Ach du Scheiße!

VON WEGEN STILLES ÖRTCHEN

6,5/10


achduscheisse© 2022 Drop Out Cinema / Daniel Dornhoefer


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: LUKAS RINKER

CAST: THOMAS NIEHAUS, GEDEON BURKHARD, OLGA VON LUCKWALD, FRIEDERIKE KEMPTER, RODNEY CHARLES, UKE BOSSE, BJÖRN MEYER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


So, jetzt mal ganz im Ernst: Widmen wir uns den wichtigen Dingen des Lebens. Den wirklich wirklich wichtigen. Denn alles im Leben steht und fällt mit einer gesunden Verdauung. Der Knüppel zwischen den Beinen auf dem Weg dorthin könnte unter Umständen eine besetzte Toilette sein. Nicht auszudenken, wenn die Natur ihr Recht einfordert, und man nirgendwo hinkann. Was aber, wenn die Natur gerade mal gar nichts zu sagen hat, der Kaiser längst zu Fuß dorthin gegangen ist und dieser von dort nicht mehr wegkommt? Das ist dem einen oder anderen vielleicht schon mal als Kind passiert. Da schließt man sich am Klo ein, bekommt die Tür aber nicht mehr auf. Ein Albtraum. Ungefähr so ergeht es einem Architekten namens Frank, der inmitten eines umgekippten blauen Dixie (oder Toi Toi)-Klos erwacht, gar nicht weiß, wie er hierhergekommen und zu allem Übel auch noch in einer Baugrube gelandet ist, aus welcher geriffelte Stahldrähte gen Himmel ragen und eine davor direkt durch Franks linken Unterarm geht. So ein Anblick fördert dann doch einen panischen Urschrei zutage, wie in Thomas Niehaus tätigt. Nur: Am Lokus hört dich niemand schreien. Zumindest nicht auf diesem.

Aber gut. Diese ganze verzwickte Situation würde sich irgendwann (und hoffentlich noch, bevor Frank verblutet) in Wohlgefallen auflösen, wäre da nicht eine ins „Häusl“ stehende geplante Sprengung, die in Kürze das ganze Areal einmal umkrempeln würde. Und zwar einschließlich unseres Alltagshelden, der jetzt schon nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, und es ist ja am Ende des Tages nicht so, als hätte Frank im Laufe des Films nicht alles versucht. Regisseur und Drehbuchautor Lukas Rinker schenkt ihm dafür satte 91 Minuten Laufzeit, was man von einem Film, der nur auf maximal zwei Quadratmetern spielt, vielleicht als allzu großzügig ansehen kann oder eben auch nicht, denn es gibt im Laufe der Filmgeschichte so einige Werke, die ihre Spannung trotz der eingeschränkten Parameter mühelos halten konnten. Buried– Lebendig begraben mit Ryan Reynolds zum Beispiel. Dann gibt es Joel Schumachers Telefonzellenpartie Nicht Auflegen! (heutzutage nicht mehr möglich, da sowieso jeder ein Handy hat – auch Frank) oder den Science-Fiction-Film Oxygen mit Mélanie Laurent. Alle diese Arbeiten funktionieren auf ihre Weise. Und tatsächlich schafft es Ach du Scheiße! ebenfalls, seinen Plot niemals nur aufs notdurftbedingte Zeitunglesen zu beschränken, sondern gefühlt alles in diesem versifften Plastiksarg zur Befreiung einzusetzen.

Dazu gehört auch das lautstarke Organ von Thomas Niehaus. Dieser Mann greift für sein Leben tief ins Klo, brüllt und schreit sich die Seele aus dem Leib. Spuckt, flucht, schwitzt und besudelt sich mit Blut. Der Stress steht ihm ins Gesicht geschrieben, Visionen von sprechenden Klobrillen dienen dazu, nicht oder doch komplett den Verstand zu verlieren. Wer als Hygieneverfechter stets sein Fläschchen Hochprozentigen für die Hände mithat und niemals auch nur in den Dunstkreis einer öffentlichen Toilette tritt, wird Ach du Scheiße! nur schwer aushalten können. Durch den Supergau aus Fäkalien, Handseife und übertrieben viel Blut muss man sich als Zuseher erstmal durcharbeiten wollen, um dann dazwischen auch sowas wie eine kleine, feine Romanze zu entdecken und die in groben Zügen verfasste Tragödie eines Verrats, ausgeübt von Gedeon Burkhard in seiner wohl schludrigsten Performance, die gegen die Qualität von Thomas Niehaus‘ expressivem Spiel erbarmungslos abstinkt. Durch Burkhardt, der ja sogar schon mal für Tarantino vor der Kamera stand, hievt sich Ach du Scheiße! gegen Ende auf die Bauernbühne, mit Unterstützung zweier Dorfgendarmen, entliehen aus irgendeinem der Eberhofer-Krimis.

Natürlich ist Ach du Scheiße! eine wilde Mischung aus Trash und Splatter, welche sich in den starken Momenten mit voller Konzentration auf Thomas Niehaus zu einem kuriosen Survival-Thriller auswächst, dem Ekel einfach fremd sein muss und der sich mit dem Siff verbrüdert, um seinen Protagonisten halbwegs heil aus der Scheiße zu ziehen. Da fallen die klamaukigen Elemente rund ums Klo vom Herzstück des Films ziemlich ab und wirken in ihrer Beliebigkeit wie hingeworfen. Wer da den Schließmuskel noch zudrücken kann, hat aber mit Sicherheit reuelosen Spaß dabei und es lohnt sich, diesem irrwitzigen Escape-Toilet-Reißer durch den Abfluss zu folgen.

Ach du Scheiße!

Der beste Film aller Zeiten

DIE BEDÜRFTIGKEIT DER EGOMANEN

7,5/10


bestefilmallerzeiten© 2022 StudioCanal


LAND / JAHR: SPANIEN, ARGENTINIEN 2021

BUCH / REGIE: GASTÓN DUPRAT & MARIANO COHN

CAST: PENÉLOPE CRUZ, ANTONIO BANDERAS, OSCAR MARTÍNEZ, JOSÉ LUIS GÓMEZ, MANOLO SOLO, NAGORE ARANBURU, IRENE ESCOLAR, PILAR CASTRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Kunst würde großteils nicht existieren, gäbe es nicht die Motivation dahinter, sich selbst präsentieren zu wollen und das nach Anerkennung strebende Ich in einem fort umjubeln zu lassen. Diese Lust an der eigenen, überaus wichtigen Person, die wohl wichtiger ist als jene, die nur das komplexe Gefüge menschlichen Miteinanders aufrechterhalten und dabei nicht bei jedem ihrer Handgriffe Applaus einfordern, führt sehr schnell auf eine absurde Ebene bemitleidenswerter Eitelkeiten, welche die um die Zufriedenheit des Stars buhlende Entourage in Wahrheit mit den Augen rollen lässt. Zu dieser Kunst, die mit Halbgöttern hantiert, zählt natürlich auch der Film. Film wäre genauso entbehrlich wie jede andere Kunst. Aber wunderschön. Ich will diese Art Kunst genauso wenig missen wie die bildnerische oder musikalische. Kunst inspiriert, ändert Blickwinkel und ordnet Parameter neu. Regt zum Denken an und führt in Welten, die real nicht existieren. Kunst ist für den Geist da, ist Spielzimmer und Auslebung subjektiver Wahrnehmung.  

Wenn Kunst aber den, der sie ausübt, dominanter werden lässt als das, was er entwirft, braucht es Mittel und Wege, um das angehimmelte Idol wieder auf den Boden der Genügsamkeit zu werfen. Gerade im Film sind die Waagschalen oft unterschiedlich hoch. Denn noch weniger als Kunst braucht die Welt Stars, die nur um ihr Prestige buhlen. In der spanisch-argentinischen Farce Der beste Film aller Zeiten des Regieduos Gastón Duprat und Mariano Cohn werden die leeren Hülsen aufgeblasener Eitelkeiten geknackt – zum Vorschein kommt dabei die Irrelevanz einer Performance von Leuten, die nichts, aber auch gar nichts dazu beitragen, die Welt einen Deut besser zu machen.  

Wie zum Beispiel Macho Félix Rivero, seines Zeichens schwerreicher Mainstream-Schauspieler mit Allmachts-Allüren wie seinerzeit Ludwig XVI., der notorisch zu spät kommt und an jedem Finger seiner beiden Hände eine Mätresse hat. Oder der überaus selbstgerechte Theaterdojen Iván Torres, der seine Rollen biographisch kennen muss und Filmstars geringschätzt, weil nur wahre Bühnenkunst die einzige ist, die zählt. Dazwischen, als Moderatorin der beiden eitlen Streithähne: Lola Cuevas, rotlockige Cannes-Preisträgerin und exzentrische Regisseurin, deren Büro aus den leeren Hallen eines architektonischen Wunderbaus besteht – verglast, geometrisch, aufgeblasen. Diese drei Superkünstler müssen einen Film drehen – und zwar, wie der Titel schon sagt: den besten aller Zeiten. Nach einer nobelpreisveredelten literarischen Vorlage über zwei rivalisierende Brüder. Finanzieren wird das Ganze ein achtzigjähriger Milliardär, der nicht weniger Ego besitzt als die Filmemacher, die er engagiert und der zumindest in Form eines Films ewig leben will. Die Brücke, die dann noch nach ihm benannt werden wird, ist dann nur eine kleine Draufgabe. Das kann ja heiter werden, diese Komödie der Eitelkeiten, die immer mehr zum Kampf zwischen den Besten wird, die aber, je mehr sie in diesem Hickhack fortschreiten, den Respekt der anderen verlieren.

Dabei gelingen Duprat und Cohn ganz einmalige Momente, die an die messerscharfen Gesellschaftsanalysen eines Ruben Östlund (u.a. The Square) erinnern, zum Beispiel und ganz besonders dann, wenn Antonia Banderas und Oscar Martinez, umwickelt mit Frischhaltefolie, um die Gemeinsamkeit ihrer Rollen zu fühlen, dabei zusehen müssen, wir ihre Trophäen geschreddert werden. Oder, unter einem tonnenschweren Felsen, ihre Texte rezitieren. Der beste Film aller Zeiten erlebt mit seiner Entstehung wundersam groteske Momente entrückter und realitätsferner Anwandlungen, famos dargeboten von einem vergnüglich entfesselten Banderas und einer versnobten Penélope Cruz, die durch den Schlauch eines Staubsaugers gerne ihre eigene Stimme hört. Doch nicht nur Östlunds Schaulaufmethoden sickern hier durch – auch an Paolo Sorrentinos (u. a. The Hand of God) akkurates Ikonographieren mit Darstellern, Interieur und Raum erinnern so manche Tableaus, die das Absurde aus der Wichtigkeit des eigentlich Verzichtbaren extrahieren. Dabei spricht das Ensemble durchaus Wahrhaftiges aus, lassen sich die Beweggründe der Protagonisten überraschend nachvollziehen und das wundersame Handwerk Film vom rufschädigenden Druck affektierter Selbstinszenierung als zumindest temporär losgelöst betrachten.

Der beste Film aller Zeiten

The Cabin in the Woods

RAUS AUS DER SCHUBLADE

7,5/10


cabin-in-the-woods© 2011 Metropolitan Film Export


LAND / JAHR: USA 2011

REGIE: DREW GODDARD

SCRIPT: DREW GODDARD, JOSS WHEDON

CAST: KRISTEN CONNOLLY, CHRIS HEMSWORTH, ANNA HUTCHISON, FRAN KRANZ, JESSE WILLIAMS, RICHARD JENKINS, BRADLEY WHITFORD, AMY ACKER, SIGOURNEY WEAVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wandert man in Österreich über Almen und durch Wälder der Region, laden so einige schmuck-rustikale Hütten zum Mieten ein, natürlich Selbstversorger und mit Kaltwasser aus dem Brunnen. Wer hier temporär einzieht, will es aber sowieso nicht anders. Umgeben von dunklem Grün und saftigen Wiesen und vielleicht auch einem kleinen Bergsee, lässt es sich hier gut zur Ruhe kommen. Und manchmal auch ein Ende finden. Denn je abgelegener so ein Holzhäuschen auch liegt, umso bessere Stücke spielt die Fantasie vorwiegend in den Nachtstunden. Kann sein, dass etwas Monströses durch den finsteren Tann streift. Oder die Kühe auf der Heide einem die Tür einrennen wollen. Wenn’s keine Kühe sind, dann vielleicht Zombies? Bei Joss Whedon sind diese allerdings nicht mit der krachledernen ausgestattet, sondern mit allem, was sich zum Foltern gut eignet.

Klingt nach sattelfestem Splatterhorror zwischen The Hills Have Eyes und Tanz der Teufel? Horrorfans fühlen sich bei so einem Setting gut aufgehoben, doch schon nach der ersten Szene könnte gerade dieses Wiegen in Sicherheit zu gravierenden Verwirrungen führen. Ist das überhaupt der richtige Film? Was machen zwei adrett gekleidete Beamte in einem Kontrollzentrum irgendwo im Nirgendwo, die über Alltägliches quatschen und mit Kaffee sowie morgendlichem Arbeitseifer an ihre Monitore gehen? Wie jetzt Splatterhorror? Was ist mit den Untoten? Kommt schon noch. Kenner des Films The Cabin in the Woods werden sich diesen bereits mehrmals zu Gemüte geführt haben, denn jenen Ort, an welchen Drew Goddard mit Mastermind Joss Whedon (der sich ja mittlerweile selbst durch seine angeblich tyrannische Set-Präsenz bei Justice League ins Aus manövriert hat) unterwegs ist, erreichte man bis dato eigentlich nur durch verfilztes Dickicht. So, als gäbe es ihn gar nicht. Der Pfad musste also erst geschlagen werden.

Und auch im Schwingen der dramaturgischen Machete waren Goddard und Whedon wenig zimperlich, ja geradezu avantgardistisch. So einen Genremix wie The Cabin in the Woods muss man erst hinzaubern. Whedon war aber wohl schon gut im Training – sein Buffyverse war seinerzeit auch nicht nur in einschlägigen Stilgewässern unterwegs, hier wechselte das Spiel zwischen Teeniekomödie, trashiger Fantasy und Gothic-Horror. Zeitgleich mit seinem Einstand als Thor durfte Chris Hemsworth in diesem absurden Kosmos aus okkultem Slasher und eines Science-Fiction-Szenarios, das irgendwie an die paranoiden Ideen eines H. P. Lovecraft erinnert, mit Freundin und Freunden besagte Waldhütte belegen, die noch dazu einen Keller hat, in welchem sämtliche Artefakte ruhen, deren Verschacherung auf dem Flohmarkt wohl noch anstehen würde, gäbe es nicht so neugierige Nasen wie unser Endzwanziger-Grüppchen, das Paranormales ob der Coolness nur belächelt, sich daraus aber gleichzeitig das wohlige Kribbeln für einen Abend im Düsterwald lukriert. Natürlich ist das der falsche Weg, begonnen mit dem Vorlesen obskurer Sprüche, die eingangs erwähnte Tunichtgute auf den Plan rufen.

Ich wusste schon dank freundschaftlicher Fachsimpelei im Vorfeld – hier wird letzten Endes alles anders sein, als man denkt. Durch diese in kindlicher Spielfreude sichtlich aufgeweckte Machart zwischen Entsetzen und baffem Erstaunen ob der ständig wechselnden Parameter ist das Grauen letzten Endes dazu da, der dunklen Seite des phantastischen Films Tribut zu zollen und Fans des Irrealen an die blutigen Wurzeln vieler Übel zu schicken, die Mythen und Legenden erst zu dem gemacht haben, was sie sind.

The Cabin in the Woods

Die Addams Family 2

THANK GOD IT’S WEDNESDAY

4/10


addamsfamily2© 2021 Universal Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA, KANADA 2021

REGIE: CREG TIERNAN & CONRAD VERNON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): OSCAR ISAAC, CHARLIZE THERON, CHLOË GRACE MORETZ, JAVON WALTON, BETTE MIDLER, NICK KROLL, WALLACE SHAWN U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (SYNCHRO): ALEXANDER DOERING, KATHRIN FRÖHLICH, LUISA WIETZOREK, MICHAEL IWANNEK, TOMMY MORGENSTERN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Christoph Grissemann würde sagen: Die Sitcom für die ganze kaputte Familie. Und ja, in so abseitiger Manier lassen sich kaum drei Generationen, die tatsächlich von sich behaupten, eine Familie zu sein, unter einem Dach vereinen. Wobei: kaputt prinzipiell ja nichts Schlechtes sein muss – kommt ganz drauf an, wie man damit umgeht. Und wie sehr man seinen und den psychischen Schaden der anderen Mitbewohner toleriert. Diese Toleranz kann sich direkt zum Respekt mausern – und so nehmen die Addams jeden ihrer Mitglieder so, wie er ist, wundern sich über nichts mehr und begrüßen es auch entsprechend, wenn sich niemand mehr über sie selbst wundert. Der Cartoon-Zeichner Charles Addams hatte damals in den 30ern des 20. Jahrhunderts damit begonnen, die womöglich autobiographisch gefärbte Gothic-Version seiner eigenen Sippschaft zu illustrieren und diese Abenteuer erleben zu lassen, die vorrangig damit zu tun haben, bigottes Spießbürgertum zu echauffieren.

Was sich Addams da einfallen hat lassen, ist längst Kult. Eine Retro-Sitcom in Schwarzweiß und zwei recht gelungene Kino-Ausflüge haben Mortícia, Onkel Fester oder Butler Lurch längst die verdiente Ehre erwiesen, und sehr bald wird Tim Burton das tun, was er schon längst hätte tun sollen: nämlich die ganze kaputte Familie endlich selbst zu inszenieren. Mit Dark Shadows ist ihm so etwas Ähnliches gelungen, doch den morbid-schrulligen Charme hatte der Film nicht. Sein Hauptaugenmerk wird auf den eigentlichen Star der ganzen Bande liegen – auf Wednesday – seinerzeit genial verkörpert von Christina Ricci. Diesmal wird, wie man bereits im Teaser sehen kann, Jenna Ortega (X) die pechschwarzen Zöpfe schwingen.

Vergessen darf man aber auch nicht, dass selbst im Genre des Animationsfilms die Antithese der braven, bürgerlichen Familie sein Understatement such schon abgegeben hat. Nur dort scheint das Konzept nicht so recht aufgehen zu wollen. Zumindest nicht so wie zum Beispiel beim Personal des Hotels Transsilvanien. Vielleicht, weil letzteres keine anders gearteten Vorbilder hat und auch nicht auf eine solche Menge an Fernsehauftritten im Live-Act zurückblicken kann. Nicht jedes Konzept funktioniert in jedem Medium auch nicht immer gleich gut. Jenes der Addams Family zum Beispiel tut das nicht. In Schauspielern aus Fleisch und Blut scheint die Idee der pragmatisch veranlagten Spukhausbewohner mit Hang zu morbiden Experimenten ihre Erfüllung zu finden – im animierten Stil verliert sich der Charme nicht nur aufgrund des gemüseförmigen Zeichenstils der Figuren, die an jene der Originalcartoons angelehnt sind (was sie nicht besser macht), sondern ergeht sich zu gern in generischem Klamauk, den die Transsilvanier bereits für sich und besser beansprucht haben.

Das Problem dabei: Die Einzige, die noch ansatzweise ihrem ursprünglichen Charakter entspricht, ist Wednesday. Auf Wednesday lässt sich jeglicher Plot aufbauen, sie ist das Zugpferd der ganzen kleinen Franchise – egal, was man hier dazugibt. Diesmal scheint der sadistische Sprössling gar nicht mal zur Familie zu gehören. Der Verdacht, dass Wednesday bei der Geburt vertauscht wurde, macht sich breit. Entsprechend separatistisch führt sich das Mädel auf, und die Familie tut alles, was sie kann, um ihr Töchterchen wieder zurückzubekommen. Im Grunde eine Abwandlung des ähnlichen Themas mit Onkel Fester, was wir bereits hatten. Nur täuschen der routinierte Slapstick und die viel zu gehetzte Action über einen Mangel an Ideen hinweg, angesichts diesen sich die Addams selbst wohl akut gelangweilt fühlen würden. Denn nichts verachten sie mehr als das Gewöhnliche.

Die Addams Family 2

Massive Talent

NICK FUCKIIIIIIIIIIING CAGE!

5,5/10


massivetalent© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: TOM GORMICAN

CAST: NICOLAS CAGE, PEDRO PASCAL, SHARON HORGAN, TIFFANY HADDISH, LILY MO SHEEN, NEIL PATRICK HARRIS, ALESSANDRA MASTRONARDI, JACOB SCIPIO U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Nicolas Cage und die Geografie: beide können einander nicht so gut riechen. Wer seinen handfesten Hexen-Reißer Der letzte Tempelritter kennt, hat sich womöglich nicht nur als Österreicher darüber gewundert, als die Steilküsten der Steiermark ins Bild rückten. Neuerdings lässt sich die ungarische Hauptstadt Budapest auf Mallorca verorten, und zwar in einer jahreszeitlichen Herbstblase, während überall sonst Sommer herrscht. (by the way: Mallorca ist Kroatien, was aber nicht so sehr ins Auge fällt). Die neue Ordnung des Nicolas Cage bestätigt also einmal mehr: dieser Mann lebt in seiner eigenen Welt, in der manches einfach nicht zusammenpasst. Doch Scheiß drauf: Jegliche Kritik darüber kann gerne in ein Plastiksackerl gesprochen und für später aufgehoben werden. Nicolas oder Nick ist schließlich Fuckiiiiiiiiiiiing Cage und ein Star, der endlich wieder zurück darf auf die große Leinwand. Nicht dass er je weg gewesen wäre. Wo hat er gesteckt? Vermehrt in B-Movies, schrägen bis künstlerischen Thrillerdramen oder strunzdoofen Eastern, gern gesehen auf Filmfestspielen mit Hang zum Phantastischen wie zum Beispiel auf dem Slash-Festival in Wien. Cage ist einer, der üppige Blockbuster-Rollen irgendwann nur noch ausgeschlagen hat – aus familiären Gründen, was ihm anzurechnen ist, denn nur des Geldes und des Ruhmes wegen mehrere Jahre auf einem Set in Übersee zu sitzen lässt das, worauf es im Leben wirklich ankommt, außen vor.

Nick Cage ist zweifelsohne ein Egomane. Der Mann hält wenig von Konformitäten, spielt, was ihm Spaß macht. Und zelebriert sich auch selbst als Maestro des Overactings, wie eben genau jetzt, in seiner mit biographischen Workflow-Elementen angehauchten Actionkomödie Massive Talent. Sich selbst durch den Kakao ziehen – das haben manche Schauspielgrößen bereits vor Coppolas Neffen formschön zelebriert. Jean-Claude van Damme in JCVD zum Beispiel – er selbst als Opfer einer Geiselnahme, in welcher er der Frage nachgeht, wieviel Action Hero wohl in dem kernigen Belgier steckt. Oder Being John Malkovich – Spike Jonze hat Ende der Neunziger dem Multitalent, das sogar Teetassen spielen würde, einen surrealen Streich gespielt. Jetzt erklärt Nicolas Cage – was längst überfällig scheint – sich selbst zur selbstironischen Actionfigur im Erklärungsnotstand, die zwar so manche Exaltiertheit zur Pointe erklärt, den wahren Cage aber, wie es scheint, wohl kaum ins Spiel bringt, sondern eben nur das, was Fans und Zielpublikum ohnehin schon über ihn denken. Also gebärdet er sich in gefälliger Manier als sympathischer Künstler, den keiner mehr so wirklich engagieren will, und der sich notgedrungen – weil ihm hinten und vorne die Kohle fehlt (was wiederum durchaus autobiographisch sein kann) – für eine Geburtstagsparty nach Mallorca ausfliegen lässt. Da steht er nun, im Bademantel und Drink, am Strande der Fake-Balearen und entdeckt in Pedro Pascal, dem Mandalorianer, einen großen, superreichen Fan, in dessen Dunstkreis politische Verbrechen stattfinden, von denen Cage aber nichts ahnt. Umso schräger wird es, als dieser vom CIA engagiert wird, um die entführte Tochter des katalanischen Präsidenten aufzuspüren.

Mit dem Plot einer routinierten Actionkomödie, die überhaupt nicht mehr sein will als der Unterbau einer Eigenpräsentation, zitiert Nick Cage unter der Regie von Tom Gormican (Für immer Single?) nicht nur viele Werke aus seinem Schaffen, von Tess und ihr Bodyguard über Con Air bis zu Mandy – auch der Epoche des Kinos wird ein bisschen gehuldigt, vorzugsweise dem Cabinet des Dr. Caligari und skurrilerweise dem Sequel von Paddington – zwei Werke, die Cage womöglich selbst zu lieben scheint. Diese verschrobenen Bonmots sind nicht sehr, aber immerhin zum Schmunzeln witzig, vor allem, wenn man als Zuseher Kenner sowohl von Cages Oeuvre als auch der Filmgeschichte selbst ist. Darüber hinaus aber darf sich der völlig neben sich stehende Exzentriker wie im falschen Film fühlen. Und das nicht nur deswegen, weil Massive Talent einem allzu profanen Plot folgt, der gut und gerne in Direct to DVD-Werken verbraten wird und Cages Experimentierfreude im Genre des Independentkinos ignoriert. Es ist auch die Suche nach einer Normalität, die Stars wie er oftmals nicht haben, die aber für unseren Schauspieler im Rampenlicht gerne der Weisheit letzter Schluss wäre. Warum nicht! Doch vielleicht wäre eine Satire auf das Filmbiz besser gewesen als nur publikumsgefällige Selbstgefälligkeit zu feiern, als wär’s eine Autogrammstunde.

Massive Talent

Die Gangster Gang

IST DER RUF ERST RUINIERT

6/10


gangstergang© 2022 DreamWorks Animation LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: PIERRE PERIFEL

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): SAM ROCKWELL, MARC MARON, AWKWAFINA, CRAIG ROBINSON, ANTHONY RAMOS, RICHARD AYOADE, ZAZIE BEETZ U. A. 

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): SEBASTIAN BEZZEL, KURT KRÖMER, JOYCE ILG, FYNN KLIEMANN, JANNIS NIEWÖHNER, MAX GIERMANN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit den Wölfen ist es in Österreich so eine Sache. Erstaunlicherweise scheint sich Meister Isegrim zwischen Berg und Tal wieder anzusiedeln und plant dabei nicht, Hühnerställen oder Ähnlichem aus dem Weg zu gehen. Das ärgert den Landwirt, doch was soll man tun – der Wolf tut auch nur, was er tun muss, macht das alles nicht mit Absicht und wäre viel lieber ganz weit weg vom grimmigen Homo sapiens, der keine Gefangene macht, wenn es darum geht, seinen Profit zu sichern. Anderswo hört man wieder lautes Igitt, wenn’s um Spinnen geht, dabei sind die ja ganz nützlich. Haben nunmal acht Beine, was soll’s. Des Menschen Neid an den vielen Extremitäten wird’s wohl nicht sein, der ihn dazu verleitet, Tiere wie diese einfach tot zu schlagen. Oder Schlangen – erst letztes Jahr vermehrt aus dem Abfluss gekrochen, dabei aber alles gar nicht giftig. Zumindest hierzulande nicht. Auf eine Buschmaster treten will ich aber dennoch nicht.

All diese Tierchen sind nun in einer ungleichgewichtigen Alternativwelt, in der hauptsächlich Menschen dominieren und Animalisches zur Minderheit zählt, die Antihelden eines Animationsfilms, der immerhin versucht, die zu sprechenden Fabelgestalten mutierten Reptilien, Säugetiere, Spinnen und Fische (die kein Wasser benötigen) von der Unbeliebtheitsskala zu entfernen und in gewisser Weise zu rehabilitieren. Doch anfangs sind sie das, was sie in den Augen vieler eben sind: Bad Guys. Diese Bande beherrscht das Handwerk des Bankraubs aus dem FF, kennt Tricks und das richtige Timing und führt die Polizei, angeführt von einer jähzornigen Wuchtbrumme, stets an der Nase herum. So beliebt wie das föhnfrisierte Meerschweinchen namens Professor Marmelade werden die fünf schließlich sowieso nie, also heißt es frei nach dem Motto Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Zu tun, was Böse eben tun müssen. Bis sie schließlich geschnappt werden und von Frau Reineke Bürgermeister eine letzte Chance erhalten, um nicht hinter Schloss und Riegel zu landen: Sie müssen Gutes tun. Was leichter getan als gesagt ist, denn so tun als ob ist für Wolf & Co keine Kunst mehr, vor allem dann nicht, wenn wertvolle Kunst im Rahmen einer Preisverleihung sowieso in deren Händen landen wird.

Wie der Wolf seinen Charme ausspielt, wie der Piranha alles vom Zaun brechen will und wie die Schlange so sehr davon überzeugt ist, einfach nur fies sein zu müssen: In Die Gangster Gang (im Original: The Bad Guys) obsiegt der Charakter über das Image, dass die anderen einem geben. Das ist ein resoluter Ansatz in einer turbulenten Krimikomödie für fast alle Altersklassen, die mit den Vorurteilen spielt und niemanden das sein lässt, was er von Anfang an genötigt wird, darstellen zu müssen. Rollenbilder, nicht nur männliche oder weibliche, bekommen in einer moralisch augenzwinkernden Mär neuen Anstrich. Das zeigt sich in einem gewinnenden Zeichenstil, der in seiner knackigen Hektik an den cartoonhaften Zickzackkurs aus Ich: Einfach unverbesserlich erinnert, dafür aber viel mehr die Struktur handkolorierter Figuren behält, ist Die Gangster Gang ein durchaus vergnügliches, mit Krimi-Zitaten ausgeschmücktes Abenteuer, wenngleich dieses auch in ihrem Bemühen, Haken zu schlagen, gerade dadurch vorhersehbar bleibt. Und von Meerschweinen, so knuffig sie auch sein mögen, hat man nach diesem Pelztier-Overkill hier vielleicht mal für eine Weile genug.

Die Gangster Gang

Everything Everywhere All at Once

DAS CHAOS DES MULTITASKINGS

5/10


EverythingEverywhereAllAtOnce© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: DANIEL KWAN & DANIEL SCHEINERT

CAST: MICHELLE YEOH, KE HUY QUAN, JAMES HONG, STEPHANIE HSU, JAMIE LEE CURTIS, JENNY SLATE, HARRY SHUM JR. U. A. 

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Kennt Ihr den Film Der Partyschreck? Peter Sellers spielt hier, in Blake Edwards Slapstick-Feuerwerk, einen indischen Statisten, der eine Filmcrew zur Verzweiflung treibt, da er nicht und nicht, wie im Drehbuch vorgesehen, auf dem Schlachtfeld sterben will. Immer wieder erhebt er sich und bläst in sein Horn. Und wenn man glaubt, er hat nun sein Leben ausgehaucht, bäumt er sich nochmal auf. Herrlich köstlich. Was das mit Everything Everywhere All at Once zu tun hat? So einiges. Denn die Peter Seller’sche Methode veranschaulicht ganz gut, wie sich das surreale Filmchaos der beiden Daniels immer wieder und von Neuem weigert, seine ohnehin schon kontinuierlich ausufernde Geschichte abzuschließen.

Dabei fällt so ein Vorhaben angesichts des neuen Trends, Multiversen die neuen Zeitreisen sein zu lassen, natürlich nicht leicht. Mit Multiversen lässt sich bequem übers Ziel hinausschießen, denn nichts mehr ist unmöglich. Im MCU hat man den alles überspannenden roten Faden im Auge behalten und rechtzeitig die Kurve gekriegt. Doctor Strange in the Multiverse of Madness ist deshalb so gelungen, weil sich die Macher nicht dazu verleiten ließen, das große Tohuwabohu vom Zaun zu brechen, um mit einem viel zu voluminösen Event dem Publikum unbedingt die Sprache verschlagen zu wollen. Wieder gilt: weniger ist mehr, und: bleib bei dem, was du erzählen willst. Alles im Grunde Weisheiten, die man im Kunstgewerbe eigentlich schon von der Pike auf lernt. Daniel Kwan und Daniel Scheinert, bekannt geworden durch einen furzenden Daniel Radcliffe in der schrägen Robinsonade Swiss Army Man, ignorieren dieses empirische Wissen. Sie setzen sich mit einem rebellischen Trotz, der sich selbst genügt, über Gesetzmäßigkeiten hinweg. Sie fabulieren, philosophieren und ergehen sich in einen dicht gedrängten, scheinbar atemlosen Sermon über das Menschsein.

Michelle Yeoh ist die Heldin dieses kuriosen Reigens, der anfangs noch die Übersicht bewahrt und anmutet wie eine Sozial- und Familienkomödie mit Migrationshintergrund. Yeoh ist Evelyn, Mama einer Tochter und Chefin eines Waschsalons, pflegt ihren Papa und wundert sich über Waymond, ihren eigentlich nichtsnutzigen Ehemann. Gerade als das chinesische Neujahrsfest ansteht, muss die Familie am Finanzamt vorstellig werden, und zwar bei niemand geringerer als Jamie Lee Curtis im konservativen Büro-Look und lustvoller Überzeichnung eines stereotypen Beamtenwesens, das fast schon an Terry Gilliams Brazil erinnert. Die macht den Vieren, die da samt Opa antanzen, die Hölle heiß. Doch es kommt noch dicker: Waymond ist plötzlich nicht mehr der Waymond, den wir bisher kennen, sondern eine Version aus einem anderen Universum, nämlich dem Alphaversum, in welchem Reisen in andere parallele Welten gerne praktiziert werden. Von dort geht auch eine große Gefahr aus, die alles zu verschlingen droht, wäre Evelyn nicht bereit, um das Schicksal der gesamten Existenz zu kämpfen. Dafür müsste sie aber erst das Weltenspringen lernen, was natürlich Platz für reichlich Schauwerte, groteske Ideen und seltsame Wendungen macht.

Im Grunde ist das auch schon das ganze Abenteuer. Die eigentliche Originalität liegt dabei in den Ausgestaltungen der Methoden, von einem anderen Ich zum nächsten zu switchen. Dafür muss man Dinge tun, die einem logischen Verhaltensmuster zuwiderlaufen. Was für eine schöne Idee – die muss man den Daniels lassen, da haben sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort die Köpfe zusammengesteckt und womöglich ein Brainstorming losgelassen, das am Ende des Tages angesichts seiner Ergebnisse so liebgewonnen wurde, dass es eins zu eins in den Film kam. Immer schön, wenn man im Rahmen seiner auszulebenden Kunst das tun kann, was man will. Der verwöhnte und von Formelhaftigkeit ermüdete Zuseher wird es womöglich danken, denn frischer Wind ist im Storytelling des Kinos immer gut. Das dabei die Wahrnehmung der Zeit komplett verloren geht, ist das eigentliche Phänomen dieses Films. Es ist, als säße man bereits Tage im Kinosaal, als wäre ein Filmfestival mit seinen Highlights auf ex genossen worden, und immer noch nicht findet das Werk sein Ende, nachdem es sich mehrmals, wie Peter Sellers eben, zu einem infernalischen Crescendo durchgerungen hatte, um dann ein pathetisches Ende einzuläuten. Das Hinterfragen der Existenz sprudelt in Form gedroschener Phrasen durch die gefühlte Ewigkeit und versickert als bemühtes Blabla, um nochmal, unterbrochen von anderen bedeutungsschweren Zirkusnummern, zum Grande Finale zu gelangen, das in seiner Prämisse plötzlich komplett die Richtung ändert. Wie ernüchternd und überschaubar die Quintessenz des Films, und dafür so viel Brimborium. Die Erkenntnis: Fast alles nur Deko.

Everything Everywhere All at Once

Das schwarze Quadrat

REEDEN WIR ÜBER KUNST

3/10


dasschwarzequadrat© 2021 24 Bilder


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: PETER MEISTER

CAST: BERNHARD SCHÜTZ, JACOB MATSCHENZ, SANDRA HÜLLER, PHELINE ROGGAN, CHRISTOPHER SCHÄRF, VICTORIA TRAUTTMANSDORFF U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Mit abstraktem Gekleckse, jungfräulichen Leinwänden und schwarzen Quadraten hat die Welt der Kunst genau das gefunden, um ihren Betrachtern genug Schildbürger sein zu können. Mit solchem Nonsens hat zum Beispiel einer wie Marcel Duchamp völlig unattraktive Alltagsgegenstände zu Kunstwerken erhoben, wie zum Beispiel ein Pissoir. Kasimir Malewitsch hat dunkle, meist schwarze Quadrate gemalt. Auch sehr schön, auch sehr sinnlos, aber zumindest akkurat. Die Kunst liegt hier lediglich darin, der erste zu sein, der auf so eine Idee kommt – alle anderen sind dann nur noch Nachahmer. Und dennoch: Malewitschs Quadrat ist ein Heidengeld wert, was so viel Verständnis hervorruft wie Klimts kleingeschnipselter Kuss, eingestampft in winzigen NFTs für die virtuelle Nachwelt. Also egal, was da drauf ist – gestohlen kann es werden. Die Ganoven Vincent und Nils schlagen zu und warten nach getaner Arbeit auf den großen Unbekannten, der ihnen das Bild gegen Bares abnehmen soll. Da anfangs schon mal gar nichts glatt läuft, kommt Plan B zum Zug: die beiden müssen auf ein Kreuzfahrtschiff, wo weitere Instruktionen folgen werden.

Es wäre keine Komödie, gäbe es nicht allerhand Verwechslungen und einen gemalten Klassiker, der sich glücklicherweise mit gemahlenen Kaffeebohnen, schwarzer Farbe und etwas Urin ideal kopieren lässt. Da ist rein plotmäßig schon einiges auf der Habenseite. Das Skript wäre auch was für Billy Wilder gewesen. Jack Lemmon und Tony Curtis? Nur diesmal nicht als Daphne und Josephine, sondern als Elvis- und David Bowie. Auch lustig, prinzipiell jedenfalls. Regisseur Peter Meister hat all das zwar genutzt, sein Narrenschiff läuft jedoch auf Grund. Da können weder Bernard Schütz und Jacob Manschetz was dafür, auch nicht Sandra Hüller als unterforderte Killer Queen. Gut, Dean Martin oder Jerry Lewis oder sonst jemand aus der Komödienriege der 50er Jahre sind sie alle keine. Mit der Krux des falschen Bildes wäre die Sache ein Schippern in gemächlicher Strömung. Meister ruht sich dabei zu sehr auf seiner Erfolgsgarantie aus. Und lehnt sich dabei aufs Bremspedal.

Dynamik in einer Komödie ist alles. Oneliner müssen sitzen, der Slapstick danach und die Situation, die muss ihre Bühne haben, um komisch zu sein. Hat Das Schwarze Quadrat leider alles nicht. Das Timing gerät bereits anfangs aus dem Takt und findet nicht wieder hinein. Der Cast liefert seine Acts und hängt dabei kraftlos in den Seilen. Es ist, als wäre der Spaß an der Freude allen bereits vergangen, bevor der turbulente Kabinentango erst so richtig in Fahrt kommt. Vielleicht entdecken die USA das Potenzial dieser Geschichte und wagen ein Remake? Gerne mit den Komikern ihrer Zeit, von mir aus auch mit Adam Sandler.

Das schwarze Quadrat

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

EIN ABENTEUER, WIE ES IM BUCHE STEHT

4/10


thelostcity© 2022 Paramount Pictures


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: AARON & ADAM NEE

CAST: SANDRA BULLOCK, CHANNING TATUM, DANIEL RADCLIFFE, DA’VINE JOY RANDOLPH, BRAD PITT, OSCAR NUÑEZ, PATTI HARRISON U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Was waren das für herzhafte Screwball-Sidekicks in den Achtzigern, als sich Kathleen Turner und Michael Douglas schwitzend durch ein Abenteuer gekämpft hatten, das beide Seiten ihre Sünden abbüßen ließ: Die Jagd nach dem grünen Diamanten. Wenn aus Turners italienischen Stilettos plötzlich Praktische werden, ist das nur eines von vielen süffisanten Bonmots, die nur einer wie Robert Zemeckis inszenieren kann. Doch die Zeiten der geschmackvollen Was-sich-liebt-das neckt-sich-Parcours, die sich eigentlich schon mit African Queen ihren Einstand gaben, scheinen auf seltsame Weise vorbei zu sein. Es stelzt diesmal Sandra Bullock – im pinkfarbenen Glitter-Overall und wildnis-getunten High Heels – mit Magic Mike Channing Tatum durch den brasilianischen Inselregenwald. Beide necken sich dabei wenig, und von Liebe ist überhaupt keine Spur (wenn man von der letzten Minute des Films absieht). Katherine Hepburn oder Kathleen Turner würden mit den Augen rollen: So viele Klassiker, so viele Vorgaben – und dabei ganz vergessen, worauf es ankommt.

Ein guter Cast allein ist nämlich nicht alles. Immerhin – den haben wir hier, mit Bullock, Tatum, Da’Vine Joy Randolph als schrägen Sidekick und Daniel Radcliffe als schmierigen Bösewicht mit gefälligem Grinsen. Bullock selbst gibt eine sich selbst zwangsbeglückende Bestsellerautorin namens Angela, die aber viel lieber irgendwo auf der Welt nach antiken Schätzen graben würde als bei Marketingshows in peinlichem Outfit auf Hochstühlen herumzurutschen. Zum Femdschämen wird’s erst, als Coverboy Dash mit Hansi Hinterseer-Gedächtnisfrisur auf die Bühne schwebt, das Model all ihrer Buchcover. Die beiden verbindet nichts, nur der schnöde Mammon. Doch das ändert sich, als Angela von Radcliffes Männern fürs Grobe entführt wird. Sie soll helfen, die Schriftzeichen einer untergegangenen Kultur zu übersetzen, die damals Bestandteil ihrer Studienzeit gewesen war. Währenddessen will Dash nicht nur Covermodel, sondern auch Lebensretter sein, und engagiert den abgehobenen Mähnenlöwen Brad Pitt (leider nur in einer kleinen Nebenrolle), um die Autorin da rauszuhauen. Klar geht das schief, und alsbald sind beide, Angela und Dash, auf sich allein gestellt. Das romantische Dschungelabenteuer kann beginnen. Nur funkt und zündet hier leider so gut wie kaum etwas, und das liegt nicht an der tropischen Feuchtigkeit. Obwohl das Ensemble einander nicht im Weg steht, und auch das Wohlwollen des Publikums gewinnt, müht sich das Regieduo Adam und Aaron Nee vergeblich, aus dem wiederbelebten Subgenre erfrischend Neues hervorzukitzeln.

The Lost City ist so vorhersehbar wie ein Langstreckenflug bei gutem Wetter und bestens gewarteter Technik. All diese Versatzstücke, die The Lost City ausstatten, reihen sich in einer fast zweistündigen Formel aneinander, um den perfekten Abenteuerfilm zu mixen. Was dabei herauskommt, ist irgendwas. Jedenfalls etwas, das zur Zerstreuung dient und vorzugsweise Langeweile entstehen lässt, die ganz nett anzusehen ist, weil eben der Cast seine Arbeit macht. Der Rest bleibt ein schales Straucheln, Stolpern und Rutschen mit müden Gags, gestelzter Romantik und gar keinem Grip.

The Lost City – Das Geheimnis der verlorenen Stadt

Red Rocket

LIEBER DURCHSTARTEN ALS FRÜHSTARTEN

8/10


redrocket© 2021 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SEAN BAKER

CAST: SIMON REX, SUZANNA SON, BREE ELROD, ETHAN DARBONE, JUDY HILL U. A. 

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Eigentlich hätte ich mir denken können, dass es dergleichen geben muss: den „Oscar“ fürs Adult Entertainment. Diese Preisverleihung ist natürlich eine, die abseits des Mainstream maximal die Themen-Presse an den dortigen roten Teppich lotst. Doch wie gesagt: es gibt ihn – den AVN oder Adult Video News Award. So eine Live-Übertragung kann da eine Spur länger dauern als bei der Academy, waren da zuletzt sage und schreibe 99 Kategorien am Start. Aber bitte – das alles weiß ich auch erst seit gestern, seit Sean Bakers neuem Wurf, der einen geschassten Pornostar zurück an den Start schickt, um neu Anlauf zu nehmen. Und eben dieser berufliche Stecher kann sich rühmen, besagten AVN bereits mehrmals gewonnen zu haben. Auf Pornhub hat dieser sogar einen eigenen Kanal. Also was will Mann in diesem Business eigentlich mehr? Da wir seit Pleasure wissen, wie schnell Porno-Starlets wieder in der Versenkung verschwinden, wird mit Red Rocket wiederum klar, wie es maskulinen Helden der Horizontalen eben auch gehen kann. Baker erfindet dafür eine vergnüglich-ironische Bestandserhebung übrig gebliebener Ressourcen, um im Business nochmal durchzustarten.

Gespielt wird dieser dreiste Lebenskünstler, der sich und seine Zukunft neu erfinden will, von einem tatsächlichen ehemaligen Pornoschauspieler, nämlich Simon Rex. Er weiß also zumindest ein bisschen, wie dieses Gewerbe funktioniert, hat aber seitdem bereits auch in anderen, jugendfreieren Filmen mitmischen dürfen, mit denen man aber nicht unbedingt hausieren gehen will. Darunter findet sich die gefühlt hundertteilige Scary Movie-Reihe und sonstiger parodistischer Klamauk. Gut, für Komödien hat Rex also ein gewisses Faible. Und ja: dieses naiv-beschwingte Mähen alltagsproblematischer Wiesen beherrscht der stattliche Schönling durchaus gut. Das fängt schon damit an, wie dieser  als Mickey bei seiner im Stich gelassenen Noch-Ehefrau in Süd-Texas nahe Galveston einfällt – mit nichts außer ein paar Dollars in der Tasche und dem wehleidigen Blick eines von der Bordkante getretenen Streuners. Nur ein paar Nächte Unterschlupf, bettelt er – bis er was Neues gefunden hat, wieder ausholen und durchstarten kann. So ein Mann mit Hundeblick erzeugt natürlich Mitleid, also hat er bald ein geliehenes Dach über den Kopf – sonst aber nichts. Er verdingt sich als Hasch-Dealer und lernt alsbald in einem Donut-Laden (klingt wie ein Adult Movie: Donut Hole) die gerade noch minderjährige Strawberry kennen, ein kokettes Mädel mit Sommersprossen und roten Haaren, offen für Neues und vor allem für den großen Traum von Hollywood. Mit der eigentlichen Ehefrau Lexi läuft es allerdings ebenfalls besser, doch Mickey sieht im Gegensatz zu dieser nur in Strawberry den Schlüssel für sein perfekt arrangiertes Comeback. Klar, dass es dabei zu Missverständnissen kommen kann, vielleicht auch zu kleinen Lügen, doch wenn es sich einer wie Mickey richten will, sind kleine Opfer das Mindeste auf dem Weg zu neuerlichem Ruhm.

Wie dieser Simon Rex auf einem klapprigen Fahrrad die kleinstädtischen Alltagsparameter durcheinanderwirbelt, ist kurios und auf sympathische Weise unfreiwillig selbstironisch. Nichts liegt diesem Mickey wohl ferner, als nicht ernstgenommen zu werden. Doch gerade diese Eulenspiegel‘sche Art eines professionelles Sex-Gottes, der wie ein gestrandeter Superheld auf der Suche nach seinem flirrenden Stretch-Overall Gönner, Neider und Skeptiker kompromittiert oder für seine eigenen Zwecke einspannt, schenkt dieser kauzigen, koitusaffinen Sozialkomödie den richtigen Dreh. Mit Bakers The Florida Project konnte ich beileibe weniger anfangen als hiermit.

Was aber da wie dort den pastelligen Traum eines glücklichen Lebens als abkratzbare Fassade vorzüglich illustriert, sind die dem amerikanischen Realismus verwandten blassbunten Bilder, die mit Sunny Side Up am Frühstückstisch beginnen und in der zuckerlrosa Pin-Up-Version eines Eigenheims enden. Mit diesem stilistischen Wunderland gibt sich Sean Baker als zutiefst amerikanischer, dieses Land und dessen Improvisationstalent über alles liebender Künstler, der mit Edward Hopper genauso auf einen schäumenden Milkshake gehen würde wie mit Chloë Zhao, deren Nomadland grundsätzlich betrachtet eine ähnliche, aber viel ernstere Klaviatur spielt.

Red Rocket