Sweet Country

TRISTESSE IM BUSCH

6/10

 

sweetcountry© Grandfilm 2017

 

LAND: AUSTRALIEN 2017

REGIE: WARWICK THORNTON

CAST: HAMILTON MORRIS, SAM NEILL, BRYAN BROWN, EWAN LESLIE U. A.

 

Wenn vom Weltuntergang die Rede ist, dann ist das für viele sicherlich irgendeine kataklysmische Einwirkung aus dem Weltall. Dass die Vernichtungen ganzer Kulturkreise, die ihre eigenen Welten hatten, bereits stattgefunden haben, wird mangels globaler Relevanz gerne vergessen. Das Schwarzbuch der Menschheit kann hier Abhilfe schaffen. Oder eben Filme. Wie zum Beispiel Sweet Country. Dieser sagen wir mal Western aus Down Under ist ein Drama, das eine reale postapokalpytische Welt beschreibt, und zwar für jene, die uns allen als das Volk der Aborigines geläufig ist. Das Urvolk Australiens braucht eigentlich nicht mehr auf Armageddon zu warten. Genauso wenig die Ureinwohner Tasmaniens, wurden die doch komplett ausgelöscht. Diese historische Tendenz zur Volksvernichtung und ein spätes (Unter)bewusstsein für Verantwortung könnte womöglich auch der Grund sein, warum australische Filmschaffende gerne auf postapokalyptische Szenarien zurückgreifen. Mad Max zum Beispiel, die Kult-Endzeit schlechthin. Oder das Netflix-Zombiedrama Cargo. Gerne als Geheimtipp gehandelt: The Rover von David Michôd mit Robert Pattinson. Düster, düsterer – australische Zukunft. Sweet Country spielt zwar nicht in der Zukunft, fühlt sich aber genauso an. Was genau denn, so fragen kritische Stimmen, soll man gesellschaftlich Erbauliches aus der Terra incognita eigentlich berichten? Die Fauna und Flora, ja, die ist einzigartig, keine Frage. Die Wüsten, das Outback und vor allem die Küsten im Westen, vorzugsweise menschenleer.

In Warwick Thorntons grimmigem Anti-Heimatfilm sind viele der Ureinwohner devote Helfer der Weißen, nur ein Hungerlohn unterscheidet sie vom Dasein als Sklaven. Die Weißen – die sind bis auf wenige Ausnahmen hässliche, raue Männer, die keine Liebe kennen, keine Achtung und keinen Respekt. Thorntons weiße Männer sind Monster, quälen den Unterdrückten, berauben ihn der Freiheit und keifen ihn zu einem Häufchen Elend zusammen wie einen Hund, der vom Napf des Herrchens kostet. Szenenweise erinnert Sweet Country an 12 Years a Slave – vor allem in seiner Schilderung der zeternden Tyrannen, die niemandem Rechenschaft schulden und die in ihrem Glauben an das Faustrecht des Stärkeren denken, alle Rechte der Welt zu besitzen, auch die für Mord und Missbrauch. Das ist gesetzlose Anarchie nach dem Zusammenbruch einer staatlichen Ordnung. Oder dort, wo gar keine hinkommt, ähnlich wie im wilden Westen, wo der Arm des Gesetzes kurz ist. Nur – in Australien ist die Weite nur bedingt erschließbar, der Busch undurchdringlich, und das, was erschließbar ist, radikaler gesäubert oder assimiliert. Jenseits davon – das Niemandsland für das letzte Häufchen Einwohner, die dem Faustrecht ohnmächtig gegenüberstehen.

Sam Neill als eremitischer Farmer ist in Sweet Country aber einer der Guten. Allerdings der einzige. Bei ihm haben die Aborigines Sam, dessen Frau und beider Nichte ein gutes Auskommen als manch ein Indigener anderswo. Doch die Revierherren angrenzender Territorien ticken da ganz anders, schnorren Farmer Neill für ein paar Tage das Personal ab und behandeln dieses natürlich wie den letzten Dreck. Als die drei zurückkehren, hetzt einer der herrischen Unmenschen ihnen nach, um sie wegen dem Verschwinden eines anderen Knechts zu belangen – und eröffnet das Feuer. In dieser brenzligen Situation greift Sam selbst zur Waffe – und knallt den Weißen ab. Folglich ist dieser Freiwild, und das Gesetz, oder das, was von ihm übrig ist, folgt dem Flüchtenden hinterher. Allerdings wohl mehr aus einem rassistisch geprägten Impuls und aus Rache als aus einem Bewusstsein für Recht und Ordnung. Tief ins Outback hinein führt die Suche nach jemandem, der nur aus Notwehr gehandelt hat.

Die Aussichten für den indigenen Australier Sam sehen schlecht aus, das spürt man als Zuseher in jeder Sekunde. Der Hass auf jene, denen das Land gehört, verflucht den Boden unter deren Füßen. Was daraus wuchert, ist körperliches wie seelisches Leid. Der Australier John Hillcoat hat 2005 einen nicht weniger zermürbenden Hexenkessel zwischen bröckelnder Zivilisation und Wildnis geschaffen – The Proposition mit Guy Pearce lässt das Blut zwar noch mehr in den staubtrockenen Boden sickern als Sweet Country – der nihilistische Grundtonus ist bei beiden Filmen aber ähnlich. Ein Spaziergang ist diese Art des Western Noir wirklich nicht, schon gar nicht, wenn es letzten Endes nicht mal mehr Hoffnung gibt. Hillcoat sowie in diesem Fall Thornton zeichnen ein hoffnungsloses Bild jenseits von Känguru, Uluru und Bumerang, auch wenn die menschenfeindliche Natur als dramaturgischer Joker in die Karten der verfeindeten Parteien gemischt wird. Die Tristesse dieses ethnischen Schicksals legt sich in bleierner Resignation wie ein grauer Schleier über den Film, der jegliche Zuversicht filtert – selbst das Abendrot birgt bereits die Bürde des kommenden Morgens. Der wird für einige nicht mehr anbrechen, was angesichts dieser kaputten Koexistenz zwischen Whitefellas und Blackfellas vielleicht sogar das geringere Übel ist.

Sweet Country

Maria Stuart, Königin von Schottland

REGIEREN IST KOPFSACHE

5,5/10

 

MARY QUEEN OF SCOTS© 2018 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JOSIE ROURKE

CAST: SAOIRSE RONAN, MARGOT ROBBIE, GUY PEARCE, DAVID TENNANT, MARIA DRAGUS, BRENDAN COYLE U. A.

 

Macht ist nichts, was man teilt. Das ist schon ein Phänomen, das dem Menschen ganz eigen ist. Die Möglichkeit, über allen anderen zu stehen, könnte, wenn man sich in der Zeitgeschichte und gegenwärtig umsieht, das höchste Gut überhaupt sein, das es als Mensch anzustreben gilt. Mal oben angekommen, wartet eine Menge Verantwortung, die gerne delegiert wird. Was bleibt, ist ein Rausch, der süchtig machen kann. Und das Gefühl, halb Gott zu sein, wird unverzichtbar. Mit dieser Psychologie des Überstarken hätte sich Maria Stuart auseinandersetzen sollen, bevor sie wieder auf schottischen Boden zurückkehrt, nachdem ihr französischer Gemahl frühzeitig verstorben und ihre Machtposition am Festland von heute auf morgen verpufft war. Wäre sie später gekommen, hätte ihr bewusst sein müssen, was für eine Verwandte da am englisch-irischen Thron sitzt. Nämlich Elisabeth I., Alleinherrscherin mit absolutistischen Tendenzen und harter Hand, reformwillig, protestantisch und unverheiratet. So aber ist Maria Stuart´s Cousine gerade mal 3 Jahre an der Macht – und vor allem der Faktor „unverheiratet“ für die Witwe reizvoll genug, um nicht nur Schottland, sondern auch England zu provozieren. Klug mag Maria Stuart gewesen sein, aber nicht allzu politisch erfahren, impulsiv und – wie es in Josie Rourke´s Historiendrama den Anschein hat – unglaublich stur.

Als zweite in der Thronfolge nach Elisabeth gehört Schottland Maria Stuart, der Halbbruder muss also vom Thron, und überhaupt kann der jungen Dame niemand vorschreiben, wen sie zu ehelichen gedenkt. Denn die Ehe, die ist was fürs Herz, so die naive Sicht der Möchtegern-Regentin, die sich stets mit einer Entourage von vier Hofdamen umgibt und alles daransetzt, einen Thronfolger zu zeugen, der dann aber über die ganze Insel herrschen soll. Das zumindest hat Kalkül – die Männerwirtschaft aus Günstlingen, Gegner und militanten Rivalen ringsherum schläft allerdings auch nicht. Und plant von langer Hand, die ungeliebte Katholikin zu entthronen. Was folgt, sind fiese Intrigen, jede Menge Verrat, Mord und Totschlag. Und die ekelhafte Demonstration maskulinen Dominanzverhaltens.

Das ist Geschichte, die hochinteressant ist, spektakulär und fesselnd. Das spätere Schicksal Maria Stuarts ohnehin reichlich bekannt. Und auch ihr Tod in scharlachroter Gewandung historisch belegt. Wie es soweit also kommt, erzählt bei weitem nicht die einzige, aber neueste Verfilmung des Stoffes über Maria Stuart, Königin von Schottland, in großartig besetzter, aber lückenhafter Chronologie, die sich noch dazu ziemlich schwer tut, zwei Handlungsfäden gleichzeitig zu spinnen. Woran das liegen mag? Vielleicht am fehlenden Gespür für den richtigen Rhythmus. John Mathieson findet zwar schöne Bilder vorwiegend aus dem fahl beleuchteten Inneren von Holgrov Castle – die Schnittfolge allerdings, die sowohl Elisabeth´s als auch Maria´s Geschichte abwechseln soll, fällt sprichwörtlich mit der Tür ins Haus und verspielt ihr Timing gerade in der ersten Hälfte des Filmes, die ohnehin inhaltlich allerlei Fäden ziehen muss. Das ist alles andere als eine runde Sache, und macht es anfangs unmöglich, in das Zeitalter der Renaissance einzutauchen. Die Szenen sind zu kurz, vielleicht auch zu nichtssagend gewählt, es gibt keinen Übergang, der thematisch den Schauplatzwechsel einleitet. Es ist, als lese man ein Buch, und irgendjemand blättert die Seite um, bevor das letzte Wort gelesen ist. Später dann, als die Katze aus dem Sack, Maria Stuart isoliert und der Putsch vollendet ist, hat das Geschichtsdrama die notwendige Konzentration gefunden. Allerdings fast zu spät. Denn die Jahre im englischen Exil sowie die eigentlichen Hintergründe der Exekution spart der opulente Monarchenpoker fast zur Gänze aus.

Was das leidenschaftlichen Spiel einer wie aus Wachs modellierten Saoirse Ronan allerdings nicht bremst. Als Königin weckt sie zwar Sympathien beim Zuschauer, gibt sich allerdings auch vollends ihrer Machtgier hin. Quengeliger Trotz und ein realitätsfremdes Fairness-Ideal werden folglich zu ihrem Verhängnis – und von Ronan verbissen genug aufs Tablett gebracht. Ihr gegenüber eine Elisabeth, die, so finde ich, mit Margot Robbie sogar noch näher an der realen Figur der Königin herankommt als es Cate Blanchett vermocht hat, auch wenn die weiß gepuderte Regentin mit knallroter Perücke szenenweise Erinnerungen an Clown Pennywise wachruft. Apropos Cate Blanchett: Shekar Kapur´s Politepen Elizabeth und Elizabeth – Das goldene Konigreich sind filmisch wie dramaturgisch weitaus besser geglückt und liefern genau das, was sie sollen: Packende, ungemein sehenswerte Geschichtsstunden, die ich euch, falls ihr sie noch nicht gesehen habt, unbedingt ans Herz lege.

Geschichtsstunde, das ist Maria Stuart, Königin von Schottland natürlich auch, nur bleiben Robbie und Ronan hier zwei Konstante, die von einer selten so offensichtlichen, grobmotorischen Filmmontage leidlich souverän getragen werden. So einen Stoff wie diesen, den kann man nicht irgendwie erzählen. Aber genau das erscheint hier so. Dennoch: Kostüme, Make-up und Frisuren treiben in diesem Ringen um den Thron beeindruckende Blüten, womöglich authentisch bis in die Spitzen. Und wer sich an sowas nicht sattsehen kann, ist hier auf alle Fälle gut aufgehoben.

Kleine Anmerkung für Austro-Filmfans: Maris Dragus, Hauptdarstellerin aus Barbara Albert´s Kostümfilm Licht, spielt hier eine von Maria Stuart´s Gefährtinnen.

Maria Stuart, Königin von Schottland

Colette

HOSEN FÜR DIE DAME

6,5/10

 

colette© 2018 DCM

 

LAND: USA 2018

REGIE: WASH WESTMORELAND

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, DOMINIC WEST, ELEONOR TOMLINSON, FIONA SHAW U. A.

 

Wo ein Willy, da ein Weg. Zumindest war das damals so, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar in Paris. Unter dem Pseudonym Willy konnten nämlich begabte Autoren, die sonst keinen Weg gefunden hätten, um sich selbst zu veröffentlichen, ihr Erdachtes, Geschriebenes und gern Pikantes an die gehobene Gesellschaft der mondänen Hauptstadt bringen. Willy, wie sich Henry Hauthier-Villars offiziell nannte, war selbst kein Meister seiner Zunft, aber ein Meister, wenn es darum ging, die Werbetrommel zu rühren und die Werke anderer zu publizieren. Denn Willy, das zog. Der Name des Adabeis war in aller Munde, jeder kannte Willy, auf noblen Partys und am Theater. Die Seitenblicke hätten sich da um ein paar Minuten des Small Talks womöglich gerne geprügelt. Willy war ein Mann, wie er damals zu sein hat. Jovial, charmant, belesen und – elegant chauvinistisch.  In Wash Westmoreland´s gediegener Biografie spielt der von Dominic West souverän verkörperte Mann von Welt eine nicht untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil: ohne Willy wäre Sidonie-Gabrielle Colette nicht zu der Art von Frau geworden, wie sie zur Zeit des Fin de Siecle noch als relatives Panoptikum angesehen wurde.

In Antiquariaten und Büchermärkten sind mir die gebundenen Hardcover-Schmöker ihres Namens relativ häufig unter die Finger gekommen. Von Claudine erwacht über Claudine in Paris bishin zu Gigi (wohl die bekannteste Verfilmung von Colettes Werken, Regie: Vincente Minnelli) hätte ich einen Grossteil ihres Repertoires im besten Wortsinn abstauben können. Mein Interesse lag aber damals eher beim Expressionismus, weniger bei den Coming of Age-Erzählungen eines Mädchens vom Lande. Doch was ich bisher noch nicht wusste und mich auch verblüffte, war, dass sich die Figur der Claudine damals zu einem regelrechten Hype entwickelt hat. Dem vermögensverprassenden Willy, der gerne ins Casino ging und allerhand sündteure Antiquitäten in die eheliche Wohnung karrte, gelang mit Colettes Werken ein regelrecht literarischer Blockbuster, obwohl er den damaligen Zeitgeist nicht sofort mit den verfassten Inhalten Colettes in Verbindung bringen konnte. Die Künstlerin blieb weiterhin ungenannt. Colette stand anfangs noch im Schatten ihres Gatten, und dass eine Frau künstlerisch gesehen und abgesehen von anzüglichen Auftritten im Variete den Nerv der Zeit hätte treffen können, daran dachte damals niemand. Was sich aber logischerweise änderte, sonst gäbe es die Filmbiografie von Colette nicht, lässt sich der Trend biographischer Frauenfiguren, die das Ringen um Gender-Gleichheit schon Dekaden früher vorwegnahmen, im Kino doch klar erkennen.

Colette kam in erster Linie aufgrund von Keira Knightley auf meine Watchlist. Die so vielseitige wie engagierte Schauspielerin ist nicht nur als heranreifendes Autorentalent ideal besetzt – die Entdeckung ihrer sexuellen Identität und die gesellschaftliche Auswilderung ihres intellektuellen Bewusstseins waren biographische Wendepunkte, denen auch Knightley meinungsmäßig, wie es scheint, beigepflichtet haben könnte. Colette selbst wäre womöglich recht stolz auf ihre Interpretation. Was aber nur die halbe Miete des Filmes ist. Auf der anderen Seite steht Dominic West – auch er meistert den Lebemann und Hedonisten mit selbstverständlichem Hang zur zärtlichen Unterdrückung. Beide, Knightley wie West, harmonieren in der ganzen Bandbreite ihrer Diskrepanzen und Intimitäten in einem gefälligen, gegenseitig den Ball zuspielenden Rhythmus. Die Chemie stimmt also außerordentlich – und der Film selbst? Der ruht im Setzkasten klassischer Filmbiographien. Liebevoll ausgestattet, ein Streifzug durch die Geschichte ausgesuchter Mode, welche die Haute volée wohl gerne so getragen hat. Bis sich der Stil bei Colette selbst komplett ändert – und sie aus der schicken Bourgeoisie trendsetzend heraus- und auffällt.

Etwas schwer tut sich Colette – also der Film – vor allem anfangs. Da flaniert das elegante Biopic sonnenschirmdrehend vor sich hin, ohne dem Kern der Geschichte näherzukommen. Das sind Längen, schön gefilmt zwar, aber relativ ereignislos. Bis Colette – nun die Person – sich selbst entdeckt, und das ist gefühlt im letzten Drittel des Films. Bis dahin heißt es: Sitzfleisch bewahren, denn es zahlt sich durchaus aus, etwas über das Schicksal einer Persönlichkeit zu erfahren, die als die größte Schriftstellerin Frankreichs gilt. Wissenslücken werden mit Colette geschlossen. Und Claudine, sofern es mir wieder mal in die Hände fällt, aufmerksamer durchgeblättert.

Colette

The Ballad of Lefty Brown

NUR EIN MANN UND KEIN BEFEHL

6/10

 

x-default© 2018 EuroVideo

 

LAND: USA 2018

REGIE: JARED MOSHÉ

CAST: BILL PULLMAN, KATHY BAKER, JIM CAVIEZEL, PETER FONDA, TOMMY FLANAGAN, DIEGO JOSEF U. A.

 

Er zieht bei Weitem nicht schneller als sein Schatten, seine Stiefel sind bar jeglicher Blutspuren und wenn man so will, so hat der Teufel mit diesem Mann zwei linke Hände: der ewige Zweite, der Sancho Pansa des Wilden Westens, der devote Diener seines Herrn, das ist Lefty Brown. Allein auf weiter Flur ein Taugenichts, der immerhin nicht vom Pferd fällt uns ganz gut schießen kann. Lefty Brown ist eine treue Seele, die zwar daran scheitert, Verantwortung zu übernehmen, die aber zu Stelle ist, wenn Not am Mann ist, wenn Lynchjustiz mal wieder spruchreif wird oder ruchlose Mörder gefasst werden müssen. Der Gang zum Gericht ist dann eher etwas für Zimperliche – an der Seite von Altstar Peter Fonda (wann habe ich ihn zuletzt wohl in einem Film gesehen?) wird das Strafmaß an Ort und Stelle verhängt und exekutiert. Dieser Peter Fonda, ein Querkopf mit latent aggressiver Moral, darf dann auch nur nicht mehr als einen Gastauftritt absolvieren, denn so jemand, der Tacheles redet, irgendwo im Outback, der bleibt nicht lange gesund. Lefty Brown sitzt plötzlich alleine im Sattel und weiß vor lauter Eigenverantwortung nicht mehr, wo beim Pferd vorne und hinten ist.

Es darf geahnt werden, dass die Erfolgstangente von Zero to Hero relativ planmäßig gezogen wird, nicht umsonst nennt sich vorliegender Western The Ballad of Lefty Brown, denn eine Ballade, die rezitieren kommende Generationen auch nur dann, wenn Ruhm und Ehre auf den Schultern des Besungenen liegen. Der stets verschlafen wirkende Gammler mit dem ungepflegten Franz-Josef-Gedächtnisbart hat also freie Bühne, um zu beweisen, dass auch er trotz fälligen Ruhestands noch dazulernen und so manches, was bislang in so einem patscherten Leben alles schiefgelaufen war, wieder geradebiegen kann. Diese Rolle des gutherzigen, verschrobenen und anfangs relativ unselbständigen Verlierers, die hat der ewig als Nebendarsteller gebrandmarkte Bill Pullman übernommen. Gut, es gibt manches Filmwerk, da hat Pullman durchaus mehr zu sagen, zum Beispiel Lost Highway. Sogar als Präsident im alieninvasorischen Independence Day konnte er lautstark das Volk gegen den Aggressor mobilisieren. Als Lefty Brown zieht der Charaktermime aber alle Register seines Könnens und darf zumindest im Heimkino wohl die beste Performance seiner Karriere vorlegen.

Es ist vor allem Pullman´s Mimik, die unruhigen Blicke, das fahrige Gebärden. Sein Lefty Brown ist ein konfuser Chaot, der angesichts des Schicksals mit rudernden Armen versucht, die innere Mitte zu finden. Klarheit über das eigene, verpfuschte Leben, das plötzlich Sinn macht. Darstellerisch ist das großes, psychologisches Kino, und das in einem eher biederen Rachewestern, der naturgemäß und auf konventionelle Parameter bedacht Schwarz und Weiß malt, und nur scheinbar zufällig Grautöne mit hineinmischt. Klar, dass der gestelzte Manschettenträger Jim Caviezel, den man auch erst auf dem zweiten Blick erkennt, gehörig Dreck am Stecken hat. Auch wenn so manch Gutmensch der Prärie mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen hat – unter ihrem plakativen Pathos lassen sie sich alle relativ leicht zuordnen. Independentfilmer Jared Moshé findet für seinen selbst geschriebenen Selbstjustizwestern Bildnisse ockerfarbener Wildnis bis hin zu ausgewaschenem Gelb. Dazwischen eine Farm im Nirgendwo, und das obligate Kaff, in dem sich Recht und Unrecht die Flinte zuwirft. Lefty Brown, obwohl er mit sich selbst genug zu hadern hat, scheint es plötzlich mit der ganzen Welt aufzunehmen, wie ein plötzlich erleuchteter Don Quixote im Unterkleid und mit nichts als der idealen Vorstellung von Gerechtigkeit im zauseligen Hinterkopf.

The Ballad of Lefty Brown bequemt sich als Western alter Tradition, ist ein Abgesang auf den Sturm und Drang draufgängerischer Junghelden und ein Loblied auf das alte Eisen, das dem Pferd immer noch die Sporen gibt, wenn es denn sein muss. Über allem die einnehmende Solo-Performance Bill Pullman´s, die den Film überhaupt erst richtig sehenswert macht.

The Ballad of Lefty Brown

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht

Die dunkelste Stunde

CHURCHILL SPIELT CHURCHILL

7,5/10

 

DARKEST HOUR© 2017 Universal Pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: JOE WRIGHT

MIT GARY OLDMAN, LILY JAMES, KRISTIN SCOTT THOMAS, BEN MENDELSOHN U. A.

 

Das macht Europas größter Insel kein anderes Land nach: das Schicksal Großbritanniens inmitten des zweiten Weltkriegs ist eine Epoche voller Facetten, die wie kein anderer Schwerpunkt so sehr im Mittelpunkt der Kinogeschichte gestanden hat – und jetzt auch wieder stehen darf. Dabei lassen sich all diese fast schon nahtlos aneinander gereihten, zeitgleich passierenden Episoden als Gesamtpaket betrachten, wenn nicht gleich als Trilogie oder Quadrilogie. Da hätten wir The King´s Speech mit Colin Firth, der als stotternder Monarch Albert alles versucht, seine Rede zur Lage der Nation so flüssig wie möglich ans Volk zu bringen. Da hätten wir in The Imitation Game das Superhirn Alan Turing, gespielt von Benedict Cumberbatch, der es geschafft hat, ebenfalls zur selben Zeit den Code der Nazis zu knacken. Und da hätten wir jüngst Christopher Nolans schwer beeindruckendes Meisterwerk Dunkirk. Gerade die atemberaubend unorthodox erzählte Chronik des Wunders am Ärmelkanal ist mit Joe Wrights Politdrama Die dunkelste Stunde, am engsten verknüpft. Hat man Dunkirk gesehen, sollte man unbedingt auch Die dunkelste Stunde sehen. Hat man Die dunkelste Stunde gesehen, empfiehlt es sich, gleich unmittelbar hineindran Dunkirk auf die Watchlist zu setzen. Beide sind zweifellos völlig eigenständige Werke. Doch gemeinsam bilden sie eine vollkommene Einheit. Eine Schicksalssymphonie aus einem Guss. Und tatsächlich wäre es sogar denkbar, Dunkirk und Die dunkelste Stunde dramaturgisch ineinander zu verzahnen. Der eine Film, ergänzt den anderen. Zusammen lassen sie Geschichte erleben. Und das so packend, plastisch und fühlbar wie selten zuvor.

Die dunkelste Stunde funktioniert aber auch im Alleingang ganz ausgezeichnet. Und das Besondere daran: nicht trotz, sondern vor allem aufgrund all seiner Bescheidenheit, seiner Lust am Zitieren protokollierter Reden und den vielen Herren in dunklen Anzügen, denen das politische Gewissen ins verkniffene Gesicht geschrieben steht. Als Zaungast im britischen Parlament blickt man auf ein denkwürdiges Szenario hinunter und hört Worte wie „Weder Weichen noch Wanken“ oder „Sieg um jeden Preis“, die sich in die Eckpfeiler europäischer Geschichte gebrannt haben. Polternd in die dunklen, dunstigen Hallen gerufen hat das niemand geringerer als der legendäre Polittitan Winston Churchill. Denkt man an Churchill, denkt man zuallererst an Zigarre, alkoholische Getränke, womöglich Melone und Kleidergröße XXL. Und dann erst an seine donnernde, volksorientierte, heldengleiche Politik. Leicht kann es passieren und Filme über Jahrhundertpolitiker, wie Churchill durchaus einer war, expandieren zu Apotheosen gottgleicher Übermenschen. Nicht so Joe Wrights Film. Und darin liegt seine überzeugende Qualität. Churchill erhält trotz all dem effektiven, erzählerischen Pathos durch Die dunkelste Stunde die Chance, sich als Mensch zu erklären. Und nicht als Ikone einer Krisenpolitik. Der übergewichtige Exzentriker voller extrovertierter Intelligenz, voller eigentümlicher Ticks und leichtem Anflug von Cholerik zeigt sich gern im Schlafrock, unfrisiert und barfüßig. Es ist, als würde man ihn kennen. Vielleicht sogar schon lange bevor der Film überhaupt erst begonnen hat. Ein Gefühl der Vertrautheit stellt sich ein. Und dann begegnet man Churchill sogar noch in Momenten des Zweifelns und Bangens. Momente, wo der wuchtige, laute Riese ganz klein wird, wie ein Kind.

Wirkliche Größe erlangt Wright´s politisches Psychogramm in den fragilen, feinen, kleinen Szenen. Wenn der Premierminister schweigend seine Sekretärin mustert, wenn beide wortlos in der Schreibkammer sitzen, zwischen ihnen die ganze unaussprechliche Stille des prekären Ist-Zustandes der Nation. Wenn Churchill Präsident Franklin anruft, zu später Stunde, irgendwo abseits und ganz auf sich alleine gestellt. Wenn sein Blick ins Leere gleitet – dann spiegelt sich die Schwere der Verantwortung in jeder Requisite des Films. Und graben neue Furchen in die hängenden Wangen des alten Mannes, der genauso aussieht wie die Person von damals. Dass dahinter Gary Oldman versteckt sein soll, kann ich kaum glauben. Es ist auch schwer nachzuvollziehen, wieso die Macher gerade Gary Oldman wollten. Bislang war es doch meist so, dass es vollauf genügt hat, historische Persönlichkeiten mit zumindest ansatzweise ähnlichen Schauspielern zu besetzen. Mittlerweile reicht das aber nicht mehr. Schon Anthony Hopkins wurde dem Konterfei von Alfred Hitchcock angeglichen. Und Leo Di Caprio durfte sich als J.Edgar Hoover maskieren. Maskenhaft waren sie, diese Gesichter. Aber auch da hat sich die Technik verändert. Obwohl in Die dunkelste Stunde sehr oft Close Ups von Gary Oldmans verwandeltem Profil zu sehen sind, weiß die physische Echtheit des wiederauferstandenen Politikers zu verblüffen. Gary Oldman ist verschwunden – an seine Stelle tritt der Mensch Churchill, der die schlimmsten Stunden seiner Regierungszeit nochmal Revue passieren lässt. Es ist, als würde Churchill Churchill spielen. Den verdienst hat die Maske natürlich nicht alleine – Oldman gelingt es, nach mit Sicherheit intensivstem Studium der historischen Figur nicht nur Churchill zu spielen – er ist zu ihm geworden. Und zwar nicht als plakative Erinnerung eingangs erwähnter Heldenskulptur, sondern als Mensch. Als verletzlicher und gleichzeitig ungemein starker Mensch. Daniel Day Lewis, der selbst zu Lincoln geworden ist, hätte den impulsiven Giganten nicht besser verkörpert.

Die dunkelste Stunde ist eine fesselnde Episode europäischer Geschichte im Erzählstil von Thirteen Days und das sensible, zutiefst humane Psychogramm eines großen Briten. In gleißend hellem Tageslicht und im Licht der Zigarrenflamme, auf offener Straße und barfuß an der Bettkante – bei diesem Poker mit dem Teufel haben sehr viele Profis sehr viel richtiggemacht. Vor allem Churchill, der sich selbst am besten spielt.

Die dunkelste Stunde

Der junge Karl Marx

EIN GESPENST GEHT UM …

6/10

 

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH© 2016 Filmladen / Foto: Kris Dewitte

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BELGIEN 2016

REGIE: RAOUL PECK

MIT AUGUST DIEHL, STEFAN KONARSKE, VICKY KRIEPS U. A.

 

in Europa. Das Gespenst des Kommunismus!  – Das sind die ersten Worte des kommunistischen Manifests, erwogen, überlegt und ausgearbeitet von Karl Marx und Friedrich Engels. Mitte des 19 Jahrhunderts ertönte der Gongschlag zur Geburtsstunde einer politischen Vision, welche die Geschichte ganzer Länder dominiert, diese verändert und bewährte wie längst obsolete Strukturen schließlich zerstört hat. Über das Konzept des Kommunismus möchte ich hier allerdings nicht allzu viele Worte verlieren – das können andere besser, vor allem jene, die sich zeitintensiv mit Politikwissenschaften auseinandergesetzt haben. Literatur hierzu gibt es auch jenseits der Werke von Marx und Engels mehr als genug. Der haitianische Regisseur Raoul Peck will in seinem episodenhaften Polit-Melodram gar nicht erst den Kommunismus selbst erklären oder die Regeln der politischen Bewegung auseinanderdividieren. Sein Film ist ein ruhender, gänzlich unparteiischer Blick zurück auf die Anfänge einer Revolution der sozialen Gerechtigkeit und konzentriert sich eigentlich sogar mehr noch auf den gesellschaftlichen Nährboden eines alten, rezessiven, unbeweglichen Europa des Industriezeitalters. Industrie – das war und ist Profit. Das war und ist die Macht und die Habgier weniger über die Masse. Das war und ist – global gesehen – hauptsächlich noch moderne Sklaverei, um dessen Verbot man mit Groschenlöhnen herumkommt. Die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse von denen, die das Geld haben. Und wer Geld hat, schafft an. Da der Mensch in seiner Natur zum Machtmensch neigt, diese Macht ungern teilt und den Schwächeren gemäß der Darwin’schen Regel Survival of the Fittest allerdings gerne ausbeutet und unterdrückt, solange es für sein existenzielles Seelenheil zuträglich ist, kann dieser gesellschaftliche Erdrutsch nicht ohne Getöse alles Umfeld ins Verderben stürzen. Das Getöse, das sind die, die überleben wollen. Und zwar nicht einzeln, sondern zu mehrt. Fast das ganze Volk. Denn wenn keiner mehr arbeitet, werden auch die Reichen arm. Menschenrechte im neunzehnten Jahrhundert, vor allem Arbeitsrechte, waren praktisch nicht vorhanden. Der Arbeit entsprechende Bezahlung unter Berücksichtigung des Härtegrades der Währung kein Thema. Um es allerdings zum Thema zu machen – dazu bedarf es einiger weniger Intellektueller und Philosophen, die den Missstand erkannt haben – wie zum Beispiel eben der Deutsche Karl Marx.  

Wir kennen sein Konterfei – der wild wuchernde Bart, die zerzauste weiße Frisur. Der Weihnachtsmann für Gewerkschafter und Arbeiterbünde. Der Gott des Kommunismus – oder eher das Gespenst dessen. Jedes Mal, wenn ich im 19. Wiener Gemeindebezirk am Karl Marx-Hof vorbeigehe, einer trutzigen Wohnburg erstaunlichen Ausmaßes, ein Palast des Sozialbaus schlechthin, fällt mir das provokant und funkelnd blickende Gesicht von Karl Marx ein. Dass der auch einmal jung war, das zeigt uns August Diehl. Auch mit wirrem Haar, auch mit Bart, aber weniger opernhaft. Diehl, ohnehin ein eher exzentrischer Schauspieler, der seinen Figuren stets etwas Manisches verleiht, lässt seine Interpretation des großen Denkers sehr abgehoben wirken. Ungreifbar, andauernd in Bewegung, ruhelos und obsessiv. Fast schon aufmüpfig. Womöglich dürfte Karl Marx so gewesen sein, genau weiß man das nicht. Um sich selbst so dermaßen in den Geschichtsbüchern zu verankern – dafür muss man schon für eine Sache mehr schlecht als recht sterben können. Aus Deutschland vertrieben, war fortan Paris und dann später Belgien das Zentrum seiner revolutionären Gedanken. Friedrich Engels, deutscher Industriellensohn, nicht weniger auflehnend und radikal, wurde fortan zu seinem Partner. Der Deutsche Stefan Konarske legt Engels ähnlich aufreibend an wie Diehl seinen Marx. Zwei Figuren, die durch die Jahrzehnte der neueren Geschichte irren, flirren und anecken, Er- und Bekenntnisse verfassen und das Volk für sich gewinnen. Die Reichen werden nicht erfreut sein, wie es auch heute noch in den Medien so schön heißt. 

Der junge Karl Marx ist ein Film wie aus dem Lehrbuch. Geschichtlich wie faktisch interessant, in notwendiger Authentizität ausgestattet und chronologisch erzählt. Angereichert mit einer Menge Namen und Persönlichkeiten, die man der Vollständigkeit halber kennen müsste, relativ schnell aber wieder vergisst, hat man nicht vor, sich länger damit zu beschäftigen. Die Anforderungen für einen pädagogisch wertvollen Unterrichtsfilm wären mit Sicherheit alle erfüllt. Und es ist Geschichte, die so als Spielfilm bereits so aufbereitet wurde, dass sie nebst Aufklärung sogar auch unterhält. Keine altbackene Doku aus inventurbefreiten Schularchiven. Da kann sich der Oberstufen-Nachwuchs glücklich schätzen. Und nicht nur der – nach Raoul Peck´s Film habe ich jetzt beim Vorbeischlendern am Karl Marx-Hof nicht nur mehr den wild wuchernden Weißbärtigen im Sinn, sondern auch den Lockenkopf von August Diehl – und seinen langen Weg zur Grundsteinlegung der kommunistischen Partei. Wieder etwas spielend dazugelernt – und das Kino erfüllt seinen Bildungsauftrag. Den es fraglos hat und auch haben soll.

Der junge Karl Marx