The Climb

ICH HEIRATE MEINEN BUDDY

7/10


theclimb© 2020 Prokino

LAND: USA 2019

BUCH & REGIE: MICHAEL ANGELO COVINO

CAST: MICHAEL ANGELO COVINO, KYLE MARVIN, GAYLE RANKIN, TALIA BALSAM, GEORGE WENDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wie viele echte Freunde hat man wirklich? Oder sind das doch nur Bekannte, Gelegenheitsbegleitungen oder nur gute Nachbarn? Kennt man sich zufällig nur über Dritte? Eine Freundschaft, die ist dann als solche zu bezeichnen, wenn sie vieles aushalten kann. Auch die schlimmsten Gemeinheiten. Eine Freundschaft, die ist fast nichts zufälliges mehr, sondern trägt eine gewisse Bestimmung in sich. Diese Bestimmung hält dann fürs Leben, auch wenn die Beziehung längst keine gesunde mehr ist oder über weite Strecken in einer winterschlafähnlichen Inaktivität vor sich hin dämmert. Peter Cornelius hat sie als unbequeme Freunde bezeichnet, mit denen man alles (nur nicht die Freundin) teilen, die einem alles sagen und denen man alles verzeihen kann. Quantität ist hierbei nicht Qualität und umgekehrt. Hat man solche Freunde, braucht man keine Feinde mehr. Denn kein Feind traut sich an so ein Buddy-Team heran.

Mike und Kyle sind solche Freunde. Und eines schönen sportbegeisterten Tages, als beide irgendwo in den französischen Bergen vor sich hin radeln, gesteht der eine dem anderen, mit seiner Verlobten im Bett gewesen zu sein. Kennt man aus vielen anderen romantischen Filmen. Aber das war’s dann schon mit der Gemeinsamkeit zum zweisamkeitstauglichen Mainstreamkino. In The Climb ist diese völlig deplatzierte Beichte Grundstein für das Psychogramm einer Beziehung zwischen zwei Männern, die ohneeinander nicht können, obwohl sie das vielleicht wollen würden. Dieses Dilemma zieht sich dann auch über mehrere Stationen ihres Lebens. Mike spannt also Kyle die Gattin aus, Jahre später stirbt diese an einer nicht näher definierten Krankheit, dann lädt Mikes Familie den seit Kindheitstagen bekannten Kyle an Weihnachten zur Party ein und so weiter und so fort. Kyle verschwindet einfach nicht aus Mikes Leben. Ja, wie schon gesagt: es ist wie vorherbestimmt.

Michael Angelo Covino, der diesen Film auch geschrieben, inszeniert, produziert und sich selbst als Mike besetzt hat, und Kyle Marvin, der mehr oder weniger ebenfalls sich selbst spielt – die beiden sind im wahren Leben tatsächlich Freunde, ungefähr so wie Matt Damon und Ben Affleck. Beide haben das Drehbuch verfasst, beide schenken sich in den versponnenen Dialogszenen und skurrilen Begebenheiten eigentlich nichts – außer ihre Bereitschaft, dem anderen in sein Leben zu pfuschen. Unwillkommen ist das Ganze nicht. Während alles andere im Leben der beiden anscheinend vergänglich ist, bleibt eines konstant: diese verdammte Freundschaftsdynamik.

The Climb ist Independentkino mit Etikette und Understatement. Entrückte Gesangs- und Akrobatikeinlagen dienen als Intermezzi zwischen den Anekdoten aus dem Buddy-Leben, die wiederum sehr unaufgeregt und fast beiläufig inszeniert sind und die ihre Qualität aus der Kunst des Weglassens nähren. Covinos menschelnde Miniaturen sind wie lose Seiten eines filmischen Tagebuchs, die Offensichtliches nicht mehrfach erklären müssen. Man sieht, die beiden Mannsbilder haben so ihren Spaß dabei, sich selbst und das Mysterium männlicher, heterosexueller Zweisamkeit wohlwollend aufs Korn zu nehmen. Wenn alle Stricke reißen, so scheint es, heirate ich eben meinen Buddy – könnte man meinen. Ach ja, und der eigene Sohnemann wird dann auch noch zur Konstanten.

The Climb

Sibyl – Therapie zwecklos

WER THERAPIERT EIGENTLICH DIE THERAPEUTIN?

6/10

 

Sibyl© 2019 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: JUSTINE TRIET

CAST: VIRGINIE EFIRA, ADÈLE EXARCHOPOULOS, GASPARD ULLIEL, SANDRA HÜLLER, NIELS SCHNEIDER U. A. 

 

Haben Psychotherapeuten eigentlich auch eine eigene Anlaufstelle für ihre Probleme? Oder sind sie all diesen erhaben, weil sie Professionisten sind und wissen, was zu tun ist, sollte die Vergangenheit, das Trauma oder die Neurose quälen? Gute Frage, wie ich finde. Würde das nicht die Kompetenz des seelischen Beraters untergraben? Und wofür zahle ich dann mein Geld, wenn schon der Therapeut bei sich selbst nicht weiterweiß? In Sachen Seelenheil gibt es immer Luft nach oben. Und vielleicht ist der Patient sogar unwissender Weise selbst derjenige, der dem Professionisten die eine oder andere Klarheit über sein eigenes Leben verschafft. So oder ähnlich ist das Therapeutin Sibyl passiert.

Die steht in Justine Triets Tragikomödie alles andere als mit zwei Beinen voll im Leben. Traumatisiert von einer in die Brüche gegangenen Liebe, aus der ein Kind hervorgegangen ist, will sich die eloquente Mutter und Ehefrau schriftstellerisch neu definieren – und kündigt die meisten ihrer Patienten. Bis auf ein paar wenige – einem trauernden Jungen, der beim Monopolyspiel langsam aus sich herausgeht und einer Schauspielerin, die aus allen Wolken gefallen ist und in ihrer leicht hysterischen, überinszenierten Tragik an Sibyls Schicksal erinnert. Also: wer therapiert hier nun wen, könnte man fragen?

Justine Triet macht es ihrem Publikum zumindest anfangs nicht leicht. Da die Regisseurin mit mehreren Zeitebenen spielt, diese aber stilistisch nicht voneinander trennt, wird´s die erste halbe Stunde bis Stunde relativ mühsam, all diese Abhängigkeiten und Begegnungen von damals und heute, die in einem Einheitsbrei aufgetischt werden, voneinander zu destillieren. Tatsächlich ist Triet, zumindest auf den ersten Blick, ein gewichtiger Teil ihres Werks relativ missglückt. Oder doch nicht? Wollte Triet ihr Publikum bewusst zur Psychoanalyse bewegen, zur Interaktion in Sachen Seelenstriptease motivieren? Nun ja, auf so erzwungenen Wegen hätte ich das nicht nötig gehabt. Eine klarere Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenem hätte die Beziehung zur den Filmfiguren vielleicht etwas beschleunigt. So aber bleiben sie lange Zeit um sich kreisende Egozentriker, die eigentlich keine Geschichte transportieren. Dann aber reisst Triet das Ruder herum – ab Filmmitte haben wir geordnete Verhältnisse. Wie wissen nun, wo Therapeutin Sibyl, Schauspielerin Margot und all die anderen Charaktere stehen. Mitunter auch die exaltierte Figur der deutschen Regisseurin Mika, mit enormer Spielfreude dargeboten von Toni Erdmann-Tochter Sandra Hüller, und die aus der Feder Woody Allens hätte kommen können.

Überhaupt wäre der New Yorker Altmeister für Psychofragen von Sibyl womöglich recht angetan. Der Stoff könnte von ihm sein. Künstler in der Krise, Schauspieler, die so nicht arbeiten können und Psychotanten, die selbst ihr schwierigster Patient sind. Mit Ausnahme von Sandra Hüller gerät der Stoff aber längst nicht so zynisch und augenzwinkernd, wie es dem Film vielleicht gutgetan hätte. Was Einzug hält, ist eine gewisse, dem französischen Kopfkino eigene Schwermütigkeit, auch wenn sich an der einen oder anderen Stelle schmunzeln lässt. Dennoch: Virginie Efira legt sich mit ihrer Figur der ambivalenten Unglücklichen mit und ohne Textil ordentlich ins Zeug. Adèle Exarchopoulos (Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe) heult und hyperventiliert sich die Seele aus dem Leib. Beide sind auf ihre Art famos und schaffen das Kunststück fertig, aus einem konfusen Beziehungsreigen doch noch ein kräftiges Stück intensives Psycho-Outing unter dem Vulkan zu absolvieren.

Sibyl – Therapie zwecklos

Die schönste Zeit unseres Lebens

LIEBE AUF REBOOT

7/10

 

zeitunsereslebens© 2019 Constantin Film

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: NICOLAS BEDOS

CAST: DANIEL AUTEUIL, FANNY ARDANT, GUILLAUME CANET, DORIA TILLIER, PIERRE ARDITI, DENIS PODALYDÉS U. A. 

 

Welchen Moment aus eurem Leben würdet ihr wohl gerne nochmal erleben? Wobei ich besser die Frage voranstellen sollte: würdet ihr einen Moment in eurem Leben überhaupt nochmal erleben wollen? Oder reicht die eigene Erinnerung? Oft ist diese aber schon nach Jahren oder Jahrzehnten so weichgezeichnet, wie man sie gerne hätte. So ausgeschmückt und ergänzt, fast wie aus einem Roman. Vielleicht verblassen auch manche Erinnerungen, manche Schlüsselszenen eines Lebens, die aber notwendig wären, um wieder auf Spur zu kommen. Ein Trigger aus der Vergangenheit. Ein Neuentzünden verlorener Leidenschaften. Das wäre doch was?

Anfangs ist selbst Victor als relativ brotloser Comiczeichner ziemlich skeptisch, als er den Flyer eines ganz speziellen Dienstleisters in Händen hält, der vergangene Erlebnisse authentisch inszeniert. Dabei muss es nicht mal die eigene Geschichte sein, es kann auch Weltgeschichte sein, die ein Bekannter seines Sohnes bis ins Detail nachstellen kann – mit Schauspielern, Effekten, Musik und allen anderen Sinnen, die es zu täuschen gilt. Da die Ehe des Zeichners vor dem Aus und die Frage im Raum steht, warum es hatte so weit kommen können, packt Victor die Gelegenheit beim Schopf und lässt sich die ersten Tage der großen Liebe originalgetreu und nach allen Regeln der Kunst unter die stattliche Nase reiben. Der Effekt: Zyniker Victor verliebt sich erneut – allerdings nicht in seine Ehefrau, sondern in dessen jüngere Ausgabe.

Frankreich, ich wiederhole mich dabei durchaus gerne öfters, ist die Wiege der Tragikomödie. Wenn’s nicht so wehmütig wäre, wäre es durchaus äußerst komisch. Beides zusammen ergibt einen nachdenklichen Mix aus der verträumten Essenz einer emotionalen Erinnerung und einer chaotisch kippenden Beziehungskette, die das Liebesleben so mancher Person durcheinanderbringt. Daniel Auteuil als bärbeißiger Misanthrop mit Rausche- und später mit adrettem Schnurrbart (steht ihm tatsächlich gut!) brilliert sowohl in seiner verlebten Figur eines im Alter faul gewordenen Besserwissers als auch in der Rolle des charmanten Zeitreisenden, der wieder auf die Werkeinstellungen eines leidenschaftlichen Jungspunds zurückgesetzt wird – der Gras raucht und Hemden mit Spitzkragen trägt. Diese Idee hatte mich schon im Trailer überzeugt – der Reboot einer Liebe durch den Blick zurück ist ein augenzwinkernder, absichtlich irrealer Kniff, der natürlich, realistisch betrachtet, so nicht funktionieren kann, der aber so eine herrlich abdriftende Geschichte entwickelt, die so manche Paare auch auf ihre eigene, vielleicht etwas ins routinierte Räderwerk geratene Beziehung ummünzen könnten. Die Prämisse, dass man nahe dran ist, die Liebe des Lebens mit dem Bild der Erinnerung selbiger zu hintergehen – das ist schon ein satirisches Bonmot, das sich auch erlaubt, die Verkümmerung der Romantik im Zeitalter des High-Tech zu parodieren. Das Drehbuch wurde verdientermaßen mit einem César geadelt.

Dabei hat Guillaume Canet als Zeitreise-Illusionist eine nicht minder wichtige Rolle, der als scheinbar beziehungsunfähiger Choleriker für andere Die schönste Zeit unseres Lebens parat hat, für sich selbst aber einen solchen Moment schmerzlich vermisst. Durch Daniel Auteuils Zeitsprung in sein altes Ich gelangt auch Canet auf den Weg der Erkenntnis. Ob er ihn auch geht, wird hier nicht verraten. Schön ist jedenfalls, dass Nicolas Bedos selbst verfasstes Liebes- und Lebensbild gespickt ist mit jeder Menge Songs aus den Siebzigern, einer satten Dosis schmuckem französischem Lebensstil und beherzt gesungener Chansons. Wobei – der ganze Film ist wie ein Chanson: nachdenklich, humorvoll und bittersüß.

Die schönste Zeit unseres Lebens

Die Turteltauben

KRIMINACHT FÜR PAARE

5/10

 

turteltauben© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL SHOWALTER

CAST: KUMAIL NAJIANI, ISSA RAE, MOSES STORM, PAUL SPARKS, KYLE BORNHEIMER, ANNA CAMP U. A. 

 

Wer wissen will, wie und auf welchen Umwegen sich Standup-Komiker Kumail Nanjiani seine zukünftige Ehefrau Emily geangelt hat, dem sei die tragikomische, durchaus bezaubernde Liebesgeschichte The Big Sick ans Herz gelegt. Wirklich ein außergewöhnlicher Film, und ganz sicher deshalb, weil das oscarnominierte Drehbuch auf wahren Begebenheiten beruht. Nanjiani wurde mir damals erstmals zum Begriff – mit Zoe Kazan als Emily bezirzt und streitet sich ein wunderbares, gleichsam schwieriges Duo durch die Hürden des Lebens. Michael Showalter, ebenfalls Komiker, hat den Film inszeniert. Und jetzt, vormals fürs Kino und dann für Netflix, den Spaßvogel mit pakistanischen Wurzeln für eine weitere Komödie ins Boot geholt – einer quirligen Krimikomödie um zwei Turteltauben – also eigentlich um eine in die Jahre gekommene Partnerschaft, die sich nach dem obligaten Strohfeuer Jahre später langsam auseinanderlebt. Beide haben ihre Projekte, und nur ab und an fährt man zu den gemeinsamen Freunden auf ein Glas Wein.

Auf so einer Fahrt zum Dinner passiert das Unerwartete – ein Fahrradfahrer geigt ihnen vor den Kühler. Zum Glück nichts allzu Schlimmes passiert, der Typ radelt weiter, doch mit diesem Intermezzo war´s das aber noch längst nicht – ein Bulle in Zivil schmeisst sich ins Vehikel und will die Verfolgung aufnehmen – um den Mann vor den Augen der beiden Zeugen nun endgültig zu überfahren. Schockschwerenot – das kann doch kein Bulle sein! Und ehe sich die beiden versehen, sitzen sie bis über beide Ohren in einem Mordfall drin, der es, wie es das Schicksal nun mal so will, kurzerhand in die Medien schafft. Vor niemandem sind die beiden Hauptverdächtigen nun sicher. Einziger Weg: den Fall selber lösen.

Schwierig, schwierig, kann ich nur sagen, wenn es darum geht, im Subgenre der Krimikomödie noch originellen Stoff aufzutreiben. Issa Rae und Kumail Nanjiani sind ja wirklich ganz nett, und man schmunzelt bei ihrem „Was sich liebt das neckt sich“- Geplänkel, aber man schmunzelt auch nicht mehr als bei einer der x-beliebigen Beziehungs-Sitcoms aus dem 20minütigen Appetithappen-Fernsehen im Vorabend. Beide, Rae und Nanjiani, sind völlig von den Socken, müssen sich sammeln, tapsen in Fettnäpfchen oder leisten sich Peinlichkeiten. Amor und sonstige Schutzengel lassen sie aber gottlob auch nicht im Stich. Die Turteltauben orientiert sich an reifen Klassikern wie Kopfüber in die Nacht oder Schlaflos in New York. Erst kürzlich gab’s einen ähnlichen Spaßfilm, der die Nacht zum Tag machte und wo es um einen Spieleabend ging, der aus dem Ruder läuft. Ach ja, Game Night. Da war zumindest das Verwechslungspotenzial zwischen Spiel und Realität ganz reizvoll. Abgesehen davon aber ist es hier wie dort dieselbe Masche. Ich weiß schon jetzt nicht mehr, wovon der Mordfall überhaupt gehandelt hat, mir bleibt nur noch das schrille Einhorn- und Goldketten-Outfit der beiden Käuze zwecks Tarnung in Erinnerung, sonst allerdings sind wir von The Big Sick weit entfernt, weil´s hier auch nicht wirklich um irgendwelche besonderen Werte geht, außer um die einer Partnerschaft mit Durststrecken, die nicht unbedingt als versemmelt gelten muss. Schon gar nicht, wenn die unfreiwillig paartherapeutische nächtliche Katastrophe das Zusammenleben relativieren kann. Es zahlt sich aus, darauf zu warten. Und dabei kann man, nebenbei vielleicht, zur bequemen Berieselung diesen Film ansehen.

Die Turteltauben

Das perfekte Geheimnis

BOHEMIENS IN DER HANDYFALLE

7,5/10

 

perfektegeheimnis© 2019 Constantin Film 

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: BORA DAGTEKIN

CAST: ELYAS M’BAREK, KAROLINE HERFURTH, WOTAN WILKE MÖHRING, FREDERICK LAU, JELLA HAASE, JESSICA SCHWARZ, FLORIAN DAVID FITZ U. A. 

 

2016 kam ein Film aus Italien mit dem Titel Perfect Strangers ins Kino, der sehr süffisant mit den Irrungen und Wirrungen des Mobiltelefonzeitalters fabuliert. Neben anderen Remakes zu besagtem Original gabs dann auch in Deutschland letzten Herbst Das perfekte Geheimnis zu ergründen. Das Ergebnis: Ein Knüller an der Kassa – über 4 Millionen Besucher allein in der Filmheimat.

Unter Bora Dagtekins Regie wäre ein Kalauer-Zwischengang in Richtung Türkisch für Anfänger oder Fack ju Göthe zu befürchten gewesen. Eh ganz witzig, für die, die es mögen. Ist aber nicht meins. Dieser Abend allerdings, unter ehemaligen Kumpel-Jungs samt Anhang, die sich im Laufe ihres Coming of Age auseinandergelebt haben und plötzlich zu einem gemeinsamen Dinner aufschlagen, gestaltet sich anders als erwartet. Was also haben 4 Paare – oder sagen wir dreieinhalb Paare, weil Florian David Fitz kommt solo – wohl gemeinsam, ausser vielleicht die Freundschaft auf Facebook oder WhatsApp? Na eben genau das: und aus diesem technischen Spielzeug wird ein Spiel. Die Regeln sind ganz einfach: Alles, was an Nachrichten oder Anrufen eintrudelt, wird vor versammelter Menge veröffentlicht. Gut, würde ich mitspielen, wäre ich wohl die Spaßbremse. Und womöglich nicht nur ich. Doch für ein Filmkonzept wie dieses werden die Spitzen gebündelt – und es folgen saftige Enttarnungen und Enttäuschungen auf dem Fuß.

Mit Yasmina Rezas Gott des Gemetzels hatte Polanski 2010 Grundsatzkonflikte zwischen wildfremden Erwachsenen zelebriert. In Das perfekte Geheimnis sind es satte Lügen unter Bekannten, die aus einem erzwungen netten, oberflächlichen Abend eine Katastrophe machen. Tatsächlich gelingt der deutsche Kassenhit entschieden besser als Polanskis Film, obwohl oder gerade weil er versöhnlicher ist, vielleicht am Ende viel wohlwollender und den Zuschauer dabei nicht so ins Nichts entlässt. Für das Nichts ist sich das illustre Ensemble zu schade, will den Worst Case so gut es geht vereiteln und alles wieder auf Spur bringen. Das wäre natürlich nicht notwendig gewesen. Denn die besten Momente, die hat der Film dann, wenn klar wird, das gar nichts mehr zu retten ist, weder das Schokohuhn noch der gekippte Wein noch das Konstrukt eines Schwindels über sexuelle Orientierung, die erst recht den bigotten und vor allem selbstgerechten Verständnisbürger entlarven will. Das perfekte Geheimnis ist nur im ersten Augenschein eine Komödie, und hat rein gar nichts mit Schenkelkloper-Humor zu tun. Wie bei Reza schmettern auch hier die Dialoge durch den Ess- und Wohnbereich, viele Details gehen ob der Intensität des Verbalen manchmal verloren, doch das, worauf es ankommt, hat sein wortloses Vakuum, um zur Geltung zu kommen. Und dabei hat ein jeder und eine jede, von Jessica Schwarz bis zu Elyas M’Barek, seinen eigenen egozentrischen Quadratmeter, um angesichts dieser Gruppendynamik nicht seine Position zu verlieren. Das ist vollends geglückt in diesem Film: das Ensemble agiert umsichtig, niemand stiehlt dem anderen die Show. Keiner will der Leader sein, alle sind es gleichviel und gleich wenig – regietechnisch eine Herausforderung, die Dagtokin tatsächlich meistert. Und wie das mit der Smartphonitis, dem Genderwahn, Me Too und all den sonstigen gesellschaftlichen Headlines momentan so ist, bekommt das alles sein Fett weg, entdeckt dieses entlarvende Therapie-Dinner diese Zweierlei-Maß-Messung bei jeder und bei jedem.

Farewell Privatsphäre. Alles, was andere nichts angeht, wird zur Angelegenheit für andere, ein kleiner Zerrspiegel dieses wundervoll vernetzten Zeitalters, entschärft durch üblich Schlüpfriges und Frivoles, um mit Rotwangen-Pepp die Kritik an der urbanen Availability zu verniedlichen. Intrigen sucht man vergebens, böse meint es hier keiner. So gallig wie bei Albee oder Turrini verliert die Gesellschaft hier nicht ihre Hosen, dafür muss Das perfekte Geheimnis aber im Crowdpleasing ganz vorne sein. Was dem Film aber letzten Endes nicht zu sehr zur Last gelegt werden sollte. Im Gegensatz zum viel zu lose verweilenden Geplänkel Der Vorname oder Marie Kreutzers schwächelndem Was hat uns bloß so ruiniert, wo ebenfalls intellektuelle Alternativlinge am Ego- und Elterntrip die Spur verlieren, hat die weinselige Dramödie zwischen Handydrehen und stark alkoholisiertem Promi-Dinner mit Abstand die Nase vorn.

Das perfekte Geheimnis

A Rainy Day in New York

BIG APPLE PASSIERT EINFACH

7,5/10

 

rainydaynewyork© 2018 Polyfilm Verleih

 

LAND: USA 2018

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: THIMOTÉE CHALAMET, ELLE FANNING, LIEV SCHREIBER, SELENA GOMEZ, JUDE LAW, KELLY ROHRBACH, REBECCA HALL, DIEGO LUNA U. A.

 

Woody Allens neuester Film hätte schon längst in die Kino kommen sollen. Keine Ahnung was den Starttermin verzögert hat – womöglich der schon seit Langem geäußerte Verdacht des sexuellen Missbrauchs, welchem sich der Regisseur seit der Verehelichung mit seiner Adoptivtochter niemals so richtig erwehren hat können. Was natürlich die in vielen journalistischen Medien und auf Social Media aktuell geführte Entscheidungsfrage ebenfalls aufgreift, ob man das Werk eines Künstlers von seiner Biografie trennen kann oder nicht. Caravaggio wird da als Extrembeispiel oftmals ins Feld geführt – der war ein Mörder, und dennoch bewundern viele, wenn nicht alle seine Bilder. Zu den Filmemachern non grata zählen natürlich auch Roman Polanski, dessen Filme ich aber sehr schätze. So wie Allens Filme. Seltsam, diese Ambivalenz. Was soll man tun? Nun, ich bin erstmal ins Kino gegangen und habe mir A Rainy Day in New York angesehen. Weil ich mich, müsste ich eine Entscheidung treffen, nur nach den Medien richten kann. Und wir wissen, wie Medien funktionieren. Den Mensch Woody Allen kenne ich jedenfalls nicht, aber was ich kenne, ist das, was er von sich erzählen möchte, und das steckt in seinen Werken. Was darin ebenfalls stets konsistent bleibt, das sind die selbstreflektierenden Alter Egos, die Moderatoren seiner Geschichten. Und manchmal ist es sogar nicht mal nur einer, der so agiert, denkt und spricht wie Woody Allen. Manchmal sind es gar mehrere. So wie in diesem Film hier. Hier steht der gerade sehr angesagte Schauspieler Thimotée Chalamet im Regen und lässt sich durch ein New York scheinbar vergangener Tage treiben. Aber nicht nur Chalamet ist Woody Allen, auch der völlig konsternierte Jude Law als unruhiger Drehbuchautor macht einen auf Allen, und dann gibt es noch einen anderen, auch einen Regisseur, der einen Studentenfilm dreht mit Null Budget, der trägt Brille und Haar wie der Meister selbst. Ein Vexierspiel ist sein neuester Film geworden, eine Suche nach Easter Eggs quer durch ein Manhattan, in dem man die resolute Diane Keaton vermuten würde, in Glockenhosen und mit Stirnfransen.

Stattdessen gerät Jung-Journalistin Elle Fanning in den Schluckauf-Modus, nachdem ihre Odyssee durch den künstlerischen Jahrmarkt der Eitelkeiten beim selbstzweifelnden Filmemacher Liev Schreiber ihren Anfang – und daraufhin scheinbar kein Ende nimmt. Woody Allen macht es richtig, er sondiert die aktuellen Casting-Trends und holt sich die angesagtesten Schauspieler an sein Set. Die lassen sich nicht zweimal bitten, denn mit und für Allen zu drehen ist mittlerweile ein Statussymbol, ein Privileg, das machen diese Künstler alle sehr gern. Wichtig sind Allen auch seine jungen Damen, die er inszeniert. Neben Elle Fanning ist es die zumindest wirklich blutjung aussehende Selena Gomez, die Thimothée Chalamet den Kopf verdrehen darf. In einem New York, das sich durch die ungestüme Liebeserklärung Woody Allens für seine Heimatstadt gar nicht wirklich bedrängt fühlt, nein, sondern dieses Heranwerfen des Anekdotenklopfers mit verklärenden Stimmungen pariert, wie beispielsweise romantischem Regen, rustikalen Gassen, feudalen Hotels und sinnend geklimperter Barmusik. Da kommen natürlich sämtliche Versatzstücke aus Allens Schaffen zusammen, und vor allem in den Szenen konfuser Beziehungs-Stati leben die Bonmots aus Zeiten des Stadtneurotikers wieder auf. Sicher, A Rainy Day in New York ist kein auf Zug inszeniertes Drama mit Knalleffekt – Filme wie Match Point lassen sich schwer wiederholen.

A Rainy Day in New York mäandert durch die geliebte Stadt mit einer gewissen Ziellosigkeit und Sinn für Plaudereien, allerdings aber mit der Bereitschaft, die Gelegenheit, die dieses urbane Paradies bietet, beim Schopf zu packen. Das unterhält prächtig, und jeder des Ensembles findet zielsicher in seine Rolle, mag sie auch noch so klein sein. Den schrägen Vogel schießt aber mit Abstand Elle Fanning ab – als so quirlige wie begeisterungsfähige und von anderen manipulierbare Studentin, die Alkohol sehr schlecht verträgt, hat sie die meisten Lacher, wenn nicht alle, mit Leichtigkeit auf ihrer Seite. Und es tut gut, den Tag in New York zu verbringen, dessen Charme sich erstaunlich greifbar auch auf Nicht-Kenner der Metropole überträgt. So, als wäre man wirklich für einen Augenblick dort gewesen, im „Paris“ der neuen Welt.

A Rainy Day in New York

Der Stadtneurotiker

DIE KATASTROPHE DER ZWEISAMKEIT

7/10

 

stadtneurotiker© 1977 United Artists

 

ORIGINAL: ANNIE HALL

LAND: USA 1977

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: WOODY ALLEN, DIANE KEATON, TONY ROBERTS, CAROL KANE, SHELLEY DUVALL, CHRISTOPHER WALKEN U. A.

 

Anlässlich des neuesten Films von Woody Allen – A Rainy Day in New York – war es mal an der Zeit, einen seiner größten Erfolge unter die Lupe zu nehmen. Seinen Stadtneurotiker, oder im Original Annie Hall, denn den kannte ich bis dato noch nicht. Lücken aus der Filmgeschichte wollen obendrein geschlossen werden, also her mit den Neurosen, die sich der schmächtige Brillenträger so gerne an den Leib schreibt, und die natürlich autobiografisch sind, so wie (fast) alle seine Filme, die er jemals inszeniert hat. Aus seiner Haut kann der mittlerweile 84 Jahre alte Filmer auch nicht, konnte er nie und wird er nie können, also sind seine Alter Egos, seine männlichen Filmfiguren, alle irgendwie er selbst. Sie denken wie er und sie handeln wie er – sie sprechen sogar wie er. Und trotzdem oder gerade deshalb: diese Selbstbetrachtungen, dieses ironisch-selbstironische Herumgezappel, diese Kapitulation vor dem gesellschaftlichen Sumpf aufgedonnerter Egomanen – die sind scheinbar bis in alle Ewigkeit sehens- und hörenswert. Und es wird ordentlich etwas fehlen, wenn Allens Senf, den er der Welt des Films hinzugibt, sich nicht mehr aus der Tube drücken lässt. So richtig angefangen hat nämlich alles mit eben diesem Stadtneurotiker, diesem Alvy Singer, einem Komödianten und Schreiberling (wenig überraschend), der beim Tennis mit einem Freund besagte Annie Hall kennen lernt, gespielt von einer blutjungen Diane Keaton in adrettem Siebziger-Look. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, auf verkopfte Art, das ist natürlich kein Geheimnis. Und es wäre eine herkömmliche Romanzet, würde der Film genau davon handeln, um dieses Kennen- und Liebenlernen. Dabei ist das hier nur der Anfang. Interessant wird es erst, wenn Alvy Singers Neurosen den Beziehungsalltag dominieren, Annie dabei zwischen den Stühlen sitzt und alsbald ihre eigene Ego-Dominanz ins Feld führt.

Dieses Beziehungs-Auf-und-Ab ist legendär. Mehr ist es nicht, es ist ein Kommen und Gehen, ein Annähern und Entfernen, ein Stolpern über den eigenen Narzissmus, über die eigenen haushohen Bedürfnisse und den eigenen Geltungsdrang. Ein Klassiker, wie er im Drehbuch eines Komikers steht, der über alles und nichts herzieht, alles anzweifelt und im Grunde in feinster intellektueller Manier als zwar berühmter, aber innerlich brotloser Künstler das Lebensglück herbeijammert, um dann wieder in Panik zu geraten. Es ist die Panik vor einem möglichen, ausweglosen Dilemma, das als selbsterfüllende Prophezeiung den kleinen Schreibmaschinenvirtuosen erst dann wieder erden kann, wenn er sich in seinen gefürchteten Katastrophen wieder findet. Beantwortet werden die aber meist mit humorvollen Anekdoten und Witzen, und dieser Humor rettet Woody Allen im übertragenen Sinn fast schon das Leben – nicht aber zwingend die Beziehung. Der Stadtneurotiker ist natürlich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen, in den Umbrüchen der Siebziger, dem Veröffentlichen der eigenen dysfunktionalen Zweisamkeit, mit der sich Leute wie Alvy Singer und Annie Hall aber seltsamerweise oder völlig absichtlich wichtig vorkommen wollen. Als etwas Besonderes, weil die Differenzen untereinander das Resultat eines grundehrlichen Umgangs mit den Erwartungen sein kann. Und womöglich auch ist.

Das Hinausposaunen fehlerhafter intimer Harmonie liegt beim Stadtneurotiker im Trend, oder setzt ihn erst, als neue, charmant überhebliche Mode der belesenen Elite. Das macht natürlich Spaß, dem zuzusehen. Doch die Zeit, die hat der Film nicht ganz überdauert. Mittlerweile können Beziehungen im Film schon mal ganz anders sein, sind radikaler und destruktiver. Was Allen noch mit den Handschuhen eines Conferenciers befummelt, landet mittlerweile auf dem Seziertisch. So hat es der New Yorker Klarinettenspieler nicht gewollt, so will er es heute nicht, denn er ist immer noch ein melodiebewusster Erzähler moralischer Boulevardkompositionen, wie ein George Gershwin in Bildern. Und so betrachtet darf Der Stadtneurotiker wie ein Musikstück wahrgenommen werden, als Teil seiner Zeit und als wortgewandte Diagnose eines Beziehungsmusters mit dem vor Alltagspanik wild klopfendem Herzen am rechten Fleck.

Der Stadtneurotiker