AnyMart (2026)

TOTALITARISMUS IM SONDERANGEBOT

7/10


Shôta Sometani folgt den Regeln im Film Anymart
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: YUSUKE IWASAKI

KAMERA: MAO OHKAWARA

CAST: SHÔTA SOMETANI, ERIKA KARATA, MASAHIKO NISHIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Ein Trailer, der nichts preisgibt

Zeig mir den Trailer, und ich sag dir, ob ich mir den Film ansehe: Das, was man vorab von AnyMart zu sehen bekommt, wird wohl niemanden so schnell dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Wir sehen einen Japaner, womöglich Mitte zwanzig, irgendwo an einer Supermarktkassa irgendeiner Lebensmittelkette, daher auch der Titel: AnyMart.

In so einem Laden steht da einer und schaut – ausdruckslos, gelangweilt und fast schon wie in Trance. Diese Gleichgültigkeit nahe am Gehirn-Standby hat auch etwas Bedrohliches. Langsam fährt die Kamera näher, als würde gleich in der nächsten Sekunde etwas Entsetzliches passieren. Doch es ist nur dieser Mann, der während des Wartens auf Kundschaft vor sich hin starrt. Was will uns dieser Trailer damit sagen?

Endstation Supermarkt?

Ist es die Ruhe vor einem Amoklauf? Aufgestauter Frust? Ermüdung angesichts der Uniformität verpackter Hühnerteile? Bedient AnyMart das Gerücht oder vielleicht das Klischee, dass im gehorsamen Mikrokosmos eines Supermarktes ein Tag wie der andere ist, jede Woche wie die nächste und jedes Jahr wie das darauffolgende? Dass es zwischen Kassa, Rabattaktionen und dem Nachschlichten von Waren nichts gibt außer das Vakuum eines zomboiden Konformismus, den das Management vorschreibt?

Das Urteil, das AnyMart über eine gesamte Branche fällt, ist aber nur eine Metapher für etwas ganz anderes. Und zwar für ein System aus Regeln, Normen und Disziplin. Ist dieses Konstrukt erstmal geschaffen, lässt sich das Individuum so sehr unterordnen, dass es nicht mehr zu denken braucht.

Die totale Kontrolle

In diesem kleinen Lebensmittelladen arbeitet der bereits aus dem Trailer bekannte Sakai – es stellt sich heraus: Völlig eingelullt von der Tristesse des Alltags ist er noch nicht, doch er folgt brav den Anweisungen seines Vaters, dem das Geschäft gehört. Dieser sitzt vorwiegend in einem schmalen Hinterzimmer vor dem Bildschirm und beobachtet seine Bediensteten, er ist Herr über Recht und Ordnung. Was er sagt, ist Gesetz. Selber denken darf hier keiner, sondern ausschließlich befolgen, was zu tun er aufträgt. Ein Big Brother im Kleinformat.

Die totale Unterdrückung

Diese Starre des Systems ist unerbittlich. Nichts bewegt sich, jede Abweichung wird geahndet. Und dann kommt Ogawa, eine engagierte junge Frau, die sich so viel Geld dazuverdienen will, um nach ihrer Ausbildung zur Friseurin einen eigenen Laden zu eröffnen. Siehe da, da hat jemand Ambitionen. Da denkt jemand selbst. Auch gegenüber dem AnyMart versucht es ein Einzelunternehmer mit Quiches aller Art.

Der Konformismus schlägt jedoch überall zu, das Individuum zählt nichts, die Furcht und die Abscheu vor Ideen brennen auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf selbstbestimmten Erfolg nieder. Wie unbarmherzig lässt diese triste Dystopie eines Arbeitsmarkt-Horrors die Peitsche knallen. Schwarzhumorig kann man das nennen, oder aber auch zutiefst zynisch. Das leise Aufbegehren gegen Windmühlen mag gar nie zu einer Revolution ausarten, denn unter den Teppich gekehrt wird, was das System fehlerhaft erscheinen lässt.

Anders gedacht ist schon halb verloren

Der ebenfalls besondere und außerhalb der Wahrnehmung existierende Geheimtipp Corner Office schickt Jon Hamm statt in den Supermarkt ins Büro, um dort einen imaginären Raum zu entdecken, der die Leistungsfähigkeit beflügelt. Gern gesehen wird das Ausscheren aus der Reihe dort genauso wenig wie im japanischen Plastikverpackungs-Eldorado. Während Corner Office als smarte Mystery daherkommt, taucht AnyMart resignierend in die Finsternis ab.

Dabei zündet Regiedebütant Yusuke Iwasaki für seinen ersten Spielfilm eine lange Lunte. Die repetitive Trostlosigkeit der Existenzen mag in ihrer ereignislosen Nüchternheit beunruhigen – und ja, AnyMart bleibt selbst unbeweglich und starr in der Schilderung tödlichen Starrsinns in einer Vorhölle aus Ordnung, die keinen Widerspruch duldet.

Der wohl bitterste Film des ganzen Slash Filmfestivals ist ein Spätzünder und wirkt mit einiger Verspätung erst so richtig nach wie Muskelkater. Als hätte man sich halb zu Tode geschuftet und wüsste gar nicht mal, wofür.

AnyMart (2026)

Too Many Beasts (2026)

GALLIER UND IHRE WILDSCHWEINE

5/10


Alexis Manenti wittert Wildschweine in Too Many Beasts
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


ORIGINALTITEL: L’ESPÈCE EXPLOSIVE

LAND / JAHR: FRANKREICH 2026

REGIE: SARAH ARNOLD

DREHBUCH: SARAH ARNOLD, OLIVIER SÉROR

KAMERA: NOÉ BACH

CAST: ALEXIS MANENTI, ELLA RUMPF, VINCENT DEDIENNE, BERTRAND BELIN, JEAN-LOUIS COULLOC’H, XAVIER DE GUILLEBON, THIERRY GODARD, PASCAL RÉNÈRIC U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Der Mensch zu Besuch beim Wildschwein

Besucht man hierzulande in der Wienerstadt den in Kaiserzeiten gegründeten Lainzer Tiergarten oder fährt unweit des Urbanen nach Sparbach in den Wald, kann man sie aus nächster Nähe beobachten: Sus scrofa, weltweit bekannt als das Wildschwein und die Lieblingsspeise unseres Lieblingsgalliers Obelix, natürlich ohne Beilage.

Man betrachtet sie dort nicht hinter Zäunen, sondern mehr oder weniger frei in einem abgesteckten Areal. Geschützt sind sie obendrein – was man von den Verhältnissen in einer französischen Kleinstadt, die als Schauplatz des Filmes Too Many Beasts herhalten muss, nicht sagen kann.

Das Wildschwein zu Besuch beim Menschen

Hier sind einfach zu viele der grunzenden Wühler unterwegs, sie entern das Stadtgebiet und niemand kann ihrer Herr werden. Größtes Mysterium dabei ist die Frage, wie es zu dieser explosionsartigen Vermehrung, wie der Originaltitel schon sagt, kommen konnte. Einem der Bauern reißt dabei die Hutschnur und er macht Jagd nicht nur auf das Wild, sondern erschießt auch nebenbei seinen Gutsbesitzer, um daraufhin bei Nacht und Nebel zu verschwinden.

Einige Zeit später setzt Regisseurin Sarah Arnold den Fokus auf den aus Korsika stammenden, mehr oder weniger strafversetzten Fulda (Alexis Manenti, bekannt aus Les Misérables – Die Wütenden und Athena), den keiner in diesem Nest wirklich willkommen heißt. Auch muss sich Fulda psychologischen Sitzungen unterziehen, in denen er mit „Seelenklempnerin“ Stéphane aneinandergerät, zumindest vorerst.

Im Laufe der Ermittlungen rund um einen Mordfall, während derer sich wirklich alles und jeder gegen die Methoden Fuldas stellt, kreuzen sich die Wege der beiden immer öfter. Bis die Lage Teamgeist erfordert. Um aufzudecken, was in dieser Gegend und rund um den korrupten Bürgermeister, der seine Dinge dreht, lange Zeit vertuscht wurde.

Ein Provinzkrimi als fantastischer Film?

Too Many Beasts ist jetzt nicht gerade das, was man im Rahmen eines Festivals des fantastischen Films erwarten würde – auch wenn es ab und an den Anschein hat, dass ein an der Wand hängender Wildschweinschädel ein seltsames Eigenleben führt. Sarah Arnolds Film entpuppt sich als halbwitziger, manchmal ernster, aber nie wild mit den Spaltfüßen scheuernder Landkrimi, der wohl im Hauptabendprogramm häufig frequentierter Fernsehsender das Soll seiner Zuschauerzahlen erfüllen würde.

Im Kino ist Too Many Beasts zwar kurzweilige, aber unaufgeregte Routine, die gar nicht so große Lust hat, das Borstenvieh auch so in Szene zu setzen, dass es wirklich bedrohlich wirkt oder gar die Lebensweise der Kleinstädter sichtbar einschränkt. Erwartet hätte man sich vielleicht den einen oder anderen tierischen Charakter, der als grunzender Endboss allen das Fürchten lehrt. Doch wir sind nicht bei Herkules und dem Erymanthischen Eber, sondern in der französischen Provinz mit französischem Kleinbürgertum und diversen Verstrickungen, die für einen aufgeräumten Kriminalfall wohl ausreichen, aber wirklich nicht mehr als die Summe ihrer Teile sind.

Den Horizont erweitern

Kritik am Jagdeifer, ökologischer Aktivismus und Vorurteile gegenüber Zugereisten: Das alles ist Dekoration. Aber: Inmitten dieses Falls sorgt zumindest eine tatsächlich urkomische Ermittlungsszene in berauschtem Zustand für die einzig wirkliche dramaturgische Wende in diesem Film. Die kommt zwar erst spät, peppt den Lowtide-Krimi aber zumindest an der Oberfläche auf, um als Beginn einer wunderbaren Freundschaft enden, die vielleicht mehr ist als das ist.

Too Many Beasts (2026)

Verflucht normal (2025)

VOM ZWANG, TABUS ZU BRECHEN

7/10


Robert Aramayo als John Davidson im biografischen Film Verflucht Normal
© 2026 Wild Bunch Germany


ORIGINALTITEL: I SWEAR

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: KIRK JONES

KAMERA: JAMES BLANN

CAST: ROBERT ARAMAYO, MAXINE PEAKE, PETER MULLAN, SHIRLEY HENDERSON, SCOTT ELLIS WATSON, PAUL DONNELLY, DOUGLAS RANKINE, ADAM MCNAMARA, DAVID CARLYLE, STEVEN CREE U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN



Das Päckchen Marihuana unter dem Trainingsanzug sollte um alles in der Welt unentdeckt bleiben – erst recht, wenn zwei Polizisten den Weg kreuzen. Verhalte dich unauffällig! Doch John Davidson kann nicht anders. Er muss es lauthals in die Gegend brüllen: „Ich hab‘ Drogen! Ich hab‘ Drogen hier drunter versteckt!“

Eine Krankheit reflektiert die Gesellschaft

Diese eine Szene aus dem biografischen Tatsachendrama Verflucht normal bringt das Problem, das Betroffene mit dem Tourette-Syndrom haben, gezielt auf den Punkt. Was man dabei kaum übersehen kann: Diese Krankheit reflektiert vor allem das soziale Umfeld. Je nach Kulturkreis sind es andere Tabus, andere Benimm-Ordnungen, die duch stark ausgeprägte Tics anfallsartig gebrochen werden.

Bezieht sich diese Zwangshandlung auf Schimpfworte, spricht man von Koprolalie – das aber ist wiederum nur ein Symptom innerhalb des Syndroms, und tritt auch nicht bei allen auf, die an Tourette erkrankt sind. Heilbar ist dieser Zustand nicht, allerdings lässt er sich mittlerweile lindern.

Der Teufelskreis aus Kränkung und Unwissen

Kirk Jones spart diese hoffnungsvollen Zukunftsaussichten in seinem bewegenden Film auch nicht aus, gibt aber vor allem Einblick in jene Zeit, in der unfreiwilliges Schimpfen, unkontrollierte Bewegungen und das Hinausposaunen von kompromittierenden Gedanken noch lange nicht auf Verständnis stießen.

Anfang der Achtziger weiß noch niemand, was Tourette überhaupt sein soll. Und genau so wenig versteht man, wieso dieser Teenager John Davidson seinen Kommilitonen Beleidigungen hinterhersagt, um sich dann, aus reiner Notwehr, am Pausenhof zu prügeln. Weder die Schule noch die Familie noch sonst wer versteht, was mit John passiert. Nicht mal er selbst.

Der lange Weg zur Akzeptanz

Mit welchen Auffälligkeiten diese quälende Reise eines Lebens beginnt – das zeigt Jones konzentriert, aufschlussreich und mit ausreichend Mitgefühl. Sein Schwerpunkt liegt in der Anbahnung von etwas Schrecklichem, das Teil einer Normalität werden soll. Anfangs scheint das unmöglich. Und das Publikum selbst ringt mit der Fassung, wenn der Traum einer Fußballkarriere dem prekären Leben eines ins soziale Aus gedrängten Notstandbeziehers weicht.

Alles, nur keine Lachnummer

Jahre später schlüpft Robert Aramayo (Die Ringe der Macht, Palästina 36) in die Rolle dieses späteren Aufklärers und Lebenskünstlers, der sogar vor der Queen fluchen muss – doch da ist längst klar, welche Regeln hier gelten.

Verflucht normal beschreibt diesen langen, steinigen Weg eines herzensguten Menschen, der tagtäglich damit gequält wird, Tabus brechen zu müssen. Dabei ist das Küssen schräger Laternenpfahle das geringste Übel, das Unverständnis anderer das Größte. Dieser Leidensweg lässt sich in jeder Szene spüren, doch niemals neigt Kirk Jones in seiner Chronik einer Krankheit zum Selbstmitleid, zum Mitleid oder zu Sentimentalitäten, geschweige denn inszeniert er die Krankheit als Lachnummer – was in einigen Komödien früherer Dekaden mitunter der Fall war.

Nachher ist man immer klüger? Hier auf jeden Fall!

Robert Aramayo ist in dieser Rolle schlichtweg brillant, unaufgeregt aufgeregt und in der Ausgestaltung der Symptome so hingebungsvoll wie darauf bedacht, niemals zu übertreiben. Wer auch nur ansatzweise selbst mit Zwangsgedanken oder -handlungen zu tun hat (und ich vermute ganz ehrlich, das sind nicht wenige), den bringt Kirk Jones auf Schiene.

Hier lässt sich andocken, weiterdenken bis zum Worst Case – und verstehen, wie Tourette funktioniert. Umso mehr fiebert man mit, als Kumpel von John, und umso mehr kann man einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken, wenn das Hirn seine Fesseln lockert und die Universitätsbibliothek plötzlich auch zu einem Ort wird, den man aufsuchen kann. Denn in sich selbst ruhen zu können ist eines der schönsten Dinge auf der Welt.

Verflucht normal (2025)

Therapie für Wikinger (2025)

HANDICAP FÜR ALLE!

7/10


© 2025 Rolf Konow / Neue Visionen


ORIGINALTITEL: DEN SIDSTE VIKING

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANDERS THOMAS JENSEN

KAMERA: SEBASTIAN BLENKOV

CAST: MADS MIKKELSEN, NIKOLAJ LIE KAAS, SOFIE GRÅBØL, LARS BRYGMANN, SØREN MALLING, KARDO RAZZAZI, NICOLAS BRO, LARS RANTHE, BODIL JØRGENSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Der wirklich ganzen kaputten Familie widmet sich der Däne Anders Thomas Jensen schon seine ganze künstlerische Laufbahn lang. Wer den Rehabilitationswahnsinn Adams Äpfel bereits kennt, wird erahnen können, an welchen Orten Jensens Reise stets Halt macht. In Men & Chicken kippt der Autorenfilmer ins Bodyhorror-Genre, was er sonst nie tut. Dafür wird es in Helden der Wahrscheinlichkeit geradezu zartbesaitet und nachvollziehbar emotional. Indem er aber immer mehr das Absonderliche als die selten errungene Normalität hinstellt, ist die Conclusio dabei in Therapie für Wikinger eine erfrischend radikale. Und entbehrt nicht einer gewissen todessehnsüchtigen Logik.

Lieber Arm ab als arm dran

Das beginnt schon damit, dass Jensen die zutiefst makabre Parabel eines Wikingerprinzen erzählt, der im Gefecht einen Arm verliert. Als dieser so sehr darunter leidet, nicht mehr vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein, erlässt der König den Befehl, all seinen Untergebenen ebenfalls den Arm abzuschlagen – damit alle wieder gleich wären. Der Epilog gestaltet sich als geschmackvolle Animation im Stile anspruchsvoller Bilderbücher für Kinder, zum Glück nicht als hyperrealistisches Gemetzel. Die Botschaft aber ist trotz all der geopferten Extremitäten zum Wohle des Einzelnen kaum zu missverstehen: Die Normalität als einen Zustand zu betrachten, dem sich alle Welt anzupassen hat – dem scheint in Therapie für Wikinger niemand mehr wirklich folgen zu wollen. Jensen hinterfragt dabei am Beispiel einer heillos zerrütteten, auf tragische Weise ausgeglittenen Familie, ob die Normalität nicht der Wahnsinn an sich ist, während der Wahnsinnige alleine deswegen einer ist, weil die Normalität ihn erst dazu gemacht hat.

Auch der Hund liegt hier begraben

Auf dieser Logik aufbauend – und ja, sie ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man die Perspektive wechselt – stolpert Jensens Schauspielverwandter Mads Mikkelsen in einer höchst ungewöhnlichen Rolle ins verrückte Bild eines lakonischen Dramas: Es ist die einer Person mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung. Schließlich ist Manfred fest davon überzeugt, John Lennon zu sein. Dass er dabei weder Liedtexte schreiben noch musizieren kann, ist nicht von Bedeutung. Nicht mal die Brille entspricht jener des Beatle. Bruder Anker ist entsetzt. Der kommt, eingebuchtet für Bankraub, frisch aus dem Knast und will an sein vergrabenes Geld, von dem aber nur Manfred weiß, wo es versteckt ist. Nur: Manfred ist schwer zugänglich, alles Gewesene scheint er vergessen zu haben, nur nicht, dass Anker sein Bruder ist. Womöglich liegt der Schatz im ehemals trauten Heim der Familie. Dort angekommen, steigen verschüttete Erinnerungen hoch, alte Rechnungen wollen beglichen werden und gefühlt eine ganze psychiatrische Abteilung Ausgestoßener tanzt in der Einschicht an, um die Pilzköpfe neu zu gründen. Eine Methode, die als Therapie für Wikinger angesehen werden kann, gemäß des Märchens, dass nicht der Verrückte sich anpasst, sondern die Welt um ihn herum es tun muss.

Die Welt braucht viel mehr Sonderlinge

Die Idee dahinter ist so kurios wie grandios. Anders Thomas Jensen darf sich rühmen, einer jener Filmschreiberlinge zu sein, die den Geschichten ihren Stempel aufdrücken. Seine Filme sind auch dann erkennbar, wenn man gar nicht weiß, dass Jensen dahintersteckt. Ein Kolorit wie dieses muss man als Filmemacher erst mal zusammenbringen – und es eben auch wagen, gegen den Mainstream gebürstete Grotesken zu entwickeln, die keinesfalls schöntun wollen und das Abartige und nicht Gesellschaftsfähige liebgewinnen wollen. Mikkelsen und Nikolai Lie Kaas – auch immer wieder im Ensemble Jensens – haben Spielraum genug, um sich in ihren Rollen zu entfalten, die mitunter auch einiges an Bereitschaft fordern, um die dahinterliegende Tragödie auch empfinden zu können. Neben all den mitunter explizit gewalttätigen Wendungen, die Therapie für Wikinger während dieser Filmsitzung bereithält, überzeugt vor allem das Kunststück, die tiefschwarze Schwere eines überhaupt nicht komischen Traumas dennoch als eine von der Ironie des Schicksals liebkoste Tragikomödie darzustellen, die ihre Antihelden mit so viel Gegenliebe feiert, dass letztlich gar nichts anders in Frage kommt als nur die Methode, auch selbst Außenseiter zu werden, um jene, die immer schon welch waren, nicht allein zu lassen.

Therapie für Wikinger (2025)

Wir könnten genauso gut tot sein (2022)

DAS SYSTEM HAT PANIK

4/10


wirkoenntengenausoguttotsein© 2022 eksystent filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, RUMÄNIEN 2022

REGIE: NATALIA SINELNIKOVA

DREHBUCH: NATALIA SINELNIKOVA, VIKTOR GALLANDI

CAST: IOANA IACOB, POLA GEIGER, SIIR ELOGLU, JÖRG SCHÜTTAUF, MINA SAGDIÇ, JASMIN KRAZE, MORITZ JAHN, SUSANNE WUEST, KNUT BERGER, FELIX JORDAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Die Begeisterung kann ich nicht teilen. Denn jener Film, der sich darum bemüht, die Eigendynamik gesellschaftlicher, isolierter Biotope zu sezieren, bewegt sich insofern deutlich von der Materie weg, da er sein Ensemble auf bühnenhafte Weise, und so, als wäre das alles eine zeitgenössische Theateraufführung voller abstrahierter Menschenformen, darzustellen gedenkt. Wir könnten genauso gut tot sein von Natalia Silnenikowa hat allerlei Ambitionen und will erkennen, wie leicht sich etablierte Ordnungen verzerren lassen, wenn nur kleinste Details aus der konformen Zone tanzen. Am Ende führt die Studie menschlichen Verhaltens sehr wohl zu einer Conclusio, die aber wenige Erkenntnisse bringt – vor allem nicht solche, die die Wahrnehmung der Gesellschaft im Rahmen der Covid-Pandemie ohnehin schon definiert hat. Als Pandemie-Film lässt sich Wir könnten genauso gut tot sein dann tatsächlich auch betrachten, sogar der Titel passt perfekt zu den Überlegungen, die wir alle hatten, als wir hinter Schloss und Riegel verbringen mussten, um nicht uns selbst oder andere zu gefährden. Diese eigentümliche Welt, die Silnenikowa da errichtet, ist wie die letzte Bastion des harmonischen Friedens inmitten eines womöglich völlig aus den Fugen geratenen urbanen Systems. Aus einer vielleicht postapokalyptischen Landschaft ragt der Wohnturm einer obskuren Anlage, in welcher Hausparteien in völliger Isolation ihrem Tagesgeschäft nachgehen, ohne auch nur irgendwie ihre Brötchen zu verdienen.

Eine Bewohnerin tut sich dabei deutlich hervor. Es ist die Rumänin Anna, die mit ihrer Tochter bereits sechs Jahre lang das Privileg genießt, Teil dieser seltsamen Gemeinschaft zu sein, in der Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und gepflegte soziale Harmonie die Dogmen sind, nach denen gelebt werden soll. Als Sicherheitsbeauftragte hat sie alle Hände voll zu tun und wird erst so richtig in ihrer Mission gefordert, nachdem der Hund des Hausmeisters verschwindet. Töchterchen Iris nimmt diesen Vorfall auf sich, sie meint, den bösen Blick zu haben, und das in Erfüllung geht, was sie anderen wünscht. Aus diesem Grund, und um keine Gefahr für andere zu sein, sperrt sie sich ins Badezimmer. Mit diesem Pensum an Aberglauben und einer Verwechslung, die ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht, gerät die Community ins Wanken, die Ordnung bröckelt, schnell werden manche zur Persona non grata. Und der Hund ist immer noch weg.

Von Anfang an lässt einen das Gefühl ohnehin nicht los, dass hier manches faul ist. Und dass eine Welt wie diese, die auf begrenztem Raum das Ideal des Kommunismus praktiziert, einfach und auf längere Sicht nicht funktionieren kann. Denn Kommunismus birgt horrende Intoleranz, Fehltritte werden drakonisch bestraft, und mögen sie auch noch so klein sein. Dass ein Leben unter diesen Umständen so heiß begehrt ist, mag eine nicht ganz nachvollziehbare Prämisse sein. Aufbauend auf diesem Unbehagen entwickelt das teils unübersichtliche, flüchtig skizzierte Figurenensemble weltfremdes formelhaftes Verhalten, mit Vernunft lässt sich diesen Leuten nicht mehr begegnen und am meisten provoziert der engstirnige Teenager Iris (Pola Geiger), der sich in verbohrter Sturheit seinem magischen Denken hingibt. Provokation wäre ja für einen Film nun mal kein schlechte Eigenschaft, doch vielleicht eignet sich das Attribut der Entnervtheit doch viel besser. Auch wenn Ioana Iacob als Alltagsheldin Anna um ihre mühsam errungene Existenz kämpfen muss und dabei auch Opfer bringt – ihre reflektierte Sicht auf die Dinge lässt sich mit der Sehnsucht nach einem Alltag wie diesen schwer vereinbaren. Auch ist die offensichtliche Selbsterniedrigung mancher Figuren in Anbetracht eines angeblichen sozialen Mehrwerts, der anfangs schon keiner ist, einfach nur unnötig und irgendwie dumm.

Wir könnten genauso gut tot sein (2022)

The Holdovers (2023)

EIN WEIHNACHTSFILM FÜRS GANZE JAHR

9/10


holdovers© 2023 Focus Features LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ALEXANDER PAYNE

DREHBUCH: DAVID HEMINGSON

CAST: PAUL GIAMATTI, DOMINIC SESSA, DA’VINE JOY RANDOLPH, CARRIE PRESTON, BRADY HEPNER, IAN DOLLEY, JIM KAPLAN, ANDREW GARMAN, STEPHEN THORNE U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Er ist die Antithese zu Robin Williams im uns allen bekannten Club der toten Dichter. Er ist zwar nicht ganz so ein militanter Glamour-Misanthrop wie seinerzeit Jack Nicholson in Besser geht’s nicht, doch mit seinem despektierlichen Zynismus gegenüber seinen Schülern hält er nicht hinterm Pult. Kann sein, dass auch der Direktor der sogenannten Benton-High School aus seiner Sicht nicht gut wegkommt, denn der ist schließlich der größte Arsch. Das wusste er bereits, als dieser noch unter seinen Fittichen weilte. Dieser Jemand ist Paul Hunham, ein Underdog und leidenschaftlicher Geschichte-Nerd unter dem Herrn, mit Traumziel Karthago und schließlich die gesamte antike Welt. Hunham schielt, trägt vorgestrige Kleidung, rezitiert alte Lateiner und motzt herum, wo es nur geht. Verständnis hat er immerhin für Schulköchin Mary, die ihren Sohn in Vietnam verlor. The Holdovers spielt in den Siebzigerjahren, das Weihnachtsfest steht vor der Tür, in Neuengland ist alles tief verschneit, wie es sich eben gehört für einen Weihnachtsfilm, der bei genauerer Betrachtung eigentlich keiner ist. Der zwar die für manche schönste Zeit des Jahres als Katalysator für Emotionen nutzt, der aber weit mehr zu sagen hat als nur, sich unterm Christbaum die Hände zu reichen.

The Holdovers sind jene, die übrigbleiben. Der Rest der ganzen Schule macht Ferien irgendwo bei den Familien und Freunden, nur nicht am Campus. Dort hat Paul nun seine Daseins- und Aufsichtspflicht zu erfüllen, gemeinsam mit Mary, die eigentlich wegkönnte, es aber nicht will, da sie ihren Sohn zum letzten Mal hier gesehen hat. Auch einige Schüler haben den Kürzeren gezogen, darunter der 15jährige Angus, der ebenso wie Paul auf niemanden wirklich gut zu sprechen ist und feststellen muss, dass dessen Mama viel lieber mit der Familie ihres Neuen herumhängen will als mit dem Sohnemann. Letztendlich sitzen die drei am Abstellgleis, so, als würden sie nachsitzen. Ein Breakfast-Club der besonderen Art, zwei Wochen zusammen, zwei Wochen Konflikte und das Aneinanderreiben sturer Persönlichkeiten mit dem Potenzial für große Eskalationen. Alexander Payne, bekannt für sein ausgesprochen fein justiertes Radar, was zwischenmenschliche Bockigkeiten betrifft (u. a. About Schmidt, The Descendants oder Nebraska) bringt ein begnadetes Ensemble zusammen, das mindestens so gut ist wie Nicholson und Helen Hunt, oder eben Judd Nelson, Molly Ringwald und Emilio Estevez. Diese drei, die da notgedrungen auf einer einsamen Insel inmitten unwirtlicher Feiertagslaune gefangen sind, müssen nicht zwingend einen Seelenstriptease hinlegen, das wäre zu offensichtlich und auch zu gewollt. Sie bleiben schließlich, was sie sind, und ändern sich nicht. Entdecken aber Verschüttetes in ihnen selbst, das an die Oberfläche kommen will. Und da gelingt Paul Giamatti wohl die Charakterisierung eines Mannes, den man einerseits so kurios findet wie einen Paradekomiker, der schimpft wie ein Rohrspatz und die Wortpeitsche schwingt, den man aber trotz seinen strengen Fischgeruchs (wie manche sagen) unbedingt in die Arme nehmen will. Giamatti verkörpert die Tragikomik so nuanciert und mit Bravour, dass man diesen Menschen am Ende gar nicht mehr seiner Wege ziehen lassen will. Dieser Paul Hunham, den schließt man ins Herz. Und ebenso Mary. Ihre traurige Lethargie, ihr kaum unterdrückbarer mütterlicher Instinkt und permanentes Understatement bietet unabsichtliche Geborgenheit für Giamattis Ego – und nicht zuletzt der bockige Teenie (der viel älter aussieht, als er sein sollte, aber dass ist egal) wird zum liebgewonnenen Schützling wider Willen.

Hier passiert Menschlichkeit und Wärme wie die chemische Reaktion auf natürliche Umstände. The Holdovers ist ein Herzwärmer für alle Tage, vor allem einer für die kalten. Und die Kälte mag da nicht nur wetterbedingt sein. Soziale Interaktion, Zuhören und gegenseitige Verantwortung können leicht zum pathetischen Lehrstück werden – bei Alexander Payne jedoch ist das niemals der Fall. Wo Scham das Annähern vielleicht ausbremst, sind gerade der Trotz, das Selbstmitleid und die Kampfeslust gegenüber einem ignoranten sozialen Umfeld genau das Richtige, um über den eigenen Schatten zu springen. Das ist menschliche Höchstleistung, in einem Film, der als wohltuendes Meisterwerk zu bezeichnen ist. Seit Green Book gab’s sowas nicht mehr.

The Holdovers (2023)

Monster (2023)

NONKONFORME UNGEHEUER

7,5/10


monster© 2023 Monster Film Committee


ORIGINAL: KAIBUTSU

LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: HIROKAZU KORE-EDA

DREHBUCH: YŪJI SAKAMOTO

CAST: SAKURA ANDŌ, EITA NAGAYAMA, SOYA KUROKAWA, HINATA HIIRAGI, HARUKO TANAKA, MITSUKI TKAHATA, AKIHIRO TSUNODA, YŪKO TANAKA, SHIDŌ NAKAMURA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Der Mensch ist dem Menschen schutzlos ausgeliefert. Zumindest in seinen ersten Lebensjahren, als Baby, als Kleinkind, und natürlich noch als zur Bildung verpflichteter Schüler. Wehren können sich so junge Menschen wohl kaum, und wenn, dann drohen Sanktionen, die das familiäre Miteinander schwerer machen, als es ohnehin schon ist, wenn die in der Pubertät auftretende soziale Reibung mit den Eltern hinzukommt – der erste Schritt zur Abnabelung, das erste Tasten nach einer Welt der Selbstbestimmung. Dieses Ausgeliefertsein und den Wunsch, die Gunst der Erwachsenen zu erlangen; diese selbstlose, idealistische Liebe, womöglich zum gar nicht mal eigenen Nachwuchs, ist etwas, das Hirokazu Kore-Eda zutiefst beschäftigt – und ihn einfach nicht loslässt. Mit Shoplifters aus dem Jahr 2018 hat das Ganze angefangen. In seinem Gewinner der Goldenen Palme wird das fremde Kind zum Teil einer kurios anmutenden, allerdings ums Überleben kämpfenden Patchworkfamilie, da die eigenen Blutsverwandten längst versagt haben. In Broker, seinem übernächsten Film nach La Verité – Leben und lügen lassen mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche (indem es zwar auch um das Ausgeliefertsein in der Kindheit geht, jedoch auf dem indirekten Weg der Rückblenden) sieht sich die Mutter nicht imstande, ihr eigenes Neugeborenes großzuziehen – und macht, mithilfe zweier karitativer „Menschenhändler“, auf Selfmade-Akquisition, wenn es um die Adoption ihres eigenen Kindes geht. Wieder stellt die Biografie eines Lebens den Beginn eines solchen als eine dem Wind und Wetter ausgesetzten Opfergabe dar, als ein Zustand, der Gnade erfordert. Und diese meistens auch genießen darf. Denn Kore-Eda ist kein Schwarzseher, seine Filme haben Herz und Hoffnung.

Auch das allerneueste und eben auf der Viennale exklusiv präsentierte, vielschichtige Jugenddrama Monster will nicht einfach so das Handtuch werfen. Die zum Teil recht verloren scheinenden Figuren in dieser stets neugierigen Komposition aus wechselnden Perspektiven und Wahrheiten haben allesamt die Chance, ihren Standpunkt einem Publikum zu erklären, das lange im Dunklen tappt. In ihrer, dem Film inhärenten Welt ist die Chance dafür eher gering und dringt vielleicht auch nur am Rande eines tobenden Taifuns an das Ohr der anderen, die dann hoffentlich verstehen werden, warum der Lehrer, Mr. Hori (Eita Nagayama), sich irgendwann am Dach des Schulgebäudes wiederfindet, um von dort in den Tod zu springen. Oder warum die Direktorin Fushimi (Yūko Tanaka) von Minatos Schule immer wieder dieselben Stehsätze rezitiert, ohne die Emotionen der anderen zu begreifen. Vielleicht, weil sie selbst zu sehr traumatisiert ist, um die Bedürfnisse, die rings um sie herum nach Verständnis lechzen, wahrzunehmen. Monster – auf japanisch: Kaibutsu – verbindet, wie eben auch in Kore-Edas anderen Filmen – das Hilflose einer Kindheit, die in ihrer Entwicklung keinen Stereotypen folgt, mit dem Ende des Lateins der Erwachsenen und stellt beide auf eine Stufe, bringt beide auf Augenhöhe. Und an den Rand der Verzweiflung. Doch wie gesagt; nur an den Rand.

Im Mittelpunkt dieses manchmal vielleicht zu gewollt ausgestalteten Vexierspiels steht der rätselhafte Junge Minato, aus dessen Verhalten wir allesamt nicht schlau werden. Schon gar nicht dessen alleinerziehende Mutter Saori (Sakura Andō). Fast könnte man meinen, der Junge sei besessen von irgendetwas – einer höheren, vielleicht finsteren Macht. Und langsam, aber doch, wird er zum Ungeheuer. Mit dem Gehirn eines Schweins, welches er, wie er behauptet, selbst besitzt. Auf der anderen Seite steht Eri (Hinata Hiiragi), ein kleiner Sonderling, der in seiner eigenen Welt lebt und stets gut aufgelegt scheint, obwohl er tagtäglich in der Schule gemobbt wird. Sein Vater, ein Trunkenbold, redet ihm schließlich ein, an einer Krankheit zu leiden, deren Symptome sich in seinem seltsamen Verhalten manifestieren. Ausgetrieben muss es ihm werden, so, wie das gespenstische Treiben von Minato – oder die Lust zur Gewalt, die Mr. Hori an den Tag legt. Alle drei sind Monster. Das Monströse auf der anderen Seite – die konformistischen Gepflogenheiten Japans, in welchem die Norm das größte Gut ist, bietet zwar soziale Sicherheit, errichtet allerdings auch eine Mauer der Inakzeptanz allem Unberechenbaren gegenüber. Wie sehr so ein Zustand uneinschätzbar bleibt, ist Sache der Wahrnehmung.

Alle fünf zentralen Protagonisten – die beiden Kinder, die Mutter, der Lehrer und die Direktorin – müssen in diesem Sozialthriller ihr bestes geben, um ihre Sichtweisen zu kombinieren. Und so erhalten nicht nur sie, sondern auch wir als Publikum das Gesamtbild eines längst nicht so spektakulären Ist-Zustandes: Es ist die verzweifelt wirkende Geschichte einer vielleicht jungen Liebe, die als freundschaftliche Zuneigung beginnt – und später zumindest Minato Angst macht, bis dieser genug Mut aufbringt, sich diesem Ausgeliefertsein zu widersetzen. Viel schöner und treffender lässt sich der Heldenmut inmitten eines tosenden Sturmregens gar nicht darstellen. Unweigerlich erinnert Monster an Lukas Dhonts letztjähriger Filmtragödie Close. Auch hier: zwei Freunde, die in ihrer bereichernden Zweisamkeit mehr füreinander empfinden – und der Angst vor dem Unbekannten, die diese Liebe mit sich bringt, unterliegen. Kore-Eda spinnt diese Situation einen Schritt weiter, in eine weniger radikale Richtung. Er, der die japanische Etikette hinterfragt, will die Gunst für ein Leben nicht anderen überlassen, will dem Sturm nicht alles, was sich schutzlos draußen befindet, ausliefern. Selbstbestimmung, Individualität und die Identifikation mit den eigenen Wünschen sind wie vermeintlich tief vergrabene Schätze, die vielleicht schon im Innern eines alten Waggons gehoben werden können. Diese rauszubringen ans Licht des Tages ist eine Challenge, die Kore-Edas Film womöglich zu seinem bisher besten macht.

Monster (2023)

Brian and Charles (2022)

MEIN FREUND, DIE WASCHMASCHINE

6/10


brian_and_charles© 2022 Focus Features


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

REGIE: JIM ARCHER

DREHBUCH: DAVID EARL, CHRIS HAYWARD, NACH DEM KURZFILM VON JIM ARCHER

CAST: DAVID EARL, CHRIS HAYWARD, LOUISE BREALEY, JAMIE MICHIE, NINA SOSANYA, LYNN HUNTER, COLIN BENNETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Mitarbeiter im Patentamt würden sich angesichts der tolldreisten Erfindungen, die der Sonderling Brian tagtäglich aus dem Fundus an alten Teilen zusammenkonstruiert, wohl kaum mehr wundern als sonst während ihres beruflichen Alltags. Mit Sicherheit wandern dort des Öfteren gelinde gesagt recht unnütze Verschlimmbesserungen in die Rundablage, ohne überhaupt genauer geprüft werden zu müssen. Handstaubsauger mit Flaschenhalter, eine Kurbelklobürste und allerhand seltsame Gerätschaften schmücken die Werkstatt des zurückgezogen lebenden Mannes, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund an seiner Seite – oder gar eine Freundin. Doch Brian ist ein kreativer Kopf, und solange die Ideen, so absurd sie auch sein mögen, aus seinem Denkapparat sprudeln, haben Depressionen keine Chance. Kreativität ist das Heilmittel für alles. Das Brainstorming vor dem großen Durchbruch ein spektakuläres Abenteuer.

Und dann das: Eines Tages kommt der Moment, den wohl auch der gute alte Gepetto erlebt haben muss, als eine Marionette aus Holz plötzlich stolz zum Morgengruß ansetzte. Etwas, das nicht leben kann, erfreut sich seiner Existenz. In diesem Fall ist es eben nicht Pinocchio, sondern Charles, eine Waschmaschine auf zwei Beinen, obendrauf der Kopf einer Schaufensterpuppe – dazu schütteres graues Haar und eine Brille. Wie durch ein Wunder scheint Brians Konzept für einen Roboter ins Schwarze getroffen zu haben. Wie er das gemacht hat, bleibt ein Rätsel. Nicht nur für ihn oder für sein überschaubares soziales Umfeld, sondern auch für uns Zuseher. Dass dieser Charles Petrescu, wie er sich nennt, also mehr ist als die Summe seiner Teile, mag einige Neider auf den Plan rufen – aber auch die schüchterne Hazel, die bei ihrer Mutter wohnt und für den kauzigen Erfinder mehr als nur Sympathie empfindet.

Jim Archers Underdog-Science-Fiction nach seinem eigenen Kurzfilm muss man eigentlich mögen, es geht gar nicht anders. Comedian David Earl als völlig in seiner Leidenschaft des Erfindens versunkener Außenseiter weckt zumindest in mir das verbrüdernde Verständnis für die in sich ruhende Glückseligkeit, die man bekommt, würde man im Tun dessen, was Freude bringt, sich selbst genügen. Das mag für alle anderen verrückt erscheinen, doch was die anderen meinen, schert niemanden mehr. Eine gute Einstellung, und doch geht es nicht ohne soziale Interaktion. Und die mag von mir aus ein ungelenker Roboter sein, dem sein eigenes Ich bewusst wird, der minütlich neu dazulernt und der trotz seiner unförmigen Physiognomie seltsamerweise in jedes Auto passt.

Mit nachvollziehbarer Logik lässt sich Brian und Charles gar nicht erklären. Collodis Pinocchio aber genauso wenig. Beide sind Märchen, beide sind Gleichnisse auf Selbstbestimmung und Originalität, auf Einzigartigkeit und das stete Streben nach neuen Ufern. Archers handgemachter Science-Fiction-Film verlässt dabei klassisches Erzählkino und bedient sich den Mechanismen einer Mockumentary – Brian durchbricht dabei die vierte Wand, wendet sich immer wieder einem ins Geschehen eingebundenen Betrachter zu, der vielleicht gar das eine oder andere Wort verliert.

Platziert in diese dörfliche Struktur völliger Abgeschiedenheit von der großen weiten Welt, die Charles aber unbedingt kennenlernen will, kommt auch Archers Film nicht über den Status einer Filmschrulle hinaus, die als Ständchen auf den verspielten Esprit des völlig Unnützen oder dem fehlkonstruierten Chaos verstanden werden will, aus dem irgendwann, ganz wie von selbst, Sinn entsteht. Mit Charles als dieses Wunder, diesem unförmigen Koloss, mag der Film so gemütlich wie absurd wirken, erzählerisch aber wagt er keine großen Sprünge. Man schmunzelt, man wundert sich. Mehr nicht. Doch vielleicht genügt das ohnehin.

Brian and Charles (2022)

Bones and All

ZUM FRESSEN GERN

6/10


bonesandall© 2022 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.  All Rights Reserved.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2022

REGIE: LUCA GUADAGNINO

BUCH: DAVID KAJGANICH, NACH DEM ROMAN VON CAMILLE DE ANGELIS

CAST: TAYLOR RUSSELL, TIMOTHÉE CHALAMET, MARK RYLANCE, ANDRÉ HOLLAND, MICHAEL STUHLBARG, DAVID GORDON GREEN, JESSICA HARPER, CHLOË SEVIGNY U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Da lobe ich mir Hannibal Lecter: Zumindest hat sich dieser die Leber gebraten und fein gewürzt und dazu noch einen Chianti genossen. Das ist Kannibalismus mit Stil. Andererseits: Der belesene Feingeist mit Hang zur Bestie ist ein Psychopath und nicht von so genetisch bedingtem Zwang durchs Leben gepeitscht wie diese beiden jungen Endteenies hier in Luca Guadagninos neuem, gar auf der heurigen Viennale gezeigten Horrordrama Bones and All. Bei so viel unüberwindbarer Triebhaftigkeit haben Tischmanieren das Nachsehen. Kein italienischer Wein im Dekanter, und die Serviette steckt sich auch niemand in den Ausschnitt, denn Blut bekommt man selten gut raus, hat man nicht gerade Dr. Beckmanns zur Hand. Und so ist dieses Besudele mit dem Lebenssaft Menschen wie Taylor Russel oder Timothée Chalamet ein von Kindheitstagen an vertrauter Umstand. Die Gier auf Menschenfleisch hat deren Leben mit Hindernissen zugepflastert, dass es ärger nicht geht. Kaum beißt Maren ihrer besten Freundin den Finger ab, muss Papa mit Kind fluchtartig das Land verlassen. Vielleicht ließe sich diese Anomalie ja erklären – keine Ahnung, warum in diesem Fall nicht die Wissenschaft herangezogen wurde, denn nicht alle hätten vermutlich die Lösung für solche Extreme im 21. Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen gesehen. Aber was sich nicht erklären lässt, will man sich auch nicht erklären lassen. So kommt es, dass Maren bald allein dasteht, weil der leidgeprüfte Vater das Handtuch wirft. Was tun, mit taufrischen achtzehn Jahren und keinerlei Schulpflicht? Sie trifft auf den seltsamen Sully, einem Eigenbrötler und Obdachlosen, der sie auf eine halbe Meile hin bereits gerochen hat, trägt er doch dasselbe Handicap mit sich herum wie Maren. Wenig später ist es dann Lee, wohl altersadäquater als die von Mark Rylance verkörperte Figur. Und wenig zimperlich, was die Beschaffung von Frischfleisch angeht. Mit dieser Hingabe aufgrund impulsiven Hungers und einer gestohlenen Karre bewegen sich die beiden quer durch die Vereinigten Staaten, weil Maren ihre verschollene Mutter finden und das Rätsel um diese äußerst unangenehme Veranlagung lüften will.

We are what we are – so nennt sich zumindest ein mexikanischer und später nachverfilmter amerikanischer Horrorfilm rund um eine kannibalische Familie, die mit Sicherheit lieber auf Grillhühner stehen würde als auf die eigene Spezies. Doch sie sind nun mal, was sie sind. Genauso sehen das Maren und Lee. Und vielleicht auch Sully. Basierend auf dem Jugendbuch (!) von Camille DeAngelis setzt Luca Guadagnino nach dem phänomenalen Liebesfilm Call Me By Your Name abermals den schlaksigen Chalamet in Szene. Der gibt einen James Dean-Outlaw mit gefärbter Lockenpracht, aber sonst wenigen schauspielerischen Extras. Der schöne Star spielt mittlerweile meist sich selbst, während Taylor Russel (Waves, Lost in Space) als introvertierte Vagabundin ihrem Co-Star, aber nicht Mark Rylance, die Show stiehlt. Vielleicht liegt‘s an der fehlenden Chemie zwischen den beiden. Das toxische Süppchen kocht lieber Spielbergs Lieblingsstar Rylance, der die verkappte Psycho-Nummer hochfährt, und am liebsten würde man ihm einen ganzen Film gönnen, würde er seine abstoßenden Attitüden nicht so sehr zelebrieren. Doch das ist gut so, diese Rolle gibt dem Film etwas Tiefe, während das übrige Szenario in den Tag, oder besser gesagt, in filmische zwei Stunden hineinlebt, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Ja, gut, die Mutter in Minnesota. Aber in welchem Film sucht denn nicht irgendwer irgendwann seine Erzeuger, angetrieben von apokalyptischen Umständen im Rücken? Noch dazu weiß Guadagnino mit der Geißel des Fleisches nicht ganz so gut umzugehen. Als Metapher für ein Coming of Age-Roadmovie ist das Konzept zu vage, denn der Kannibalismus ist längst kein Ventil für das Erwachsenwerden wie in Julia Ducournaus viel einprägsamerem und sehr ähnlich gelagerten Drama Raw. Decournau wagt viel mehr Schritte hinaus aus der Box, während Guadagnino in gewisser Weise gutzuheißen gedenkt, dass Natural Born Killers wie diese, die nicht wie bei Oliver Stone erst durch dysfunktionale Medienpädagogik so gemacht wurden, ihr gesellschaftsschädigendes Verhalten nicht zwingend in den Griff kriegen müssen. Warum die Abkehr von der Gesellschaft? Vorwiegend dürfte es Scham sein. Oder die Lust am Anderssein.

Bones and All

Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten!

REVOLTE AM ABSTELLGLEIS

7/10


wasdeinherzdirsagt© 2022 Jérôme Prébois – ADCB Films


LAND / JAHR: FRANKREICH 2020

BUCH / REGIE: ALBERT DUPONTEL

CAST: VIRGINIE EFIRA, ALBERT DUPONTEL, NICOLAS MARIÉ, JACKIE BERROYER, PHILIPPE UCHAN, BASTIEN UGHETTO, MARILOU AUSSILLOUX, TERRY GILLIAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Was das Herz begehrt, Wo die Liebe hinfällt – und jetzt auch noch das: Was dein Herz dir sagt. Aber ich empfehle allen  Kitschverweigerern gleich vorweg, sich in diesem Fall nicht unbedingt abschrecken zu lassen. Wir wissen ohnehin, dass so manche deutschsprachige Titelvergabe für internationale Filme am eigentlichen Thema vorbeigehen. Aber ein kleines Zugeständnis zum Original gibt es: Adieu, ihr Idioten (eine Floskel, die man derzeit auf viele Teilbereiche der Politik und Gesellschaft anwenden kann) ist zumindest erhalten geblieben. Und trifft die Seele dieser kleinen, bezaubernden Anarcho-Tragikomödie viel eher. Und hier sieht man wieder: Frankreich ist nach wie vor ungeschlagener Meister darin, Komödien zu inszenieren, die in keiner auch nur sonst wie banalen Szene zum Femdschämen einladen oder lächerlich wirken. Sie haben Charme, Tiefe und eine unnachahmbare Leichtigkeit, von welcher alle Höhen und Tiefen eines Films profitieren. Hollywood kann da immer noch lernen, Deutschland ebenso. Österreich – hätten wir unsere Kabarettisten nicht, sähe es traurig aus. Doch die im Film lebendig gewordenen Aussteiger-Franzosen verabschieden sich nicht mit einem Stinkefinger wie vielleicht anderswo, sondern mit einem Understatement, das Stil besitzt.

Hier, in Albert Dupontels selbst verfasster und immer nur dezent ins Absurde abgleitenden Komödie, in der er auch selbst die Hauptrolle spielt, treffen drei vom Leben betrogene Individuen aufeinander, die keinen Platz mehr in einer Welt des Fortschritts finden. Die am Abstellgleis gelandet sind, im Dunkeln sitzen, sich von Haarspray vergiften haben lassen oder durch Jungspunde frisch aus dem Studium ersetzt werden. Ja, so läuft es derzeit. Und jene, die das ganze so weit kommen lassen, trösten sich selbst mit heuchelndem Altruismus. Schließlich sind wir alle sowas von sozial. Suze Trappet, gespielt von Virginie Efira, wird an einem Lungenleiden sehr bald das Zeitliche segnen. Bevor dies aber geschieht, hat sie noch ein Ziel: Ihren damals zur Adoption freigegebenen Sohn finden. Wie es der Zufall so will, trifft sie auf den ausrangierten IT- und Sicherheitsexperten Cuchas, der sich so gut wie überall auf diesem Planeten hineinhacken kann und nun seinen Platz als Koryphäe auf seinem Gebiet räumen muss. Er will seinem Leben ein Ende machen, doch dieses Vorhaben geht schief. Zu guter Letzt komplettiert ein blinder Archivar (begnadet komisch: Nicolas Marié) das schräge Trio, der im Übrigen die meisten Lacher in diesem Film für sich beanspruchen kann und ja, man muss sagen: Witze über Blinde sind keinesfalls politisch korrekt. Doch wie Marié hier die Kunst des Slapsticks zelebriert, kommt den kuriosen Eskapaden eines Stan Laurel relativ nah. So sind die drei also unterwegs quer durch ein verfallenes, teils futuristisches Frankreich in einer Grauzone zwischen Vergangenheit und Moderne. Weinen ihrer Habenseite nach und trotzen einer unbestimmten Soll-Zukunft. Man könnte sagen, Was dein Herz dir sagt – Adieu ihr Idioten! ist eine skurril-sympathische, urbane Spazierfahrt mit dem Herzen am rechten Fleck. Gut, auch das ist eine Floskel. Doch lassen sich damit die Ambitionen der drei nur zu gut verstehen, und wenn man beobachtet, wie der unmöglich zu lösende Schicksalsknoten dennoch aufgeht und wir damit fast schon in einer metaphysischen, märchenhaften Dimension der Tragikomödie angelangt sind, dann schüttelt man nicht den Kopf ob so vieler Unglaubwürdigkeit, sondern nimmt diese Abgehobenheit mit einer fast schon zärtlichen Zuneigung an.

Und es ist, wie es ist: Virginie Efira ist, wie schon Huppert, Binoche oder Marceau, eine sinnliche Persönlichkeit, eine mit feinem erotischem Charisma. Liebevoll und warmherzig und man möchte sie in den Arm nehmen und knuddeln, und dazu auch vielleicht gleich die anderen beiden Loser, die eigentlich gar keine sind. Dupontel hingegen widmet den Film dem verstorbenen Monty Python-Mitglied Terry Jones und lässt sogar Terry Gilliam in einem kleinen, frechen Cameo den Screen passieren. Warum er das tut? Jones war ein großer Fan seines Regiedebüts Bernie, das schien Dupontel viel bedeutet zu haben. Den grotesken Humor der Briten aber übernimmt er ganz und gar nicht, obwohl sich einer wie John Cleese perfekt in das Setting eingefügt hätte. Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten! bleibt französisch und trifft daher mit nicht ganz so schwarzem, aber dunkelgrauem Humor ins Ziel. Bringt zum Lachen und erwärmt an so nebelgrauen Tagen wie diesen das zu allen Schandtaten bereite Gemüt, wenn es heißt, sich nicht unbedingt so verhalten zu müssen, wie die anderen es wollen.

Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten!