Knives Out

DEM ERBE AN DIE GURGEL

7/10

 

knivesout© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: RIAN JOHNSON

CAST: DANIEL CRAIG, ANA DES ARMAS, MICHAEL SHANNON, CHRISTOPHER PLUMMER, DON JOHNSON, CHRIS EVANS, TONI COLETTE, JAMIE LEE CURTIS U. A. 

 

Wenn die Messer gewetzt werden, beginnt das neue Kinojahr mit einem guten Einstand. Und bevor der letzte Vorhang für Daniel Craigs James Bond fallen wird, hat sich der blauäugige Brite dank eines gewieften Agenten bereits mit einer ganz andere Rolle angefreundet, nämlich mit einer, die gut und gerne aus Agatha Christies Feder erstanden wäre, hätte sie nicht schon Hercule Poirot zum Leben erweckt. Natürlich, Daniel Craig hat als gewissenhaft nachbohrender Detektiv längst nicht die Extravaganz des bartbewussten Belgiers, aber möglich wäre es durchaus, dass Knives Out mit Benoit Blanc (der frankophone Name alleine ist schon eine kleine Hommage an den distinguierten Meister der Kombinationsgabe) ein neues Franchise begründet. Neben dieser Neuorientierung hat sich mittlerweile auch Rian Johnson vom erdrückenden und maßlos übertriebenen Dauerfeuer erboster Star Wars-Fans erholt. Gut schlafen hat ihn das sicher nicht lassen, obwohl meiner Meinung nach das von ihm verfasste Drehbuch zur Episode VIII eines der besten der ganzen Filmserie war. Ich mochte Star Wars – The Last Jedi, sogar sehr. Und ich mag auch das Drehbuch zu Knives Out, das ebenfalls auf Johnsons Kappe geht. Und da sieht man wieder, das dieser kreative Kopf Szenarien ersinnen kann, die nicht unbedingt die Masse zufriedenstellen, dafür aber zwischendurch das Unerwartete heraufbeschwören und mitunter auch vor den Kopf stoßen.

In Knives Out passiert das auch. Zutiefst begeistert von den Werken der 1976 verstorbenen Krimigöttin Christie, hat sich Johnson vor allem ihr Werk Das krumme Haus zur Brust genommen. Darin verstirbt der vermögende Patriarch einer weitläufigen Familie, und womöglich nicht an Altersschwäche. Ein Detektiv kommt ins Spiel, um zu ermitteln. Manche sagen, dieses Werk sei Christies bestes Buch. Die Verfilmung aus dem Vorjahr kann sich entsprechend sehen lassen. Gillian Anderson, Glenn Close und Terence Stamp machten hier gute Miene zu verdächtigem Spiel. Ein Genuss für Krimifreunde. Wer da noch nicht genug hat, und eben eine Schwäche für Wachsblumensträuße oder dem Bösen unter der Sonne, der bekommt mit Knives Out zwar eine Art Dacapo an samstäglichem Suspense präsentiert, aber längst nicht mit gewohntem Plot. Denn Johnson variiert das wohlbekannte Setting und verschiebt dramaturgische Prioritäten so, wie er will. Und das Beste: man ahnt lange nicht, was als nächstes kommt. Dieses Unberechenbare ist Johnsons Stilelement. Dieses Vorziehen später zu erwartender Höhepunkte, die sich plötzlich Bahn brechen, können gerne auch irritieren. Weil manches gelüftet wird, was man vielleicht noch gar nicht wissen will. Doch hinter diesem Eigen-Spoiler stecken noch weitere Geheimnisse, um die es letzten Endes gehen soll. Und nichts ist, wie es bekanntlich scheint.

Für dieses Kammerspiel haben die Set-Designer und Ausstatter alle Stückchen spielen lassen. Das Herrenhaus ist so krumm wie noch nie. Holzgetäfelte Düsternis, eine üppige Schwäche für Antiquitäten, knarzende Treppen und versteckte Türen. Gut und gerne ließe sich das Haus vor dem Ausschlachten der Requisiten zu einem Fun-Park hinüberretten, so sehr ist hier der unbequeme Verdacht zuhause. Doch keine Sorge, von beklemmendem Grusel sind diese vier Wände weit entfernt – dafür aber umso näher an sarkastischer Süffisanz, die das Ensemble mit heller Spielfreude an den stimmungsvoll vernebelten  Tag legt. Die Runde kann sich sehen lassen – fast so schillernd wie in Kenneth Branaghs Mord im Orient-Express. Don Johnson lässt sich sehen, aber auch Toni Colette, Blade Runner 2049-Beauty Ana des Armas, ein herrlich pseudodevoter Michael Shannon und ein völlig gegen den Captain America-Gutmensch gebürsteter Chris Evans, der dank eines gewieften Agenten ebenfalls versucht, bitte zukünftig nicht mehr mit Marvel in Verbindung gebracht zu werden. Sie alle haben ihre Momente, und sie schleichen, wie Erben eben schleichen, um einen Tatort herum, der mehrere plausible Szenarien erzählt, die Craig mit nüchternem Columbo-Charme gegeneinander abwägt. Dabei fehlt ihm der letzte Schliff, etwas mehr unverwechselbar Persönliches. Doch das, was Knives Out ganz alleine gehört, das ist die lückenlose Brillanz eines zerschnipselten Drehbuchs, das als gute alte Whodunit-Hommage genauso gut funktioniert wie als quergebürstete Erbschleicherkomödie, gänzlich ohne Pflichtanteil.

Knives Out

Sweethearts

GERMANY´S NEXT SCREAM QUEEN

5/10

 

sweethearts© 2019 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: KAROLINE HERFURTH

CAST: KAROLINE HERFURTH, HANNAH HERZSPRUNG, FREDERICK LAU, ANNEKE KIM SARNAU, CORDULA STRATMANN U. A.

 

Sie haben es schon wieder getan – diese Handvoll smarter Filmschaffender, die schon seit geraumer Zeit das deutsche Kino verwöhnen. Begonnen hat das damals alles mit Til Schweiger, dem das Schauspielen nicht mehr genug war – und der jetzt auch schon – allerdings fast vergeblich und zum Leidwesen der Filmpresse – versucht, in Hollywood mit Stars wie Nick Nolte Fuß zu fassen. Nach ihm kamen dann Matthias Schweighöfer, stiltechnisch ganz im Fahrwasser von Vorbild Schweiger. Dann kam Florian David Fitz. Und dann – ja, dann Karoline Herfurth. Weil Schauspielen allein, das reicht nicht – oder doch? Vielleicht ergänzt das die Sicht auf die eigene Profession ja so dermaßen, dass man das einfach einmal gemacht haben muss. Doch was sagte Brad Pitt kürzlich bei einem Interview zu Ad Astra? „Dort draußen gibt es so viele großartige Regisseure, dass ich nicht wüsste, warum es da auch noch mich bräuchte“. Wahre Wörter. Ohnehin hat Pitt genug damit zu tun, seine Produktionsfirma Plan B auch noch zu hosten. Also ein Muss ist der Sprung ins Regiefach nicht wirklich, es sei denn, man will als Schauspieler mal so richtig so sein dürfen, wie man gerne wollen würde. Das heißt: niemand sagt dir, wann du deine Figur, die du dir vielleicht sogar selbst an den Leib geschrieben hast (wie hier der Fall) wie anzulegen hast. Karoline Herfurth kann also herumschreien wie sie will, und auch noch so allerhand schräges Verhalten an den Tag legen. Und sich selbst so richtig in den Mittelpunkt stellen. Das hat seinen Reiz, macht einen zum Wiederholungstäter. Und das Ego dankt.

Wobei das am besten mit Neurotikern funktioniert. Neurotiker und psychisch labile Zeitgenossen sind im deutschen Dramödienfach im wahrsten Sinne des Wortes wahnsinnig beliebt. Da lässt sich so herrlich überzeichnen, aber nicht so weit, dass der Eindruck entsteht, sich über soziale Defizite lustig zu machen. Nein, bei Filmen wie Sweethearts ist das Hadern mit der Neurose ein sympathischer Zug, etwas Skurril-Harmloses, vielleicht Nerviges, aber niemals etwas, dem man die Integration verwehrt. Herfurth setzt also in ihrer zweiten Regiearbeit nach SMS für Dich auf das Motto Scream Queen, und sie kreischt nicht nur ihrem Co-Star Hannah Herzsprung die Ohren voll. Sie quietscht und meckert auch so in der Gegend herum, natürlich zu Recht, denn sie wird entführt, muss eine Zeitlang trotz klaustrophobischer Schübe im Kofferraum ausharren und bekommt Knarren vorgehalten. Und das nur, weil sie ganz zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort war. Immer wieder lustig, solche Zufallsbekanntschaften, wo sich zwei, die gegensätzlicher nicht sein können, zusammenraufen und letzten Endes füreinander da sind, koste es was es wolle – Lemmon und Matthau lassen grüßen. Das Grundprinzip solcher Buddy-Movies nutzt auch Herfurth nach Strich und Faden, und so wie bei den meisten Filmen von Schweiger, Schweighöfer und Fitz kann sie die konveniente und oft probierte Balance zwischen Situationskomik und Tragik halten, noch dazu in gefälliger, wenn auch routinierter Optik. Weh tut hier gar nichts, und all diese Filme fühlen sich unglaublich gleich an. Die, die als sympathische Identifikationsfiguren herhalten sollen, überraschen mitnichten mit keinerlei konterkarierten Wendungen.

Dennoch oder eben deshalb ist Sweethearts im Einheitsbrei der trendigen Schauspielregisseure relativ austauschbar, auch ziemlich vorhersehbar und eigentlich einzig durch das quirlige Spiel seiner rothaarigen Leading Woman einen Blick wert. Jedenfalls kann ich abschließend feststellen, dass, um es mit den Worten von Brad Bitt zu sagen, da draußen weitaus bessere Regisseure längst darauf warten, coole Stoffe zu verfilmen, die sich nicht zwingend um die eigene Person drehen müssen.

Sweethearts

Sauerkrautkoma

LUSTIG HAMMAS

5/10

 

sauerkrautkoma© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: ED HERZOG

CAST: SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SCHWARZ, LISA MARIE POTTHOFF, ENZI FUCHS, GEDEON BURKHARD, NORA WALDSTÄTTEN, EISI GULP U. A.

 

Kann sich jemand von Euch noch an Gus Backus erinnern? Der Februar diesen Jahres verstorbene US-amerikanische Sänger mit dem Hang zu deutschsprachigen Schlagern wird wohl in manchen seiner Ohrwürmer aus den 60ern bis auf unabsehbare Zeit weiterleben, ganz besonders in seiner Knüllernummer Sauerkraut-Polka. Diesen schrägen Song, der die Liebe zu diesem schwerverdaulichen, aber gesunden Gemüse beschreibt, hätten die Macher von Rita Falks aktueller Buchverfilmung ruhig integrieren können. Die Sauerkraut-Polka – die hätte fugenlos und formschön in diese schräge Nummernrevue gepasst, die aber leider nicht mehr sein will und kann als eine Nummernrevue. Im Schlepptau: eine geigelnder Torso von Kriminalfall, der im Kreisverkehr sich selbst auffährt und eigentlich überhaupt nicht sein müsste, denn der Kieberer Eberhofer, der an lustloser Phlegmatik kaum zu übertreffen ist, macht lieber ganz andere Dinge als der Handlung zu folgen. Rita Falk hat diesen bauernschlauen Hans im Glück in ihren lokalkolorierten Bayernkrimis mit Hingabe skizziert – auch all die anderen schrägen Figuren, die sich im Kaff Niederkaltenkirchen das Bier in die Hand geben. Die Oma, die ist ob ihrer kulinarischen Raffinesse sowieso das Maß aller Dinge, und letztendlich heißt es: rein in die gute Stube, wenn alle im Herrgottswinkel Grießnockerlsuppe schlürfen oder unwiderstehlich duftenden Braten mit Knödel und sämigem Safterl genießen. Ohne Hungergefühl kann man Rita Falks Bücher kaum weglegen, und ohne ein Schmunzeln auch nicht. Das funktioniert im Kino – wie bei all den anderen mehr schlecht als recht bebilderten Filmversuchen ebenso – eigentlich weniger gut. Warum? Weil Regisseur Ed Herzog höchstwahrscheinlich schenkelklopfenderweise am Set sitzt und sich über die situationskomischen Witze aus der Feder von Drehbuchautor Stefan Betz köstlich amüsiert. Lachen ist natürlich gesund – wenn aber dabei der rote Faden abhanden kommt, bleiben nur einzelne Sketches über, die wie schon zuletzt die subversiven Schlagerparodien eines Christian Steiffen verbraten und die Visagen einem Karikaturmuseum gleich fast unappetitlich genau ins Bild rücken. Das alles gehört zum Stil aller Rita Falk-Verfilmungen, ist aber in der fünften Aufwärmphase nur mehr redundant und ungefähr so schmackhaft wie wiederholt aufgewärmtes Kartoffelpüree.

Was in den Büchern mit den wiederkehrenden Verhaltensautomatismen das vertraute Gefühl eines schrulligen Alltags erzeugt, geht in den Filmen in grobmotorisch komödiantischer Überforderung unter. Es ist wie Kinderbändigen am Faschingsdienstag – alle wollen überall zugleich sein und sowieso alles machen, alles essen und alles trinken, was zur Hebung der eigenen Laune angeboten wird. Da noch zu den jungen Gästen vernünftig durchzudringen ist so gut wie unmöglich. Ebenso in seiner eigenen Blase wie all die andere Sprösslinge: Sebastian Bezzel, welcher der Wurstigkeit des Eberhofer allzu viel Nachdruck verleiht. Seine Figur ist unkaputtbar und mimisch auf die Grundeinstellungen heruntergefahren, wie Comic-Schlappohr Droopy, allerdings auch enorm selbstbezogen und eigentlich nicht sonderlich sympathisch. Da gibt Simon Schwarz als enorm amikaler Privatdetektiv den genussfreudigen Konterpart, und hat auch mit titelgebendem Bewusstseinszustand am meisten von allen zu schaffen. Das natürlich schon recht erheiternd, und wir klopfen uns so wie Regisseur Herzog ebenfalls das eine oder andere Mal wirklich auf die Schenkel, aber ein Krimi ist Sauerkrautkoma, obwohl er besser ist als seine Vorgänger, keiner. Vielmehr ein lustwandelnder Provinzschlager, der nicht merkt, dass er die Hosen verliert, weil er sich so wahnsinnig leicht ablenken lässt.

Sauerkrautkoma

Shaft (2019)

MIT DEM OPA BEIM SHOOTOUT

3/10

 

shaft2019© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: TIM STORY

CAST: SAMUEl L. JACKSON, JESSIE USHER, REGINA HALL, ALEXANDRA SHIPP, RICHARD ROUNDTREE, METHOD MAN U. A.

 

Nein, Steve Jobs war nicht der letzte auf Gottes Erden, der noch mit allen Mitteln dieser Welt versucht hat, den Rollkragenpullover salonfähig zu halten. Seit des Netflix-Releases rund um den regelbrechenden Privatdetektiv Shaft wird klar, dass die genähte Halskrause wohl niemandem sonst so mondän zu Gesicht steht wie Samuel L. Jackson. Da könnte man meinen, die Siebziger hatten modetechnisch doch was für sich, und man könnte auch meinen, dass dem Klischee der unbunten Rollkragenträger aus der Werbebranche eine unverhohlene Liebe, ja geradezu ein Fetisch zugrundeliegt, noch dazu wenn es um die anregende Kombi Ledermantel und bis zum Kinn hochkriechende Pullover geht. Der neue Shaft feiert hierfür wirklich ein sagenhaftes Revival. Keine Ahnung, wie oft Samuel L. Jackson hier seine Garderobe wechselt, irgendwann macht das auch sein Filius, und dann auch noch der immer noch raubeinige Opa, den wir aus dem Original kennen. Und dann tanzen sie im Einheitslook die Straße runter, mit wehenden, braunorangen Mänteln, als wäre das das Schönste auf der Welt. Als wäre das Outfit sowieso schon die halbe Miete, wenn es um Verbrechensbekämpfung geht.

Tatsächlich verlässt sich der neue Shaft völlig gelassen auf die Schablonen lässiger Ziviluniformen, natürlich auch auf die egomanischen „Ich-scheiß-mir-nix“-Attitüden von Amerikas wohl heißbegehrtesten Afroamerikaner nach Barack Obama, wohl weil er wahrscheinlich angenehm unkompliziert sein muss, wenn es um das Dirigieren vor der Kamera geht. Samuel ist immer der coolste Motherfucker unter Kaliforniens Sonne, alles gelingt ihm, weil er ein Pfundskerl der alten Schule ist, der erstmal glaubt, niemals um Verzeihung bitten zu müssen und tun muss, was ein Mann eben tun muss: den Bösen in den Arsch treten. Das ist eine Rolle, die hatte Samuel L. Jackson schon gefühlt hundert Mal. Jetzt gibt es das zum hundertundersten Mal aufgewärmt, mit Newcomer Jessie Usher (Independence Day: Wiederkehr) als der pazifistisch angelegte Sohnemann, der die Hilfe des kultigen Papas braucht, alle Erziehungsdefizite mal außen vorgelassen. Weil er aber auch mal ein Shaft ist, und ein Shaft keine halben Sachen macht, dirigiert ihn das in die patriarchale Schule der Altvorderen, während der Altvordere trotz anfänglichem Widerstand langsam überzuckert, dass harte Männer die Schule edler Ritter noch absolvieren müssen.

Was Tim Story aus der wüsten Figur mit dem nervösen Abzugfinger gemacht hat, ist mehr Buddykomödie als Blaxploitation, ist mehr zimperliches Herumgeeier als handfester Thriller. Beinahe sieht es aus, als wäre der neue Shaft eine erschöpfte Parodie seiner selbst, ein Zähmen vorgestriger Mannsbilder und Geschlechterrollen, allerdings nur im Schnurr- und Streichelmodus, aufgesetzt auf einen Plot, der nach dem Abspann der Vergessenheit anheimfällt, der maximal als Füllmaterial um den roten Faden einer Serien-Storyline dienen kann, der sein Potenzial restlos verschenkt und als dramaturgisches Mauerblümchen den fast schon peinlich aufspielenden Edelmännern den spendierten Trink ins Gesicht schüttet. Da helfen selbst die neu aufgelegten Rhythmen von Isaac Hayes nichts mehr, auch wenn diese immer noch zeitlos grooven. Das ist fast verlorene Liebesmüh angesichts der Symbolkarikatur einer Kultfigur, die ihre Zeiten bereits gehabt hat, und die mit den Outfits vom Flohmarkt maximal zum Zelebrieren auf irgendwelchen Comic Cons für wissendes Schmunzeln sorgt. Der Rollkragen kommt dann wieder in den Second Hand-Laden, denn wer trägt diese kratzenden Krausen denn noch wirklich?

Shaft (2019)

Asphaltgorillas

DIE STADT VOLLER AFFEN

6,5/10

 

asphaltgorillas© 2018 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: DETLEV BUCK

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SAMUEL SCHNEIDER, ELLA RUMPF, GEORG FRIEDRICH, MICHAEL OSTROWSKI, KIDA KHODR RAMADAN U. A.

 

Hierzulande – also in Österreich – ist der Deutsche vor allem für Sex, Drugs und Rock’n’Roll bekannt. Die Rede ist von Michael Glawoggers teils psycheledischer Filmtrilogie über Lust und Laster halbseidener (Anti-)Helden aus gesellschaftlichen Grauzonen. Bei unseren Nachbarn im Norden hat der Blonde mit den wahrscheinlich schwarzen Schuhen schon längst, und zwar schon seit den frühen 90ern, Kultstatus erreicht. Detlev Buck ist dort natürlich ein Begriff, und mittlerweile führt er sich selbst im Vorspann auch nur mehr als Buck an, mit der Gewissheit, dass ihn wohl keiner mit Biene Majas Stubenfliege verwechselt. Die schreibt man ja auch mit hartem P, aber wer weiß das schon so genau?

Buck ist also von seinen Gastauftritten an der Donau längst wieder ins Heimatland zurückgekehrt, und hat dabei aber nicht vergessen, die beiden schrägen Vögel Michael Ostrowski und Georg Friedrich mitzunehmen. Die beiden dürften sich mit dem ollen Detlev gut verstanden haben, waren auch sie Teil des Ensembles von Nachtschnecken, Contact High und Hotel Rock’n’Roll. Und so durchgeknallt, wie dort die Saiten aufgezogen wurden, darf es auch in der Thrillerkomödie Asphaltgorillas zugehen. Als Vorlage für diese Reihe betrüblicher Ereignisse diente die Kurzgeschichte Der Schlüssel von Ferdinand von Schirach. Von der Kurzgeschichte bis zum abendfüllenden Neonrausch ist es kaum noch eine Großstadtmeile an zusätzlichen dramaturgischen Verstrickungen hin – und fertig ist das augenzwinkernde Boulevardstück zwischen Luxus-Appartement und Bolidenschuppen. Und wie es besagter Titel der literarischen Essenz des Filmes schon vorwegnimmt: alles dreht sich um einen Schlüssel, der zu ganz viel Geld führt, dass eigentlich für noch mehr Blüten investiert werden will. Das blöde nur: der Schlüssel verschwindet. Jannis Niewöhner und Samuel schneider wissen zwar wohin, kommen aber nicht wirklich an ihn heran. Währenddessen soll aber auch noch der verquere Kleinganove Ronny (herrlich verkorkst und durch den Wind: Georg Friedrich) die Falschgeldmünzer hinters Licht führen.

Turbulent bis zum Kolbenreiber, möchte man meinen. Dabei schaltet Detlev Buck aber einen oder zwei zugedröhnte Gänge runter, gibt sich ob der verfahrenen Situationen unentsprechend gechillt und hat sich die eine oder andere Entrückung durchaus vom leider viel zu früh verstorbenen Michael Glawogger abgeguckt. Daran erinnert auch die eingestreute Bildmetaphorik eines Gorillas, der die Gesetze des Dschungels in Erinnerung ruft. In nacktschnecken hatten wir die Symbolik des durchs Bild laufenden Geparden, auf den keiner genauer einzugehen vermochte, weil er nur fürs Publikum da war, um die instinktive Triebhaftigkeit des Tiers namens Mensch elegant zu umschmeicheln. Obwohl nicht nur Glawoggers kurioses Eintauchen in die Halbwelt situationselastischer Glückritter in Asphaltgorillas seine neu gewürfelte Wiederkehr entdeckt, sondern auch das so trockene wie schildbürgerliche Thrillerkino eines Guy Ritchie. Manche, die dem sprichtwörtlichen Sperrfeuer der Unterweltparteien in die Quere kommen, werden bluten müssen, andere punkten mit lebensmüder Frechheit. Das macht vor allem in der zweiten Halbzeit dieser Filmsafari erst so richtig Spaß, wenn alle am quer durch die Gassen gezogenen roten Theseusfaden ziehen, ohne zu wissen, wer da nun den größten Spielraum hat.

Asphaltgorillas ist ein lustvolles, urbanes Hazardspiel, dass nach einigem zögerlichen Anlauf die Kacke bald am Dampfen hat. Bucks Film spielt mit Neonlicht, gibt in heißen Karossen Gummi und lässt die Straßen funkeln. Das ganze aber ohne viel Metazeugs, übersieht man mal all die brusttrommelnden Primaten, die sich zum Affen machen. Und einer von ihnen, der fängt am Schluss die Banane.

Asphaltgorillas

Ein Gauner & Gentleman

EINER, DER´S NICHT LASSEN KANN

7/10

 

THE OLD MAN AND THE GUN© 2019 Thimfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAVID LOWERY

CAST: ROBERT REDFORD, CASEY AFFLECK, SISSY SPACEK, DANNY GLOVER, TOM WAITS U. A.

 

Und dabei dachte ich schon, All is Lost war Robert Redfords letzter Film vor der Kamera. In diesem Ein-Personen-Survivaldrama hatte der smarte Weltstar mit diesem einnehmenden, sympathischen Charisma ja eigentlich schon den sinnbildlichen Schlussstrich seiner kinematographischen Existenz gezogen, mit der Hoffnung auf Neuanfang am Ende – und wäre dann de facto auf dem Weg in den künstlerischen Ruhestand, wo man als Künstler ohnehin nicht wirklich untätig bleiben kann. Doch so abhängig von dem, was sie können, das ist nicht nur Clint Eastwood, sondern auch der Gründer des Sundance Filmfestivals und ewiger Partner des Paul Newman. Filmedrehen macht Spaß, das Know-How schütteln diese erfahrenen Haudegen aus dem Ärmel, so wie die Rolling Stones ihre Musik. So leicht und schmerzbefreit meistert auch der mit 82 immer noch gut aussehende Rotschopf (natürlich nachgefärbt) seine bislang jüngste – und diesmal vielleicht wirklich letzte Rolle vor der Kamera: Als Gauner & Gentleman, unter der Regie von David Lowery (A Ghost Story) und mit einem entwaffnenden Charme, der ihm völlig nachvollziehbar den eigentlich unverdienten Mammon in die Hände fallen lässt. Für das Füllhorn unter Aufsicht von Fortuna hat der wohl zuvorkommendste Bankräuber der Kriminalgeschichte zumindest eine Zeit lang die Exklusivrechte. Gemeinsam mit zwei weiteren Gaunern, die so wie er schon längst den Ruhestand genießen könnten, erleichtert der Senior sämtliche Geldinstitute quer über den nordamerikanischen Kontinent um Tausende Dollar – wenn nicht gar um Millionen. Doch um Geld geht es der Rentnergang nicht wirklich. Wo andere zum Fischen fahren oder ihre Briefmarkensammlung erweitern, rauben die drei alleinstehenden Herren eben Banken aus – man gönnt sich im Alter ja sonst nichts. Und da Verbrechen wie hier geradezu glücklich machen, hat zumindest der von Robert Redford verkörperte Gentleman mit Hut, Trenchcoat und falschem Bart ein motivierendes Lächeln auf den Lippen. Bei Lowerys True Crime Story sieht man wiedermal – mit Manieren und Höflichkeit kommt man anscheinend weiter. Und hat die Gunst der Bestohlenen sogar auf seiner Seite.

Dieser Film, der wäre nicht gedreht worden ohne Robert Redford. Zumindest sage ich das. Denn so angegossen hätte wohl niemand anderem die Rolle des durch einen Zeitungsartikel im New Yorker bekanntgewordenen Fluchträubers Forrest Tucker  gepasst. Diesem verschmitzten Spaß am gutgemeinten „Bösen“ kann Redford nicht widerstehen. Einmal noch auf den Putz hauen, das spürt man in jeder Szene. Und einmal noch dem Herzen folgen. Das tut der Gauner dann auch, indem er Sissy Spacek auf ihre Pferderanch folgt, wo sich der Kultstar, der aus der Filmgeschichte einfach nicht wegzudenken ist, seiner filmischen Highlights besinnt. Dort finden sich scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten, nochmal einen Blick zurückzuwerfen auf Klassiker wie Butch Cassidy & the Sundance Kid, Der Elektrische Reiter oder Der Clou. Wenn Redford so am Pferd sitzt, im Poncho und im fahlen Abendlicht, dann ist das eine wehmütige Hommage auf eine Karriere, die in ihrem integren Selbstbewusstsein ihresgleichen sucht.

Lowery lässt Ein Gauner & Gentleman betont gechillt von der Spule. Mit unaufgeregt jazzigen Musiknummern unterlegt, entfaltet der Film anfangs die Sogwirkung eines versonnenen Small Talks mit Leuten, die man erst kürzlich kennengelernt hat. Diese Entschleunigung ist ziemlich aus der Zeit gefallen – wie das ganze Werk. Denn was Lowery neben der Wahl seiner Besetzung noch gelingt, ist, die frühen Achtzigerjahre, die noch stark den Zeitgeist der Siebziger atmen, nicht nur anhand sämtlicher Requisiten in Mode und Technik anzudeuten, sondern auch genauso zu filmen. Man nehme Klassiker wie Die Unbestechlichen oder Die Tage des Condors – im Imitieren dieser Retro-Optik, die in Grobkörnigkeit, natürlichem Licht und angenehm distanzierten Bildkompositionen ihren Steckbrief findet, gibt sich Lowery nicht nur mit dem Offensichtlichen zufrieden, sondern lässt Ein Gauner & Gentlemen auch so aussehen, als wäre es eine Krimikomödie, die schon seit mehreren Dekaden abgedreht ist und dennoch immer noch oder erneut gut funktioniert. Lowery hat das Glück, einer von wenigen zu sein, die über Glockenhosen, Wählscheibentelefon und Schnauzer hinausgehen, wenn sie von damals erzählen wollen. Das macht den Film zu einer Art elegantem Experiment, welches vom rechtlosen Drang nach Freiheit erzählt, wie damals, im Wilden Westen, als Sundance Kid auf der Flucht war. Eine Reminiszenz, die Robert Redford sicher viel bedeutet hat.

Ein Gauner & Gentleman

Game Night

DIE WOLLEN NUR SPIELEN

5/10

 

GAME NIGHT© 2017 Warner Bros. Ent. Inc.

 

LAND: USA 2018

REGIE: JOHN FRANCIS DALEY, JONATHAN GOLDSTEIN

MIT JASON BATEMAN, RACHEL MCADAMS, JESSE PLEMONS, KYLE CHANDLER U. A.

 

Spieleabende – ja, die kenn ich. Eine erlesene Auswahl an sozial kompetenten Freunden, jeder bringt etwas mit, ob Bier oder Naschkram, und dann dauert das Ganze bis spät in die Nacht. Wie die Wohnung hinterher aussieht, das wage ich nicht zu beschreiben. Jedenfalls ist das Chaos danach meist nicht ganz so nachhaltig wie bei diesem Live-Act-Agentenspiel von Schnöselbruder Brooks aka Kyle Chandler, der die Spieleabende von „Max“ Jason Bateman nur zu gut kennt und unbedingt noch eins draufsetzen will, was Exklusivität betrifft. Blöd nur, dass genau zur selben Zeit nicht nur Fake-Kriminelle, sondern auch tatsächliche böse Buben unterwegs sind, und die alle gemeinsam das selbe Ziel haben – den Spieleabend zu crashen. Das Verwirrspiel ist alsbald perfekt, die Regeln des Spiels kennt sowieso niemand mehr und so gut wie alle, die man nicht beim Namen kennt, sind Teil der Spielidee.

Regie-Jungspund John Francis Daley, der den unsäglichen Neuaufguss des Griswolds-Klamauk zu verantworten hat, gibt sich in Game Night zum Glück etwas weniger derb, obwohl auch hier vulgäre Kalauer ihre Sendezeit bekommen. Die Idee, ein Detektivspiel aus dem Ruder laufen zu lassen, gabs schon in Robert Moore´s Eine Leiche zum Dessert. Die Gäste waren damals allesamt ikonische Schnüfflerpromis, die tatsächlich einen Mord aufzuklären hatten. In Game Night wird der Gastgeber entführt – und keiner der Anwesenden hat das Zeug zum Hobby-Sherlock Holmes. Dabei ahnt noch keiner, dass die Hopsnahme des überheblichen Bruders längst nicht mehr Teil der gebuchten Show ist. Entsprechend gelangweilt kommen die Freunde in die Gänge, entsprechend konfus gestaltet sich die Lösung des Falls. Und entsprechend den Erwartungen passieren Dinge, die einfach passieren müssen, ohne zu überraschen. Die Krimikomödie verschenkt ihr Mehr-Schein-als-Sein-Potenzial, hält den hakenschlagenden Hasen an den Hinterläufen und bemüht sich nicht mal, die Vorhersehbarkeit des scheinbar Unvorhersehbaren zu unterlaufen.

Viel mehr lässt sich über Game Night nicht berichten. Boulevardkomödien im Kellertheater sind kurioser, lassen den Spaß an der Verwechslung auch so richtig von der Leine. Das kann die nächtliche Eskapade mit Schauspielern in gewohnt routinierter Panik nur ansatzweise für sich nutzen. Dass da mehr drin gewesen wäre, liegt vielleicht wirklich am Ensemble, oder an der Selbstzufriedenheit des Regisseurs – oder überhaupt in der Wahl des Spiels. Aber so sind die Regeln. Und man geht nicht zu einem Spieleabend, um sie zu brechen. Man inszeniert auch keine Komödie, um neue Regeln aufzustellen. Da haben die Filmemacher wohl etwas verwechselt – oder nicht? Wie auch immer – ist mal ein Film vonnöten, der angenehm unterfordert und nicht so perfide hinters Licht führt wie David Fincher´s The Game, dann ist Game Night genau die richtige Wahl. Zündende Ideen für das eigene spielerische Freundeskreis-Revival sucht man allerdings vergebens.

Game Night