Verflucht normal (2025)

VOM ZWANG, TABUS ZU BRECHEN

7/10


Robert Aramayo als John Davidson im biografischen Film Verflucht Normal
© 2026 Wild Bunch Germany


ORIGINALTITEL: I SWEAR

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: KIRK JONES

KAMERA: JAMES BLANN

CAST: ROBERT ARAMAYO, MAXINE PEAKE, PETER MULLAN, SHIRLEY HENDERSON, SCOTT ELLIS WATSON, PAUL DONNELLY, DOUGLAS RANKINE, ADAM MCNAMARA, DAVID CARLYLE, STEVEN CREE U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN



Das Päckchen Marihuana unter dem Trainingsanzug sollte um alles in der Welt unentdeckt bleiben – erst recht, wenn zwei Polizisten den Weg kreuzen. Verhalte dich unauffällig! Doch John Davidson kann nicht anders. Er muss es lauthals in die Gegend brüllen: „Ich hab‘ Drogen! Ich hab‘ Drogen hier drunter versteckt!“

Eine Krankheit reflektiert die Gesellschaft

Diese eine Szene aus dem biografischen Tatsachendrama Verflucht normal bringt das Problem, das Betroffene mit dem Tourette-Syndrom haben, gezielt auf den Punkt. Was man dabei kaum übersehen kann: Diese Krankheit reflektiert vor allem das soziale Umfeld. Je nach Kulturkreis sind es andere Tabus, andere Benimm-Ordnungen, die duch stark ausgeprägte Tics anfallsartig gebrochen werden.

Bezieht sich diese Zwangshandlung auf Schimpfworte, spricht man von Koprolalie – das aber ist wiederum nur ein Symptom innerhalb des Syndroms, und tritt auch nicht bei allen auf, die an Tourette erkrankt sind. Heilbar ist dieser Zustand nicht, allerdings lässt er sich mittlerweile lindern.

Der Teufelskreis aus Kränkung und Unwissen

Kirk Jones spart diese hoffnungsvollen Zukunftsaussichten in seinem bewegenden Film auch nicht aus, gibt aber vor allem Einblick in jene Zeit, in der unfreiwilliges Schimpfen, unkontrollierte Bewegungen und das Hinausposaunen von kompromittierenden Gedanken noch lange nicht auf Verständnis stießen.

Anfang der Achtziger weiß noch niemand, was Tourette überhaupt sein soll. Und genau so wenig versteht man, wieso dieser Teenager John Davidson seinen Kommilitonen Beleidigungen hinterhersagt, um sich dann, aus reiner Notwehr, am Pausenhof zu prügeln. Weder die Schule noch die Familie noch sonst wer versteht, was mit John passiert. Nicht mal er selbst.

Der lange Weg zur Akzeptanz

Mit welchen Auffälligkeiten diese quälende Reise eines Lebens beginnt – das zeigt Jones konzentriert, aufschlussreich und mit ausreichend Mitgefühl. Sein Schwerpunkt liegt in der Anbahnung von etwas Schrecklichem, das Teil einer Normalität werden soll. Anfangs scheint das unmöglich. Und das Publikum selbst ringt mit der Fassung, wenn der Traum einer Fußballkarriere dem prekären Leben eines ins soziale Aus gedrängten Notstandbeziehers weicht.

Alles, nur keine Lachnummer

Jahre später schlüpft Robert Aramayo (Die Ringe der Macht, Palästina 36) in die Rolle dieses späteren Aufklärers und Lebenskünstlers, der sogar vor der Queen fluchen muss – doch da ist längst klar, welche Regeln hier gelten.

Verflucht normal beschreibt diesen langen, steinigen Weg eines herzensguten Menschen, der tagtäglich damit gequält wird, Tabus brechen zu müssen. Dabei ist das Küssen schräger Laternenpfahle das geringste Übel, das Unverständnis anderer das Größte. Dieser Leidensweg lässt sich in jeder Szene spüren, doch niemals neigt Kirk Jones in seiner Chronik einer Krankheit zum Selbstmitleid, zum Mitleid oder zu Sentimentalitäten, geschweige denn inszeniert er die Krankheit als Lachnummer – was in einigen Komödien früherer Dekaden mitunter der Fall war.

Nachher ist man immer klüger? Hier auf jeden Fall!

Robert Aramayo ist in dieser Rolle schlichtweg brillant, unaufgeregt aufgeregt und in der Ausgestaltung der Symptome so hingebungsvoll wie darauf bedacht, niemals zu übertreiben. Wer auch nur ansatzweise selbst mit Zwangsgedanken oder -handlungen zu tun hat (und ich vermute ganz ehrlich, das sind nicht wenige), den bringt Kirk Jones auf Schiene.

Hier lässt sich andocken, weiterdenken bis zum Worst Case – und verstehen, wie Tourette funktioniert. Umso mehr fiebert man mit, als Kumpel von John, und umso mehr kann man einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken, wenn das Hirn seine Fesseln lockert und die Universitätsbibliothek plötzlich auch zu einem Ort wird, den man aufsuchen kann. Denn in sich selbst ruhen zu können ist eines der schönsten Dinge auf der Welt.

Verflucht normal (2025)

Beau Is Afraid (2023)

DIE FURCHT VOR DER ÜBER-MUTTER

4/10


beauisafraid© 2023 Leonine


LAND / JAHR: USA, KANADA 2023

REGIE / DREHBUCH: ARI ASTER

CAST: JOAQUIN PHOENIX, NATHAN LANE, AMY RYAN, PARKER POSEY, ARMEN NAHAPETIAN, RICHARD KING, PATTI LUPONE, DENIS MÉNOCHET, KYLIE ROGERS, MICHAEL GANDOLFINI, THÉODORE PELLERIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 59 MIN


Ich fühl‘ mich gut, ich fühl mich toll, ich fühl mich wundervoll. Wer sich noch erinnern kann: Mit diesem Mantra hat sich Bill Murray allmorgendlich auf den kommenden Tag vorbereitet – so gesehen in der genialen Komödie Was ist mit Bob. Er gab dort einen von Angstzuständen zerfressenen Neurotiker, der sich letzten Endes an seinen Therapeuten hängt, obwohl sich dieser im Urlaub wähnt. Diese verzagte Schreckhaftigkeit, verbunden mit selbstironischem Humor, taugt zur komödiantischen Sternstunde, jedoch ohne fehlenden Respekt vor Leuten, die mit Angststörungen tatsächlich zu tun haben. Und nun, einige Zeit später, fürchtet sich Joaquin Phoenix wie nicht blöd. Als Beau, einem Mann mittleren Alters, hat er schon unzählige Sitzungen bei seinem Therapeuten absolviert, um sich danach wieder nach Hause zu kämpfen, denn auf offener Straße unterwegs zu sein, ist in der Welt von Beau mit einer Art Selbstmord gleichzusetzen. Komprimiert auf einen einzigen Straßenzug, finden wir uns in Hieronymus Boschs Weltgericht wieder, nur heruntergebrochen auf den grindigen Schrecken urbaner Endzeit zwischen Messerstecherei, Raubüberfällen und halbverwesenden Leichen, die mitten auf der Straße liegen. Ari Aster, Macher von unangenehmen Horrorknüllern wie Hereditary oder Midsommar, lässt diesen Beau in subjektiver Panik auf eine verzerrte Welt blicken. Alles scheint hier im Argen zu sein – und noch schlimmer. Visionen vom Worst Case werden zur Realität – daheim angekommen, muss sich das Häufchen Elend noch mit einer eigentümlichen, schlaflosen Nacht herumschlagen, bevor es am nächsten Tag per Flieger zur heißgeliebten Mama gehen soll. Wie zu erwarten, geht auch das schief – Koffer und Schlüssel werden gestohlen, und Wasser für die Tabletten ist auch keines da. Der eine Haken folgt dem anderen, und Beau verliert, dem heiligen Hiob gleich, nahezu alles, was er hat.

Das Pech jagt den von einer Vielzahl an Ängsten Gepeinigten von einer Prüfung zur nächsten. Davor davonzulaufen, scheint nichts zu bringen. Tod, Verderben und Wahnsinn begleiten ihn. Killer stechen auf ihn ein, psychisch kranke Kriegsversehrte werfen drohende Blicke. Die Mutter stirbt, erschlagen von einem Kronleuchter. Nun muss Beau so schnell wie möglich zum Begräbnis, der Druck von außen steigt. Und der Druck ganz woanders ebenso, trägt doch Beau ein Trauma mit sich herum, das mit dem Tod seines Vaters zusammenhängt, starb der doch just im Moment seiner Zeugung.

Gut, angesichts dieses Dilemmas sollte man mal ordentlich durchschnaufen. Geht aber nicht. Die Odyssee von Joaquin Phoenix, bestehend aus Albträumen, irren Zeitgenossen und Instant-Paranoia in Brauseform, setzt sich selbst unter Druck, ohne irgendwo Luft abzulassen. Ari Aster buttert alles in seine epischen drei Stunden hinein, dem er nur habhaft werden kann. Darunter die Freud’sche Psychoanalyse, Schuldgefühle und einen satten Mutterkomplex. Alles, was da so in den Niederungen des Unterbewusstseins eines Menschen kreucht und fleucht, formt sich zu dem Schreckensbildnis einer Übermutter zusammen, unter deren Stöckelschuhen sich die im Seidenpyjama herumgeisternde, stets entsetzte männliche Jungfrau winden wird. Beau Is Afraid ist ein aus dem Ruder laufendes und zutiefst unentspanntes Unikum an Film, ein in die Länge gewalzter, durch und durch unbequemer Psychohorror ohne rettende Ufer, ohne Zuversicht und ohne Humor – auch wenn Phoenix seine Rolle so anlegt, als würde er sich von einer aussichtslosen Lage nur nächsten kaspern. In Wahrheit tut er das nicht, seine Rolle hat keinen Anfang und kein Ende – weder entwickelt sich dieser Charakter des Beau in irgendeiner Weise weiter, noch schenkt ihm Aster jene Form von Erkenntnis, die jenen, die sich mit ihrer Angst auseinandersetzen, zwangsläufig widerfahren muss.

Zugegeben, diese satten drei Stunden sind nie langweilig. Das unberechenbar Bizarre macht neugierig, erschöpft aber gleichermaßen. Letztlich bleibt alles eine undefinierbare, erzählerische Pustel, konfus und ungeordnet, surreal und beliebig: Der Flickenteppich einer kruden Selbstfindung ohne Ziel, aufgrund der Menge an Ideen erschreckend dumpf und lähmend wie ein langsam steigendes Fieber. Der Kopf glüht, die Glieder schmerzen. Ein Zustand, den niemand will.

Beau Is Afraid (2023)