Driveways

DER GUTE NACHBAR

6,5/10


driveways© 2020 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: ANDREW AHN

CAST: HONG CHAU, LUCAS JAYE, BRIAN DENNEHY, CHRISTINA EBERSOLE, JERRY ADLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Ob in Cocoon, der liebevollen Jungbrunnen-Science-Fiction aus den Achtzigern, ob als Peter Greenaways todkranker Architekt in Rom oder gemeinsam mit James Caan in einer Alternativwelt aus Menschen und Aliens: der gute alte Brian Dennehy war für alles zu haben. Den integren Weißhaarigen mit dem verschmitzten Lächeln kann man gut und gerne als Charakter-Erbe eines Ernest Borgnine sehen, oder auch als Hollywoods Antwort auf Günther Strack, dem einen von beiden, die Fälle nur zu zweit lösen konnten. Der sympathische Filmbär hat selbige Welt aber leider schon verlassen – einer seiner letzten Filme war das vorliegende Independentdrama Driveways, das heuer eigentlich hätte in die Kinos kommen sollen, jedoch womöglich aus Platzgründen derzeit nur gestreamt werden kann. Macht aber nichts. Driveways ist ein kleiner Film für kleine Screens, das muss nicht zwingend im Kino sein, da passt es direkt ganz gut, in den eigenen vier Wänden ein leichtes Drama über ganz andere vier Wände zu sehen, die wiederum sehr viel über das Leben anderer erzählen. 

Dennehy spielt einen Witwer und Kriegsveteranen, der gern auf seiner Veranda sitzt und ansonsten allwöchentlich Bingo spielt. Da fährt eines Tages vor dem leerstehenden Nachbarhaus ein Auto in die Auffahrt – es ist die Schwester der verstorbenen Besitzerin. Auch ihr schüchterner Sohn ist mit dabei. Beide müssen das Haus entrümpeln, um es verkaufen zu können. Was sie nicht wussten: die Tante war ein Messie. Den vielen Dingen Herr zu werden kostet also mehr Zeit als geplant – was dazu führt, dass sich Cody mit dem alten Nachbar anfreundet. Und nicht nur mit dem. Bald merkt er, dass Sozialisieren zwar schwierig, aber genauso machbar scheint wie das Entrümpeln eines fremden Lebens.

Andrew Ahns Nachbarschaftsstudie lebt von stillen Momenten und leisen Tönen. Vom unaufgeregten menschlichen Verhalten und nicht minder von der entzückenden Performance des Jungdarstellers Lucas Jaye, der den zehnjährigen Cody mit einer ringenden Gefühlswelt aus Neugierde und Zerbrechlichkeit verkörpert. Mit angeberischer Klugheit und kleinen neurotischen Macken, die ihn so einnehmend sympathisch erscheinen lassen. Dennehys Filmfigur fährt voll auf ihn ab. Reserviert, aber höflich bleibt hingegen die Mutterfigur, die rückblickend damit hadert, so wenig Kontakt zu ihrer Schwester gehabt und somit nichts über ihr späteres Leben gewusst zu haben. Driveways schildert Versäumnisse und Verluste, aber auch die Freude an etwas Wiedergewonnenem. Das ist so überschaubar wie die Auffahrt des Nachbarn, aber so entspannt entschleunigt wie die kurze Rast nach einem Großeinkauf im Supermarkt, den man erfolgreich hinter sich gebracht hat. Wenn man dann noch mit einem Nachbar ins Gespräch kommt, den man sonst noch nie auf dem Radar hatte, trifft es ungefähr genau die Stimmung einer wahrhaftig empfundenen, menschelnden Alltagsgeschichte.

Driveways

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN

8/10


minari© 2021 Prokino


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: LEE ISAAC CHUNG

CAST: STEVEN YEUN, HAN YE-RI, ALAN S. KIM, NOEL KATE CHO, YOON YEO-JEONG, WILL PATTON, SCOTT HAZE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Kein Songtitel passt so gut zu diesem Film wie jener von Wir sind Helden, denn nichts anderes hat die aus Südkorea eingewanderte, vierköpfige Familie eigentlich vor: Sie sind nach Arkansas gekommen, um zu bleiben. Ein leistbares Stück Grund und Boden ist nun ihr eigen, darauf steht ein riesengroßer Trailer, rundherum gibt es Wald, soweit das Auge reicht. Arkansas: Land of Opportunity. Da lässt sich sicher mehr verwirklichen als in Kalifornien, wo die Familie zuvor gelebt hat, daher auch die guten Englischkenntnisse der beiden Kinder. Papa Jacob will Farmer werden, Gemüsefarmer. Was man dazu braucht, ist natürlich Wasser, am besten Grundwasser, das kostet nichts, vorausgesetzt, man schafft es, die Quelle richtig anzuzapfen. Neben all diesen Anstrengungen, aus dem Nichts heraus zum Selbstversorger und Landwirtschafter aufzusteigen, bangt die Familie auch um die Gesundheit des kleinen David, der ein schwaches Herz hat. Und um finanzielle Ressourcen. Zum Glück für fast alle kommt dann auch noch die Oma hinzu, die anfangs jedoch keine große Hilfe zu sein scheint, fühlt sie sich doch zu nichts verpflichtet, außer, ein Stückchen ferne Heimat in den mittleren Westen zu bringen.

Der ebenfalls aus Korea stammende, amerikanische Filmemacher Lee Isaac Chung hat einen unprätentiösen, zarten, womöglich auch autobiographisch angehauchten Film gedreht, in welchem er von Dingen erzählt, von denen wohl niemand so viel Ahnung hätte wie er. Entsprechend konzentriert und beobachtend fällt sein alles andere als schwermütige Drama aus, das so einige stilistische Gemeinsamkeiten mit Chloé Zhao aufweist. Beide untersuchen den Mythos eines Landes, dessen Möglichkeiten als unbegrenzt gelten. Und dessen Potenzial nur darauf wartet, ausgeschöpft und genutzt zu werden. Während Zhao ihrem erwartungsvollen Blick durchaus Nüchterung folgen lässt, versucht Isaac Chung, daran festzuhalten und die Suche nicht aufzugeben. Wo Zhao Grenzen setzt in einer scheinbar grenzenlosen Landschaft, sollen die paar Hektar Land, die Familie Yi zusteht, einem Füllhorn gleich Fleiß, Anstrengung und Beharrlichkeit reich vergelten. Auch Minari – Wo wir Wurzeln schlagen ist ein zeitgenössischer Western, ein modernes Stück Pioniergeschichte aus der Gegenwart, ohne Heldentum und Outlaws, sondern voll des Willens, sich zu integrieren.

Dabei strahlen die liebevoll umschriebenen Charaktere weit über die Wipfel der Wälder von Arkansas hinaus. In Steven Yeun, bekannt aus dem elektrisierenden Psychothriller Burning, ruht eine fast schon kindlich-naive Zuversicht, die jedoch notwendig scheint, um Pläne wie diese zu verwirklichen. Han Ye-Ri hingegen ist der personifizierte, skeptische Realismus, den es natürlich auch braucht, um nicht blauäugig ins Unglück zu stürzen. Die Familienbande selbst hält die kaum ein Wort Englisch sprechende Oma zusammen – Yoon Yeo-Jeong hat für ihre changierende Rolle zwischen stichelndem Humor und großem Drama in diesem Jahr den Oscar für die beste weibliche Nebenrolle erhalten. Und ja, sie spielt grandios. Ebenso grandios ist allerdings auch US-Schauspieler Will Patton, den ich zuletzt als diabolischen Antagonisten in der DC-Comicserie The Swamp Thing erleben durfte. Als zutiefst religiöser Eigenbrötler Paul, der Jacob fast schon aus reiner christlicher Nächstenliebe heraus zur Hand geht, ist er kaum wiederzuerkennen, schleppt sein Sonntagskreuz mit sich herum und absolviert schräge Gebete. Eine völlig unterschätzte Performance, die lange in Erinnerung bleibt.

Minari (übrigens eine Art koreanische Petersilie) ist eine realitätsnahe, gleichsam auch recht prosaische Ode an den Zusammenhalt. Was ausbleibt, sind epische Szenen oder Elemente wuchtigen Eventkinos. Dieser Film übt sich in Bescheidenheit, in der Bereitschaft, Entbehrungen zu akzeptieren und weiter nach vorn zu blicken. In der Genügsamkeit und dem Wertebewusstsein von Lee Isaac Chungs Drama liegt die Größe eines kleinen, achtsamen Films, der in seiner Überschaubarkeit wohltuend und beruhigend, ja geradezu reflektierend wirkt.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

The Lie

ELTERN HAFTEN FÜR IHRE KINDER

7/10


thelie© 2020 Amazon Studios


LAND: USA 2018

REGIE: VEENA SUD

CAST: JOEY KING, PETER SARSGAARD, MIREILLE ENOS, CAS ANVAR, DEVERY JACOBS. PATTI KIM, NICHOLAS LEA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Das Studio Blumhouse hat gleich mehrere Horror- und Thrillerpremieren als herbstliches Sparpaket an den Streamingriesen amazon verkauft – darunter einen wintergrauen, hundsgemeinen Familienfilm, der nicht viele Zutaten braucht, um sein ganzes Potenzial zu entfalten, der aber auch nicht davor zurückschreckt, die sich durchwurstelnde Scheidungsfamilie von nebenan als werteverwirrte Sippe zu degradieren.

Die ganze Situation, in die Papa Peter Sarsgaard und Hanna-Agentin Mireille Enos da hineingeraten, ist schnell erklärt: Papa chauffiert Töchterchen Kayla in tiefstem Winter auf ein Wochenendlager. Ganz zufällig treffen sie auf Schulkollegin Brittany, die den selben Weg hat, aber mit den Öffis Vorlieb nehmen muss. Wäre doch doof, sie nicht einsteigen zu lassen. Bei einer Pinkelpause an der verschneiten Landstraße passiert dann das Unfassbare: Kayla stößt Brittany von der Brücke. Für alle, die jetzt erst an den Ort des Geschehens stoßen, war das offensichtlich Mord im Affekt – oder so ähnlich. Kayla ist außer sich. Papa verliert die Nerven. Was beide sonst noch verlieren, dass ist ihr rationales Denken. Wir kennen das bereits aus vielen Genrefilmen dieser Art: die Unfähigkeit, langfristig vorauszuplanen, hat zur Folge, dass Unglücksfälle wie diese, die vor Gericht für die Beteiligten wohl genauer betrachtet glimpflich ausgehen würden, aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus einfach vertuscht werden. Wie es aussieht, hat Kaylas Familie noch nie irgendeinen Kriminalfilm gesehen. Sonst würden sie wissen, dass die Vertuschung eines Verbrechens das selbige potenziert. Das keiner auch nur jemals aus so einem Lügenkonstrukt gut ausgestiegen wäre. An diesem unglaubwürdigen Handeln allerdings kaut der Film eine Zeit lang herum. Als Zuseher weiß man auch nicht so recht, ob das folgende Szenario diese drehbuchtechnische Unachtsamkeit wieder vergessen macht. Nun – zum Glück tut es das. Regisseurin Veena Sud (diverse Drehbücher für Cold Case) probiert es mit der hoffentlich plausiblen, grenzenlosen Liebe der Eltern zu ihrem Kind. Diese sind dann zu allem bereit. Auch zur Lüge. Doch wer eine solche gut durchdacht haben will, braucht ein Gehirn wie einComputer, um nichts außer Acht zu lassen. Natürlich geht das schief. Und Brittanys Papa (Cas Anvar aus The Expanse) steht alsbald vor der Tür.

Tut mir leid, das sagen zu müssen – und es ist auch nicht wirklich anständig, sich so zu verhalten – aber das, was sich in den nächsten Filmminuten an Schwierigkeiten heranpirschen, entbehrt nicht einer gewissen hausgemachten Schadenfreude. Es quälen sich die frisch Geschiedenen von Ausrede zu Ausrede, die Tochter scheint erstaunlich unbekümmert zu sein, hat sie doch zugegeben, den Mord bewusst verübt zu haben. Tja, Eltern haften für ihre Kinder, das wissen diese nur zu gut, vor allem in diesem pubertären Alter. Da können sie machen, was sie wollen, und wenn es das Gesetz bricht. The Lie zeigt sich nicht sehr versöhnlich mit einem ganz gewissen Teenie-Klientel, das im Dunstkreis einer am Liebsten ewig andauernden Spaßgesellschaft mit dahingelebter Verantwortungslosigkeit das System neu erfinden will. Joey Kings Killer-Girl im Reue-Ruhemodus ist so ein Charakter. Was genau dahintersteckt, lohnt sich, herauszufinden.

Der bereits 2018 auf dem Toronto Filmfestival vorgestellte Thriller beweist nach anfänglichen Startschwierigkeiten, dass seine Story sehr wohl einiges auf dem Kasten hat. Die Spirale einer verfahrenen Situation und dessen klar erzählter roter Faden wickelt sich immer enger und enger um all die Streitenden, Unwissenden und Ausflüchtenden. Veena Suds Film ist schnörkellos, minimalistisch, aufs Wesentliche reduziert – und würde sich, nach wenigen Anpassungen, gar gut für die Bühne eignen. Ein pointierter, sehenswerter Thriller, um nicht zu sagen: eine kleine Überraschung.

The Lie

Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

Waves

ZWEIKLANG EINER FAMILIE

7/10

 

WAVES© 2019 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2019

REGIE: TREY EDWARD SHULTS

CAST: KELVIN HARRISON JR., TAYLOR RUSSELL, STERLING K. BROWN, LUCAS HEDGES, ALEXA DEMIE U. A. 

 

Gibt es die perfekte Familie? Social Media will uns das zwar unter frei wählbarer Message Control weismachen, aber – nein, natürlich gibt´s die nicht. Auch wenn Eltern sich bis zur Verausgabung anstrengen, um den Nachwuchs zu einem Wunderkind zu erziehen. Laut Familienvater Rupert müssen sich schwarze Familien doppelt so hart anstrengen, und doppelt so viel leisten, um das zu erreichen, was die Weißen haben. Und er tut das, er pusht seinen Sohn Tyler, der das Zeug zum Meisterringer hat, zu jeder Tageszeit. Tyler ist des Vaters roher Diamant, der geschliffen werden will. Ob Tyler das auch so sieht? Nun, er tut seine Pflicht. Was heißt eine – alle möglichen Pflichten. Will perfekt sein, den Big Daddy zufriedenstellen. Aber da der Anspruch, perfekt sein zu wollen, ja genauer betrachtet an sich schon eine gewisse Verpeilung darstellt, kann dieser leicht zur Obsession werden. Und Obsession führt zum Kurzschluss, wenn höhere Mächte den Eifer bremsen. Und die prasseln der Reihe nach auf den 18jährigen Jungen ein. Tyler bangt um seine Zukunft, und als sich jede Hoffnung zu zerstreuen scheint, verliert auch er den Boden unter den Füßen.

Es ist wie die Sache mit Ikarus. Die Flügel werden schmelzen, je höher er fliegt. Natürlich weiß er das, tut es trotzdem – und fliegt zu hoch. Ikarus stürzt ab. Tyler, der Sohn mit so viel Potenzial, hechtet hinterher und lässt sich von einer Abwärtsspirale aus scheinbar irreparablen Umständen ins Nichts ziehen. Wobei diese Episode des Films nur die Hälfte des Erzählten ist. Was Trey Edward Shults (u.a. It Comes at Night) hier erzählt, ist weitaus mehr und nicht nur das Falling Down eines schwarzen Jugendlichen, der meint, den Ansprüchen aus dem Elternhaus nicht zu genügen. Waves ist auch der Leitfaden raus aus einer familiären Katastrophe, die nicht mehr der gestrauchelte Tyler dominiert, sondern dessen Schwester Emily. Ein Film also, der zwei Geschichten eint, die, sich ergänzend, vom Erwachsenwerden, von Vergebung und vom Plan B erzählen, der längst nicht perfekt, dafür aber machbar und letztendlich lebenswert scheint.

Für diese Fülle an Drama und Tragödie findet Waves eine virtuose Bildsprache, die vor allem anfangs in seinen Bann zieht. Die Kamera scheint zu rotieren, alles dreht sich, alles bewegt sich, die Party des Lebens kann nicht gestoppt werden. Ein Quell an Farben, Unschärfen und Rhythmen, die Julian Schnabel wohl gefallen würden. Shults gelingen in seinem selbst verfassten Werk einige meisterhafte Szenen, die so hypnotisch sind wie jene aus Barry Jenkins Oscar-Gewinner Moonlight. Inhaltlich haben beide nicht viel gemein, doch das Lebensgefühl unter den jungen Menschen Floridas lässt sich da wie dort nicht nur zum Spring Break-Event einfangen, sondern auch in Momenten des Innehaltens und Reflektierens. Waves ist auch längst kein Beitrag zum Black Lives Matter-Betroffenheitskino – die Problematik der schwarzen Minderheit ist hier, so fühlt es sich zumindest an, überhaupt kein Thema. Das hat etwas Befreiendes, geradezu Pionierhaftes. Ob Schwarz oder Weiß ist hier mehr oder weniger egal, denn das ganze Drama lastet ohnehin schwer auf den Schultern aller beteiligten Protagonisten, die von einem Ensemble geführt werden, das in dieser fiebrig-irrlichternden Soulballade alle Anstrengung nicht umsonst sein lassen. Kelvin Harrison Jr. als Tyler gibt psychisch wie physisch alles, Taylor Russell (derzeit auf Netflix mit Lost in Space) führt mit verträumter Melancholie die Katharsis ihrer Familie an und Sterling K. Brown darf die Scherben vom Idealbild selbiger aufsammeln. Das mag alles ein dichter, gehaltvoller Brocken an Film sein, und ja, Geschichten wie diese lassen sich einfach auch weniger mäandernd erzählen, doch in seiner Gesamtheit ist Waves ein zeitgemäßes Epos, (tränen)reich an Farben und Klängen, welches das Leben, egal wie es kommt, um jeden Preis annimmt.

Waves

Little Women

ERST RECHT, WEIL ICH EIN MÄDCHEN BIN

7/10

 

littlewomen© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: GRETA GERWIG

CAST: SAOIRSE RONAN, FLORENCE PUGH, EMMA WATSON, ELIZA SCANLEN, LAURA DERN, MERYL STREEP, TIMOTHEÉ CHALAMET, CHRIS COOPER U. A.

 

Die ehemalige Mumblecore-Ikone Greta Gerwig, oft unter der Regie von Noah Baumbach (der mittlerweile ihr Partner ist, aber das nur so am Rande), hat wieder getan, was sie am besten kann: Im Grunde eigentlich über sich selbst erzählen. Was natürlich Hand und Fuß hat, denn nichts ist authentischer und ehrlicher als die Reflexion aufs eigene Leben, die Frau hier mit ins Spiel bringt. Das Spiel selbst, das ist kein neuer Hut mehr. Es ist die ich weiß nicht wievielte Verfilmung eines Coming of Age-Romans der US-Autorin Louisa May Alcott, im Grunde die amerikanische Antwort auf den ungefähr zeitgleich entstandenen Trotzkopf von Emmy van Rhoden. Alcotts Buch aber dürfte so etwas wie die Jungmädchen-Pflichtlektüre in allen Bundesstaaten gewesen sein. Nirgendwo sonst hätten Mädchen, mit dem Blick in die Zukunft und von Träumen, Wünschen und Sehnsüchten geprägt, ihre Seelenwelt wohl besser verstanden gewusst als hier. Erstaunlich dabei: für jedes Mädchen scheint in Little Women etwas dabei gewesen zu sein, Seelenverwandte also leicht zu finden. Im Zentrum steht natürlich Jo March, die schriftstellerisch Begabte. Freiheitsliebend, nonkonform, ein Sturkopf schlechthin, aber auffallend klug und daher alles und jeden hinterfragend. Natürlich fällt die Wahl der Lieblings-Romanfigur in erster Linie auf diese junge Dame. Sie nimmt sich heraus, was sich andere verwehren – das Streben nach den eigenen Zielen. Das ist eine Darstellung, weit ihrer Zeit voraus. Und völlig klar – Gerwig sieht auch speziell in Jo March ihr Alter Ego, ihre Verbündete, hat sie doch im Rahmen eines cinema-Interviews offenbart, auch selbst mit Little Women aufgewachsen zu sein und aus dem beharrlichen Verhalten ihres jungen Idols selbst genug Motivation gewonnen zu haben, um überhaupt die künstlerische Laufbahn als Autorenfilmerin einzuschlagen.

Gerwig holt sich für ihre strahlende Hauptfigur erneut Saoirse Ronan an Bord. Das war schon bei Lady Bird alles andere als ein Fehler, und ist es auch bei Little Women. Um Ronan herum dreht sich der ganze Film. Sie legt eine solch erfrischende Natürlichkeit an den Tag, so eine unaufgeregte Selbstsicherheit und findet für ihren Charakter so viele unterschiedliche Facetten, dass man das Gefühl hat, keiner kann und darf sich ihr in den Weg stellen. Sie verkörpert eine Frauenfigur, die als Soll-Zustand weiblicher Selbstverwirklichung zeitlos gültig bleibt. Deswegen auch Gerwigs Griff nach einem über hundert Jahre alten Roman, der, obwohl er ein Sitten- und Gesellschaftsbild seiner Zeit ist, genau dieses zu einem temporären Korsett reduziert, das sich abstreifen lässt, das nicht zwingend getragen werden muss, denn die Frage ist ja dabei auch, wer schreibt dieses Korsett denn vor? Und wer beurteilt, ob und wann Frauen talentiert genug sind, um die Elite aufzumischen? Ihre Little Women gehen aus sich heraus, wo andere vielleicht in Deckung gehen. Und probieren aus, wo andere Angst haben zu scheitern.

Die Qualität dieser Neuverfilmung liegt genau dort, wo sie sein soll: in vier völlig autarken Charakterstudien, die als Jo, Amy, Meg und Beth aus dem Zeitgeist der 60er Jahre des neunzehnten Jahrhunderts penibel, mit viele Geduld und Liebe zur genauen Beobachtung herausgearbeitet wurden. Da hat sich Gerwig beim Schreiben wirklich ins Zeug gelegt. Und nicht nur sie – neben Saoirse Ronan auch und vor allem Florence Pugh als impulsives Energiebündel zwischen familiärem Pflichtbewusstsein und individueller Freiheit. Was Laura Dern betrifft – es ist irgendwie beruhigend, zu sehen, dass ihr auch noch ganz andere, viel subtilere Filmfiguren gut zu Gesicht stehen als nur die resolute Powerfrau und Anwältin, die ihr Geschäft versteht. Letzten Endes aber geht es bei Alcotts Little Women auch nicht ohne die männliche Komponente, nur zwingend reich muss diese nicht sein. Somit haben wir hier keine militante Female Power gegen ein plakatives Patriarchat, sondern einen zuversichtlichen Lovesong auf ein Miteinander der Geschlechter, ohne sich der Männerrolle zwingend entledigen zu müssen. Da macht Gerwig vieles richtig, bleibt diplomatisch und vernünftig, trotz all der großen Emotionen.

Etwas fahrig wird dann die technische Umsetzung ihres fein ausgestatteten Films, insbesondere gibt’s so manche Probleme im Wechsel der Zeitebenen, die sie glaubt geschickt verzahnt zu haben – dabei wäre, wie ich finde, hier ein langsamerer, ausgewogener Rhythmus zwischen den Szenen und all den Erinnerungen die bessere Wahl gewesen. Nichtsdestotrotz aber bleibt ein kluger Film über Young Adults in Erinnerung, der sich die Freiheit nimmt, irgendwann nicht mehr zwischen Realität und romantischer Heile-Welt-Poesie zu unterscheiden, auch wenn diese vielleicht doch nur im Buche steht, all die jungen Frauen aber umso stärker motiviert, an sich selbst zu glauben.

Little Women

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

45 Years

DIE FRAU VON FRÜHER

4/10

 

45years© 2015 Filmladen

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2015

REGIE: ANDREW HAIGH

CAST: CHARLOTTE RAMPLING, TOM COURTENAY U. A.

 

Charlotte Rampling geht mit dem Hund spazieren – und es ist eine herbstliche Welt, in der sie es tut. Kalt und grau ist es, man atmet klare Luft, das Denken zieht so seine Bahnen. Dieser Herbst, der hat sich auch in eine Beziehung eingeschlichen, die schon mehr als 40 Jahre währt – genauer gesagt 45, aber das lässt sich ohnehin aus dem Titel ablesen. Mit 40 hätte ein großes Fest stattfinden sollen, eine Erneuerung des Eheversprechens, doch dazu kam es nicht, wahrscheinlich aus Krankheitsgründen. Ein zweiter Anlauf also – mit 45 auf der ehelichen Habenseite ist man sowieso noch nicht viel weiser als mit 40, somit macht das keinen Unterschied mehr. Was einen Unterschied macht, das ist ein Brief aus der Schweiz. Denn Gatte Jeff, der verlor vor einem halben Jahrhundert die Liebe seines Lebens, bei einer Bergtour durchs Gebirge. Ein Unfall, tragisch und traumatisch – die Leiche wurde nie gefunden. Bis jetzt. Und mit dem Finden derselbigen schleicht sich plötzlich ein Gedanke ein, der sich so egozentrisch, herbeigeholt und abstrakt anfühlt, dass es fast unmöglich scheint, daraus einen Film zu machen.

Der Film wurde gemacht, vom Briten Andrew Haigh, und widmet sich nichts anderem als den Was-wäre-wenn-Gedanken einer älteren Dame, deren Komplex, das Opfer einer möglichen zweiten Damenwahl zu sein, den ganzen Spaß am entspannten Herbst des Lebens nimmt. Da frage ich mich nicht nur einmal im Film: Was genau ist Filmcharakter Kates Problem? Dass ihr Mann ein Leben vor ihr hatte? Dass die Gespräche abends im Bett ausnahmsweise mal von der Vergangenheit handeln? Von der ersten großen Liebe? Ehrlich gefragt – wer hat schon seine erste große Liebe letzten Endes wirklich gehelicht? Oder wähnt sich immer noch in trauter Zweisamkeit mit einer Liebe, deren Flamme so lodert wie am ersten Tag? In den seltensten Fällen. Wenn doch, dann Hut ab. Realistisch betrachtet kann ich es kaum glauben. Denn Liebe ist etwas, dass sich stetig wandelt, und niemals so bleibt wie am ersten Tag. Dauerhafte Liebe, das ist ein nachhaltiger, inniger Zustand einer sich längst bewährten Zuneigung, die gar nicht viele Worte braucht. Das ist Geborgenheit, Sicherheit, ein Aufeinander-Verlassen. Diese Liebe, die Jeff damals wohl empfunden hatte, war anders. Eine dieser ungestümen Erfahrungen, ein Durchbrennen – von kurzer Dauer, intensiv und wunderschön, keine Frage. Aus damaliger Sicht: die Liebe des Lebens. Aus der Zeit und dem damaligen Kontext gerissen etwas, dass rückblickend gar nicht mehr beurteilt werden kann. Hätte diese Liebe gehalten, wäre Katya, so hieß das Mädchen, damals nicht verunglückt? Wer weiß, das sind Spekulationen, Hypothesen, irrlichternde Gedanken, die keinen Halt besitzen. Für Charlotte Rampling als eine im Ego gekränkte Ehefrau sehr wohl. Und das nach 40 Jahren? Wo ist das Vertrauen hin?

Das Stigma, nur die zweite Wahl gewesen zu sein, lässt Ursache und Wirkung, lässt die sich verändernden Zeiten und das Weiterentwickeln einer längst vertrauten Person ziemlich außen vor, ignoriert es sogar. Zweite Wahl wäre es gewesen, hätte Jeff beide Frauen zur gleichen Zeit gekannt. Doch dem war nicht so. Gattin Kate kann den Unterschied nicht erkennen, ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt – und dadurch überraschend unsympathisch. Wäre ich Gatte Jeff, würde ich mich gekränkter fühlen als umgekehrt. Denn Misstrauen und Eifersucht wiegt schwerer als das Bejammern einer verschütteten Milch, die wohl süßer war als jede andere, aber nicht zwingend wohlschmeckender.

45 Years ist ein betuliches, stilles, kleines Kammerspiel, vorwiegend ein Zwei-Personenstück, das schauspielerisch tadellos funktioniert. Jedoch ist mir selten ein Film wie dieser untergekommen, dessen Prämisse sich mir so querlegt wie hier. Und eigentlich nichts erzählt, was auch nur irgendwie bereichert. Vielleicht ist das Drama bewusst so ausgelegt, aber das scheint mir dann doch nicht so gewollt.

45 Years

Wenn du König wärst

PROJEKTTAGE MAL ANDERS

7/10

 

wenndukoenig© 2019 20th Century Fox Deutschland

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JOE CORNISH

CAST: LOUIS ASHBORNE SERKIS, TOM TAYLOR, REBECCA FERGUSON, DEAN CHAUMOO, RHIANNA DORRIS, ANGUS IMRE, PATRICK STEWART U. A.

 

Ich liebe den Film The Sword in the Stone, im deutschen Verleih bekannt als Die Hexe und der Zauberer. Disney hat hier einen unglaublich liebevollen und charmant-witzigen Klassiker entworfen, der die Legende rund um König Artus in aufwändigen Handzeichnungen und in familientauglicher, steter Zuversicht als kauzigen Evergreen-Event nacherzählt hat. Wenn Hexe Mim die Sonne verflucht oder Eule Archimedes sich scheckig lacht, das sind das immer wieder gern gesehene Sternstunden der Zeichentrickkunst. Weg von den Strichen und hinüber in eine uns bekannte photographische Gegenwart wechselt der jüngst im Kino gestartete Abenteuerfilm Wenn du König wärst. König Artus ist auch hier das Thema, und wieder gibt es jemanden, der es schafft, das besagte Schwert Excalibur aus dem Stein zu ziehen. Dieser Stein, der steht auf einem Abrissgrund, wir schreiben das 21. Jahrhundert, und wäre der Junge Alex nicht von seinen Erzrivalen aus der Schule gejagt worden, hätte er das Artefakt, versteckt hinter Baustellplanen, nie entdeckt. Oder doch? Vielleicht auf anderem Wege, denn das Schwert hätte vermutlich schon seinen Meister gefunden, auf welche Art auch immer. Doch was damit anstellen? Ritter spielen, angeben? Oder eins und eins zusammenzählen? Das Ergebnis wäre mehr als beunruhigend, denn der leicht schartige Stahl der Wunderklinge hat ganz andere Mächte auf den Plan gerufen, und die haben familiäre Gründe – ist doch die gute Morgana Halbschwester des legendären Tafelrundlers und gleichzeitig finstere Hexe, die tief unter der Erde, verflochten in den Wurzeln der Bäume Südenglands, eine ganze Armee untoter Ritter befehligt. Oder befehligen möchte, denn die sollen ihr gefälligst Excalibur beschaffen, denn laut Notar fällt das Erbe immer an die nächsten Verwandten, was wohl sie wäre. Statt den Weg in die Kanzlei wählt sie den Weg des geringsten Widerstands – und rüstet sich für eine Sonnenfinsternis, die den jüngsten Tag einläuten soll.

Wenn das kein Stoff für zehnjährige Jungs und Mädchen ist, dann weiß ich auch nicht: Wenn du König wärst ist handfeste Fantasy für den Nachwuchs, für den Der Herr der Ringe oder Game of Thrones noch einen Tick zu schwer verdaulich ist. Joe Cornish hat sich an den bewährten Jugendkino-Stil eines Chris Columbus orientiert und in dessen wertebewusstem Geiste einen spannenden und kurzweiligen Genremix zwischen Stephen Sommers leinenumwickelten Mumieneskapaden, den Goonies und Disneys Zauberlehrling inszeniert, bei dem sich nicht nur die Kids im Kinosaal wünschen würden, hier selbst den Harnisch anzulegen und das Schwert zu schwingen. Da entsteht Gruppendynamik wie aus dem psychosozialen Lehrbuch, und das beste dabei – Feinde werden zu Freunden, und auch der größte Kotzbrocken könnte in Wahrheit ganz anders sein. Vor allem jemand, der sich wertschätzen lässt, denn niemand ist wirklich gern der schwarze Peter, da steckt meist was anderes dahinter. Cornish macht die Verbrüderung zum Thema, lässt die Next Generation im wahrsten Sinne des Wortes an einem Strang ziehen und lässt die klassenübergreifenden Projekttage durchaus als Abenteuer Unterricht durchgehen. Denn so macht Schule Spaß, auch wenn die Gefahr besteht, von der Klinge eines Knochenritters durchbohrt zu werden. So brutal aber wird es nicht, da bleibt Wenn du König wärst genau dort, wo er hingehört – zwischen kribbeliger Suspense, selbstbewusster Ironie und blutloser Action. Selbst das monströse Konterfei von Hexenwesen Morgana hat nur so lange Bildschirmpräsenz, dass sie sich nicht in die juvenile Netzhaut brennt. Das ist gut getimt, und so wie die Versatzstücke einer Jahrtausende alten Legende in den Waffenrock eines Unterstufen-Gymnasiasten passen, ist auf originelle Weise aufgedröselt. Der Shooting Star schlechthin: Angus Imre als junger Merlin, der fleischgewordene Charakter aus dem Skizzenfundus alter Disney-Cartoons, schlaksig, ungelenk, herrlich altmodisch und gewandet in ein Led Zeppelin-T-Shirt, das sich übrigens durch den ganzen Film zieht – als hätte Cornish die Chance genutzt, sich insgeheim als Fan zu outen.

Louis Ashborne Serkis, der Filius von Motion capture-Mastermind Andy, nimmt seine Aufgabe als Schauspieler und Nachfahre König Artus‘ aufrichtig ernst. Ganz wie im Rollenspiel, dem Jung und Alt heutzutage gleichermaßen frönen dürfen, und so sieht das ganze dann aus, wenn sich die Bilder, die man dabei im Kopf hat, auf der Leinwand manifestieren. Eine spannende Challenge, wo alles seinen richtigen Platz hat, um das Gute siegen zu lassen. Denn verlieren will niemand, am wenigsten unser Nachwuchs, der in Zeiten wie diesen nicht nur in der Schule gehörig viel leisten muss.

Wenn du König wärst

Mary Poppins Rückkehr

DELOGIERUNG EINER NANNY

3/10

 

null© 2018 Walt Disney Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: ROB MARSHALL

CAST: EMILY BLUNT, BEN WISHAW, EMILY MORTIMER, COLIN FIRTH, DICK VAN DYKE U. A.

 

Vom Schlachtschiffkonzern der Entertainmentindustrie, der sich wie eines der Raubtierstädte aus Mortal Engines alle möglichen Kreativschmieden einverleibt hat, lässt sich zumindest eines bemerken: Disney setzt vorwiegend auf das richtige Pferd. Und das betrifft nicht nur alle durchkonzipierten Universen wie Marvel oder Star Wars (zumindest aus meiner Sicht – da gibt es sicher viele Gegner), sondern auch die Live Act-Reboots unzähliger Disney-Animationsklassiker wie Cinderella, Das Dschungelbuch oder kürzlich Dumbo. Aber auch wenn oder trotzdem so vieles auf der Haben-Seite zu verzeichnen ist – manches hat Disney auch versenkt. Wie zum Beispiel Mary Poppins Rückkehr. Mit dem Sequel des charmanten Musicalklassikers aus den 60er Jahren hat der Mauskonzern bist dato sein größtes Eigentor fabriziert, ein astreiner Elfmeter ohne ambitionierte Gegenwehr. Wenn man so will einen Affront gegen den verspielten Hollywood-Geschmack eines familientauglichen Retro-Evergreens, wie Mary Poppins es seinerzeit gewesen ist.

Da zwirbeln die Karamell-Töne wie Chim Chim Cher-ee immer noch leise verhallend in den Ohren, oder das tänzelnde Gaudium Supercalifragilisticexpialigetisch wehrt sich immer noch verbissen der korrekten Artikulierung. Fast ganz vergessen: A Spoonfool of Sugar! So wird bittere Medizin direkt wohlschmeckend, und vor allem bei dem für Tropenreisen gesundheitlichen Gesundheitscheck ist die Würfelzucker-Schluckimpfung gegen Cholera immer noch die beliebteste. Bei Mary Poppins Rückkehr wäre die Arznei immer noch pobackenkneifend bitter, trotz Zufuhr an Süße. Die Lösung für Disney – noch mehr Zucker. Das wird den bitteren Geschmack schon übertünchen. Nun – das tut es, und da hätte ich lieber den bitteren Geschmack verkostet als das, was P. L. Travers womöglich im Grab rotieren lässt. Musicalexperte Rob Marshall (Chicago, Nine, Into the Woods) kann zwar auf eine ganze Werkschau musikalischer Revuen zurückblicken, und man möchte meinen, dass der Amerikaner ein sicheres Gespür für Libretto und musikalisches Timing hat – seine Auftragsarbeit zur Entstaubung des Disney-Archivs gerät aber zu einer aussichtslosen Wiederbelebung einer längst vergangenen Kinoepoche, die mehr als ein halbes Jahrhundert später der spukhaften Präsenz während einer Séance gleichkommt. Nicht alles lässt sich reanimieren, das wird bei Marshalls Film mehr als deutlich. Einziger Lichtblick vorneweg: Emily Blunt. Kult-Kindermädchen Julie Andrews wäre mit ihrer Wahl zufrieden gewesen – in ihrer Mischung aus leichter Enerviertheit, Strenge und verspielter Zuversicht ist Blunt aus Mary Poppins Rückkehr ziemlich fein raus. An ihr liegt es nicht, dass das seltsam zusammengefügte Konstrukt aus nichtssagenden Songs und bizarren Tagträumen so sehr über den herbstwindumtosten Kirschblütenweg irrt – ohne Dach über dem Kopf.

Tatsächlich handelt das Sequel gerade davon – Familie Banks steht kurz davor, ihr lieb gewonnenes Heim zu verlieren, in welchem Mary Poppins schon einmal den Haussegen gerade gerückt hat. Als profitgieriger Bankdirektor lässt Colin Firth die irgendwie konfuse Family an sich selbst verzweifeln – wäre eben nicht diese Super-Nanny, die den Nachwuchs mit Ausflügen in eine Porzellanschüssel oder zu Cousine Topsy für den Widerstand mobilisiert. Womit wir mit Cousine Topsy schon am Ende der Schadensbegrenzung für den Film wären. Meryl Streep ist nur eines von mehreren bis zur Unerträglichkeit kreischend überdrehten Intermezzi, die den Filmgenuss, sofern es einer wäre, nachhaltig stören. Und Ben Wishaw als leider nicht für die Goldene Himbeere nominierte Fehlbesetzung des letzten Jahres wirkt wie die ungelenke Parodie eines kümmerlichen Teilzeitbeamten aus einem Comic von Robert Crumb, der seltsam verstört. Und wenn dann am Ende alle an Luftballonen in den Himmel steigen, hat der zeitweilig groteske Kitsch seinen Höhepunkt erreicht.

Was das Grundproblem an Mary Poppins Rückkehr ist? Es lässt sich die Nostalgie des Kinos nur sehr schwer mit modernen Mitteln nachstellen. Das klappt einfach nicht, wenn technischer Zeitgeist versucht, analoges Retro-Tamtam nachzuempfinden. Da könnten vielleicht noch die Zeichentrickpassagen durchgehen, der Rest fliegt aus der Kurve. Denn der hat weder Grip noch eigene Ideen noch ein narratives Selbstbewusstsein, was ihn vielleicht vor dem Verdacht auf Abklatschversuche eines Klassikers bewahrt hätte. So aber ist Mary Poppins Rückkehr der langweilige Beweis, dass Disney auch längst nicht perfekt ist und sich Studios wie dieses vielleicht zweimal überlegen sollten, welches Standalone-Meisterwerk durch unsinnige und völlig verzichtbare Fortsetzungen eigentlich mehr kompromittiert als bereichert werden könnte.

Mary Poppins Rückkehr