Das Salz der Erde

WELTGEWISSEN IN SCHWARZWEISS

6/10

 

salzdererde© 2014 NFP marketing & distribution GmbH

 

LAND: BRASILIEN, FRANKREICH 2014

REGIE: WIM WENDERS, JULIANO RIBEIRO SALGADO

MIT SEBASTIÃO SALGADO, WIM WENDERS, JULIANO RIBEIRO SALGADO, LÉLIA WANICK SALGADO U. A.

 

Das Herz der Finsternis liegt nicht nur in den Dschungeltiefen Zentralafrikas, auch nicht nur in den Oberläufen der Flüsse Vietnams. Es ist dort zu finden, wo Menschen einander unterdrücken. Einer, der Licht in diese Finsternis bringt, ist Sebastião Salgado. Kenner der Fotoszene wissen: Salgado ist ein brasilianischer Fotograf, und seine preisgekrönten Schwarzweiß-Fotografien weltberühmt. Fotografieren kann natürlich jeder, und dabei kommt es, wie man weiß, nicht in erster Linie auf das technische Equipment an. Salgado fotografiert mit einer stinknormalen Kamera und ohne Stativ, das höchste der Gefühle ist ein Teleobjektiv. Worauf es also ankommt, ist das Auge dahinter. Und auf den Mut, dort zu sein, wo keiner hinwill. Zur falschen Zeit also, aber am richtigen Ort, um Bilder aus den Eiterherden dieser Welt zu schießen mit dem Risiko, dabei verlustig zu gehen. Sebastiao Salgado ist nicht das nicht passiert, zumindest nicht physisch. Seine Seele allerdings hat gelitten, so hat er es in einem Gespräch mit Wim Wenders auch tacheles zu Protokoll gegeben. Was er gesehen hat, kann nicht spurlos an einem vorüberziehen. Vor allem die Gräuel in Afrika haben ihm zugesetzt, insbesondere Ruanda und der Kongo. Von Ruanda weiß ich, dass man gar nicht mal wirklich der Katastrophe als solche gewahr werden muss – da reicht es, in einem Land unterwegs zu sein, dessen Bevölkerung Unvorstellbares erlebt hat. Die Gedenkstätten als solche habe ich mir, als ich dort war, dann auch verkniffen, aus eigener psychohygienischer Verantwortung heraus. Gut ist es, so denke ich mir, dass es jene gibt, die da genau hinsehen können, die das Objektiv drauf halten auf oft verborgenen, menschlichen Notstand. Bis gar nichts mehr geht, selbst bei denen, die das Weltgewissen erhobenen Blickes herausfordern.

Wim Wenders ist fasziniert von berufenen Weltbürgern wie Salgado einer ist. Ein Mann, der die Erde wohl so kennt wie kein zweiter, der in seinem Tun eine Pflicht sieht und gar nicht anders kann. Der überall gewesen sein mag, der jeden Winkel dieses Planeten kennt, der die Nomaden der Sahelzone besucht oder Walrösser in der Arktis aufspürt, um deren Stoßzähne im Licht der Mitternachtssonne zu fotografieren. Wenders und Juliano Ribeiro Salgado, der Filius des Fotografen, haben eine Dokumentation entworfen, die – unüblich für einen Film – vor allem aus unbewegten Bildern besteht. Aus Salgados Bildern. Ein Meisterwerk nach dem anderen wird auf den Screen geschoben, vom Künstler selbst erklärt. Es ist wie eine Diashow mit Audiokommentar. Manchmal sieht man das Foto selbst soweit verblassen, damit Salgados sprechendes Konterfei dahinter zum Vorschein kommt. Und diese Art des Interviews, diese für den Zuseher bequeme Führung durch eine Best Of-Galerie, für die dieser keinen Schritt zu machen braucht, die überall auf der Welt und auf jedem Bildschirm gleichzeitig sein kann, ist sowieso und in jedem Fall erhellend – als Film ist Das Salz der Erde aber sehr wohl ein mutiges Experiment, welches das Medium Kino mit den Features eines Lichtbild-Vortrags verbindet. Was, wie man sieht, durchaus machbar ist.

Der große deutsche Autorenfilmer geleitet also mit bedächtiger, äußerst phlegmatischer Stimme durch zwei Stunden Interview und Dokumentationsmaterial, begleitet Salgado in den Norden, zu den Lanis nach West Papua und zurück in seine Heimat nach Brasilien. Wenders filmt manche Szenen selbst in Schwarzweiß, um Salgados Fotostil nachzuahmen, in manchen Szenen – vor allem in jenen, die von Instituto Terra, einem Verein zur Wiederaufforstung des Regenwaldes, erzählen – auch in Farbe. Stilistisch ist das Ganze relatives Patchwork, auf Spielfilmlänge zusammengeschnitten, und wenn man mal die eindrucksvollen Bilder des Fotokünstlers ausklammert, bleibt vom Film selbst nichts als Routine, natürlich die eines Profis. Aber haben das Dokus nicht so an sich? Dass es mehr um den Inhalt geht, um das, was bei all der Investigation herauskommt, und weniger um filmtechnische Besonderheiten? Wohl eher, würde ich meinen. Daher sind Dokus nicht zwingend etwas fürs Kino. Bei Das Salz der Erde aber habe ich so meine Zweifel, sorgt das Element der Diashow doch für die nötige Wucht, auch wenn Salgados Werke wie bei der Besprechung eines Kunstwerkes aus der Serie 1000 Meisterwerke (lief früher mal im Fernsehen) in statischer Ruhe wie Schwarzbuch-Dokumente eines finsteren Zeitalters irgendwann von berauschenden Momentaufnahmen unserer Natur abgelöst werden. Das ist typisch Wim Wenders, der selten hudelt, sich stets Zeit nimmt für sein Gegenüber, und sich auch hier in dessen Erinnerungen verliert und aus einem Künstlerportrait ein biographisches Essay über das Schwarze und Weiße unserer Welt erdenkt. Das ist bereichernd, faszinierend, aber auch seltsam versucht, nicht nur Salgados, sondern auch Wenders innerer Einkehr zu folgen.

Das Salz der Erde

Triple Frontier

NEHMEN WAS MAN KRIEGEN KANN

6/10

 

triplefrontier© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. C. CHANDOR

CAST: OSCAR ISAAC, BEN AFFLECK, PEDRO PASCAL, CHARLIE HUNNAM, GARRETT HEDLUND U. A.

 

Da gibt es dieses Abenteuer-Brettspiel, es nennt sich Drachenhort. Da ziehst du als mittelalterlicher Krieger durch ein Labyrinth, in dessen Zentrum sich der Hort des Drachens befindet. Ähnlich wie Dungeons & Dragons, habe ich aber noch nie gespielt. Beim Drachenhort, da kannst du, wenn der Drache schläft, Schätze raffen. Und das kannst du immer wieder tun, bis der Drache dann doch erwacht – und du alles verlierst. Die Gier war in diesem Fall ein Hund, beim nächsten Mal wird dein Vorgehen womöglich weiser und leiser sein. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt. Beim Brettspiel lässt sich das bewerkstelligen. Im simulierten Leben eines Filmes zwar auch, aber das hängt ganz davon ab, ob wir einen Groundhog Day haben oder es Kohle für ein Reboot gibt. In Triple Frontier steht beides nicht zur Wahl. Da müssen die fünf Söldner, darunter Ben Affleck, Oscar Isaac und Charlie Hunnam, sofort die richtige Entscheidung treffen – und vielleicht ihre Gier zügeln, bevor der schnaufende Riese erwacht. Ich könnte hier jetzt noch andere Sprichwörter bemühen, welche die neue Netflix-Produktion in einer abschließenden Moralpredigt auf einen Einzeiler reduzieren. Aber das würde vielleicht zu viel über den Film verraten. Obwohl sehr bald absehbar wird, wohin der ganze Einsatz führen wird.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich zumindest in der ersten Filmstunde darauf warten, endlich das unverwechselbare Botox-Konterfei Sylvester Stallones zu erhaschen. Stattdessen habe ich „Poe Dameron“ vor mir, der seine alte Militärgang zusammentrommelt, um einem Drogenboss im brasilianischen Dschungel das Handwerk zu legen. Darüber hinaus soll der Drachenhort des Bösewichts geplündert werden und in die eigene Tasche wandern. Millionen, die da winken. Jeder kann sie brauchen, vom Piloten bis zum kühlen Kopf der Planung. Alles erinnert unweigerlich an den wilden Haufen der Expendables, nur weniger selbstironisch, ernsthafter und im Stile eines Tom Clancy-Thrillers, der zwar mit Politik nichts am Hut hat, seine Helden aber unter der Flagge trotzigem Es-Steht-mir-zu-Idealismus in die grüne Hölle schickt. Thriller wie diese ohne politischen Bezug gibt es ja kaum mehr, Triple Frontier ist so eine Reminiszenz an die alte Schule der 80er, als Chuck Norris noch Missing in Action war oder Arnold Schwarzenegger als Phantom-Kommando seine Tochter retten musste. Aufgesetzt ernsthaft, plakatives Actionkino pur. Triple Frontier erinnert daran, wird aber durch seine begleitende Parabel über die Gier zu einem fingerzeigenden Haudrauf-Märchen und tauscht den moralinsauren Lerneffekt gegen eine gewisse Schadenfreude. Der Fischer und seine Frau fällt mir da noch ein – oder Hans im Glück. Nur Hans im Glück ist froh, den Klumpen Gold nicht mehr tragen zu müssen, während unsere Robin Hoods den für den karitativen Selbstzweck unter den Nagel gerissenen Reinerlös niemals nicht liegenlassen würden. Niki Lauda hätte gesagt: „Wir haben ja nichts zu verschenken!“ Ein Geizgeständnis, das natürlich Folgen hat. Und die führen quer über die Anden. Zwischen Stoßtrupp Gold und Three Kings wird obendrein also noch ein recht solider Survivaltrip mit Heli, Muli und per pedes.

J.C. Chandor hat sich nach Finanz- und Ein-Mann-Katastrophen (Margin Call, All is Lost) dem Genre des Actionfilms zugewandt. Das beschert landschaftliche Augenweiden, viel Grün und Exotik. Chandor weiß sehr gut, wie er die Umgebung in seinen Film miteinbezieht. Seine Figuren aber bleiben, was sie sind: stereotype Haudegen, Männerrollen wie aus den Bastei Lübbe-Heftchen, unwahrscheinlich fit, selten gesegnet mit Selbsterkenntnis und in naivem Heroismus ehr-geizige Ziele verfolgend. Das ist charakterlich recht obsolet und flach, einen Kreise ziehenden Mehrwert hat das handfeste Rififi keinen. Dafür aber wird bei den Rollenklischees nicht so schwarzweißgemalt wie es bei einem Film wie diesen eigentlich zu erwarten war. Alles in allem also ein Abenteuer in rutschfesten Stiefeln und mit jeder Menge Kleingeld – wie ein Erlebnisurlaub für harte Kerle im Krisengebiet mit niemals sinkender, aber sickernder Moral, die uns klarmacht: Geiz ist nicht immer geil.

Triple Frontier

Bach in Brazil

MUSIK VERBINDET

7/10

 

bachbrazil

REGIE: ANSGAR AHLERS
MIT EDGAR SELGE, ALDRI ANUNCIACAO, FRANZISKA WALSER

 

Da sitzt er, der kauzige, verklemmte Musiklehrer außer Dienst. Inmitten einer ihm unbekannten brasilianischen Kleinstadt. Holt sein Blasinstrument hervor und spielt ein paar Takte auf dem Originalmusikblatt des Barockmeisters Johann Sebastian Bach – das Erbstück eines ehemaligen Schulfreundes. Allerdings musste der Housesitter und Reisemuffel den beschwerlichen Weg in das südamerikanische Bergstädtchen selbst zurücklegen, um begehrtes Kulturgut zu erlangen. Wider Erwarten landet der schräge Vogel abgebrannt und ausgeraubt bei einem bruchstückhaft deutschsprechenden Einheimischen. Das Notenblatt wiederzuerlangen wird nun zur absichtlich hinausgezögerten Aufgabe des Brasilianers – währenddessen der Musiklehrer wieder zu seiner eigentlichen Profession zurückfindet und den Kindern einer Jugendstrafanstalt das Musizieren beibringt.

Ansgar Ahlers herzerfrischende, unbeschwerte Multikulti-Komödie wirkt überraschend undeutsch. Vielmehr so, als wäre die liebenswerte, wohlwollend harmlose Version von Wie im Himmel ein brasilianisches Original, fern jeglichen Schwermuts eines Josef Hader aus Vor der Morgenröte. Dem lustvoll verknöchert aufspielenden Edgar Selge sieht man gerne zu, wie er seine Vorbehalte vor dem Fremden Stück für Stück ablegt und jene Lebenslust annimmt, die den Problemkindern in der Haftanstalt trotz ihrer misslichen Lage anzuhaften scheint. Doch die neue Aufgabe, das neue Ziel und die zu Tage tretenden Talente manch eines Halbwüchsigen wecken den Ehrgeiz für noch Größeres. Bei so viel positiven Vibes schaut das Publikum gerne zu, auch wenn die Story so scheint, als käme sie aus kreativen Kinderhänden. Das naive Feel-Good-Movie kontert jede Unannehmlichkeit des Lebens mit dem Wunder des Willens, der Freude und dem Glauben an das Gute im Menschen. Und die eigenwillige, spezielle Interpretation von Bachs Ensemblestück in Verbindung mit den Klängen aus dem fernen Süden zeigt wieder einmal mehr, dass Musik wirklich allen gehört. Quer über den Globus und wieder zurück.

Bach in Brazil

Die versunkene Stadt Z

DEN DSCHUNGEL IM KOPF

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2010 veröffentlichte der amerikanische Journalist David Grann ein Buch, das sich kurzerhand in meiner Hausbibliothek wiederfinden durfte, da meine Vorliebe für Entdeckergeschichten aller Art eine ist, die man nur schwer oder gar nicht unterdrücken kann.

In seinem fein säuberlich recherchierten und spannend geschriebenen Tatsachenbericht Die versunkene Stadt Z hat sich Grann einem der letzten Mysterien der Neuzeit angenommen: dem Mythos rund um Colonel Percy Fawcett, Vater von drei Kindern, Kartograph, Abenteurer und Militarist. Der leidenschaftliche Perfektionist hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts, während einer Flussvermessung im Grenzgebiet zwischen Bolivien und Brasilien, in den Kopf gesetzt, auf Basis spärlicher archäologischer Spuren dem Geheimnis einer goldenen Stadt nachzugehen, die im unbekannten Dickicht Amazoniens immer noch auf ihre Entdeckung zu warten schien. Eine gescheiterte Expedition und ein ganzer Weltkrieg später macht sich Fawcett erneut auf den Weg. Gemeinsam mit seinem nun fast schon erwachsenen Sohn, um endlich Gewissheit zu erlangen. Diese letzte Reise wird eine Irrfahrt ohne Wiederkehr.

Wer sich für Geografie, Entdeckungsgeschichte und Archäologie interessiert, wird die dramatischen Ereignisse ziemlich sicher kennen. Grann´s Buch zu lesen ist fast so, als würde man selbst auf die Suche gehen nach jemandem, der wie vom Erdboden verschluckt wurde. Das Spannende: noch Jahrzehnte später haben sich, finanziert mithilfe des Vermögens von Fawcetts Ehefrau, Abenteurer auf den Weg gemacht, die Verschwundenen zu finden, was fast noch aufregender ist als die verhängnisvolle Odyssee an sich. Damals schon, 2010, war auf dem Klappentext des Buches davon die Rede, dass Brad Pitt demnächst in der Verfilmung von Fawcett´s Leben die Hauptrolle übernehmen wird. Klar, dass ich der Sache nachgegangen bin, doch nichts dergleichen ließ sich im Internet finden. Fast 7 Jahre später kam sie dann – die Verfilmung. Ohne Brad Pitt, oder zumindest nur als Produzent, während Regisseur James Gray (Two Lovers, Helden der Nacht) den charismatischen Newcomer und Sons of Anarchy-Star Charlie Hunnam in Szene setzen durfte. Und seit den letzten Filmen mit Brad Pitt bin ich froh, dass jemand anders als der medienmüde Ex-Ehemann von Angelina Jolie diese prägnante Charakterrolle übernommen hat. Hunnam ist der ideale Kandidat. Und das nicht, weil er dem jüngeren Brad Pitt zum Verwechseln ähnlich sieht. In seiner Rolle als Col. Fawcett gibt sich der charismatische Blondschopf ausdrucksstark, draufgängerisch, konzentriert und vor allem eines: diszipliniert. Genau diese Charaktereigenschaften schreibt David Grann, beruhend auf Fakten, auch der realen Person des Percy Fawcett zu. Wenn der fürs Kino adaptierte Fawcett mit konzentrierter, überlegt betonter und leiser Stimme seine Überzeugungen kundtut, gibt es selbst für uns Zuseher keinen Zweifel mehr, dass an der Sache mit El Dorado nicht doch etwas dran sein muss. Dank Hunnam wird die biografische Vorlage des Buches lebendig. Dabei beeindrucken nun weniger die stimmungsvollen Aufnahmen aus dem Dschungel, die man zwar gerne, aber oft schon gesehen hat, als vielmehr die Schauspieler, die den vergangenen Ereignissen greifbares Leben einhauchen. Die wandelbare Sienna Miller trägt da ebenso ihren Teil dazu bei wie Ex-Edward Cullen Robert Pattinson, der immer noch vehement gegen die Twilight-Strömung schwimmt und sich mit Rauschebart bis zur Unkenntlichkeit gegen den Strich besetzt.

James Gray schafft es, mit Die versunkene Stadt Z das Sachbuch von David Grann geschickt zu dramatisieren. Spekulatives Beiwerk lässt er außen vor und konzentriert sich auf das Wesentliche – auf die Lust und die Gier, Geheimnisse zu entmystifizieren. Auf den egomanischen Dschungeltrip durch die Psyche eines unruhigen, ruhelosen Geistes.

 

 

Die versunkene Stadt Z