Jojo Rabbit

VOM KRIEG DER KINDER

8,5/10

 

jojorabbit© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: ROMAN GRIFFIN DAVIS, TAIKA WAITITI, THOMASIN MCKENZIE, SCARLETT JOHANSSON, SAM ROCKWELL, REBEL WILSON, ALFIE ALLEN, STEPHEN MERCHANT U. A. 

 

Niemals sollte man sein inneres Kind aus den Augen verlieren. Niemals vergessen, wie es ist, Dingen im Leben mit einer verspielten Neugier zu begegnen. So, als wäre man ein Pionier für eine Sache, die zwar durchaus schon längst bekannt ist, aber so noch nicht gesehen worden ist. Mit unbedarftem Blick. Taika Waititi ist so ein Mensch, ein Künstler, der sich formelhafter Herangehensweisen an eine Sache entzieht. Der diese vielleicht kennt, und weiß, wie es andere bislang gemacht haben, dem das Bisher aber nicht sonderlich gefällt, und sich daher auf eine Augenhöhe begibt, die noch niemand eingenommen hat. Seine Augenhöhe ist die des zehnjährigen Johannes, genannt Jojo. Wir sind irgendwo in Deutschland, in einer Kleinstadt, nicht weit vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wo Jungen und Mädchen zur Hitlerjugend müssen und das jüdische Volk längst schon in den KZs vor sich hinstirbt. Jojo himmelt Hitler an, dieser ist sein Idol, und das geht sogar so weit, dass der Führer zu einem imaginären Freund wird, der den blonden Buben stets begleitet und mit rollendem R und kantiger Aussprache Ratschläge fürs arische Leben erteilt. Wäre da nicht seine Mutter, die, was natürlich vorerst niemand ahnt, im Haus ein jüdisches Mädchen versteckt. Was Hitler ganz und gar nicht unter die schnauzbärtige Nase geht. Und dem kleinen Jojo anfangs auch nicht. Aber warum eigentlich?

Ja, warum eigentlich, fragt sich Waititi und entlässt seinen kleinen (Anti)helden in den bizarren Alltag eines so irren wie wertevernichtenden Regimes, dass völlig aus der Luft gegriffene Schauermärchen über alles Andersartige kolportiert und mit kruden Schreckgespenstern vom eigenen Schrecken ablenkt. In diesem zerstörerischen Sog steckt also dieser Jojo, der sich einerseits vom Massenwahn mitziehen und begeistern lässt, wie sich Kinder eben begeistern lassen, und andererseits aber langsam anfängt, seine eigenen Wertvorstellungen anzuerkennen. Einem Kaninchen den Hals umdrehen? Geht nicht. Denn als Kind ist man immer noch Mensch, hat seine eigene Sicht der Dinge und wehe, man bleibt sich nicht selber treu. Waititi weiß das alles, er weiß, welche Fragen er stellen muss, und er weiß, worauf es in Zeiten wie damals hätte vermehrt ankommen sollen. Dass der verspielte Neuseeländer einen ganz eigenen Draht zum Kindsein hat, das wissen wir seit Wo die wilden Menschen jagen. Wobei er das Kindsein niemals idealisiert, niemals wirklich wie Grönemeyer all die Bengel an die Macht kommen lassen will, sondern sie dazu nötigt, in ihrem ach so jungen Alter ihr Tun selbst zu reflektieren.

Dass einem Thema wie diesem – die Nazizeit und all der Krieg – mit solch zerstreuter, verspielter Leichtigkeit begegnet werden kann, ist staunenswert und überraschenderweise kein bisschen irritierend. Jojo Rabbit ist bunt, aber niemals unbotmäßig schrill. Ist parodistisch wie es einst Chaplin in Der Große Diktator, aber niemals geschmacklos. In dieser Kindlichkeit liegt ein bitterer, erschreckender Ernst, der sich aber bewältigen lässt, weil er den Keim junger, humanistisch denkender Helden in sich trägt. Diese Dinge entdeckt man in diesem Film nicht ohne Gänsehaut. Nicht ohne einen Frosch im Hals. Aber mit unverhohlener Sympathie zu einem Ensemble, das ein gefühlt großes Vertrauen zu seinem Regisseur hat und sich in ein Szenario fallen lässt, dass es wert ist, durchzuleben. Roman Griffin Davis ist eine Entdeckung! Thomasin McKenzie fasziniert wiedermal genauso wie schon damals in Leave No Trace. Scarlett Johansson gelingt eine Gratwanderung zwischen Stummfilm-Performance und schönstem Bühnenzauber. Sam Rockwell wiederum hätte ich auch diesmal wieder für den Oscar nominiert, so seltsam hanswurstig und unbefangen verkörpert er seinen Hauptmann Klenzendorf.

Kindheitserinnerungen aus dem Krieg, die gibt es. Maikäfer flieg! zum Beispiel, von Christine Nöstlinger. Die Bücherdiebin. John Boormans Hope & Glory natürlich. Und nicht zuletzt die erschütternde Wahrheit hinter dem Tagebuch der Anne Frank. Waititi nutzt, ergänzend zu all diesen Erinnerungen, die fiktive Chance, in seiner berührenden, fabulierenden Tragikomödie durch die Welt- und spätere Weitsicht eines Jungen die verheerende Absurdität eines kranken Systems klar erkennbar werden zu lassen. Aber was viel wichtiger ist: er lässt die Kinder daraus lernen. Damit sich Fehler wie diese nicht nochmal wiederholen. Denn am Ende ist nichts schöner, als in Freiheit auf der Straße zu tanzen. Jojo Rabbit ist ein großartiger Film, ein rotzfreches Gloria, aufmüpfig, grundehrlich und bezaubernd. Und darf auch erhobenen Hauptes vor Wehmut und Erleichterung schluchzen.

Jojo Rabbit

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

WER BIN ICH, UND WENN JA WIE VIELE?

8/10

 

null© 2019 Walt Disney

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. J. ABRAMS

CAST: DAISY RIDLEY, JOHN BOYEGA, OSCAR ISAAC, ADAM DRIVER, IAN MCDIARMID, ANTHONY DANIELS, KENNY BAKER, RICHARD E. GRANT, DOMNHALL GLEESON, BILLY DE WILLIAMS, CARRIE FISHER, MARK HAMILL HARRISON FORD U. A. 

 

Abschiednehmen ist prinzipiell keine leichte Sache. Maximal dann, wenn das, was von einem geht, entbehrlich genug ist. Der angekündigte Abschied von etwas, das am Herzen liegt, möchte man so weit wie möglich von sich wegschieben. Dieses Kino- und Serienjahr 2019, das hat uns hinsichtlich diverser Abschiede wirklich nichts erspart, wohl wissend, wie emotional so was werden kann. Erst ist das Endgame der Avengers gespielt, dann hat sich Westeros ihrer Geißeln entledigt. Zwischendurch, wem es noch bei all dem Winken aufgefallen war, hat Sheldon Cooper mit seinem Nobelpreis  ebenfalls das Ende einer Ära gesetzt. Doch wenn man es genau nimmt – keine Ära währte je so lange wie die von Star Wars. Gut, da war jede Menge Leerlauf dazwischen, so sagen wir zwischen Episode VI und I rund 25 Jahre, und dann noch mal mehr als 10 Jahre. Star Wars hat aber schon seit jeher einen langen Atem gehabt, die Luft in diesen ereignislosen Dekaden anzuhalten war für diese Filmsphären tatsächlich kein Problem. Die Sith können das übrigens auch – für lange Zeit verschwinden, um dann wie aus heiterem Himmel aus irgendeinem Eck der Galaxis zuzuschlagen. Das haben sie schon immer getan. Wer die Darth Bane-Trilogie gelesen hat, der weiß, wie diese Taktik lange noch vor den Klonkriegen funktioniert hat. Aber da schweife ich ab, denn da spricht der Star Wars-Nerd aus mir, und ich will meine Rezension auch nicht die ganze Zeit durch den Hyperraum jagen. Ich möchte den diesjährig letzten Abschied von einem phänomenalen Kult auch als Film selbst und nicht nur als sozusagen Heilige Messe für Fans betrachten. Hätte George Lucas damals nicht alles auf eine Karte gesetzt und trotz Unkenrufen von überall her seinen Weltraumfilm nicht auf Schiene gebracht, wäre erstens Star Wars nicht entstanden und zweitens würde der ins neue Jahrtausend hinübergerettete Kult nicht all die Kinder von damals so dermaßen um sich scharen, als wären Pheromone im Spiel. Da muss nur der Name Skywalker oder Darth Vader fallen, schon verschwimmt der Blick. Um mit der neuen Trilogie, egal was sie vorgehabt hat, besser klarzukommen, ist es hilfreich, auch den peripheren Stoff der Comics und Bücher bis hin zu den animierten Serien ebenfalls, wenn auch nur rudimentär, zu kennen. Denn nur dann erschließen sich so richtig all die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und Details, die diese weit entfernte Galaxis jenseits des Kinosaals eigentlich noch ausmachen.

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Mit Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers bringt es J.J. Abrams nun zu einem vorläufigen Abschluss. So wie bei seinem Einstand zur letzten Trilogie 2015 orientiert sich das SciFi-Mastermind abermals an die Grundsätze von Star Wars, nämlich an der Kerntrilogie, und musste womöglich jede Sekunde daran denken, wie das, was er macht, wohl bei den Jüngern der Franchise ankommt. Das ist ein enormer Druck, den möchte ich nicht haben. Gut, dass Abrams dafür ein Budget ohne Ende zur Verfügung hat, und das so viele Professionisten aus allen künstlerischen Ecken des Filmemachens mit dabei waren. Allein war Abrams nicht. Allein sind seine Helden, die er in Szene setzt, auch nicht. Der Widerstand ist wie eine große Familie, und die neue Ordnung separiert sich intern in unterschiedliche Kulte, so wie der von Ren-Rittern, Leading Man Kylo. Doch abgesehen von religiösen oder politischen Gruppierungen – was bleibt dann noch? Wer ist man wirklich, und wenn ja, wie viele? Und wer gehört zu wem? In Episode IX geht es vor allem darum – um das Suchen nach Identitäten, um das Streben nach dem Ende einer Reise, um ein Nachhausekommen. Selbst das Böse sucht seinen Sinn. Und das ist in seinem eingesponnenen Richard-Wagner-Gigantismus von niemals dagewesener, erschreckend aggressiver Düsternis.

Geheimnisse um die Grundsockel dieser fiktiven Welt, die wollen gelöst werden. Dabei hat sich fast schon ein gordischer Knoten zusammenverheddert, denn schließlich müssen ja 8 Episoden unter einen Nenner gebracht und der Kreis geschlossen werden. Das mag viele zufriedenstellen, so, wie es letzten Endes aussieht. Aber vielleicht auch manche unrund zurücklassen. Ich für meinen Teil konnte mich einer erwartungserfüllenden Genugtuung nicht erwähren. Episode IX gibt dem Fan das, wonach er verlangt. Überrascht ihn manchmal, hetzt ihn vielleicht zwischendurch zu schnell und zu fahrig durch die lieb gewonnene Galaxis, wo es immer noch Planeten gibt, die er nicht kennt. Dasselbe gilt für Kreaturen, Städte und Raumschiffe und was weiß der Jedi sonst noch alles. Eine Leistungsschau wie am 1. Mai. Aber das war Avengers: Endgame auch. Und Game of Thrones. Noch mal alles hochfahren, was da ist -und bitte nichts vergessen! Einen solchen Brocken an Legende zu Ende zu bringen ist kein dankbarer Job. Salopp gesagt eine Dreckarbeit. Die Enden sind fast immer das Schwierigste. Die Mittelteile die besten, weil da noch alle Fäden offen sind und lose umherschwirren. Da geht noch alles, da kann man auch noch ordentlich Zynismus wagen. Das Ende aber muss gefällig sein, darf nicht vor den Kopf stoßen und sich auch nicht zu viel Frechheit erlauben. Muss garantiert noch einmal so richtig überraschen, bevor die Fäden alle gebündelt werden. Das schreit nach einem gestressten Kompromiss, der zur Ruhe finden muss. Auch Episode IX ist ein Kompromiss, ein durchgepeitschtes Finale Grande mit etlichen Cameos und im Grunde ganz viel von allem. Manchmal erinnert das Spektakel an die Atemlosigkeit eines Indiana Jones-Abenteuers, durchwegs aber versteht sich Episode IX: The Rise of Skywalker weniger als epische Superlative, sondern vielmehr als die größte Challenge eines zusammengewürfelten Haufens idealistischer und sinnsuchender Nerds, was sehr stark an die gelungene Animationsserie Star Wars Rebels erinnert. Natürlich aber kommt, was kommen muss. Und der eine kann nicht leben, während der andere überlebt. Kommt euch diese Prophezeiung bekannt vor? Könnte sein. Geschichte wiederholt sich einfach, immer wieder holt sich die Dualität in unserem Universum auf beiden Seiten auf ähnliche Weise ihre blutigen Nasen.

Völlig überrumpelt wird man also nicht sein. Angenehm berührt schon. Und irgendwie ist dieses Ende ein Farewell für Zwischendurch, irgendein Gefühl sagt mir: Das ist es nicht gewesen. Nicht in einer ganzen Galaxis. Und schon gar nicht, wenn Identitäten, die man gesucht hat, erst gefunden werden. Was könnte dann erst noch kommen? Ich sage mal: Warten wir´s ab. Lasst uns noch ein paar Minuten auf den vorläufig letzten Vorhang starren, mit den letzten Klängen von John Williams einzigartiger Musik im Ohr. Ein Seufzen, ein Erheben aus dem Kinosessel, leicht verdattert, aber frei von wehmütigem Fan-Hangover. Die Macht, so denke ich mir, wird letzten Endes immer mit uns sein.

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

Cold Skin

VIELE SIND EINE INSEL

5/10

 

coldskin© Tiberius Film 2018

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN 2018

REGIE: XAVIER GENS

CAST: RAY STEVENSON, DAVID OAKES, AURA GARRIDO U. A.

 

Leuchtturmwärter in Kunst und Kultur sind ganz eigene Persönlichkeiten. Vorwiegend Eigenbrötler, Eremiten, vielleicht auch Misanthropen. Oder nur Leute, die zumindest eine Zeit lang zwar nicht ins Kloster gehen wollen, um dort innere Einkehr zu pflegen, sondern inmitten einer entfesselten Natur, insbesondere nah am Meer, mit sich selbst ins Reine kommen möchten. Zumindest im Kino ist das so. Und im Kino sind diese Leuchttürme vorwiegend auf Inseln oder Halbinseln errichtet, weitab vom Schuss, im Nirgendwo. Auch in Cold Skin geht es um dieses Nirgendwo. Und das ist eine Insel vulkanischen Ursprungs, wo nichts ist außer Sturm, Gischt und rheumafreundliche Feuchtigkeit, die in die Knochen kriecht. Wer will das schon? Nun, in diesem Fall ein an Robinson Crusoe erinnernder Kauz, der, versoffen und textilfrei die Tage im Bett verbringt, und den neu angereisten Meteorologen, der Windmessungen vornehmen soll, am Liebsten dumm sterben lassen will.

Warum dumm sterben? Nun, diese Insel hat ein Geheimnis, dessen Kenntnis fürs Jobprofil nicht unwichtig gewesen wäre: jenes über eine fremde, fischähnliche Spezies, die scheinbar willkürlich – vor allem des Nächtens und zu Scharen – das einzig gemauerte Gebäude auf diesem unsäglichen Stück Fels mit rätselhafter Verbissenheit attackiert. Und nicht nur dieses, auch die Bude des nichtsahnenden Wissenschaftlers, der glaubt, sich in einem nicht enden wollenden Albtraum zu befinden, spätestens dann, wenn blaugraue Hände mit Fischhäuten durch den Türspalt greifen. Am Ende bleibt nur noch die Bastion des als wehrhafte Festung hochgerüsteten Leuchtturms, in dem beide, der Wärter und der Wettermann, vor den fremdartigen Froschkerlen Zuflucht suchen. Und sich regelmäßig zur Wehr setzen.

Ob diese humanoiden Lungen- und Kiemenatmer den beiden verkorksten Herren wirklich ans Leder oder etwas ganz anderes wollen – das ist eine Frage, zu deren Klärung es niemals kommen wird, zumindest vorerst nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass das rabiate Verhalten dieser Wesen die Reaktion auf eine Aktion ist, die in unbeobachteter, näherer Vergangenheit wohl eher xenophob veranlagt war. Diese Furcht vor dem Fremden ist die parabelhafte Essenz dieses phantastischen Märchens, das so verstohlen kokettiert mit dem schmucken Kreaturenkino eines Guillermo del Toro. Nur schade, dass dieser die Verfilmung des Buches von Albert Sánchez Piñol nicht selbst übernommen hat. Wäre naheliegend gewesen, nach seinem großartigen Shape of Water und seinem Know-How, was Amphibienwesen betrifft. Womöglich wäre das ein beeindruckendes Epos geworden, in liebevoller Huldigung an die Swap Thing-Ära. Doch leider leider – der Horrorfilmer Xavier Gens war am Ruder, und er hat aus dem naturgewaltigen Stoff einen unausgegorenen Brocken Treibgut herangekarrt, grob verzahnt und nur peripher interessiert an seinem eigenen Thema. Dafür aber ist das Ganzkörper-Make up der seltsamen Wesen ein Hingucker in Sachen dermatologischer Jumpsuits. Die Haptik dieser Cold Skins ist förmlich fühlbar, das ganze Gehabe dieser fischzahnigen Wesen – insbesondere Aura Garrido als das amphibische Sklavenmädchen Aeneris – ein Must-Explore für jeden Humboldt-Abenteurer, der umso obsessiver wird, je fremdartiger die Dinge werden, die er entdeckt. Überhaupt könnte Cold Skin mitsamt seines historischen Settings aus der Feder eines H.G. Wells oder Jules Verne aufs Papier gebracht worden sein. Sogar ein bisschen Moby Dick schwingt hier mit – aber was heißt ein bisschen: Leuchtturmwärter Gruner gebärdet sich wie seinerzeit Captain Ahab, um das, wovor er sich fürchtet und nicht fassen kann, zu bekämpfen. Das ist unterm Strich eine moralische Mär, mit durchaus philosophischen Ansätzen, die aber auf fahrige Art und Weise trotz wildromantischer Bilder ihrer eigenen Aufgabe etwas zu wenig Respekt zollt.

Cold Skin

Deutschstunde

EXEMPEL DES UNGEHORSAMS

7,5/10

 

deutschstunde© 2019 Constantin Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: ULRICH NOETHEN, TOBIAS MORETTI, LEVI EISENBLÄTTER, SONJA RICHTER, MARIA DRAGUS, JOHANNA WOKALEK U. A.

 

Wer sich einen angenehmen Kinoabend machen möchte und danach den Saal beschwingt verlassen will, der sollte um Deutschstunde einen großen Bogen machen. Die Verfilmung des Romans von Siegfried Lenz ist seit der italienischen Machtparabel Dogman wohl der sauerste, aber im Nachhinein auch schmackhafteste Apfel, in den sich als Kinogeher in der letzten Zeit beißen ließ. Was eben nicht heißen soll, dass ich es bereut hätte, mich der Deutschstunde mit aller literaturaffinen Aufmerksamkeit hinzugeben. Christian Schwochows Film ist wie der Moment nach dem Einschlag einer Fliegerbombe. Der Boden vibriert, und überall fliegen Dreck, Erde und tote Tiere herum. Dieses Nachbeben ist angesiedelt an der Nordküste Deutschlands, dort, wo Wattspaziergänge zur Tagesordnung gehören und der Wind unablässig bläst. Wo es regnet, stürmt und man rund 365 Tage im Jahr Regenmäntel tragen muss, um die Feuchtigkeit draußen zu halten.

Ungefähr so erdig, seltsam zwielichtig und mit Druck auf der Brust ist Deutschstunde auch geworden. Die Weite, das Meer, der Blick in die Unendlichkeit sind Täuschung und unstillbare Sehnsucht. Selten lässt sich Unglück mit Strandspaziergängen vereinbaren – hier schon. Für den jungen Siggi ist das Watt, die Weite des unwirtlichen Nordens ein Fluchtziel, das sich andauernd nach hinten verschiebt, je näher er ihm kommt. Doch wovor flieht er? Vor einem Schatten, den er nicht abschütteln kann, vor dem Schatten seines Vaters, der als fleischgewordenes Opfer der Pflicht seinen Sohn zu einem aufrechten Befehlsempfänger indoktrinieren will. Die Schatten, die sind in Deutschstunde sehr lang, tauchen die ohnehin engen, kargen vier Wände der mit Rietgras bedeckten Häuser in beklemmende Düsternis. Nichts ist wirklich hell in diesem Film, alles verharrt in einer Art Mitternachtsschimmer, wie er in den Sommern des hohen Nordens den Tag unendlich sein lässt. Der Vater als cesarenhaft aufspielender Big Brother, der seinen langjährigen Freund Max Nansen zum Wohle des Reichs verrät, ist eine Bedrohung, gegen die es sich aufzulehnen hat. Dieser Widerstand ist ein stiller, heimlicher, voll der Angst und des trotzigen Mutes. Schwochow hat diese kompromisslose, fast schon entseelte Figur mit einem Ulrich Noethen besetzt, der sich gegen jede Sympathie und mit dem Schneid zur Grauenhaftigkeit entschieden hat, sich einer rücksichtslosen Radikalität hinzugeben. Als sein Freund, Freidenker und Maler, aber auch als ideologischer Feind: Tobias Moretti, ein eremitischer, bescheidener Expressionist, in die Jahre gekommen, gesetzt und irgendwie zärtlich. Einer, der sich stets treu bleibt. Verfechter einer eigenen Meinung, einer Idee über das Leben und die Existenz. Vater Jespen hingegen hat das nicht. Die Figur in Uniform ist eine leere Hülle, befüllt mit den Dogmen jener, die gerade an der Macht sind. Ein Opfer der Pflicht, wie man sagt. Ein Psychopath der Ordnung. Brillant, wie diese Charakterstudie dank des Schauspielers funktioniert.

Siggi Jespen selbst, ein verletzter, gedemütigter Junge, frisch im Geiste und fähig, sein eigenes Weltbild zu entwerfen, entdeckt sehr bald, wie bedrohlich fassadenhaftes Mitläufertum sein kann, und wie unreflektiert die aufoktroyierte Pflicht einer verbrecherischen Ideologie. Erinnerungen an Oskar Mazerath mit seiner Blechtrommel und an die Thematik aus Michael Hanekes Das weiße Band werden wach. Auch hier, in diesem kargen, düsteren Kosmos einer patriarchalen Unterdrückung, beginnt der Widerstand des Nachwuchses in gezielten Terroraktionen gegen die Obrigkeit. eine Studie über die Essenz des menschlichen Konflikts. Deutschstunde zeichnet ein ähnliches, sogar noch komplexeres Bild, ergänzt es mit dem Wert der freien Gedanken, der Lust an der Identität und des Individualismus. Und der immerwährend wachen Fähigkeit, Normen zu hinterfragen.

Mit diesem Manifest auf die freie Wahrnehmung unserer Welt, auf den autarken Intellekt des Einzelnen, treibt Siegfried Lenz in seinem Roman den Widerstand gegen den unerbittlichen Patriarchen anhand eines geradezu aktionistischen Beispiels, welches die parasitären Eigenschaften blinden Gehorsams ad absurdum führt, auf die Spitze. Und wird zu einem wuchtigen Loblied auf das Recht der eigenen Meinung, dem Grundprinzip jeder Demokratie. Das hat Schwochow in tragödienhafter Intensität, mit Feuer, Flamme und dem Symbolismus tröstlicher Endlichkeit eingefangen. Der Tod nämlich, das ist die einzige Pflicht, die wir eingehen. Darüber hinaus sind die Möglichkeiten, sich selbst treu zu bleiben, so vielgestaltig wie das Farbspektrum auf den Werken des Malers Max Nansen, dessen Verlust seiner Bilder, seiner Weltbilder sozusagen, tief betrübt. Die Freuden der Pflicht, so das Thema des Aufsatzes in dieser Deutschstunde, gerät zur epischen Abhandlung, fast schon zum wissenschaftlichen Experiment. Ein großer, starker Film, unbequemer Zündstoff bis in das staubig-modrige Interieur verlassener Gehöfte und muffiger Einzelzellen, und eine so wetternde wie aufmüpfige Anleitung zum Ungehorsam.

Deutschstunde

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer

7 Tage in Entebbe

TERROR FÜR EINE BESSERE WELT

6,5/10

 

7tageentebbe© 2018 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2018

REGIE: JOSÉ PADHILA

MIT DANIEL BRÜHL, ROSAMUNDE PIKE, EDDIE MARSAN, BEN SCHNETZER, NONSO ANOZIE U. A.

 

Wenn sich die Tänzer des israelischen Ensembles Batsheva Dance Company aus ihren im Halbkreis angeordneten Stühlen erheben, und das nacheinander, in Form einer Welle wie am Fußballplatz, während einer von den Tänzern im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen fällt, ist das schon ein ungewöhnlicher Auftakt für ein Entführungsdrama nach Tatsachen. Und ja, doch, es ist irgendwie beeindruckend, wenn auch etwas irritierend. Ausdruckstanz stand bei mir nie auf der Besuchsliste kultureller Aktivitäten, mit Ausnahme des Serapionstheaters, das immer wieder mal im Wiener Odeon gastiert. Die als Prolog verstandene Sequenz einer Generalprobe, die dem traditionellen jüdischen Lied Echad Mi Yodea, das normalerweise zum Pessachfest gesungen wird, das Bild einer impulsiven Choreographie verleiht, macht zumindest für mich auf den ersten Blick klar, dass 7 Tage in Entebbe ein Film werden wird, der ganz klar für Israel Stellung bezieht. Laut einer Rezension des israelischen Nachrichtensenders i24News vom 21. Februar dürfte das im Zuge der Performance stattfindende Ablegen der jüdischen Kleidung jedoch als das Ablegen einer Politik verstanden werden, die den Dialog verhindert – die Verständigung also zwischen Palästina und Israel. Andererseits steht das Lied, welches weniger gesungen als mehr gerufen wird, für die Befreiung der Juden aus der Sklaverei (womöglich Babylons). Ein starkes, vereinendes, nationalbewusstes Lied, mit schweren Rhythmen unterlegt. Abgehakt, kraftvoll, unmissverständlich. Dieser Tanz ist also ein Widerspruch in sich, ein Ziehen an beiden Enden des Taus. Das Tau – oder die Stühle im Halbkreis: die Nahostpolitik eines stets aufrüstenden Israels, mit Freund USA als schattenspenenden Hulk im Hintergrund. Und das landberaubte Palästina, mit den verzweifelten Mitteln einer Terrorpolitik, die aber auch gar nichts bewirkt – nur Sorgen, die man nicht haben möchte.

Damals, in den 70ern, also vor rund 40 Jahren, war der Revolutionsgedanke Mutter aller Handlungen. Da hieß das noch weniger Terror, zumindest bei den Terroristen. Da hieß das vermehrt Revolution. Meist für eine Sache, die im Detail betrachtet wenig mit den Verbrechen begehenden Aktivisten zu tun hat, aber global gesehen für eine politische Einstellung steht, die überall angewandt werden soll, wo das Recht der Ohnmächtigeren im Argen liegt. Das haben sich Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann auch gedacht – und ihrem Leben einen Sinn gegeben. So was passiert dann, wenn das persönliche Glück nicht ausreicht oder die Zufriedenheit für ein Leben nicht absehbar ist. Wenn die Kränkung enorm und das Ich-Bewusstsein nicht durchdringt. Als Teil von einer Welle zu sein, die in Entführungen, Morden und dem Schüren von Angst wie ein Tsunami über den Westen hinwegfegt – und nicht nur über den Westen – dann ist das schon so ein Gefühl, für ein höheres Ziel einstehen zu können. Und erst recht, wenn man eigenhändig ein Flugzeug in seine Gewalt bringt. Nur kann etwas, das mit Gewalt erzwungen wird, selten Früchte tragen. Davon wollen aber weder die beiden im Jemen ausgebildeten deutschen Rekruten etwas wissen, noch die Palästinenser, die ebenfalls mit an Bord der Air France Maschine Richtung Uganda unterwegs sind. Denn der Zweck heiligt doch die Mittel, egal wie. Eine durch Verbrechen herbeigeführte Lösung, die dann keine Verbrechen nach sich zieht, ist was fürs Märchenbuch. Oder für Terroristen. Oder für Idi Amin, der die Maschine mitsamt ihren verschwitzten, übermüdeten, hungrigen Geiseln überschwänglich begrüßt, als hätten sie ein Preisausschreiben gewonnen. Was dann folgt, hat Geschichte geschrieben. 7 Tage Entebbe – dann das Ende. Zwischendurch die Batsheva Dance Company, die die Quadratur des Halbkreises probt.

Dem brasilianischen Regisseur José Padhila, der schon Erfahrung mit Filmen über Entführungen und Korruption im Staat (Tropa de Elite, Narcos) gesammelt hat, aber auch bei Blockbustern wie der Neuverfilmung von Robocop danebengriff, war es wohl wichtig gewesen, ein so unparteiisches Bild wie möglich zu zeichnen. Die beiden Deutschen, souverän dargestellt vom Professionisten Daniel Brühl und Rosamunde Pike, sind von Zweifeln geplagt, hin und her gerissen zwischen Mission und Flucht. Um sie herum verschrockene Zivilisten, die Angst eines sich wiederholenden Lagerhorrors im Nacken. Kurz davor, alles auf eine Karte zu setzen und den Massenmord durchzuführen: die Palästinenser. Die, die am Meisten verloren haben, nämlich ihre Heimat. Padhila gibt ihnen allen ihre Rede- und Aktionszeit, mit dem Fokus auf das politische Kabinett unter dem Davidstern. Rabin, Peres und Motta treten auf, ganz im Stile von Spielberg´s Terrordrama München. Oberflächlich hingegen die Sicht einzelner aus der Special Forces-Einheit. Die Intermezzi mit dem Paar der Tänzerin und des Soldaten hätten mehr Spielzeit verdient als ihnen letzten Endes eingeräumt wird. Schon alleine, um den Zwiespalt, der Israel stets unter Spannung stehen lässt, in weiteren Dialogen zu verdeutlichen. Würde man die Hintergründe der Tanzeinlagen nicht nachlesen, würde sich der Sinn dahinter für Nicht-Juden nur schwer erschließen. Aber genau das hätte 7 Tage in Entebbe zumindest nicht nur ansatzweise zu etwas Besonderem gemacht. Aber es ist, wie es ist, und es herrscht solides True Story-Kino vor, in all seinen authentischen Details.

7 Tage in Entebbe

Empörung

AM KUCKUCKSNEST VORBEI

7,5/10

 

empoerung© X-Verleih 2016

 

ORIGINAL: INDIGNATION

LAND: USA 2016

REGIE: JAMES SCHAMUS

MIT LOGAN LERMAN, SARAH GADON, TRACY LETTS, TIJUANA RICKS U. A.

 

Die Bücher von Philip Roth sollte ich wirklich mal lesen. Derweil kenne ich den wohl bekanntesten amerikanischen Romancier der Gegenwart eigentlich nur aus dem Kino – wo er in erster Linie eigentlich nicht hingehört. Roth sollte gelesen werden, keine Frage. Und spätestens nach Sichtung der jüngsten Verfilmung eines seiner Bücher kann das garantiert kein Fehler sein. Alleine 2016 haben sich gleich zwei Celluloid-Künstler den gesellschaftskritischen Stoffen des Literaten angenommen. Niemand geringerer als Ewan McGregor wollte bei seinem Regiedebüt ohne Umschweife gleich ans Eingemachte gehen. Den Roman Amerikanisches Idyll zu verfilmen ist gleich mal eine schauspielerische wie dramaturgische Herausforderung. Spannende Geschichte, aufwühlend und tiefgründig. Und siehe da – für einen Erstling überraschend stilsicher umgesetzt. Dankenderweise auch aufgrund der empathischen Schauspieler.

Die Blöße, mit etwas Gefälligerem als Philip Roth sein Regiedebüt zu zementieren, wollte sich Filmproduzent James Schamus aber dann auch nicht geben. Wenn schon McGregor sich nach Höherem streckt, wäre es blamabel, hier hinten anzustehen. Also welche Bücher haben wir noch, von Philip Roth? Empörung, Originaltitel Indignation. Wie in den meisten Büchern Roth´s – auch wenn ich sie nicht gelesen habe, aber soviel weiß ich – spielt die Handlung auch hier im amerikanischen Osten, wir haben eine in den 50er Jahren etablierte jüdische Familie, die sich im Schweiße ihres Angesichts alles aus eigener Hand aufgebaut hat. Und wir haben, was Philip Roths Werke so aufwühlend dicht gestaltet – die Auflehnung des Nonkonformismus. Die Schwierigkeit des selbstständigen Denkens in einem gesellschaftlichen System der geordneten Gleichheit und Hörigkeit. Empörung erzählt von einer unorthodoxen Liebesbeziehung an einer konservativen Universität im Ohio der Nachkriegszeit. Eine Zeit, in der Agnostizismus undenkbar, psychosoziale Auffälligkeit untragbar war. Sprichwörtliches Ertrinken war die Folge davon, wenn man gegen den Strom schwimmen wollte. Im Angesicht untergeordneten Ehrgeizes und christlich-konservativer Kuratel sind Querdenker und Individualisten die „Judasse“ einer gleichförmigen Gemeinschaft, sie sich im Gruppenzwang zum Erfolg hindurchaalt, dabei aber das eigene, selbstständig denkende Ich verrät. So ein „Judas“ ist der Student Marcus.

Die eremitische Tendenz des Freigeistes und die Ablehnung der Kirchenpflicht wäre ja schon unbequem genug – die Beziehung zur psychisch labilen Olivia, die ihrem Liebhaber nach Monika Lewinski den wohl folgenschwersten Fellatio Amerikas gönnt, setzt der Empörung wohl die Krone der Verschwörung aufs Haupt. Was anders ist, gehört ausgesondert. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wobei die Definition von Schlecht wohl im Auge des alleinherrschenden Rektors liegt. Fast möchte man meinen, der verfilmten Prosa eines Ödön von Horvath zu folgen. In seinem Roman Jugend ohne Gott sind es auch die Andersdenker, die dem Widerstand folgen. Die ausbrechen aus der diktierten Gehirnwäsche. Auch Erich Kästner lässt in seinem Ich-Roman Fabian seine Figur gegen den Sturm breschen. Horvath, sowieso ein Pessimist in Reinkultur, kann seine Querdenker niemals gewinnen lassen. Auch Kästner tut das nicht. Und Philip Roth, der mit Empörung einen Roman wie aus einer anderen Epoche vorlegt, ebenso wenig. Wer hätte da gedacht, dass sich „Percy Jackson“ Logan Lerman mit der tragischen Figur des ideologisch und geistig unterjochten Marcus so sehr identifiziert. Lerman verkörpert das strebsame Genie in unnahbarer, ablehnender Intensität. Fast schon sichtbar, wie diese unbequeme, entnervte, widerspenstige Seele in einem Schraubstock unduldsamer Intoleranz steckt. Und sich letztendlich beugen, verbiegen, brechen muss. Der junge Schauspieler ist beeindruckend. Empörung ist aber durchaus auch abgesehen von seinem Spiel und die von Sarah Gadon verkörperte undurchschaubare Olivia in seiner ganzen erzählerischen Dichte und Schwermut nicht minder sehenswert. Alleine das Psychoduell zwischen dem Universitätsdirektor und dem aufbrausenden Marcus ist das Herzstück des Films – vielleicht auch des Buches – und wird zu einem verstörend fesselnden, analytischen Schlachtfeld von vernichtend manipulativer Polemik. Empörung ist großes Erzählkino, ernüchternd, leidenschaftlich und schmerzhaft.

Empörung