See How They Run

DER KRIMI IM KRIMI

4/10


seehowtheyrun© 2021 20th Century Studios All Rights Reserved


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: TOM GEORGE

BUCH: MARK CHAPPELL

CAST: SAM ROCKWELL, SAOIRSE RONAN, ADRIEN BRODY, DAVID OYELOWO, RUTH WILSON, HARRIS DICKINSON, SHIRLEY HENDERSON, PEARL CHANDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Schlagen wir mal das Buch der Rekorde auf. Unter der Rubrik Theater und Schauspiel wäre auch in der allerneuesten Guinness-Ausgabe folgender Eintrag zu finden: Agatha Christies Die Mausefalle gilt als das am längsten ununterbrochen laufende Theaterstück der Welt (abgesehen von der überall gesetzten Pause durch Covid-19).

Da kann selbst die Lindenstraße klein beigeben, denn Christies Stück holt sich bereits seit 1952 den Applaus von der Bühne ab, selbstredend in unterschiedlicher Besetzung, wie bei Dr. Who, nur eben als Live-Event. Im Dunstkreis dieser Bühnen-Hommage auf einen klassischen Whodunit bettet Regie-Newcomer Tom George mit der nostalgischen Komödie See How They Run einen Krimi in einen Krimi. Ein bisschen erinnert mich die Sache an den Miss Marple-Klassiker Vier Frauen und ein Mord, einer der vier schwarzweißen Ausflüge von Margaret Rutherford, welche eine Theatertruppe infiltriert, um einem Mörder auf die Schliche zu kommen. Und ja – auch dort segnet so manches Opfer das Zeitliche vorort, auf den Brettern der Welt, jedoch nicht während der Vorstellung wie in diesem nagelneuen Streifen, der aber weniger erfrischend anmutet wie das zum Vergleich von mir herangezogene Samstagnachmittag-Guilty Pleasure von George Pollock aus dem Jahre 1964.

Es passiert also ein Mord. Und der beginnt gar nicht mal aus der Sicht eines wortlosen Beobachters, der quasi das Publikum darstellt, sondern aus der Sicht des Mordopfers. Siehe da, es ist Adrien Brody – zuletzt als Arthur Miller in Blond zu sehen. Dieser spielt hier den Filmemacher Leo Köpernick, der irgendwann in den Fünfzigerjahren und anlässlich der 100. Aufführung von Die Mausefalle den Stoff für einen Film adaptieren soll. Um sein kreatives Know-How einzubringen, fallen ihm einige Adaptionen ein, die das Werk für die Leinwand wohl spannender und griffiger gestalten würden, wofür Produzent John Woolf allerdings keinerlei Interesse zeigt. Der sich selbst überschätzende, zur Gala-Aufführung geladene Köpernick baggert zum Leidwesen des jungen Richard Attenborough noch dazu dessen Ehefrau an, um kurze Zeit später in der Garderobe hinter der Bühne tot aufgefunden zu werden. Wer hat’s getan?, stellt sich der zerknitterte und trinkfreudige Ermittler, Inspektor Stoppard, die Frage. Ihm zur Seite wird ihm – natürlich zu seinem anfänglichen Leidwesen – Constable Stalker gestellt, eine wissbegierige, neugierige und übermotivierte junge Frau, die alles, was ihren Horizont erweitert, in sich aufsaugen möchte – und gar oft voreilige Schlüsse zieht.

Es fällt schwer, die Handlung dieser Krimikomödie länger in Erinnerung zu behalten als bis zu dem Zeitpunkt, zu welchem ich hier diese Review verfasse. Interessanterweise tummeln sich in diesem Film sämtliche historische Persönlichkeiten der britischen Kulturszene, angefangen eben von Richard Attenborough über besagten Produzent Woolf bis Agatha Christie, die selbst eigentlich noch nie in einem Kinofilm dargestellt wurde, nicht mal in der Ermittlerfarce Ein Leiche zum Dessert, was ich fast vermutet hätte. Diese schillernde Gesellschaft macht Tom Georges Debüt aber auch nicht besser. Einen Whodunit kann man so knackig inszenieren wie Rian Johnson mit Knives Out. Oder aber man inszeniert ihn so völlig ohne Belang wie See How They Run. Sam Rockwell und Saoirse Ronan sind gut, Liv Lisa Fries und Volker Bruch aus Babylon Berlin sind besser. All diesen vielen Figuren mangelt es nicht nur an biografischer Tiefe – auch sind sie nur so weit charakterisiert, soweit ihr Auftritt reicht. Und das, obwohl Rockwells Rolle mehr mit dem Fall verbunden sein will als man vielleicht vermutet hätte. Das macht den Fall aber auch nicht relevanter, sondern noch zerfahrener als er ohnehin schon ist. So schleppt sich das Ensemble durch eine hausbackene Regie, das sich schwertut, selbst die zum Verklären einladenden Fifties entsprechend attraktiv ins Bild zu rücken.

See How They Run (die Bedeutung des Titels erschließt sich mir nicht) bemüht sich, ein Gespür für Krimis besitzen zu wollen, wie Agatha Christie eins hatte. Nur leider setzt Tom George selten die richtigen Schwerpunkte, um den Murder Mystery so richtig den Suspense abzuringen.

See How They Run

Enola Holmes 2

DIE MÄDCHEN AUS DER STREICHHOLZFABRIK

5,5/10


Enola Holmes 2© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: HARRY BRADBEER

BUCH: JACK THORNE

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, HENRY CAVILL, LOUIS PARTRIDGE, DAVID THEWLIS, ADEEL AKHTAR, HELENA BONHAM CARTER, SHARON DUNCAN-BREWSTER, SUSIE WOKOMA, ABBIE HERN, HANNAH DODD U. A. 

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Da ist er wieder, unser taufrischer Springinsfeld, und dieses Jahr 18 geworden: Milly Bobby Brown. Diesmal bleibt der Shooting-Star von Nasenbluten verschont und wirft auch keine Dämonen gegen Wände. Als Eleven gibt sie in Stranger Things die zur Kultfigur gewordene Auserwählte, die zwischen Upside Down und unserer Welt steht. Als Enola Holmes ist sie besagte Schwester des berühmten Sherlock und so hyperaktiv, das man sich allein schon beim Zusehen tiefer in die Couch gräbt. Diese Übermotivation spiegelt sich auch in Browns Mimik, die, als wäre sie der Character eines Comics, in überhöhter Expressivität alle möglichen Gefühlslagen, die ein junger, positiv gestimmter, aber manchmal auch recht impulsiver Mensch an Emotionen nur so darstellen kann. Das ist anstrengend, das muss auch für Bobby Brown anstrengend gewesen sein, denn sie gibt alles, und weiß auch, dass sie das kann, denn nicht umsonst wanderten für diese Rolle (angeblich) satte 10 Millionen auf ihr Konto. Netflix wird das schon wieder einnehmen, denn Enola Holmes 2 ist Event-Kino für Daheim, dass Jung und Alt und ganze Familien gleichermaßen konsumieren können, ohne verstört das Feld zu räumen, auch wenn manchem Opfer das Messer aus der Brust ragt.

Harry Bradbeer übernimmt auch diesmal wieder die Regie, und alles, was mit Gewalt, Mord und Tod zu tun hat, wird Teil einer vergnüglichen, latent spannenden Schnitzeljagd, die sich geschichtlicher Fakten annimmt, welche ganz gut in unsere Zeit passen und so schwindelerregend brisante Themen wie tobsüchtige Konzerngewalt, mit Füßen getretene Menschenrechte und die Diskriminierung der Frau einer tüchtigen Enola Holmes um den Latz knallen. Natürlich zeigt sie sich engagiert und entsprechend aufsässig, ganz so wie ihre Mutter (Helena Bonham Carter), die, wie wir aus Teil 1 noch wissen, untertauchen musste. Dabei beginnt alles mit der Bitte eines Mädchens aus einer Streichholzfabrik, sich ihrer verschwundenen Kommilitonin anzunehmen, die ebenfalls dort gearbeitet hat und nun als vermisst gilt. Holmes forscht nach und erregt dabei das Interesse ihres Bruders Sherlock (Henry Cavill), der gerade an einem ganz anderen Fall arbeitet, welcher aber, wie es scheint, doch irgendwie mit jenem seiner kleinen Schwester zusammenhängen muss. Es wird herumgeschlichen und investigiert, es werden Verdächtigungen geäußert und es klicken bei Enola sogar mal die Handschellen. Das alles vor dem Hintergrund des 1888 stattgefunden Streiks rund um Sarah Chapman, die seitdem als Pionierin im Bestreben, Fairness am Arbeitsplatz zu gewährleisten, in die Geschichte der Gleichberechtigung eingegangen ist.

So richtig hemdsärmelige Unterhaltung bietet sich hier, mit moralischer Korrektheit und einem ekelhaft fiesen David Thewlis (zuletzt ähnlich diabolisch in der Serie The Sandman). Jenseits dieser Abgründe erlebt Bobby Brown Abenteuer, die jugendliche Detektivinnen nun mal so erleben – vom Tatort eines Mordes bis hin zum Walzertanz mit üblichen Verdächtigen und natürlich dem Herzbuben. Bradbeers Film ist akkurat und überlässt gar nichts dem Zufall. Es wäre fast zu meinen: Hier ebnen Formeln den Weg zum Erfolg, die so sicher funktionieren sollen wie das Amen im Gebet. Wäre diese Offensichtlichkeit nicht schon genug, betreibt Hollywood mit Enola Holmes 2 Besetzungspolitik im observierenden Scheinwerferlicht der Diversität. Gut möglich, dass erst die Debatte ums Casting für Die Ringe der Macht mich selbst dahingehend sensibilisiert hat, dass mir nun die Matrix dahinter so sehr aufzufallen scheint. Da Hollywood von heute auf morgen und so plötzlich seine politisch korrektes Soll erfüllen will, bleibt der Nachgeschmack wohl einer jener Sorte, die daran erinnert, dass Schauspieler nicht in erster Linie deswegen besetzt werden, weil sie der verlangten Rolle entsprechen würden, sondern aufgrund ihres ethnischen Steckbriefs. Das macht Enola Holmes 2 zu einem durchgetakteten und daher wenig spontanen Unterhaltungsfilm, der mit gutem Betragen beeindrucken will. Natürlich ist der Film handwerklich top, und Bobby Brown erhält aufgrund ihres burschikosen Verhaltens eine Vorzugsnote, doch hinter dieser strebsamen Gefälligkeit fühlen sich die gesellschaftspolitische Agenden doch nur oberflächlich an. 

Enola Holmes 2

Pixie

KEIN TASCHENGELD FÜR BÖSE JUNGS

4,5/10


pixie© 2022 Plaion Pictures / Aidan Monaghan


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: BARNABY THOMPSON

BUCH: PRESTON THOMPSON

CAST: OLIVIA COOKE, BEN HARDY, DARYL MCCORMACK, FRA FEE, RORY FLECK-BYRNE, COLM MEANEY, ALEC BALDWIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Einmal um die ganze Welt, und die Taschen voller Geld… tja, davon hat sicherlich nicht nur der ehrenwerte Karel Gott als kleiner Bub geträumt. Denn: Ohne Geld ka Musi. Ohne Moos nix los. Auf dieser oder einer ähnlichen unbefriedigenden Gesamtsituation mangels Ersparten basieren rund die Hälfte aller Unterhaltungsfilme, die ihre Pro- und Antagonisten aufs kriminelle Pflaster schicken. Schön und gut, als Zuseher reizen solche Thematiken immer, denn dort, auf dem Bildschirm oder der Leinwand, sieht man Leute Dinge probieren, zu denen man sich selbst nicht hinreißen lassen würde, aus Scham oder Skrupel oder einfach, weil man zu wenig Mumm dafür hat. Im Kino sind der Mumm und die Tendenz zum Verbrechen das, was uns zum Zusehen verlockt. Nicht selten fühlt man sich, vermengt mit Schadenfreude, mehr als bestätigt, die eigene gesetzestreuen Blase noch nicht verlassen zu haben, wenn der Coup am Screen schiefgeht. Sowas nennt man dann Film Noir. Weniger traurig sehen dann Filme aus, die jemanden wie Olivia Cooke, die derzeit ja Westeros in House of the Dragon beehrt, ins Rennen schicken.

Wenn schon jemand, der sich Pixie nennt, den Weg raus aus Irland sucht, und zwar mit dem nötigen Taschengeld, und sich dabei den Unmut Alec Baldwins zuzieht, dann sollte das Schicksal diesen jemand auch begünstigen. Pixies, das sind doch die kleinen, aus dem Paradies verstoßene Fabelwesen Großbritanniens, die allerhand Schabernack treiben und gar als Testimonial für eine handflächengroße Buchreihe herhalten müssen, die gerade bei Kindern sehr beliebt ist. Ungefähr so keck und frivol will auch Olivia Cooke daherkommen. Und natürlich muss sie dabei zwei sympathische Möchtegern-Gauner an der Nase herumführen. Wie auch immer. Pixie ist also eine Thrillerkomödie, in der es tatsächlich nur darum geht, wie drei junge Leute zwei Taschen voller Geld entwenden, die der irischen Unterwelt gehören. Natürlich schickt diese ihre besten Soldaten aus. Zu den bösen Jungs zählen wie schon erwähnt Priester Alec Baldwin mit wenig Spielzeit, die fast schon am Cameo grenzt und dessen Figur wenig charakterliche Substanz hat. Und da haben wir Colm Meaney – der ist etwas länger zu sehen, doch auch er bedient sich sämtlicher Verbrecherklischees und möchte so sein wie Tony Soprano. Familienfreundlich, aber nach außen hin unerbittlich. So sind sie doch alle.

Und auf diese Weise, wie all diese Stereotypen durch die grünbraune Landschaft Irlands hintereinander her sind, scheint auch der ganze Film unter einer gewissen Stereotypie zu leiden, aus der nicht mal Olivia Cooke entkommen kann. Dafür, dass Produzent Barnaby Thompson (seinerzeit verantwortlich für Waynes World und einigen Oscar Wilde-Verfilmungen) seinen eigenen Film auch inszeniert und fürs Skript seinen Sohn engagiert hat, kommt dabei wenig geistiges Eigentum zustande, sondern sichtbare Schwärmereien für Genreklassiker, die aber dank ihrer zynischen Tendenzen ihren Plot auch so heiß essen, wie sie ihn gekocht haben. Pixie wird letzten Endes lauwarm serviert, und kaum dürfte das Lebensglück einer frechen Olivia, die alle gegeneinander ausspielt, mehr egal sein als hier. Würde Pixie ein bisschen mehr über ihre eigene Dreistigkeit stolpern, hätte der Streifen deutlich mehr Reibungsfläche.

Pixie

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men

Massive Talent

NICK FUCKIIIIIIIIIIING CAGE!

5,5/10


massivetalent© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: TOM GORMICAN

CAST: NICOLAS CAGE, PEDRO PASCAL, SHARON HORGAN, TIFFANY HADDISH, LILY MO SHEEN, NEIL PATRICK HARRIS, ALESSANDRA MASTRONARDI, JACOB SCIPIO U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Nicolas Cage und die Geografie: beide können einander nicht so gut riechen. Wer seinen handfesten Hexen-Reißer Der letzte Tempelritter kennt, hat sich womöglich nicht nur als Österreicher darüber gewundert, als die Steilküsten der Steiermark ins Bild rückten. Neuerdings lässt sich die ungarische Hauptstadt Budapest auf Mallorca verorten, und zwar in einer jahreszeitlichen Herbstblase, während überall sonst Sommer herrscht. (by the way: Mallorca ist Kroatien, was aber nicht so sehr ins Auge fällt). Die neue Ordnung des Nicolas Cage bestätigt also einmal mehr: dieser Mann lebt in seiner eigenen Welt, in der manches einfach nicht zusammenpasst. Doch Scheiß drauf: Jegliche Kritik darüber kann gerne in ein Plastiksackerl gesprochen und für später aufgehoben werden. Nicolas oder Nick ist schließlich Fuckiiiiiiiiiiiing Cage und ein Star, der endlich wieder zurück darf auf die große Leinwand. Nicht dass er je weg gewesen wäre. Wo hat er gesteckt? Vermehrt in B-Movies, schrägen bis künstlerischen Thrillerdramen oder strunzdoofen Eastern, gern gesehen auf Filmfestspielen mit Hang zum Phantastischen wie zum Beispiel auf dem Slash-Festival in Wien. Cage ist einer, der üppige Blockbuster-Rollen irgendwann nur noch ausgeschlagen hat – aus familiären Gründen, was ihm anzurechnen ist, denn nur des Geldes und des Ruhmes wegen mehrere Jahre auf einem Set in Übersee zu sitzen lässt das, worauf es im Leben wirklich ankommt, außen vor.

Nick Cage ist zweifelsohne ein Egomane. Der Mann hält wenig von Konformitäten, spielt, was ihm Spaß macht. Und zelebriert sich auch selbst als Maestro des Overactings, wie eben genau jetzt, in seiner mit biographischen Workflow-Elementen angehauchten Actionkomödie Massive Talent. Sich selbst durch den Kakao ziehen – das haben manche Schauspielgrößen bereits vor Coppolas Neffen formschön zelebriert. Jean-Claude van Damme in JCVD zum Beispiel – er selbst als Opfer einer Geiselnahme, in welcher er der Frage nachgeht, wieviel Action Hero wohl in dem kernigen Belgier steckt. Oder Being John Malkovich – Spike Jonze hat Ende der Neunziger dem Multitalent, das sogar Teetassen spielen würde, einen surrealen Streich gespielt. Jetzt erklärt Nicolas Cage – was längst überfällig scheint – sich selbst zur selbstironischen Actionfigur im Erklärungsnotstand, die zwar so manche Exaltiertheit zur Pointe erklärt, den wahren Cage aber, wie es scheint, wohl kaum ins Spiel bringt, sondern eben nur das, was Fans und Zielpublikum ohnehin schon über ihn denken. Also gebärdet er sich in gefälliger Manier als sympathischer Künstler, den keiner mehr so wirklich engagieren will, und der sich notgedrungen – weil ihm hinten und vorne die Kohle fehlt (was wiederum durchaus autobiographisch sein kann) – für eine Geburtstagsparty nach Mallorca ausfliegen lässt. Da steht er nun, im Bademantel und Drink, am Strande der Fake-Balearen und entdeckt in Pedro Pascal, dem Mandalorianer, einen großen, superreichen Fan, in dessen Dunstkreis politische Verbrechen stattfinden, von denen Cage aber nichts ahnt. Umso schräger wird es, als dieser vom CIA engagiert wird, um die entführte Tochter des katalanischen Präsidenten aufzuspüren.

Mit dem Plot einer routinierten Actionkomödie, die überhaupt nicht mehr sein will als der Unterbau einer Eigenpräsentation, zitiert Nick Cage unter der Regie von Tom Gormican (Für immer Single?) nicht nur viele Werke aus seinem Schaffen, von Tess und ihr Bodyguard über Con Air bis zu Mandy – auch der Epoche des Kinos wird ein bisschen gehuldigt, vorzugsweise dem Cabinet des Dr. Caligari und skurrilerweise dem Sequel von Paddington – zwei Werke, die Cage womöglich selbst zu lieben scheint. Diese verschrobenen Bonmots sind nicht sehr, aber immerhin zum Schmunzeln witzig, vor allem, wenn man als Zuseher Kenner sowohl von Cages Oeuvre als auch der Filmgeschichte selbst ist. Darüber hinaus aber darf sich der völlig neben sich stehende Exzentriker wie im falschen Film fühlen. Und das nicht nur deswegen, weil Massive Talent einem allzu profanen Plot folgt, der gut und gerne in Direct to DVD-Werken verbraten wird und Cages Experimentierfreude im Genre des Independentkinos ignoriert. Es ist auch die Suche nach einer Normalität, die Stars wie er oftmals nicht haben, die aber für unseren Schauspieler im Rampenlicht gerne der Weisheit letzter Schluss wäre. Warum nicht! Doch vielleicht wäre eine Satire auf das Filmbiz besser gewesen als nur publikumsgefällige Selbstgefälligkeit zu feiern, als wär’s eine Autogrammstunde.

Massive Talent

Die Gangster Gang

IST DER RUF ERST RUINIERT

6/10


gangstergang© 2022 DreamWorks Animation LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: PIERRE PERIFEL

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAM ROCKWELL, MARC MARON, AWKWAFINA, CRAIG ROBINSON, ANTHONY RAMOS, RICHARD AYOADE, ZAZIE BEETZ U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): SEBASTIAN BEZZEL, KURT KRÖMER, JOYCE ILG, FYNN KLIEMANN, JANNIS NIEWÖHNER, MAX GIERMANN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit den Wölfen ist es in Österreich so eine Sache. Erstaunlicherweise scheint sich Meister Isegrim zwischen Berg und Tal wieder anzusiedeln und plant dabei nicht, Hühnerställen oder Ähnlichem aus dem Weg zu gehen. Das ärgert den Landwirt, doch was soll man tun – der Wolf tut auch nur, was er tun muss, macht das alles nicht mit Absicht und wäre viel lieber ganz weit weg vom grimmigen Homo sapiens, der keine Gefangene macht, wenn es darum geht, seinen Profit zu sichern. Anderswo hört man wieder lautes Igitt, wenn’s um Spinnen geht, dabei sind die ja ganz nützlich. Haben nunmal acht Beine, was soll’s. Des Menschen Neid an den vielen Extremitäten wird’s wohl nicht sein, der ihn dazu verleitet, Tiere wie diese einfach tot zu schlagen. Oder Schlangen – erst letztes Jahr vermehrt aus dem Abfluss gekrochen, dabei aber alles gar nicht giftig. Zumindest hierzulande nicht. Auf eine Buschmaster treten will ich aber dennoch nicht.

All diese Tierchen sind nun in einer ungleichgewichtigen Alternativwelt, in der hauptsächlich Menschen dominieren und Animalisches zur Minderheit zählt, die Antihelden eines Animationsfilms, der immerhin versucht, die zu sprechenden Fabelgestalten mutierten Reptilien, Säugetiere, Spinnen und Fische (die kein Wasser benötigen) von der Unbeliebtheitsskala zu entfernen und in gewisser Weise zu rehabilitieren. Doch anfangs sind sie das, was sie in den Augen vieler eben sind: Bad Guys. Diese Bande beherrscht das Handwerk des Bankraubs aus dem FF, kennt Tricks und das richtige Timing und führt die Polizei, angeführt von einer jähzornigen Wuchtbrumme, stets an der Nase herum. So beliebt wie das föhnfrisierte Meerschweinchen namens Professor Marmelade werden die fünf schließlich sowieso nie, also heißt es frei nach dem Motto Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Zu tun, was Böse eben tun müssen. Bis sie schließlich geschnappt werden und von Frau Reineke Bürgermeister eine letzte Chance erhalten, um nicht hinter Schloss und Riegel zu landen: Sie müssen Gutes tun. Was leichter getan als gesagt ist, denn so tun als ob ist für Wolf & Co keine Kunst mehr, vor allem dann nicht, wenn wertvolle Kunst im Rahmen einer Preisverleihung sowieso in deren Händen landen wird.

Wie der Wolf seinen Charme ausspielt, wie der Piranha alles vom Zaun brechen will und wie die Schlange so sehr davon überzeugt ist, einfach nur fies sein zu müssen: In Die Gangster Gang (im Original: The Bad Guys) obsiegt der Charakter über das Image, dass die anderen einem geben. Das ist ein resoluter Ansatz in einer turbulenten Krimikomödie für fast alle Altersklassen, die mit den Vorurteilen spielt und niemanden das sein lässt, was er von Anfang an genötigt wird, darstellen zu müssen. Rollenbilder, nicht nur männliche oder weibliche, bekommen in einer moralisch augenzwinkernden Mär neuen Anstrich. Das zeigt sich in einem gewinnenden Zeichenstil, der in seiner knackigen Hektik an den cartoonhaften Zickzackkurs aus Ich: Einfach unverbesserlich erinnert, dafür aber viel mehr die Struktur handkolorierter Figuren behält, ist Die Gangster Gang ein durchaus vergnügliches, mit Krimi-Zitaten ausgeschmücktes Abenteuer, wenngleich dieses auch in ihrem Bemühen, Haken zu schlagen, gerade dadurch vorhersehbar bleibt. Und von Meerschweinen, so knuffig sie auch sein mögen, hat man nach diesem Pelztier-Overkill hier vielleicht mal für eine Weile genug.

Die Gangster Gang

Das schwarze Quadrat

REEDEN WIR ÜBER KUNST

3/10


dasschwarzequadrat© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: PETER MEISTER

CAST: BERNHARD SCHÜTZ, JACOB MATSCHENZ, SANDRA HÜLLER, PHELINE ROGGAN, CHRISTOPHER SCHÄRF, VICTORIA TRAUTTMANSDORFF U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Mit abstraktem Gekleckse, jungfräulichen Leinwänden und schwarzen Quadraten hat die Welt der Kunst genau das gefunden, um ihren Betrachtern genug Schildbürger sein zu können. Mit solchem Nonsens hat zum Beispiel einer wie Marcel Duchamp völlig unattraktive Alltagsgegenstände zu Kunstwerken erhoben, wie zum Beispiel ein Pissoir. Kasimir Malewitsch hat dunkle, meist schwarze Quadrate gemalt. Auch sehr schön, auch sehr sinnlos, aber zumindest akkurat. Die Kunst liegt hier lediglich darin, der erste zu sein, der auf so eine Idee kommt – alle anderen sind dann nur noch Nachahmer. Und dennoch: Malewitschs Quadrat ist ein Heidengeld wert, was so viel Verständnis hervorruft wie Klimts kleingeschnipselter Kuss, eingestampft in winzigen NFTs für die virtuelle Nachwelt. Also egal, was da drauf ist – gestohlen kann es werden. Die Ganoven Vincent und Nils schlagen zu und warten nach getaner Arbeit auf den großen Unbekannten, der ihnen das Bild gegen Bares abnehmen soll. Da anfangs schon mal gar nichts glatt läuft, kommt Plan B zum Zug: die beiden müssen auf ein Kreuzfahrtschiff, wo weitere Instruktionen folgen werden.

Es wäre keine Komödie, gäbe es nicht allerhand Verwechslungen und einen gemalten Klassiker, der sich glücklicherweise mit gemahlenen Kaffeebohnen, schwarzer Farbe und etwas Urin ideal kopieren lässt. Da ist rein plotmäßig schon einiges auf der Habenseite. Das Skript wäre auch was für Billy Wilder gewesen. Jack Lemmon und Tony Curtis? Nur diesmal nicht als Daphne und Josephine, sondern als Elvis- und David Bowie. Auch lustig, prinzipiell jedenfalls. Regisseur Peter Meister hat all das zwar genutzt, sein Narrenschiff läuft jedoch auf Grund. Da können weder Bernard Schütz und Jacob Manschetz was dafür, auch nicht Sandra Hüller als unterforderte Killer Queen. Gut, Dean Martin oder Jerry Lewis oder sonst jemand aus der Komödienriege der 50er Jahre sind sie alle keine. Mit der Krux des falschen Bildes wäre die Sache ein Schippern in gemächlicher Strömung. Meister ruht sich dabei zu sehr auf seiner Erfolgsgarantie aus. Und lehnt sich dabei aufs Bremspedal.

Dynamik in einer Komödie ist alles. Oneliner müssen sitzen, der Slapstick danach und die Situation, die muss ihre Bühne haben, um komisch zu sein. Hat Das Schwarze Quadrat leider alles nicht. Das Timing gerät bereits anfangs aus dem Takt und findet nicht wieder hinein. Der Cast liefert seine Acts und hängt dabei kraftlos in den Seilen. Es ist, als wäre der Spaß an der Freude allen bereits vergangen, bevor der turbulente Kabinentango erst so richtig in Fahrt kommt. Vielleicht entdecken die USA das Potenzial dieser Geschichte und wagen ein Remake? Gerne mit den Komikern ihrer Zeit, von mir aus auch mit Adam Sandler.

Das schwarze Quadrat

Bad Santa

DER TIEFE FALL DURCH DEN SCHORNSTEIN

5/10


bad-santa© 2003 Columbia Pictures


LAND / JAHR: USA 2003

REGIE: TERRY ZWIGOFF

CAST: BILLY BOB THORNTON, TONY COX, BERNIE MAC, LAUREN GRAHAM, JOHN RITTER, BRETT KELLY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Gegen ihn ist der Dude aus The Big Lebowsky ein hochmotivierter Startup-Unternehmer: Säufer und Schwerenöter Willie ist ein Taugenichts und Tunichtgut, jedoch taugt er dafür, Einkaufszentren um eingelagertes Bares zu erleichtern. Diese Coups macht er gemeinsam mit dem Kleinwüchsigen Marcus – und sie funktionieren deshalb so gut, weil sich beide zur schönsten Zeit des Jahres als Kaufhaus-Testimonials in Rotweiß und Grün verdingen: Marcus der Elf, Willie der Weihnachtsmann. Und was für einer. Kids von damals träumen vielleicht heute noch schlecht davon. Doch wie es der Zufall will, setzt sich eine pummelige Rotznase auf Santas Schoß und wünscht sich einen rosa Elefanten. Beide ahnen nicht, welche Schlittenspuren diese Begegnung wohl hinterlassen wird.

Anti-Weihnachtskomödien gibt es so einige. Zuletzt hat mich der brandneue Endzeit-Streifen Silent Night mit Keira Knightley davon überzeugt, dass Weihnachtsfilme sogar so weit kommen, überhaupt keine heilbringende Prämisse mehr zu enthalten. Da bleibt Bad Santa in seinem Grunge-Stil und einigen geschmacklosen Szenen immer noch auf der Seite derer, die dem Urbi et Orbi horchen. Denn Weihnachten scheint tabu, zumindest für Amerikaner. Dort verspricht das Fest der Liebe eine Amnestie für alles Schlechte und Verkommene, mit dem Vertrauensvorschuss, es nächstes Jahr besser zu machen. Der Weg dorthin ist ein schwieriger und von Rückschlägen gesäumt, die Billy Bob Thornton (der mich frappant an den österreichischen Rechtspopulisten Herbert Kickl erinnert) in der Geistesgegenwart abgestandenen Abwaschwassers so richtig auskostet. Alkohol, Urin und freudloser Sex machen die Runde (zum Glück sonst keine Fäkalien), während der blondgelockte Thurman Murman als sich selbst alleinerziehender Alternativ-Kevin das Leben und vor allem die Zeit vor Weihnachten in den Griff bekommen will. Dabei arbeitet Terry Zwigoff mit den als grotesk wahrgenommenen Erscheinungsbildern körperlich auffälliger Außenseiter. Korpulenz und Kleinwüchsigkeit holen sich auf bizarre Weise die Toleranz des Publikums, andere Äußerlichkeiten wiederum sollen den Ekel-Faktor des Films heben, um Weihnachten so richtig eins auszuwischen.

Letzten Endes gelingt das nicht, und so sehr auch Billy Bob Thornton den versifften und aus Kindertagen schwer traumatisierten Loser raushängen lässt, ist von vornherein klar, dass diese mit Weihnachtssongs unterlegte Underdog-Komödie (mit John Ritter in seiner letzten Rolle) als widerborstiges Läuterungskino für schwer erziehbare Erwachsene durchgeht.

Bad Santa

Red Notice

HELDEN DER UNWAHRSCHEINLICHKEIT

4/10


rednotice© 2021 Netflix / Frank Masi


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: RAWSON MARSHALL THURBER

CAST: DWAYNE JOHNSON, RYAN REYNOLDS, GAL GADOT, RITU ARYA, CHRIS DIAMANTOPOLOUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Steven Spielberg und George Lucas haben uns gezeigt, dass im Kino nicht immer jene physikalischen Gesetze gelten müssen, denen unser Universum folgt: die Zeit ist zum Beispiel dehnbar, meist gelingen Dinge stets auf die Sekunde genau. Verletzungen brauchen alle keinen Arzt und die Bösen schießen sowieso daneben. Macht aber alles nichts, dafür ist Kino da, und es ist der Witz und die Fantasie und das Zusammenspiel eines gut aufgelegten Ensembles, das dazu führt, dass man mit Verzerrungen der Realität dem Helden immer noch auf Basis gewisser Plausibilitäten ermöglichen will, zu gewinnen.

Neuerdings gibt es Filme wie zum Beispiel Red Notice, die ebenfalls wollen, dass ihre Stars das Glück auf der Straße finden. Allerdings sollte den Abenteuern nicht alles in den Schoß fallen. Rawson Marshall Thurber (Central Intelligence, Skyscraper) weiß natürlich, dass im Kino andere Regeln gelten. Es sollte aber immer noch ein gewisser Prozentsatz an Wahrscheinlichkeit erhalten bleiben, und zwar ist das einer, der den Plot erst griffig macht.

Die drei Superstars Gal Gadot, Dwayne Johnson und Ryan Reynolds rangeln sich im 130. Netflix-Original, das zudem auch die teuerste Produktion des Streaming-Riesen sein soll, um drei antike Schmuckeier aus ptolemäischen Zeiten. Artefakte, die Indy schlaflose Nächte bereiten würden. In dieser Actionkomödie jagt Dwayne Johnson Ryan Reynolds nach dem Klau eines dieser Eier quer über den halben Erdball. Was beide nicht wissen: der fürs FBI arbeitende Informant namens Läufer (im original Bishop – gemäß der Schachfigur) hat es ebenfalls auf diese Artefakte abgesehen – und bringt sowohl Johnson als auch Reynolds hinter Gitter nach Russland. Fragt sich, warum gerade dorthin und warum ohne fairen Prozess? Doch es ist nun mal so, und statt Stallone und Schwarzenegger schließen sich diese beiden Kerle nun zusammen, um einen Escape Plan in die Tat umzusetzen und der schönen Gal Gadot mit dem Entwenden der anderen beiden Eier zuvorzukommen.

Was genau an Red Notice nun so viel Geld gekostet hat, lässt sich womöglich nur mit den horrenden Gagen der drei A-Liga-Stars erklären. Der Rest ist gängiges Handwerk, schon zig-mal in anderen Filmen quer durch die Geschichte des Abenteuerfilms erprobt, insbesondere im Subgenre der wetteifernden Schatzsuche. Red Notice (der Titel klingt etwas zu bürokratisch und ein bisschen nach nüchternem Spionagedrama) ist ein Zitate-Potpourri aus Spielbergs Mottenkiste, Killers Bodyguard oder Verlockende Falle mit Catherine Zeta-Jones. Alles schon mal da gewesen. Und alles gar nicht möglich. Will heissen: in dieser Hochglanz-Action ist viel zu viel viel zu sehr vereinfacht. Das Ausreizen der Unwahrscheinlichkeiten, die in voraussehbaren Klischees ihre Manifestation finden, ist schon etwas unverschämt. Auch Reynolds und Johnson ziehen ihre gewohnte Masche durch, letzterer gar ein bisschen teilnahmslos.

Red Notice ist ein trivialer Film, der sich gänzlich auf seinen Star-Appeal verlässt. Wirklich zu bieten hat er ungefähr so viel wie ein wöchentliches Promi-Lifestyle-Magazin mit Haarshampoo-Probepackung und Wunderbaum für die noble Karosse. Hat man es mal durchgelesen, bleibt nichts hängen, ausser das schale Gefühl, seltsam unterschätzt worden zu sein.

Red Notice

Army of Thieves

BLONDIE DREHT AM RAD

5/10


armyofthieves© 2021 Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA 2021

REGIE: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, NATHALIE EMMANUEL, RUBY O. FEE, STUART MARTIN, GUZ KHAN, JONATHAN COHEN, CHRISTIAN STEYER U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


So jemanden hätten die Panzerknacker wohl gern in ihrer Runde gehabt – einen wie Ludwig Dieter. Doch womöglich hätten Sie diesen nach dem ersten erfolgreichen Coup wieder über Bord geworfen. Denn dieser Hans Dieter, eigentlich Sebastian Schlencht-Wöhnert, ist ein gerne mal peinlich berührender Exzentriker, mit dem man offenkundig eigentlich nichts zu tun haben will. Einzig: er kann Tresore knacken. Und um Tresore zu knacken, ist jedes Mittel, und auch jeder Menschentypus, ganz recht. Das war Dave Bautista in Zack Snyders Army of the Dead schon klar. Da zeigt sich wieder, dass es sich lohnt, wenn man eine Sache wirklich gut kann. Da kann man sonst sein wie man will. Auch Matthias Schweighöfer. Der ist ja nicht nur oftmals Frauenversteher und RomCom-Experte mit Schmähs unter der Gürtellinie, sondern mittlerweile auch einer, der schon mal das Gewehr in die Hand nimmt und laut schreiend Untote abknallt. In Snyders Zombie-Action hat der blonde Deutsche ganz gut bewiesen, dass er erdige Filme wie diesen mit exaltierten Spleens ganz gut dekorieren kann. Die Späße saßen, war also alles kein Problem. Im eben auf Netflix erschienenen Prequel, das die Zombie-Apokalypse nur in Visionen und TV-Nachrichten vorwegnimmt, fehlt etwas die raue Gegenkomponente einer anarchischen Endzeit wie das zur Hölle auf Erden mutierte Las Vegas. Aber dennoch – auch wenn Army of Thieves vielerorts gnadenlos verrissen wurde: so zum Fremdschämen ist das Heist-Movie letztendlich nicht geworden. Kein Must-See zwar, aber auch nichts, was man nach zehn Minuten aufgrund von Augenkrebs abdrehen muss.

Dieser Ludwig Dieter (nennen wir ihn mal so) wird also im Zuge einer inoffiziellen Safeknacker-Castingshow von der attraktiven Meisterdiebin Gwendoline (Game of Thrones-Star Nathalie Emmanuel) für einen im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaften Coup rekrutiert. Objekte der Begierde sind Tresore, die nach den vier Teilen von Richard Wagners Ring-Zyklus benannt sind: Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung. Letzterer befindet sich, wie bereits aus Army of the Dead bekannt, in Übersee. Die anderen drei verstecken sich gut erreichbar in Europas Bankenkellern. Doch öffnen kann sie nur Ludwig Dieter, auf den Gwendoline trotz seiner seltsamen Verhaltensweisen ein Auge geworfen hat, zum Leidwesen ihres Lovers, der auch zur Diebesgang gehört und irgendwann plant, den Drehknopfvirtuosen loszuwerden.

Schweighöfer lässt in seiner von Zack Snyder koproduzierten Regiearbeit technisch gesehen nichts anbrennen. Das Setting wirkt nicht billig, die Tresore sind ein sorgfältig ausgestalteter Hingucker und auch der aufschlussreiche Blick in die klickende und klackende Mechanik der sagenumwobenen Schlösser eine schmucke Idee, um den Nervenkitzel beim Zahlenrätsel noch zu unterstreichen. Doch der will nicht so recht hochfahren. Woran das liegt? Längst ist klar, dass Ludwig Dieter trotz seiner schusseligen, aufgedrehten und nervigen Art seinem Ruf gerecht werden wird – das Musterbeispiels eines Lucky Losers. Dass er während seiner kniffligen Aufgaben Wagner spielen lässt und dennoch das leise Einrasten der richtigen Zahlen hören kann, ist dabei nur eine verwundernde Anomalie.

Army of Thieves orientiert sich selbstredend an bekannten Vorbildern, stellt dabei aber den Coup an sich nicht in den Vordergrund, sondern die sozialen Befindlichkeiten der zusammengewürfelten Truppe, in der sich jeder fein säuberlich und je nach Stereotyp vom anderen abhebt. Überraschungen birgt das keine. Und: es ist das Zuviel an exaltierter Laune, die das aalglatte Gaunerstück an vielen Stellen den Dietrich daheim lässt, das Zuviel an Schweighöfers erlerntem Handling anderer Genres, in denen er noch etwas strauchelt. Den Umstand überspielt er mit gefälliger, vermeintlich publikumswirksamer Komik und weichgespülter Dramaturgie. Das tut nicht weh, erzeugt aber auch keinerlei Kribbeln.

Army of Thieves