Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

FRÜHER WAR ALLES BESSER

5,5/10


reminiscence© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: LISA JOY

CAST: HUGH JACKMAN, REBECCA FERGUSON, THANDIWE NEWTON, CLIFF CURTIS, MARINA DE TAVIRA, DANIEL WU, MARTIN SHEEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es gab Zeiten, da saß man, mit aufgeschlagenem Fotoalbum am Schoß, auf der Couch und schwelgte in Erinnerungen anhand bereits schon leicht blaustichiger Fotografien, die die eigene Kindheit und Jugend oder einfach nur unvergessliche Momente dokumentierten. Oft sah man sich diese Alben gemeinsam mit anderen an, nicht selten fiel da die eine oder andere Anekdote. Ein herzliches Lachen, ein „Weißt du noch“… Dabei ist nichts gehaltvoller als das eigene Kino der Erinnerungen im Kopf. Denkt man zurück, erlebt man nicht nur die Emotionen nochmal durch, auch das Periphere, Physische. In nicht allzu ferner Zukunft – einer Zukunft im postklimatischen Zeitalter, nachdem der Meeresspiegel längst gestiegen, zum Beispiel die Halbinsel Florida überflutet und die Welt einen nicht näher definierten Krieg überstanden hat – scheint der Mensch in seiner Fähigkeit, sich zu erinnern, so ziemlich verkümmert. Die eigene Kraft der Imagination ist erschöpft, demzufolge gibt es allerdings Techniken, die es möglich machen, in die gedankliche Vergangenheit eines Menschen einzutauchen, damit dieser das Gewesene so erleben kann, als würde es gerade jetzt passieren. Klingt irgendwie nach etwas, das süchtig macht.

Hugh Jackman als Betreiber eines solchen Reminiscence-Salons kann hier täglich den im Wasser dahintreibenden Nostalgikern über die Schulter blicken, um nicht ganz ohne voyeuristischer Tendenz an den Erinnerungen fremder Menschen teilzuhaben. Eines Tages allerdings betritt eine geheimnisvolle Schöne den Laden, um eigentlich nur ihre verlegten Schlüssel zu finden. Aus dieser Begegnung wird natürlich mehr, und Rebecca Ferguson und Hugh Jackman erleben bald die schönsten Stunden und Tage ihres Lebens – bis die Dame verschwindet. Jackman macht sich natürlich auf die Suche – sowohl in seinen Erinnerungen als auch im versunkenen Miami. Und entblättert ein Netz aus Erpressung, Täuschung und Gier.

Lisa Joy, ihres Zeichens mitverantwortlich für den Erfolg der Science-Fiction-Serie Westworld, bleibt mit Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie ihrem Genre treu, verliebt sich aber zugleich in den Stil des alten Film Noir, in welchem sich unter anderem Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder Lauren Bacall in obskuren Schicksalen verstrickten. Diese Affinität zum gediegenen Edelkrimi ist Fluch und Segen für diesen Film zugleich. Warum? Einerseits findet Joy ein schillernd-hypnotisches Setting für ihren Liebes- und Leidensweg, mit verlassenen Vergnügungsparks und pittoresken Straßenzügen in Art Deco – andererseits nimmt sie mit ihrer artig zurechtgeschriebenen Kriminalgeschichte der schwülstig-schwülen Stimmungs-Dystopie sehr viel innovativen Esprit. Kurz gesagt: Reminiscence gerät rein narrativ zu einer recht altbackenen, fast schon regressiven Geheimniskrämerei, in der Hugh Jackman mal mehr, mal weniger gut aufspielt. Letzten Endes lässt einen die tragische, aber recht banal wirkende Liasion zwischen den beiden vom Schicksal gebeutelten Stars auch relativ kalt, während man wohl selbst lieber zwischen dem neuen Venedig Floridas herumschippern würde, um so manchen dem Verfall preisgegebenen Monumenten von früher zu begegnen. So ein Erlebnis bliebe sicher gut in Erinnerung.

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

The Green Knight

DEN KOPF HINHALTEN

6,5/10


thegreenknight© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2020

BUCH / REGIE: DAVID LOWERY

CAST: DEV PATEL, ALICIA VIKANDER, JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, SARITA CHOUDHURY, KATE DICKIE, ERIN KELLYMAN, RALPH INESON, BARRY KEOGHAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Fantasy ist trotz des Erfolgs mit Game of Thrones und Herr der Ringe immer noch rar gesät, natürlich aufgrund der Kosten, die so ein Projekt verschlingt. Ausflüge ins Mittelalter sind fast ausschließlich in der Hand eines Ridley Scott (demnächst mit The Last Duel im Kino), wenn nicht gerade Michael Hirst seine Vikings auf die Welt loslässt. Endlich gibt’s hier Nachschub, und endlich mal dreht sich alles wieder um König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Von Guy Ritchies Haudrauf-Interpretation des illustren Helden ist nämlich auch nur noch eine vage Erinnerung geblieben. Das könnte sich mit dem Spin-Off eines ganz anderen Recken durchaus ändern, denn die Verfilmung einer mittelalterlichen Romanze rund um Gawain entlockt den Themen unter der Regie eines sehr bemerkenswerten Filmemachers ganz andere Töne. Die Rede ist von David Lowery, ein Feingeist und cineastischer Umdenker. Einer, der Disneys Elliot – Der Drache zur emotional intensiven Familien-Fantasy mit Öko-Botschaft emanzipiert hat. Der Robert Redford Banken ausrauben ließ und in A Ghost Story auf innovative Weise über die Zeit und den Tod philosophiert hat. Es lässt sich erahnen, in welche Richtung Lowery diesmal abdriften wird, ist doch das Genre des Ritterfilms gänzlich neu in seinem Oeuvre. Das Ergebnis ist in Sachen Grünstich dem Fell des Walddrachen Elliot ganz ähnlich, taucht allerdings ganz tief ein in die Sphären von mit Chorklängen erfüllten, steinernen Gewölben, um längst gewohntem Trend den Rücken zu kehren. Hier, in der Finsternis des Mittelalters, trifft „Slumdog Millionaire“ Dev Patel auf den oder das große Unbekannte: auf den magischen, grünen Ritter.

Dabei ist anfangs noch alles so, wie es in einem Film über die Tafelrunde sein zu hat. Es ist Weihnachtstag, alles versammelt sich um den obligaten runden Tisch, der bereits recht alternde Artus spricht zu seinem Gefolge, als sich plötzlich die Tore öffnen und eine berittene Gestalt die traute Runde stört, um einen der Anwesenden zu einem Schlagabtausch herauszufordern. Der Mutige soll seinen Hieb ausführen, in einem Jahr gibt’s dann die Antwort des grünen Ritters auf die gleiche Weise. Noch Nicht-Tafelrundler Gawain, ein trinkfreudiger Taugenichts, zeigt dennoch Mut und schlägt dem Fremden den Kopf ab. Pech für den Jüngling, denn das berüstete Baumwesen zeigt sich unsterblich und zieht sich enthauptet zurück. Was also tun? Gawain will die Abmachung nicht erfüllen, wohl wissend, dass dies seinen Tod bedeutet. Doch das Volk, darunter auch Artus, feiert ihn schon jetzt als mutigen Helden.

Es ist ja nicht so, dass die Legende rund um Gawain noch nie verfilmt wurde. Sean Connery hat sogar mal die Rolle des martialischen Waldschrats übernommen. Nur so, wie die Mythen hier zu neuem Leben erwachen, gab‘s das noch nicht. The Green Knight ist Ritterkino für Intellektuelle und Kunstgenießer, für Museumsbesucher und Minnesang-Afficionados. Lowery schwelgt in nebelverhangenen, herbstlichen Landschaften, das Mystische ist allgegenwärtig – der Sinn manchmal jedoch nicht. Gawains Queste wird zu einer Rittergenese über Schlachtfelder und an ziellos umherwandernden Riesen vorbei. Das Phantastische bleibt vage, die Magie hingegen scheint alles zu durchdringen, erscheint aber auch nie konkret als solche. Vielmehr hängt sie mit Gawains Wahrnehmung und Seelenwelt zusammen, die sichtbar wird. Das gerät manchmal zum Durcheinander aus rätselhaften Andeutungen und aufgeräumten, recht formelhaften Dialogen, die aber sehr darauf bedacht sind, eine altertümliche Sprache zu sprechen, knapp an der Versform vorbei. Vieles geschieht wortlos, kippt in malerisch überhöhten Realismus, wobei die streng komponierte, farblich durchdachte Bildsprache am meisten fasziniert. Lowerys Film erinnert stark an die surrealen Welten des Italieners Matteo Garrone. Seine Filme Pinocchio (2019) oder Das Märchen der Märchen, eine Anthologie barocker Erzählungen, finden einen ähnlichen Stil. Sie sind diffus, transzendent, lakonisch und durchzogen von erdigem Naturalismus. Das ist wunderschön und sinnlich. Aber auch sehr artifiziell, weniger spontan und unnahbar.

The Green Knight lässt etwas ratlos zurück, ist aber unterm Strich sicherlich bemerkenswert. Ein exzentrischer Genuss fürs Auge und fürs Ohr und so theatralisch wie John Boormans Excalibur, nur ohne Carmina Burana. Die Artusepik bleibt hier spartanischer und den Geistern einer moralischen, erzieherischen Natur unterworfen.

The Green Knight

Beast

DIE GUTEN, DIE BÖSEN UND DIE HÄSSLICHEN

8,5/10


beast© 2017 MFA+ Filmdistribution


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2017

BUCH / REGIE: MICHAEL PEARCE

CAST: JESSIE BUCKLEY, JOHNNY FLYNN, GERALDINE JAMES, SHANNON TARBET, TRYSTAN GRAVELLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Filmschätze, die im Verborgenen liegen, und die das Gefühl vermitteln, etwas wirklich Besonderes entdeckt zu haben, ohne den Druck dahinter, nun endlich einen von Kritikern hochgelobten Film selbst mal von der Liste zu streichen – Filmschätze wie diese bescheren Momente des unvergleichlichen Genusses. Die werden, eben weil man es nicht erwartet, zum Erlebnis. Und da weiß man wieder, warum man als Cinephiler nicht von den laufenden Bildern lassen kann. Eines dieser Werke ist der 2017 erschienene, britische Psychothriller Beast.

Der Titel: kurz, knackig und, wie man sehen wird, treffend. Schauplatz ist die grüne, verregnete und recht düstere Kanalinsel Jersey – ein durchs tosende Meer begrenzter Ort. Ein Mikrokosmos sozialer und psychischer Defizite. Alles auf engem Raum, trotz Wiesen und Weiden. Moll, ein Mädchen in den späten Zwanzigern, ist das mit mütterlichen Argusaugen überwachte Problemkind einer autoritär geführten Familie. Hier herrschen Konventionen, Bigotterie und Reaktionismus. In diesem Dunstkreis feiert die nonkonforme junge Dame zwar eines Tages ihren Geburtstag, zieht aber alsbald von dannen Richtung Dorfdisco, wo sie trinkt und tanzt und am nächsten Morgen sexuell genötigt wird. Zum Glück erscheint die bedrohliche Gestalt eines Jägers, der den Unwillkommenen vertreibt. Moll ist gerettet, weiß aber anfangs nichts mit dem blonden und wortkargen Pascal anzufangen; weiß aber, dass er sie faszinierend findet – und umgekehrt. Gegen den Willen der Eltern gehen die beiden eine Romanze ein. Zeitgleich allerdings treibt ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Der Verdacht fällt auf Pascal, alle Indizien sprechen dafür. Moll verschafft ihm ein Alibi, wohl ach, weil sie weiß, wie es sich anfühlt, ein Leben lang stigmatisiert zu bleiben für etwas, das man vielleicht mal getan hat.

Weder ist Beast ein klassischer Beziehungsthriller, noch ein routiniertes Selbstfindungsdrama. Autorenfilmer Michael Pearce erzählt hier etwas ganz Außergewöhnliches. Und zwar deshalb, weil er darauf verzichtet, seine herumirrenden Seelen als gut oder böse zu deklarieren. Beast ist eine unheilvolle, stimmige Ballade auf ungeliebte Außenseiter, auf Ausreißer und Andersartige. Auf Freaks und Eremiten. Obwohl von der Gesellschaft gerne in ihrer Gesamtheit in eine Schublade gezwängt, sind weder Moll noch Pascal Vertreter der Bestie Mensch an sich, tragen aber ein Biest in sich, dass sich weder anpassen noch zügeln lässt. Wie weit ist es legitim, das Biest zuzulassen, ohne die eigene Freiheit und gleichzeitig die Freiheit des anderen einzuschränken? In diesem Spiel aus Trotz, Selbstbestimmung und bewusst inszenierter Ungefälligkeit bricht eine intensiv aufspielende Jessie Buckley eine Lanze für den Mut, anderen missfallen zu dürfen, wobei sie gleichzeitig auch nach einer Balance dafür sucht, die das Hässliche vom Bösen unterscheiden lässt. Dieser kräftezehrende, sowohl innere wie äußere Konflikt steigert sich während des Films zusehends, fordert letzte Reserven wie beim Erklimmen eines Gipfels. Johnny Flynn begegnet Buckley spielerisch auf Augenhöhe, beide schenken sich nichts. Und gleichzeitig alles, vor allem das, was niemand wissen darf.

Beast ist eine Naturgewalt von Thriller. Unorthodox, wiederspenstig und ungemütlich. Und von so erzählerischer Raffinesse, dass ein Film wie dieser nur schwer nachzuahmen ist. Vorbilder sucht sich Beast ebenso wenig. Und das entspricht wieder ganz und gar dem konsequenten Kurs eines abseits des Mainstreams schlummernden Meisterwerks bis hin zu seinem verblüffenden Finale.

Beast

Spring – Love Is a Monster

DER SCHÖNE UND DAS BIEST

7,5/10


spring_loveisamonster© 2014 Koch Media


LAND / JAHR: USA 2014

REGIE: JUSTIN BENSON, AARON MOORHEAD

BUCH: JUSTIN BENSON

CAST: LOU TAYLOR PUCCI, NADIA HILKER, FRANCESCO CARNELUTTI, JEREMY GARDNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Die Herren Justin Benson und Aaron Moorhead sollte man sich merken. Wenn man phantastische Filme mag, die abseits von teurem Mainstream verlockend gedankenakrobatische Geschichten erzählen. Da wäre der vor kurzem erschienene Zeitreisethriller Synchronic mit Anthony Mackie und Jamie Dornan: Eine düstere Hommage an Zurück in die Zukunft und wie man mit dem Mysterium Zeit eigentlich sonst noch so umgehen kann. Um dafür eine Droge zu entwickeln – diese Idee lief mir noch nicht über den Screen. Busenfreund Jeremy Gardner hat sich des weiteren vom Stil der beiden kreativen Köpfe inspirieren lassen und mit dem kauzigen Grusel-Kammerspiel After Midnight romantische Partnerschaften und alles was dazugehört auf ein irritierendes, atmosphärisches Level gehoben. Selbstredend haben Benson und Moorhead diesen Streifen produziert – so deutlich und klar trägt After Midnight jenen stilistischen Stempel, der nun auch deutlich vom etwas anderen Liebesfilm Spring – Love is a Monster abzulesen ist. Alle zehn Finger könnten sich Kuratoren diversester Themenfestivals ablecken, um ein Gustostückchen wie dieses zu bekommen.

Der 2014 entstandene Film erzählt im Grunde eine zeitgenössische Liebesgeschichte mit ganz vielen Dialogen, wie wir das bereits von Richard Linklater kennen. Zwei Reisende treffen sich irgendwo in einer für beide fremden Stadt, kommen durch Zufall zusammen, schwafeln den ganzen Abend und die ganze Nacht, lernen sich kennen. Über allem schwebt die Stimmung des herannahenden Frühlings: es ist, als würde sich ein ratloses Leben in neue Bahnen lenken, als würde man finden, was man lange gesucht hat. So ist es doch Julie Delpy und Ethan Hawke ergangen. Zwei Fortsetzungen gab´s, eine besser als die andere. Wenn’s funkt, dann funkt’s. Spring ist auch tatsächlich so, als hätte Linklater Pate gestanden. Zumindest anfangs. Dann fügen Benson und Moorhead aber noch eine anderen Zutat hinzu – ein gewichtiges, geschmacksintensives Mystery-Element. Die Mixtur mundet.

Der Single Evan, joblos und seiner verstorbenen Mutter nachtrauernd, muss dringend sein Leben evaluieren. Was eignet sich dafür nicht besser als eine Auszeit auf ganz anderen Breitengraden, am Besten jenseits des Atlantiks in Europa, in Bella Italia. Als Rucksacktourist streunt er mal mit Anhang, mal solo, durch Stadt und Land – und landet schließlich irgendwo in Apulien. Klar, dass er dort der Liebe auf den ersten Blick begegnet. Und auch die aparte Dame in Rot scheint den Blick zu erwidern. Evan weiß, was er tun muss – er nimmt den Job als Knecht bei einem alten Olivenbauern an, um der geheimnisvollen Frau nahe sein zu können. Aus dieser Begegnung muss mehr werden. Und das wird es auch. Man quatscht, man trinkt, man küsst und liebt sich. Die Chemie stimmt. Die Biologie wohl weniger. Ein Geheimnis, das rosige Zukunftsaussichten für etwas Festes im Keim ersticken könnte.

Wie bei Benson und Moorhead üblich, bleiben die kredenzten Bilder entsättigt und mit zartem Sepiafilter verfremdet. Das alleine erzeugt schon eine ganz eigene Stimmung, wie nicht von dieser Welt. Das Artfremde, Entsetzliche, kommt auf leisen Sohlen, will gar nicht mal erschrecken oder verstören. Es ist Teil einer obskuren Evolution, eine metaphysische Anomalie, die sich gar wissenschaftlich verankert sehen will. Wie bei Synchronic ist auch hier das Durchstoßen universitärer Lehren auf verblüffende Art ein glaubhaft anmutender Umstand. Noch dazu verknüpfen sich geschichtsträchtige Orte wie Pompeij oder der Vesuv mit der erstaunlichen Beschaffenheit einer anomalischen jungen Frau zu einer faszinierenden Legende, die Phänomene wie diese als immer schon mit dieser Welt inhärent betrachtet. Nadia Hilker (u. a. The Walking Dead) und Lou Taylor Pucci (u. a. Evil Dead, 2013) sind ein Traumpaar, fast wie Delpy und Hawke, da gibt´s nichts, was nicht zu glauben wäre. Demnach ist Spring – Love Is a Monster eine sinnliche Romanze, ein aufgeweckter Liebesfilm mit einem triftigen Quäntchen an Monstrosität, ganz so wie es Belle in Die Schöne und das Biest aushalten muss, um ihrer Liebe nahe zu sein. Benson und Moorhead ist ein augenzwinkerndes Horrormärchen gelungen, das, so möchte man meinen, aus den dunklen Kellern von Disneys Traumschloss hätte hervorgeholt werden können. Gut, dass sich ab und an einer dorthin runterwagt.

Spring – Love Is a Monster

Der Mann ohne Gravitation

DIE KUNST, AM BODEN ZU BLEIBEN

5/10


mannohnegravitation© 2019 Netflix


LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN, FRANKREICH 2019

BUCH / REGIE: MARCO BONFANTI

CAST: ELIO GERMANO, MICHELA CESCON, ELENA COTTA, SILVIA D’AMICO, VINCENT SCARITO, PIETRO PESCARA U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Alles was Flügel hat, fliegt! Dieses beliebte Kinderspiel mag zwar im realen Leben seine Berechtigung haben – in Kino und Film kann man sich auf diese physikalische Faustregel längst nicht verlassen. Was würde wohl Superman dazu sagen? Oder Tinkerbell? Es müssen allerdings auch nicht immer phantastische Wesen aus alternativen Universen sein. Um einen Menschen zum Fliegen zu bringen, reicht vielleicht nur der Umstand, dass es so ist. Ganz so wie in der auf Netflix erschienenen, italienischen Produktion Der Mann ohne Gravitation.

Sagen wir besser so: Fliegen wäre in diesem Falle vielleicht zu hoch gegriffen. Wenn man fliegen kann, dann lässt sich der Flug auch steuern. Machen alle so, die das können. Der Junge Oscar kann das nicht. Sobald dieser nur sein Eigengewicht trägt, steigt er einem Heliumballon gleich gen Himmel. Einfach gerade hoch, und wenn ihn keiner aufhält, rotiert er bald schwerelos wie ein Satellit im Orbit. Geboren in einer Regennacht irgendwo in Norditalien, wissen von dieser verblüffenden Anomalie lediglich die eigene Mutter (denn Vater gibt’s keinen) und die herrische Großmutter. Die ist es auch, die, um dem Klatsch und Tratsch im Dorf vorzubeugen, den jungen Oscar vom Rest der Welt isolieren will. Irgendwann muss damit aber Schluss sein, denn Oscar kann aufgrund seiner fehlenden Bodenhaftung nicht mal ordentlich ein Bein vor das andere setzen. Also bringt Mama ihn raus, und kurze Zeit später lernt er auch die kleine Agata kennen, die alsbald seine beste Freundin wird. Vielleicht auch, weil nur sie sein Geheimnis kennt. Was aber gegen die Abmachung mit Mama und Oma geht.

Es bleibt natürlich nicht bei den Kindheitserinnerungen eines Mannes, der das Zeug zum X-Men hätte, würde er seine Fähigkeiten trainieren. Regisseur Marco Bonfanti lässt sich in seinem Fantasydrama Der Mann ohne Gravitation auf eine ganze Biographie ein. Und wird dadurch ernüchternd vorhersehbar, zumindest für den Zuseher. Die Hauptfigur Oscar selbst, gesegnet mit überhaupt keiner Lebenserfahrung und einer Naivität ganz so gutmeinenden Leuten gegenüber wie Pinocchio, muss natürlich aus Erfahrungen klüger werden. Allerdings setzt sein Aha-Effekt dem Leben gegenüber sehr viel später ein als beim Publikum. Wenn wir schon längst wissen, dass die Begegnung mit dem aalglatten Manager, der Oscar in die Medien bringen will, moralisch als auch emotional nicht gut gehen kann, macht sich der Film auch keine Mühe, auf irgendeinem anderen Weg das Offensichtliche mit dramaturgischer Raffinesse zu kaschieren. Letztendlich ist die Läuterungsmär eines menschlichen Mysteriums routiniertes und völlig überraschungsfreies Erzählkino, das allerdings mit einigen pfiffigen Schaubeispielen der Schwerelosigkeit für jenen begleitenden Pepp sorgt, der das schwindende Interesse am Film nicht gänzlich davontreiben lässt.

Der Mann ohne Gravitation

The Discovery

DER TOD ALS PLAN B

4/10


discovery© 2017 Netflix


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2017

BUCH / REGIE: CHARLIE MCDOWELL

CAST: JASON SEGEL, ROONEY MARA, ROBERT REDFORD, JESSE PLEMONS, RILEY KEOUGH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Manchmal wird klar, warum Filme, von denen man noch nie etwas gehört hat, obwohl man als Filmnerd täglich up to date bleibt, auf diversen Streaming-Portalen – in diesem Falle auf Netflix – in der Versenkung verschwinden. Wo sollen sie auch sonst hin? Für den Retail-Markt zu „independent“, fürs Kino zu speziell, doch im Stream kann sich jeder bedienen, wer will. Und bedient sich keiner, macht’s auch nichts. Irgendwann sind diese Filme dann weg vom Radar, tauchen vielleicht im Free TV auf – das war’s dann. Angesichts des vorliegenden Films lässt sich sogar vermuten, dass einer wie Robert Redford gar nicht mehr weiß, in diesem Streifen überhaupt mitgespielt zu haben. Doch das hat er. Und nicht nur Redford: der Cast für The Discovery kann sich wirklich sehen lassen. Neben dem Altstar treffen auch noch Komödiant Jason Segel, der mal was Ernstes spielen wollte, und die wunderbare Rooney Mara aufeinander. Als Support streift auch noch Charakterdarsteller Jesse Plemons durchs Bild.

Dabei liegt diesem kleinen großen Science-Fiction-Drama von Malcolm McDowells Filius Charlie eine faszinierende Idee zugrunde. Was, wenn es der Wissenschaft gelingen könnte, herauszufinden, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? In dieser alternativen Zukunft ist genau das passiert. Der Tod ist längst nicht mehr das Ende, und darüber hinaus soll das, was danach kommt, um Einiges besser sein. Klar, dass dann all die Unzufriedenen, Kranken und Depressiven zu drastischen Mitteln greifen, um das Ticket ins Jenseits zu ergattern. Die Selbstmordrate schnellt in die Höhe, händeringend wird die Bevölkerung gebeten, doch einen Sinn in diesem Leben hier zu finden – und nicht im nächsten. Entdecker Thomas Harbor allerdings sieht sich dafür nicht verantwortlich – bis ein Mann während eines Interviews vor seinen Augen Suizid begeht. Harbor zieht sich daraufhin zurück, Jahre später besucht ihn sein Sohn auf seinem Anwesen, das mittlerweile zum Elite-Rehabilitationszentrum für gescheiterte Selbstmörder herhalten muss. Darunter Rooney Mara, diesmal ganz in blond. Jason Segel gefällt das.

Zum Beispiel hätte Mike Cahill aus dieser Sache wohl wieder etwas ganz Feinsinniges fabriziert. McDowell hingegen scheitert dabei, diesen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, diesen Beginn einer neuen Menschheitsgeschichte, in ein Kammerspiel zu packen. Diese Rechnung geht nicht auf. Und das liegt nicht daran, dass er das Warum und Wie zu diesem wissenschaftlichen Durchbruch nicht erklärt. Genau diesen dramaturgischen Schachzug verorte ich auf der Habenseite. Erklären lässt sich das ganze sowieso nicht, daher bleiben die Beweise vage, und die Tatsache allein, dass es so ist, müsste genügen. Viel wichtiger und ebenso viel interessanter bleibt die psychosoziale Resonanz. Genau da hat der Film aber enorme Defizite. Wie es sich anscheinend für einen waschechten Independent-Kandidaten gehört, setzt McDowell auf viel Geschwurbel, viel Gerede. Schicksalsschläge aus des Professors Familie kommen hoch, Jason Segel windet und verliebt sich. Geistert durchs Haus und blickt gemeinsam mit Rooney Mara ins Narrenkästchen. Das fühlt sich recht träge an, und das weiß der Filmemacher selbst anscheinend auch, also wird’s später noch ordentlich mysteriös und dank gewisser halbseidener Versuche, eine Logik in das philosophische Konstrukt einzubinden, obendrein noch so konfus, als würde man bei einem, der im Schlaf redet, den Kontext verstehen wollen.

So viel Potenzial für so ein höchst sensibles, spannendes Thema. Jedoch ein Film, der so schnell verdrängt werden wird wie der Gedanke ans eigene Lebensende, das irgendwann – oder vielleicht auch nie, weil gegenwärtig zu abstrakt – kommen wird.

The Discovery

Letztes Jahr in Marienbad

KENNEN WIR UNS?

5/10


last-year-at-marienbad


LAND / JAHR: FRANKREICH, ITALIEN 1961

REGIE: ALAIN RESNAIS

DREHBUCH: ALAIN ROBBE-GRILLET

CAST: DELPHINE SEYRIG, GIORGIO ALBERTAZZI, SACHA PITOËFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


War es in Marienbad? In Friedrichstadt, Karlstadt oder Baden-Salsa? Oder in diesem Salon? Nichts Genaues weiß man nicht. Das Einzige, was so ziemlich als gesichert gilt, ist, dass der Mann mit dem schmalen Gesicht beim mittlerweile als Marienbad bekannten Nim-Spiel stets gewinnt. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Und sonst? Sonst ist alles das Ergebnis subjektiver Erinnerungen an ein Damals vor einem Jahr. Oder sind diese Erinnerungen auch nur ein Konstrukt aus Begehren und Wunschtraum?

Die Sechziger, das Um- und Aufbruchsjahrzehnt für Gesellschaft, Soziales und Kultur, hat den Leuten gezeigt, dass vieles auch anders geht. Das die Norm keine Zügeln hat. Dass die Freiheit mannigfaltig sein kann. Da war Querdenken noch ein begrüßenswerter Umstand. Das Umkrempeln der bewährten Ordnung schuf in der Literatur den Nouveau Roman – folglich dauerte es nicht lange und im bereits durch die Nouvelle Vague erneuerten Medium Film etablierte sich der Versuch, die lineare Erzählform außen vor zu lassen, Strukturen aufzudröseln und mit diesen losen Fäden herumzuexperimentieren. Inspiriert von Alfred Hitchcocks filmischen Methoden und von so ziemlich allem, was neu war, entstand unter der Regie von Alain Resnais, der mit Hiroshima, mon amour ’59 die Goldene Palme von Cannes holte und sich nunmehr unorthodoxe Filmprojekte leisten konnte, ein nobles Verwirrspiel erster Güte: Letztes Jahr in Marienbad.

Dabei erstreckt sich die Handlung auf gerade mal fünf Minuten oder würde bei einem linearen Erzählkonzept bis zur zweiten Szene kommen. Ein namenloser Mann trifft auf eine namenlose Frau an einem unbekannten Ort – wir wissen, es ist ein Hotel in barockem Stil. Der Mann scheint die Dame zu kennen, sie wiederum kann sich an nichts erinnern. Also versucht der Mann, die Frau davon zu überzeugen, dass sich beide bereits letztes Jahr schon getroffen hatten. In Marienbad, Friedrichstadt, Karstadt, Baden-Salsa oder in diesem Salon. Dabei wiederholt sich seine artikulierte Beweisführung immer und immer wieder. Klingt jetzt nicht gerade prickelnd. Doch Resnais geht es keinesfalls um romantische Inhalte. Dieses bisschen Erzählsubstrat zerbricht wie ein Spiegel in hunderterlei Scherben. Ziel ist es, diesen Spiegel neu zusammenzusetzen. Bedingung dabei: all die Teile müssen neu arrangiert werden, letzten Endes aber dennoch wieder einen ganzen Spiegel ergeben.

Ein Experiment fürwahr. Doch was vielleicht in den Sechzigern für staunende Gesichter gesorgt hat, offenbart sich in der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts mittlerweile nur noch als recht aufgeräumter, jedoch wenig tangierender Versuch, aus überholten Normen auszubrechen. Aus filmhistorischer Sicht mag Letztes Jahr in Marienbad seinen Platz bis heute gut verteidigt haben. Dass dieser Film allerdings auch heute noch irritierende Verblüffung auslöst, wage ich zu bezweifeln. Resnais Werk mag surreal sein – der redundante Ablauf an ähnlichen Szenen und mächtig ausholenden Kamerafahrten bleibt gediegene, natürlich edel fotografierte Langeweile.

So gesehen gibt es mehrere Sprachblöcke, die sich stets wiederholen. Allein schon ganz am Anfang erzählt eine Stimme aus dem Off gefühlt zigmal dieselbe Beschreibung des Ortes. Die langen Gänge, den schweren Stuck, die vielen Salons. Wie Gedankenblasen dreht sich das Gesagte in zeitlosem Kreis. Inhaltsleere Gesprächsfetzen der anderen Gäste sind zu hören – Floskeln, die keinen Sinn ergeben. Oft stehen diese Damen und Herren – in Abendkleid und schwarzen Anzügen – orientierungslos inmitten des üppigen Interieurs oder halten im geometrisch angeordneten Schlossgarten plötzlich inne, als würde die Zeit stillstehen. Es sind die Abbildungen vager Anhaltspunkte aus dem Gedächtnis der beiden Hauptfiguren, die alles Irrelevante als bedeutungslose, abstrakte Peripherie in das Erinnernde eingliedern. Und immer wieder, immer wieder wiederholt sich diese Abfolge wie ein formelhaftes Mantra. Dazwischen wieder der Mann mit dem schmalen Gesicht, der im Nim-Spiel gewinnt.

Unterlegt ist dieses flüchtige Kaleidoskop, das keinen Anfang, kein Ende und deren Zeiten vollends durcheinandergeraten, mit konterkarierter schwerer Orgelmusik. Letzten Endes ist man um keine Nuance schlauer, letzten Endes erreicht ein Gähnen die letzten Szenen eines scheinbar nicht enden wollenden, intellektuellen Filmversuchs. Nun, es ist ein Ereignis, doch gleichermaßen ein recht geziertes Kind seiner Zeit.

Letztes Jahr in Marienbad

Milla Meets Moses

KAUM ERWACHSEN, SCHON ALLES VORBEI

5/10


MillaMeetsMoses© 2020 X-Verleih


LAND: AUSTRALIEN 2019

REGIE: SHANNON MURPHY

BUCH: RITA KALNEJAIS, NACH IHREM THEATERSTÜCK

CAST: ELIZA SCANLEN, TOBY WALLACE, BEN MENDELSOHN, ESSIE DAVIS, EMILY BARCLAY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Erstmals aufgefallen ist mir die junge Dame in Greta Gerwigs Literaturadaption Little Women: Eliza Scanlen. Ein Gesicht, das man nicht so schnell vergisst. Ein Gesicht, das so traumverloren durch die Gegen blickt, das zumindest ich niemals den Mut dafür aufbringen könnte, diesen Tagtraum zu unterbrechen. Der junge Moses, ein von der Familie verstoßener Junkie, schafft beides. Und das nahezu auf den ersten Blick. Zumindest für Milla, die leider Gottes ein schweres Schicksal mit sich herumtragen muss. Sie ist an Krebs erkrankt. Was für eine Art Krebs wird nie genau thematisiert. Überhaupt verhängt Regiedebütantin Shannon Murphy fast schon ein Tabu über diesen Umstand, der eine ganze Familie in einen selbstvergessenen Sog aus Medikamenten und unkontrollierten Affekthandlungen stürzen lässt.

Diesem Moses, stets auf der Suche nach dem nötigen Kleingeld, kommt ganz gelegen, dass Milla auf ihn steht. Er wird kurzerhand zum Essen eingeladen, taucht dann immer mal wieder auf, bricht des Nächtens sogar in die Wohnung ein. Die Eltern (Essie Davis und Ben Mendelsohn mal nicht als Schurke) widert dieses Verhalten an. Doch was gut für die Tochter ist, muss auch gut für sie sein. Eine Erkenntnis, die einige Anläufe braucht, um auch zu den Erwachsenen durchzudringenn. Und das gerade in Anbetracht des womöglich viel zu kurzen Lebens, das Tochter Milla ausgefasst hat.

Im Original nennt sich dieses australische Independentdrama Babyteeth – Milchzähne. Tatsächlich hat Milla noch einen, und das als Teenager. Ein Milchzahn also als letztes Hindernis zum Erwachsenwerden? Fällt auch dieser aus, ist das Leben vorbei. Denn erwachsen zu sein und nichts davon zu haben wäre geradezu unfair. So ist der nahende Tod als gewisse Ahnung über allem hängend.

Es gibt da eine klitzekleine Sequenz, die ist wohl die beste Episode in dieser Abfolge mehrerer, mit bunten Lettern betitelten Szenen: es ist jene, in der Milla mit dem Tod kommuniziert. Ein abstraktes Intermezzo, in der Eliza Scanlen eine metaphysische Eingebung widerfährt. Ein erstauntes Gesicht, ein leichtes Lächeln. Ein Ansatz, der Milla Meets Moses vielleicht ganz neue Aspekte auf ein Thema abgerungen hätte, welches Shannon Murphy bewusst zurückdrängt. Das ganze Ensemble sträubt sich gegen diese Wahrheit, und alle treiben scheinbar ziellos ohne Selbststeuerung über einen Ozean, dessen Strömungen vielleicht irgendwann irgendwohin führen. Für ein Krankheitsdrama ist die Verfilmung eines Theaterstücks von Rita Kalnejais viel zu vage, als Romanze recht oberflächlich, als Familiendrama vielleicht noch am ehesten tragend, doch auch hier fällt es schwer, starke innerfamiliäre Bindungen zu erkennen – zu selbstbezogen werden die Eltern umrissen. Das macht es schwierig, Nähe zu den Menschen aufzubauen, denen selbst es unglaublich schwerfällt, Nähe zuzulassen. Sie sind Meister der Verdrängung – so wie der ganze Film den Fokus auf Verdrängung legt.

Milla Meets Moses

Malcolm & Marie

DIE KRÄNKUNG EINER NACHT

5,5/10


malcolm_marie© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2020

DREHBUCH UND REGIE: SAM LEVINSON

CAST: ZENDAYA, JOHN DAVID WASHINGTON

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Wie heisst das Zauberwort? Das lernt man schon im Kleinkindalter. Und eigentlich sind es zwei dieser Sorte. Bitte und Danke. Ein Basislehrgang in Sachen Respekt und Wertschätzung. Wie ist das in einer Beziehung? Muss man da auch andauernd Danke sagen? Ja, muss man. Denn nichts in einer Beziehung ist, nur weil es eine Beziehung ist, selbstverständlich. Das ist etwas, das muss Filmemacher Malcolm noch lernen. Der hat nämlich völlig vergessen, bei der Premiere seines Regiedebüts vor allem seiner besseren Hälfte jenen verbalen Tribut zu zollen, den sie verdient hätte. Meint Marie. Und schon ist die Lunte für eine hitzige Nacht aus Küssen und verbalen Schlägen gezündet. Eine knapp über hundert Minuten lange Wippschaukel an Stimmungen. Da ließe sich ja ein zweites Wer hat Angst vor Virginia Woolf? dahinter vermuten, Edward Albees Beziehungsdrama, ebenfalls an einem Abend, und vor allem einer, an dem sich beide nichts schenken.

Geschenkt haben sich Schauspielerin Zendaya (eben noch in Spiderman: Far from Home als Parkers nonkonforme Klassenkollegin – und schon im bauchfreien Abendkleid) und Tenet-Star John David Washington anlässlich dieses heimlichen Corona-Drehs erstmal ihren negativen Antigentest. Damit sie überhaupt so sehr auf Tuchfühlung gehen können, wie sie es in diesem Zwei-Personen-Drama tun. Location ist ein großzügig verglaster Bungalow irgendwo in Kalifornien, die elegante Bildsprache macht auf sophisticated Schwarzweiß und setzt obendrein noch auf eine angenehm grobkörnige Struktur der Bilder. Das ist schon mal erlesen, da kann man gut und gerne darin versinken. Dazu ein paar jazzige Musiknummern und, am Türrahmen lehnend, den Glimmstängel zwischen den Fingern. Lauren Bacall, Richard Burton, Humphrey Bogart oder wie sie alle heißen, hätten sich in diesen Rollen wohl wiedergefunden. Klar, das sind alles Stars mit unübersehbaren Egos. Malcolm und Marie haben diese auch – stolze Egos, die deren Kränkung zum Anlass nehmen, den Mittelpunkt auf sich zu lenken.

Womit sich die emotionale Teilnahme des Zusehers an diesem schicken Geplänkel mit dispkrepanten Stimmungsschwankungen in Grenzen hält. Sam Levinson hat gar nicht vor, wie ein Edward Albee wirklich ans Eingemachte zu gehen. Klar, die Vergangenheit holt sich ihre Erwähnungen, um diesen Hickhack besser zu verstehen. Die Bekümmernisse der Beiden, ihren Trotz und ihre ständige Eigenrotation, die bleiben in diesem Schloss aus Glas, finden keinen Bezugspunkt nach draußen und haben auf Dauer auch nichts wirklich Relevantes mehr zu berichten.

Annerkennung, Achtsamkeit – Zendaya unter artiger, allerdings aber professioneller Ausführung akkurater Regieanweisungen fordert dieses Verhalten ein, gibt aber nicht viel Einblick in ihre Psyche. John David Washington ebenso wenig, er ergeht sich in gut ausformulierte, aber völlig belanglose Monologe über Kritiker und Filmbiz, die den kargen Plot auf Spielfilmlänge strecken. Malcolm & Marie zelebriert eine eigene Welt, eine eigene gesellschaftliche Biosphäre, so fern von einem greifbar hemdsärmeligen Leben. Das ist das, was Sam Levinson schafft: Eine prätentiöse Blase, darin eine kunstvolle Fotoshow mit zwei hippen Stars, die noch einige Karrierestufen vor sich haben. Das ist Beziehungskiste mit Glamour.

Malcolm & Marie

Marlene

SHOWDOWN IN LITTLE STYRIA

3/10


marlene© 2020 Panda Film


LAND: ÖSTERREICH 2020

REGIE: STEFAN MÜLLER

CAST: PAUL HASSLER, CAROLINE MERCEDES HOCHFELNER, SOPHIA GRABNER, AUGUST SCHMÖLZER, EVA-MARIA MAROLD U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn das Herzblut so sehr nach Filmemachen schreit, dann ist das ansteckend. Und Qualität nur noch sekundär. Kann ja auch sein, dass durch diese Leidenschaft sowas wie Kult entsteht. Man braucht nur die richtigen Vibes und den Spaß an der Sache. Manch ein Fanfilm zu sattelfestem Franchise hat ähnliche Eigenschaften. Auch wenn in ihren Filmen nur das Notwendigste bis zur finanziellen Schmerzgrenze eingebracht wurde – die Freude am Werkeln und das Ausleben des Fandoms macht manche richtig sehenswert.

Der österreichische Thriller Marlene ist zwar kein Fanfilm, wirkt aber wie einer. Da er sich keines Franchises oder eines bereits etablierten popkulturellen Interessensgebietes bedient, hat er auch anfänglich nichts auf der Habenseite, um in der Pole Position starten zu können. Was er hat, sind lediglich Vergleiche mit ganz anderen Filmen aus diesem Genre – nämlich weitaus besseren.

Marlene erzählt die relativ triviale Geschichte eines lakonischen Auftragskillers, der bald schon draufkommt, für den falschen Mann zu töten, als er sich in eines seiner Ziele verliebt. Da er den Auftrag folglich nicht durchführen kann, wird die titelgebende junge Dame von anderen Leuten aus dem Syndikat entführt. Was unser Protagonist natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Er startet einen Befreiungsfeldzug gegen eine scheinbare Übermacht.

Phantom Commando in der Steiermark? Dazu fehlen Arnies Muskelberge und die dazugehörige Camouflage-Schminke. Schauspieler Paul Hassler holt sich eher einige Ezzes aus Jason Stathams Filmschaffen. August Schmölzer gibt einen in Trachtenwesten gekleideten Paten im steirischen Hinterland. Und siehe da: österreichische Star Wars-Fans werden jubeln, wenn Sophia Grabner, bekannt aus Regrets of the Past, als schwertschwingender Vamp zum Duell fordert. Dennoch: die Charaktere sind Stereotypen, nichts ist hier wirklich originär. Und schauspielerisch bewegt sich der Film auf dem Niveau eines sommerlichen Laientheaters. In Sachen Intonation ist hier einige Luft nach oben, dramaturgisch fehlt es an Straffheit, zwischendurch hängt der Thriller immer wieder ratlos durch. Explodierende Köpfe wirken wie auch die übrige explizite Gewalt seltsam deplatziert. Hätte sich Marlene nicht so sehr aus den Schubladen vorhandener Werke bedient, hätte Marlene viel mehr etwas Eigenes geschaffen, ohne vorhersehbar Bekanntes zu erzählen, hätte Stefan Müllers Gehversuch eines Actionfilms zumindest ein gewisses Etwas. So allerdings hat es weder Raffinesse noch Spannung. Was bleibt, ist ein Genre-Fanfilm, der mit ordentlich Engagement und freundlicher Genehmigung des Bundeslandes Steiermark sogar das Licht des Kinos erblickt hat. Und doch – im Vergleich fehlen hinten und vorne die eigenen Argumente.

Marlene