Zorn der Bestien – Jallikattu

WIE MAN EINEN BULLEN FÄNGT

5,5/10


jalikattu© 2021 Indeedfilm


LAND / JAHR: INDIEN 2019

REGIE: LIJO JOSE PELLISSERY

CAST: ANTONY VARGHESE, CHEMBAN VINOD JOSE, SABUMON ABDUSAMAD, SANTHY BALACHANDRAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Pamplona liegt in Indien. Warum? Weil man Pamplona in erster Linie mit etwas verbindet, das als Stierrennen bekannt ist. Oder Stierhatz. Von Tierwohl kann da keine Rede sein, wenn alljährlich ein Bulle durch die Straßen und Gassen getrieben wird. Aber Tradition steht nun mal über dem kognitiven Fortschritt des Menschen, und deswegen gibt es so etwas Verachtendes immer noch. Wenn dann der Stier die Menschen jagt und sie schlimmstenfalls aufspießt, ist das ein Risiko, das jeder vorher weiß. Pamplona liegt also in dieser Hinsicht eben auch auf dem asiatischen Subkontinent. Und geht ein bisschen anders. Dort nennen die Leute diesen traditionellen Sport Jallikattu. Ziel ist es, den Stier im wahrsten Sinne des Wortes bei den Hörner zu packen, bestenfalls aufzusitzen und dort eine Zeit lang zu bleiben, eher sich das verängstigte und panische Tier losreißen kann. Rodeo meets Pamplona, könnte man sagen. Dieser Tradition folgt auch der indische Oscar-Beitrag Zorn der Bestien – Jallikattu. Doch ist dieses filmische Hide and Seek mit einem Bullen wohl rein zufälligen Ursprungs.

Denn: Zwei Metzger müssen für eine anstehende Hochzeit einen Stier schlachten. Der allerdings nimmt sein Schicksal selbst zwischen die Hufe und kann entkommen, in wildem Trab. Ohne Rücksicht auf Verluste arbeitet sich der gehörnte Schädel durch das Dickicht des Waldes, pflügt Menschen zur Seite und bringt ganze Baracken zu Fall. Eine Gefahr für die Allgemeinheit. Also muss der Bulle wieder eingefangen werden. Wie man das macht? Am besten mit einem ganzen Mob an grölenden, wütenden, besserwissenden Männern im Sarong, die, wenn es dunkel wird, ihre Fackeln schwingen. Die Frauen sind daheim und kochen Reis, die Alten darben dahin. Während sich immer mehr zeternde Männern um den eigentlichen Tross scharen, kommen alte Dispute wieder ans Licht, die der eine oder andere mit dem einen oder anderen der Runde noch nicht ganz geklärt hat. Und das Tier, das beansprucht plötzlich jeder für sich. Und jeder will einen Teil der Beute, das ist klar. Die Schar, die durch den Wald pflügt, begleitet von einem sphärischen, ungewöhnlichen, mystischen Score, der den entrückten Wahnsinn formidabel unterstreicht, steht längst nicht mehr im richtigen Verhältnis zur Ursache.

Noch nie etwas von Lijo Jose Pellissery gehört? Ist nicht sehr verwunderlich, denn dieser Künstler ist Vertreter des sogenannten Mollywood, der Subklasse des südindischen Films rund um Kerala. Entsprechend tropisch ist auch das Setting dieser wüsten Parabel, die zumindest teilweise die Aufmerksamkeit längst verwöhnter Cineasten erregt. Andernteils erkennt man ein gewisses Chaos in der Erzählstruktur, die, will man das Gesehene aufmerksam verfolgen, ungemein anstrengt. Für offene Münder sorgt hingegen die erste Sequenz – eine Collage an kurzen Bildern und Szenen, die den Alltag der Dorfbewohner bündelt, ebenfalls untermalt von einer tickenden Klangkulisse, als wäre das Leben eine Abhandlung der immer gleichen Agenda – hektisch, umtriebig, lebhaft. Dann, wenn der Stier entkommt, ist die aufgebrachte Versammlung an Menschen, die alle zum Verwechseln ähnlich sehen und manche davon nur vage als Hauptrollen zu erkennen sind, eine ins Nichts geführte Revolte wider der Vernunft. Der Mensch kehrt zu seinen archaischen Wurzeln zurück, verfällt der Lust an Gier und Macht. Unverkennbar überträgt sich die Wildheit des Stiers auf den Menschen. Als soziale Studie bringt Zorn der Bestien – Jallikattu aber, indem es sich verzettelt, verpeilt und verplaudert, zu wenig aufs Tapet.

Zorn der Bestien – Jallikattu

Ferdinand – Geht stierisch ab!

WIE (K)EIN WILDER STIER

6/10

 

ferdinand© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: CARLOS SALDANHA

MIT DEN STIMMEN VON JOHN CENA, KATE MCKINNON, JERROD CARMICHAEL U. A.

 

Nie im Leben würde ich mir einen Stierkampf ansehen. Tierquälerei auf Showebene – Die Tribute von Panem für Wiederkäuer ohne Zukunft. Ein verwerfliches Kulturgut und ein Überbleibsel antiker Dekadenz, wenn ich an die um Leben und Tod geführten Schaukämpfe in römischen Theatern denke. Die Stierkämpfe in all ihrer Pracht sind paradoxerweise auch heute noch en vogue. Und da wünscht man sich, alle Stiere wären so wie Ferdinand.

Dieser Koloss von Rindvieh hatte seinen ersten Auftritt in dem kleinen Kinderbuch von Munro Leaf – als blumenliebender Pazifist unter den Haustieren hat Ferdinand als gehörnter Gandhi den Matadoren das Leben schwer gemacht. Stoff genug, um von Disney in einem wahrlich bezaubernden und künstlerisch hochwertigen Kurzfilm in Bewegtbilder umgesetzt zu werden. Die riesige Nase Ferdinands, die einem Staubsauger gleich auch das widerstandsfähigste Wiesenblümchen aufschnauft, ist ohnehin längst Kult. Disney-Kult.

20th Century Fox hat sich einer Neubelebung des literarischen Vorlage angenommen und die sanftmütige, zu Herzen gehende Geschichte auf Abendfülle gestreckt und – passend für Kinder des 21. Jahrhunderts – mit allerlei kindgerechten Versatzstücken angereichert. Das angenehm reduzierte, unaufdringliche Märchen um Gewaltlosigkeit, Nächstenliebe und die kleinen, wertvollen dinge des Lebens gerät unter der Regie von Carlos Saldhana zu einer kurzweiligen und sympathischen, allerdings aber auch etwas schablonenhaften Komödie. Der schöngeistige, sanftmütige Stier sieht sich nicht nur mehr umringt von Blümchen aller Art – diesmal sind es auch Stiere und Möchtegern-Stiere unterschiedlichen Kalibers, von gefühlskalt bis neurotisch. Der unterschiedliche Haufen passt von den Hörnern bis zum Schweif überhaupt nicht zusammen, doch ihr Abenteuer bestehen müssen sie gemeinsam. So sehr es anfangs auch als unmöglich erscheint. Und spätestens bei der Beruhigungsziege – gibt’s so was wirklich? – Elvira kommen einem einige Charaktere ungemein bekannt vor. Die nervige Ziege mit dem enormen Vorbiss erinnert frappant an Dory aus Findet Nemo. Die drei Igel sind auch schon mal in diversen anderen Animationsfilmen zu sehen gewesen – als Wiesel oder Opossum, wie auch immer. Und der spaßbefreite Konkurrenzstier Valiente erinnert an eine Mischung aus dem Säbelzahntiger Diego und König der Löwen. Alles in allem fehlt es Ferdinand mit Ausnahme des titelgebenden Hauptcharakters an ausreichend einprägsamen Figurenzeichnungen.

Ganz klar sind die meisten Animationsfilme mit Tieren im Cast auf einige wenige Charaktere herunterzubrechen. Das Kleingetier ist wuselig überdreht mit punktgenauen Onelinern auf den Lippen, bei den Großen pendelt das Verhalten zwischen ungutem Raubein und wortkargem Sonderling. Man weiß im Vorhinein, wo die kalkulierten Lachnummern liegen. Das dürfte ich in anderen Genrefilmen wohl nicht wirklich wahrgenommen haben, in Ferdinand ist mir das Recycling an Figuren wohl am Stärksten aufgefallen. Doch wahrscheinlich lässt sich ein Abenteuer unter sprechenden Nutztieren gar nicht anders zeichnen. Und beim nächsten Film sind die frechen Scherzbolde wieder irgendwelche Nager. Den Kinder gefällt´s, und selbst mir entlockte Ferdinand einige Lacher. Die Szene mit dem Stier im Porzellanladen hätte selbst Disney nicht besser machen können. Keine Frage, der Film ist grundsympathisch und mit dem Herz am richtigen Fleck. Und er vermittelt Werte, die man – ob alt oder jung – verinnerlichen und mitnehmen kann. Dennoch ist Ferdinand keine innovative Überraschung, sondern begnügt sich mit bewährter Tricktechnik auf hohem Niveau. Und auch wenn anfangs sonnenklar ist, wie das ganze ausgeht – für die Kleinen kann das manchmal sehr beruhigend sein – und schmälert auch nicht den Kinospaß.

Ferdinand – Geht stierisch ab!