The Invite (2026)

IM SPIEGELKABINETT DER SEHNSÜCHTE

7,5/10

 

Olivia Wilde und Seth Rogen haben in The Invite die Nachbarn zu Besuch
© 2026 Tobis Film

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: OLIVIA WILDE

DREHBUCH: WILL MCCORMACK, RASHIDA JONES, NACH DEM THEATERSTÜCK VON CESC GAY

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: OLIVIA WILDE, SETH ROGEN, PENÉLOPE CRUZ, EDWARD NORTON

LÄNGE: 1 STD 48 MIN



Theaterliebhaberinnen und -liebhaber kennen den Klassiker: Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?. In diesem zünftigen Ehedrama, das mehr ist als es auf den ersten Blick scheint, ladet ein langjähriges Ehepaar zwei jüngst Verlobte zum Dinner. Während dieses Abends kommen Krisen zum Vorschein, die sich gewaschen haben. Martha und George schenken sich nichts, reißen alte Wunden auf, vernichten sich selbst und einander. Das jungfräuliche Ehepaar, das da nur tatenlos zusehen kann und dann letztlich ebenfalls in diesen Ehekrieg hineingezogen wird, fungiert wie ein Spiegel des Damals, als alles noch aus Liebe war. Paradebesetzung für dieses Stück: Natürlich Liz Taylor und Richard Burton.

Wer hat Angst vor den Nachbarn?

Eine Soft-Version von Edward Albee gefällig? Diesmal haben wir es mit Olivia Wilde, die auch selbst Regie führt, und Seth Rogen zu tun. Auf der anderen Seite kein „unbeflecktes“ Ehepaar, viel mehr ein Liebespaar mit unorthodoxen Lebensweisen, dargestellt von Penélope Cruz, diesmal in Blond, und Edward Norton. Die beiden sind Nachbarn von Wilde und Rogen, wohnen einen Stock höher und rufen sich vor allem des Nächtens in Erinnerung, wenn es sexuell heiß hergeht. Doch deswegen haben Angela und Joe – so heißen die beiden Eheleute von unten – die beiden nicht eingeladen. Joe weiß gar nichts davon, dass Angela heute noch Gäste erwartet, kommt von einem langweiligen Arbeitstag als Musiklehrer nachhause und muss dann noch Small Talk treiben. Aber immerhin: Eine gute Gelegenheit, um das Gekeuche und Gestöhne anzusprechen, dass den beiden immer wieder den Schlaf raubt.

Let’s Talk About Sex

Sobald der Besuch hereinschneit, ist nichts mehr so wie vorher. Erstrebenswert wäre das ohnehin nicht, denn Angela und Joe haben sich nicht mehr viel zu sagen, sind aneinander gewöhnt, und dennoch voller Erwartungen und Sehnsüchte, was den jeweils anderen betrifft. Wer könnte das besser widerspiegeln als das kokette, frivole Lustpärchen, das die beiden verstockten Traditionalisten geradewegs zu einer Sexorgie einlädt. Jede mit jedem, jeder mit jeder.

Wie Seth Rogen diesem Angebot begegnet, ist hinreißend komödiantisch. Einerseits konservativ zugeknöpft, andererseits einfach nur voller Sarkasmus. Olivia Wildes frustrierte Ehefrau ist da schon anders gepolt, weitaus interessierter, neugieriger, aber auch verängstigt. Norten und Cruz? Sie scheinen nicht die zu sein, die sie sind. Oder doch? Stimmt das überhaupt, mit diesem Gruppensex? Denn wie seltsam mag es erscheinen, dass der Besuch gerade jene Bedürfnisse erfüllt, die die beiden nicht gestillt bekommen.

Widererkennen im anderen

Mit The Invite, basierend auf dem spanischen Film Sentimental, was wiederum auf einem Theaterstück von Cesc Gay beruht und sogar in Deutschland verfilmt wurde, hat Olivia Wilde wohl mehr herausgeholt, als in diesem Dinner-Drama eigentlich stecken mag. Und zwar ist das die dunkle Seite, der „Edward Albee-Aspekt“. Obwohl: dunkel wäre vielleicht sogar etwas zu viel des guten, dunkelblau trifft es wohl besser.

Zu Beginn feiern soziale Gepflogenheiten in kleinen Gesprächen und höfliche Bewunderungen, unterspickt mit frechen Ehrlichkeiten, noch allzu gewohnte Chill-Time unter Erwachsenen, die gerne beeindrucken wollen. Dann aber verändern sich die Konstellationen, Cruz wird zum Spiegel für Rogen, Norton zum Spiegelbild von Wilde. Es ist, als wären die Nachbarn von oben Manifestationen nicht nur intimer Begehrlichkeiten, sondern auch immaterieller Wünsche wie nach Anerkennung und danach, wahrgenommen und begehrt zu werden.

Schmerzen im Rücken

Der verbale Vierer treibt es zwischen Peinlichkeiten und grotesker Hürden so weit, bis das Gefüge letztlich bricht – bis alles zum Vorschein kommt. Wilde verlässt sich dabei voll und ganz auf sich und ihrem übrigen Ensemble. Zu recht, denn das Gemenge reagiert wie in einem chemischen Experiment – oder ist es doch nur eine metaphysische Notbremse für eine emotionale Notlage?

In körniger Optik und viel Fokus auf die Gesichter gestaltet Wilde eine tragikomische Ehekrise, die genauso viel Feingefühl wie Zärtlichkeit besitzt und all das, was im Argen liegt, hier und jetzt übers Knie brechen will. Es bricht zwar nicht das Knie, aber es schmerzt der Rücken. Und die Erkenntnis, viel zu lange nicht mehr aufeinander geachtet zu haben.

The Invite (2026)

Toy Story 5 (2026)

DENN SIE WISSEN NICHT, WIE MAN SPIELT

4/10


Jessie, Buzz und Woody begegnen Lilypad in Toy Story 5© 2026 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: ANDREW STANTON

DREHBUCH: ANDREW STANTON, MCKENNA HARRIS

KAMERA: MATT ASPBURY, JEAN-CLAUDE KALACHE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JOAN CUSACK, TIM ALLEN, TOM HANKS, GRETA LEE, CONAN O’BRIEN, ERNIE HUDSON, ALAN CUMMING, BLAKE CLARK, SCARLETT SPEARS, MYKAL-MICHELLE HARRIS U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): CAROLIN HARTMANN, MICHAEL „BULLY“ HERBIG, WALTER VON HAUFF, MARKUS PFEIFFER, RICK KAVANIAN, LAURA MAIRE, GERY SEIDL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Statt „Denn sie wissen nicht, wie man spielt“ könnte der Titel für meine Review auch etwas anders lauten: „Denn sie wissen nicht, wie man aufhört“. Diese Headline wäre auf all die Kinder gemünzt, die in Toy Story 5 das Spielen verlernt haben und längst in eine digitale Abhängigkeit gedriftet sind.

Wer nicht wagt, der gewinnt

Allerdings wäre diese Zeile auch eine berechtigte Kritik an jener, nach Margen gierenden Vorgehensweise gigantisch großer Filmstudios wie in diesem Fall Disney, die ihre Zitronen auch dann noch weiter auspressen, obwohl schon längst nichts mehr das Glas füllt. Das passiert mit den unsäglichen Realverfilmungen längst brillanter Stoffe. Das passiert mit dem kommenden sechsten Teil von Ice Age, obwohl der fünfte schon mau war, sowie dem fünften Teil von Shrek.

Was ordentlich Kohle lukriert hat, wird das auch weiterhin tun, denken sich die im Geldmachen geschulten Kaufleute, die das Sagen haben und natürlich nicht das geringste Risiko eingehen, das schließlich immer eingegangen werden muss, wenn neue Ideen oder neue Inhalte an den Start sollen. Die Hosen sind aber randvoll, und gewagt wird nichts, obwohl trotzdem gewonnen werden will. Also nochmal Toy Story – nochmal eintauchen in einen wunderbaren Kosmos, der 1995 das Tor in eine neue Welt aufgestoßen hat: nämlich die des komplett computeranimierten Langfilms, dem nicht nur daran gelegen hat, seine technische Raffinesse zu präsentieren, sondern gleichsam auch, eine starke Geschichte zu erzählen – mit komplexen Charakteren, Tiefgang und ordentlich Herz. Cowboy Woody, Raumfahrer Buzz Lightyear und all die anderen, die in den Kinderzimmern der amerikanischen Welt immer erst dann ihr Eigenleben weiterleben können, wenn sie sonst kein Mensch beobachtet.

Diese Idee zählt überhaupt zu einer der besten – auch im vierten Aufguss ist es immer noch witzig, wenn das Spielzeug erstarrt. Fast schon wie der Zustand eines Quantenteilchens, das nur dann präzise wird, wenn man es misst. Doch so gerne man diese Teppichbodenrabauken – von Dino über Sparschwein bis zum Göffel – immer mal wieder zu Gesicht bekommt, so sehr wünscht man sich, diese Gegenstände würden endlich mit ihrer Existenz im Reinen sein.

Kindliche Stereotypen im Trend

Doch falsch gedacht: Andrew Stanton hatte die Aufgabe, hier nochmal in medias res zu gehen, was ihm scheinbar schwerfiel, denn was soll er noch anderes erzählen außer von einer stetig im Wandel befindlichen Kindheit, vom Erwachsenwerden, von Vergänglichkeit und dem Wert des Spielens? Was noch, ohne sich an den Zeitgeist binden zu müssen?

Schon längst treibt den Weltwohlstand die Sache mit den sozialen Medien um, die Bildschirmzeit für Kids und die ganze Suchtgefahr. Klar muss sich Disney da zu Wort melden, doch scheint sich Stanton dabei bereitwillig an edukativem Schulfernsehen zu orientieren, das leicht interpretierbare Fallbeispiele liefern soll. Alles gut, alles recht – doch ideenreich ist das nicht.

Toy Story 5 wird zum Kinderfilm und verzichtet diesmal darauf, soziale Konfliktebenen aus der Erwachsenenwelt auf die Miniaturwelt einer Spielzeuggesellschaft zu projizieren. Was dann durchbricht, sind Stereotypen. Dort der schüchterne und leicht beeinflussbare Volksschulcharakter – da die rustikale Pferdenärrin, die Unterhaltungselektronik sinnvoller nutzt. Dazwischen das Spielzeug, das nicht weiß wie ihm geschieht bei all der Technik, den Tablets und der Ignoranz der Kinder, die nur noch klicken, wischen und downloaden.

Weniger ist nicht mehr Mehr

Stanton gibt sich obendrein einem erzählerischen Multitasking hin, das die ohnehin schon rastlos-quirlige Turbulenz zusätzlich noch hochschraubt. Das gleiche Problem hatte Minions & Monster. Keine Ahnung, was die Verantwortlichen fürs Skript über die Illumination-Helferleins da bewogen hat, all diese Sidestories aufzuziehen. Und vor allem: welcher Art.

Der Fokus ging dort flöten, und er flötet auch bei Toy Story 5, während gestrandete WLAN-Lightyears dem Licht der Sterne folgen. Immerhin kumuliert auch diese Nebenhandlung im Laufe des Films mit dem roten Faden der Geschichte.

Dabei erschließt sich kaum noch, welche Relevanz Woody und Lightyear haben, die ungefähr genauso viel leisten wie die alten Ghostbusters im ersten Reboot-Film. Im Zentrum steht diesmal Cowgirl Jessie, sie hat den Mental Load und die ganze Care-Arbeit – sie kümmert sich, während alle anderen den Bildschirm verschönern. Obendrauf gesellen sich so einige neue Charaktere dazu, die allesamt durcheinanderreden und bis zur ersten Ermüdungserscheinung entertainen, was das Spielzeug hält. Der Töpfchen-Support namens Schlauberger hätte da gereicht.

Repetitive Existenzkrisen

In Toy Story 5 kocht jede(r) sein Süppchen, Ego-Konflikte bleiben ohne Pointen und die Action wirkt nicht nur angestrengt – sie strengt auch an. Die kleine Lightyear-Kompanie ist auch noch irgendwohin unterwegs und sowieso muss wieder mal irgendwer aus anderen Kinderzimmern gerettet werden. Das alles hat man schon gefühlt zehnmal durch. Dass kreatives Spielen etwas Besonderes ist und das Spielzeug, sofern es keine Verschleißerscheinungen zeigt, immer wieder neu anfangen muss, weil es dann ewig lebt, hatten wir spätestens schon in Teil Zwei. Toy Story 5 weiß da nichts Neues mehr, und ist folglich auch der mit Abstand schwächste Teil einer sonst formidablen Reihe.

Dem Publikum scheint’s aber egal zu sein. Oder der Begriff Toy Story ist einfach zu legendär, um dem liebgewonnenen Spielzeug aller Meinungen zum Trotz nicht die Ehre zu erweisen.

Toy Story 5 (2026)

Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

Der Teufel trägt Prada 2 (2026)

EXORZISMUS IN DER MODEBRANCHE

3/10


Anne Hathaway, Meryl Streep und Stanley Tucci in Der Teufel trägt Prada 2© 2026 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DAVID FRANKEL

DREHBUCH: ALINE BROSH MCKENNA

KAMERA: FLORIAN BALLHAUS

CAST: MERYL STREEP, ANNE HATHAWAY, EMILY BLUNT, STANLEY TUCCI, TRACIE THOMAS, TIBOR FELDMAN, KENNETH BRANAGH, LUCY LIU, JUSTIN THEROUX, B. J. NOVAK, SIMONE ASHLEY, PATRICK BRAMMALL, RACHEL BLOOM, LADY GAGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Die Leibhaftige der Modebranche trägt zwar immer noch sündteure Markenware, und die Frisur sitzt – sie selbst aber hat an Biss verloren. Warum? Weil Frau zwanzig Jahre später einfach nicht mehr so herumgiften darf wie Frau gern würde. Weil es ganz plötzlich Compliance-Richtlinien und einen Verhaltenscodex selbst für die Chefetage gibt, die auch auf Miranda Priestly abfärben. Einerseits: natürlich korrekt so. Keiner braucht Redaktionsdrachen, die einen unentwegt auf den Kopf kacken.

Ein Klassiker des strebsamen Karriere-Kinos

Diese ausgelebte, verachtende Verhaltensweise war das Salz in der Suppe eines komödiantischen und selten klugen Karriere-Knüllers, der 2006 über die Leinwände flimmerte: Der Teufel trägt Prada. Ein Film war das, der sogar Glamour-Banausen und Modemuffel ins Kino lockte. Ein Film, dem Thema und Branche egal war, der diese abgehobene Welt des eitlen Wahnsinns als etwas verkauft hat, was uns alle angeht: Als gewaltige Baustelle für Ethik, Akzeptanz und Wertebewusstsein.

Worauf, so hat sich Anne Hathaways Figur der Andrea Sachs damals gefragt, kommt es eigentlich an, wenn man Karriere machen will? Auf das Geld? Auf die Bussi-Bussi-Gesellschaft? Auf Ellenbogen? Vielleicht sogar auf die eigenen Prinzipien, die man dann doch nicht aufgeben möchte. Meryl Streep bekam dafür eine ihrer vielen Oscar-Nominierungen, Anne Hathaway und Emily Blunt waren ideal besetzt als die zwei Seiten der Erfolgsmedaille.

Lange nicht gesehen, wie geht’s?

Und jetzt? Was ist alles passiert, nach so langer Zeit? Fühlt sich an, als würde man im Supermarkt alten Bekannten über den Weg laufen, die aber auf die Frage hin, was es denn Neues gäbe, nur milde lächelnd mit den Achseln zucken, und darauf, wie es denn selbst so gehe, lediglich meinen: Wie die anderen wollen. Wie es der Zeitgeist eben will, biedert sich in Der Teufel trägt Prada 2 eine Geschichte an, die all die Veränderungen der letzten zwei Dekaden passiv wie ein Schwamm in sich aufsaugt, um auf diese dann in gestellter Praxis zu reagieren.

Darüber hinaus gibt es kaum noch Interessantes zu erzählen. Streep, Hathaway und Blunt haben sich völlig auseinandergelebt und müssen nun um Kopf und Kragen den Modedrachen reiten, der eigentlich gar nicht mehr aus seiner Höhle will. Während ich diesem dahinplätschernden Treiben eher gelangweilt zusehe, wird deutlich, warum Pretty Woman, Und täglich grüßt das Murmeltier und andere Komödienklassiker um eine Fortsetzung nur um des Mammons willen herumgekommen sind.

Geht’s der Wirtschaft gut…

Der Teufel trägt Prada 2 ist verdünnter Prosecco, ein zwangsbeglückend kapitalistischer Epilog, den man getrost auslassen kann, wenn man sich nicht für mit Glamour durchsetzte Firmenpolitik interessiert. Viel wird geredet, drumherum knapp geschnitten, ohne Luftholen und Wirkung, als hätten alle zu wenig Zeit, um den Plot durchzubringen, und zwar in einer Dauer von zwei Stunden, die sich anfühlen wie mehrere Episoden von Sex and the City hintereinander aus der Sicht eines Quereinsteigers.

Nur geht es nicht um Sex und auch nicht um die City, sondern um ein Verlagshaus, das alle retten müssen, weil ohne Luxus die Welt ja untergeht. Und um Sasha Barnes (Lucy Liu), deren Bekanntheitsgrad der Plot voraussetzt, von der aber niemand weiß, wer das sein soll.

Dem Zeitgeist geschuldete Vorhersehbarkeit

Was bringen wir noch alles in einen so zeitgeistigen Film über die Reichen und Schönen und noch nicht Reichen, aber Schönen und trotzdem zu wenig Beachteten? Alles, was die Zeit eben so hergibt: Tech-Milliardäre, Konzerndenken, digitale Medien statt Print, Equality (davon kann es nie genug geben) und den immer strahlenden Materialismus, dem Emily Blunts Figur auf zynische (und leider auch nervige) Weise erliegt. Streeps geschaffene Ikone ist müde und zahm geworden – Anne Hathaway lässt sich immer noch gerne quälen, während Stanley Tucci als ewige Konstante den Faden hält, den alle verloren haben.

Der Teufel trägt Prada 2 (2026)

Hoppers (2026)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ EIN BIBER

4/10

 

© 2025 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DANIEL CHONG

DREHBUCH: JESSE ANDREWS

KAMERA: JEREMY LASKY, IAN MEGIBBEN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): PIPER CURDA, BOBBY MOYNIHAN, JON HAMM, KATHY NAJIMY, DAVE FRANCO, EMAN ABDUL-RAZZAK, EDUARDO FRANCO, TOM LAW, ISIAH WHITLOCK JR., MERYL STREEP U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN

 

Das innovative Pionierstudio Pixar hat seit seiner Abspaltung von ILM wahrliche Wunder vollbracht – berührende Geschichten, unverwechselbare Charaktere, vielschichtige Themen, sowohl für Erwachsene als auch für den anspruchsvollen Nachwuchs, der sich nicht nur mit Teletubbies, Paw Patrol und Co zufriedengeben will. Zu diesen Wunderwerken zählt Hoppers leider nicht, obwohl man angesichts der durchaus witzigen Prämisse erwarten hätte können, dass hier wiedermal die Kreativkeule zuschlägt und die richtige Balance zwischen Komik, Gefühl und lässiger Spannung gefunden wurde, alles innerhalb des gemeinsamen Nenners einer ausgefeilten Visualität und einem Charakter Design, da erscheint im Vergleich dazu manch reales Individuum deutlich zweidimensionaler.

Auf Biegen und Brechen innovativ

Bei Hoppers lässt selbst die Ausgestaltung der Figuren zu wünschen übrig – und erinnert frappant an Illumination und seinen eher kantigen, dynamischen, weniger natürlichen Gesichtszüge. Doch darüber hätte man leicht hinwegsehen können. Zumindest sind all die Fellknäuel mit Biberschwanz liebevoll gestaltet, das Rotwild hingegen kaum. Irgendwo also zwischen noch nicht fertig – da geht noch was und wir haben die ultimative Story will Regisseur Daniel Chong an mehreren Fronten gleichzeitig herumfuhrwerken, und das alles mit dem Argument, diesmal etwas ganz anders abzuliefern als man bisher von Pixar und Disney gewohnt war. Gut, darauf könnte man sich vorbereiten, Innovationen gehen immer, kommt drauf an, welcher Natur sie sind. Bei Hoppers rückt statt narrativer Fürsorglichkeit die bizarre Quadratur des Kreises in den Vordergrund, dabei beginnt alles so, als wäre der Rest des Films mit Sicherheit auch auf Schiene. Sorry, ist er nicht. Irgendwann entgleist er.

Wenn Tiere Krieg wollen

Wir haben ein Ökosystem, vollgestopft mit Arten wie aus einem Bilderbuch für Vorschulklassler. Wir haben einen nur an den Profit denkenden Bürgermeister, der sein Projekt der Umfahrungsstraße komme was wolle in die Realität umsetzen möchte (Erinnerungen an den Lobautunnel werden wach). Wir haben ein ethnisch diverses Wissenschaftsteam, dass die Science-Fiction gerade neu erfindet, während die Uni-Studentin Mabel auf eine Weise in ein Geheimprojekt hineingrätscht, die ihr endlich das beschert, wovon sie immer schon geträumt hat: Mit den Tieren kommunizieren. Das gelingt ihr mit einem Techno-Biber, der aussieht wie der echte. Fragen wir lieber nicht, wie das gehen soll – irgendwie funktioniert es jedenfalls. All die Clans diverser Tiergattungen mobilisierend, ruft sie fast schon ungewollt zum Krieg gegen die Menschenrasse auf, um das Bauprojekt zu vereiteln und den Bürgermeister loszuwerden. Mabel geht der Entschluss natürlich zu weit, und um Blutvergießen zu verhindern gerät der Menschenbiber mit all seinen Biber- und sonstigen Freunden in wilde Turbulenzen.

Stepford-Horror und Hai-Alarm

Viel zu wild, viel zu abstrus. Das alles passt letztlich nicht mehr zusammen. Während Drehbuchautor Jesse Andrews in den Stepford-Horror abgleitet, der wirklich jüngere Semester garantiert verängstigt, lässt er sich auch noch von der Trashfilmreihe Sharknado inspirieren und katapultiert einen Hai durch die Flügelkraft sämtlicher Seevögel aufs Trockene, um Jagd auf unsere Protagonisten zu machen. In der Synchro kommt als Erschwerniszulage noch die Stimme von Heidi Klum dazu. Dass Insekten dabei zu Antagonisten werden, weil eine Raupe den Größenwahn auspackt, ist weder pointiert noch gewitzt, sondern seltsam gehässig.

Von einem ausgewogenen  Abenteuer weit entfernt, verheben sich die Macher dieses Films unter autoaggressivem Ringen um Kreativität mit dem Zusammenschluss einzelner cleverer Ideen vor allem dann, wenn vorne und hinten nichts zusammenpasst.

Hoppers (2026)

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

BREHMS TIERLEBEN ALS TEAMSPORT

7/10


© 2026 Sony Pictures Animation


ORIGINALTITEL: GOAT

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: TYREE DILLIHAY, ADAM ROSETTE

DREHBUCH: AARON BUCHSBAUM, TEDDY RILEY

KAMERA: JOHN KLARK

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CALEB MCLAUGHLIN, GABRIELLE UNION, AARON PIERRE, NICOLA COUGHLAN, DAVID HARBOUR, NICK KROLL, STEPHEN CURRY, JENIFER LEWIS, PATTON OSWALT, JENNIFER HUDSON U. A.

LÄNGE: 1STD 40 MIN



Warum steckt der Strauß eigentlich seinen Kopf in den Sand? Manche sagen, er tut dies, weil, wenn er nichts sehen kann, sehen die anderen, die ihn vielleicht jagen, genauso wenig. Stimmt aber nicht. Der Strauß steckt den Kopf gar nicht in den Sand, es ist lediglich das Resultat falscher Beobachtungen. Und dennoch, auch wenn wir eines besseren belehrt werden können, bleibt dieses Verhaltensklischee an diesem Tier haften wie Honig auf Bienenwaben. Vielleicht, weil es so kurios ist.

Auf Tierklischees herumdribbeln

Folglich kann man davon ausgehen, dass Straußdame Olivia genau das tun wird. Und Mane, das Pferd im Netztrikot und vollbeladen mit überheblichen Sprüchen, tut so, als wäre es die schlichtweg auserwählte Spezies auf dem Planeten, während darüber gar nichts mehr kommt. Wen wir sonst noch im Team haben? Nashorn Archie, der seine beiden Kinder mit sich herumschleppt, den verhaltensauffälligen Leguan Modo (fälschlicherweise auf Wikipedia als Komodo Dragon bezeichnet), eine Giraffe, die trotz ihres langen Halses am wenigsten parodiert wird – und zu guter Letzt der kleine Ziegenbock Will, aufgrund seiner Statur eben vollkommen ungeeignet für einen Sport, der sich ROAR nennt und frappant an Basketball erinnert, mit einigen abenteuerlichen Extras natürlich, die man im normalen Spiel nicht finden wird. Für dieses ROAR begeistert sich der Spalthufer schon von klein auf – im gerade mal erlangten Erwachsenenalter scheint ihm die Tür zum Erfolg gerade aufgestoßen zu werden. Ein Capybara und eine Hyäne sind an dieser Sache nicht ganz unbeteiligt. Schon findet sich Will im Team der nicht gerade auf der Erfolgswelle dribbelnden Thorns wieder, was Panther-Teamchefin Jett sauer aufstößt. Die – und auch alle übrigen des Teams – können mit so einem Dreikäsehoch so gut wie gar nichts anfangen. Was in ihm steckt, offenbart sich erst später, wenn es hart auf hart kommt und Will beweisen kann, dass es nicht auf die Größe, nicht auf die Tierart, nicht auf etablierte Klischees ankommt. Dass ein Um- und Andersdenken von Stereotypien neue Potenziale eröffnet.

Der ganze Brehm in Farbe

Klar läuft alles darauf hinaus, dass es gut wird. Hindernisse sind in G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge nur dazu da, um sie zu überwinden, um sie aus dem Weg zu räumen. Filme wie diese legen es auch nicht drauf an, Erwartungshaltungen nicht zu erfüllen. Es passiert, was passieren muss, und das ist fast schon Nebensache, wenn man sich nur ansieht, wie die gefühlt ganze Fauna eines Planeten niemals despektierlich, sondern wohlwollend karikiert oder gar parodiert wird. Das Pferd ist dabei einer der Highlights, mitunter auch das der Komfortzone erliegende Capybara oder das auf den eigenen Vorteil bedachte Warzenschwein als toughe Business-Lady. Viele Liebe fürs Detail und ein ausgeprägtes Gespür für Farbgebung haben die Macher von Sony hier hineingesteckt, und das mussten sie auch tun, um ihr eigenes Zoomania aus der Taufe zu heben.

Was Disney hat, will auch der andere Konzern, und legt dabei noch eines drauf: Während bei Zoomania ganze Tiergattungen warum auch immer fehlen, sind die urbanen Gefilde in G.O.A.T. deutlich artenvielfältiger, von der Schabe bis zum Papagei kreucht und fleucht es deutlich mehr, ist die Biomasse einfach üppiger, ist der Hamsternachwuchs fast schon mit einer kleinen Bevölkerungsminderheit gleichzusetzen, wenn die kleinen Flauschbälle Tribbles-like auf der Couch vor dem Fernseher Platz nehmen, um das Spiel zu sehen. Und das ist zugegeben furios gefilmt.

Diese Jugend von heute

Wenn man so will, lässt sich G.O.A.T. tatsächlich als insgeheimes Spin-Off von Zoomania betrachten, und was man auch deutlich erkennen kann, ist, dass das Thema Mannschaftssport deutlich mehr Charakterwitz lukriert als es ein Kriminalfall tut – was nicht heisst, dass Fuchs und Kaninchen bei ihren Nachforschungen nicht auch zur Genüge auf artspezifisches Verhalten stoßen. In G.O.A.T. gelingt dieser Umstand aber wie von selbst und macht erst dann Halt, wenn die Jugendsprache Einzug hält ins sportive Weltgeschehen. Das hat dann gar nichts mehr mit Tieren zu tun, sondern eher nur mit einem jungen Publikum, das im Gegensatz zu den Erwachsenen, die sehr wohl auch mitbekommen haben, was so als Jugendwörter des Jahres in Frage kommt, in Augenhöhe mit dem Film positioniert werden. Mitunter mag das andauernde Wiederholen von „Das Crazy“ etwas auf die Nerven fallen, die durchaus heftige Anbiederung an die Zielgruppe bisweilen ebenso.

Doch seis drum, wer Tiere mag, und diese auch gerne als Fabel sieht: wer sowieso auf Zoomania steht und eine Welt frei von Homo sapiens (obwohl Homo sapiens durchaus auch in jedem dieser Tiere steckt) als die bessere betrachtet, der findet in dieser scheinbar gepinselten Bilderwelt 100 Minuten überraschungsfreie, gute Laune.

G.O.A.T. – Bock auf große Sprünge (2026)

Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (2025)

WER SICH SORGT, DEM WACHSEN FLÜGEL

5/10



© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: AZIZ ANSARI

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: KEANU REEVES, AZIZ ANSARI, SETH ROGEN, KEKE PALMER, SANDRA OH, BLANCA ARACELI, JOE MANDE, ADITYA GEDDADA, ALEXANDER JO, KRISTEN HENLEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Schau nicht so griesgrämig drein

Dass Keanu Reeves eigentlich auch Lustig kann, hatte ich längst vergessen. Ich muss auch zugeben: Seine Bill & Ted-Kultfilme habe ich nie gesehen (Filmbildungslücke – Ja oder nein?) Wir kennen den bekanntlich mit einer starken sozialen Ader ausgestatteten Filmstar schon seit geraumer Zeit nur noch als Kandidaten für das schwermütige Actionfach, als grübelnden Auserwählten oder als  spaßbefreiten Hardliner, der die Dinge in überzogenem Maße ernst nimmt. Als Ikone der distinguierten Killermaschine wird er sowieso schon längst in die Filmgeschichte eingehen, zusätzlich zu Matrix und My Own Private Idaho. Dabei kann seine Rolle als unkaputtbarer John Wick ohne Selbstironie ja gar nicht existieren. In John Wick: Kapitel 4 hat ihm dann doch jemand das Handwerk gelegt. Bevor sich die Ikone aber wieder aus dem Grabe erhebt und Reeves nur noch dazu ausersehen ist, seine von regennassen urbanen Nächten strähnig wirkende Haarpracht aus dem stoischen Gesicht zu wischen, um raunende Onliner zu schieben, muss er schnell die Seite wechseln. Zurück ins Komödienfach, raus aus dem Slimfit-Anzug, hinein in einen beigen Columbo-Gedächtnis-Trenchcoat. Was hier noch dazukommt, sind Engelsflügel aus dem Diskonter, ganz bewusst auf Billig getrimmt, denn Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel, will damit schon die wohllaunige Basis säen, auf der einer wie Reeves schon mal, bevor er auch nur irgendetwas zum besten gibt, gar nicht erst ernstgenommen werden kann.

Reichtum ist keine Schande

Als Schutzengel der Autofahrer, und dort wiederum nur in der Kategorie Handy am Steuer tätig, fühlt sich Gabriel (nicht der Erzengel) längst schon unterfordert und denkt an Karriere, die einhergeht mit etwas mehr Verantwortung. Und zwar über das Leben eines Sterblichen. Also nimmt er sich des von einer Pechsträhne verfolgten Arj an, der alles verliert: Job, Geld, Wohnung, Selbstachtung. Die Chance, beim superreichen Jeff (Seth Rogen) das Mädchen für alles zu machen, vermasselt er ebenso. Was Arj sich wünscht? Soll er doch zufrieden sein mit seinem Dasein, Reichtum ist nicht alles, meint Gabriel, der auf Probezeit nun intervenierender sein darf. Und schon tauschen der Reiche und der Arme wie durch Zauberhand die Rollen. Die Gegenwart schreibt sich neu, Jeff ist nun der Loser, Arj einer, der ein Haus mit Pool in den Hollywood Hills besitzt und auf die sozial Schwachen hinabsieht. Doch damit, dem Neureichen mit dieser Methode zu verklickern, was Materialismus alles für Schattenseiten besitzt, wird Gabriel nichts erreichen. In Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel stellen wir alle fest: Geld macht glücklich. Und Arm sein lässt sich nicht schönreden. Zumindest vorerst nicht.

Wohlstandsengel im Argumentationsnotstand

Es ist, als träfe John Landis‘ Die Glücksritter auf Wim Wenders. Fernsehliebling Aziz Ansari dürfte dessen Himmel über Berlin längst gesichtet haben, anders lassen sich die eingängigen Reminiszenzen an den in Schwarzweiß gedrehten Arthouse-Hit der 80er gar nicht anders erklären. Wie Reeves da vom Dach eines Hochhauses auf die darunterliegende Metropole blickt, hat was melancholisch-nostalgisches. Es könnte sich eine himmlische Romanze anbahnen, wie zwischen Nicolas Cage und Meg Ryan, die in der US-Amerikanisierung des Films mit Bruno Ganz die Tiefe der Vorlage etwas trivialisierten. Doch romantisch wird es eigentlich nie – und auch  von einer gewissen schadenfrohen Leidenschaft, die noch bei Dan Aykroyd und Eddie Murphy zu beobachten war, bleibt wenig über. Ansari mag das Drehbuch zwar löblicherweise auch selbst verfasst haben, doch ein Schreiber fürs Kino ist er nicht. Vielleicht liegt es auch am unbeholfenen Charme dieses Engels, der zwei linke Hände hat, der die auf der Hand liegenden Turbulenzen etwas ausbremst. Für mangelnden Verve sorgen auch die etwas zu grobmaschigen Dialogszenen, der betulich arrangierte Plot und die überhaupt nicht aufgehende Besinnung auf das Wesentliche im Leben, für das man dennoch auch ohne Geld schwer seine Motivation zeigen kann. Natürlich will Anzaris Figur von diesem Wohlstand nicht weg, selbst der Engel Gabriel hätte den gern.

Was Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel letztendlich aussagen will, sucht nach wie vor nach einer Probe aufs Exempel. Finden wird er sie nie, doch immerhin bleibt die Erkenntnis am Rande für alle übrig, dass Keanu Reeves eben nicht immer den angepissten Elite-Killer spielen muss, sondern einfach den völlig ausgenüchterten Good Guy von nebenan, der dir in der Fast Food Bude die Pommes rüberreicht. Ein angenehmer Anti-Star in einem zu beiläufigen Wertesuchspiel, dessen Ziel irgendwo dazwischen liegt, nur nicht am Ende.

Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (2025)

No Other Choice (2025)

AM ARBEITSMARKT DA IST WAS LOS

7,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2025

REGIE: PARK CHAN-WOOK

DREHBUCH: PARK CHAN-WOOK, LEE KYOUNG-MI, LEE JA-HYE, DON MCKELLAR, NACH DEM ROMAN VON DONALD WESTLAKE

KAMERA: KIM WOO-HYUNG

CAST: LEE BYUNG-HUN, SON YEJIN, PARK HEE-SOON, LEE SUNG-MIN, YEOM HYE-RAN, CHA SEUNG-WON, YOO YEON-SEOK U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN



Warum nur widmet Park Chan-Wook diesen seinen neuen Film, der letztes Jahr schon auf der Viennale lief, einem Regiekapazunder wie Costa-Gavras, der seit den 70ern ausgesuchtes Politkino abliefert (stark in Erinnerung bleiben da Yves Montand in Das Geständnis und Jack Lemmon völlig untypisch als politisch Verfolgter in Vermisst)? Die Antwort: Einen Film wie No Other Choice gibt es bereits. Zumindest irgendwie. Es gibt ihn schon seit 2005 und nennt sich, unter der Regie von Costa-Gavras eben, Die Axt. Beide Filme sind keine Originaldrehbücher, sondern basieren wiederum auf Donald Westlakes schwarzhumorigem Sozialthriller aus der Arbeitswelt – ein Thema, das aktueller nicht sein kann. Und obendrein eine Story, die sich in der Umsetzung wohl so anfühlt, als hätten beide Filme, der von Costa Gavras und der von Park Chan-Wook, sowieso nichts gemeinsam.

Niemand macht’s wie Südkorea

Niemand macht Filme wie Park Chan-Wook. Niemand macht Filme außerhalb Südkoreas wie die Südkoreaner selbst. Hier findet sich ein Filmstil, den man entweder immer schon intus hatte oder den man einfach nicht erlernen kann, so sehr man sich auch anstrengt. Das ist das radikal Schöne, das radikal Interessante an diesen Filmen: Sie überraschen immer wieder und haben keinerlei Ambition, den Erwartungen ihres Publikums zu entsprechen, es sei denn, es gibt keine. Bei No Other Choice wissen wir nur, er handelt von einem Familienvater, wohnhaft in einem rustikal-modernen Anwesen nahe der Natur, dessen Hypothek schwer auf der Geldtasche der arbeitenden Erwachsenen liegt. Dieser Man-su hadert wie wir alle derzeit mit dem Finanziellen, und wie es das Schicksal eben will, reicht der Problemkontent zur Existenzkrise nicht aus: Der mehrere Jahrzehnte in der Papierherstellung arbeitende und erfahrene Kapazunder wird dank Firmenfusion ins Aus befördert. Kein Ding für einen erfahrenen Spezialisten, möchte man meinen. In drei Monaten könnte alles wieder unter Dach und Fach sein. Doch denkste: Der Traumjob offenbart sich nicht, stattdessen wittert Man-su die Chance, beim Konkurrenten neu anzufangen. Das aber nur, wenn die Mitbewerber überschaubar bleiben, im besten Fall gibt es keine. Man müsste nur ein bisschen nachhelfen, auf die unorthodoxe Art. Was Man-su auch tut. Und sich dabei in Turbulenzen verstrickt, die sich genau auf jenem schmalen Grat grotesk entfalten können, auf dem eben nur einer wie Park Chan-Wook seine Ideen balancieren kann.

Stilistisches Freidrehen

Jeder andere wäre da schnell ausgerutscht, abgerutscht, abgestürzt. Dieser Herr hier, dem wir Oldboy und die ganze Vengeance-Trilogie zu verdanken haben, passiert sowas nicht. Obwohl – hat man schon länger kein koreanisches Filmwerk mehr am Radar gehabt, könnte der Einstieg in diesen Arbeitsplatzbeschaffungswahnsinn keine gemähte Wiese mehr sein. Sondern durchaus ein etwas härter zu erarbeitender Brocken an stilistisch völlig undefinierter Kinokunst. Worauf man sich dabei einlässt? Keine Ahnung. Eine gewisse süßlich-kitschige Verklärtheit, die aber nicht als Satire verstanden werden will, so scheint mir, lässt No Other Choice mal ordentlich Atem holen. Die von westlichem Kino Verwöhnten werden dabei keinesfalls an der Hand genommen. Sie schlittern – und so auch ich – in eine stilistisch völlig entmilitarisierte Zone. Wohl eher mühsam, denke ich mir. Da war Park Chan-Wook schon mal besser. Oder doch nicht?

Irgendwann rangeln drei Parteien am staubigen Boden eines fremden Wohnzimmers um Schießeisen und Fassung. Wie Chan-Wook die Skurrilität der Situation einfängt, ist so weltfremd wie packend. Übertrieben expressives Spiel begegnet kriminalkomödiantischem Slapstick. Der weicht irgendwann wieder ernsten Unter- und Obertönen, lässt so völlig nebenbei die eigene Tochter zu einem Mysterium erstarken, während Papierfabrikant Man-su in völliger Verzweiflung zu verstörenden Methoden greift, um sein perfides Werk zu vertuschen. Die Genialität in No Other Choice liegt mitunter auch im steten Aufgreifen narrativer Versatzstücke, die ins Wechselbad völlig konträrer Tonalitäten gelangen. Da ist der neu gepflanzte Baum, da sind die Hunde, da ist das Vorstellungsgespräch im Gegenlicht. Bizarre Lächerlichkeit trifft auf tiefschwarze Melancholie. Und letztlich auf eine traurige Zukunft, die zumindest das familiäre Glück wie ein Beatmungsgerät auf einer Intensivstation am Leben erhält.

Obwohl ich Die Axt nicht kenne, wird No Other Choice garantiert der ganz andere Film sein. Ein ambivalentes, herausforderndes Vergnügen, das keine Probleme damit hat, lieber Konventionen aufzubrechen als alles perfekt zu machen.

No Other Choice (2025)

Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Extrawurst (2025)

VON EINEM INS ANDERE

7/10


© 2025 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARCUS H. ROSENMÜLLER

DREHBUCH: DIETMAR JACOBS, MORITZ NETENJAKOB, NACH DEREN BÜHNENSTÜCK

KAMERA: DANIEL GOTTSCHALK

CAST: HAPE KERKELING, ANJA KNAUER, FAHRI YARDIM, CHRISTOPH MARIA HERBST, FRIEDRICK MÜCKE, MILAN PESCHEL, ANDREAS WINDHUIS, GABY DOHM, KATRIN RÖVER, PATRICK JOSWIG, MALENE BECKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Jakobswegbegeher und Komödien-Urgestein Hape Kerkeling plagt der Ischias. Und im Laufe der auf einem Theaterstück basierenden Gesellschaftskomödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob noch viel mehr. Warum? Ursächlich sind die Befindlichkeiten sämtlicher Mitglieder, die hier, im Tennisverein von Lengenheide, ihre Meinung kundtun wollen. Meinungsfreiheit ist wichtig, keine Frage. Schließlich leben wir in einer Demokratie, und am Ende des Tages wird demokratisch entschieden, wer im nächsten Jahr wieder den Vorsitz übernimmt, welche Gerätschaften neu angeschafft werden und wo man veraltete Glaubenssätze vielleicht entstauben könnte.

Ein imaginärer Riesengrill

Meist gibt der Stein dabei den Anstoß. Oder ein anderes Objekt. In Extrawurst ist es der Grill. Oder der Zweitgrill. Jedenfalls ein zur ungesunden Vergenusszwergelung herangeschafftes Teil für Festivitäten und gemütlichem Ausklang. Fragt sich nur, wo einer wie Erol seine Halal- Knoblauchwürste drauftun soll. Eine Überlegung, die Tennis-As Melanie (Anja Knauer) am Ende der Jahreshauptversammlung kundtun möchte. Dabei lässt sie nicht locker, und will auch nicht klein beigeben, auch wenn Vereins-„Erdoğan“ Heribert, eben Hape Kerkeling, längst schon den ungezwungenen Ausklang wünscht. So steht bald nicht der Elefant, sondern der Zweitgrill im Raum. Wie das bei Befindlichkeiten nun mal so ist, und das eigene Weltverständnis wie bei jedem von uns den meisten Raum einfordert, kommt eines ins andere, die Mücke bläht sich auf und reißt einen Pulk ganz anderer, nur lose mit dem Grill verbundener Themen mit, die sich, angefangen von Religion, Gesellschaft und Beziehungen bis hin zu Rollenbildern, Rassismus und Vereinspolitiksverdrossenheit prokokativ entfalten. Es bleibt kein Auge trocken, geschimpft wird viel, und bald schon fuchteln die Männer mit den Armen, während Heribert mit den Hüften quietscht.

Polemik als Randomspirale

Der an Filmerfahrung reiche Herbert H. Rosenmüller, der es tatsächlich geschafft hat, den beliebtesten Kobold aller Zeiten, nämlich Pumuckl, aus der Stasis zu holen, sammelt ein spielfreudiges Ensemble um sich, das sich sichtlich nicht schwertut, in Fahrt zu kommen. Bevor das Publikum überhaupt in der von Emotionen aller Art aufgeladenen Tennishalle Platz nehmen kann, um mitzuverfolgen, wohin die Reise, dessen Ziel man nicht absehen kann, geht, bestimmt Kerkeling aus dem Off und anhand diverser Szenen, die aus dem Ruder laufende Konflikte darstellen, bereits die Richtung, die diese Komödie wohl nehmen wird. Es ist die der gesprochenen, viel zu schnell über die Lippen gehenden Worte, für die man sich selbst oft schämt, die man schließlich niemals so gemeint hat, die einfach nur dazu da sind, um zu polemisieren. Polemik, ungeliebtes Kind unkontrollierter Emotionen, heizt wie Sauerstoff das Feuer den großen Streit an. Wie sehr man dabei den Fokus aufs eigentliche Thema aus den Augen verliert – das zu beobachten kann einen zur Verzweiflung bringen. Je weiter der verbale Konflikt voranschreitet, um so gordischer wird der Knoten. Diesen Prozess fängt Rosenmüller genüsslich ein, und alle, wirklich alle, spielen mit.

Immer wieder Öl ins Feuer

Gesprochen wird viel, unentwegt hat jemand seinen Senf dazuzugeben, während es zusehends um die Wurst geht. Und dennoch bleibt allem ein gewisser jovialer Charme haften, Zynismus kommt hier selten vor, Bösartigkeit auch nicht, denn jeder meint es letztlich gut und auch nicht so, wie er oder sie es gesagt hat. Die Debattenkultur bleibt eine verbale, letztendlich liegt die Sehnsucht nach Konsens in der Mentalität dieser Komödie, die die richtig heißen Eisen zwar nicht anpackt, aber im Austeilen von Seitenhieben fit genug ist. Zwischendurch – und so ist es auch in natura – erschöpft sich die Diskussion, tritt auf der Stelle, sucht dringend nach dem Öltropfen, den Christoph Maria Herbst, Fahri Yardim oder Anja Knauer ins Feuer gießen. Das wirkt manchmal zu gewollt oder aufgesetzt, doch andererseits kennt man das ja schließlich selbst: Man lässt so lange nicht locker, bis das eigene Ego befriedigt ist. Bis der Konsens zu den eigenen Gunsten ausfällt. Oder höhere Mächte die Prioritäten neu ordnen.

Rosenmüllers redselige, warmherzig-unfreundliche Konfliktstudie zeigt auf versöhnliche Art und Weise, wie schwer es ist, Meinungen aufeinanderprallen zu lassen und das richtige Wort zum richtigen Zeitpunkt zu sagen. Kommunikation ist alles, der Rest dabei ziemlich wurst.

Extrawurst (2025)