. Warum ist das notwendig? Nun, damit der King of Monsters, eben Godzilla, nicht Jagd auf ihn macht. Denn von den Titanen, da kann es – wie bei Highlander – nur einen geben. Um auf dieser alternativen Erde allerdings die Sache mit den stampfenden Biomassen zu verstehen, plant eine Gruppe Wissenschaftler um den zwielichtigen Unternehmer Simmons (Demián Bichir) eine Expedition in eine angeblich existierende Hohlwelt, höchstpersönllich (und eher unfreiwillig) angeführt von Kong. Bei der Überfahrt in die Antarktis allerdings, wo der Eingang in die Jules Vern´sche Unterwelt existiert, kommt es zur ersten, unweigerlichen und nicht ganz freundlichen Begegnung mit der schuppigen Riesenechse.

Mehr Inhalt gibt’s hier nicht, das wäre sonst gespoilert. Was ich aber sagen kann: es gleicht einem Kunststück, ein Gekloppe wie dieses so akkurat durchzuchoreographieren. Es ist nicht so, dass die Kamera draufhält und dann gibt’s Kinnhaken links und rechts und das war‘s dann. Wingards Kameraleute und Animationsexperten entfesseln nebst ihren Monstren eine wildgewordene Kamera, die um ihre nichtmenschlichen Stars herumrotiert, herumwirbelt, oben unten sein lässt und umgekehrt. Das ist schwindelerregend, da könnte einem das visuelle wie akustische Getöse wiedermal das Hirn vernebeln – aber das tut es keine Sekunde. Trotz dieser Virtuosität gelingt Godzilla vs. Kong eine erfrischende Klarheit in seiner Bildsprache. Es reicht eben nicht nur, hyperrealistische Wesen und Welten zu generieren – es braucht auch den künstlerischen Aspekt des Filmemachens alter Schule. Wingard kombiniert beides; schafft es gar, seine Stars so gut es geht in dieses Abenteuer einzubinden (bis auf Skarsgård, der seiner Unterforderung Luft macht) und entrümpelt sein glatt geschliffenes, kleines Libretto von unnötig ausufernden Privatgeschichten. Der Fokus liegt dort, wo er liegen soll. Die Lust an der freigesetzten physischen Energie von Godzilla und Kong wird fast durchwegs befriedigt. Und niemals ist es ein Overkill.

Spätestens wenn die Echse durch Hong Kong stapft, ist das die größte Verbeugung bislang vor dem Kinokult der Tōhō-Studios, vor den Geschichten rund um brüllende Gottheiten, panisch flüchtenden Menschenmassen und staunenden Gesichtern weniger Idealisten, die der Größe zwar nicht Paroli bieten können, dafür aber manchem Ungetüm ihr Herz schenken. Meines haben sie schon.

Godzilla vs. Kong

Monster Hunter

DRACHEN ZÄHMEN ANDERE

6,5/10


monsterhunter© 2020 Constantin Film Verleih

LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

CAST: MILLA JOVOVICH, TONY JAA, MEGAN GOOD, RON PERLMAN, JIN AU-YEUNG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Size does matter! Diese Einsicht hatte Roland Emmerich bereits in seinem Trailer zu dessen Außenseiter-Version von Godzilla gut verbraten. Und ja, er hatte verdammt recht. Größe fällt tatsächlich ins Gewicht. Mein jovialer Imperativ an dieser Stelle: Erhebet das verwöhnte Sitzfleisch und macht euch auf ins Kino! Die Frage, ob Großbildleinwand oder lieber Homecinema, die soll sich bei Filmen wie diesen eigentlich gar nicht stellen. Monster Hunter zum Beispiel zieht man sich im dunklen Auditorium rein, vorzugweise auf IMAX-Leinwand und THX-Sound. Nirgendwo sonst. Ob Pacific Rim, King Kong, Godzilla oder Godzilla vs. Kong (bringt als nächstes die Leinwände zum Beben) – für den Bildschirm sind diese Filme einfach zu schade. Selbst Game of Thrones hätte eigentlich ins Kino gehört, aber wer tauscht schon fürs Bingewatching Jogginghosen gegen Ausgehkluft? Aber bitte – vielleicht ändern sich die Zeiten auch in diesem Fall. Für Monster Hunter ist es jetzt schon so weit. Und es ist so, wie der Titel des Streifens schon sagt: Was draufsteht, ist auch drin. Oder: zahlst du für Monster, kriegst du Monster.

Man bekommt aber auch noch obendrauf eine Killa-Milla serviert. Als Marine-Commander muss sie mit ihrer (vorwiegend) männlichen Truppe per Automobil eine steinige Wüste irgendwo im Nahen Osten durchqueren. Dabei kommt ein Sturm auf, ein regelrechtes Unwetter mit Blitz und Donner und wirbelndem Sand. Dabei werden die Soldaten ordentlich durchgeschüttelt und landen in einem Dünenmeer fernab jeglichen Funkkontakts. Das Publikum ahnt, was gleich als nächstes passieren wird. Irgendwas Monströses wühlt sich einem Ameisenlöwen gleich aus der Sandkiste und hat dabei nichts Gutes im Sinn. Was folgt ist kämpfen, rennen, flüchten. Ein astreines Abenteuerkino mit der dramaturgischen Dichte eines Guilty-Pleasure-B-Movies und unterlegt mit 80er Synthesizer-Klängen, hebt an. Dazu passt ein Kübel Popcorn und eine kühle Flasche Bier. Herrlich.

Paul W.S. Anderson ist also mal kurz von seinen Resident Evil-Pfaden abgebogen und hat sich eben das Franchise einer Videospiel-Reihe zur Brust genommen. Ich kenne die Spiele nicht, kann also nichts vergleichen. Bin auch froh darüber, andauernd dieses Abwägen, ob entsprechend oder nicht, würde mir den Spaß etwas trüben. Auf diese unbedarfte Weise bleibt mir eine natürlich recht hölzern aufspielende Milla Jovovich, die, wenn sie sich die Hände schmutzig macht, keinerlei Berührungsängste mit welchen Bestien auch immer hat. Action, das kann sie. Dafür scheint die Dame gemacht. Das weiß auch Gatte Anderson. Als schräger Sidekick sorgt Tony Jaa (mehr oder minder ein Jackie Chan-Ersatz) für Humor zugunsten kommunikativer Missverständnisse. Und für den Rest – da öffnet Monster Hunter die Tore des Kolosseums. Ob behörnte Sandwühler – brüllend und stampfend, Legionen dorniger Spinnen oder geschmeidige Drachen, die jenen aus Game of Thrones locker das Wasser reichen können – und ebenso bildgewaltig in Szene gesetzt werden: dieser Clash Mensch gegen Kreatur will nicht mehr, aber auch nicht weniger sein. Vielleicht schwelgt dieser Clash zusätzlich noch in den Erinnerungen an das resolute Fantasykino einer Fanthagiro, Xenia oder Red Sonja. Heldinnen in Rüstung und Leder.

Manche Szenen, in denen man einige der Creature Designs ja gar nicht mal richtig zu Gesicht bekommt, sind viel zu kurz geraten. Schade drum. Guillermo del Toro, der diesen Film womöglich sicher gesehen hat, weil er sich fast so anfühlt wie Pacific Rim mit Sand, einer Waterworld-Kostümshow und Herr der Ringe, hätte hier noch so manche Szene in die Verlängerung geschickt. Aber wenigstens bleibt uns als fetter Ausgleich der süffisante Haudegen Ron Perlman. Diesmal nicht in Rot, diesmal aber mit Rod Stewart-Gedächtnisfrisur und Kajal. Wenn das nicht Spaß an der Freude ist, dann weiß ich auch nicht.

Monster Hunter

A Quiet Place 2

ALLE MAL HERHÖREN!

7,5/10


aquietplace2© 2020 Paramount


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE, CILIAN MURPHY, DJIMON HOUNSOU U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Selten haben wir Menschen so sehr etwas nicht im Griff gehabt. Und damit meine ich nicht unser Virendilemma in der für uns allen synchronisierten Wirklichkeit. Da scheint es zumindest in einigen Teilen der Welt langsam bergauf zu gehen. So wirklich am Allerwertesten ist Homo Sapiens diesmal nicht wegen mikroskopisch kleiner Lebewesen, sondern aufgrund raumfüllender, bissfreudiger und höchst gelenkiger Akrobaten. Raubtiere from Outer Space, soviel wird zu Beginn des Sequels zu A Quiet Place sofort klar. Diese Dinger landen überall auf der Welt. Doch wie konnte das nur passieren, dass wir diesen animalische Riesen, die weder über irgendeine Art Technologie verfügen noch in ihrem Instinktverhalten schwer zu durchschauen sind, einen ganzen Planeten überlassen? Angesichts hoch aufgerüsteter Staaten, forschenden Koryphäen und einem gesunden Menschenverstand wären die blinden Wüteriche, die sicherlich irgendwie mit Venom verwandt sein müssen, als Plage sehr schnell vom Angesicht dieser Erde getilgt. Die Welt, so scheint es, dürfte aber so einiges verschlafen haben, vielleicht waren auch zu viele Lobbies darin involviert, zu viele Begehrlichkeiten, die alle Seiten in der Umsetzung ihrer Strategien gehemmt haben.

Hätte die Menschheit nur halb so viel Vernichtungsfreude an den Tag gelegt wie bei einigen unserer ausgerotteten und unwiederbringlichen Tierarten, gäbe es kein Quiet Place. Wenn überhaupt, dann nur einen Sommer lang. Auf dieser hinterfragungswürdigen Basis errichtet Joseph Krasinski voller Elan das Da Capo zu einem sehr erfolgreichen Kinokassenschlager. Die bewährten Zutaten sind abermals ein kleiner, überschaubarer Plot und ein spezieller Kniff: Die Aliens können nicht sehen, aber verdammt gut hören. Wie Hunde eben. Nach dem Prolog macht der Film genau da weiter, wo das Original zuletzt geendet hat. Mutter Emily Blunt streift mit ihren drei Kindern barfuß durchs Land (Wie wär’s mit Sneakers?). Wohin, ist nicht klar. Kurze Zeit später entdecken sie einen alten Bekannten wieder. Der hat sich aber stark verändert, nicht nur optisch. Auch sein Charakter gleicht dem eines einsamen Mad Max, der sich in einer alten Fabrik verschanzt hat. Hilfe ist von ihm erstmals keine zu erwarten. Angesichts dieser Umstände muss Töchterchen Regan (tough: Millicent Simmonds) die Sache allein in die Hand nehmen, hat sie doch die Position des einzigen noch aktiven Radiosenders lokalisiert, der sichere Zuflucht verheißen könnte – und gar nicht mal so weit weg liegt.

Obwohl ich den ratlosen Protagonisten in A Quiet Place 2 händeringend das Offensichtliche begreifbar machen möchte, ist es letzten Endes ein jauchzendes Vergnügen, wenn endlich der Groschen fällt. Bis es so weit kommt, macht John Krasinski auch schon im Vorfeld vieles richtig. Und vielleicht gelingt ihm dabei sogar mehr als bei seinem Erstling. Das Spiel mit der Stille, kombiniert mit den knackenden Geräuschen der Aliens, bietet Breitseiten für kreatives Austoben. Der Suspense mag vorhersehbar sein, die Intermezzi und die listigen Duelle mit den Kreaturen erinnern frappant an die schönsten Begegnungen mit Ridley Scotts Xenomorph. Krasinskis staksende Wesen punkten nebst ihrer schaurigen Wertigkeit als absolute Hingucker mit  durchdachtem Creature-Design und kommen diesmal auch mehr zur Geltung. Dabei sind sie wie in Alien immer Teil ihrer Umwelt, verschmelzen mit Maschinen, werfen expressionistische Schatten. Klassisches Monsterkino.

Auch wenn Emily Blunt und Co und überhaupt die ganze Menschheit hier lange nicht eins und eins zusammenzählen können – versöhnlich stimmt, dass Krasinski leeren dramaturgischen Floskeln aus dem Weg geht. Sein Finale ist überdies grandios gelungen. Dicht, flott geschnitten und mit stimmigem Score hinterlegt. Das knappe und gleichermaßen sehr elegante Ende macht manch Fragwürdiges wieder gut, ist knackig und hat Understatement. Meines Erachtens nach wäre die Geschichte rund um eine Bioinvasion wie diese somit punktgenau auserzählt. Ein weiterer Teil könnte den Eindruck erwecken, lediglich die Kuh – oder das Monster – melken zu wollen. Das könnte zur Folge haben, dass keiner mehr hinhören will.

A Quiet Place 2

Psycho Goreman

VOM MONSTER, DAS NACH DER PFEIFE TANZT

3,5/10


PsychoGoreman© 2020 Koch Media


LAND / JAHR: KANADA 2020

BUCH & REGIE: STEVEN KOSTANSKI

CAST: MATTHEW NINABER, NITA-JOSEE HANNA, OWEN MYRE, KRISTEN MACCULLOCH, RICK AMSBURY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


„Jetzt ist endlich mal Schluss. Immer diese konformen High-End-Effektfilme. Das kann man ja wirklich nicht mehr mit ansehen.“ – Für all jene, die davon längst die Nase voll haben, gibt’s die Rosskur samt wohliger Entschlackungsphasen. Denn wo ein High-End ist, muss es auch einen Anfang geben. Der ist dort, wo das Gummimonster aus den Tiefen steigt, wo Latex nicht zwingend etwas ist, das sich im Warenkorb von Beate Uhse findet. Wo allerdings Cosplayer und Kostümbildner völlig analog und womöglich nächtelang an den unterschiedlichsten Outfits gesessen sind, um all diese Aliens und Monster und seltsamen bizarren Kreaturen den Schauspielerinnen und Schauspielern passgenau überzustülpen. Dabei ist der Bodysuit des fast schon gottgleichen Übeltäters Psycho Goreman das Meisterstück. Klar doch, muss es ja auch sein – der knorpelige Knilch dominiert die eineinhalb Stunden fast ausschließlich im Alleingang. Allerdings eben nur fast. Denn ihm zur Seite steht ein anderes Monster – ein Menschenkind. Ein Mädchen. Aber was für eins. Jedenfalls nicht Wednesday Addams, denn die hat Stil. Eine garstige Furie, die den ganzen Tag nichts lieber tut, als ihren Bruder zu piesacken. Beim Spiel im Garten legen die beiden ein seltsames Artefakt frei. Und nicht nur das. Ein ganzes Monster kommt da gleich mit. Mit anderen Worten: Die Geißel der Galaxis. Eine Kreatur, bei welcher Jack Arnold wohl feuchte Augen bekäme. Und die auch wunderbar nach Eternia passen würde, um Dolph Lundgren im Armdrücken zu besiegen. Dieser hässliche Geselle hat also nichts anderes im Sinn, als das Universum zu vernichten. Geht’s noch ein bisschen subtiler? Nein. Es kommt noch derber. Das Mädel allerdings, diese wirklich abgrundtief unsympathische Göre, hat mit diesem rosarot leuchtenden Artefakt den schlimmen Finger im Griff. Dieser muss, wild drohend und stets vor sich hin fluchend, nach ihrer Pfeife tanzen. So viel Macht macht das kleine keifende Ding auch nicht gerade zu einem besseren Menschen. Stellt sich die Frage: Wer ist hier das eigentliche Monster?

Und was zur Hölle habe ich eigentlich in so einem Film verloren? Andererseits – auch das ist wieder eine neue Erfahrung. Eine Grenzerfahrung. Psycho Goreman vom Kanadier Steven Kostanski (wer´s kennt: The Void) mag vielleicht eine Perle des schlechten Geschmacks sein – dem eigenen sollte man besser folgen, und die pelzige Bitternis im Rachenraum bleibt, auch wenn dieser Publikumsliebling des Festivalkinos seine fixe Fangemeinde hat. Es sprich natürlich nichts gegen so offensichtlich zusammengeschustertes Equipment wie hier, und besonders begrüßenswert sind die hie und da eingestreuten Stop-Motion-Sequenzen. Im Grunde genommen jedoch bedarf es einer grundehrlichen Liebe zu Filmen dieses Subgenres, einer Affinität für freudvoll ausgelebten Bodyhorror, an welchem wiederum David Cronenberg (ich sage nur: Knochenwaffe) seine Freude gehabt hätte. Dabei wäre seine Version wohl längst nicht so sarkastisch und augenzwinkernd ausgefallen wie hier, denn das muss ich zugeben: Das verdrehte Machtgefüge zwischen zöpfeschwingendem Rumpelstilzchen und bärbeißigem Alien-Killer hat ordentlich Potenzial, da lässt sich bissig parodieren bis zum Weltuntergang. Vielleicht muss man Psycho Goreman auch sickern lassen und den bizarren Karneval aus malträtierten Leibern, aufgefressenen Widersachern und von außen nach innen gestülpten Erdlingen sowieso keine Sekunde lang ernst nehmen.

Wo Knights of Badassdom gerade erst angefangen hat, macht Psycho Goreman weiter. Als abseitiger, stilverwirrter „Familienfilm“ zwischen Exploitationkino und Joss Whedons Buffyverse lässt sich dieser Streifen hier auf die Liste fragwürdiger Sichtungen setzen, die sich ganz bewusst und auch ganz reuelos über ihren eigenen ausgefeilten Dilettantismus amüsieren. Kostanski, B-Movie-Liebling für alles Bizarre, versteht dabei sein Business. Ohne Ironie wäre das Ganze für die Tonne. Doch auch mit Ironie hinterlässt dieses Junkfood aus dem Bahnhofskino ungesunden Mundgeruch. Ganz so, wie Psycho Goreman einen haben muss.

Psycho Goreman