The Last Days of American Crime

KEINEN SCHLIMMEN FINGER RÜHREN

5,5/10

 

lastdaysofamericancrime© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: OLIVIER MEGATON

CAST: ÉDGAR RAMÍREZ, ANNA BREWSTER, MICHAEL PITT, SHARLTO COPLEY, PATRICK BERGIN U. A.  

 

Anno 2025 ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so ziemlich am Sand. Womöglich hat ein Charakter ähnlich der eines Donald Trump den Staatenbund zugrunde gerichtet, denn wo man auch hinschaut in dieser gottvergessenen Welt regiert das Verbrechen. Einzige Möglichkeit: Das Verbrechen einfach abtöten. Das schlagen zumindest die Autoren der 2009 erschienen Graphic Novel, Rick Remender und Greg Tocchini, vor. Das Ganze soll mit einem ausgesandten Impuls funktionieren, der gewisse Bereiche im Hirn blockiert, die verbrecherische Ambitionen erst möglich machen. Ungefähr vergleichen lässt sich das mit der dem Menschen inhärenten Hemmung, sich selbt Schmerzen zuzufügen. Das geht auch nicht, natürlich, Ausnahmen gibt’s, aber meist ist genau hier die unsichtbare Wand, wonach es nicht mehr weitergeht. Das soll mit kriminellen Handlungen genauso passieren. Die Frage ist nur, wo beginnt diese Hemmung und wo hört sie auf? Fängt das Ausbremsen schon bei der Sonntagszeitung an? Oder wenn man noch schnell bei Gelb über die Kreuzung will? Ist Korruption auch ein Teil davon? Oder nur der Gebrauch von Schusswaffen? Was genau ist das Kriminelle in den Vereinigten Staaten?

Wie es in The Last Days of American Crime aussieht, eigentlich nur das Ausrichten der Knarre auf ein unliebsames Gegenüber und das Ausrauben von Geldinstitutionen. Ganz Amerika ist also aufgebracht, die einen wettern gegen das Beschränken der individuellen Freiheit, die anderen bekommen bereits schon Tage zuvor feuchte Augen, wenn sie daran denken, dass nun die Zeit kommt, wo man auch nachts auf den Straßen flanieren kann, ohne behelligt zu werden. Kurz vor diesem Stichtag also, an welchem das Signal landesweit über den Äther soll, engagiert der ungeliebte Filius eines Finsterlings Bankräuber Graham Bricke (Édgar Ramírez als das neue Aushängeschild von Netflix, wie es scheint), kurz vor der Zeitenwende den Staat nochmal um mehrere Millionen Dollar zu erleichtern. Trotz der stets finsteren Blicke des kernigen Dreitagebart-Machos, der gerne der Härteste auf dieser Welt sein möchte, ist dieser mit von der Partie. Bis es aber so weit kommt, fließt der Atlantikstrom an der Ostküste noch meilenweit vorbei, denn Olivier Megatons angekündigtes Dirty War on Film verzettelt sich im chaotischen Moloch seines selbst geschaffenen, superfinsteren Szenarios zwischen versifftem Toilettensex, kunstblutenden Wunden und Sin City-Kuriositäten.

Die Graphic Novel kenne ich leider nicht – bei Betrachten der Verfilmung lassen sich so manche Panels aber gut nachvollziehen, wie bei 300 oder Watchmen. Megaton (u.a. Colombiana, Taken 2 und 3) dürfte sich mit der Vorlage ausgiebig beschäftigt haben, seine arrangierten Bilder der moralischen Verkommenheit, auf dessen Bühne wirklich niemand herumirrt, dem man Glück wünschen würde (außer vielleicht Anna Brewster als A Dame to kill for), bedienen ausgiebig dystopische Klischees eines medial gehypten, genüsslich ausufernden Sozialschreckens. Das hat schon enorm viel Eitelkeit, und ist in keinster Weise gesellschaftskritisch zu betrachten. The Last Days of American Crime will in erster Linie der coole Gangster-Rap sein, weil all die Miesen, Werteunbewussten, die schaffen es wohl eher durch die finsteren Zeiten und haben schon was Anhimmelbares, und das wissen sie auch selbst, so wie sie sich aufspielen. Ramirez kopiert gnadenlos die Gefühlskälte vergangener mundfauler Ein-Mann-Armeen, Michael Pitt dreht sich exaltiert um seine eigene Achse, und Brewster hat ein bisschen was von Tarantinos Mia Wallace. Das sind sehr oberflächliche Attitüden, in einem zwar reizvoll ausgestatteten und fotografierten, aber schwer atmenden und sehr brutalen Actionkracher, der gern was Gefährliches wäre, dabei aber erprobte Stereotypen bedient. Der Ansatz mit dem Pazifismus-Signal mag ja recht verlockend klingen, durchdacht ist das aber auch nicht so ganz. Wo hört es auf, wo fängt es an, und wer hält sich dran? Das fragt man sich bei diesem Film des Öfteren.

The Last Days of American Crime

Gringo

DIE FIRMA DANKT!

6/10

 

GRINGO©2018 Tobis Film / Photo: Gunther Campine Courtesy of Amazon Studios

 

LAND: USA 2018

REGIE: NASH EDGERTON

CAST: DAVID OYELOWO, JOEL EDGERTON, CHARLIZE THERON, SHARLTO COPLEY, AMANDA SEYFRIED U. A.

 

Alles für die Firma, und natürlich auch alles für den besten Freund, der noch dazu der Vorgesetzte ist, was mal prinzipiell nie wirklich gute Vibrations erzeugt. Ist die Hierarchie mal festgelegt, haben persönliche Bande plötzlich nicht mehr so viel Zugkraft – oder finden ihren grenzenlosen Nutzen in der kollegialen Bereitschaft des Untergebenen. Der herzensgute Harold zum Beispiel hat keinen blassen Schimmer von den unerhörten Dingen, die da rund um ihn vorgehen, und die sowohl Privates wie Berufliches nicht mehr trennen wollen. Harold, das ist so eine unbeholfene Figur wie aus den desaströsen krimikomödiantischen Schieflagen aus der Feder der Coen-Brüder. Oder fast schon eine Art Jerry Lewis, während Dean Martin seinen devoten Grimassenschneider vorführt. Diesen sagenhaft blauäugigen Loser verkörpert überraschenderweise der ansonsten für ernste Mienen bekannte David Oyelowo, vorrangig in Erinnerung als Martin Luther King im Politdrama Selma. In Gringo allerdings entdeckt, liebt und herzt der Afroamerikaner seine komödiantische Seite, stets an der Schwelle zur Hysterie, herzzerreißend naiv und hyperaktiv wie nach ausgiebigem Koks-Konsum. Oyelowo weiß sich mit dieser Performance für den Casting-Entscheid überschwänglich zu bedanken. Als kleinkarierter, braver Workaholic, den die Umtriebe seiner Chefetage nach Mexiko führen, findet sich besagter Harold irgendwo zwischen Drogenkartell, selbstinszenierter Entführung und als ungewollt gerettetes Opfer wieder, das im Laufe des Filmes natürlich alles spitzkriegt, was im Land der unbegrenzten Drogen-Oligarchie und darüber hinaus im rechtsstaatlichen Amerika alles so abgeht. Sich händeringend zu wehren und dem falschen Freund das letzte Firmengeld aus der Tasche zu ziehen, das ist ein Prozess, der die launige Krimikomödie quer durch die ganze Laufzeit des Films auf Trab hält.

Stuntman Nash Edgerton, Bruder von Joel, der in Gringo die Rolle des schmierigen falschen Fünfziger übernimmt, hat für sein Langfilmdebüt ordnungsgemäß alle Hausaufgaben gemacht, auf Basis eines Drehbuchs, welches sich storymäßig trotz all seiner verwebten Handlungsfäden nicht in redundanten Nebensächlichkeiten verliert. Gringo ist ein schwarzhumoriger Thriller, nie wirklich ernstzunehmend, teilweise sogar überraschend, oft aber Vorbilder zitierend, die in der Chronik gerechtigkeitsliebender Krimischwänke bereits auf deutlich raffiniertere Art ihre grimmige Loserstory erzählt haben. Da kommt die Ballade vom Außendienstler in Mexiko nie wirklich aus dem Schatten heraus, unterhält aber dennoch und vor allem aufgrund der gut aufgelegten Darsteller, die mit David Oyelowo in diesem Live-Act-Cartoon um die Wette intrigieren. Charlize Theron als Business-Miststück par excellence zeigt wieder einmal ganz andere Seiten ihres Könnens, Joel Edgerton ist sowieso nur noch zum Abwatschen niederträchtig, und Sharlto Copley im Reinhold Messner-Look ist der fleischgewordene Wendehals für günstige Gelegenheiten. Alle gemeinsam sind ein pfiffiges Ensemble, nur inhaltliche Originalität, die lässt Gringo weitestgehend außen vor. Da helfen auch zeitweise überzogene Gewaltspitzen nichts, selbst der Wechsel zwischen Scherzlosigkeit und schadenfrohem Slapstick gibt dem ganzen Szenario nicht mehr Grip.

Am Ende des Filmabends lässt sich aber nicht wirklich großartig meckern, man fühlt sich unterhalten und an Genrefilme und -serien anderen Kalibers erinnert (ein bisschen The Mexican, ein bisschen Breaking Bad), während Edgerton´s schmissige Firmeninsolvenz als müßiges Fangenspiel zum Zeitvertreib wenigstens keinen schalen Geschmack hinterlässt, ganz so wie bei einem würzigen Joint, nach dessen Konsum man aber zumindest stoned wäre. Dieser Bewusstseinszustand bleibt aber in Gringo trotz heiß begehrter Hasch-Pillen unerreicht.

Gringo

Free Fire

SCHIESSBUDENFIGUREN

4/10

 

freefire© 2017 Splendid Film / Quelle: medium.com

 

LAND: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: BEN WHEATLEY

MIT BRIE LARSON, SHARLTO COPLEY, ARMIE HAMMER, CILIAN MURPHY, SAM RILEY U. A.

 

Da kommen sie alle, zu nachtschlafender Zeit. Die Käufer und die Dealer, die Junkies im Lieferwagen, die Mittelsmänner und eine Frau. Treffpunkt: eine alte, verwaiste Lagerhalle inmitten eines verlassenen Industriegebiets. Bis sich alle mal höflich, mal unhöflich bekanntgemacht haben, vergehen schon ein paar Minuten. So beginnen normalerweise Filme von Quentin Tarantino oder Guy Ritchie. Es wird geredet, meist Belangloses. Der eine oder andere Seitenhieb fällt, und der weist schon langsam aufkommende, sich ausufernde Diskrepanzen unter den Mitwirkenden hin, welche die Story vorantreiben sollen. Der Deal mit den Waffen läuft auch nicht ganz rund. Die falschen Waren. Ärger macht sich breit. Und dann die persönliche Sache mit den Fahrern beider Lieferwägen. Das wird haarig. Und, wie man erwarten kann, nicht zu bändigen. Zumindest so schnell nicht.

Bis dahin ist Ben Wheatley´s Kammerspiel ja ganz spannend und erwartungsgemäß eskalationsfreudig. Allerdings – bis dahin, und nicht weiter. Denn sobald die Feuerwaffen sprechen, wird’s uninteressant. Free Fire ist, und es grämt mich fast, das feststellen zu müssen, wohl einer der größten Enttäuschungen des Filmjahres 2017. Wie gern wollte ich das Ballerballett im Kino sehen, in Aussicht auf einen originellen Einakter mit Spielfreude und irren Wendungen. Leider versäumt, wie so manchen Film auf der Watchlist. Endlich On Demand, und es gab kein Halten mehr. Doch kaum auf dem Bildschirm, nach ungefähr einer halben Stunde Laufzeit, verliert Free Fire jegliche Spannung. Die Hoffnung, dass dann doch noch der undurchdacht scheinende Zweck die Mittel heiligt, erfüllt sich nicht. Wendungen gibt es keine. Handlungsbögen bis auf einen lang anhaltenden Schusswechsel auch nicht. Schusswechsel – die lassen sich ganz anders inszenieren. Feuergefechte können virtuos sein. Als bestes Beispiel fällt mir immer wieder Shoot ‚em up von Michael Davis ein. Ok, kein Kammerspiel, aber ein völlig überdrehter Alptraum verquerer Ballistik, ein atemloses Projektilgeflirre nach vorne und nach hinten. Im bleihaltigen Fegefeuer: Clive Owen mit Baby. Ein, mit Verlaub, saucooler Actioner. Ebenso Wanted mit Angelina Jolie. Der zirkulierende, physikalisch gesehen völlig unmögliche, aber effektiv tödliche Projektilflug bleibt unvergessen. Natürlich, weitab jeglicher Realität. Aber Kino darf das. Im Grunde hätte das Free Fire auch dürfen. Ben Wheatley wollte das aber nicht.

Er wollte einen ballistisch korrekten Actionfilm. Wenn scharf geschossen wird, dann möglichst realitätsnah. Und wenn wer getroffen wird, dann ist er nicht gleich tot. Treffer ins Herz oder ins Hirn sind, und das glaube ich sofort, eher ziemlich selten. Vor allem, wenn man aus der Deckung feuern muss. Und so verkopft sich der extravagante Filmemacher mit verlorener Liebesmüh in einer allem Anschein nach noch nie zuvor dagewesenen akribischen Abhandlung eines mehrparteilichen Shootouts aus jeder Himmels- und Blickrichtung. Den Überblick, den verliert man hier relativ schnell. Wer jetzt wen getroffen hat, tangiert alsbald nur mehr sehr wenig. Unsympathisch sind die Sterbenden, Schießenden und Leidenden sowieso alle. Keine oder keiner, dem man ein Entkommen wünscht. Na gut, am Ehesten noch Brie Larson. Vielleicht, weil sie die einzige weibliche Komponente in diesem missglückten Schießbudenfilm darstellt. Und für etwas Stil sorgt. Im Grunde aber könnte man den Film mit einem Fußballmatch ohne Fans vergleichen. Niemanden juckt´s. Und der wohldurchdachte Way of the Gun ist wie Perlen vor die Säue. Hauptsache, Wheatley weiß von den wahren Qualitäten des Films. Ich hingegen weiß von ihnen nichts.

Free Fire