Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Sibyl – Therapie zwecklos

WER THERAPIERT EIGENTLICH DIE THERAPEUTIN?

6/10

 

Sibyl© 2019 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: JUSTINE TRIET

CAST: VIRGINIE EFIRA, ADÈLE EXARCHOPOULOS, GASPARD ULLIEL, SANDRA HÜLLER, NIELS SCHNEIDER U. A. 

 

Haben Psychotherapeuten eigentlich auch eine eigene Anlaufstelle für ihre Probleme? Oder sind sie all diesen erhaben, weil sie Professionisten sind und wissen, was zu tun ist, sollte die Vergangenheit, das Trauma oder die Neurose quälen? Gute Frage, wie ich finde. Würde das nicht die Kompetenz des seelischen Beraters untergraben? Und wofür zahle ich dann mein Geld, wenn schon der Therapeut bei sich selbst nicht weiterweiß? In Sachen Seelenheil gibt es immer Luft nach oben. Und vielleicht ist der Patient sogar unwissender Weise selbst derjenige, der dem Professionisten die eine oder andere Klarheit über sein eigenes Leben verschafft. So oder ähnlich ist das Therapeutin Sibyl passiert.

Die steht in Justine Triets Tragikomödie alles andere als mit zwei Beinen voll im Leben. Traumatisiert von einer in die Brüche gegangenen Liebe, aus der ein Kind hervorgegangen ist, will sich die eloquente Mutter und Ehefrau schriftstellerisch neu definieren – und kündigt die meisten ihrer Patienten. Bis auf ein paar wenige – einem trauernden Jungen, der beim Monopolyspiel langsam aus sich herausgeht und einer Schauspielerin, die aus allen Wolken gefallen ist und in ihrer leicht hysterischen, überinszenierten Tragik an Sibyls Schicksal erinnert. Also: wer therapiert hier nun wen, könnte man fragen?

Justine Triet macht es ihrem Publikum zumindest anfangs nicht leicht. Da die Regisseurin mit mehreren Zeitebenen spielt, diese aber stilistisch nicht voneinander trennt, wird´s die erste halbe Stunde bis Stunde relativ mühsam, all diese Abhängigkeiten und Begegnungen von damals und heute, die in einem Einheitsbrei aufgetischt werden, voneinander zu destillieren. Tatsächlich ist Triet, zumindest auf den ersten Blick, ein gewichtiger Teil ihres Werks relativ missglückt. Oder doch nicht? Wollte Triet ihr Publikum bewusst zur Psychoanalyse bewegen, zur Interaktion in Sachen Seelenstriptease motivieren? Nun ja, auf so erzwungenen Wegen hätte ich das nicht nötig gehabt. Eine klarere Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenem hätte die Beziehung zur den Filmfiguren vielleicht etwas beschleunigt. So aber bleiben sie lange Zeit um sich kreisende Egozentriker, die eigentlich keine Geschichte transportieren. Dann aber reisst Triet das Ruder herum – ab Filmmitte haben wir geordnete Verhältnisse. Wie wissen nun, wo Therapeutin Sibyl, Schauspielerin Margot und all die anderen Charaktere stehen. Mitunter auch die exaltierte Figur der deutschen Regisseurin Mika, mit enormer Spielfreude dargeboten von Toni Erdmann-Tochter Sandra Hüller, und die aus der Feder Woody Allens hätte kommen können.

Überhaupt wäre der New Yorker Altmeister für Psychofragen von Sibyl womöglich recht angetan. Der Stoff könnte von ihm sein. Künstler in der Krise, Schauspieler, die so nicht arbeiten können und Psychotanten, die selbst ihr schwierigster Patient sind. Mit Ausnahme von Sandra Hüller gerät der Stoff aber längst nicht so zynisch und augenzwinkernd, wie es dem Film vielleicht gutgetan hätte. Was Einzug hält, ist eine gewisse, dem französischen Kopfkino eigene Schwermütigkeit, auch wenn sich an der einen oder anderen Stelle schmunzeln lässt. Dennoch: Virginie Efira legt sich mit ihrer Figur der ambivalenten Unglücklichen mit und ohne Textil ordentlich ins Zeug. Adèle Exarchopoulos (Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe) heult und hyperventiliert sich die Seele aus dem Leib. Beide sind auf ihre Art famos und schaffen das Kunststück fertig, aus einem konfusen Beziehungsreigen doch noch ein kräftiges Stück intensives Psycho-Outing unter dem Vulkan zu absolvieren.

Sibyl – Therapie zwecklos

Lara

MUTTER EHRGEIZ UND IHR KIND

8,5/10

 

LARA© 2019 Studiocanal

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: JAN-OLE GERSTER

CAST: CORINNA HARFOUCH, TOM SCHILLING, RAINER BOCK, ANDRÉ JUNG, VOLKMAR KLEINERT, MALA EMDE, MARIA DRAGUS U. A. 

 

„Du bist nichts. Du kannst nichts. Und aus dir wird nie was werden.“ – Mit solchen Meldungen kann man den Nachwuchs dazu bringen, nicht mehr an sich selbst zu glauben. Die negativ konnotierte Motivation ist das wahre Feuer hinter dem Ehrgeiz, hinter dem Drill bis zur Selbstaufgabe, die noch dazu zweierlei bedeuten kann: entweder man schindet sich im Glauben, dass die Erniedrigung nur durch Fleiß und Schmerz neutralisiert werden kann – oder hängt das Potenzial einfach an den Nagel. Nur die Harten kommen durch, sagt so manche Lehrkraftkoryphäe, und bewundert die, die trotz all des Stichelns aufs Ego durchhalten. Die anderen suchen eine Zukunft mit dem geringsten Widerstand. Weil sie gebrochen sind, weil ihr Selbstwert bereits den Meistern gehört.

Eltern glauben an ihre Kinder. So wie Mutter Lara Jenkins, die ihren Sohn mit sanftem Druck, wie dieser es formuliert, dazu genötigt hat, einen Meister der Tasten aus sich zu machen. Das Klavierspielen war jedoch auch Laras Leidenschaft. Nur eben nicht gut genug. Diese Schmach klebt wie Pech an einem Menschen, egal, wie lange es auch zurückliegen mag. Was aus so einem Menschen werden kann? Nun, wir sehen ihn in Lara, einer Verfechterin kategorischer Lernphilosophien, die abseits jeglicher Anerkennung nichts als gut genug empfindet. Und da steht sie nun, diese Lara, Jahrzehnte später, mutterseelenallein und eigentlich von allen verlassen. Aus gutem Grund. Doch heute, an diesem trostlosen Tag, an dem morgendliche Resignation den Freitod präferiert, wird Lara 60 Jahre alt. Überdies hat ihr Sohn Viktor ein großes Konzert vor sich. Irgendetwas will sie ihrem Sohn noch sagen – ein paar Worte zum Abschied? Was auch immer, es fühlt sich nicht gut an. Es ist so, als würde Lara ein Resümee des Lebens ziehen, in aller sozialen Isolation ihren eigenen, vielleicht letzten Geburtstag feiern. Mit Leuten, die sie nicht kennt und die nichts von ihr wissen wollen, und einem Sohn, der unter dem drastischen Perfektionismus seiner Mutter nur mehr ein Schatten seines Selbstvertrauens geworden ist.

Wieder hat Regisseur Jan Ole-Gerster seinen Schauspieler aus Oh Boy verpflichtet, nämlich Tom Schilling. Der hat aber diesmal nur eine Nebenrolle, denn dieser Film – Lara – gehört ganz und gar Corinna Harfouch, die hier eine ernüchternd-betörende, geradezu ikonographische Altersrolle hinzaubert und nicht unwesentlich dazu beiträgt, dass nach der versponnenen Berlin-Ballade in Schwarzweiß Jan-Ole Gerster sein Meisterwerk gelungen ist. Wieder ist es eine urbane Ballade, wieder handelt es vom Gerechtwerden der Erwartungen anderer, von der Erwartung an sich, vom Ehrgeiz und vom Leistungsdruck. Diesmal aber ist es Mutter Hopeless, die in der Bitternis ihrer eigenen Unzulänglichkeit gefangen steckt, und zu erkennen lernt, wie sehr ihr eigener Sohn dagegen anzukämpfen weiß. Wie schwach sie selbst ist, und wer sich eigentlich anmaßt, die Leistung und den Traum anderer zu diktieren. Gerster findet in strengen, teils unterkühlten Herbstbildern – darin der rostrote Mantel Harfouchs – und in langen, ruhenden Beobachtungen der Mimik seiner Protagonistin eine komplett neue Hintertür in dieses Dilemma über das fahrlässige Vereiteln eines Lebensplans. Poetisch, wie er auch hier wieder Begegnungen verknüpft und daraus Wahrheiten extrahiert, die in dieser ruhigen, direkt elegischen Komposition von Film sein gebündeltes Echo findet. Thematisch verwandte Erinnerungen an Whiplash werden wach – diesem nicht weniger brillanten Musikfilm über die Brutalität des Ehrgeizes. Oder an den Independent-Streifen The Kindergarten Teacher über das Allgemeingut namens Wunderkind.

Lara ist eine faszinierende, enorm kluge Odyssee durch die Unwägbarkeiten einer Selbstreflexion, die Geschichte eines Neuanfangs oder: ein psychologisch elegant durchdachter, vibrierender Pulsschlag des deutschen Kinos, wie ein wohlgesetztes Forte auf die Tasten eines Konzertflügels.

Lara

The Kindergarten Teacher

DIE MOZARTS VON HEUTE

7,5/10

 

kindergartenteacher© 2018 Koch Films

 

LAND: USA 2018

REGIE: SARA COLANGELO

CAST: MAGGIE GYLLENHAAL, PARKER SEVAK, GAEL GARCIA BERNAL, ROSA SALAZAR, MICHAEL CHERNUS U. A. 

 

Bist du ein Naturtalent, musst du dieses Können nutzen – und etwas daraus machen. Natürlich, klingt irgendwie logisch. Die Frage ist nur, ob man das, was man gut kann, auch wirklich können will. Das wäre natürlich sinnvoll, denn wenn dir etwas leichtfällt, ist das schon die halbe Miete auf dem Weg zum Ruhm. Blöd wird’s dann, wenn du kein Talent hast für etwas, was du aber gerne machen willst. Du tust es – für dich. Allerdings kräht dann kein Hahn danach. Was macht das mit dem eigenen Ego? Nichts Gutes. Besser man lässt es. Oder konzentriert sich auf die, die´s können, aber vielleicht noch zu klein sind, um den Fuß schon in die Tür des Erfolges zu setzen. Sowas hat man mit Mozart auch getan. Mozart ist auf ewig berühmt. Das Genie schlechthin. Die Kindheit dankt für ihre Auszeit, denn die war nicht vorhanden. Das sind halt die Opfer, die ein Wunderkind bringen muss, mag es auch für die Zukunft schaden. Doch anerkannt zu werden, vor allem in Zeiten der Likes und Reactions und Followers, das ist es einfach wert, ungeachtet der Frage, ob es das eigene Leben wirklich braucht oder nicht.

Wenn ein Pädagoge also ein Kind entdeckt, mit unglaublichem Potenzial, das nach Förderung schreit – was tut man da? Und was tut man, wenn dem Kind genau dort der Meister vom Himmel vor die Füße gefallen ist, wo man selbst versagt? Maggie Gyllenhaal als Kindergartenpädagogin steht vor genau dieser unfassbaren Tatsache, einen sechsjährigen Jungen in ihrer Gruppe zu haben, der aus dem Stegreif die schönsten Gedichte formuliert. Die Pädagogin staunt, ist über alle Maßen begeistert – und weiß: wird das Kind nicht gefördert, dann ist das Verschwendung. Sie schreibt die Gedichte also auf – und trägt sie im eigenen Poesie-Kurs vor. Die Kollegen sowie auch der Lehrer sind nicht weniger sprachlos. Was sie aber verschweigt, das ist deren Herkunft. So genießt sie diese Anerkennung ganz für sich, während sie gleichzeitig versucht, den Knaben für den kommenden Erfolg zu rüsten, der ihm als genialen Poeten in die Wiege gelegt worden sein muss. Das Problem: den Eltern ist das relativ egal. Wichtig ist nur, dem Jungen geht’s gut. Mit Talent aber, so denkt Maggie Gyllenhaal, geht man nicht so um. Sagt eine, die den Neid aufs Kind mit obsessiver Behütung kompensiert.

In ähnlichen Filmen wie Jodie Fosters Wunderkind Tate oder Begabt mit Chris Evans waren die Kids mit ihrer Hochbegabung nicht alleine, zumindest ein Elternteil hatte da ein Auge drauf. In The Kindergarten Teacher, des Remakes eines 2014 erschienen isaraelischen Films, sind es nicht die Eltern, sondern eine Fremde – und das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack. Maggie Gyllenhaal agiert als vom eigenen Nachwuchs ignorierte Mutterfigur in der Existenz- und Erziehungskrise mit befremdender Beharrlichkeit und verstörendem Idealismus. Ihre Figur hat Tendenzen zu Robert De Niros verzweifeltem Ringen nach Anerkennung in Martin Scorseses The King of Comedy. Andererseits aber moderiert sie erstaunlich ambivalent die Überlegungen dieses wirklich bemerkenswerten Independentdramas, das über der alltäglichen Selbstbehauptung in einer Leistungsgesellschaft nachdenkt, in dem der Wert eines Menschen lediglich an seinem Können, und nicht an seinem Charakter bemessen wird. Wo Talent alles ist, und ein glückliches, zufriedenes Leben, das für einen selbst genug ist, immer weniger bedeutet.

The Kindergarten Teacher

Thelma

WÜNSCH DIR WAS!

7,5/10

 

thelma© 2017 Thimfilm

 

LAND:  NORWEGEN, FRANKREICH, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2017

REGIE: JOACHIM TRIER

CAST: EILI HARBOE, KAYA WILKINS, HENRIK RAFAELSEN, ELLEN DORRIT PETERSEN U. A.

 

Das Leben ist kein Wunschkonzert, das wissen wir. Oft läuft’s nicht so, wie man will, und meist anders, als man denkt. Wenn das Leben aber doch ein Wunschkonzert ist, was dann? Was, wenn die geheimsten Wünsche plötzlich wahr werden? Eines aber vorweg – Wünsche können gern auch zum Nachteil für andere werden. Das ist das weniger gut, so sehr es auch schön sein mag, Wünsche erfüllt zu sehen. Selbstlos sind diese selten. Gerne erinnere ich mich an das Meisterwerk von Andrei Tarkowski: Stalker, nach einem Roman der Strugazki-Brüder. In diesem Science-Fiction-Szenario gibt es eine kontaminierte Zone, in der die geheimsten Wünsche, auch wenn sie sich der Wünschende noch nicht bewusst gemacht hat, wahr werden können. Allerdings: besser, an einen Ort zu gehen, der dieses verheißungsvolle Wunder vollbringen kann als dieser Ort selbst zu sein. Die merkwürdige Thelma nämlich, die ist so ein „Ort“. Ein sehr geheimer noch dazu. Keiner weiß davon, dass mit der jungen Norweger Studentin etwas nicht stimmt. Außer die Eltern natürlich. Die sind an den rätselhaften Skills ihrer Tochter schon mehr schlecht als recht verzweifelt. Und hoffen, dass, wenn Thelma ihr eigenes Studentenleben beginnt, diese schlummernden Kräfte nicht aktiviert. Zufällig vielleicht, weil sie selbst nicht weiß, was mit ihr los ist.

Wer weiß das schon so genau in Joachim Triers Mysterydrama. Ähnlich wie So finster die Nacht oder When Animals Dream wählt der Streifen die harmonische Balance zwischen dem Paranormalem und einem konventionellen Coming-of-Age-Drama. Dabei macht der Mix erst aus den beiden Komponenten etwas angenehm Ungewöhnliches – einen Film mit jeder Menge Suspense, surrealen Einsprengseln und vor allem einer einnehmenden Protagonistin, der Schauspielerin Eili Harboe (u. a. The Wave) so einige verwirrende, rätselhafte und faszinierende Facetten abgewinnen kann. Leicht darzustellen ist die Person der Thelma nicht. Wie denn auch – Thelma ist im Begriff erwachsen zu werden, hat womöglich die Pubertät hinter sich oder ist gerade mittendrin. Lernt die erste Liebe kennen und vor allem Selbstverantwortung, Wird von niemandem beobachtet, nur von sich selbst, und hat Zeit, ihren Körper, ihre Skills und ihre Leidenschaften zu entdecken. Das ist an unkalkulierbarem Abenteuer sowieso schon genug. Aber da kommt noch die Sache mit den Wünschen dazu, und die unkontrollierte Gabe, nicht nur Dinge zu bewegen, sondern auch den Willen anderer zu steuern. Marvel-Kenner würden jetzt sagen, Thelma ist eine Mutantin, und sollte schleunigst zu Xavier an die Mutantenschule, um ihre Kräfte unter Kontrolle zu bekommen. Dark Phoenix kann davon ein Liedchen singen. Thelma singt lieber weniger als das sie träumt. Oder Visionen hat, versetzt mit Ängsten. Das kann zum Horror werden – und wird es manchmal auch, aber relativ dezent, in gruseligen Spitzen, die den Prozess einer Abnabelung oder einer Emanzipation vom Elternhaus symbolistisch verklärt. Thelma ist manchmal wie das sehnsüchtige Gedicht über eine junge Dame. Und zwar einer, die sich zu klein für eine Welt fühlt, die vieles oder auch zu wenig von ihr will. Wer bin ich, wer kann ich sein – wer möchte ich sein? Fragen, die sich junge Menschen ab einem gewissen entwicklungstechnischen Wendepunkt sowieso immer stellen. Die aber in Thelma mit den Mitteln des Phantastischen elegant herausgeklopft werden. Dieser Symbolismus, der erinnert in diesem Film manchmal an die Bildnisse von Edvard Munch oder an die Stücke Henrik Ibsens, der ganz viel mit manifestierter Metaphorik gearbeitet hat. Es ist eine andere Art des Expressionismus, weniger visuell, dafür aber mehr narrativ.

Thelma ist demzufolge ein klassisch skandinavisches Werk, düster-melancholisch, verträumt und manchmal explizit. Das Konzept fasziniert, so wie der ganze Film, und er schließt seinen aufregenden Bogen der Geschichte in einer zerstörerischen Befreiung (die gerne mit Stephen Kings Carrie verglichen wird), die das Grauen aber nicht entwurzelt und das, was ohnmächtig macht, zu kontrollieren versucht. Ein Vorhaben, das fasziniert und gleichermaßen mitreisst.

Thelma

Der Stadtneurotiker

DIE KATASTROPHE DER ZWEISAMKEIT

7/10

 

stadtneurotiker© 1977 United Artists

 

ORIGINAL: ANNIE HALL

LAND: USA 1977

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: WOODY ALLEN, DIANE KEATON, TONY ROBERTS, CAROL KANE, SHELLEY DUVALL, CHRISTOPHER WALKEN U. A.

 

Anlässlich des neuesten Films von Woody Allen – A Rainy Day in New York – war es mal an der Zeit, einen seiner größten Erfolge unter die Lupe zu nehmen. Seinen Stadtneurotiker, oder im Original Annie Hall, denn den kannte ich bis dato noch nicht. Lücken aus der Filmgeschichte wollen obendrein geschlossen werden, also her mit den Neurosen, die sich der schmächtige Brillenträger so gerne an den Leib schreibt, und die natürlich autobiografisch sind, so wie (fast) alle seine Filme, die er jemals inszeniert hat. Aus seiner Haut kann der mittlerweile 84 Jahre alte Filmer auch nicht, konnte er nie und wird er nie können, also sind seine Alter Egos, seine männlichen Filmfiguren, alle irgendwie er selbst. Sie denken wie er und sie handeln wie er – sie sprechen sogar wie er. Und trotzdem oder gerade deshalb: diese Selbstbetrachtungen, dieses ironisch-selbstironische Herumgezappel, diese Kapitulation vor dem gesellschaftlichen Sumpf aufgedonnerter Egomanen – die sind scheinbar bis in alle Ewigkeit sehens- und hörenswert. Und es wird ordentlich etwas fehlen, wenn Allens Senf, den er der Welt des Films hinzugibt, sich nicht mehr aus der Tube drücken lässt. So richtig angefangen hat nämlich alles mit eben diesem Stadtneurotiker, diesem Alvy Singer, einem Komödianten und Schreiberling (wenig überraschend), der beim Tennis mit einem Freund besagte Annie Hall kennen lernt, gespielt von einer blutjungen Diane Keaton in adrettem Siebziger-Look. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, auf verkopfte Art, das ist natürlich kein Geheimnis. Und es wäre eine herkömmliche Romanzet, würde der Film genau davon handeln, um dieses Kennen- und Liebenlernen. Dabei ist das hier nur der Anfang. Interessant wird es erst, wenn Alvy Singers Neurosen den Beziehungsalltag dominieren, Annie dabei zwischen den Stühlen sitzt und alsbald ihre eigene Ego-Dominanz ins Feld führt.

Dieses Beziehungs-Auf-und-Ab ist legendär. Mehr ist es nicht, es ist ein Kommen und Gehen, ein Annähern und Entfernen, ein Stolpern über den eigenen Narzissmus, über die eigenen haushohen Bedürfnisse und den eigenen Geltungsdrang. Ein Klassiker, wie er im Drehbuch eines Komikers steht, der über alles und nichts herzieht, alles anzweifelt und im Grunde in feinster intellektueller Manier als zwar berühmter, aber innerlich brotloser Künstler das Lebensglück herbeijammert, um dann wieder in Panik zu geraten. Es ist die Panik vor einem möglichen, ausweglosen Dilemma, das als selbsterfüllende Prophezeiung den kleinen Schreibmaschinenvirtuosen erst dann wieder erden kann, wenn er sich in seinen gefürchteten Katastrophen wieder findet. Beantwortet werden die aber meist mit humorvollen Anekdoten und Witzen, und dieser Humor rettet Woody Allen im übertragenen Sinn fast schon das Leben – nicht aber zwingend die Beziehung. Der Stadtneurotiker ist natürlich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen, in den Umbrüchen der Siebziger, dem Veröffentlichen der eigenen dysfunktionalen Zweisamkeit, mit der sich Leute wie Alvy Singer und Annie Hall aber seltsamerweise oder völlig absichtlich wichtig vorkommen wollen. Als etwas Besonderes, weil die Differenzen untereinander das Resultat eines grundehrlichen Umgangs mit den Erwartungen sein kann. Und womöglich auch ist.

Das Hinausposaunen fehlerhafter intimer Harmonie liegt beim Stadtneurotiker im Trend, oder setzt ihn erst, als neue, charmant überhebliche Mode der belesenen Elite. Das macht natürlich Spaß, dem zuzusehen. Doch die Zeit, die hat der Film nicht ganz überdauert. Mittlerweile können Beziehungen im Film schon mal ganz anders sein, sind radikaler und destruktiver. Was Allen noch mit den Handschuhen eines Conferenciers befummelt, landet mittlerweile auf dem Seziertisch. So hat es der New Yorker Klarinettenspieler nicht gewollt, so will er es heute nicht, denn er ist immer noch ein melodiebewusster Erzähler moralischer Boulevardkompositionen, wie ein George Gershwin in Bildern. Und so betrachtet darf Der Stadtneurotiker wie ein Musikstück wahrgenommen werden, als Teil seiner Zeit und als wortgewandte Diagnose eines Beziehungsmusters mit dem vor Alltagspanik wild klopfendem Herzen am rechten Fleck.

Der Stadtneurotiker

47 Meters Down

FISCHE VON UNTEN

7/10

 

47metersdown© 2017 Universum Film

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, DOMINIKANISCHE REPUBLIK 2017

REGIE: JOHANNES ROBERTS

CAST: CLAIRE HOLT, MANDY MOORE, MATTHEW MODINE, YANI GELLMAN, CHRIS J. JOHNSON U. A.

 

Im Urlaub, da sind die Pflichten des Alltags kein Thema mehr, da ist Frau und Mann schon ein bisschen wer anderer. Außerdem wagemutiger als sonst, Möchtegern-Abenteurer schlechthin, die auch gerne mal über den Durst trinken, dabei leicht zu überreden sind und Dinge wagen, die sie sonst nicht mal im Traum tun würden. Zum Beispiel Käfigtauchen mit Weißen Haien. Ich kenne jemanden, der hat das getan – seiner Meinung nach ein tolles Erlebnis, mit Sicherheit – wenn alles klappt. Dabei werden die zahlenden Gäste ohnehin nur ein paar Meter tief ins Wasser gelassen. Haben die Knorpler dann das Interesse verloren oder neigt sich die Atemluft dem Ende zu, geht’s wieder hoch. Bestanden ist das Abenteuer. Im Rahmen lukrativer Urlaubsflirts will Mann Frau aber unbedingt beeindrucken, also chartert Mann fernab des Mainstream-Tourismus einen unterdurchschnittlich frequentierten Kahn mit zwei Mann Besatzung, davon einer ein zauseliger Ex-Vietnamveteran Marke Matthew Modine (schon lange nicht mehr irgendwo in einem Film gesehen), der mal so zwischen Reling und Steg die salopp formulierte Frage stellt, ob sowieso alle Beteiligten den tauchsport beherrschen. Das wird natürlich bejaht, denn die Damen und Herren Mittzwanziger sind schon voller Tatendrang, obwohl sich dennoch manchmal ein gewisses ungutes Gefühl einschleicht, zumindest bei einer der Ladys. Der Film würde nicht 47 Meters Down heißen, würde sich dieses ungute Gefühl später nicht auch bewahrheiten. Denn der Kahn, mit dem an den Tauchplatz geschippert wird, hat auch schon mal bessere Tage gesehen. Und es ist diesmal nicht die Tücke eines sinisteren Psychopathen, der den Naivlingen ans Leder will, sondern die des Objekts. Und wenn das Käfigseil reißt, geht’s non-stop Richtung Meeresgrund.

Dieses Worst-Case-Szenario passiert dann auch, und erstaunlich ist dabei, welch belastbares Trommelfell die beiden Mädels haben, die ohne Druckausgleich Dutzende Meter tief in die Finsternis stürzen. Allerdings ist dieser Umstand interessanterweise der einzige, der nicht ganz den körperphysikalischen Gesetzen entspricht. Johannes Roberts hat ansonsten nämlich einen Survivalthriller unter Wasser gesetzt, der überraschenderweise ordentlich für Spannung sorgt und Szenen findet, die, vor allem wenn man selbst Taucher ist und Momente wie diese ungefähr nachvollziehen kann, panikmachende Beklemmung erzeugt. Der wirkliche Witz an der Sache ist – der Haikäfig lässt sich öffnen, gefangen sind die beiden Taucherinnen, wie man vermuten würde, also nicht. Der räumliche Hemmschuh liegt in der Unmöglichkeit, jenseits eines Nullzeittauchgangs (also 20 Meter) schnurstracks aufzutauchen, ohne sich die Taucherkrankheit einzutreten. Mit anderen Worten: ein Zwischenstopp wäre nötig, von mehreren Minuten sogar. Wie denn aber, angesichts der gefräßigen Tiere, denen das Blut, welches den beiden Verunglückten aus allen möglichen Wunden sickert, ordentlich in der Nase juckt? Fast schon ein brillanter Umstand, den 47 Meters Down sich da geschaffen hat. Und der Film spielt nicht nur mit Wasserdruck, Luftressourcen und der Trägheit schwerer Dinge, sondern auch mit der Wahrnehmung. Das ist fast schon perfid, mit der zielsicheren Suspense eines Psychothrillers und um Haifischlängen aufregender als Blake Lively in The Shallows oder unlängst Crawl, der leider seiner Vorhersehbarkeit zum Opfer fiel. 47 Meters Down lässt sich viel weniger einschätzen, Erwartungen werden durchaus unterwandert, und wer in Bälde mal vorhat, Sharkwatching zu betreiben, der sollte diesen Film tunlichst, oder zumindest nur fürs erste, lieber meiden. Es sei denn, sie oder er liebt den Nervenkitzel. So wie die beiden Mädels in einem Reißer, der dem Genre des Wildlife-Thrillers frischen Sauerstoff in die Venen pumpt.

47 Meters Down

Bad Times at the El Royale

FREIES SPIEL DER GÄSTE

7/10

 

elroyale© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: DREW GODDARD

CAST: JEFF BRIDGES, CHRIS HEMSWORTH, DAKOTA JOHNSON, JON HAMM, CYNTHIA EVIRO, LEWIS PULLMANN U. A.

 

In diesem Film werden ganz klar die Grenzen überschritten: Denn das besagte Hotel El Royale, das liegt genau auf einer roten Linie, die Kalifornien von Nevada trennt. Wie originell, muss ich zugeben. Einmal ist man im sonnigen Westen, dann wieder im Land des Glücksspiels. Da lässt sich hin und her hüpfen oder direkt auf dem Grat entlang balancieren, wenn man nichts getrunken hat. Dieses Hotel, das liegt wie The Cabin in the Woods völlig abgelegen im forstlichen Nirgendwo, umgeben von Tannen, und überhaupt ist gerade wahrlich keine Hochsaison. Die Gäste sind an einer Hand abzuzählen: Ein katholischer Priester, eine Sängerin, ein Staubsaugervertreter und ein Hippie-Girl, denn wir schreiben ja die 60er, die Quentin Tarantino auch so gerne zelebriert. Der Verdacht liegt nahe, dass alle irgendetwas gemeinsam haben. Und dass der Concierge des Hauses – übrigens die einzige Belegschaft des Etablissements – Seltsames im Schilde führt. Oder etwa nicht? Vielleicht ist jeder der Gäste nur zufällig hier. Vielleicht hat gar nichts davon irgendetwas mit der Prologsequenz des Filmes zu tun, die auf vorwitzige Art von verstecktem Diebesgut erzählt. Nichts Genaues weiß man als Zuseher also nicht. In diesem Alles-Ist-Möglich-Zustand spielt das Kammerspiel von Drew Goddard (wie schon erwähnt: The Cabin in the Woods) seine besten Karten aus.

Es ist, als würde man The Hateful Eight mit den literarischen Gewitternächten eines Agatha Christie-Krimis kombinieren. Spontan betrachtet eine feine Mischung. Auch bei näherem Hinsehen immer noch knackig genug, um dranzubleiben. Bad Times at the El Royale gliedert sich wie in Tarantinos Hateful Eight in mehrere Kapitel, welche die Geschehnisse immer wieder aus einem anderen Blickwinkel neu aufrollen. Jede der Figuren bekommt seine eigene knappe Sequenz, und trotz einer Spielfilmlänge von knapp zweieinhalb Stunden verliert sich Goddards Drehbuch nie in ausufernden Kurzbiografien. Da reichen assoziative Skizzen und ungefähre Andeutungen, die der aufmerksame Zuseher im Geiste schnell ergänzt. Das macht den Thriller zu einem Puzzlespiel mit zwar mindestens tausend Steinen, dessen Motiv erstrahlt aber in farbenfroher Abwechslung und erleichtert des Rätsels Lösung auf gefällige Weise. Wenn es dann schüttet wie aus Schaffeln, und die Leuchtröhrenlettern des El Royale-Schriftzuges ihr verruchtes Rot in den Nachthimmel werfen, kommt eines zum anderen, und die Falschen zum Handkuss. Dabei gebärdet sich „Thor“ Chris Hemsworth in brustfreiem Outfit gerade mal so, als hätte er nie Thor gespielt, und jeglicher Marvel-Manierismus ist spurlos verschwunden. Auch Jeff Bridges lässt sich in diesem „krummen Haus“ nur zu gerne auf einen Drink einladen, wobei die Abgründe wie bei David Lynch eigentlich gleich ums Eck liegen, oder hinter der nächsten Mauer.

Bad Times at the El Royale ist eine liebevoll ausgestattete Fingerübung in Sachen Suspense, in kräftige Farben und voller klassischer Kniffe. Das Hotel selbst ist mit all seinem perlenden Retrocharme atemberaubend ausgestattet, natürlich eine Bühne par excellence, und tatsächlich diente für den Dreh ein Hotel, nämlich die Cal Neva Lodge, die wiederum tatsächlich an der Grenze der beiden Bundesstaaten liegt. Erwartungshaltungen werden zwar unterwandert, allerdings nicht so  verblüffend weiträumig wie ich vielleicht vermutet hätte. Dafür entschädigt ein satter Soundtrack mit alten Hadern von Deep Purple bis zu den Righteous Brothers mit Unchained Melody, interpretiert von Cynthia Eviro, die tatsächlich einiges aus ihrem Repertoire zum Besten gibt. Dabei beweist Goddard in seiner Auswahl zeitgenössischer Klassiker und der Idee, eine der Hauptfiguren auch selbst singen zu lassen, genauso ein feines Händchen wie der viel (und – versprochen – zum letzten Mal) zitierte Tarantino, wenn nicht gar um eine Plattennadel feiner. Musik ist in Bad Times at the El Royale also ein wichtiges Tool, Musik und Ausstattung, und der Quotient aus beidem ist Stimmung, die ganz allein aus dem Verqueren, dass in der aufgeladenen Gewitterluft liegt, genussvolle Spannung produziert. Ein cooles Stück Krimi also – theatralisch, dramatisch und verhängnisvoll.

Bad Times at the El Royale

Die Wunderübung

SCHLIMMER GEHT IMMER

7,5/10

 

wunderuebung© 2018 Luna Filmverleih

 

LAND: ÖSTERREICH 2018

REGIE: MICHAEL KREIHSL

CAST: AGLAIA SZYSZKOWITZ, DEVID STRIESOW, ERWIN STEINHAUER

 

Demnächst kommt Daniel Glattauers Email-Roman Gut gegen Nordwind in die Kinos. Wie bitte soll das gehen, einen digitalen Briefroman für die Leinwand zu adaptieren? Anscheinend hat´s geklappt, das Feedback des interessierten Publikums ist noch ausstehend, immerhin war Gut gegen Nordwind auch schon auf der Bühne, was aber nichts heißen mag, denn Lesungen gibt’s da genug, Zuhören ist im Theater noch mehr die Devise als im Kino, wo man auch visuell gerne verwöhnt wird. Bei Glattauers Bühnenstück Die Wunderübung hatte ich allerdings ähnliche Bedenken. Ein Drei-Personen-Stück von relativ kurzer Dauer, Schauplatz eine therapeutische Praxis für Eheprobleme. Wie packend kann das sein? Und wie sehr erfreue ich mich dabei am Beziehungsleid anderer, die sich in sittsamem Abstand von einer Sesselbreite Gemeinheiten an den Kopf werfen? Die Wunderübung allerdings war ein Bühnenerfolg. Und 3-Personen-Stücke gibt es auch jede Menge im Kino, so zum Beispiel Ariel Dorfmanns Bühnenstück Der Tod und das Mädchen, adaptiert von Roman Polanski. Dennoch habe ich bei Erscheinen im Kino die Ehekomödie nicht vorrangig auf meine Watchlist gesetzt. Umso willkommener war es, Michael Kreihsls (u. a. Heimkehr der Jäger) Kinoadaption später dann als zerstreuendes Zuckerl im Streaming-Portal meines Vertrauens zu finden. Man kann´s ja mal probieren, auch wenn der Abend schon recht vorgeschritten ist, man nächsten Morgen früh raus muss oder die Stimmung für üppiges Ausstattungskino gerade mal nicht die Heimkinoatmosphäre dominiert. Problemfilme sollen es auch nicht sein, nicht im klassischen Sinn. Dann lieber eine Problemkomödie, denn um irgendwas etwas muss sich ja schließlich das Ganze drehen, wenn es kein Bildessay a la Geyrhalter sein will, das auf meditativem Wege das Oberstübchen durchbläst.

In Die Wunderübung sammelt das in die Jahre gekommene Ehepaar Dorek alle seine Countenance zusammen, um einen Therapeuten aufzusuchen, der den letzten Rest an Zuneigung aus 17 Jahren Zweisamkeit und Familie ähnlich einem Archäologen aus dem Sand der Zeit kratzen muss. Der Therapeut ist Erwin Steinhauer – ich liebe diesen Mann! Egal, welche Rolle er verkörpert. ganz so wie Peter Simonischek besitzt Steinhauer ein unvergleichlich angenehme wie gehaltvolle Erzähl- und Sprechstimme, seine Mimik ist grandios, die natürliche Beiläufigkeit, in der seine Figuren Gestalt annehmen, schwer nachzuahmen. Steinhauer spielt den wortkargen Polt genauso mit Charisma wie den schmierigen Bezirkspolitiker aus Thomas Roths erlesenen Trautmann-Filmen. Unvergessen seine Rolle als Benedikt Höllrigl in Felix Mittlerers NS-Satire In der Löwengrube. Die Rolle des Therapeuten ist zwar weniger anspruchsvoll, aber bietet genug Fläche für eine einstudierte Sozialkompetenz am Rande der Überheblichkeit, verständnisvoll nickend und innerlich resignierend. Denn die beiden – Devid Striesow und Aglaia Szyszkowitz, sind ein hoffnungsloser Fall, wie es scheint. Schenken tun sie sich nichts, womöglich hassen sie sich gar. Wie diese verstockte Riesenkrise befrieden? Vielleicht mit einem Wunder? Aber wie, wenn gar das eigene beziehungstechnische Kartenhaus in sich zusammenstürzt?

Das Wunder haben bei dieser Adaption eigentlich Michael Kreihsl und Dichter Glattauer vollbracht, der nebst dem eigentlichen Drama auch die Screenfassung schrieb. Die Wunderübung ist eine der souveränsten Überraschungen des österreichischen Films, unerwartet sehenswert und sehr gewitzt. Langeweile kommt keine auf, das Problem ist schwerwiegend, aber nicht unlösbar, je nachdem, in welche Relation man es bringt. Glattauer hievt die Sicht der Dinge auf einen ganz eigenen Blickpunkt, entlarvt menschliches Wohlbefinden als ein Aufraffen im Schatten der Krisen anderer und lässt Beziehungen einfach niemals seiner launenhaften Schwingungen entkommen. Kennt man das Bühnenstück nicht, ist der Story-Twist am Ende ein tatsächlich kaum vermutbarer, vielleicht einer, bei welchem sich denken lässt, es wäre zu schön, um wahr zu sein, ginge die etwas mehr als 90minütige Sitzung am Ende wirklich diesen Weg der geschickten Manipulation. Doch was zu schön ist, kann auch wirklich wahr sein, und das zugunsten eines humorvollen Dreiers voller spitzer Bemerkungen, versteckter Finten und relativer Wahrnehmungen. Ein Film, in seiner inszenatorischen Schlichtheit und seiner schauspielerischen Spielfreude gerade richtig, um wiedermal klug unterhalten zu werden.

Die Wunderübung