The Weed Eaters (2025)

KIFFEN & GRILLEN

6,5/10

 

Alice May Connolly als Jules in der Horrorkomödie The Weed Eaters
© 2025 Causeway Films

 

LAND / JAHR: NEUSEELAND 2025

REGIE: CALLUM DEVLIN

DREHBUCH: FINNIUS TEPPETT

KAMERA: SAMUEL AUSTRIN

CAST: ALICE MAY CONNOLLY, ANNABEL KEAN, FINNIUS TEPPETT, SAMUEL AUSTRIN, PAUL KEAN, DAVID CORREOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 20 MIN



Es sind keine Monster, keine Zombies und keine Psychopathen, die sich ihrem Fetisch unterwerfen. Kein indigener Dschungelstamm filetiert Reisegruppen aus dem Westen wie in Cannibal Holocaust, kein Hannibal Lecter genießt zur Menschenleber wohltemperierten Chianti. The Walking Dead schlendert auch nicht durch die Gegend, obwohl man bei schnellem Hinsehen und in sternenklaren Nächten eines Sommers auf der Südhalbkugel das bekiffte Grüppchen Normalsterblicher in Silvester-Feierlaune mitunter für Untote halten könnte.

Because I Got High

Denn Drogen, das wissen wir, verändern die Motorik, betäuben das Sprachzentrum, nehmen die eine oder andere psychosoziale Hemmung. Wo lässt sich die Freiheit des Rausches besser ausleben als irgendwo in der Landschaft, wo kein Exekutivorgan seine Schritte setzt und keiner den anderen dahingehend maßregelt, über die Stränge geschlagen zu haben. Diese beiden Paare, Jules und Brian, Charlie und Campbell, haben sich zusammengetan, um die letzten Tage des Jahres mit Party, Bier und feinstem Gras zu feiern.

Die Location mag als Scheune weniger berauschend sein, das gefundene Einmachglas mit Marihuana dann aber doch. Was die vier dabei nicht erwartet hätten: So einen Joint mit genau diesem Extrakt zu rauchen macht hungrig. Hungrig auf Menschenfleisch. Was aber tun, wenn der Kühlschrank gänzlich andere Speisen birgt? Aufeinander losgehen? Oder die Gelegenheit am Schopf packen, wenn der kauzige Farmer, dem dieses Zeug eigentlich gehört, ganz plötzlich das Zeitliche segnet?

Besser gemeinsam statt einsam Tabus brechen

Man könnte natürlich eine Schlachtplatte inszenieren ohne Gespür für Zwischenmenschliches, nur um all die Gorehounds im Publikum zu befriedigen. Man könnte einen Horrorthriller inszenieren, der nach einer anfänglichen Gesellschaftskomödie wie ein Jack-in-the-Box aus der Kiste springt. Oder aber man bleibt dabei, man hält fest an der Tonalität einer urkomischen, lässig dahergeplauderten Beziehungskomödie mit ausreichend Wortwitz und schrägen Charakteren, die sich untereinander gar nicht mal so gut kennen und allerlei peinliche Momente generieren, die den Reiz von Callum Devlins Spielfilmdebüt ausmachen.

Anscheinend weiß Devlin ganz genau, wie man ein Tabuthema, mit dem eigentlich niemand wirklich anecken will, zu einer skurril-pikanten Gesamtsituation umkrempelt, die wie ein peinlicher Unfall aussieht. Der Witz liegt darin, dass gewöhnliche Leute zwanghaft einem Tabu ausgesetzt werden, das unter Wahrung der Zivilisiertheit schließlich wieder tabuisiert werden muss.

Gehen wir’s pragmatisch an

Diese neuen Kannibalen per Zufall, die eigentlich keine sind, sondern lediglich aufgrund ihres zugedröhnten Zustandes so sein müssen, versuchen, das Beste aus ihrer Situation. The Weed Eaters fühlt sich an wie einer dieser hemmungslos-kuriosen Spots der Hornbach-Baumarktkette: praktisch veranlagt, versponnen, lösungsorientiert.

Und dann kippt das Ganze aber doch. Ganz so pragmatisch und urkomisch hätte es vielleicht weitergehen können, ohne weiteres hätte The Weed Eaters gerade auch mit Seth Rogen, Zach Galifianakis oder Jason Sudeikis als groteske Verzerrung ihrer Filme Ananas Express oder The Hangover funktionieren können, mit der Voraussetzung, dass Menschenfleisch am Grill salonfähig wird – wenn es denn sein muss.

Alles aufgegessen?

Gegen Ende weiß Callum Devlin irgendwie nicht weiter, die Pointe bleibt aus – gerade auf die hätte man gewartet, wenn das Ganze schon bisher so pointiert war und die Begegnung mit einem Dorfgendarmen zu den besten und witzigsten Momenten des ganzen Films zählt. So situationskomisch hätte es weitergehen können, doch Genrekonventionen verlangen ihren Tribut.

The Weed Eaters (2025)

Bob Marley: One Love (2024)

REGGAE ALS KATALYSATOR DER ZUVERSICHT

6/10


bobmarley© 2024 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: REINALDO MARCUS GREEN

DREHBUCH: REINALDO MARCUS GREEN, TERENCE WINTER, FRANK E. FLOWERS & ZACH BAYLIN

CAST: KINGSLEY BEN-ADIR, LASHANA LYNCH, JAMES NORTON, ANTHONY WELSH, ASTON BARRETT JR., TOSIN COLE, HECTOR DONALD LEWIS, DAVID MARVIN KERR JR., STEFAN WADE, SEVANA, NAOMI COWAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Ich hätte schwören können, über Reggae-Gott Bob Marley gäbe es bereits ein Biopic, doch der Eindruck täuschte mich. Was mir so vorkam wie Marley, war womöglich Miles Davis oder James Brown – jedenfalls wundert es mich doch ein bisschen, dass Bob Marley: One Love zum allerersten Mal den Rastafari aus Jamaika auf die große Leinwand bringt. Rastafari – wer sind diese Leute überhaupt? Man kennt Dreadlocks, die gestrickten Mützen in den Nationalfarben Jamaikas, man kennt Haile Selassie, den äthiopischen Monarchen, man kennt den Löwen als Symbol und jede Menge Cannabis, das natürlich geraucht werden muss. Doch was genau hinter dieser Glaubensrichtung steht, spart Reinaldo Marcus Green, seines Zeichens Regisseur von King Richard, insofern aus, da er sein Publikum dazu motiviert, sich selbst auf Recherche zu begeben. Macht aber nichts, wozu gibt es Wikipedia, denn dort lässt sich herausfinden, dass dieser Haile Selassie als prophezeiter schwarzer Kaiser die Reinkarnation des Messias darstellt und die Befreiung Afrikas und all seine Kinder, die über den Erdball verstreut sind, bringen wird. Jah heisst deren Gott, und Bob Marley wird des Öfteren zu ihm beten und ihm huldigen, auch in seinen Liedern.

Rastafari sind friedliebend, vorwiegend gechillt und äußerst rhythmisch veranlagt. Nicht umsonst ist Reggae deren Musik, und dieser Reggae, der schafft es, auch all jene mitzureißen, die noch nie auf Jamaika waren und einen Joint geraucht haben. Reggae, das ist wie guter Stoff in Musikform, da fällt der Stress ab, da entspannt sich der ganze Körper, da bewegt man sich mit dem Flow der prägnanten Klänge, der Trommeln und der Gitarren. Es ist, als wäre man irgendwo am Strand am Meer und könnte die Seele baumeln lassen. Man bräuchte nur die Augen zu schließen und da ist er: Bob Marley, wild gestikulierend und dabei hüpfend wie ein Häschen, seine unverkennbare, einmalige Stimme ins Mikro jaulend und der dabei positiv, beschwichtigend und die Wogen glättend in die Zukunft blickt. Every little thing gonna be alright. Oh ja, so fühlt es sich an, wenn man Marley hört. Mit den Songs, angefangen von No Woman No Cry bis zu seinem Hit-Album Exodus, ist Reinaldo Greens Film ein Best of des Feelgood.

Dabei erweckt ihn Kingsley Ben-Adir tatsächlich zum Leben. Unter der Rasta-Mähne und dem Dreitagebart, mit den richtigen Moves und dem ganzen, womöglich akribisch abgeguckten Gehabe, vermag Adir zu überzeugen. An der Darstellung des VIPs gibt es nichts zu meckern, allerdings gibt es auch keinerlei Versuche, den Künstler umzuinterpretieren. Adir ist Bob Marley – dieser wäre glücklich darüber. Er wäre auch glücklich darüber, wie sorgfältig trapiert seine Hits einer nach dem anderen in diesem Biopic verteilt sind, als hätten wir ein One-Performer-Musical wie Rocketman, das die Kassen dank zahlreicher Evergreens, ausschließlich gesungen von Taron Egerton als Elton John, klingen lassen konnte. Bob Marley: One Love hätte etwas ähnliches werden können, ein Bob Marley-Musical, in welchem der Skipper höchstselbst anhand seiner Nummern über sein Leben sinniert. Da der Glamour eines Elton John einer eingerauchten, wohlwollenden Erdung weichen muss, ist die Form eines Musikfilms wie dieser immer noch am geeignetsten, verknüpft mit biographischen Eckpunkten, die rund um das legendäre Friedenskonzert 1978 in Jamaika angesiedelt sind.

Lässt sich da eine verdichtete Chronik eines Ruhms im Abendrot spinnen? Seltsamerweise wäre Bob Marley: One Love, hätte es all die wunderbaren Lieder nicht, die der mit 36 Jahren an Krebs verstorbene Künstler als ewiges Vermächtnis hinterlassen hat, eine müde Angelegenheit. Weniger straff, dafür etwas unentschlossen, geben szenische Einsprengseln manches aus der Jugend Marleys preis, manches beschäftigt sich wiederum mit der Entstehung des Albums Exodus und manches mit Jamaikas wüster Politik. Doch all diese Facetten wollen sich nur schwer bis gar nicht miteinander verbinden. Das dramaturgische Grundgerüst fällt auseinander, hat aber immer noch Ben-Adir in petto, der stets aufs Neue unbedingt zeigen muss, wie verblüffend gut er das Vorbild imitieren kann. Jedes Mal aufs Neue hängt man an seinen Lippen, wenn er so klingt, wie er klingen soll. Wenn er singt, was er singen soll und wir hören wollen. Die Musik ist letztlich der eigentliche Superkleber in diesem Film, der das Stückwerk notgedrungen zusammenhalten muss. Das ist kein Fehler, dafür gibt’s schließlich jede Menge Benefit: Die gechillten Rhythmen zeitlosen Reggae-Sounds, den richtigen Ohrenschmaus als Antidepressiva.

Bob Marley: One Love (2024)

Eine Frau mit berauschenden Talenten

THERE’S A KIND OF HASCH…

5/10


frau_berauschendetalente© 2020 Neue Visionen


LAND / JAHR: FRANKREICH 2018

REGIE: JEAN-PAUL SALOMÉ

CAST: ISABELLE HUPPERT, HIPPOLYTE GIRARDOT, LILIANE ROVÈRE, FARIDA OUCHANI, RACHID GUELLAZ U. A. 

LÄNGE: 1STD 46 MIN


… all over Paris: Schauspiellegende Isabell Huppert gibt in dieser Cannabis-Komödie Patience, eine Sprachexpertin fürs Arabische, die in den Diensten der Polizei steht, wo keiner natürlich Arabisch kann (soviel zu ethnischer Vielfalt). Da eröffnen sich natürlich Tür und Tor, um selbst an mehr Geld zu kommen. Vor allem dann, wenn da gerade eine tonnenschwere Lieferung reinstem Marihuanas per Lieferwagen über die Pyrenäen tuckert und die Exekutive nur darauf wartet, diesen abzufangen. Patience wittert eine einmalige Chance: ganz leicht könnte sie den Wagen verschwinden lassen, denn die Fakten kennt nur sie und wie durch Zufall ist der Fahrer des ominösen Fahrzeugs noch dazu der Sohn jener Pflegehelferin, die sich um ihre Mutter sorgt. Ein Zufall, der so vermutlich niemals wiederkehren wird. Also selbst einen auf Breaking Bad machen und statt Crystal Meth das viel salonfähigere Haschisch verticken. Mit zwei verpeilten Dealern, die sowieso die ganze Zeit schon am Trockenen sitzen.

Isabelle Huppert scheint ewig jung geblieben zu sein. Erstaunlich, was die zierliche Französin, aus der Filmgeschichte Europas längst nicht mehr wegzudenken, immer noch für eine aparte Ausstrahlung hat. Faszinierend, ihr immer wieder zuzusehen. Denn Huppert, die spielt alles, von Komödie bis zum bleischweren Drama und gar bis zum Horror. Es kann aber auch gut sein, dass, wenn man schon so dermaßen lange im Filmbiz weilt, es ab und an zu Ermüdungserscheinungen kommt. Vor allem dann, wenn das gerade abzudrehende Werk so belanglos bleibt wie Eine Frau mit berauschenden Talenten. Da ist man als Filmdiva schnell mal unterfordert – diese Unterforderung sieht man der rothaarigen Dame an. Das ist Business as usual, bietet keine Herausforderung und auch keine besonderen Momente. Jean-Pierre Salomés achtes Werk macht aus dem Verbot für die jointverliebte Pflanzendroge einen teils tragikomischen Schwank, der mit vielen sozialen Klischees arbeitet und versucht, diese mit Sympathie zu überzeichnen oder gar zu rechtfertigen. Der Dealer ist der kauzige Jogginghosenträger mit Goldkette, der die meiste Zeit in der Dönerbude abhängt, das Pflegepersonal im Altersheim hat meist Migrationshintergrund, die Drogen kommen aus Afrika. Nur die hochgebildete (Anti)Heldin des Films vollführt hier einen gewissen Spagat zwischen den geöffneten Schubladen, führt allesamt an der Nase herum und bietet der Konkurrenz spielend Paroli. Eine Persiflage, die das Sub-Business der Drogenwirtschaft auf eine Handvoll Haudrauf-Schlägertypen reduziert.

Eine Frau mit berauschenden Talenten (Im Original La daronne – Die Alte, nach einem Roman von Hannelore Cayre) verbrät also ein längst nicht neues Grundkonzept der reifen, distinguierten und dealenden Dame auf altbackene Art mit ironisch angehauchten Polizeiermittlungen.

Eine Frau mit berauschenden Talenten