Three Thousand Years of Longing

WAS WÜNSCHT SICH EIN FLASCHENGEIST?

7/10


threethousandyearsoflonging© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: GEORGE MILLER, NACH DEN KURZGESCHICHTEN AUS „THE DJINN IN THE NIGHTINGALE’S EYE“

CAST: IDRIS ELBA, TILDA SWINTON, AAMITO LAGUM, ECE YÜKSEL, MATTEO BOCCELLI, LACHY HULME, MEGAN GALE, BURCU GÖLGEDAR, ZERRIN TEKINDOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bei George Miller weiß man eigentlich nie, was der Australier als nächstes macht. Und welches Genre er eigentlich bevorzugt. Man könnte ja sagen: ein bisschen was von allem. Miller betrachtet seinen Spielplatz Film nämlich von beiden Seiten. Da ist einerseits die postapokalyptische Kultfigur Mad Max: Action, Anarchie und Faustrecht. Andererseits sind da tanzende Pinguine im Animationsstil oder sprechende Schweine, die das Abenteuer suchen. Dazwischen vielleicht so etwas Intensives wie das True Story-Drama Lorenzos Öl. Miller ist vielseitig. Das beweist er nun auch seinem Publikum mit einer verspielten Tausendundeiner Nacht-Interpretation, die abrückt von einem orientalischen Helden wie Aladdin und das Leben und Leiden des Geistes aus der Flasche genauso ins Zentrum stellt wie dessen weibliches Pendant, genannt bezaubernde Jeannie, die jahrelang in einer Retro-Sitcom herbei- und fortzaubern konnte, was Major Nelson nur so in den Sinn kam. In Wahrheit aber – also in der erzählerischen Wahrheit phantastischer Geschichten – ist das Dschinn-Dasein eine Frage der Gunst Sterblicher. Mit drei Wünschen schon lässt sich so ein metaphysisches Wesen, bestehend aus elektromagnetischer Energie, in die Freiheit entlassen. Nicht und nicht mag das gelingen, über Jahrhunderte hinweg. Der dritte Wunsch bleibt der unausgesprochene. Von einer Flasche in die andere wandert also ein spitzohriger Idris Elba, der seiner Rolle Charisma, Charme, Naivität und Sehnsucht verleiht. Die Geschichten, die er im Istanbul der Gegenwart Narratologin Tilda Swinton erzählen wird, sind magisch, faszinierend und wie in einem Traum, den man vielleicht träumt, nachdem man einige Seiten der Märchen Salman Rushdies gelesen hat, wie zum Beispiel Harun und das Meer der Geschichten. In diesem Meer mag man auch bei George Miller versinken. Und man will nicht, dass sie enden. Tausendundeine Nacht sind dafür wohl nicht genug, tausendundzwei hätte man gerne.

Der Dschinn beginnt, nachdem die einsame Alithea ihn ungewollt aus einer im Basar erstandenen Glasflasche befreit hat, seine Erlebnisse aus der Zeit Königin von Sabas zu erzählen – in einer üppigen, hochstilisierten Bildsprache, die an Tarsem Singh (The Fall) erinnert, aber auch an Max Ernst oder dem Phantastischen Realismus eines Arik Brauer. Versponnene Geschichte wird zum inspirierenden Märchen, das später, in der Zeit der Kalifen, seine Fortsetzung nimmt. Auch hier: Üppige Ausstattung, orientalisches Geschichtenerzählen auf geknüpften Teppichen. Idris Elba schildert den Grund seiner Sehnsucht mit Überzeugung und Leidenschaft und gibt sich selbst auch dem leidenschaftlichen Spiel hin, während Tilda Swinton die Contenance bewahrt. Three Thousand Years of Longing ist ein Märchen- und Fantasyfilm der ungewöhnlichen Art, der mit gezügeltem Bildersturm sein Publikum nicht ermüden will, sondern vielmehr nach noch mehr lechzen lässt – und die Lust am Fabulieren, an den eigenen kreativen Gedanken und an Tagträumen in den Kinosaal streut.

So prickelnd Millers Film auch seine Philosophie des Wünschens und Nicht-Wünschens in Szene setzt, so rund und kompakt all seine Episoden wie aus dem Ei gepellt über den Boden von Istanbuls Hotelzimmer kullern, so unrund gelingt letzten Endes die Romanze zwischen der Menschenfrau und dem Ewigen. Für diese Beziehung bleiben Miller nur mehr karge Reste seines kreativen Inputs. Phrasen über Liebe übertünchen jene von Abhängigkeit und Loslassen. Es mag zwar immer noch eine gewisse Geschmeidigkeit in der Geschichte liegen – der elementare rote Faden aber verliert sich im Chaos der Moderne, deren Schattenseiten uns allen ohnehin bekannt sind und daher, so scheint es, etwas willkürlich zur Sprache kommen. Von den eskapistischen Geschichten möge es noch viele geben, nur bietet die Moderne den Zauber längst nicht mehr.

Three Thousand Years of Longing ist eine über weite Strecken fabelhafte Fabel über Storytelling und Sehnsucht, über Einsamkeit und offene Ohren. Über das besänftigende der Erfahrung und der Freiheit, sich aus Erlebtem inspirieren zu lassen für das Fiktionale. Um Liebe geht es hier nur peripher, auch wenn Miller da das Gefühl hatte, mehr beitragen zu müssen als verlangt. Der letzte, gewisse Kniff in seinem Film bleibt somit aus, das Tüpfelchen vom i bei Dschinn fehlt – ganz so wie der letzte Wunsch, der lange unerfüllt bleibt.

Three Thousand Years of Longing

Der Gesang der Flusskrebse

UNTER’M MOOS WAS LOS

5/10


gesangderflusskrebse© 2022 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: OLIVIA NEWMAN

CAST: DAISY EDGAR-JONES, TAYLOR JOHN SMITH, HARRIS DICKINSON, DAVID STRATHAIRN, GARRET DILLAHUNT, STERLING MACER JR. U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Eine junge Frau, die, isoliert von der Außenwelt, im Wald aufwächst? Kinogehern der Neunziger kommt hier vermutlich Michael Apteds Resozialisierungsdrama Nell in den Sinn. Jodie Foster, entrückt und menschenscheu, auf non- bis paraverbale Kommunikationsmittel beschränkt. Ein verkümmerter Sprachschatz, ein animalisches Verhalten. Liam Neeson hat hier das versucht, was damals schon François Truffaut in seinem Tatsachendrama Der Wolfsjunge probiert hat: den Mensch dorthin zu bringen, wo er hingehört – In die Zivilisation.

Die junge Frau, weitgehend isoliert von der Außenwelt, wird in Delia Owens Bestseller Der Gesang der Flusskrebse beibehalten. Das animalische aber ist verschwunden, der Einklang mit der Natur nicht. Begeisterten Lesern des Romans zufolge sind die Schilderungen des Marschlandes North Carolinas mit all seiner Flora und Fauna das wahre Highlight des literarischen Werks, die von einer Kakophonie an tierischen Geräuschen untermalte Stimmung zwischen Riesenbäumen und labyrinthartigen Wasserwegen der Grund, warum Owens Buch ein Bestseller geworden ist. Mittendrin in diesem grünen Biotop: Ein Mädchen namens Kya, alleingelassen von allen. Erst von der Mutter, dann von den Geschwistern und schlussendlich vom Vater. Ein Leben aus Verlassenwerden und Einsamkeit. Die Einzige Konstante: die tägliche Agenda der Vögel, die vertrauten Gezeiten, der sich niemals ändernde Mechanismus eines intakten Ökosystems. Daheim ist daheim, auch wenn man dieses Daheim mit niemandem mehr teilen muss. Kya ist aber keine Nell, wie schon erwähnt. Sie ist klug, kann sprechen, außerdem bildhübsch und logischerweise menschenscheu. Was ihr dabei noch fehlt in ihrer sprichwörtlichen Raupensammlung: Die Anklage wegen Mordes. Also zerrt man sie aus ihrer vertrauten Umgebung und pflanzt sie vor Gericht, und das aufgrund von Vermutungen und der Bequemlichkeit, eine Außenseiterin wie Kya problemlos als hexengleiches Inquisitionsopfer einzubuchten, da ihr die Lobby fehlt. Das ändert sich jedoch mit einem herzensguten Anwalt im Ruhestand, der Kya von klein auf kennt und seinen Job für diese Sache wieder aufnimmt. Mit diesem Engagement folgt der Startschuss für mehrere Blicke in die Vergangenheit, die das Leben und die Liebe Kyas illustrieren sollen.

Das Buch schwelgt hier vielleicht in wortgewaltiger Romantik im Stile eines modernen Adalbert Stifter mit seitenweisen Satzgemälden, die das Dort so lebendig werden lassen. Im Film darf die Kamera des öfteren auf den majestätischen Eichen und Sumpfzypressen verweilen, die, behangen mit dem gespenstisch anmutenden, spanischen Moos, dem Wald eine ganz eigene Aura verleihen. Tiere, insbesondere Vögel, kommen auch ab und an vor, dürfen aber nur in der zweiten oder dritten Reihe zwitschern. Viel wichtiger ist die Romanze, die in diesem Sumpfland gedeiht. Mit diesem einen jungen Mann, der Kya das Lesen beibringt und sich natürlich in sie verliebt, was bei Daisy Edgar-Jones‘ reizendem und einfühlsamem Spiel wahrlich keine Kunst ist. Und mit diesem anderen, ebenfalls jungen und auch recht adretten Macho, den das Marschmädchen auf ganz andere Weise fasziniert, der aber sehr bald nicht mehr lockerlässt.

Reese Witherspoon hat das Buch fasziniert – und für die Verfilmung das nötige Kleingeld besorgt. Bei so viel Landschaftsliteratur sollte auch die passende Regie ans Werk gehen. Gut vorstellbar, was einer wie Terrence Malick daraus gemacht hätte. Seine frühen Arbeiten, unter anderem In der Glut des Südens, erheben die Natur zu einer üppigen Sensation aus Licht und Schatten. Der Gesang der Flusskrebse wäre wohl sein Ding gewesen. Auch die für Malick typische Stimme aus dem Off hätte hypnotischer, philosophischer, ausdrucksstärker geklungen. Dazu mystische Aufnahmen von Eule und Greifvogel, Frosch und Alligator. Olivia Newman fällt der Zugang in so eine Welt sichtlich schwer. Ihre Sumpfbilder sind da, weil das Buch es verlangt. Der Konflikt mit der Zivilisation ebenso. Wichtig ist der fürs breite Publikum so relevante Herzschmerz, männliche Rivalitäten und das vergebungshungrige Schmachten reuevoller Verliebter. After Love trifft auf Jungfrau-Robinsonade? Ungefähr so, nur der periphere Kriminalfall wartet darauf, dass irgendwo gar Sean Connery aus dem Sumpf des Verbrechens steigt. Stattdessen gibt David Strathairn den integren Advokaten mit überzeugendem Schlussplädoyer.

Den Vergleich mit dem Buch kann ich an dieser Stelle leider nicht ziehen, nur traue ich Owens Werk wohl kaum diese wenig plausible Entwicklung zu, die sich im Film offenbart. Manches begnügt sich, undurchdacht zu bleiben. Der Film selbst: arg konventionell. Edgar-Jones gibt ihr Bestes, hätte aber in ihrer naturkundlichen Leidenschaft und ihrem zerbrechlich-widerstandfähigem Äußeren einen besseren, wuchtigeren Film verdient, der die Thematik des Verlassenseins weniger auf das Ende von Romanzen reduziert.

Der Gesang der Flusskrebse

Warten auf Bojangles

DAS LEBEN FEIERN BIS DER ARZT KOMMT

7/10


© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: RÉGIS ROINSARD

CAST: VIRGINIE EFIRA, ROMAIN DURIS, GRÉGORY GADEBOIS, SOLAN MACHADO-GRANER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Das Melodrama ist zurück! Schon lange habe ich im Kino keinen Film mehr gesehen wie diesen. Man hätte ja meinen können, dieses Genre gilt bisweilen als obsolet, und lediglich Romanzen der jugendlichen Sorte, die gerne gewissen erfolgsgarantierten Formeln folgen, hätten ihr Publikum. Normalerweise lasse ich mich zum Melodrama nicht unbedingt hinreißen. Die ersten Echos aus diversen filmkritischen Quellen haben mich dann doch dazu bewogen, mir Warten auf Bojangles anzusehen. Und das nicht zuletzt wegen der so charismatischen wie sinnlichen Hauptdarstellerin Virginie Efira und vor allem auch wegen den zaghaften, aber doch vorhandenen Vergleichen mit Der fabelhaften Welt der Amelie.

Nun, eine auch nur irgendwie geartete Verbindung zu letzterem konnte ich nicht feststellen. Mit Jeunets märchenhafter Bildsprache hat Warten auf Bojangles weniger etwas zu tun, sondern viel mehr mit Geschichten, die von der Koexistenz mit psychisch kranken Menschen erzählen. In diesem Fall gibt Virginie Efira, zuletzt ausgiebig hüllenlos in Paul Verhoevens Klosterdrama Benedetta, einen manisch-depressiven Wirbelwind, der mit allen möglichen Namen, nur selten mit dem eigenen, angesprochen und darüber hinaus gesiezt werden will. Auch vom Gatten Romain Duris und ihrem kleinen Sohn. Da erkennt man schon: diese verlorene Seele wird wohl allein mit der innerfamiliären Liebe, die ihr entgegengebracht wird, nicht gesunden können. Da braucht es andere Methoden. Das Wissen der Psychiatrie. Doch inmitten der Sechziger Jahre wähnte diese sich noch mit Sedativen und Eisbädern auf der sicheren Seite. Hilft gar nichts mehr, dann nur noch die Lobotomie. Bevor es jedoch soweit kommt, ist das ausschweifende Partyleben der beiden bedingungslos Liebenden auch eine Art Peter Pan-Abenteuer für den kleinen Gary (bezaubernd: Solan Machado-Graner), der sich trotz der oder gerade wegen der unorthodoxen Wunderwelt, die seine Eltern da errichtet haben, so richtig geborgen fühlt. Das Leben zu genießen und im Moment zu leben, ist eine Sache. Durchaus lobenswert natürlich, aber nicht ausschließlich. Die andere Sache ist das Entgleiten einer verantwortungsvollen Existenz, ohne die ein Leben unweigerlich im Chaos mündet.

Régis Roinsard (unbedingt ansehen: Mademoiselle Populaire – ein bezauberndes kleines Meisterwerk) hat Olivier Bourdeauts bittersüßen Roman wie eine schwerelos-überzeichnete und stellenweise auch rücksichtslos überdrehte französische Komödie adaptiert, die, sobald das Dilemma offenbar wird, zwar deutlich tragischer und ernsthafter wird, jedoch niemals in seiner existenzialistischen Schwere versinkt. Diese Leichtigkeit gäbe es in anderen Filmnationen wohl nicht. In Warten auf Bojangles, bezugnehmend auf das wiederholt zu hörende, schmachtvolle Lieblingslied des nonkonformen Liebespaares, lädt die Unmöglichkeit, mit einer massiven Krankheit wie dieser glücklich in die Zukunft hineinzuleben, zu eskapistischen Kapriolen ein. Dabei wundert es gar, dass der Film nicht in eine phantastische Alternativwelt abgleitet – insbesondere für den kleinen Gary. Der Junge ist letzten Endes der eigentlich Leidtragende der ganzen Tragödie, und der Verlust elterlicher Obhut führt zur Entrüstung, welche die sonst gelungene, teils untröstliche, weil traurige Tragikomödie unverstanden in den Abspann entlässt.

Warten auf Bojangles

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

WENN LANGFINGER TURTELN

5/10


aeiou© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: NICOLETTE KREBITZ

CAST: SOPHIE ROIS, MILAN HERMS, UDO KIER, NICOLAS BRIDET, BERNHARD SCHÜTZ, MORITZ BLEIBTREU U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Handtaschenklau ist nicht erst seit Tony Wegas kein Kavaliersdelikt mehr. Wars auch nie. Von diesen hopsgenommenen Lederwaren sind maximal die Portemonnaies von Interesse – der ganze Rest erzählt vielleicht noch ein bisschen was vom Leben derer, die diese getragen haben. Im österreichischen Spielfilm Die Farbe des Chamäleons ist dem Protagonisten wohl kaum daran gelegen, sein Taschengeld mit Barem aus fremder Börse aufzubessern – viel interessanter ist da das kleinteilige Nettogewicht an Habseligkeiten, die den Charakter der Bestohlenen teasern können. In AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe ist der Raub an Umgehängtem die scheinbar selbsttherapierende Verzweiflungstat eines verhaltensauffälligen Teenagers namens Adrian, der seinen Platz im Leben nicht finden kann. Bis er der großen Liebe begegnet. Und das ist Sophie Rois alias Anna, Opfer von Adrians Übergriffigkeit und eine am Zenit des eigenen Erfolges längst vorbeigeschrammten Schauspielerin, die sich mit halbseidenen Hörspielen herumschlagen muss und lieber Problemkindern per Schauspielunterricht auf die Sprünge helfen will. Dafür entscheidet sie sich allerdings erst, nachdem sie sieht, um wen es sich hierbei handelt. Sie coacht Adrian für sein Shakespeare-Theaterstück an der Schule, lehrt ihn die Bedeutung von Vokalen und Konsonanten und wie man sie auf der Bühne betont. Dabei kommen sich beide näher, trotz des massiven Altersunterschieds. Und es ist ja nicht so, als hätte Adrian keine sozialen Handicaps. Im Slalom von Pflegeeltern zu Pflegeeltern, findet der überdies an ADHS leidende, junge Erwachsene in Anna endlich jemanden, der ihn zu schätzen weiß.

Eine Lovestory zwischen Jung und Alt? Natürlich, zum Beispiel Hal Ashbys Harold und Maude. Doch so dominant ist die Altersschere dann doch wieder nicht. Sophie Rois, für mich erstmals präsent geworden in Stefan Ruzowitzkys Heimatthriller Die Siebtelbauern, ist längst keine Greisin wie Erni Mangold in Der letzte Tanz. Rois ist überdies nicht nur wegen ihres rauchigen Timbres eine unverwechselbare Charaktermimin, sie hat stets eine gewisse Pfeifdrauf-Attitüde, was ihr Wirken auf das Publikum angeht. Sie bleibt ihrem Charakter treu und biedert sich nicht an. Ein bisschen holprig wird’s bei den englischen Passagen, die zwar grammatikalisch alle richtig sind weil auswendig gelernt, die aber ob des dahinter schlummernden deutschen Akzents unfreiwillig komisch wirken. Newcomer Milan Herms hat seine durchaus schwierige Rolle noch besser im Griff – irgendwo zwischen Tom Schillings Müßiggängen in Oh Boy und einem jungen Jean Paul-Belmondo aus den Anfängen der Nouvelle Vague. Dabei gelingt es ihm, den Eindruck zu vermitteln, gleich den beiden Wellensittichen im Film über und zwischen den Dingen zu schweben und nirgendwo landen zu können.

Es geraten also zwei Seelen aneinander, die eine Romanze jenseits sämtlicher Konventionen versprechen. Nicolette Krebitz, als Schauspielerin zumindest aus dem Musik-Roadmovie Bandits bekannt, hätte aus ihrem Autorenfilm wahrhaftige Emotionen herausholen können, gibt ihre Zweierbeziehung aber viel zu plakativ und sprunghaft wieder. Zwischen den einzelnen Szenen liegen unbestimmte Zeitabstände, und was Sophie Rois in ihrer Rolle eigentlich will, bleibt ein Rätsel – genauso wie ihre Beziehung zum Hausherren Udo Kier, der als Nachbar lediglich Zaungast bleibt und in die Handlung kaum verwoben wird, obwohl sich beide mit Kosenamen rufen.

Eine emotional nachvollziehbare Liebesgeschichte gewinnt ihre Wirkung aus einer relativ stufenlosen Annäherung und kleinen, feinen Momenten dazwischen. In A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe setzt Krebitz tatsächlich nur Vokale für eine potenziell dichte Tragikomödie über Außenseiter ein, dazwischen entstehen Lücken, die das Szenario merkbar austrocknen. Wenn beide sich liebend und leidenschaftlich in den Armen liegen, ist das eine Szene, deren Intensität hier in dieser Romanze sonst selten zu finden ist. Und gerade gegen Ende, wenn die beherzte gesellschaftliche Rebellion – wie in Außer Atem, nur weniger kriminell – an ihre Grenzen stößt, wirft Krebitz ihrem Publikum nur noch Bruchstücke zu, die das Wesentliche zwar aufzeigen, mit den Gefühlswelten der Liebenden aber nur noch wenig zu tun haben.

A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

EIN ABENTEUER, WIE ES IM BUCHE STEHT

4/10


thelostcity© 2022 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: AARON & ADAM NEE

CAST: SANDRA BULLOCK, CHANNING TATUM, DANIEL RADCLIFFE, DA’VINE JOY RANDOLPH, BRAD PITT, OSCAR NUÑEZ, PATTI HARRISON U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Was waren das für herzhafte Screwball-Sidekicks in den Achtzigern, als sich Kathleen Turner und Michael Douglas schwitzend durch ein Abenteuer gekämpft hatten, das beide Seiten ihre Sünden abbüßen ließ: Die Jagd nach dem grünen Diamanten. Wenn aus Turners italienischen Stilettos plötzlich Praktische werden, ist das nur eines von vielen süffisanten Bonmots, die nur einer wie Robert Zemeckis inszenieren kann. Doch die Zeiten der geschmackvollen Was-sich-liebt-das neckt-sich-Parcours, die sich eigentlich schon mit African Queen ihren Einstand gaben, scheinen auf seltsame Weise vorbei zu sein. Es stelzt diesmal Sandra Bullock – im pinkfarbenen Glitter-Overall und wildnis-getunten High Heels – mit Magic Mike Channing Tatum durch den brasilianischen Inselregenwald. Beide necken sich dabei wenig, und von Liebe ist überhaupt keine Spur (wenn man von der letzten Minute des Films absieht). Katherine Hepburn oder Kathleen Turner würden mit den Augen rollen: So viele Klassiker, so viele Vorgaben – und dabei ganz vergessen, worauf es ankommt.

Ein guter Cast allein ist nämlich nicht alles. Immerhin – den haben wir hier, mit Bullock, Tatum, Da’Vine Joy Randolph als schrägen Sidekick und Daniel Radcliffe als schmierigen Bösewicht mit gefälligem Grinsen. Bullock selbst gibt eine sich selbst zwangsbeglückende Bestsellerautorin namens Angela, die aber viel lieber irgendwo auf der Welt nach antiken Schätzen graben würde als bei Marketingshows in peinlichem Outfit auf Hochstühlen herumzurutschen. Zum Femdschämen wird’s erst, als Coverboy Dash mit Hansi Hinterseer-Gedächtnisfrisur auf die Bühne schwebt, das Model all ihrer Buchcover. Die beiden verbindet nichts, nur der schnöde Mammon. Doch das ändert sich, als Angela von Radcliffes Männern fürs Grobe entführt wird. Sie soll helfen, die Schriftzeichen einer untergegangenen Kultur zu übersetzen, die damals Bestandteil ihrer Studienzeit gewesen war. Währenddessen will Dash nicht nur Covermodel, sondern auch Lebensretter sein, und engagiert den abgehobenen Mähnenlöwen Brad Pitt (leider nur in einer kleinen Nebenrolle), um die Autorin da rauszuhauen. Klar geht das schief, und alsbald sind beide, Angela und Dash, auf sich allein gestellt. Das romantische Dschungelabenteuer kann beginnen. Nur funkt und zündet hier leider so gut wie kaum etwas, und das liegt nicht an der tropischen Feuchtigkeit. Obwohl das Ensemble einander nicht im Weg steht, und auch das Wohlwollen des Publikums gewinnt, müht sich das Regieduo Adam und Aaron Nee vergeblich, aus dem wiederbelebten Subgenre erfrischend Neues hervorzukitzeln.

The Lost City ist so vorhersehbar wie ein Langstreckenflug bei gutem Wetter und bestens gewarteter Technik. All diese Versatzstücke, die The Lost City ausstatten, reihen sich in einer fast zweistündigen Formel aneinander, um den perfekten Abenteuerfilm zu mixen. Was dabei herauskommt, ist irgendwas. Jedenfalls etwas, das zur Zerstreuung dient und vorzugsweise Langeweile entstehen lässt, die ganz nett anzusehen ist, weil eben der Cast seine Arbeit macht. Der Rest bleibt ein schales Straucheln, Stolpern und Rutschen mit müden Gags, gestelzter Romantik und gar keinem Grip.

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

Fresh

ROTKÄPPCHEN UND DAS WOLFSRUDEL

8/10


fresh© 2022 20th Century Studios All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: MIMI CAVE

SCRIPT: LAURYN KAHN

CAST: DAISY EDGAR-JONES, SEBASTIAN STAN, JONICA T. GIBBS, CHARLOTTE LE BON, ANDREA BANG, DAYO OKENIYI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Männer wollen doch immer nur das eine! Vermutlich schon, denn wären die Triebe nicht, gäbe es keine Beziehungen. Oder nur wenige, rein platonische. Die Lust am anderen (oder gleichen) Geschlecht ist stets der Anfang von viel mehr. Oder bleibt in den niederen Gefilden von Sex und körperlicher Liebe verhaftet, weil so manche Männer einfach nur genau das wollen und Frauen auf ihre äußerlichen Reize reduzieren. Gegen die aufblasbare Gummipuppe aus dem Beate Uhse-Versandkatalog scheinen „echte“ Frauen aber stets die Nase vorn zu haben, nichts kann die natürliche Physis ersetzen. Um das zu bekommen, was Mann will, gibt’s Dating-Apps wie Tinder. Passen die Matches, ist noch längst nicht gesagt, ob‘s Auge in Auge dann auch noch hinhaut. Meist nicht, meist ist es nach einem One-Night-Stand nicht nur beziehungstechnisch vorbei, sondern auch die Würde dahin. Doch Mann hat bekommen, was er wollte und zieht weiter. Wie ein Jäger auf der Pirsch nach Freiwild. Oder – wie wir seit EAV’s Märchenprinzen wissen: Zu viele Jäger sind der Hasen Tod.

Dazwischen jedoch, und um einiges weiter abseits, bleibt das Patriarchat nicht unkreativ, um mehr zu bekommen als möglich ist. Diese Erfahrung muss die junge Noa alsbald machen, als sie, entnervt und enttäuscht nach so einigen Blind Dates, im Supermarkt Bekanntschaft mit dem äußerst attraktiven Steve macht. Wen haben wir da vor uns: „Winter Soldier“ Sebastian Stan, sehr schick, sehr distinguiert und charmant. Ein Mann, den Frau sich nur erträumen kann, weil es diesen in natura einfach nicht gibt. Kurz danach folgt das Grand Opening einer leidenschaftlichen Liaison, wie wir sie schon aus diversen anderen RomComs oder erotischen Krimis kennen. Das dann alsbald ein unangenehmes Erwachen folgt, liegt auf der Hand. Der Punkt in dieser Sache ist nur: Welcher Art ist dieser Wermutstropfen auf die rosarote Glückseligkeit, der so bitter schmeckt wie ein roher Satanspilz?

Die Erkenntnis sickert wie der Schmerz beim Anstoßen der kleinen Zehe mit einiger Verzögerung sortenrein ins Hirn – und ist umso verstörender, je länger man darüber nachdenkt. Die Frau als Objekt der Begierde findet in Mimi Caves haarsträubender Groteske Fresh ihre destruktivste Bestimmung, der Horror macht sich in den Köpfen breit und in der sprachlosen Empörung, zu welchen niederträchtigen Marktlücken das starke Geschlecht sich hinzureißen gedenkt. Carey Mulligan aus Promising Young Woman, die mit der stumpfen Schwanzsteuerung von Männern Schlitten fährt, hätte selbst hier wohl einige Zeit gebraucht, um ihren vor Erstaunen geöffneten Mund zu schließen. Doch es ist, wie es hier ist, und bedurfte zumindest bei mir eines zweiten Anlaufs, nach so vielen Tabubrüchen dennoch dranzubleiben.

Fazit: Es lohnt sich. Denn das Ganze erzeugt einen Topspin, dem man sich ungern entziehen will. Fresh ist eine so abstoßende wie faszinierende, zutiefst makabre Satire auf Körperwahn und männliche Dominanz, Missbrauch und sexueller Versklavung. Themen, die in einem 70er Jahre Grindhouse-Slasher als billig-perverse Blutoper für Magenverstimmungen gesorgt hätten. Mimi Cave und Drehbuchautorin Lauryn Kahn sind dieser Phase aber erhaben. Ihr Film hat Stil und trotz all der Verrohung enormen Anstand. Bei wohl kaum einem anderen Film der letzten Zeit trifft die Bezeichnung fancy wohl am ehesten zu wie auf diesen: das Grauen ist schick gekleidet, die Ausstattung akkurat und so penibel wie in American Psycho. Das Intellektuelle bringt das aalglatte Böse erst hervor, dass in einer beunruhigenden Selbstverständlichkeit agiert. Sebastian Stan ist dafür wie geschaffen – er übertreibt nicht, und er gibt sich keinem charakterlichen Wandel hin wie in so manchen Thrillern, die dadurch enorm viel Plausibilität einbüßen. Das Juwel des Films ist aber die wirklich bezaubernde Daisy Edgar-Jones (Krieg der Welten), die hier ihr Spielfilmdebüt hinlegt und dabei – einer jungen Sissy Spacek ähnlich – in einer Mischung aus Furcht, Trotz und Esprit Mulligans Femme Fatale den Rang abläuft und die Herzen ihres gesamten Publikums gewinnen wird.

Mit ihrer Performance – und der innovativen, filmischen Erzählweise, die mit symbolhaften, kurios geschnittenen Bildcollagen die kluge Metaebene offenbart, schafft es Fresh, die Grenze des guten Geschmacks zu verschieben und mit genug spottender Coolness beängstigende männliche Vorlieben so zu konterkarieren, dass sie einem nichts mehr anhaben können.

Fresh

Licorice Pizza

START-UPS MIT HERZKLOPFEN

7/10


licoricepizza@ 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: PAUL THOMAS ANDERSON

CAST: COOPER HOFFMAN, ALANA HAIM, SEAN PENN, TOM WAITS, BRADLEY COOPER, BENNY SAFDIE, SKYLER GISONDO, MARY ELIZABETH ELLIS, EMMA DUMONT, MAYA RUDOLPH U. A. 

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Die drei Filmemacher, die sich Anders(s)on nennen – Wes, Roy und Paul Thomas – haben eines gemeinsam: eine Vorliebe für szenische Miniaturen, für Anekdoten, die durchaus autobiographisch gefärbt sein können. Der neue Film von letzterem, also Paul Thomas, erzählt im Grunde genommen die simple Lovestory zwischen einem Teenager und einer um zehn Jahre älteren Frau, versetzt diese aber so sehr mit charmant-skurrilen Alltags-Bonmots, dass man vermuten könnte, Licorice Pizza bietet mehr als nur das. Nämlich ein ganzes Zeitbild. Dabei bemüht das Kino abermals die Siebziger, von denen es nicht genug bekommen kann. Die Mode, die Musik, der Lebensrhythmus, die Sehnsucht nach einer Zeit ohne Handy und Internet, wo junge Leute tatsächlich noch physisch mit angepackt haben und nicht nur über Tiktok Blödsinn ausprobieren. Die Siebziger, die waren echter, greifbarer, direkter. Paul Thomas Anderson würde überhaupt den Rest seines Lebens dort verbringen, das war doch schon in Inherent Vice oder Boogie Nights so. Womöglich sind da Anderson selbst wirklich einschneidende Erlebnisse widerfahren. Vielleicht gar so eine Schwärmerei wie diese.

Im Zentrum des Geschehens steht der Kinderschauspieler und Jungunternehmer Gary Valentine, der eines Tages an der Schule Alana kennen und lieben lernt. Sie ist diejenige, mit der er den Rest seines Lebens verbringen will. Er lässt nicht locker, um ein Date zu arrangieren. Aus diesem Date entwickelt sich eine Freundschaft mit einseitiger Verliebtheit. Alana fühlt sich natürlich geschmeichelt, möchte die Avancen Garys einerseits nicht missen, andererseits ist sie seine Anstandsdame. Und außerdem Jüdin. Sowas vertragen die gesellschaftlichen Normen der Siebziger nicht. Aufbauend auf diesen Status Quo, stampfen Gary und Alana allerlei gemeinsame Projekte aus dem Boden, dank des Start-Up-Know Hows des jungen, etwas pummeligen Tausendsassas, der einmal mit Wasserbetten, dann wieder mit Flipperautomaten die Wirtschaft ankurbelt. Zwischendurch probiert sich Alana im Schauspiel, und überhaupt ist die Spielwiese der beiden gefühlt ganz Amerika, das sich aus- und umprobieren lässt. Das mal abenteuerlich, mal streitbar, mal gefühlvoll vor sich hin blubbert. Als wäre die ganze Welt ein Wasserbett.

Irgendwann aber meint es Paul Thomas Anderson zu gut mit seinem Zeitbild, mit seinen Anekdoten und Gastauftritten einiger Stars, die in ihren kleinen Rollen so sehr punkten, weil nicht viel davon abhängt und der Druck, einen ganzen Film zu tragen, nicht auf ihren Schultern lastet. Geheimes Highlight des Films: Bradley Coopers Performance in Weiß. Licorice Pizza (der im Film niemals erwähnte Name eines Plattenlabels aus den Siebzigern) lässt im Bild- und Erzählstil von American Graffiti oder Once Upon a Time… in Hollywood zwei komplett unbekannte, erfrischend neue Gesichter die Leinwand füllen: Alana Haim und Cooper Hoffmann, Sohn des viel zu früh verstorbenen Philipp Seymour. Und auch wenn man es nicht weiß – der Junge sieht seinem Papa unglaublich ähnlich. Sein Spiel ist ungekünstelt und fernab jeglichen Manierismus – ein unbeschriebenes, strahlend helles Blatt. Genauso wie Alana Haim, die gleich ihre ganze Familie mit in den Film geholt hat, um ihre Familie zu spielen. Die junge Dame mit der markanten Nase und dem verschmitzten Lächeln ist einfach hinreißend und genauso authentisch wie ihr Partner. Ein einnehmendes Duo, mit viel Sympathie füreinander und ihr Publikum.

Ist Licorice Pizza also der beste Film der letzten Jahre, wie Kritiker meinen? Der große Wurf? Ich würde meinen: Mit Anderson ist diesmal seine Fabulierlust durchgegangen. Zum Glück verliert er sich nicht so sehr in Nebensächlichkeiten wie in dem aus meiner Sicht leider missglückten Inherent Vice, doch dennoch zieht sich das Sammelsurium aus Romanze und den Abenteuern eines Jungunternehmers deutlich in die Länge. Und die Frage, die mich dabei stets beschäftigt: Warum müssen der Teenie und auch all seine Freunde eigentlich nicht zur Schule? Warum darf ein Minderjähriger ein Unternehmen gründen? Woher hat Gary das Know-How? Könnte sein, dass Licorice Pizza ein Film über ein Genie ist, in einer paradiesischen Siebziger-Alternativwelt, in der alles möglich zu sein scheint.

Licorice Pizza

Der Hochzeitsschneider von Athen

NACH STICH UND FADEN

5/10


hochzeitsschneider© 2021 Neue Visionen Filmverleih


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, BELGIEN, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: SONIA LIZA KENTERMANN

CAST: DIMITRIS IMELLOS, TAMILA KOULIEVA-KARANTINAKI, THANASIS PAPAGEORGIOU, STATHIS STAMOULAKATOS, DAFNI MICHOPOULOU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Oder: Erfolgreiches Business hängt von der derzeitigen Nachfrage ab, egal, ob diese einem selbst in den Kram passt oder nicht. Für diese Erkenntnis braucht der Hochzeitsschneider von Athen, der anfangs noch gar keiner ist, sondern zündteure Herrenanzüge in der Auslage verstauben lässt, einen ganzen Film lang. So wenig Kenntnisse im Marketing? Allein: Es fehlen die Wifi-Kurse und ergänzenden Schulungen, um selbst nicht als arbeitslos in der Statistik aufzuscheinen. Seinen Laden könnte Niko genauso gut schließen, aber da ist immer noch der altehrwürdige Papa, der seinen Traditionsladen so sehr verteidigt wie den Tempelberg in Jerusalem. Eine Institution ist das – die aber keinen mehr interessiert. Nicht zu vergessen: Wir sind in Griechenland, einem Staat, der auf Finanzspritzen aus der EU angewiesen war und durch leere Staatskassen die halbe Bevölkerung in die Verzweiflung getrieben hat. Wo kein Geld, da auch keine Kaufkraft. Nikos Papa ist also ein Relikt aus dem alten Griechenland – den Traditionen verhaftet, aber ohne Sinn für Improvisation. Das, was Alexis Sorbas so gut konnte, scheint der neuen Generation am Peloponnes abhanden gekommen zu sein. Diese zu finden ist jedoch möglich. Niko macht sich auf die Suche. Und variiert das Bibelzitat Berg-Prophet auf praktische Weise.

Laut dem Kinotrailer von letztem Jahr erschien Der Hochzeitsschneider von Athen als liebevoll-schrullige, intelligente Komödie mit dem notwendigen romantischen Zierrat. Und tatsächlich beginnt sie auch als ein lakonisches, schräges Stück mimischer Komödie, die Schauspieler Dimitris Imellos als Hommage an Figuren wie Jacques Tati, Buster Keaton oder Mr. Bean hinter dem Tresen stehen und an seiner akkuraten Kleidung zupfen lässt. Sein Gesichtsausdruck ist dabei stets derselbe, und ändert sich auch im Laufe des Films nicht. Eigenwillig, natürlich. Aber warum nicht. Seltsam nur, dass die ganze Geschichte genauso wenig in die Gänge kommt wie Emilios Gesichtsmuskulatur. Mit einer alles Herr werdenden Phlegmatik probiert das tapfere Schneiderlein neue Geschäftsstrategien, und schon bald bauschen sich tortenähnliche Kleider den Weg zu den Herzen heiratswilliger Frauen. Wer jemals Hand an eine Nähmaschine gelegt und dabei Freude empfunden hat, wird sich diese griechische Textilkomödie sicherlich auf die Watchlist setzen. Und die Idee ist ja vielversprechend – nur ist das stocksteife Spiel des Lebenskünstlers Niko so ziemlich hemmend für ausgelassene Stimmungen und positiven Esprit. Was sich aber mit diesem ungelenken Ausdruck bestens vereint ist der Tonus der Inszenierung. Auch hier bemüht die deutsche Regisseurin Sonia Liza Kentermann einen wohl adrett und knitterfrei gefilmten, aber zugeknöpften Stil, der durch seine fehlplatzierte Introversion die eigentlich charmante Geschichte nicht in Fahrt bringt. Erst am Ende zuckelt der Kleiderwagen befreit über die Landstraßen dahin, aber da ist der Film auch schon aus.

Der Hochzeitsschneider von Athen

Gaza Mon Amour

IN DER GUNST DES APOLLO

6/10


GazaMonAmour© 2021 Alamode Film


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, PORTUGAL 2020

BUCH / REGIE: ARAB & TARZAN NASSER

CAST: SALIM DAW, HIAM ABBASS, MAISA ABD ELHADI, GEORGE ISKANDAR, HITHAM OMARI U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die Gebrüder Tarzan und Arab Nasser hätten es fast geschafft, ihre verschmitzte Alltagsminiatur der Academy of Motion Pictures and Science als würdig für den Auslandsoscar zu verkaufen. In Gaza Mon Amour suchen weder epische Schicksale die hier Mitwirkenden heim, noch wagt die Geschichte narrative Bocksprünge, bei denen einem die Brillen runterfallen. Nichts dergleichen geschieht hier – im Grunde ist es nicht nur das Warten auf den Linienbus in Gaza Stadt, sondern auch auf das Warten einer transzendentalen Eingebung, die festgefahrenen religiösen wie ethnischen Ansichten längst erhaben zeigt. Das passiert dann auch, in Gaza Mon Amour, und zwar widerfährt dieser Wink von oben, aus einer ganz anderen Ecke antiker Weltanschauungen, einem genügsamen Fischer, der jede Nacht aufs Meer hinausfährt, um seinen Fang dann tags darauf am Markt zu verkaufen, wobei er stets die Chance hat, der netten Schneiderin von nebenan einen schönen Tag zu wünschen. Da braucht er sich gar nicht mal groß vor einem eifersüchtigen Ehemann in Acht zu nehmen, denn den gibt es nicht mehr. Siham ist nämlich geschieden. Eines Nachts zieht der gestandene Issa nicht nur seine Fische aus dem Wasser, sondern auch eine antike Statue des Gottes Apollo. Das Besondere dabei: das bronzene Abbild des schön gestalteten Jünglings feiert im Intimbereich nachhaltige Potenz, und das ganz ohne Viagra. Was tun mit diesem Fund? Der Behörde melden? Oder einfach mit nachhause nehmen und vorerst mal verstecken. Vielleicht hilft’s ja was in der Sache mit Siham.

Die Welt im Nahen Osten scheint also noch nicht ganz von allen guten Göttern verlassen. Obwohl entfernt die Bomben donnern und immer wieder Schüsse zu hören sind, ist die andauernd schwelende offen Wunde des Scharmützelkrieges gerne etwas, dem Leute wie Issa oder Siham keine Beachtung mehr schenken, wenn’s denn nicht unbedingt sein muss. Eine dritte, unsichtbare Kraft bahnt sich den Weg zwischen zwei einander zugetane Menschen, die ihr Glück nicht in der Flucht sehen, sondern in einem möglichen Miteinander, inmitten einer Welt, die ihnen immerhin noch gut vertraut ist. Tarzan und Arab Nasser injizieren dem redundanten Alltag jener, die ihrer schlichten Existenz nachgehen, ein Quäntchen Zauber. Natürlich muss dieser verdient sein – es gibt Ärger mit der Polizei und den Behörden, aber dargestellt als kauziges Abenteuer aus den Seitengassen großer Weltbühnen.

Großes Kino ist Gaza Man Amour keines. Wohl eher eine lakonische, allerdings sehr volkstümliche Romanze, der ein bisschen mehr metaphysische Präsenz vielleicht noch gutgetan hätte. Die vielleicht zu behutsam der Mentalität vor Ort auf den Zahn fühlt. Schwierig, wenn man das ganze Politikum außen vorlassen will und etwas Unbefangenes erzählen möchte. Die Ambition dahinter ist verständlich, Apollos Gunst dabei nur eine zaghaft arrangierte Allegorie.

Gaza Mon Amour

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie

FRÜHER WAR ALLES BESSER

5,5/10


reminiscence© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: LISA JOY

CAST: HUGH JACKMAN, REBECCA FERGUSON, THANDIWE NEWTON, CLIFF CURTIS, MARINA DE TAVIRA, DANIEL WU, MARTIN SHEEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es gab Zeiten, da saß man, mit aufgeschlagenem Fotoalbum am Schoß, auf der Couch und schwelgte in Erinnerungen anhand bereits schon leicht blaustichiger Fotografien, die die eigene Kindheit und Jugend oder einfach nur unvergessliche Momente dokumentierten. Oft sah man sich diese Alben gemeinsam mit anderen an, nicht selten fiel da die eine oder andere Anekdote. Ein herzliches Lachen, ein „Weißt du noch“… Dabei ist nichts gehaltvoller als das eigene Kino der Erinnerungen im Kopf. Denkt man zurück, erlebt man nicht nur die Emotionen nochmal durch, auch das Periphere, Physische. In nicht allzu ferner Zukunft – einer Zukunft im postklimatischen Zeitalter, nachdem der Meeresspiegel längst gestiegen, zum Beispiel die Halbinsel Florida überflutet und die Welt einen nicht näher definierten Krieg überstanden hat – scheint der Mensch in seiner Fähigkeit, sich zu erinnern, so ziemlich verkümmert. Die eigene Kraft der Imagination ist erschöpft, demzufolge gibt es allerdings Techniken, die es möglich machen, in die gedankliche Vergangenheit eines Menschen einzutauchen, damit dieser das Gewesene so erleben kann, als würde es gerade jetzt passieren. Klingt irgendwie nach etwas, das süchtig macht.

Hugh Jackman als Betreiber eines solchen Reminiscence-Salons kann hier täglich den im Wasser dahintreibenden Nostalgikern über die Schulter blicken, um nicht ganz ohne voyeuristischer Tendenz an den Erinnerungen fremder Menschen teilzuhaben. Eines Tages allerdings betritt eine geheimnisvolle Schöne den Laden, um eigentlich nur ihre verlegten Schlüssel zu finden. Aus dieser Begegnung wird natürlich mehr, und Rebecca Ferguson und Hugh Jackman erleben bald die schönsten Stunden und Tage ihres Lebens – bis die Dame verschwindet. Jackman macht sich natürlich auf die Suche – sowohl in seinen Erinnerungen als auch im versunkenen Miami. Und entblättert ein Netz aus Erpressung, Täuschung und Gier.

Lisa Joy, ihres Zeichens mitverantwortlich für den Erfolg der Science-Fiction-Serie Westworld, bleibt mit Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie ihrem Genre treu, verliebt sich aber zugleich in den Stil des alten Film Noir, in welchem sich unter anderem Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder Lauren Bacall in obskuren Schicksalen verstrickten. Diese Affinität zum gediegenen Edelkrimi ist Fluch und Segen für diesen Film zugleich. Warum? Einerseits findet Joy ein schillernd-hypnotisches Setting für ihren Liebes- und Leidensweg, mit verlassenen Vergnügungsparks und pittoresken Straßenzügen in Art Deco – andererseits nimmt sie mit ihrer artig zurechtgeschriebenen Kriminalgeschichte der schwülstig-schwülen Stimmungs-Dystopie sehr viel innovativen Esprit. Kurz gesagt: Reminiscence gerät rein narrativ zu einer recht altbackenen, fast schon regressiven Geheimniskrämerei, in der Hugh Jackman mal mehr, mal weniger gut aufspielt. Letzten Endes lässt einen die tragische, aber recht banal wirkende Liasion zwischen den beiden vom Schicksal gebeutelten Stars auch relativ kalt, während man wohl selbst lieber zwischen dem neuen Venedig Floridas herumschippern würde, um so manchen dem Verfall preisgegebenen Monumenten von früher zu begegnen. So ein Erlebnis bliebe sicher gut in Erinnerung.

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie