Ad Astra – Zu den Sternen

IM STERNBILD DES VATERS

6/10

 

adastra© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: JAMES GRAY

CAST: BRAD PITT, TOMMY LEE JONES, DONALD SUTHERLAND, RUTH NEGGA, LIV TYLER U. A.

 

Es gibt Filme wie Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum oder Damien Chapelles Aufbruch zum Mond. Und es gibt Filme wie Ad Astra – Zu den Sternen. Wo genau liegt da jetzt der Unterschied? Dass sich meiner Meinung nach irgendetwas mit Kubricks Meisterwerk aus dem Jahre 1969 vergleichen lässt, halte ich für ein Gerücht. Filme wie diese, die ihrer Zeit Lichtjahre voraus waren, werden gut und gerne als Messlatte herangezogen, als Ideal, dem andere Filmemacher nacheifern möchten, die es bereits ins zeitlose Pantheon der Filmgeschichte geschafft haben. Das soll natürlich gerne so sein, und es gelingt auch tatsächlich das eine oder andere Mal. James Gray hat ähnliches versucht, und er ließ sich nicht nur von Stanley Kubrick inspirieren, der es wie kein anderer zustande gebracht hat, Spiegelungen auf Hemvisieren sphärisch einzufangen. Gray ließ sich auch von den bedeutungsschweren, verbalisierten Gedanken aus dem Off inspirieren, die Terrence Malick gerne nutzt, um die inneren Gefühlswelten seiner Figuren nicht nur im paraverbalen Spiel, sonder auch im gesprochenen Wort herauszuarbeiten. Das hat, klug eingesetzt, natürlich seine Wirkung. Das hat Malick in Der schmale Grat perfekt hingekriegt. In The New World geriet ihm dieser Stil bereits zu inflationär. Aufpassen, heißt es da. Und James Gray musste das auch. Doch so hypnotisch sich diese Multiplikation aus Weltraum, innerer Psyche und philosophischen Fragen auch anfühlt, so leicht kippt das ganze ins Pathetische. Und genau das ist Ad Astra leider passiert.

Obwohl ich dazusagen möchte, dass Ad Astra kein misslungener Film ist. Aber einer, der sich unter großem Ehrgeiz ereifert, so gut zu sein wie die anderen. Da ist Motivation dahinter, da ist Konsequenz dahinter, das sieht man. Da sind Kameraleute am Werk, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, und Set-Designer, die einen befremdlichen interplanetaren Alltag aus dem Mond- und Marsstaub gehoben haben. Womit wir bei der staunenswertesten Feinarbeit des Filmes gelandet sind: der Idee, wie die nahe Zukunft aussehen könnte, die uns für viel Geld und auf relativ einfachem Weg auf benachbarte Himmelskörper bringen kann. Außer Paul Verhoevens Total Recall hat sich kaum noch ein anderer Film an ein Szenario wie dieses gewagt. Gray entlässt uns in einen expandierten Ballungsraum Erde, der am Mond genau so seine Wirtschaft ankurbelt wie am Ursprungsort, der mit der Besiedlung des Mars einen Außenposten geschaffen hat, der ungefähr so wirkt wie die Grenzkontrolle zum Sudan. Dort ist meist alles unterirdisch – was der Mensch da errichtet hat, verkommt schon längst wieder zur leblosen Betonwüste Marke Tiefgarage. Dorthin reist also Brad Pitt als vaterloser „Major Tom“, der die Menschheit vor dem Schlimmsten bewahren muss, das ihr vom Neptun aus in Form von Antimateriewellen um die Ohren fliegt. Grund dafür ist womöglich der vor Jahrzehnten verschollene Papa, angeblich noch unter den Lebenden und zu keinem Funkgespräch bereit. Der eigene Filius soll das Problem lösen, er soll Verbindung aufnehmen. Vielleicht ist hier Blut doch noch dicker als die Sturheit eines psychopathischen Weltraumnerds im Nirgendwo. Dabei fürchtet Brad Pitt nicht die Leere zwischen den Planeten, sondern die Chance, seinen Vater zur Rechenschaft ziehen zu müssen. Und Antworten auf Fragen zu bekommen, die womöglich sein Weltbild erschüttern.

Ad Astra ist in erster Linie ein Psychodrama. Dann eine Vater-Sohn-Geschichte. Ad Astra will dann auch noch Weltraumabenteuer sein mit Mondpiraten und havarierten Geisterschiffen. Und, bevor ich es vergesse, will Ad Astra noch philosophische Fragen beantworten, vor allem Fragen nach dem Wert der Gemeinsamkeit, nach dem Wert von Familie und was Heimat eigentlich bedeutet. Da muss ich mich mal hinsetzen, weil das wirklich eine Menge Content ist. Gebündelt werden die losen Enden in der Wahrnehmung eines Filmstars, der so wie Leonardo Di Caprio auch endlich mal zeigen will, was er so draufhat. Pitt ist zwar immer noch ein Stoiker, einer, der ernst, bedächtig und sinnend in die Runde oder ins Narrenkästchen blickt, der dafür aber gute Gründe hat und der innerhalb seines Stoizismus aber auch ordentlich changiert, von innerer Leere bis zu einer in den Weltraum gegreinte Bitternis, wobei er da sichtbar an seine Grenzen stößt. Dennoch  – der Mann war gefühlt seit Fight Club nicht mehr so gut. Und sein Schwermut wirkt echt. Doch was Ad Astra letzten Endes will und auf welche Singularität er seine Reise durchs Sonnensystem bringen möchte, ist ein Nachgedanke über die zukünftigen Werte des Menschen, fokussiert auf den Wechsel der Generationen und dem Loslassen von Daheim. Die Menschheit, so Gray, nabelt sich ab, wenn sie immer weiter vordringt ins Nichts, vergisst dabei vielleicht, woher sie kommt. Sucht, vielleicht vergeblich, nach Etwas, was nichts anderes ist als das, was man zurückgelassen hat. Demnach ist das ästhetisch bebilderte Planeten-Hopping in all seiner Zerfahrenheit und Unschlüssigkeit, was es sein will, nichts anderes als die verkopfte Suche des Menschen nach einer globalen Identität, für die er aber längst noch nicht reif ist.

Ad Astra – Zu den Sternen

Once upon a Time … in Hollywood

AUS LIEBE ZUM KINO

7,5/10

 

once-upon-a-time-in-hollywood© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: QUENTIN TARANTINO

CAST: LEONARDO DI CAPRIO, BRAD PITT, MARGOT ROBBIE, EMILE HIRSCH, KURT RUSSEL, AL PACINO, DAMIAN LEWIS, BRUCE DERN, DAKOTA FANNING U. A.

 

Die Welt des Films ist eine, deren Möglichkeiten prinzipiell unbegrenzt sind. Es lässt sich alles machen, alles ausprobieren, und damit meine ich jetzt nicht vorrangig die am Computer generierten alternativen Kulissen aus Welten, die über Zeit und Raum erhaben sind. Damit meine ich auch die Möglichkeit, Geschichte zu manipulieren, sie zu verzerren oder ganz anders aussehen zu lassen. Damit meine ich auch, Aggressoren zu bannen oder Schreckliches im Nachhinein zu verspotten. Film schafft Veränderung, wo sich nichts mehr verändern lässt. Und nimmt Rache, wo Rache noch Sinn macht. So wie bei Quentin Tarantino. Denn der in den 60er und 70ern aufgewachsene Sonderling, der macht nämlich genau das: Vergeltung üben. Das hat er schon bei Inglourious Basterds getan, als wohl einziger Filmemacher, der den Mut gehabt hat, ein heikles Thema wie den Nationalsozialismus von ganz anderer Seite anzugehen, nämlich nicht im Sinne von Aufarbeitung und Information, sondern mit dem irren Vorhaben, dieses Trauma zu enttraumatisieren, in dem er die Geschichte einfach soweit verbogen hat, damit etwas völlig anderes entstehen kann. Um damit die in Stein gemeißelte Resignation vor dem Fürchterlichen zu brechen.

Tarantinos neues, entschleunigtes Zeitgemälde ist genau das: ein Film der Brüche. Der Ausbrüche, Umbrüche und der Brüche mit der Wirklichkeit. Die Ausbrüche passieren in seiner so geliebten Welt des Kinos, wo das New Hollywood aus den müde gewordenen, verknöcherten Gesellschaftsbildern in verstaubter Studio-Optik auszubrechen versucht, ganz neue Dinge probiert, den Mut hat, eine gewisse Komfortzone zu verlassen, um Gewohntes, so unbequem es auch sein mag, hinter sich zu lassen. Tarantino scheint diese Energie angesichts der aktuellen Tendenz zum Convenience-Streamingkino schmerzlich zu vermissen. Sein New Hollywood aber isn´t dying, und er betrauert das alte nicht, wie zum Beispiel bei The Artist von Michel Hazanavicius. Er setzt auf die Möglichkeit einer wiederkehrenden Dynamik, die als Figur des Schauspielers Rick Dalton händeringend darum kämpft, den Kopf über Wasser zu halten. Die Umbrüche hingegen manifestieren sich in der Jugendbewegung des Flower Power in einem sonnendurchfluteten Kalifornien, wo überidealisierte Teenie-Hipster prinzipiell mal gegen alles sind und zu überschnappenden Amazonen in Hot Pants und Leinentunika mutieren. Für Tarantino ist diese Bewegung mit so dunklen Wucherungen wie die der Manson-Familie verbunden. Sein Umbruch ist einer, der sich komplett verpeilt.

Den Bruch mit der Wirklichkeit, den leistet sich die tragikomische Szenenrevue, die gerne und schwer greifbar in der Timeline hin und herpendelt, mit dem Erscheinen der beiden fiktiven Gestalten Rick und Cliff. Sie stolpern in ihre Zeit wie exaltierte Stan und Ollies, als wären sie immer schon dagewesen, als hätte man sie nur noch nie wahrgenommen. Mit Leonardo DiCaprio als larmoyanten Darstellungskünstler, den sein Ehrgeiz quält und sein Selbstwert des Öfteren abhandenkommt, hat sich Tarantino einen riesengroßen Gefallen getan, und es war absehbar, dass DiCaprio nach seiner viel zu wenig gewürdigten Performance in Django Unchained diesmal viel mehr zu sagen hat als in The Revenant. Hier tobt sich der Star so dermaßen aus, als hätte er nicht nur seinen Job zu verlieren. Welches Repertoire an inneren Zuständen er da ausrollt, ist von verblüffender Vielseitigkeit und könnte ihm, so vermute ich, einen zweiten Oscar einbringen. Überhaupt spielt er seinen Partner Brad Bitt, der anscheinend verlernt hat, ganz große Gefühle zu empfinden und stets der Beobachter bleibt, mühe- und gnadenlos an die Wand.

Tarantino will mit Once upon a Time… in Hollywood gar keine Geschichte erzählen. Er will sich erinnern, daran was war oder hätte sein können. Und während er sich erinnert, fällt ihm ein, dass er selbst Teil der Filmgeschichte ist, Teil eines Umbruchs Anfang der Neunziger. Und so durchzieht er seine Anekdotensammlung mit allerlei Referenzen an sein eigenes filmisches Oeuvre, von Pulp Fiction bis The Hateful Eight und versteckt mit diebischer Freude unzählige Zitate, die das Ringen des Kinos mit dem hippen Fernsehen süffisant und farbenfroh befeuern. Dazwischen eine Lichtgestalt reinster Unschuld: Margot Robbie als Sharon Tate, einer kindlichen Kaiserin gleich, die im Kino Audienz für das Publikum gewährt. Und es ist ein Kaleidoskop seiner Zeit, ein Experiment der Genugtuung und Verehrung, darüber, dass vieles so kam oder nicht so kam, wie es kommen sollte. Tarantino resigniert nicht vor all dem deterministischen Chaos, doch die Wehmut ist letztendlich groß, und wird nur getröstet durch die Philosophie eines Kinos, das zeitlos bleibt und vieles wieder gut machen kann.

Once upon a Time… in Hollywood ist ein Liebhaberfilm für Filmliebhaber. Da muss man schon Leidenschaft empfinden und mitempfinden. Ein Nerd sein, ein bisschen so wie Tarantino, der in seinen Interviews davon schwärmt, als Handwerker analog zu filmen und alles selber zu schreiben. Für den nichts geht ohne Kino. Denn Tarantino ist Film. Tarantino ohne Film ist nicht vorstellbar. Also freue ich mich jetzt schon auf seinen zehnten, und sicher nicht letzten Streich, der vielleicht ganz andere Wege geht als bisher. Der vielleicht, wie ein Umbruch, all das Alte hinter sich lässt. Vermuten lässt es sich zumindest.

Once upon a Time … in Hollywood

Allied – Vertraute Fremde

SPIEL´S NOCHMAL, HUMPHREY!

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allied

Brad Pitt ist längst nicht Humphrey Bogart. Marion Cotillard längst nicht Ingrid Bergman. Was sich Kultregisseur Robert Zemeckis, dem wir unvergessene Kinostunden wie Zurück in die Zukunft oder Forrest Gump zu verdanken haben, da geleistet hat, kann man ihm angesichts seiner filmographischen Habenseite durchaus verzeihen – besser macht es den Film aber dadurch nicht.

Dem romantischen Spionagedrama aus den letzten Jahren des zweiten Weltkriegs, laut Drehbuchautor Steven Knight auf wahren Begebenheiten beruhend, gelingt es einfach nicht, die richtige Chemie zu mixen. Weder schauspielerisch noch dramaturgisch erreicht Zemeckis seine für ihn bekannte inszenatorische Intensität. Schauspielerisch deswegen nicht, weil Brad Pitt ab einem gewissen Punkt in seiner Filmkarriere sein schauspielerisches Potenzial auf niedrige Stufe heruntergefahren hat. Sei es aufgrund einer gewissen Celebrity-Müdigkeit, dem Einfluss von Angelina Jolie oder einer inneren Erfolgszufriedenheit. Dieser Wendepunkt dürfte so ungefähr um Innaritus Episodendrama Babel gewesen sein. Soweit ich mich erinnern kann, war dies seine letzte Rolle, in welcher er neben seiner mittlerweile dauerhaften, stoisch-nachdenklichen Mine auch noch andere Gefühlszustände im Repertoire hatte. Brad Pitt ist so ausdruckslos und nichtssagend geworden wie mittlerweile Bruce Willis oder Al Pacino. Ja, eine gewisse künstlerische Müdigkeit könnte schon der Grund sein. Marion Cotillard hingegen hat in Allied – Vertraute Fremde die besseren Karten, obwohl auch spätestens hier klar wird, dass ihr Steckenpferd weniger das Blockbusterkino als viel mehr das innovative Autorenkino zu sein scheint. Das haben wir zuletzt auch bei Assassins Creed gesehen. Ihre Figuren wirken im Big Budget-Kino viel zu aufgesetzt. Im Künstlerkino hingegen bleibt kein Auge trocken, denken wir nur an die Performance in Audiards Der Geschmack von Rost und Knochen oder überhaupt an ihre Sternstunde in der Edith Piaf-Biografie La vie en rose. Soweit mal beide Akteure für sich betrachtet. Und miteinander? Nun, da können sie auch nicht so, wie sie vielleicht gewollt hätten. Chemie gibts da keine, ihre Emotionen haben mit ihrem jeweiligen Gegenüber nichts zu tun. Szenen wie „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ würden zwar gespielt, aber nicht gefühlt sein, vorausgesetzt es gäbe sie.

Wobei der Bezug zu Casablanca gar nicht so weit hergeholt ist. Mit einer der ersten Szenen, die eine Hommage an Rick´s Cafe zu sein scheint, gelingt zemeckis noch eine genüssliche Reminiszenz an Michael Curtiz´ Klassiker. Spätestens im zweiten Teil des Filmes, der in London spielt, kippt das Geschehen so ziemlich ins Flache. Und zieht sich auch gehörig in die Länge. Was man aus dem Stioff alles hätte machen können! Suspense a la Hitchcock, Dramatik a la Das Leben der Anderen. Pures, emotionales Spannungskino. So aber erlahmt das Interesse an der wahren Identität Cotillards ziemlich schnell. Suspense nur im Ansatz, gefühlte Emotionen an der Kassa. Ich werde das Gefühl nicht los, bei Betrachten des Filmes den Mangel an Spielfreude ausgleichen zu müssen. So, als hätten sie beide dem Publikum einen großen Gefallen getan. Oder gibt es von dieser Sorte Film schon mehr als genug Artverwandtes? Auch das ist möglich. Irgendwie hat man alles schon gesehen. Besser gesehen. Selbst das Finale Grande versickert im regennassen Grasboden eines Militärflughafens. Auch hier haben wir übrigens wieder einen Bezug zu Casablanca. Schwach zwar, aber die Assoziation ist da. In den letzten Filmminuten ereifert sich Zemeckis zu unzeitgemäß sagenhaftem Kitsch, der allerdings üblich für die späten Achtziger und frühen Neunziger war und den mittlerweile auch niemand mehr notwendig hat, um sich zu unterhalten. Den Gänsehauteffekt hätten die Schauspieler erzeugen sollen, nicht die Regie. Da aber vorallem Brad Pitt den ganzen Film über nicht wirklich bei der Sache zu sein scheint, bleibt Allied – Vertraute Fremde eine plump wirkende, leidenschaftslose Erinnerung an das amerikanische Spionagekino der 50er. Daher meine Bitte: Spiels nochmal, Humphrey!

 

 

Allied – Vertraute Fremde