The Power of the Dog

DIE EINSAMKEIT DES STARKEN COWBOYS

8/10


thepowerofthedog© 2021 Cr. KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX


LAND / JAHR: NEUSEELAND, AUSTRALIEN 2021

BUCH / REGIE: JANE CAMPION, NACH DEM ROMAN VON THOMAS SAVAGE

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, JESSE PLEMONS, KIRSTEN DUNST, KODI SMIT-MCPHEE, THOMASIN MCKENZIE, KEITH CARRADINE, FRANCES CONROY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Wir kennen das vermutlich alle. Die bedrohliche Aura eines unangenehmen Menschen, dessen Präsenz so dominant ist, dass man sich selbst ganz klein vorkommt. Das ist ein Gefühl, als hätte alles, was man selbst zu Wege bringt, den falschen Ansatz. Als wäre man diesem einen Menschen, der dieses beklemmende Vakuum erzeugt, permanent Rechenschaft schuldig. Solche Leute gibt es, und bei diesen Leuten steckt oft etwas ganz anderes dahinter. Womöglich nämlich die Erinnerung an genauso ein Empfinden, das wir selbst in diesem Moment verspüren. So eine unangenehme Persönlichkeit ist der Cowboy Phil, interpretiert von Benedict Cumberbatch, der sich diesmal einen Film ausgesucht hat, der nicht vorrangig nur deswegen produziert wurde, um seinen Hauptdarsteller nach einem Oscar betteln zu lassen. Nein, diesmal ist Cumberbatch Teil eines Räderwerks mysteriöser, aber essenzieller Funktionen.

Phil also, ein unrasierter, ungewaschener, erdiger Typ mit Cowboyhut und ledernen Chaps, dazu Stiefel und stets eine Selbstgedrehte im Mund. Der Mythos schlechthin aus Lucky Luke und John Wayne. Die Arroganz von einem Mann, der alles weiß und alles andere verurteilt. Der kommt eines Tages, gemeinsam mit seinem ganz anders gesinnten, distinguierten Bruder George und einer ganzen Schar anderer Cowboys im Zuge eines Viehtreks an der Gaststätte Red Mill vorbei, in welcher die Witwe Rose gemeinsam mit ihrem Sohn Peter fürs leibliche Wohl der Reisenden sorgt. Schon da versprüht Phil enorme Dosen an Erniedrigungen und Verhöhnungen, vor allem was den schlaksigen Halbwüchsigen Peter betrifft, der in seiner Freizeit lieber Papierblumen bastelt als das Lasso schwingt. Anders George: der verliebt sich in Rose, und ehe man es selbst richtig merkt, sind die beiden verheiratet. Rose zieht in die Ranch, zum Leidwesen von Phil, der ebenfalls dort wohnt und keine Zeit verstreichen lässt, um dieser labilen Frau die Stimmung zu verderben. Da sind wir wieder, bei diesem eingangs erwähnten, beklemmenden Gefühl, dass das Zeug hat, sensible Personen in eine Depression zu stürzen. Doch Phil hat seine Rechnung ohne Peter gemacht, der als Studiosus in den Sommerferien zu Besuch kommt.

Und zwar in eine Gegend, die faszinierender und seltsamer nicht sein kann. Weite Ebenen, grasbewachsene Hügel, im Sonnenlicht gelbbraun und voller Schatten. Auf so einer Ebene ein einsames Bildnis von einer Ranch, wie ein monolithisches Denkmal ragt es aus dem Nichts. Dieser Western, mit dem sich Jane Campion nach langer Schaffenspause wieder zurückmeldet, scheint nicht von dieser Welt. Das sieht man allein an diesen Bildern und an den Einzug einer aufkommenden Industrialisierung in eine mythenbasierte Nostalgie, wie sie Chloé Zhao in The Rider ähnlich beschrieben hat. Nur: The Power of the Dog ist artifizieller, konzentrierter, symbolhafter. Campion erreicht beinahe die Intensität ihres oscarprämierten Klassikers Das Piano. Wobei hier nicht nur die ikonenhafte Darstellung des aus der Zeit gefallenen Cowboys so sehr fasziniert, sondern die mustergültige Fähigkeit und das unfehlbare Gespür für Andeutungen, die mit feiner Klinge formuliert sind und kaum mit Worten so gut wie alles erzählen. In diesem Erahnen der Umstände geben sich Cumberbatch, Kirsten Dunst und Kodi Smit-McPhee (bekannt aus Alpha und X-Men) gegenseitig genug Raum zur Zeichnung ihrer Figuren. Und keine nimmt so sehr Form an wie die des Cowboys Phil. Der Brite schafft das nachvollziehbare Bild eines einsamen, seines Glückes beraubten Mannes, und das mit allen Zwischentönen und Widersprüchlichkeiten.

Widersprüchlich, und daher menschlich und greifbar, sind auch alle anderen Gestalten, die in diesem hermetischen Mikrokosmos eines entfremdeten Montanas (gedreht wurde in Neuseeland) gefangen sind. Stereotypen haben bei Jane Campion nichts verloren, bewährte Formeln ebenso wenig. The Power of the Dog schafft es, ein differenziertes, indirektes, aber freies Spiel unterschiedlicher Kräfte zu erzeugen, die mal wie ein Thriller, ein episches Drama oder queeres Psychogramm funktionieren. Bei letzterem gelingt Campion der Ansatz am besten, und was Ang Lee in Brokeback Mountain spielfilmlang recht ungelenk transportiert hat, weiß dieser Film nur in wenigen Minuten ungleich intensiver und ernsthafter darzustellen.

Obwohl es The Power of the Dog anfänglich nicht leicht macht, in die Geschichte hineinzufinden – letzten Endes ist das Unausgesprochene und zwischen den Zeilen Befindliche verantwortlich dafür, dass mich diese Regiearbeit vom Feinsten in ihren Bann gezogen hat.

The Power of the Dog

Last Night in Soho

EIN HORROR WIE DAMALS

7/10


lastnightinsoho© 2021 Universal Pictures International Germany

LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

BUCH / REGIE: EDGAR WRIGHT

CAST: THOMASIN MCKENZIE, ANYA TAYLOR JOY, MATT SMITH, DIANA RIGG, TERENCE STAMP, RITA TUSHINGHAM U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Zum ersten mal ist mir Thomasin McKenzie in Debra Graniks Aussteigerdrama Leave No Trace aufgefallen – und von da an gab’s kein Zurück mehr: Die junge Dame zählt mittlerweile zu den herausragenden Naturtalenten im Kino. Jetzt verbündet sie sich in Edgar Wrights neuestem Streich mit einer nicht weniger begabten Größe: Anya Taylor-Joy, den meisten wohl bekannt aus der Netflix-Miniserie Das Damengambit. Mit Esprit, Ausstrahlung und einem Sinn für Extravaganz meistert die junge Dame jedes Genre. Sie und McKenzie ergänzen sich auf einnehmende Weise, und dieses Double Impacts ist sich Wright jedenfalls so sehr bewusst, dass er um die beiden herum einen Film schneidert, der nicht nur die Puppets on a String tanzen lässt, sondern auf so leidenschaftliche Art Retro ist, dass man glatt vermuten könnte, ob Last Night in Soho nicht ein verschollen geglaubtes Machwerk aus der Hochzeit des Psychothrillers sein kann. Ist es natürlich nicht, aber Wright tut so als ob. Und es gelingt ihm.

Dabei verbeugt er sich bis zu den Schuhspitzen vor einem Meister, der nach Hitchcock wohl am besten verstanden hat, die bedrohliche Metaphysik der Wahrnehmung auf versponnene junge Damen (und auch Herren) niedersausen zu lassen: Roman Polanski. Da gab es eine Zeit, da war eines seiner perfiden Horrorszenarien besser als das andere. Ekel mit Catherine Deneuve zum Beispiel – die Studie einer labilen Persönlichkeit, die dem Wahnsinn verfällt. Der Mieter mit Polanski himself, der von seiner Wohnung in den Selbstmord getrieben wird. Mia Farrow in Rosemaries Baby hat‘s da gleich mit dem Teufel zu tun – oder doch nicht? Thomasin McKenzie als Eloise, die Unschuld vom Land, bildet das bisherige Ende einer Reihe denkwürdiger Auftritte. Von Mode und der Musik aus den Sechzigern fasziniert, reist sie nach London, um eine Fachschule zu besuchen. Dabei bezieht sie ein Zimmer im berühmt-berüchtigten Viertel Soho. Dieses Zimmer jedoch schleust sie des Nächtens in eine andere Zeit, nämlich in die Sechziger, um den Spuren der aparten Sandy zu folgen, die sich in einem Tanzlokal als Sängerin bewirbt. Das fängt alles ganz gut und schön an, und Eloise träumt sich gerne in die andere Welt, in der sie mitunter auch die Rolle der swingenden Blondine übernimmt. Doch irgendwann kippt das Ganze, und plötzlich ist die gute alte Zeit aus eleganten Kleidern, rhythmischer Musik und hochgesteckten Frisuren nicht mehr so das Gelbe vom Ei. Und all die Schwärmerei nimmt unangenehme Ausmaße an.

Mit Musik geht bei Wright immer alles besser. Das hat er schon in Baby Driver bewiesen. In Last Night in Soho (der Titel bezieht sich auf einen Song der Band Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich) sind nicht nur blinkende Neonreklamen, regennasse Straßen und darauf brummende Oldtimer die Kulisse für einen Paranoia-Thriller wie diesen, sondern eben auch der 60er Sampler, der mit sowohl unbekannten als auch ganz bekannten Stücken wie Petula Clarks Downtown eine immense Stimmung erzeugt, und zwar auch in Szenen, in denen Schreckliches mit lieblichem Sound konterkariert wird. Alles in diesem nostalgischen Grusel ist Kulisse, und das muss auch so sein: Wright will die Demaskierung einer verklärten Ära, in denen Frauen im Püppchen-Outfit den lüsternen Avancen eines uniformierten schlipstragenden Patriarchats willenlos ausgeliefert waren. #Metoo war da weit entfernt. Was für ein Jagdrevier wäre das für Carey Mulligans Figur aus Promising Young Woman gewesen? Doch die führt erst Jahrzehnte später unverändert unverhohlene Geilspechte an der Nase herum, während McKenzie erst lernen muss, was es hieß, als Frau Erfolg haben zu wollen.

Last Night in Soho orientiert sich auch an Werken von Nicolas Roeg oder sogar Quentin Tarantino, der mit Once upon a Time…in Hollywood die idealisierten Siebziger vorgeführt und dabei den Mut hatte, verklärtes Zeitkolorit intelligent zu untergraben. Wright tut das auch. Doch genug ist ihm das nicht. Mit ganz viel überzeichnet-schaurigem Hokuspokus bekleckert er seinen feministischen Thriller, der letzten Endes zwar nicht die Strategien kluger Wendungen neu konzipiert, seine beiden Stars aber in bevorzugt rotem Licht und mit viel Liebe fürs Zitat über einen Laufsteg des Grauens irren lässt.

Last Night in Soho

Berlin Syndrom

DAS TRAUMA VON HINTER DER MAUER

6,5/10


Berlinsyndrome© 2017 MFA+ Film Distribution


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2017

REGIE: CATE SHORTLAND

CAST: TERESA PALMER, MAX RIEMELT, MATTHIAS HABICH, LUCIE ARON, EMMA BADING U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Was mich bei Blockbustern stets motiviert, in Erfahrung zu bringen, ist das bisherige Schaffen jener Künstler, die bei dem einen oder anderen hochbudgetierten Konzernfilm im Regiestuhl gesessen haben. Einfach so, aus heiterem Himmel, werden diese Leute ja wohl nicht angeworben worden sein, da muss es vorab etwas gegeben haben, das die Verantwortlichen zum Beispiel bei Disney wohl überzeugt haben muss. Meist sind das kleine Filme, dafür aber umso beachtenswerter. Das war schon bei James Gunn oder Gareth Edwards so, das ist auch bei Cate Shortland so. Einige wenige werden sie bereits kennen, vorausgesetzt, ihnen ist der Psychothriller Berlin Syndrom ein Begriff. 3 Jahre später dann der Sprung in die Oberliga: Black Widow.

In ihrer urbanen Düster-Romanze aus dem Jahr 2017 lässt sich schon ganz gut Shortlands Gespür für toughe Frauenrollen erkennen, die einen gewissen Leidensweg hinter sich gebracht haben oder gerade dabei sind, diesen hinter sich bringen zu wollen. Was einen nicht umbringt, macht einen nur noch stärker. Black Widow war stark. Und Terese Palmer als Berlin-Touristin ist das ebenso. Oder sagen wir lieber: unglaublich zäh. Denn das muss sie auch sein. Als Backpackerin quer durch Europa macht die junge Australierin Claire beim Zwischenstopp in Berlin Bekanntschaft mit dem Englischlehrer Andi. Aus dieser Bekanntschaft wird bald etwas mehr, allerdings hat das Ganze aber keine Zukunft, denn Claire will tags darauf weiterreisen nach Leipzig. Fast wäre alles gut gegangen. Fast wäre der kurze Flirt nur eine angenehme Urlaubserinnerung geblieben. Doch Claire verschiebt ihre Weiterreise, kann von Andi nicht mehr lassen, kommt zu ihm in die Wohnung – und von dort nicht mehr weg. Andi entpuppt sich nämlich als wachechter Psychopath und sperrt das Mädchen in seiner Wohnung ein. Wie Priklopil, nur ohne Keller. Ein Ringen zwischen Resignation, Wut und Hoffnung setzt an, darunter natürlich eine Brise Stockholm, wobei Berlin Syndrom die Allegorie dieses intensiven Dramas am besten widerspiegelt.

Wenn man Berlin Syndrom aber abseits von Shortlands Film googelt, stößt man auf die Bezeichnung einer massiven Hauterkrankung. Die ist damit sicherlich nicht gemeint. Sowohl Teresa Palmer als auch Max Riemelt (u. a. Napola – Elite für den Führer) sind zumindest rein körperlich pumperlgesund. Ersterer mag wohl einen Riesenknacks mit sich herumtragen, doch viel eher ist der Bezug auf Berlin ein politischer. Rundherum Mauern, Einfordern des Gehorsams, ein ständiges Überwachen. Riemelt verkörpert in ausdrucksloser Intensität die Essenz eines totalitären Regimes und ernennt Claire dabei als Symbol einer unterdrückten und ihrer Freiheit beraubten Bevölkerung. Ein Mikrostaat, der DDR nicht unähnlich. Oder: wurde man selbst mal unterdrückt, ist das Unterdrücken anderer ein leichtes. Gelernt ist eben gelernt.

Cate Shortland rückt nah an ihr Schauspielerpaar heran, lässt sie mühelos ihr Dilemma empfinden, macht auch aus der Figur des Peinigers keinen verhassten Bösewicht und aus Terese Palmer kein bemitleidenswertes Opfer. Die Australierin leistet dabei sowohl Widerstand als auch Gehorsam, wie eine all ihrer Rechte beraubte Bürgerin, die auf die Gunst der Stunde wartet, um aufzubegehren, dabei manche Gelegenheiten aber verstreichen lässt. Aus Angst? Aufgrund eines nicht ganz durchdachten Scripts? Interessant dabei ist die Location: ein heruntergekommener Altbau, womöglich im Osten Berlins, vielleicht ein leerstehendes Viertel aus den Zeiten des Kommunismus. Einzig Andis Wohnung ist des Nächtens beleuchtet. Er als letztes Überbleibsel einer dunklen Epoche. Vielleicht, ohne selbst diesen Kontext zu begreifen.

Berlin Syndrom

Der Rausch

ALKOHOL IST AUCH (K)EINE LÖSUNG

6,5/10


derrausch© 2020 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN, NIEDERLANDE 2020

REGIE: THOMAS VINTERBERG

CAST: MADS MIKKELSEN, THOMAS BO LARSEN, MAGNUS MILLANG, LARS RANTHE, MARIA BONNEVIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


A Kriagerl, A Glaserl, A Stamperl, A Tröpferl, då wer’n unsre Eigerln glei feicht. Då warmt si‘ des Herzerl, då draht si mei‘ Köpferl, die Fußerln wer’n luftig und leicht.

Tja, da wussten die beiden österreichischen Weltkünstler Andre Heller und Helmut Qualtinger in ihrem Trinklied bereits, wie gut es nicht sein kann, mit der richtigen Menge Alkohol das Leben zu optimieren. Fehlt die richtige Motivation, der eloquente Zungenschlag, das selbstbewusste Auftreten: 0,5 Promille hinter die Binde gegossen – schon ist man wer. Paracelsus aber sagt: Allein die Dosis macht’s, dass ein Gift kein Gift sei. Recht hat er, denn genau darauf kommt es an. Alkohol per se kann durchaus eine Lösung sein, und angesichts einer Studie des Psychiaters Finn Skårderud pumpen unsere Herzen mal generell viel zu wenig Blutalkohol durch unsere Venen. Genau genommen wären das eben 0,5 Promille zu wenig. Würde man das Level halten, hätte man erst dann die richtige Pole Position für geistige, kognitive und repräsentative Leistungen. Obs im Sport was bringt, wird nicht erwähnt.

Anhand dieser Annahme tun sich die vier Gymnasiallehrer Martin, Nikolaj, Peter und Tommy zusammen, um die Probe aufs Exempel zu machen, klarerweise motiviert durch aufkeimende Erschwernisse des Alltags, die vielleicht ohne hochprozentige Beikost nicht mehr zu schaffen wären. Sie wollen also testen, wie es ist, mit einem konstanten Spiegel von besagtem Promillewert dieselben Pflichten zu erledigen, die vorher schon angefallen waren. Was dabei herauskommt? Kommt drauf an, ob die vier Querdenker bereit sind, ihre Studie auszuweiten oder mit Skårderuds Annahmen abzuschließen. Im Grunde kann sich aber jeder denken, der  bislang auch nur irgendwie mit Alkohol in Berührung gekommen war, wie das Ergebnis ausfallen wird.

Thomas Vinterberg ist seit Dogma95 ein ganz großer seines Fachs. Filme wie Das Fest oder Die Jagd blieben mir bis heute nachhaltig in Erinnerung. Alles keine leichte Kost, dafür aber so energiegeladen inszeniert, dass seine Dramen wirken wie Thriller. Für Der Rausch schraubt der Däne einen Gang runter – und lässt es gemächlicher und humorvoller angehen. Auch sehr überlegt, konzentriert und frei von artifiziellem Beiwerk. Das Schauspielensemble steht im Mittelpunkt, die Regie bleibt gekonntes Handwerk. Was Allrounder Mads Mikkelsen hier wieder leistet, ist beeindruckend. Und natürlich nicht nur er. Alle vier, die da mit dem Alkohol recht selbstvergessen herumexperimentieren, tappen auf ihre ganz individuelle Art von einem Level der Trunkenheit ins andere, bis hin zur totalen Selbsterniedrigung. Paracelsus meldet sich wieder. Doch probieren geht über Studieren, meinen unsere Alltagshelden. So findet das Publikum die eingeschränkte Motorik lallender Supermarktkunden ganz lustig und schämt sich fremd, wenn Papa ins Bett uriniert. Symptome von Alkoholkonsum, wie wir sie alle kennen. Größere Probleme löst dieser trotzdem nicht.

Daher ist Der Rausch (im Original: Druk, was so viel heißt wie Komasaufen), diesjährig mit dem Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film ausgezeichnet, in erster Linie kein Film, der neue Erkenntnisse über die Hassliebe zwischen Mensch und Alkohol bereithält. Allerdings deklariert Vinterberg den Alkohol nicht als etwas, das, wie es in mittelalterlichen Liedern so schön heißt, im Sinne des Teufels ist. Bier, Wein, Schnaps – alles nichts Böses. Die Symbiose zwischen Mensch und Gesöff: fast schon etwas Notwendiges. Ein Verbot: beinahe gegen unsere Natur. Ist da doch was dran an Skåkerunds Annahme? Ganz offensichtlich sympathisiert Vinterberg mit dieser Hypothese. Es gilt also die Unschuldsvermutung für Rebsaft und Co. Entlassen werden diese als neutrales Werkzeug wie jedes andere, das unter Missbrauch selbst und anderen klarerweise schadet, während der kluge Einsatz dessen tatsächlich weiterbringen mag. Medizin ohne Beipack? Von Brummschädel, gesteigerten Aggressionen und sträflich überwundenen Hemmschwellen verliert Der Rausch kein einziges Wort. Auch die Leber schweigt. Das fühlt sich fast schon wieder verharmlosend an.

Der Rausch

Beast

DIE GUTEN, DIE BÖSEN UND DIE HÄSSLICHEN

8,5/10


beast© 2017 MFA+ Filmdistribution


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2017

BUCH / REGIE: MICHAEL PEARCE

CAST: JESSIE BUCKLEY, JOHNNY FLYNN, GERALDINE JAMES, SHANNON TARBET, TRYSTAN GRAVELLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Filmschätze, die im Verborgenen liegen, und die das Gefühl vermitteln, etwas wirklich Besonderes entdeckt zu haben, ohne den Druck dahinter, nun endlich einen von Kritikern hochgelobten Film selbst mal von der Liste zu streichen – Filmschätze wie diese bescheren Momente des unvergleichlichen Genusses. Die werden, eben weil man es nicht erwartet, zum Erlebnis. Und da weiß man wieder, warum man als Cinephiler nicht von den laufenden Bildern lassen kann. Eines dieser Werke ist der 2017 erschienene, britische Psychothriller Beast.

Der Titel: kurz, knackig und, wie man sehen wird, treffend. Schauplatz ist die grüne, verregnete und recht düstere Kanalinsel Jersey – ein durchs tosende Meer begrenzter Ort. Ein Mikrokosmos sozialer und psychischer Defizite. Alles auf engem Raum, trotz Wiesen und Weiden. Moll, ein Mädchen in den späten Zwanzigern, ist das mit mütterlichen Argusaugen überwachte Problemkind einer autoritär geführten Familie. Hier herrschen Konventionen, Bigotterie und Reaktionismus. In diesem Dunstkreis feiert die nonkonforme junge Dame zwar eines Tages ihren Geburtstag, zieht aber alsbald von dannen Richtung Dorfdisco, wo sie trinkt und tanzt und am nächsten Morgen sexuell genötigt wird. Zum Glück erscheint die bedrohliche Gestalt eines Jägers, der den Unwillkommenen vertreibt. Moll ist gerettet, weiß aber anfangs nichts mit dem blonden und wortkargen Pascal anzufangen; weiß aber, dass er sie faszinierend findet – und umgekehrt. Gegen den Willen der Eltern gehen die beiden eine Romanze ein. Zeitgleich allerdings treibt ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Der Verdacht fällt auf Pascal, alle Indizien sprechen dafür. Moll verschafft ihm ein Alibi, wohl ach, weil sie weiß, wie es sich anfühlt, ein Leben lang stigmatisiert zu bleiben für etwas, das man vielleicht mal getan hat.

Weder ist Beast ein klassischer Beziehungsthriller, noch ein routiniertes Selbstfindungsdrama. Autorenfilmer Michael Pearce erzählt hier etwas ganz Außergewöhnliches. Und zwar deshalb, weil er darauf verzichtet, seine herumirrenden Seelen als gut oder böse zu deklarieren. Beast ist eine unheilvolle, stimmige Ballade auf ungeliebte Außenseiter, auf Ausreißer und Andersartige. Auf Freaks und Eremiten. Obwohl von der Gesellschaft gerne in ihrer Gesamtheit in eine Schublade gezwängt, sind weder Moll noch Pascal Vertreter der Bestie Mensch an sich, tragen aber ein Biest in sich, dass sich weder anpassen noch zügeln lässt. Wie weit ist es legitim, das Biest zuzulassen, ohne die eigene Freiheit und gleichzeitig die Freiheit des anderen einzuschränken? In diesem Spiel aus Trotz, Selbstbestimmung und bewusst inszenierter Ungefälligkeit bricht eine intensiv aufspielende Jessie Buckley eine Lanze für den Mut, anderen missfallen zu dürfen, wobei sie gleichzeitig auch nach einer Balance dafür sucht, die das Hässliche vom Bösen unterscheiden lässt. Dieser kräftezehrende, sowohl innere wie äußere Konflikt steigert sich während des Films zusehends, fordert letzte Reserven wie beim Erklimmen eines Gipfels. Johnny Flynn begegnet Buckley spielerisch auf Augenhöhe, beide schenken sich nichts. Und gleichzeitig alles, vor allem das, was niemand wissen darf.

Beast ist eine Naturgewalt von Thriller. Unorthodox, wiederspenstig und ungemütlich. Und von so erzählerischer Raffinesse, dass ein Film wie dieser nur schwer nachzuahmen ist. Vorbilder sucht sich Beast ebenso wenig. Und das entspricht wieder ganz und gar dem konsequenten Kurs eines abseits des Mainstreams schlummernden Meisterwerks bis hin zu seinem verblüffenden Finale.

Beast

Three Christs

GESPRÄCHE MIT DER DREIFALTIGKEIT

6/10


ThreeChrists© 2020 IFC Films


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: JON AVNET

CAST: RICHARD GERE, PETER DINKLAGE, WALTON GOGGINS, BRADLEY WITHFORD, CHARLOTTE HOPE, KEVIN POLLACK, JOHANNA MARGULIES U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Um Richard Gere ist es in letzter Zeit relativ still geworden. Was aber nicht heißt, dass der wohl bekannteste Wahlbuddhist der Filmbranche nicht künstlerisch aktiv gewesen wäre. Zum Beispiel gibt es da das völlig unbekannte und in der Versenkung verschwundene Psychodrama Three Christs, in welchem eben nicht nur Richard Gere als Doktor der Psychiatrie fungiert, sondern auch Ex-Tyrion und eben erst fulminanter Erzfeind von Rosamunde Pike in I Care a Lot, nämlich Peter Dinklage, sein Können im Rahmen psychisch kranker Persönlichkeiten erprobt.  Der Charakterkopf spielt einen Schizophrenen, der fest davon überzeugt ist, Jesus Christus zu sein. Die Schwierigkeit dabei: Er ist nicht der Einzige, der sich als Messias sieht – genauso geht es auch Walton Goggins, der überhaupt gleich glaubt er sei Gott, und Bradley Withford, der Jesus sein will, allerdings ein Jesus, der nicht aus Nazareth stammt. Diese drei Schizophrenen haben ausnahmsweise mal etwas gemeinsam – und diese Gemeinsamkeit will Dr. Alan Stone nutzen, um dieser facettenreichen Psychose anhand von Gesprächen auf den Grund zu gehen. Was bei den alteingesessenen Fachkollegen oder gar beim Leiter der Anstalt nicht so gut ankommt, denn die setzen allesamt auf Elektroschocks – und als letzte Instanz winkt die Lobotomie.

Die ganze Geschichte ist tatsächlich passiert. Dr. Alan Stone, die drei Christusse – all das hat sich Ende der Fünfzigerjahre ungefähr so oder ähnlich zugetragen, natürlich hier im Film von Jon Avnet (u. a. Grüne Tomaten) dramaturgisch unterspickt. Da fällt mir ein: In den Siebzigern gab es da einen ähnlichen Film: Ich habe dir nie einen Rosengarten versprochen. Auch dort bemüht sich die behandelnde Ärztin (Bibi Andersson), beim Therapieren eines 17jährigen schizophrenen Mädchens mehr über dieses Mysterium herauszufinden. Ein Film typisch Siebziger – die dort angesprochene Scheinwelt Yr wird mit psychedelischen Elementen visualisiert. Wie anders lässt sich so eine Wahrnehmung auch sonst darstellen? Mit LSD zum Beispiel – dazu rät Dr. Stone seiner Assistentin, um mithilfe dieser (wohldosierten) Droge den Geisteszustand der drei Erkrankten vielleicht besser zu verstehen.

In Three Christs – oder auch unter dem Alternativtitel State of Mind – Der Kampf des Dr. Stone recherchierbar – geht’s in keinster Weise um den spirituellen Aspekt der Christus-Identität. Dieser Status Quo wird mehr oder weniger außen vorgelassen. Der Konflikt, der, wie Dr. Stone vermutet, aus dem dreimaligen Anspruch des Erlösertitels hervorgehen sollte, findet auch nicht statt. Die Zusammenkunft der drei ist letzten Endes ein zaghaftes Herantasten an ein Gespräch mit zutiefst verwirrten Individuen, denen die Begegnung auf Augenhöhe deutlich besser tut als die Gummizellen- und Schockmethoden jener, die der Meinung scheinen, es mit Menschen zu tun zu haben, die aufgrund ihres Defizits weniger wert sind oder weniger Rechte haben.

Dennoch, und obwohl Peter Dinklage und ganz besonders auch der für Antagonistenrollen stets bestens geeignete Walton Goggins als psychisch Kranke sehr behutsam und stets bei der Sache alle Stückchen spielen, geht Avnets Inszenierung ganz besonders Meister Biedermann zur Hand. Kein Wunder, dass Three Christs nicht wirklich von sich reden machte: die Fakten des medizinischen Tagebuchs sprechen Bände, die filmische Aufbereitung bleibt aber recht routiniert, wenngleich die Auseinandersetzungen mit dem Wahn, die wie Szenen auf einer Theaterbühne wirken, auf alle Fälle faszinierend sind. Langeweile kommt also keine auf. Dafür aber bleibt das unbefriedigende Gefühl, dieses ganze menschliche Drama von vornherein nicht zwingend für die große Leinwand produziert zu haben.

Three Christs

Auf der Couch in Tunis

POSTREVOLUTIONÄRE BELASTUNGSSTÖRUNGEN

3,5/10


AufDerCouchInTunis© 2020 Filmladen


LAND: TUNESIEN, FRANKREICH 2019

REGIE: MANELE LABIDI

CAST: GOLSHIFTEH FARAHANI, MAJD MASTOURA, AÏCHA BEN MILED, HICHEM YACOUBI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Der arabische Frühling ist lange vorbei, einige Länder haben so manches daraus gemacht, andere hadern immer noch mit dem Krieg. In Tunesien ist die Revolution Teil der Geschichte. Ob sich seitdem viel verändert hat? Missstände gibt es immer noch, aber zumindest als Besucher von jenseits des Mittelmeers Urlaub machen, das konnte man wieder. Oder aus Frankreich wieder in die Heimat zurückkehren, so wie Psychoanalytikerin Selma. Was also tun in Tunis? Eine Praxis eröffnen. Ja genau, eine Praxis für Psychoanalyse. Braucht das denn wer? Daraufhin würde Selma antworten: wer braucht sowas denn nicht? – und macht aus ihrem Vorhaben ernst.

Eine Frau, die sich in einem von Männern dominierten Kultur- und Gesellschaftskreis behauptet – das ist der Stoff zeitgemäßer Filme aus dem arabischen Raum. Letztes Jahr zum Beispiel konnte die saudische Ärztin Maryam in Haifaa Al Mansours Film Die perfekte Kandidatin ihre ganze Entschlusskraft bündeln, um für den Stadtrat zu kandidieren. Der etwas handzahme, aber gut gemeinte Film zog natürlich seine Spannung aus dem Konflikt der Frauen mit der Männerwelt, die, konservativ bis ins Mark, soviel Ambition nur belächeln. Doch im Vergleich zu Auf der Couch in Tunis wirkt Die perfekte Kandidatin geradezu rebellisch.

Im Filmdebüt von Manele Labidi sehen wir die bereits eingangs erwähnte intellektuelle Selma, wie sie ihr für lokale Verhältnisse ungewöhnliches Vorhaben Verwandten und Freunden verklickert. Irgendwann bekommt sie tatsächlich eine ganz gute Patientenkartei zusammen, sowohl Frauen als auch Männer geben sich in der am Dach eines Hauses recht exponierten Praxis die Türklinke in die Hand. Klarerweise stehen bald die Behörden auf ihrer Matte. Und so geht das die ganze Zeit dahin, wobei die streng professionelle Analytikerin, gespielt von Golshifteh Farahani (u a. Tyler Rake: Extraction) in intellektueller Eitelkeit durch Zuhören andere dazu bewegt, endlich mal zu sagen, was in ihren Köpfen herumgeistert.

Das ist gut gemeint, und alle, die hier Selmas Reich frequentieren, sind natürlich mehr oder weniger sympathische und reizend gezeichnete Charaktere, doch setzt sich Auf der Couch in Tunis weder ernsthaft mit dortigen gesellschaftlichen Problemen auseinander noch gewinnt Labadi aus ihrer seichten Komödie, die klarerweise persönlichen Bezug hat (den wir nicht kennen), irgendeine Faszination aus diversen halbherzig verzwickten Umständen. Mit anderen Worten: dieser Ausflug ins postrevolutionäre Nordafrika ist leider nur müßiges Geplauder über Befindlichkeiten, und das ohne rechten Fokus. Könnte aber sein, dass dieser Zustand des Heimkommens nach Jahren aber genau so ein Gefühl vermittelt.

Auf der Couch in Tunis

Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Sibyl – Therapie zwecklos

WER THERAPIERT EIGENTLICH DIE THERAPEUTIN?

6/10

 

Sibyl© 2019 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: JUSTINE TRIET

CAST: VIRGINIE EFIRA, ADÈLE EXARCHOPOULOS, GASPARD ULLIEL, SANDRA HÜLLER, NIELS SCHNEIDER U. A. 

 

Haben Psychotherapeuten eigentlich auch eine eigene Anlaufstelle für ihre Probleme? Oder sind sie all diesen erhaben, weil sie Professionisten sind und wissen, was zu tun ist, sollte die Vergangenheit, das Trauma oder die Neurose quälen? Gute Frage, wie ich finde. Würde das nicht die Kompetenz des seelischen Beraters untergraben? Und wofür zahle ich dann mein Geld, wenn schon der Therapeut bei sich selbst nicht weiterweiß? In Sachen Seelenheil gibt es immer Luft nach oben. Und vielleicht ist der Patient sogar unwissender Weise selbst derjenige, der dem Professionisten die eine oder andere Klarheit über sein eigenes Leben verschafft. So oder ähnlich ist das Therapeutin Sibyl passiert.

Die steht in Justine Triets Tragikomödie alles andere als mit zwei Beinen voll im Leben. Traumatisiert von einer in die Brüche gegangenen Liebe, aus der ein Kind hervorgegangen ist, will sich die eloquente Mutter und Ehefrau schriftstellerisch neu definieren – und kündigt die meisten ihrer Patienten. Bis auf ein paar wenige – einem trauernden Jungen, der beim Monopolyspiel langsam aus sich herausgeht und einer Schauspielerin, die aus allen Wolken gefallen ist und in ihrer leicht hysterischen, überinszenierten Tragik an Sibyls Schicksal erinnert. Also: wer therapiert hier nun wen, könnte man fragen?

Justine Triet macht es ihrem Publikum zumindest anfangs nicht leicht. Da die Regisseurin mit mehreren Zeitebenen spielt, diese aber stilistisch nicht voneinander trennt, wird´s die erste halbe Stunde bis Stunde relativ mühsam, all diese Abhängigkeiten und Begegnungen von damals und heute, die in einem Einheitsbrei aufgetischt werden, voneinander zu destillieren. Tatsächlich ist Triet, zumindest auf den ersten Blick, ein gewichtiger Teil ihres Werks relativ missglückt. Oder doch nicht? Wollte Triet ihr Publikum bewusst zur Psychoanalyse bewegen, zur Interaktion in Sachen Seelenstriptease motivieren? Nun ja, auf so erzwungenen Wegen hätte ich das nicht nötig gehabt. Eine klarere Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenem hätte die Beziehung zur den Filmfiguren vielleicht etwas beschleunigt. So aber bleiben sie lange Zeit um sich kreisende Egozentriker, die eigentlich keine Geschichte transportieren. Dann aber reisst Triet das Ruder herum – ab Filmmitte haben wir geordnete Verhältnisse. Wie wissen nun, wo Therapeutin Sibyl, Schauspielerin Margot und all die anderen Charaktere stehen. Mitunter auch die exaltierte Figur der deutschen Regisseurin Mika, mit enormer Spielfreude dargeboten von Toni Erdmann-Tochter Sandra Hüller, und die aus der Feder Woody Allens hätte kommen können.

Überhaupt wäre der New Yorker Altmeister für Psychofragen von Sibyl womöglich recht angetan. Der Stoff könnte von ihm sein. Künstler in der Krise, Schauspieler, die so nicht arbeiten können und Psychotanten, die selbst ihr schwierigster Patient sind. Mit Ausnahme von Sandra Hüller gerät der Stoff aber längst nicht so zynisch und augenzwinkernd, wie es dem Film vielleicht gutgetan hätte. Was Einzug hält, ist eine gewisse, dem französischen Kopfkino eigene Schwermütigkeit, auch wenn sich an der einen oder anderen Stelle schmunzeln lässt. Dennoch: Virginie Efira legt sich mit ihrer Figur der ambivalenten Unglücklichen mit und ohne Textil ordentlich ins Zeug. Adèle Exarchopoulos (Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe) heult und hyperventiliert sich die Seele aus dem Leib. Beide sind auf ihre Art famos und schaffen das Kunststück fertig, aus einem konfusen Beziehungsreigen doch noch ein kräftiges Stück intensives Psycho-Outing unter dem Vulkan zu absolvieren.

Sibyl – Therapie zwecklos