Digger (2026)

DER FLUCH DES WOHLSTANDS

8,5/10


Tom Cruise als Digger Rockwell im Film Digger
© 2026 Warner Bros. GmbH


LAND / JAHR: USA, MEXIKO, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

DREHBUCH: SABINA BERMAN, ALEXANDER DINELARIS, NICOLÁS GIACOBONE, ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

KAMERA: EMMANUEL LUBEZKI

CAST: TOM CRUISE, JOHN GOODMAN, RIZ AHMED, SANDRA HÜLLER, MICHAEL STUHLBARG, JESSE PLEMONS, SOPHIE WILDE, EMMA D’ARCY, PIP TORRENS, ROBERT JOHN BURKE, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Mit diesem Spaten, so wettert der superreiche Mineralölunternehmer Digger Rockwell vor Politik und Untergebenen in seinem trauten kleinen Eigenheim, haben seine Vorfahren in Texas den ersten Stich getan. Sie haben geschuftet und geschuftet und irgendwann sprudelte das schwarze Gold, womöglich kann man sich diese Szene vorstellen wie in Paul Thomas Andersons Gleichnis über Gier: There Will Be Blood. Bei Digger ist es nicht Blut, sondern Öl, und der Anfang einer Erfolgsgeschichte des fossilen Brennstoffes, wie sie bilderbuchartiger nicht sein könnte.

Das Glück ist eine Katze

Jetzt ist Digger aber zu weit gegangen, und da hilft auch kein Fuchteln mit dem Schaufel-Zepter. Das Bohren in den Meeresboden vor Grönland hat die natürliche Ordnung ins Wanken gebracht. Methan steigt an die Oberfläche, das Schelfeis nimmt Reißaus Richtung Nordeuropa. Welche Kacke ist denn hier am Dampfen? Kann dieser Morgen, an dem Alejandro González Iñárritus auf mehreren Metaebenen spielendes Opus Magnum beginnt, denn nicht noch katastrophaler beginnen?

Er kann. Denn die uralte Katze, die stellvertretend für ihre Art menschliches Leben glücklicher macht, ist kurz davor abzunippeln. Digger tut alles, was er kann, doch das Glück entgleitet ihm. Bald hat er die ganze Regierungs-Entourage einschließlich des schwer von Krebs gezeichneten US-Präsidenten, der lieber rote Knöpfe drückt als die Gebrauchsanweisung für einen Atomkrieg zu lesen, in seinem Palast vereint, um eine Lösung zu finden. Anzügliche Entgleisungen sind die Folge, doch wen schert’s. Es sind keine Frauen anwesend, denn die Welt wird vom Patriarchat regiert, das sich darüber kaputtlacht, wie wenig sich verändern will. Eine der treffendsten Szenen des ganzen Films.

Marcel Duchamp hat mal gesagt: Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt. Mittlerweile müsste man angesichts dieser Weltlage die Gleichung verneinen: Es gibt keine Lösung, obwohl es ein Problem gibt.

Die Wahrheit hinknallen

Die Lösung, das ist die Wahrheit. Das Problem, das sind wir. Äußerst unbequem, oder? Kein Wunder, dass Digger an den Kinokassen floppt. Wer will schon in den Spiegel blicken und dann erkennen, dass alles, was hier auch im realen Leben passiert, vorzugsweise eben der Klimawandel, der sich bis zur Katastrophe steigert, die Folge einer Beschwörung ist, die wir Wohlstand, Bequemlichkeit und Luxus nennen. Alles sollte so einfach wie möglich sein, oder vielleicht einfacher. Ein Umstand, von dem schon Albert Einstein abriet. Und dennoch regieren neben dem Patriarchat Angebot und Nachfrage die Welt, sonst nichts.

Auf Basis dieser Prämisse geht Digger in die Offensive. Tom Cruise verkörpert dabei mit schauspielerischem Enthusiasmus und mit der völlig bescheidenen Bereitschaft, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein, ohne sich als Star hochzuspielen, den Parade-Amerikaner zwischen J. R. Ewing und Larry Flynt, der die ganze Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten in sich vereint, nur um als Sündenbock zu enden für eine Spezies, die Verantwortung gerne abgibt.

Die Mega-Bühne für satirisches Vokabular

Iñárritu hat sich dabei weit von seinen stilistischen Anfängen entfernt und schon bei Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) begonnen, die opulente Satire als seinen Weg zu wählen, psychosozialen Wahnsinn theatralisch aufzubereiten. Sein auf Netflix veröffentlichter Film Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten bedient sich bereits jenes Vokabular, das in Digger zu lesen ist. In peniblen, bühnenartigen Arrangements, die nicht nur an Wes Andersons detailverliebte Tableaus erinnern, sondern auch an die Endzeitstimmungen des schwedischen Tristesse-Künstlers Roy Andersson, der mit seinen Songs from the Second Floor mit Kritik am Katholizismus nur so um sich schlug, setzt der Mexikaner mehrere Akte einer fast schon göttlichen Komödie in Gang, die ihre größte Stärke gar nicht mal so im grotesken Spiel eines John Goodman oder eben Tom Cruise findet, auch nicht in den surreal anmutenden Bildern, sondern in Momenten sprachlicher Höchstleistung.

Jede Menge wahre Worte

Wenn das nicht irgendwann mal Kult wird, so wie der Monolog Edward Nortons in 25 Stunden von Spike Lee, dann weiß ich nicht: Wenn Digger im Europäischen Parlament das Wort an sich reißt und der ganzen regierenden Elite die Wahrheit entgegenknallt, und zwar Peng, Peng, Peng, dann trägt jedes einzelne Wort in dieser Ansprache ein so dermaßen kluges Resümee der Gesamtsituation in sich, wie es wohl keiner der aktuellen Politikerinnen und Politiker und schon gar nicht Greta Thunberg hätten formulieren können. Da wirkt selbst ein „How Dare You“ unerwartet blass.

Digger ist ein sprachlich geschliffenes Kunstwerk, und in seiner finalen Conclusio so clever, dass ich sie am liebsten spoilern würde, doch Gott behüte! Nach so einigen kleinen Wendungen, über die die Geschichte absichtlich stolpert, um das ganze globale Chaos in einen anderen Kontext der Wahrnehmung zu setzen, wäre am Ende statt Melanie Safkas What Have They Done To My Song auch Zarah Leanders Weltuntergangslied ideal gewesen.

Die Natur zum Feind erklären

Stanley Kubrick hat in den Sechzigerjahren im Gegensatz zu Iñárritu mit seiner schwarzen Satire Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben sowohl einen finanziellen Erfolg als auch einen Kritiker-Liebling vorgelegt. Beide Filme – dieser hier und Digger – sind sich ähnlich. Kubrick beschwor damals die Angst vor dem Atomkrieg während des Säbelrasselns der Supermächte. Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nimmt sich Iñárritu die menschengemachte Klimakrise und eine unterjochte Natur vor, die lieber als Feindin betrachtet wird als die sprichwörtliche behütende Mutter.

Warum nur diese Ablehnung für diesen Film? Kubrick hat sich für Dr. Seltsam in elitären Kreisen herumgetrieben, maximal hinunter bis zu den Piloten, die am Ende die Bomben werfen. Digger aber holt sich alle, führt die ganze Welt vor. Vom Präsidenten bis zum Publikum. Wenn es dabei doch nur etwas zu lachen gäbe! Schließlich ist das die einzige Methode, um mit dem klarzukommen, was man nicht ändern kann: Uns selbst.

Digger (2026)

Sicko (2025)

KRANKMELDEN MAL ANDERS

6/10


Ayan Utepbergen und Dilnaz Kurmangali im Film Sicko
© 2026 Busch Media Group


ORIGINALTITEL: AURU

LAND / JAHR: KASACHSTAN 2025

REGIE: AITORE ZHOLDASKALI

DREHBUCH: KAZYBEK ORAZBEK, AIDIYAR ZHARPARKHANOV

KAMERA: BAGDAT ARGYNOV

CAST: AYAN UTEPBERGEN, DILNAZ KURMANGALI, AZAT ZHUMADIL, AIDA KURMANGALIYEVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN 



Schade, dass Jodie Foster bereits einen Film gedreht hat, der sich Money Monster nennt. Denn Money Monster wäre am Ende des Tages der ideale Titel für ein Regiedebüt aus dem für radikal-schräge Filme bekannten Kasachstan, das sich mit dem zwar nicht unpassenden, aber etwas weniger treffenden Titel Sicko identifiziert.

Nicht gerade die Sonnenseite des Lebens

In Sicko steckt schon das Wort „krank“ und krank zu werden ist in Tagen wie diesen wohl ein Luxus, den sich viele, die als Arbeitnehmer ihren Lebensunterhalt bestreiten, gar nicht mehr leisten können. Überhaupt nichts leisten kann sich das kinderlose Ehepaar Azamat und Tansholpan. Er ist Taxifahrer und schrottet sein Auto, sie ist ungewollt schwanger und weiß nicht, wie sie dem Ehemann verklickern soll, dass das Geld garantiert nicht für drei reicht. Überall Schulden, auch bei Mama und dem besten Freund, mindern den Druck von außen auch nicht gerade. Was also tun? Krankmelden? Wie denn, wenn kein Brotjob da ist?

Simulieren und kassieren

Man könnte ja so tun, als ob. Stimmt schon, das machen nicht wenige. Doch diesmal schraubt Filmemacher Aitore Zholdaskali das Level noch um ein paar Stufen höher. Was, wenn Tansholpan ganz plötzlich an Krebs erkrankt? Da kommen Freunde und Familie. Und alle wissen: Krankenversicherung ist nicht, da braucht es Spenden. Die man folglich auf ganz klassische und radikale Weise veruntreuen kann.

Dank Social Media zieht dann auch noch die Mitleidsschiene, und das (un)kranke Ehepaar ist finanziell bald schon gesundet, wenn einem da nicht das Märchen vom Fischer und seiner Frau in den Sinn kommt, in dem Letztere die Gelegenheit für möglich erachtet, gerne noch den einen oder anderen Groschen draufzulegen. Und noch einen. Und noch einen.

Die Kuh melken, so lange sie Milch gibt

Die Gier ist ein Hund. Und genauso knurrt und hechelt Aza irgendwann, als er längst vom braven Ehemann, der nur das Beste für die Familie will, zum Money Monster mutiert, zum geifernden, ereifernden Ungetüm, das letztlich alles, was Azamat stets heilig war, verrät.

Das macht der liebe Mammon, das wissen wir. Auf diese simple Formel bricht Aitore Zholdaskali seinen Film herunter, der als groteske Sozialsatire beginnt und für Kritik an den sozialen Medien überhaupt keine Zeit hat, obwohl die hier auf wundersame Art und Weise eine große Rolle spielen. Realistisch betrachtet mag die Publicity niemals so mir nichts, dir nichts zum landesweiten Hype ausarten, genau dabei macht es sich der Film ziemlich einfach, um schnellstmöglich dorthin zu gelangen, wo er eigentlich hin will. Zur Gewalt.

Ist Geld männlich?

Kristoffer Borgi hat vor drei Jahren einen ähnlich gelagerten Film umgesetzt: Sick of Myself. Und der hatte den Fokus anders gelegt. Gezielter, feiner und bissiger fiel das Gleichnis einer geltungssüchtigen Frau aus, die sich selbst verunstaltet, um gesehen und gemocht zu werden. In Sicko geht es allerdings von vornherein gar nicht mal um das Geltungsbedürfnis, das gestillt werden muss. Sondern einfach nur ums Geld.

Oder doch nicht? Blickt man genauer hin, stellt man vielleicht fest, dass sich von Anfang an alles um das gekränkte Ego eines Mannes dreht, der sein Rollenbild sowohl nicht erträgt als auch ihm entsprechen möchte. Das Toxische sickert nach und nach aus ihm heraus, Geld ist dabei nur noch dessen Symbol.

Zynische Dekonstruktion

Lug und Trug, und dann nur noch das. So artet Sicko am Ende in einen blutigen Konflikt aus, der alles zusammenbrechen lässt. Ausgeteilt wird mit solch einer Härte, immer und immer wieder, dass man gar nicht mehr hinsehen mag. Zholdaskali aber suhlt sich in all den Blessuren letztlich viel zu sehr und verursacht damit Längen, die Gewalt zum Selbstzweck werden lassen.

So zynisch und brutal, wie Sicko seine Geschichte ausufern lässt, so fällt alles, jede Feinheit und jede Nuance, mit der Tür ins Haus. Überrumpelt, könnte man sagen, ist man von der Sache. Mit dem Stellwagen ins Gesicht gefahren wurde einem. Au, das tut weh. Musste das sein? Wir haben es ohnehin längst verstanden.

Sicko (2025)

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

ICH HAB’S NICHT SO MIT FAMILIE

4/10


Glen Powell in der Thrillerkomödie How to Make a Killing© 2026 Ilze Kitshoff / STUDIOCANAL_SAS / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: JOHN PATTON FORD

KAMERA: TODD BANHAZI

CAST: GLEN POWELL, MARGARET QUALLEY, JESSICA HENWICK, ED HARRIS, BILL CAMP, ZACH WOODS, TOPHER GRACE, SEAN CAMERON MICHAEL, NELL WILLIAMS, JAMES FRECHEVILLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wer erinnert sich noch an einen der besten britischen Filme aller Zeiten? Gemeint ist Adel verpflichtet aus dem Jahr 1949 mit Alec Guinness (Obi Wan aus Star Wars) in achtfacher Besetzung. Eine schwarzhumorige Krimikomödie jenseits gängiger Moral, allerdings mit ausgeprägtem Sinn für eine Sorte Gerechtigkeit, die sich deutlich zu wichtig nimmt.

Über den Jordan schicken muss man wegen einem Millionenerbe schließlich niemanden. Schon gar nicht, wenn man gar nicht mal noch berechtigt ist, zu erben. Um so etwas durchzuziehen, braucht es eine ganz schön niedrige Frustrationstoleranz, enorme Kränkung und wirklich, wirklich viel Kaltblütigkeit. Andererseits fällt es womöglich leichter, für den Tod von jemandem verantwortlich zu sein, den man ohnehin nicht kennt und den man mit allen anderen in einen Topf wirft, auf dem steht: Böse Sippschaft!

Die Ungeduld der Wut-Erben

Im Original sitzt Dennis Price als Louis Mazzini D’Ascoyne in der Todeszelle und erzählt dem obligaten Seelsorger wenige Stunden vor seiner Hinrichtung die ganze kranke Geschichte über eine ganz gemeine Familie, die seine Mutter einst verstoßen hat und die ihren Sohn, nämlich Louis Mazzini selbst, ganz allein und ohne Unterstützung der Verwandtschaft, aufziehen hat müssen. Dabei hat Mama wohl nicht vergessen, dem Jungen einzubläuen, dass er sich beizeiten gefälligst nehmen soll, was ihm zusteht – gemeint ist damit das Erbe. Oder überhaupt gleich den ganzen Besitz.

Wobei – darin steckt ist schon mal der erste Denkfehler in der Geschichte: Wäre Mama nicht verstoßen worden, wäre der ganze Besitz auch nicht der ihre. Sondern eben nur das Erbe. Und enterbt wurde weder sie noch ihr Sohn. Jedenfalls hat es den einfallreichen Jungspund nicht davon abgehalten, angetrieben von Rache und weniger von Gier, den eigenen ganzen Stammbaum zurechtzustutzen.

Zu charmant, um ein Killer zu sein

Soweit so verblüffend ähnlich sind sich Robert Hamers Klassiker und die mehr oder weniger bekennende Neuverfilmung von John Patton Ford (Emily the Criminal), die den Titel How to Make A Killing – Todsicheres Erbe trägt. Nicht zu verwechseln mit der französischen Weihnachtgroteske aus dem Jahr 2024 (How to Make a Killing), die sich genau so nennt und für Verwechslungen sorgen könnte, spätestens wenn beide Filme zu streamen sind.

Neu ist statt Alec Guinness ein nicht weniger charmanter Shootingstar, der sich seit Top Gun: Maverick hochgearbeitet hat in die A-Liga der sympathischen Action-und Abenteuerhelden – die Rede ist von Glen Powell. Ihm kann man einfach nicht böse sein, denn er ist einer von den Guten. Auch wenn er eiskalt Morde begeht, die gar nicht mal notwendig wären. Zumindest nicht für einen Charakter wie Becket Redfellow. Identifikationsfigur schön und gut – doch damit kickt sich die Krimikomödie sehr schnell ins Aus, wenn sie vorgibt, eine Person wie diese als verbitterten Racheengel darzustellen, der um sein Erbe betrogen wurde.

Falsche Figuren und ihre Intentionen

Die Wahrheit: Das wurde er gar nicht. Und ein verbitterter Racheengel ist dieser Redfellow auch nicht. Sondern einer, den man leiden kann, der nichts Böses will, der nur gerne die Chance hätte, zumindest auch jene Parameter zu nutzen, die all die anderen nutzen konnten, die Teil dieser Familie sind.

Der erste Mord mag vielleicht noch nachvollziehbar sein. Doch dann wendet sich das Blatt und die Story geht ganz andere Wege, nämlich die einer Karrierekomödie, die gar keinen Platz mehr dafür hat, noch weiteren Morden hinterherzujagen. Weil die Figur niemals die ist, der man die Mentalität eines Mörders abnimmt. Weil sie keinen Grund hat, das zu tun. Weil es plötzlich um die schnöde Gier nach dem schnöden Geld geht – und dafür ist Glen Powells Rolle völlig falsch angelegt. Von der Schmach, welche die Intention anfachen würde, erzählt der Film darüber hinaus zu wenig.

Es lebe die Amoral

Besser taugt da natürlich Margaret Qualley als hinterfotzige Freundin von früher. Wo die Rechnung aufgeht, ist in einer irreversiblen Amoral zu finden, die am Ende die Erwartungshaltung des Publikums unterwandert. Doch auch dafür stimmt die Intention der Figur nicht. Als psychologisch völlig undurchdachtes und somit auch völlig unglaubwürdiges Gentle Crime-Konstrukt verhebt sich How to Make a Killing in seiner Kausalität, wobei sich der Film anfühlt, als wäre er überlang.

John Patton Ford klappert seine Kills ab, as würde er zu Halloween von Tür zu Tür laufen – im ganzen wirkt die Inszenierung auch eher gelangweilt als erfrischend. Wofür Glen Powell nichts kann. Auch nicht Qualley oder Jessica Henwick. Schauspielerisch mag alles geglückt sein, allein vom Konzept her ist es das nicht.

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

Verlorene Illusionen (2021)

DIE INFLUENCER VON DAMALS

7/10


verloreneillusionen© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: XAVIER GIANNOLI

DREHBUCH: XAVIER GIANNOLI & JACQUES FIESCHI, NACH DEM ROMAN VON HONORÉ DE BALZAC

CAST: BENJAMIN VOISIN, CÉCILE DE FRANCE, VINCENT LACOSTE, XAVIER DOLAN, SALOMÉ DEWAELS, JEANNE BALIBAR, GÉRARD DEPARDIEU, ANDRÉ MARCON U. A.

LÄNGE: 2 STD 24 MIN


Honoré de Balzac hat es schon immer gewusst. Und wir – wir wissen das auch nicht erst seit Inseratenaffären, Chat-Nachrichten und sympathisierenden oder antipathierenden Zeitungsartikeln, die die einen pushen und die anderen fallen lassen. Wer Geld hat, schafft an. Und hat das, soweit man zurückblickt, so schon immer praktiziert. In der Verfilmung des Romans Verlorene Illusionen aus dem neunzehnten Jahrhundert und geschrieben von niemand geringerem als Honoré de Balzac, gibt es keine Untersuchungsausschüsse oder Gerichtsverhandlungen wegen falscher Aussagen. Es gibt keine Prozesse wegen Rufschädigung oder übler Nachrede. In diesem Sündenpfuhl namens Paris ist niemandem, der Einfluss hat, auch nur irgendetwas heilig. Wer den Schaden hat, hat den Spott, wer die richtigen Beziehungen, der kann sich so lange hofieren lassen, bis andere mehr bieten, bessere Beziehungen haben oder einfach die schiere spitzbübische Freude daran finden, ohne Rücksicht auf Verluste die Gesellschaft nach Gutdünken zu manipulieren, bis nicht mehr erkennbar scheint, was eigentlich dessen Meinung war.

In dieses freie Spiel der Kräfte, in diesen Ring, in dem jeder gegen jeden kämpft, Bündnisse schließt, um sie wieder zu brechen – in diese Urgewalten aus Einfluss und Redefluss wirft sich der junge, noch nicht sehr wohlhabende Dichter und Schreiberling Lucien (Benjamin Voisin) dank der gönnerhaften Verliebtheit seiner Mäzenin Louise de Bargeton (Cécile de France), die, und das darf keiner wissen, mit dem knackigen Feschak längst eine Liaison hat. Im frühen 19. Jahrhundert können amouröse Verbindungen zwischen unterschiedlichen Klassen das Gefälle im Ansehen nicht überwinden, und da Louise de Bargeton keine Lust auf jedwede Ächtung hat, bleibt das Gspusi geheim. Wie Felix Krull, der vorgab, etwas zu sein, was er nicht hat, stehen Lucien dank seiner Mäzenin manche Türen offen, um in der Haute Volée mitzumischen. Bald wird bekannt, dass der Möchtegern-Literat weniger mit seinen sperrigen Gedichten auf sich aufmerksam macht, als vielmehr mit seiner spitzen Feder, die tief in die süffisante Polemik taucht, um Snobs und VIPs zu diskreditieren. Die Zeitungen sehen sowas gerne, die Leserschaft zerreißt sich die Mäuler, der Content wird zum Gesprächsstoff – und Lucien wird bald ganz oben angekommen sein. Was einen dort oben erwartet, ist erstens von kurzer Dauer und zweitens aus fast jeder moralischen Erzählung wie das Amen im Gebet: Wer hoch steigt, wird tief fallen. Und bald nutzen ihm all seine Beziehungen nichts mehr, nicht mal die mit dem resoluten Verleger Dauriat, dem Gerard Depardieu im wahrsten Sinne des Wortes Gewicht verleiht.

Eine gewisse opulente Schwere kann man Xavier Giannolis Schicksalsschwarte von einem Film auch nicht wirklich absprechen. Statt gekleckert wird geklotzt, es biegen sich die gebohnerten Parkettböden in schmucken Hallen unter der Last des fein rausgeputzten Wer-bin-ich-wer-war-ich-Establishments, es trägt Benjamin Voisin als Lucien sein für die Öffentlichkeit erdachtes Ich zur Schau, als gäbe es kein Morgen mehr. Jenseits dieser Herrenhäuser und Prunkräume wird die Hauptstadt Frankreichs zu einem alle Werte über Bord werfenden Sodom und Gomorrha der Influencer und Follower von anno dazumal, zu einer geschichtlichen Anti-Nostalgie in üppigen Bildern, bei der man mit Erschrecken – obwohl man es längst gewusst hat – feststellt, dass die Welt niemals anders war. Dass seit jeher Meinungen gemacht wurden, Fake News verbreitet und Verlierer, die aus irgendwelchen Gründen auch immer plötzlich büßen müssen, durch den Dreck gezogen werden. Einen fast schon investigativen Gesellschaftsroman hat Balzac da geschrieben, Giannoli tischt uns die entsprechenden Bilder dazu auf, zusammengepresst auf ohnehin noch zweieinhalb Stunden, und dennoch zum Bersten voll mit Intrigen, Begehrlichkeiten und gnadenlosem Anarcho-Kapitalismus, der das ganze Räderwerk erst zum Laufen bringt. Es läuft bis heute.

Verlorene Illusionen (2021)

Saltburn (2023)

YOUR HOME IS MY CASTLE

7/10


Saltburn© 2023 Amazon Content Services LLC


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: EMERALD FENNELL

CAST: BARRY KEOGHAN, JACOB ELORDI, ROSAMUNDE PIKE, RICHARD E. GRANT, ARCHIE MADEKWE, ALISON OLIVER, CAREY MULLIGAN, PAUL RHYS, EWAN MITCHELL U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Es gibt Schauspieler, die, egal wie klar definiert ihre zu spielenden Charaktere auch sein mögen, stets einen gewissen Zweifel in Anbetracht ihrer Ambitionen hegen. Weil man Unterschwelliges, Durchtriebenes vermutet. Eine psychopathische Komponente, ein unaufgearbeitetes Trauma – schlicht etwas Verstörendes, das irgendwann ans Licht will. Zu diesen Darstellern zählen durchaus Joaquin Phoenix, ganz besonders Joel Edgerton (zuletzt in Master Gardener) und Barry Keoghan, der für seine Rolle des mit schlichtem Gemüt ausgestatteten Dominic Kearney aus The Banshees of Inisherin für den Oscar nominiert wurde. Diese Ehrung verschaffte dem sonst aus Giorgos Lanthimos Thriller The Killing of A Sacred Deer bekannten Iren auch eine Rolle in Emerald Fennells neuen, längst heiss diskutierten Film, der eben auf der Streaming-Plattform amazon prime seine Premiere erlebt: Saltburn.

Das klingt ein bisschen nach Sommer, Sonne und Salzwasser – ist es aber nicht. Saltburn ist das feudale, gigantische Anwesen der Familie Catton – so residieren müsste man mal! Das sind andere Zustände, die wohl kaum jemand von uns Normalbürgern jemals erlebt hat, außer man bucht eine Führung durch die Gemächer irgendeines der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Schlosses und kann sich an den edel ausgestatteten und mit sündteuren Wandgemälden behangenen Prunkräumen einfach nicht sattsehen. So ein herrschaftliches Paradies steht und fällt mit einer Entourage an Dienern und Lakaien, anders lässt sich Saltburn schließlich nicht erhalten. In diese Blase platzt Barry Keoghan. Diesmal ist er ein schlichter Student aus Oxford, muss auf eine entbehrungsreiche Kindheit zurückblicken und leidet unter dem höchst problematischen, asozialen Lebenswandel seiner Eltern, die nichts auf die Reihe bekommen, außer ihren Sohnemann Oliver auf die Universität zu schicken. Dort ist der junge Mann ein Außenseiter – bis er durch Zufall den allseits beliebten Felix trifft. Was eine Fahrradpanne so alles bewirken kann – man glaubt es kaum. Das Glück des einen scheint auf das des anderen abzufärben. Bald sind beide gute Freunde, Oliver im Kreise der Elite aufgenommen. Und da das Schicksal diesem Oliver nach wie vor eher bescheiden mitspielt, verstirbt auch noch dessen Vater. Um seinen neuen, vielleicht manchmal etwas nervigen Freund zu trösten, lädt er ihn über die Sommerferien auf besagtes Anwesen ein – nach Saltburn. Dort lernt Oliver Felix‘ Familie kennen: die dem Reichtum und der Langeweile unterworfenen, etwas dekadenten Eltern (realitätsverloren: Rosamunde Pike und Richard E. Grant), die promiskuitive Schwester und andere Nutznießern wie Oliver – dem ein Leben in Saus und Braus und im fast schon blaublütigen Wohlstand plötzlich offen steht. Alles ist möglich, alles ist zu haben. Man muss nur wissen, wie.

Dass während dieses Sommers alles eitel Wonne bleibt und der in den Tag hineinlebenden Gesellschaft bis zum Herbst hin die Sonne aus dem Allerwertesten scheint – davon kann man mal getrost ausgehen, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein kann. Schließlich hat Emerald Fennell in Promising Young Woman Carey Mulligan als emanzipatorischen Racheengel auf die Männerwelt losgelassen. Man darf erwarten, dass Saltburn in eine Richtung geht, die in die Dunkelheit führt – in der Intrigen, Manipulation und gute Miene zu bösem Spiel bald zur Tagesordnung gehören. In diesen zwielichtigen Dunstkreis passt Barry Keoghan wie die Made im Speck. Sein Counterpart auf Augenhöhe: Jacob Elordi, der eben als Elvis Presley in Sofia Coppolas Priscilla so richtig brilliert.

Es scheint fast so, als wäre Saltburn die Geschichte einer verbotenen Liebe – in die Richtung gehend, die etwa Guadagninos Call Me By Your Name einschlägt. Weit gefehlt. Fennell zelebriert, obwohl ihr Film in den Nuller Jahren spielt, den modernen Zeitgeist, die perfide Methodik egomanischer Ich-Gesellschaften, die, permanent um sich selbst rotierend, das höchste Gut darin sehen, aller sozialer Interaktion entledigt, das Elysium einzig im erstickenden Reichtum zu erfahren. Materialismus und Soziopathie, obsessive Liebe für den eigenen Zweck. Das gegenseitige Ausspielen aller Figuren in diesem Reigen gibt sich der Zentrifugalkraft einer Eskalationsspirale hin, und je weiter Saltburn voranschreitet, umso mehr lässt der Film eine präzise durchdachte Realität zurück, um sich einer tiefschwarzen, geradezu galligen Groteske hinzugeben, die wir zuletzt ungefähr ähnlich scharf gewetzt in Bong Joon-hos Parasite gesehen haben. Von der Immer-mehr- und Noch-besser-Gesellschaft erzählt Fennell, von den Talenten eines Mr. Ripley, der in Patricia Highsmiths Büchern alle und jeden so weit abrichten konnte, um auf den Schultern jener emporzusteigen. Die Symbolik ist bei Saltburn aber noch intensiver. Das Parasitäre, das In-Sich-Einverleiben der beneideten Elite findet seinen Ausdruck im Vampirismus, im sexuellen Fetisch. Die Blicke Barry Keoghans, meistens wie die eines Unschuldslamms, lassen ganz plötzlich das Blut in den Adern gefrieren. Seine Performance ist so unberechenbar wie subversiv – und doch weiß man bald, sehr bald schon, und zwar ganz genau, wie der Hase wohl weiterlaufen wird.

Vielleicht gerät Saltburn letzten Endes zu plakativ, wird die feine Klinge dann doch noch schartig und arbeitet den humorigen, fiesen Thriller entsprechend ab, ohne sich und andere noch überraschen zu wollen. So homogen alles begonnen hat, so derb endet es. Filme wie diese, die sich immer mehr steigern, müssen mit diesem Manko klarkommen. Saltburn gelingt es trotzdem, als verfluchte Immobilie, als vom Unglück heimgesuchtes Gemäuer, zum verlockenden Verweilen einzuladen. Solange, bis es zu spät ist. Denn den Absprung verpasst man garantiert.

Saltburn (2023)

Killers of the Flower Moon (2023)

DER NEID DES WEISSEN MANNES

8,5/10


killersoftheflowermoon© 2023 Apple Original Films


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: MARTIN SCORSESE

DREHBUCH: ERIC ROTH, MARTIN SCORSESE

CAST: LEONARDO DICAPRIO, ROBERT DE NIRO, LILY GLADSTONE, SCOTT SHEPHERD, JESSE PLEMONS, TANTOO CARDINAL, BRENDAN FRASER, JOHN LITHGOW, BARRY CORBIN, WILLIAM BELLEAU, LOUIS CANCELMI, JASON ISBELL, STURGILL SIMPSON U. A.

LÄNGE: 3 STD 26 MIN


Blättert man das Schwarzbuch der Menschheit durch, könnte man darin auf ein Kapitel stoßen, welches die unsagbare Gier des weißen Mannes im zwanzigsten Jahrhundert wohl nicht besser illustrieren könnte als anhand der Morde am indigenen Volk der Osage, die das Glück hatten, in ihrem zugewiesenen Reservat auf Öl zu stoßen. Die Folge: Reich werden mit Klasse. Wir würden also, wären wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort, keine traditionellen Siedlungen und Dörfer mehr vorfinden, sondern mondäne, dem kolonialen Zeitgeist entsprechend gekleidete und herausgeputzte Familien, die im urbanen, europäisch orientierten Umfeld und dessen Gesellschaft längst das Sagen haben, anschaffen können und sich gar von weißen Leuten bedienen lassen. Die Osage, die hatten den Spieß so richtig umgedreht. Ein Status Quo, der den Weißen sauer aufstieß, denn die verstehen sich seit jeher als die Herren und Damen der Schöpfung. Als das Mustervolk der ganzen Welt, als die eigentlichen Bestimmer, denn überall sonst hat sich diese eine Ordnung längst etabliert – warum dann nicht hier, in Oklahoma, weit weg von Washington, wo einer wie William Hale einen verborgenen Krieg führt gegen die indigene Elite, sich öffentlich aber als Gönner, Wohltäter und bester Freund der durchs schwarze Gold reich gewordenen Nicht-Weißen präsentiert. Dieser Hale, in charismatischer Routine dargeboten von Robert de Niro als eitler Viehbaron, der keinen Widerspruch duldet, wird zur ekelhaften Verkörperung von Gier, Neid und Niedertracht. Seine beiden Neffen dürfen sich die Finger schmutzig machen, um die systematische Aneignung der missgönnten Ressourcen durch den selbsternannten King auch auszuführen. Raub, Mord und Intrige stehen auf der Agenda. Der gerade aus dem Krieg zurückgekehrte Ernest Burkhart, nicht wirklich ein Geistesriese, steht von Anbeginn an unter dem Einfluss des manipulativen Onkels. Entziehen kann er sich ihm nicht, aus Angst, aus Bequemlichkeit, oder einfach aus der Lust am Gewinn. Natürlich kommt der weißen Sippschaft eine Heirat mit der wohlhabenden Osage Molly wie gerufen – durch dieses Bündnis sollen die Anteile an den Bodenschätzen in Hales Hände geraten. Nachhelfen muss schließlich trotzdem werden – und nach und nach stirbt Mollys ganze Familie unter ihren Fingern weg. Sie selbst, an Diabetes erkrankt, sieht alsbald auch ihr eigenes Leben in Gefahr. Doch nichts und niemand scheint gegen diese ethnische Säuberung aufbegehren zu können.

Mit Sicherheit wird Killers of the Flower Moon kein Gigant am Box Office. Kein Film, für den das Publikum die Türen der Kinos einrennt. Das war schon damals, Anfang der Achtziger Jahre mit Michael Ciminos Spätwestern Heaven’s Gate so. Der Film geriet zum Totalflop und hatte den Untergang von United Artists zur Folge. Warum wohl? Zumindest damals waren dunkle Kapitel aus der amerikanischen Geschichte wie zum Beispiel der ebendort thematisierte Johnson County War nicht gerade das, wofür man zur Zerstreuung ins Kino ging. War Ciminos Klassiker seiner Zeit voraus? Könnte sein. Oppenheimer bewies, dass heikle Themen und kritische Betrachtungen auf die eigene Vergangenheit längst auf mehr Interesse stossen. So ein verheerendes Schicksal wie Michael Cimino wird Scorsese aber nicht erleiden – der Mann zählt zur Elite der amerikanischen Filmschaffenden, und das aus gutem Grund, denn Scorsese, der kann so einiges und kann dieses Level auch über Jahrzehnte hinweg halten. Was mit Hexenkessel oder Taxi Driver begann, könnte nun, mit Killers of the Flower Moon, zu einem neuen Meilenstein gelangen. Das epische Thrillerdrama auf Tatsachen ist mindestens so gut wie das Mafiaepos GoodFellas, ist auf den Punkt genau inszeniert und trotz seiner enormen Laufzeit so atemlos erzählt, dass man als Zuseher gut und gerne die Zeit verliert.

Dabei ist gar nicht mal die schauspielerische Leistung in diesem Film primär verantwortlich dafür, dass Killers of the Flower Moon einen derartigen Eindruck hinterlässt. Fast ließe sich Leonardo DiCaprios Overacting, welches sich vor allem in seinen übertrieben der Schwerkraft unterlegenen Mundwinkeln manifestiert, wenn dessen Lage als Filmcharakter Ernest immer wieder mal prekär wird, als Manko betrachten. Doch nur auf den ersten Blick. Klar ist: die feine Klinge des Schauspiels beherrscht das ewige Babyface nicht wirklich. Und dennoch schafft Scorsese für diesen Ernest Burkhart eine hinter den plakativen Regungen befindliche Gefühlswelt zu errichten, die das schlichte Gemüt des zwischen Verantwortung, Reue, Gier und Furcht changierenden, willensschwachen Diener des Bösen erschreckend gut einfängt. Neben ihm gibt Lily Gladstone als immer mehr dahinsiechende Molly dem finsteren Drama eine fast schon biblische Leidensfigur, die in Hitchcock-Manier so manchen Verdacht hegt.

Wie Scorsese das bis in die kleinsten Nebenrollen erlesen besetzte Opus Magnum in Zaum hält, ohne ins Theatralische oder Pathetische abzurücken, ist genau seine Spezialität. Gerade diese konzentrierte Art und Weise, diese durchgetaktete Chronik der Ereignisse, die niemals nur Fakten liefert, sondern mit emotionaler Wucht dem schwelenden Grauen aus dem Hinterhalt begegnet, lässt diese uramerikanische Parabel auf kaltschnäuzigen Rassenhass so gut funktionieren.  Unterlegt mit einem hypnotischen Score des im August letzten Jahres verstorbenen Robbie Robertson, der Folklore-Klänge mit Blues-Rhythmen verbindet, lässt Killers of the Flower Moon niemanden kalt. Scorseses Film ist eine elektrisierende Tragödie – zynisch, bitter und die Boshaftigkeit unserer Gattung bis auf die Knochen sezierend.

Killers of the Flower Moon (2023)

Fair Play (2023)

MANN HAT ES – FRAU AUCH

7,5/10


fairplay© 2023 MRC II Distribution Company, L.P.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: CHLOE DOMONT

CAST: PHOEBE DYNEVOR, ALDEN EHRENREICH, EDDIE MARSAN, RICH SOMMER, GERALDINE SOMMERVILLE, SEBASTIAN DE SOUZA, BRANDON BASSIR, SIA ALIPOUR U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Sie sind jung, sie sind ehrgeizig und aufstrebend, sie sind… von gestern. Zumindest einer der beiden, und zwar er, der ach so verständnisvolle Mann im Haus, genannt Luke. Als Analyst in einem Investmentunternehmen teilt er sich den Arbeitsplatz mit seiner Geliebten und alsbald Verlobten, der nicht minder karriereorientierten Emily. Noch ist alles eitel Wonne, beide sind beruflich auf Augenhöhe, beide müssen sich vom CEO Mr. Campbell (fies: Eddie Marsan), einem sardonischen Kapitalhai, der keinen Respekt vor Untergebenen hat, Beleidigungen jedweder Art gefallen lassen und dürfen ganz sicher nichts Privates mit in die Firma nehmen. Daher ist auch die Liaison der beiden streng geheim. Beide tun so, als wäre nichts. Daheim aber ist die Liebe am Lodern, die Leidenschaft ebenso, und die Männlichkeit drauf und dran, ins stereotype Heldenhafte zu wachsen, geht doch das Gerücht um, das Luke alsbald den Preis für seine Zielstrebigkeit kassieren wird: als neuer Portfoliomanager (was immer das auch ist) soll er den ins Off gekickten Vorgänger, der schon mal Nerven schmeißend die Elektronik seines Büros zertrümmert hat, bevor er gehen hat müssen, ersetzen.

Normalerweise könnte man meinen: Natürlich bekommt der Mann den Zuschlag, wir leben schließlich und leider Gottes in einer diskriminierenden Welt. Doch es kommt anders. Emily gerät in den Fokus der Chefetage – nicht, weil Frauenquoten erfüllt werden müssen, sondern weil sie genau das leistet, was Campbell als vielversprechend für die Erfolgskurve seiner gnadenlosen Diktatur betrachtet. Und nun stellt sich die Frage: Ist Luke als Mann von Morgen bereits so weit in der neuen und gerechten Ordnung einer Gesellschaft angekommen, die akzeptiert, wenn das „schwache Geschlecht“ plötzlich mehr Macht und Geld hat als jenes angeblich starke, das immer noch glaubt, Frauen beschützen zu müssen?

An diese Umkehrrechnung macht sich Langfilmdebütantin Chloe Domont heran, ohne auf Klammern, Plus- und Minuszeichen zu vergessen. Diese Gleichung geht auf, ihr selbst verfasstes Karrieredrama ist spannend und aufwühlend wie ein Thriller, bissig wie eine Satire und so beobachtend wie ein Psychodrama. Netflix holt sich Fair Play – ein Titel, der recht austauschbar anmutet, aber man sollte sich nicht davon abschrecken lassen – als eines seiner Highlights des diesjährigen Streaming-Jahres ins Programm. Wer hätte das gedacht, dass ein Werk, von dem man glauben hätte können, es wäre ein regressiver Schmachtfetzen mit Liebe, Intrigen und wilder Romantik im Stile der 50 Shades of Grey, letztendlich eine Schärfe an den Tag legt, die gesellschaftlichen Machtkämpfen wie Michael Crichtons Enthüllung längst das Wasser reichen kann. Prickelnde Erotik, erwartbares Hickhack im Rahmen eines zu erwartenden Rosenkrieges – ganz so einfach macht es sich Chloe Domont in ihrem selbst verfassten Skript zum Glück nicht.

Dankenswerterweise darf Alden Ehrenreich, der junge und zu Unrecht verschmähte Han Solo, seinen normativen Gentleman raushängen lassen – verständnisvoll, scheinbar aufgeschlossen dafür, Paradigmenwechsel gutzuheißen und liberal bis dorthinaus, um seiner besseren Hälfte jenen Erfolg zu gönnen, den wohl er selbst gerne gehabt hätte. Zugegeben, das ist nicht leicht, die eigene Niederlage wegzustecken. Doch wo hört da die in Fleisch und Blut übergegangene Erziehung von vorgestern auf, als wir alle noch die alten und unfairen Rollenbilder gelehrt bekamen? Wo fängt die Loslösung davon eigentlich an? Und ist sie überhaupt schon im Gange? Oder sind das alles nur Lippenbekenntnisse? Dieser Analyse muss sich Ehrenreich stellen, während Phoebe Dynevor (bekannt aus Bridgerton) die neue Ordnung dankend annimmt, ohne dabei aber in einen ähnlichen Chauvinismus zu verfallen, wie ihn Männer manchmal haben. Dieses Ungleichgewicht und der stets scheiternde Versuch, berufliche Neuordnung nicht gleich als Entmannung anzusehen, machen Fair Play zu einer stets aufgeräumten und niemals allzu dreckigen, aber intelligenten Nabelschau, die, noch viel stärker oder zumindest gleich stark wie Greta Gerwigs Satire Barbie, gerade jene Versatzstücke seziert, die urbanes Mann-Sein öffentlich ausmacht. In der erbarmungslosen Welt des Geldes und des Erfolges, die keinerlei Werte kennt, außer den der Gewinnmarge, sind noble Vorsätze wie Fürze im Wind.

Es tut fast körperlich weh, Ehrenreich bei seiner Entmannung zuzusehen. Erschreckend dabei ist: Nichts davon scheint so sehr überzeichnet, um lachhaft zu wirken. Die Verzweiflung, die masochistische Lust an der Erniedrigung, die eruptive Gewalt als letztes Machtinstrument, das einem Mann wohl bleibt: Selten war ein Film über das Ringen der Geschlechter so glasklar.

Fair Play (2023)

Paradise (2023)

DIE PFÄNDUNG VON LEBENSZEIT

5/10


paradise© 2023 Netflix Österreich


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE: BORIS KUNZ

DREHBUCH: PETER KOCYLA, BORIS KUNZ, SIMON AMBERGER

CAST: KOSTJA ULLMANN, CORINNA KIRCHHOFF, MARLENE TANCZIK, IRIS BERBEN, ALINA LEVSHIN, LISA-MARIE KOROLL, LORNA ISHEMA, NUMAN ACAR, LISA LOVEN KONGSLI U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Oft kommt es einem vor, dass das Leben wie im Flug vergeht. Deutlich wird’s bei den eigenen Kindern, denn die wachsen schnell heran, und während sie älter werden, in die Pubertät kommen und dann ihren Abschluss machen, ist diese Zeitspanne zum Erwachsenwerden an einem selbst nicht spurlos vorübergegangen. Ganz im Gegenteil: Erst jetzt wird deutlich, dass alles ein Ablaufdatum hat, dass uns jene, denen wir ins Leben geholfen haben, ersetzen werden. Und so wechselt Generation mit Generation, während das Streben nach dem ewigen Leben in Film und Fernsehen seine Gestaltungsformen und Interpretationen sucht. Gerade das erschreckende Bewusstsein, dass die Jahre wie im Schnelldurchlauf vergehen, ohne dass sie wahrgenommen wurden, dient gerne als dystopisches Szenario in Near-Future-Filmen und wird zum körperlosen Antagonisten, zur erbarmungslosen Entität. Zu einem tyrannischen Zustand, den sich manche der wenigen milliardenschweren Gewinner eines dahinsiechenden Systems zu eigen machen – um noch mehr zu lukrieren. Und das ganze Drumherum als kaufbares Elysium präsentieren.

Die Rede ist dabei von Paradise, einem deutschen und auf Netflix gerade sehr erfolgreichen Science-Fiction-Thriller, der die Zukunft als ausweglose Konsequenz gegenwärtiger Zustände weitertreibt. In dieser Vision von Morgen ist es der Wissenschaft gelungen, durch exzessive Genforschung Lebensjahre zu transplantieren. Es gibt also nicht nur Organspender wie schon seit jeher, sondern auch die Möglichkeit, aufgrund der Abgabe von Lebenszeit finanziell fein raus zu sein, sofern man in Geldnöten steckt. Alles ist plötzlich möglich, und ein paar Jährchen mehr oder weniger werden schließlich nicht ins Gewicht fallen, sind die doch ordentlich Kapital wert. Das Establishment profitiert – es verjüngt sich, lebt länger bis fast ewig. Die Welt, die Boris Kunz hier beschreibt, ist das Paradies einzig und allein für die Reichen. Ist das Ideal für den Kapitalismus, der sich am Diesseits vergreift wie ein Parasit. Und Max Toma (Kostja Ullmann), glücklich verheiratet mit Gattin Elena, ist einer derjenigen, die im Außendienst potenziellen Kunden ihre Lebensjahre im wahrsten Sinne des Wortes von den Rippen leiert. Ein Gevatter Tod für den Zwischenstand, ein profitbringendes Geschäft aus dem Jenseits. Selbst dort denkt man nur noch an den Mammon.

Da passiert es eines Tages, und das glückliche Paar steht nach einem Wohnungsbrand plötzlich auf der Straße. Selbstverschulden, heißt es von Seiten der Versicherung, die keinen Cent bereit ist zu zahlen. Was Max aber nicht wusste: Elena hat als Sicherheit ihre Jahre gepfändet – sage und schreibe fast vierzig davon. Der Horror wird Realität und die junge Ehefrau muss unters Messer. Der körperliche Verfall passiert zwar nicht im Zeitraffer, aber von heute auf morgen. Sophie Theissen, der CEO von Aeon, dem einzigen offiziellen Monopol in Sachen Lebenszeit, sichert Max ihre Hilfe zu – doch das bleibt ein Lippenbekenntnis. Als plötzlich klar wird, dass die Grand Dame Elenas entzogene Lebenszeit für sich selbst gepachtet hat, ist die Wahl der Waffen zur Rückholung des gemeinsamen Glücks eine, die man gut und gerne als schmutzig bezeichnen kann. Aus dem vorbildlichen Mitarbeiter des Konzerns wird ein Rebell. Und nicht nur Max, auch die nun ältere Elena (Theater- und auch Burgschauspielerin Corinna Kirchhoff) radikalisiert sich im Bestreben für Gerechtigkeit zusehends.

Das futuristische Drama erinnert unweigerlich an den von Andrew Niccol geschriebenen und inszenierten Thriller In Time – Deine Zeit läuft ab mit Amanda Seyfried und Justin Timberlake. Auch dort wird Lebenszeit zur Weltwährung – mit fatalen Folgen, aber letztlich doch ganz anders konzipiert, vielleicht auch weit unrealistischer als in vorliegendem Streifen. In In Time ist bei jeder Person die Lebenszeit auf 25 Jahre reduziert, natürlich aufgrund des akuten Problems des Überbevölkerung. Eine implantierte Uhr zeigt das letzte Lebensjahr, welches allerdings immer wieder verlängert werden kann, wenn man das nötige Kleingeld hat. In Paradise lebt der Mensch in bewährter Weise vor sich hin, so, wie wir es kennen. Es sei denn, er braucht Geld – oder Leben.

Die Idee ist interessant und auch ganz gut durchdacht. Mit Iris Berben als undurchsichtige und über allen Dingen stehende Ikone einer wirtschaftlichen Weltmacht lässt sich die Unbarmherzigkeit des Kapitalismus in einer fast schon bis ins Abstrakte überhöhten Figur bannen. Auch Marlene Tanczik und Corinna Kirchhoff als ein und dieselbe, aber jüngere wie ältere Person ergänzen sich prächtig und lassen ihre Altersrollen zu einem einzigen, stringenten Charakter verschmelzen. Abgesehen davon aber erreicht Paradise niemals so richtig die Wucht und Wirkung eines großen Kinofilms. Es liegt nicht nur an Kostja Ullmann, keine Frage. Vielleicht aber vielmehr daran, dass Boris Kunz vom Fernsehen kommt und es ihm schließlich schwerfällt, die epische Tragweite dieser verkorksten Zukunft entsprechend zu vermitteln. Trotz seiner Akkuratesse und sozialphilosophischen Dringlichkeit arbeitet sich das Thema, eingeschläfert durch unzählige Nacht- und Nebelszenen, nur zaghaft voran. Relativ banal handelt Paradise überdies den Rechtsstaat ab, der angesichts dieser tragischen Ausgangssituation überhaupt nicht existiert, der aber mit Sicherheit ein Wörtchen mitzureden hätte. Die obligate Rebellengruppe, die es als Kontrapunkt natürlich geben muss, entzieht sich selbst aufgrund ihres plakativen Idealismus ihre eigene Existenzberechtigung. Sie wird zum Dekorationselement – wie so einiges in einem Film, der mit mehr Budget und der richtigen Person im Regiestuhl ordentlich Zündstoff für Diskussionen mitgebracht hätte. Mit dem Eindruck aber, den Paradise hinterlässt, denkt man maximal an den eigenen nächsten Geburtstag.

Paradise (2023)

Blood & Gold (2023)

EIN WESTERN AUS DEM WELTKRIEG

5/10


BloodAndGold© 2023 Netflix Österreich / Reiner Bajo


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE: PETER THORWARTH

BUCH: STEFAN BARTH

CAST: ROBERT MAASER, MARIE HACKE, ALEXANDER SCHEER, SIMON RUPP, JÖRDIS TRIEBEL, CHRISTIAN KAHRMANN, STEPHAN GROSSMANN, JOCHEN NICKEL U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Schon die längste Zeit versteht Peter Thorwarth das Handwerk des Filmemachens, bereits 1999 entstand unter seiner Regie die mittlerweile doch schon als moderner Klassiker verehrte Actionkomödie Bang Boom Bang. Die Liaison mit Netflix hingegen ist noch relativ jung und hatte seinen Einstand mit der originellen Mischung aus Vampir-Horror, Katastrophenfilm und Actionthriller: Blood Red Sky. So wirklich in Erinnerung blieb dabei auf alle Fälle Peri Baumeisters zum blutdürstenden Dämon verändertes Äußeres, dass den Vampiren aus Brennen muss Salem oder gar dem guten alten Nosferatu sehr nahekam. Das alles ist handwerklich gut gemacht, das muss man sagen, doch eine vielbefahrene Piste, auf welcher das Flugzeug letztlich landen musste. In seinem neuen, auf den Fantasy Filmfest Nights  erstmals gezeigten Reißer Blood & Gold fließt zwar auch jede Menge Körpersaft, doch die Ursache dafür hat keinen paranormalen Ursprung mehr. Peter Torwarth dreht die Zeit zurück bis zu den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945.

Irgendwo auf den Wiesen Deutschlands rennt ein Deserteur um sein Leben, der genug davon hat, die Gräueltaten der ohnehin schon gelieferten Meute an Nazi-Schergen weiter zu unterstützen. Überhaupt entsprach diese Geisteshaltung von Anfang an schon nicht seiner Wahrnehmung von der Welt, aber immerhin: besser spät als nie die Reißleine ziehen. Klar, dass das Obersturmbannführer von Starnfeld (Alexander Scheer, Gundermann) nicht gutheißen will und ihn aufknüpfen lässt. So baumelt er am Strick, als Bäuerin Elsa den halbtoten Soldaten befreit. Natürlich freunden sich beide an, während die für etwaige Partnerschaften altersmäßig gut geeignete junge Frau und ihr behinderter Bruder den Blondschopf wieder aufpäppeln. Gerade zur rechten Zeit, denn von Starnfelds marodierende Gang taucht wieder auf, um den Bauernhof auszuplündern. Es kommt, wie es kommen muss: Bevor es richtig unschön wird, muss Heinrich aus seinem Versteck, um Elsa beizustehen. Womit die eigentliche Story erst so richtig beginnt. Und die Sache mit dem Gold nur so nebenbei auch nochmal Erwähnung findet. Denn in der nahen Kleinstadt, da gibt’s was zu holen. Nur wo, ist die Frage. Und wer hat es?

Der (Welt)krieg und das unverwechselbare Edelmetall sind schon des Öfteren Synergien eingegangen, die zu Filmen wie Stoßtrupp Gold, Three Kings oder eben jüngst zum finnischen Exploitation-Actioner Sisu geführt haben. Für diesen Streifen hat Jalmari Helander genau gewusst, wo er den Genremix bedienen muss, um knackiges Abenteuerkino mit Blutverlust schwer unterhaltsam anzulegen. Peter Thorwarth sitzt da nicht so fest im Sattel. Womit wir beim Genre des Westerns wären. Denn Thorwarth, der lässt seine Goldsuche im Stile einer Pferdeoper vorangaloppieren, auch diesmal wieder auf gern frequentierten Pfaden. Dabei variiert er weder die gängigen Versatzstücke, die gerne verwendet werden, um Halfter-Schurken, die aussehen wie SS-Finsterlinge, darzustellen – noch lässt sich ein ehrgeiziges Bemühen erkennen, seinen für Rache und Gerechtigkeit kämpfenden Protagonisten mehr Charisma zu verleihen als nur irgend nötig. Robert Maaser als Deserteur Heinrich, dem jegliches noch so kleine Quäntchen an Humor oder gar Selbstironie fehlt, wirkt dadurch nicht gerade durch welche Ideale auch immer inspiriert. Auch Maria Hacke als Elsa setzt ihre Rolle viel zu farb- und freudlos an. Von Jördis Triebel ganz zu schweigen. Scheer wiederum ist das wandelnde Klischee eines grotesken Nazi-Monsters. Am besten ist immer noch Simon Rupp: der Bruder, der sich um die Milchkuh schert und dann zu den Waffen greift, ist der geheime Star des Films. Nichts anderes spiegelt dort so sehr die Wut an den beschämenden Verbrechen wider, die das Hitler-Regime damals ausgeübt hat.

Wenn man davon absieht, dass die mit den Ohrwürmern Zarah Leanders und Co unterlegten, recht solide inszenierten Actionszenen tatsächlich Spaß machen, bleibt von Blood & Gold nicht sehr viel übrig, was wirklich einen gewissen Erinnerungswert haben könnte. Manieristisch, formelhaft und bar jeglicher Satire geht die dunkle Ära der Nazis wiedermal zu Ende.

Blood & Gold (2023)

Der Schacht (2019)

DRUNTER UND DRÜBER

7/10


derschacht© 2020 Netflix Österreich


LAND / JAHR: SPANIEN 2019

REGIE: GALDER GAZTELU-URRUTIA

BUCH: DAVID DESOLA, PEDRO RIVERO

CAST: IVÁN MASSAGUÉ, ANTONIA SAN JUAN, ZORION EGUILEOR, EMILIO BUALE, ALEXANDRA MASANGKAY U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Wie kommt der Hunger in die Welt? Der Schweizer Globalisierungskritiker Jean Ziegler hat mit genau diesem Titel ein Buch an seinen Sohn geschrieben, da sich dieser nicht erklären konnte, wie es so viel Ungerechtigkeit auf Gottes Erden geben kann. Der spanische Science-Fiction-Film Der Schacht erklärt die Grunddynamik der Klassengesellschaft und ihre Folgen auf eine vermutlich viel simplere Art, dafür aber kontrastreich genug, um im Gedächtnis zu bleiben. Der Schacht (auf englisch: The Platform) ist allein schon aufgrund seiner genialen Idee ein denkwürdiges Ereignis – ein Kammerspiel zwischen menschengemachten Horror und surrealer Satire.

Die Kammer, in der das Ganze spielt, könnte einem Drama des absurden Theaters von Beckett oder Ionesco als dramaturgischer Unterbau gereichen. Vielmehr ist es eine Art Turm (wir wissen nicht, ob dieser unter- oder oberirdisch errichtet wurde) mit scheinbar unendlichen Ebenen, die weder Aus- noch Einstieg besitzen, die jeweils ungefähr quadratisch groß sind und in der Mitte eine Aussparung besitzen, durch welche täglich eine Plattform vorbeirauscht, die, beladen mit den köstlichsten Speisen, die man sich nur vorstellen kann, den Freiwilligen oder unfreiwilligen Teilnehmern den Magen füllt. Allerdings gibt es da ein kleines Problem: Die oberen Ebenen, beginnend bei 1, können sich noch die Bäuche vollschlagen, während die jeweils darunter liegende Kammer nur das bekommt, was die obere übriggelassen hat. Man kann sich also vorstellen, wie es, sagen wir, Ebene Nummer 48 ergeht – oder gar Ebene 100. Die müssen sehen, wie sie überleben, denn da ist außer abgenagten Knochen und leergegessenem Gedeck nicht mehr viel übrig.

Goreng – einer, der mit dem Vertikalen Zentrum für Selbstverwaltung einen Deal ausgehandelt hat, um einen Studienabschluss zu bekommen, wacht eines Tages also auf Ebene 48 auf. Das ist zwar nicht so glücklich gewählt, als wäre man drüber, aber besser als drunter. Ihm gegenüber ein älterer Herr, der schon lange Zeit festsitzt. Jeden Monat erwachen beide auf einer neuen Ebene, die mal besser, mal schlechter sein kann. Ein Ding darf jeder mitnehmen, Goreng hat Don Quichotte, sein Mitinsasse ein Messer. Man kann sich denken, wohin das führt, sitzen beide mal tiefer. Denn die Nahrungsbeschaffung in der Not kann letztlich nur eines bedeuten.

Wer mit Kannibalismus im Film überhaupt nicht umgehen kann, sollte Der Schacht tunlichst meiden. Andererseits ist dieser blutige Umstand Teil eines höchst durchdachten Konzepts zur Veranschaulichung eines sozialen Gefälles und gleichzeitig eines Phänomens, dass die Satten gieriger werden lässt und die Hungrigen verzweifelter. Dabei sollte der üppigst beladene Tisch für alle hier Anwesenden genug Essen zur Verfügung stellen, damit niemand mehr darben muss. Allein: Am menschlichen Verhalten scheitert es. Jesus wäre mit seiner wunderbaren Brot- und Fischvermehrung wohl gescheitert, hätte er den Korb durch die Reihen gehen lassen. Solidarität ist ein rares Gut. Warum teilen, wenn man selbst nichts davon hat? Altruismus ist nicht leicht zu verstehen.

Der Schacht ist zynisch, brutal und pessimistisch. Aber nicht ganz hoffnunsglos, obwohl der Streifen versucht ist, die Hoffnung auf den besseren Menschen aufzugeben. Da ist ein Streben in diesem Film, ein Vorwärtskämpfen und der Wille zum Stürzen geltender Systeme. Auch das ist dem Menschsein inhärent. In seiner mit scharfer Klinge geschriebenen Dialogen und absurden Plot-Highlights so wie jenem, die Panna Cotta als Botschaft des Umbruchs zu erwählen, mag Galder Gaztelu-Urrutias Film seine im Widerspruch zur klinischen Kulisse archaische Gewalt und deftige Exzesse manchmal zu sehr entarten zu lassen – im Grunde aber bleiben diese Elemente Teil einer höheren Bedeutung, nämlich die einer lustvollen bis gar leidenschaftlichen Zurschaustellung der Gier, der Macht und des Eigennutzes. Da dies so hell und klar durch den Schacht strahlt, lässt sich die Hölle ertragen, solange die Suche nach der Erlösung anhält.

Der Schacht (2019)