Ferdinand – Geht stierisch ab!

WIE (K)EIN WILDER STIER

6/10

 

ferdinand© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: CARLOS SALDANHA

MIT DEN STIMMEN VON JOHN CENA, KATE MCKINNON, JERROD CARMICHAEL U. A.

 

Nie im Leben würde ich mir einen Stierkampf ansehen. Tierquälerei auf Showebene – Die Tribute von Panem für Wiederkäuer ohne Zukunft. Ein verwerfliches Kulturgut und ein Überbleibsel antiker Dekadenz, wenn ich an die um Leben und Tod geführten Schaukämpfe in römischen Theatern denke. Die Stierkämpfe in all ihrer Pracht sind paradoxerweise auch heute noch en vogue. Und da wünscht man sich, alle Stiere wären so wie Ferdinand.

Dieser Koloss von Rindvieh hatte seinen ersten Auftritt in dem kleinen Kinderbuch von Munro Leaf – als blumenliebender Pazifist unter den Haustieren hat Ferdinand als gehörnter Gandhi den Matadoren das Leben schwer gemacht. Stoff genug, um von Disney in einem wahrlich bezaubernden und künstlerisch hochwertigen Kurzfilm in Bewegtbilder umgesetzt zu werden. Die riesige Nase Ferdinands, die einem Staubsauger gleich auch das widerstandsfähigste Wiesenblümchen aufschnauft, ist ohnehin längst Kult. Disney-Kult.

20th Century Fox hat sich einer Neubelebung des literarischen Vorlage angenommen und die sanftmütige, zu Herzen gehende Geschichte auf Abendfülle gestreckt und – passend für Kinder des 21. Jahrhunderts – mit allerlei kindgerechten Versatzstücken angereichert. Das angenehm reduzierte, unaufdringliche Märchen um Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe und die kleinen, wertvollen dinge des Lebens gerät unter der Regie von Carlos Saldhana zu einer kurzweiligen und sympathischen, allerdings aber auch etwas schablonenhaften Komödie. Der schöngeistige, sanftmütige Stier sieht sich nicht nur mehr umringt von Blümchen aller Art – diesmal sind es auch Stiere und Möchtegern-Stiere unterschiedlichen Kalibers, von gefühlskalt bis neurotisch. Der unterschiedliche Haufen passt von den Hörnern bis zum Schweif überhaupt nicht zusammen, doch ihr Abenteuer bestehen müssen sie gemeinsam. So sehr es anfangs auch als unmöglich erscheint. Und spätestens bei der Beruhigungsziege – gibt’s so was wirklich? – Elvira kommen einem einige Charaktere ungemein bekannt vor. Die nervige Ziege mit dem enormen Vorbiss erinnert frappant an Dory aus Findet Nemo. Die drei Igel sind auch schon mal in diversen anderen Animationsfilmen zu sehen gewesen – als Wiesel oder Opossum, wie auch immer. Und der spaßbefreite Konkurrenzstier Valiente erinnert an eine Mischung aus dem Säbelzahntiger Diego und König der Löwen. Alles in allem fehlt es Ferdinand mit Ausnahme des titelgebenden Hauptcharakters an ausreichend einprägsamen Figurenzeichnungen.

Ganz klar sind die meisten Animationsfilme mit Tieren im Cast auf einige wenige Charaktere herunterzubrechen. Das Kleingetier ist wuselig überdreht mit punktgenauen Onelinern auf den Lippen, bei den Großen pendelt das Verhalten zwischen ungutem Raubein und wortkargem Sonderling. Man weiß im Vorhinein, wo die kalkulierten Lachnummern liegen. Das dürfte ich in anderen Genrefilmen wohl nicht wirklich wahrgenommen haben, in Ferdinand ist mir das Recycling an Figuren wohl am Stärksten aufgefallen. Doch wahrscheinlich lässt sich ein Abenteuer unter sprechenden Nutztieren gar nicht anders zeichnen. Und beim nächsten Film sind die frechen Scherzbolde wieder irgendwelche Nager. Den Kinder gefällt´s, und selbst mir entlockte Ferdinand einige Lacher. Die Szene mit dem Stier im Porzellanladen hätte selbst Disney nicht besser machen können. Keine Frage, der Film ist grundsympathisch und mit dem Herz am richtigen Fleck. Und er vermittelt Werte, die man – ob alt oder jung – verinnerlichen und mitnehmen kann. Dennoch ist Ferdinand keine innovative Überraschung, sondern begnügt sich mit bewährter Tricktechnik auf hohem Niveau. Und auch wenn anfangs sonnenklar ist, wie das ganze ausgeht – für die Kleinen kann das manchmal sehr beruhigend sein – und schmälert auch nicht den Kinospaß.

Ferdinand – Geht stierisch ab!

Guardians of the Galaxy Vol. 2

FLIEGENDE ALIENS IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

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guardians2

Und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Waschbär her… nun, laut herausposaunen sollte ich die Abwandlung einer bekannten Weisheit lieber nicht, sonst bekomme ich von dem kleinen, felligen Guardian mit der Wumme eins übergebraten. Denn Waschbär will das freche Wesen nicht genannt werden. Doch was ist dieser Knilch überhaupt? Eine der vielen Fragen, die während der Kamikaze-Mission des zusammengewürfelten Haufens wilder Hündinnen und Hunde heiß diskutiert werden. Die chaotischen Outlaws schenken sich nichts, und doch stehen sie füreinander ein. Genau das ist das Geheimnis hinter dem Gelingen der furiosen, brüllend komischen Fortsetzung eines der wohl lustigsten und unterhaltsamsten Science-Fiction-Filme seit Mel Brook´s Spaceballs.

Zugegeben, Guardians of the Galaxy Vol. 2 ist keine Parodie, sondern kann auch komisch sein, ohne erfolgreiche Vorbilder zu veralbern. Einfach ganz aus sich selbst heraus. Und ganz aus sich selbst heraus gehen diesmal auch Star-Lord, Rocket und Co. Ganz im Ernst – wenn man schon im ersten Teil mit den schrägen Figuren sympathisiert hat, kann und muss man sie im zweiten Abenteuer geradezu lieb gewinnen. Und dazu gehört auch sowohl der blauhäutige Pirat Yondu mit seinem Pfeifgeschoß als auch die stets tobsüchtige Schwester Nebula. James Gunn gelingt, was sonst nur Joss Whedon in Buffy, Firefly oder dem ersten Teil der Avengers gelungen ist – nämlich ganz auf den Reiz seiner Charaktere und ihren sozialen Mikrokosmos zu setzen. Der gibt einiges her – ganz zum Gaudium des Publikums. Die Guardians lassen uns von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt an einem Wechselbad der Gefühle teilhaben, der zum Schmunzeln, Wundern und Kopfschütteln einlädt. Den schrägen Vogel abgeschossen hat neben dem grundehrlichen Hünen Drax mit seiner sehr eigenen Sicht der Dinge und dem ans Perry Rhodan-Universum erinnernden Mausbiber natürlich der Wurzelzwerg Groot als hüftschwingendes Holzbaby mit Kulleraugen, begrenztem Wortschatz und dem Hang dazu, Dinge misszuverstehen. Ihm gehört die ganze Liebe des intergalaktischen Auditoriums – alleine das Intro des Filmes setzt trotz seines furios gefilmten Monster-Clashs seinen Fokus auf die Performance des unterschätzten Pinocchios und sorgt damit schon mal für eine bereitwillig wohlgesinnte Grundstimmung für den Rest des auffallend langen Filmes, der den Nebel rund um die Herkunft des Peter Quill zwar lüftet, aber im Grunde eine abgekoppelte, eigenständige Geschichte erzählt, die kaum bis gar keinen Bezug zur alles überspannenden Infinity-Storyline aufweist. Also noch Tags davor die Hintergründe zu den 6 außergewöhnlichen Steinen so ziemlich umsonst nachgelesen. Im großen Finale der Marvel Cinematic Universe werden sie aber eine im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende Rolle spielen. Den roten Faden des großen Ganzen noch mal durch das Volume 2 der Guardians laufen zu lassen, wäre eine Chance gewesen, noch mehr Lust auf Marvel´s große Sause zu bekommen. Und dass selbst Thanos nicht mal in den Mid-Credit-Szenen einen Auftritt hatte, sorgt für leichte Irritation. Doch das sind hohe Ansprüche eines Nerds – Guardians of the Galaxy Vol. 2 mag zwar inhaltlich kaum relevant sein, das Auge hat während der niemals enden wollenden, furiosen Achterbahnfahrt zwischen Welten, Sternen und kuriosen Raumschiffen genug zu tun.

Tatsächlich gelingt es den Animationsstudios von Weta und Co, mit jedem weiteren Film, der in irrealen Welten spielt, noch um eine Stufe besser zu werden. Die virtuelle Kamera von Guardians of the Galaxy Vol. 2 zaubert eine sich immer wieder neu erfindende Welt in allen nur erdenklichen Perspektiven. Gestochen scharf, knallbunt und in atemberaubend räumlichem 3D. Darüber hinaus streut James Gunn jede Menge Easter Eggs und absurde Cameos wie Howard, die Ente oder David Hasselhoff als Quill´s imaginärer Vater-Ersatz. Hier werden Erinnerungen an die gute alte Science-Fiction-Welle aus den Achtzigern wach, die im Fahrwasser von Krieg der Sterne farbenfrohe Teamwork-Abenteuer wie Zardoz, Sador oder Flash Gordon ins Leben gerufen hat. Guardians of the Galaxy Vol. 2 macht die Peinlichkeiten von damals wieder gut – aber nur, um erneut zum feuchtfröhlichen Fremdschämen einzuladen. Doch Star-Lord und seine Freunde sind, was sie sind. Wer die Galaxis gerettet sehen will, der darf in der Wahl seiner Helden nicht so zimperlich sein und genug Sinn für Humor haben. Ein Teil von den Wächtern der Milchstraße zu sein wäre mit Sicherheit alles andere als langweilig. Und irgendwie auch so was wie Familie. Trotz Nebula, die man laut Drax eventuell zurücklassen könnte.

Guardians of the Galaxy Vol. 2