The Fall Guy (2024)

STUNT-PARADE MIT LEERLAUF

5/10


thefallguy© 2024 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID LEITCH

DREHBUCH: DREW PEARCE

CAST: RYAN GOSLING, EMILY BLUNT, AARON TAYLOR-JOHNSON, HANNAH WADDINGHAM, WINSTON DUKE, STEPHANIE HSU, TERESA PALMER, ADAM DUNN, ZARA MICHALES, BEN KNIGHT, LEE MAJORS, HEATHER THOMAS, JASON MOMOA U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Ein Mensch ist genauso viel wert wie der andere. So sollte es zumindest sein. Doch das stimmt nicht. Fußballstars sind mehr wert. Hollywoodstars sind mehr wert. Weil sie weltberühmt sind, weil ein jeder sie kennt, und ihre Person nicht nur zur Marke wird, sondern auch zum Goldesel für Konzerne wie Disney, Sony oder Universal Pictures. Weil sie als Testimonials für alles Mögliche herhalten und sich dabei gut bezahlen lassen. So einen Status setzt man nicht aufs Spiel, nur wenn ein Film verlangt, dass man sich in der zu verkörpernden Rolle in exponierte Gefahr begibt. Dafür gibt es andere, die weniger wert sind. Und austauschbar. Stuntmen zum Beispiel. Sie müssen dem Star nur ungefähr ähnlichsehen, und falls nicht, dann hilft Deepfake. Was sie tun, ist, für die goldwerte Persönlichkeit in die Bresche zu springen, sich schmutzig zu machen, Blessuren zu holen – kurz gesagt: als Prügelknabe zu fungieren, was ins Englische übersetzt mit Fall Guy zu bezeichnen wäre. Diesem Unknown Stuntmen hat schon Lee Majors in den Achtzigerjahren besungen – der Song wurde zum Intro der hierzulande unter dem Titel Ein Colt für alle Fälle bekannten Serie, in der einer namens Colt Seavers nicht nur allerhand halsbrecherische Filmszenen meistert, sondern auch als Kopfgeldjäger ein gewisses Zubrot verdient. An seiner Seite Jody Banks, damals verkörpert von Heather Thomas, die auch in David Leitchs Reboot gemeinsam mit Majors selbst einen Cameo-Auftritt zugedacht bekam, der nicht anders zu bezeichnen ist als bemitleidenswert. Abgesehen von diesem Gnadenakt des gezollten Respekts fiel die Wahl für den neuen Colt auf Feschak Ryan Gosling, den die Frauen lieben und der als Inkarnation des Ken auf das maskuline Selbst zurückgeworfen wurde.

Gosling verguckt sich in die von Emily Blunt dargestellte Kamerafrau, die ebenfalls Jody heisst, die Monate später einen Karrieresprung ins Regiefach vollbringt und die Verantwortung für einen epischen Science-Fiction-Blockbuster namens The Metalstorm übernimmt, der unweigerlich an Mad Max erinnert. Zwischen Jody und Colt herrscht nach einem Unfall am Set, welcher Colt ins Krankenhaus und dann ins Aus befördert, Funkstille. Der Stuntmen hat sich schon längst damit abgefunden, als Einparker für ein Fast Food-Restaurant den Rest seines Lebens zu bestreiten, als das Telefon klingelt und Colts ehemalige Produzentin Gail nach seinem Typ verlangt. Er soll wieder zurück ins Stunt-Business finden, am besten jetzt sofort und ans australische Set von Jodys aktuellem Eventfilm. Der Name seiner Ex lässt den smarten Set-Abenteurer sofort antanzen, sehr zur Verwirrung von Jody selbst, die nichts davon weiß. Und wovon noch niemand eine Ahnung hat: Wohin Superstar Tom Ryder (Aaron Taylor-Johnson) verschwunden ist. Colt wird dazu genötigt, ihn aufzuspüren und gerät dabei in lebensgefährdende Verstrickungen, die insofern schwieriger zu meistern sind, weil der zähe Bursche zu den Klängen von Taylor Swift durchaus mal die eine oder andere Träne aufgrund von Liebeskummer vergießt.

Diese Romanze zwischen Ryan Gosling und Emily Blunt, die wenig Esprit versprüht, dominiert gefühlt zwei Drittel des ganzen Films. Das Ganze wäre ja halb so langweilig gewesen, würde zwischen den Filmpartnern auch eine gewisse Chemie vordergründig wirksam werden, wie seinerzeit bei Michael Douglas und Kathleen Turner. Gosling ist Gosling und Emily Blunt ist auch sie selbst – von einer differenzierten Auslegung ihrer Charaktere ist keine Rede, obwohl beide mit Sympathiewerten punkten. Das Problem ist die gnadenlose Vorhersehbarkeit einer Screwball-Beziehung, die mit den immer gleichen Dialogen breitgetreten wird. Tatsächlich ist das wenig interessant, viel spannender wäre das Abenteuer, in das sich Ryan Gosling stürzt, doch auch dieser spezielle Umstand einer Verschwörung zwischen Showbiz und Mordfall lockt den knautschigen Star kaum aus der Reserve. Gosling ist nicht bereit, für die Komödie auch sein stilsicheres Model-Image als Einsatz zu verwetten, um den komödiantischen Ausbruch zu wagen. Irgendwas fehlt in seinem Spiel, und es fehlt auch bei Emily Blunt. Überhaupt sind die verteilten Rollen auffallend generisch – so generisch, als wären sie das Ensemble einer Vorabendfolge aus besagter Colt-Reihe, die in den Achtzigern noch griffig, heutzutage aber altbacken wirkt. Diesen Leerlauf gilt es zu überbrücken – denn ist man nicht gerade gedanklich irgendwo abgeglitten oder hat die Unruhe im Kinositz weitestgehend unterdrückt, die sich aus dem epischen Plauderton des Films ergibt, serviert David Leitch (u. a. Bullet Train) als liebevolle Hommage und Ehrung der Männer fürs Grobe (Stuntfrauen gibt es allerdings auch!) Stunteinlagen erster Güte, alles fein säuberlich und handwerklich top inszeniert. Im Abspann sieht man auch, dass von VFX kaum Gebrauch gemacht wurde; dass alles analog vonstatten ging, mit den Haudegen aus der zweiten und dritten Reihe, deren Namen man aber immer noch nicht kennt. Außer vielleicht Logan Holladay. Jener Stunt-Profi, der für The Fall Guy bei den Cannon Rolls – das inszenierte Überschlagen eines Autos – einen neuen Rekord aufgestellt hat. Achteinhalb Mal ist das gelungen, dieser Holladay hat sogar seine eigenen Cameo-Momente. Doch die Liebeserklärung an eine noble und bemerkenswerte Artistik-Zunft schippert viel zu oft und viel zu sehr in ausgewaschenen RomCom-Gewässern. Das bisschen Action veredelt den trivialen Plot dabei auch nur bedingt.

The Fall Guy (2024)

Once upon a Time … in Hollywood

AUS LIEBE ZUM KINO

7,5/10

 

once-upon-a-time-in-hollywood© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: QUENTIN TARANTINO

CAST: LEONARDO DI CAPRIO, BRAD PITT, MARGOT ROBBIE, EMILE HIRSCH, KURT RUSSEL, AL PACINO, DAMIAN LEWIS, BRUCE DERN, DAKOTA FANNING U. A.

 

Die Welt des Films ist eine, deren Möglichkeiten prinzipiell unbegrenzt sind. Es lässt sich alles machen, alles ausprobieren, und damit meine ich jetzt nicht vorrangig die am Computer generierten alternativen Kulissen aus Welten, die über Zeit und Raum erhaben sind. Damit meine ich auch die Möglichkeit, Geschichte zu manipulieren, sie zu verzerren oder ganz anders aussehen zu lassen. Damit meine ich auch, Aggressoren zu bannen oder Schreckliches im Nachhinein zu verspotten. Film schafft Veränderung, wo sich nichts mehr verändern lässt. Und nimmt Rache, wo Rache noch Sinn macht. So wie bei Quentin Tarantino. Denn der in den 60er und 70ern aufgewachsene Sonderling, der macht nämlich genau das: Vergeltung üben. Das hat er schon bei Inglourious Basterds getan, als wohl einziger Filmemacher, der den Mut gehabt hat, ein heikles Thema wie den Nationalsozialismus von ganz anderer Seite anzugehen, nämlich nicht im Sinne von Aufarbeitung und Information, sondern mit dem irren Vorhaben, dieses Trauma zu enttraumatisieren, in dem er die Geschichte einfach soweit verbogen hat, damit etwas völlig anderes entstehen kann. Um damit die in Stein gemeißelte Resignation vor dem Fürchterlichen zu brechen.

Tarantinos neues, entschleunigtes Zeitgemälde ist genau das: ein Film der Brüche. Der Ausbrüche, Umbrüche und der Brüche mit der Wirklichkeit. Die Ausbrüche passieren in seiner so geliebten Welt des Kinos, wo das New Hollywood aus den müde gewordenen, verknöcherten Gesellschaftsbildern in verstaubter Studio-Optik auszubrechen versucht, ganz neue Dinge probiert, den Mut hat, eine gewisse Komfortzone zu verlassen, um Gewohntes, so unbequem es auch sein mag, hinter sich zu lassen. Tarantino scheint diese Energie angesichts der aktuellen Tendenz zum Convenience-Streamingkino schmerzlich zu vermissen. Sein New Hollywood aber isn´t dying, und er betrauert das alte nicht, wie zum Beispiel bei The Artist von Michel Hazanavicius. Er setzt auf die Möglichkeit einer wiederkehrenden Dynamik, die als Figur des Schauspielers Rick Dalton händeringend darum kämpft, den Kopf über Wasser zu halten. Die Umbrüche hingegen manifestieren sich in der Jugendbewegung des Flower Power in einem sonnendurchfluteten Kalifornien, wo überidealisierte Teenie-Hipster prinzipiell mal gegen alles sind und zu überschnappenden Amazonen in Hot Pants und Leinentunika mutieren. Für Tarantino ist diese Bewegung mit so dunklen Wucherungen wie die der Manson-Familie verbunden. Sein Umbruch ist einer, der sich komplett verpeilt.

Den Bruch mit der Wirklichkeit, den leistet sich die tragikomische Szenenrevue, die gerne und schwer greifbar in der Timeline hin und herpendelt, mit dem Erscheinen der beiden fiktiven Gestalten Rick und Cliff. Sie stolpern in ihre Zeit wie exaltierte Stan und Ollies, als wären sie immer schon dagewesen, als hätte man sie nur noch nie wahrgenommen. Mit Leonardo DiCaprio als larmoyanten Darstellungskünstler, den sein Ehrgeiz quält und sein Selbstwert des Öfteren abhandenkommt, hat sich Tarantino einen riesengroßen Gefallen getan, und es war absehbar, dass DiCaprio nach seiner viel zu wenig gewürdigten Performance in Django Unchained diesmal viel mehr zu sagen hat als in The Revenant. Hier tobt sich der Star so dermaßen aus, als hätte er nicht nur seinen Job zu verlieren. Welches Repertoire an inneren Zuständen er da ausrollt, ist von verblüffender Vielseitigkeit und könnte ihm, so vermute ich, einen zweiten Oscar einbringen. Überhaupt spielt er seinen Partner Brad Bitt, der anscheinend verlernt hat, ganz große Gefühle zu empfinden und stets der Beobachter bleibt, mühe- und gnadenlos an die Wand.

Tarantino will mit Once upon a Time… in Hollywood gar keine Geschichte erzählen. Er will sich erinnern, daran was war oder hätte sein können. Und während er sich erinnert, fällt ihm ein, dass er selbst Teil der Filmgeschichte ist, Teil eines Umbruchs Anfang der Neunziger. Und so durchzieht er seine Anekdotensammlung mit allerlei Referenzen an sein eigenes filmisches Oeuvre, von Pulp Fiction bis The Hateful Eight und versteckt mit diebischer Freude unzählige Zitate, die das Ringen des Kinos mit dem hippen Fernsehen süffisant und farbenfroh befeuern. Dazwischen eine Lichtgestalt reinster Unschuld: Margot Robbie als Sharon Tate, einer kindlichen Kaiserin gleich, die im Kino Audienz für das Publikum gewährt. Und es ist ein Kaleidoskop seiner Zeit, ein Experiment der Genugtuung und Verehrung, darüber, dass vieles so kam oder nicht so kam, wie es kommen sollte. Tarantino resigniert nicht vor all dem deterministischen Chaos, doch die Wehmut ist letztendlich groß, und wird nur getröstet durch die Philosophie eines Kinos, das zeitlos bleibt und vieles wieder gut machen kann.

Once upon a Time… in Hollywood ist ein Liebhaberfilm für Filmliebhaber. Da muss man schon Leidenschaft empfinden und mitempfinden. Ein Nerd sein, ein bisschen so wie Tarantino, der in seinen Interviews davon schwärmt, als Handwerker analog zu filmen und alles selber zu schreiben. Für den nichts geht ohne Kino. Denn Tarantino ist Film. Tarantino ohne Film ist nicht vorstellbar. Also freue ich mich jetzt schon auf seinen zehnten, und sicher nicht letzten Streich, der vielleicht ganz andere Wege geht als bisher. Der vielleicht, wie ein Umbruch, all das Alte hinter sich lässt. Vermuten lässt es sich zumindest.

Once upon a Time … in Hollywood