Tolkien

ZUR SPRACHE GEBRACHT

7/10

 

tolkien© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: DOME KARUKOSKI

CAST: NICHOLAS HOULT, LILY COLLINS, COLM MEANEY, ANTHONY BOYLE, PATRICK GIBSON, SIR DEREK JACOBI U. A.

 

In einem Loch in der Erde, da lebte ein Hobbit. Dieser Satz legt den Grundstein für eine Welt fernab der unsrigen, die aber dennoch durchdrungen ist von all dem Schönen und Schrecklichen, das im realen Dieseits unserer Geschichte zu finden ist. Eine Welt, so ganz anders, und doch so ähnlich. Das ist das Faszinierende an Mittelerde: Die Möglichkeit, im verfremdet Phantastischen Erlebtes sagenhaft zu poetisieren. Und Teil einer selbstlos heroischen Gemeinschaft zu sein. Denn Gemeinschaft, das war für den sprachbegeisterten Engländer J.R.R. Tolkien das Wichtigste. Gemeinschaft und das Verlassen können aufeinander, wenn es hart auf hart kommen sollte. Das lesen wir im Hobbit, wenn sich die Zwerge aufmachen Richtung Erebor, das lesen wir im ersten Teil der Herr der Ringe-Trilogie, wenn sich die Gefährten durch eine Welt voller Orks und Ringgeister durchkämpfen müssen. Der Hobbit Sam lässt seinen Freund Frodo trotz der drohenden Düsternis des Landes Mordor nicht im Stich. Was für Entbehrungen das wohl sind, und nicht mal zum eigenen Nutzen. Das ist ein Ziehen in den Krieg, gemeinsam und auf ewig verschworen. Wer da niemals feuchte Augen bekommen hat, hat die Sehnsucht nach Freundschaften nie verspürt. Und wer bei den anfangs erwähnten Zeilen keine Gänsehaut bekommt, ist womöglich kein High Fantasy-Geek. Allerdings – bei der eben im Kino laufenden Biographie Tolkien muss man nicht zwingend ein solcher sein. Das geht auch mit weniger Begeisterungsfähigkeit für das Phantastische. Das geht auch mit einer Lieber zur Sprache. Dem Wort, dem Ausdruck und der Bedeutung der Bezeichnungen für Dinge.

Der Film zum Leben dieses Vaters aller erdachten neuzeitlichen Fantasy ist ähnlich wie die Lindgren-Biografie Astrid ein Epilog für eine Berühmtheit, die später Leserinnen und Leser im Sturm erobern wird. Er beschreibt die Zeit, in der Tolkien sich erst auf dem Weg macht, das zu finden, was ihn zur Umschreibung seiner völlig durchdachten Welt inspirieren wird. Und es ist in erster Linie die geheimnisvolle Welt der linguistischen Kommunikation, der Phonetik, des Zergehens auf der Zunge, wenn das Altenglische wie Elbisch klingt. Was Nicholas Hoult, der den jungen Studenten sehr souverän verkörpert, mit Lily Collins als Edith Bratt für Gespräche über die Bedeutung bekannter Sprachgebilde führt, sind erhellende Momente, sind genauso hörenswert wie die aus dem Stehgreif formulierten Abhandlungen seines Professors in Philologie, den Tolkien soweit bringt, ihn in seinen Kurs aufzunehmen, hat er doch eine eigene Sprache entwickelt, eine Feensprache, mit allem, was dazugehört. Tolkien zeichnet, ersinnt immer mehr Details eines noch im Nebel liegenden literarischen Giganten, der Jahrzehnte später sogar noch den Weg auf die Leinwand finden und zu einem Höhepunkt des Kinos werden wird.

Dieser Nebel aber, dieses sphärische Flüstern eines zu bergenden Schatzes, eben Tolkiens spätere Werke, durchzieht den ganzen Film. Nichts davon ist trockene Biographie, alles ist beseelt von einer lockenden Mystik, von einer geheimnisvollen Stimmung, die natürlich verklärend sein mag, und die das Leben dieses Schriftstellers auch nicht unbedingt zu einer bis in jedes Detail authentischen Lebensgeschichte macht. Was der zypriotische Regisseur Dome Karukoski herausgearbeitet hat, ist eine pittoreske Hommage für Liebhaber der Materie, eine sakrale Verflechtung von Tolkiens Œuvre mit dem Weg seiner Erkenntnis für einen ganz großen Plan. Dazu gehört auch das Erleben des Ersten Weltkrieges aus der ersten Reihe, dessen Szenen von der Front so wirken, als wären sie selbst ein Teil seiner Prosa aus Mittelerde, wo der Boden brennt, das Feuer und der Rauch die Sicht vernebeln und die Schlacht sich so anfühlt, als wäre Saurons Heer der Verwüster einer göttlichen Ordnung. Da kann es schon vorkommen, dass inmitten des existenzvernichtenden Grauens dunkle, geharnischte Reiter über das Feld traben, das Schwert gezogen, um gegen gesichtslose Antagonisten anzutreten. Inmitten dieses Wahnsinns Tolkien, dessen Wahrnehmung mit der Phantasie verschmilzt und der wohl viel aus diesen Erlebnissen mit in seinen damals noch vagen Entwurf seiner Chroniken nehmen wird. Das hat Tolkien, der Film, in ein herbstfarbenes, holzgetäfeltes und freilich pathetisches Portrait verpackt, dass nun mal keine innovativen inszenatorischen Hattricks verlangt, in diesem rustikalen, historischen Kolorit aber die Entsprechung findet, die wie ein wort- und stilverwandter Klappentext zu Tolkiens Büchern erscheint. Das zwar nicht unbedingt militante Experten der Materie bewegen wird, aber zumindest jene, welche ihre Liebe zu Sagen und Legenden mit biographischen Fußnoten ergänzen wollen. Um dann vielleicht nochmal zum Buch zu greifen, um vielleicht noch mal von vorne zu beginnen, mit dem Hobbit nämlich, der in einem Loch in der Erde wohnt. Und noch gar nicht weiß, was auf ihn zukommt. So wie seinerzeit der junge Tolkien.

Tolkien

Egon Schiele – Tod und Mädchen

ZEICHNEN BIS DER ARZT KOMMT

6,5/10

 

schiele© 2016 Novotny Film

 

LAND: ÖSTERREICH, LUXEMBURG 2016

REGIE: DIETER BERNER

MIT NOAH SAAVEDRA, MARESI RIEGNER, VALERIE PACHNER, LARISSA AIMÉE BREITBACH U. A.

 

Für alle Kunstinteressierten, die mal nach Wien kommen wollen oder in Wien leben und schon ewig nicht oder sich noch gar nie in das Leopold-Museum im Wiener Museumsquartier gewagt haben, sei eben jene Sammlung des Dr. Rudolf Leopold wiedermal oder erstmals ans Herz zu legen. Neben wunderbaren Exponaten quer durch die Kunstgeschichte des 19ten und 20ten Jahrhunderts gibt es eine beeindruckende Anzahl an Werken des Künstlers Egon Schiele. Und was für Werke! Die einen finden sie obszön, die anderen – so wie ich – handwerklich wie kompositorisch ungemein innovative Kunstobjekte. Man muss Egon Schieles Oeuvre nicht mögen, natürlich ist sein Stil Geschmacksache. Aber zugegebenermaßen hat Schiele einen solchen Stil entwickelt, der weltweit einzigartig geblieben ist. Niemand sonst hat jemals so gemalt. Seine Extravaganz ist dem jungen Maler natürlich bewusst gewesen. Er war Künstler, geradezu ein Genie. Und als solches hat er sich selbst auch gesehen. Das macht ihn nun nicht zu einem sonderlich sympathischen Zeitgenossen. Das findet Regisseur Dieter Berner auch. Wie es aussieht, dürfte Berner, der mit Alpensaga und Arbeitersaga Fernsehgeschichte geschrieben hat,  eine nicht allzu hohe Meinung vom versnobten Windhund mit dem Talent eines Wunderkindes haben. Aber das stört ihn nicht dabei, ein biografisches Künstlerdrama über ihn auf die Leinwand zu bringen. Auch eine Abneigung zu gewissen Personen kann faszinieren. So gesehen war Egon Schiele so etwas wie ein Anti-Ego, eine dunklere Seite hochgeistigen Bildererschaffens. Und Berner macht es dem Zuseher nicht allzu schwer, sich den Menschen Schiele wirklich als solchen vorzustellen. 

Ein Lebemann, ein Frauenheld, ein Macho auf seine Art. Weibliche Modelle, am liebsten nackt, oder am liebsten maximal nur mit Strumpfband. Selten wurde Erotik im Atelier so großgeschrieben wie bei Schiele. Ein Blick in die Werkstube des Meisters könnte den einen oder anderen Voyeur auf den Plan gerufen haben. Sinnliche Einblicke, die keinen Groschen kosten. Die Altersklasse der freizügigen Modelle: so jung wie möglich. Was für den Mädchenschwarm und Pinsel-Apoll irgendwann zum Verhängnis wurde. Denn leicht kann es sein, dass die Gier nach dem weiblichen Körper mitunter einen latenten Hang zur Pädophilie erkennen lässt. Der Sittenskandal war vorprogrammiert. Mittendrin der arrogante Egon, der sich Freund des nicht weniger entidealisierten Gustav Klimt nennen durfte. 

Der Titel Egon Schiele – Tod und Mädchen bezieht sich auf ein ganz bestimmtes Gemälde. das ursprünglich eigentlich Alter Mann und Mädchen hieß, dann aber als Hommage an seine während des ersten Weltkriegs verstorbenen Geliebten Wally Neuzil vom Trauernden selbst in Tod und Mädchen umbenannt wurde. Den Expressionismus der Bilder lässt Berner´s Film so ziemlich außen vor und distanziert sich auch, anders als Klimt von Raul Ruiz oder Loving Vincent, von einer Implementation des ureigenen Schiele-Striches in die visuelle Komponente seines Filmes. Was aber in diesem Fall für das Biopic spricht. Denn wichtig ist in Hilde Berger´s literarischer Vorlage vor allem die entromantisierte und schmucklose Sicht auf das Leben, Schaffen und Sterben eines für die Kunstgeschichte großen Österreichers, der als Mensch in menschlicher Grauzone verweilt, ohne den Wert seines Schaffens zu schmälern. All die verehrten Genies wie Klimt und Schiele können das Gewicht ihrer Entklärung problemlos ertragen. Sie werden zu Menschen, die ihren Versuchungen anheimfallen. Auf diesem staub- und farbverkrusteten Boden des Vergangenen lässt Berner auch seine Schauspieler agieren. Der junge Noah Saavedra bemüht sich zwar etwas in seiner Rolle, das Ego Schieles um sich greifen zu lassen, dafür aber ist ihm das weibliche Ensemble eine gute Stütze. Die jungen Damen sind es auch, die das Leben Schieles beeinflussen. Ihnen gehört der Film, weniger dem Künstler selbst. Bis gegen Ende des Krieges die spanische Grippe kommt. Die rafft sie fast alle dahin. Nur die Bilder in der Sammlung Leopold, die bleiben. Wenn schon nicht den Film, dann sollte man zumindest diese sehen.

Egon Schiele – Tod und Mädchen

Wonder Woman

LADYS FIRST!

7/10

 

wonderwoman

REGIE: PATTY JENKINS
MIT GAL GADOT, CHRIS PINE, CONNIE NIELSEN, DAVID THEWLIS

 

Man kann an Zac Snyders Superheldenclash Batman vs. Superman zur Genüge herummäkeln – eines hat der einstige Visionär wirklich gut gemacht: Die Rolle der Wonder Woman mit Gal Gadot zu besetzen. Nicht nur, daß sie den vorjährigen Blockbuster aus dem Nirvana gerettet hat – die atemberaubend schöne Israelin verhilft dem düster-depressiven DC-Universum zurück ins Licht. Wobei Schönheit alleine noch nicht alles ist. Was es dazu noch braucht, um Wonder Woman zu sein, ist Natürlichkeit, Intelligenz und augenzwinkernde Ironie. Und den Willen, der Versuchung einer One-Woman-Show zu widerstehen. All das weiß Gadot einzusetzen. Und all das macht aus der filmgewordenen Frauenpower ein spezielles Abenteuer, das Marvel schön langsam ins Schwitzen kommen lässt, hat die Avengers-Fraktion über ihre DC-Konkurrenz doch bislang nur mitleidig schmunzeln können. 

Das scheint jetzt vorbei zu sein. Warner Brothers hat bei der Heldengenese des stärksten weiblichen Comic-Charakters sowohl im Cast als auch in der Wahl der Regie aufs richtige Pferd gesetzt. Wonder Woman steht und fällt mit den beiden Hauptdarstellern, mit Gal Gadot und Chris Pine. Beide geben sich locker, natürlich und intuitiv, als hätte ihnen Patty Jenkins weitestgehend freie Hand gelassen, um ihre Rollen zu interpretieren. Der neue „Captain Kirk“ zeigt sich von seiner besten Seite, weder aufgesetzt cool noch bemüht komisch. Überhaupt scheint sein Part in diesem charmanten, lebhaften Abenteuer seine bislang beste Performance zu sein.

Jenkins, die vor einigen Jahren dem Model Charlize Theron in dem beeinduckend starken Killerdrama Monster zu Oscarruhm verholfen hat, legt mit Wonder Woman tatsächlich erst ihre zweite Regiearbeit vor. Wonder Woman ist allerdings kein Frauenfilm, doch leicht passiert es, und vorwiegend weiblich besetzte Filme lassen männliche Sidekicks dumm aus der klischeebeladenen Wäsche schauen. Hier passiert das in keinster Weise. Der Mann ist hier nicht aus Protest das schwächere Geschlecht, sondern ebenbürtig, obwohl der Amazone kräftemäßig haushoch unterlegen.

Was Wonder Woman ganz sicher nicht zu ihren Eigenschaften zählen kann, ist das zwangsläufig zur Überheblichkeit führende Bewusstsein, ein Übermensch zu sein. Gadot´s Diana hat den Mut zur Blauäugigkeit. Zur geradezu kindlichen Naivität. Aufgewachsen im von der Außenwelt abgeschotteten Eiland namens Themyscira, begegnet die sprachlich hochbegabte Tochter der legendären Hippolyte der gnadenlos unbequemen Welt der Menschen mit jenen Erfahrungen, die sich aus ihrer isolierten Kindheit ergeben haben. Ihre Handlungen sind nachvollziehbar, ihre Unkenntnis, ihre Planlosigkeit machen die Figur der Superheldin zu einem greifbaren und glaubwürdigen Charakter. Fehlerhafte Helden waren zwar schon Batman oder Superman, aber ihre Selbstgerechtigkeit und ihre eigene Vorstellung von Justiz machen sie unnahbar. Wonder Woman hat weder das eine noch das andere. Wonder Woman will geradezu instinktiv helfen und beschützen. Der ihr innewohnende Impuls ist fast schon ein mütterlicher. Dass Wonder Woman so tatsächlich existieren könnte, ist vorstellbar.

Hätte Patty Jenkins nicht ihre beiden Asse im Ärmel, wäre ihr Ausflug ins Blockbusterkino nur halb so prickelnd geworden. Der Plot des phantastischen Weltkriegsabenteuers folgt, diktiert von Warner und DC, üblichen Mustern von Heldengenesen und Konterparts, wie sie bereits allseits bekannt sind. Was funktioniert, wird beibehalten. Siehe Captain America, siehe Doctor Strange. Schema F, nur anders bemalt. Und die Liebe als abgedroschene Phrase darf zum ungezählten Male wieder die Lösung für alles sein. Wonder Woman ist aber dank ganz besonderer, menschlicher Eigenschaften anders geworden. Spätestens dann, wenn Diana unter den fetzigen Klängen des Soundtracks aus dem Schützengraben steigt, um den Lauf des Krieges zu verändern und Ares die Stirn zu bieten, wird klar, dass ein neuer Personenkult die Filmwelt erobert hat. Gal Gadot ist Wonder Woman. Wonder Woman ist Gal Gadot.

Wonder Woman