Desert Warrior – Wüstenkrieger (2025)

VÖLKERBALL MIT KAMELEN

6/10


Aiysha Hart als Prinzessin Hind und Anthony Mackie als Hanzala in Desert Warrior
© 2026 capelight pictures


LAND / JAHR: SAUDI-ARABIEN, USA 2025

REGIE: RUPERT WYATT

DREHBUCH: ERICA BEENEY, GARY ROSS, DAVID SELF, RUPERT WYATT

KAMERA: GUILLERMO GARZA

CAST: ANTHONY MACKIE, AIYSHA HART, SHARLTO COPLEY, GHASSAN MASSOUD, SAMI BOUAJILA, GÉZA RÖHRIG, BEN KINGSLEY, NUMAN ACAR, MILA AL ZAHRANI U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



Die spinnen, die Mesopotamier. Nichts anderes muss der gute alte Obelix feststellen, als er im 26. Band der Comicreihe mit seinem Freund Asterix zwischen die Fronten eines unklaren und konfusen Krieges gerät, in dem schließlich jedes Volk gegen das andere seine Ressentiments hat. Albert Uderzo hat hier liebevoll die Kriegsgeschichte im Zwischenstromland karikiert und Assyrer, Arkadier, Meder und wie sie alle heißen auftreten lassen, während die beiden Gallier letztlich immer nur den Pfeilen folgen, um ans Ziel zu gelangen.

Die Wüste lebt

Ähnlich bunt und unübersichtlich gestaltet sich die arabische Welt im 7. Jahrhundert nach Christus. Es regiert der unerbittliche und natürlich von Ben Kingsley in einer kleinen, aber markigen Rolle verkörperte König Kisra, der in Ktesiphon am Tigris, der damaligen Hauptstadt des Sassanidenreiches, nebenher noch einen stattlichen Harem betreibt, in dem jede von ihm unterworfene Fürstentochter Einzug halten muss. Tut sie das nicht, gibt‘s die totale Vernichtung aller, die den geforderten Tribut nicht zahlen wollen.

Die Wüste ist aber riesig, die Anzahl der Völker ist es auch, und Rupert Wyatt, Regisseur eines Films, der dem epischen Abenteuerkino eines David Lean nacheifern will, steckt wohl das meiste Geld des saudischen Rundfunkunternehmens MBC in sein Projekt, um all diese kriegerischen Kleinarmeen auf schmucke Weise anzukleiden. Das gelingt ihm, keine Frage. Wie Obelix summt uns der Schädel ob all der Fraktionen, adlernasigen, grimmigen Krieger und ehr- wie wehrhafter Haudraufs, die sich im Laufe der Geschichte – und ja, es ist Geschichte, mehr oder weniger – miteinander verbünden. Überraschend dabei ist, dass Lachmiden-Königstochter Hind das ganze Bündnis anführen wird, und zwar bei der Schlacht von Dhi Qar. Eine Oase, deren Eroberung über den Ausgang des Gemetzels entscheiden wird.

Reserve-Lawrence auf Abruf

Mittendrin in diesem Geschehen ist aber einer, den es nie gegeben hat: Bandit Hanzala.  Wir sehen „Captain America“ Anthony Mackie in schwarzer Kluft und unter schwarzem Turban – das Prachtexemplar eines Wüstenabenteurers, den Karl May wohl nicht besser hätte skizzieren können. Mackie ist nicht Peter O’Toole, hat nie diesen Eifer, diesen Idealismus und letztlich diesen Wahnsinn in den Augen, aber zumindest macht er optisch eine gute Figur. Ihm gegenüber Sharlto Copley (District 9) als ebenfalls in der Geschichte nicht existenter Grobian für alles, er meuchelt im Namen Ben Kingsleys.

Es gibt zahlreiche Figuren in diesem Gemenge, alle im Wüstensand, alle bunt, alle pittoresk und gebettet in eine grob nachskizzierte Entscheidungsschlacht, für die sich dieses an den US-amerikanischen Kinokassen völlig untergegangene Exotik-Abenteuer nicht verstecken braucht.

Fata Morgana auf großer Leinwand

Es wäre kein Fehler gewesen, den bislang teuersten saudi-arabischen Film, der klarerweise Lust machen soll auf eine kostspielige Safari ins Zwischenstromland, denn mit Sicherheit hinkt der Tourismus dort dem Soll hinterher, auf die große Leinwand zu bringen. Es sind die Schauwerte, die hier zählen. Es ist dieses Gefühl, ganz plötzlich in ein rustikal-folkloristisches Straßenfest gedrängt worden zu sein, mit Musik, Tanz und martialischen Performances.

Wie historisch akkurat das Ganze ist – die Mühe, das herauszufinden, braucht man sich genauso wenig machen wie bei den Filmen von Ridley Scott. Desert Warrior – Wüstenkrieger ist ein mit verschwommenen Fakten kokettierender Kamelritt vorzugsweise im flirrenden Licht einer Fata Morgana, den man leicht buchen kann, um ein bisschen zu erfahren, wie es dort so ist, in der großen weiten Welt. Auch wenn nichts davon wirklich ernsthaft die Ambition hegt, ein authentisches Damals zu vermitteln.

Desert Warrior – Wüstenkrieger (2025)

Lawrence von Arabien (1962)

EIN HAUFEN REITENDER MÄNNER

7,5/10


lawrence-of-arabia© 1962 Columbia Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 1962

REGIE: DAID LEAN

DREHBUCH: ROBERT BOLT, MICHAEL WILSON, NACH DEM AUTOBIOGRAPHISCHEN BERICHT VON T. E. LAWRENCE

CAST: PETER O’TOOLE, ALEC GUINNESS, ANTHONY QUINN, OMAR SHARIF, JACK HAWKINS, CLAUDE RAINS, ANTHONY QUAYLE, ARTHUR KENNEDY, JOSÉ FERRER, DONALD WOLFIT U. A.

LÄNGE: 3 STD 47 MIN


Alte Schinken nochmal neu sichten – das könnte und sollte man als Cineast durchaus immer wieder mal in Betracht ziehen. Auch wenn die eigene Watchlist mit allen Neuerscheinungen schon rammelvoll ist, mag ein Blick zurück auf die Meilensteine einer über hundert Jahre währenden Erfolgsgeschichte eben des Kinos momentane Trends mit Leichtigkeit relativieren. Es lässt sich erkennen, worauf es früher wohl ankam, welche Stilmittel gern gesehen waren, welcher Aufwand nicht zu groß war und wie unterm Strich dem Massengemüt des Publikums zu entsprechen war. Bild, Ton, Dramaturgie, politische Korrektheit und die Handhabung mit Tabus: Alles eine Frage der Zeit, der Weltpolitik, der Geldgeber und der Studios. In den Sechzigern, da herrschte das Genre des Monumental- oder Sandalenfilms nebst dem Genre des Westerns fast schon als Monopol und über ein Jahrzehnt lang über den lokalen Kinospiegel. Gern Gesehenes war also der Gegenwart Unverwandtes, weit Entferntes und Entrücktes und mit den Problemen der Gesellschaft kaum in Berührung kommend. Man saß im Kino und glotzte Quo Vadis (Anfang der 50er), Ben Hur mit seinem christlichen Einschlag. Spartacus, Exodus und El Cid, später Cleopatra und Doktor Schiwago. Mehrere Stunden lang, aber mit Pausen, gab man sich dem Kostüm- und Kulissenrausch hin, mitunter an Originalschaupoltzen gefilmt und ohne Massenszenen aus dem Rechner, sondern analog und wahrhaftig. Gigantische Zweckbauten für nur ein paar Szenen ließen staunen, anschließend verließ man das Kino mit dem Wissen, nicht nur unterhalten worden zu sein, sondern auch, bezüglich der Geschichte der Welt, weitergebildet.

Eines dieser Werke war schließlich auch, im Jahre 1962 Lawrence von Arabien, eine britische Wüstenoper mit Sonne, Sand und Beduinen und die biographischen Eckpunkte eines Mannes erzählend, der die Beduinenstämme aus den Tiefen der Halbinsel Saudi-Arabiens vor die Fronten der Osmanen führte, um den Nahen Osten zurückzugewinnen. Seinen Bericht hat er damals unter dem Titel Die sieben Säulen der Weisheit niedergeschrieben, David Lean, im Kino-Gigantismus bereits mit dem schier zeitlosen Antikriegsdrama Die Brücke am Kwai erfahren und entsprechend ausgezeichnet, hat sich an dessen Erinnerungen angelehnt, um den noch unbekannten Peter O’Toole in Szene zu setzen, der gentlemenlike und auf unverwüstliche Weise sturen Idealen folgend, zum Abenteurer und Geschichtsreformator werden soll. Als ehrgeiziger britischer Offizier Thomas Edward Lawrence (der O’Toole auch verblüffend ähnlich sieht – oder umgekehrt) bekommt er zur Zeit des ersten Weltkriegs den Auftrag, dem Araber-Prinzen Faisal einen Besuch abzustatten und sich über dessen Agenda zu informieren, um gegebenenfalls im Kampf gegen die Osmanen ihre Unterstützung zu erlangen. Logischerweise entspricht die Theorie dieser Mission nicht der Praxis, denn Araber sind das eine, die verfeindeten Beduinenstämme das andere. Unter einen Nenner lassen sich diese Völker alle nicht bringen, zumindest scheint es so. Doch Lawrence gelingt das scheinbar Unmögliche, auch wenn er mitunter über Leichen gehen muss.

Abenteuerliche Geschichtsfilme wie diese gibt es heutzutage wohl keine mehr, es sei denn, Ridley Scott hat wieder mal tief in die Geldkiste gegriffen, um Kreuzzüge, napoleonische Schlachten oder den Auszug der Israeliten aus Ägypten zu verfilmen. Geht dieser Mann irgendwann einmal den Weg allen Fleisches, wird das Genre, so fürchte ich, aussterben. Erinnern wird man sich nicht nur an seine Werke, sondern auch an jene, die ihm vielleicht als Vorbild dienten. Dieses hier ist so eines: ein unter enormem Aufwand verfilmtes Epos von fast vier Stunden, in dem Frauen keinerlei Rollen spielen und Männer so sind, wie Männer sein wollen. In dem Männer tun, was sie tun müssen. Die Welt ist in David Leans Werk und vielleicht auch aus Lawrences Sicht ein notgedrungenes Patriarchat, dessen Schicksal von Männern gesteuert, entschieden und vereitelt wird. Nun, genau das, diese Mentalität dieser filmischen Monumentalarbeit, erscheint aus der Zeit gefallen und so angestaubt wie ein Beduinenzelt nach dem Wüstensturm. Ein riesiger Haufen reitender Männer prescht über Dünen, säbelschwingend ihrem Ziel entgegen. Irgendwann verfällt auch der scheinbar pazifistische Lawrence, dem bald die Gewalt und der Tod näherkommt als ihm lieb ist, einem Blutrausch und Peter O’Tools irrer Blick prägt sich nachhaltig ins Gedächtnis. Hauptsächlich in Jordanien, Marokko und auch Spanien gedreht, wird die Wüste zum Schminktisch für den Helden. Neben ihm brillieren Anthony Quinn als Beduinenführer Auda Abu Tayi und natürlich der bereits von David Lean erprobte Alex Guinness als charismatischer Prinz Faisal. Ihr schauspielerisches Stelldichein wird zu Kinonostalgie pur, sie zelebrieren weit weg von kultureller Aneignung und wokem Stirnrunzeln die Fähigkeit des Schauspielers, in Rollen zu schlüpfen, die ihrer eigenen Biografie fremd sind. Ein Film wie Lawrence von Arabien ist heutzutage auf diese Weise wohl nicht mehr zu inszenieren. Und doch trägt dieser nur scheinbar wüstenheisse Gewalt-Exkurs jene Wahrheit in sich, die so lange gilt, solange es Menschen gibt: Wer zum Schwert greift, wird nicht durchs Schwert sterben, dafür aber bestimmt er die Weltgeschichte. Leider.

Lawrence von Arabien (1962)