Das Salz der Erde

WELTGEWISSEN IN SCHWARZWEISS

6/10

 

salzdererde© 2014 NFP marketing & distribution GmbH

 

LAND: BRASILIEN, FRANKREICH 2014

REGIE: WIM WENDERS, JULIANO RIBEIRO SALGADO

MIT SEBASTIÃO SALGADO, WIM WENDERS, JULIANO RIBEIRO SALGADO, LÉLIA WANICK SALGADO U. A.

 

Das Herz der Finsternis liegt nicht nur in den Dschungeltiefen Zentralafrikas, auch nicht nur in den Oberläufen der Flüsse Vietnams. Es ist dort zu finden, wo Menschen einander unterdrücken. Einer, der Licht in diese Finsternis bringt, ist Sebastião Salgado. Kenner der Fotoszene wissen: Salgado ist ein brasilianischer Fotograf, und seine preisgekrönten Schwarzweiß-Fotografien weltberühmt. Fotografieren kann natürlich jeder, und dabei kommt es, wie man weiß, nicht in erster Linie auf das technische Equipment an. Salgado fotografiert mit einer stinknormalen Kamera und ohne Stativ, das höchste der Gefühle ist ein Teleobjektiv. Worauf es also ankommt, ist das Auge dahinter. Und auf den Mut, dort zu sein, wo keiner hinwill. Zur falschen Zeit also, aber am richtigen Ort, um Bilder aus den Eiterherden dieser Welt zu schießen mit dem Risiko, dabei verlustig zu gehen. Sebastiao Salgado ist nicht das nicht passiert, zumindest nicht physisch. Seine Seele allerdings hat gelitten, so hat er es in einem Gespräch mit Wim Wenders auch tacheles zu Protokoll gegeben. Was er gesehen hat, kann nicht spurlos an einem vorüberziehen. Vor allem die Gräuel in Afrika haben ihm zugesetzt, insbesondere Ruanda und der Kongo. Von Ruanda weiß ich, dass man gar nicht mal wirklich der Katastrophe als solche gewahr werden muss – da reicht es, in einem Land unterwegs zu sein, dessen Bevölkerung Unvorstellbares erlebt hat. Die Gedenkstätten als solche habe ich mir, als ich dort war, dann auch verkniffen, aus eigener psychohygienischer Verantwortung heraus. Gut ist es, so denke ich mir, dass es jene gibt, die da genau hinsehen können, die das Objektiv drauf halten auf oft verborgenen, menschlichen Notstand. Bis gar nichts mehr geht, selbst bei denen, die das Weltgewissen erhobenen Blickes herausfordern.

Wim Wenders ist fasziniert von berufenen Weltbürgern wie Salgado einer ist. Ein Mann, der die Erde wohl so kennt wie kein zweiter, der in seinem Tun eine Pflicht sieht und gar nicht anders kann. Der überall gewesen sein mag, der jeden Winkel dieses Planeten kennt, der die Nomaden der Sahelzone besucht oder Walrösser in der Arktis aufspürt, um deren Stoßzähne im Licht der Mitternachtssonne zu fotografieren. Wenders und Juliano Ribeiro Salgado, der Filius des Fotografen, haben eine Dokumentation entworfen, die – unüblich für einen Film – vor allem aus unbewegten Bildern besteht. Aus Salgados Bildern. Ein Meisterwerk nach dem anderen wird auf den Screen geschoben, vom Künstler selbst erklärt. Es ist wie eine Diashow mit Audiokommentar. Manchmal sieht man das Foto selbst soweit verblassen, damit Salgados sprechendes Konterfei dahinter zum Vorschein kommt. Und diese Art des Interviews, diese für den Zuseher bequeme Führung durch eine Best Of-Galerie, für die dieser keinen Schritt zu machen braucht, die überall auf der Welt und auf jedem Bildschirm gleichzeitig sein kann, ist sowieso und in jedem Fall erhellend – als Film ist Das Salz der Erde aber sehr wohl ein mutiges Experiment, welches das Medium Kino mit den Features eines Lichtbild-Vortrags verbindet. Was, wie man sieht, durchaus machbar ist.

Der große deutsche Autorenfilmer geleitet also mit bedächtiger, äußerst phlegmatischer Stimme durch zwei Stunden Interview und Dokumentationsmaterial, begleitet Salgado in den Norden, zu den Lanis nach West Papua und zurück in seine Heimat nach Brasilien. Wenders filmt manche Szenen selbst in Schwarzweiß, um Salgados Fotostil nachzuahmen, in manchen Szenen – vor allem in jenen, die von Instituto Terra, einem Verein zur Wiederaufforstung des Regenwaldes, erzählen – auch in Farbe. Stilistisch ist das Ganze relatives Patchwork, auf Spielfilmlänge zusammengeschnitten, und wenn man mal die eindrucksvollen Bilder des Fotokünstlers ausklammert, bleibt vom Film selbst nichts als Routine, natürlich die eines Profis. Aber haben das Dokus nicht so an sich? Dass es mehr um den Inhalt geht, um das, was bei all der Investigation herauskommt, und weniger um filmtechnische Besonderheiten? Wohl eher, würde ich meinen. Daher sind Dokus nicht zwingend etwas fürs Kino. Bei Das Salz der Erde aber habe ich so meine Zweifel, sorgt das Element der Diashow doch für die nötige Wucht, auch wenn Salgados Werke wie bei der Besprechung eines Kunstwerkes aus der Serie 1000 Meisterwerke (lief früher mal im Fernsehen) in statischer Ruhe wie Schwarzbuch-Dokumente eines finsteren Zeitalters irgendwann von berauschenden Momentaufnahmen unserer Natur abgelöst werden. Das ist typisch Wim Wenders, der selten hudelt, sich stets Zeit nimmt für sein Gegenüber, und sich auch hier in dessen Erinnerungen verliert und aus einem Künstlerportrait ein biographisches Essay über das Schwarze und Weiße unserer Welt erdenkt. Das ist bereichernd, faszinierend, aber auch seltsam versucht, nicht nur Salgados, sondern auch Wenders innerer Einkehr zu folgen.

Das Salz der Erde

White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick

Tolkien

ZUR SPRACHE GEBRACHT

7/10

 

tolkien© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: DOME KARUKOSKI

CAST: NICHOLAS HOULT, LILY COLLINS, COLM MEANEY, ANTHONY BOYLE, PATRICK GIBSON, SIR DEREK JACOBI U. A.

 

In einem Loch in der Erde, da lebte ein Hobbit. Dieser Satz legt den Grundstein für eine Welt fernab der unsrigen, die aber dennoch durchdrungen ist von all dem Schönen und Schrecklichen, das im realen Dieseits unserer Geschichte zu finden ist. Eine Welt, so ganz anders, und doch so ähnlich. Das ist das Faszinierende an Mittelerde: Die Möglichkeit, im verfremdet Phantastischen Erlebtes sagenhaft zu poetisieren. Und Teil einer selbstlos heroischen Gemeinschaft zu sein. Denn Gemeinschaft, das war für den sprachbegeisterten Engländer J.R.R. Tolkien das Wichtigste. Gemeinschaft und das Verlassen können aufeinander, wenn es hart auf hart kommen sollte. Das lesen wir im Hobbit, wenn sich die Zwerge aufmachen Richtung Erebor, das lesen wir im ersten Teil der Herr der Ringe-Trilogie, wenn sich die Gefährten durch eine Welt voller Orks und Ringgeister durchkämpfen müssen. Der Hobbit Sam lässt seinen Freund Frodo trotz der drohenden Düsternis des Landes Mordor nicht im Stich. Was für Entbehrungen das wohl sind, und nicht mal zum eigenen Nutzen. Das ist ein Ziehen in den Krieg, gemeinsam und auf ewig verschworen. Wer da niemals feuchte Augen bekommen hat, hat die Sehnsucht nach Freundschaften nie verspürt. Und wer bei den anfangs erwähnten Zeilen keine Gänsehaut bekommt, ist womöglich kein High Fantasy-Geek. Allerdings – bei der eben im Kino laufenden Biographie Tolkien muss man nicht zwingend ein solcher sein. Das geht auch mit weniger Begeisterungsfähigkeit für das Phantastische. Das geht auch mit einer Lieber zur Sprache. Dem Wort, dem Ausdruck und der Bedeutung der Bezeichnungen für Dinge.

Der Film zum Leben dieses Vaters aller erdachten neuzeitlichen Fantasy ist ähnlich wie die Lindgren-Biografie Astrid ein Epilog für eine Berühmtheit, die später Leserinnen und Leser im Sturm erobern wird. Er beschreibt die Zeit, in der Tolkien sich erst auf dem Weg macht, das zu finden, was ihn zur Umschreibung seiner völlig durchdachten Welt inspirieren wird. Und es ist in erster Linie die geheimnisvolle Welt der linguistischen Kommunikation, der Phonetik, des Zergehens auf der Zunge, wenn das Altenglische wie Elbisch klingt. Was Nicholas Hoult, der den jungen Studenten sehr souverän verkörpert, mit Lily Collins als Edith Bratt für Gespräche über die Bedeutung bekannter Sprachgebilde führt, sind erhellende Momente, sind genauso hörenswert wie die aus dem Stehgreif formulierten Abhandlungen seines Professors in Philologie, den Tolkien soweit bringt, ihn in seinen Kurs aufzunehmen, hat er doch eine eigene Sprache entwickelt, eine Feensprache, mit allem, was dazugehört. Tolkien zeichnet, ersinnt immer mehr Details eines noch im Nebel liegenden literarischen Giganten, der Jahrzehnte später sogar noch den Weg auf die Leinwand finden und zu einem Höhepunkt des Kinos werden wird.

Dieser Nebel aber, dieses sphärische Flüstern eines zu bergenden Schatzes, eben Tolkiens spätere Werke, durchzieht den ganzen Film. Nichts davon ist trockene Biographie, alles ist beseelt von einer lockenden Mystik, von einer geheimnisvollen Stimmung, die natürlich verklärend sein mag, und die das Leben dieses Schriftstellers auch nicht unbedingt zu einer bis in jedes Detail authentischen Lebensgeschichte macht. Was der zypriotische Regisseur Dome Karukoski herausgearbeitet hat, ist eine pittoreske Hommage für Liebhaber der Materie, eine sakrale Verflechtung von Tolkiens Œuvre mit dem Weg seiner Erkenntnis für einen ganz großen Plan. Dazu gehört auch das Erleben des Ersten Weltkrieges aus der ersten Reihe, dessen Szenen von der Front so wirken, als wären sie selbst ein Teil seiner Prosa aus Mittelerde, wo der Boden brennt, das Feuer und der Rauch die Sicht vernebeln und die Schlacht sich so anfühlt, als wäre Saurons Heer der Verwüster einer göttlichen Ordnung. Da kann es schon vorkommen, dass inmitten des existenzvernichtenden Grauens dunkle, geharnischte Reiter über das Feld traben, das Schwert gezogen, um gegen gesichtslose Antagonisten anzutreten. Inmitten dieses Wahnsinns Tolkien, dessen Wahrnehmung mit der Phantasie verschmilzt und der wohl viel aus diesen Erlebnissen mit in seinen damals noch vagen Entwurf seiner Chroniken nehmen wird. Das hat Tolkien, der Film, in ein herbstfarbenes, holzgetäfeltes und freilich pathetisches Portrait verpackt, dass nun mal keine innovativen inszenatorischen Hattricks verlangt, in diesem rustikalen, historischen Kolorit aber die Entsprechung findet, die wie ein wort- und stilverwandter Klappentext zu Tolkiens Büchern erscheint. Das zwar nicht unbedingt militante Experten der Materie bewegen wird, aber zumindest jene, welche ihre Liebe zu Sagen und Legenden mit biographischen Fußnoten ergänzen wollen. Um dann vielleicht nochmal zum Buch zu greifen, um vielleicht noch mal von vorne zu beginnen, mit dem Hobbit nämlich, der in einem Loch in der Erde wohnt. Und noch gar nicht weiß, was auf ihn zukommt. So wie seinerzeit der junge Tolkien.

Tolkien

Don´t worry, weglaufen geht nicht

CARTOONS GEGEN DEN SUFF

5/10

 

DON'T WORRY HE WON'T GET FAR ON FOOT© 2018 Polyfilm

 

LAND: USA 2018

REGIE: GUS VAN SANT

CAST: JOAQUIN PHOENIX, JONAH HILL, ROONEY MARA, UDO KIER U. A.

 

Drei Cowboys in der Prärie, zwei davon Sheriffs. Sie blicken auf einen leeren Rollstuhl, darauf gibt einer dieser grob skizzierten Figuren den titelgebenden Kommentar zum Besten, das man sich eben keine Sorgen zu machen braucht, denn der Flüchtige wird zu Fuß ohnehin nicht weit kommen. Schwarzer Humor, so ziemlich autobiographisch, pointiert und erfasst mit wenigen Strichen, die sehr an den Stil der österreichischen Cartoonisten Tex Rubinowitz oder an Gustav Peichl aka Ironimus erinnern. Und natürlich mit ganz viel Understatement, den andere verstehen oder auch nicht, da liest man zwischen den Strichen bei so einer Kunstsprache, das ist vielen nicht klar, und genau jene fühlen sich dann meist kompromittiert. Aber das macht, kann und soll doch Satire, und so hat auch John Callahan seinen Weg gefunden, seinen Frust, seinen Unmut oder seine ironische Sicht auf die Welt zu Papier zu bringen. Denn nur mit Ironie, mit Sarkasmus und Galgenhumor lässt sich die Lage ertragen, in der Callahan nach einem Autounfall steckt. Trunkenheit am Steuer nach mehreren durchzechten Nächten ist natürlich ein Fall von selber schuld, doch im Nachhinein ist man immer klüger, und dumm nur, dass die Konsequenzen ein Leben lang nicht mehr abrücken möchten. Also sitzt der Alkoholiker im Rollstuhl, querschnittgelähmt bis unter die Brust, verfolgt vom vagen Bild seiner Mutter, die ihn nicht mochte und von den Dämonen der Sucht. Verfolgt von der Unmöglichkeit, sich selbst und anderen verzeihen zu können.

Das ist natürlich ein Stoff, aus dem emotionale Selbstfindungsdramen entstehen können. Von der Sucht über körperliche Handicaps bis hin zur Einsamkeit, Elternlosigkeit und kontroverser Zeitungskunst. Gus van Sant, seines Zeichens schon Experte, was heikle Themen wie Strichertum, Drogensucht und Amoklauf an Schulen angeht, lässt auch in seinem Zeichnerportrait nichts anbrennen, was nicht irgendwie tragisch ist. Dieser Don Quixote des verkorksten Lebens, dargestellt von einem phlegmatischen Joaquin Phoenix, hat wirklich nichts mehr zu verlieren, außer den Rest seiner assistenzabhängigen Existenz. Nach diesem Tabula Rasa des Schicksals klingt ein Vorwärtskommen in die andere Richtung dem Licht entgegen zumindest im Kopf nach lukrativen Babyschritten. Ob John Callahan also zu Fuß nicht weit kommt, ist nur die eine Seite des Trostpreises. Die andere ist weiterzukommen, ohne sich zwingend bewegen zu müssen. Und da kommt die Sache mit den Cartoons ins Spiel.

Erstaunlich, wie Callahan das Ruder herumgerissen hat. Weniger erstaunlich, was Gus van Sant aus dem Stoff gemacht hat. Natürlich, schauspielerisch hat Don´t Worry, weglaufen geht nicht einiges zu bieten. Phoenix ist stets ein Garant für Glaubwürdigkeit, auch Rooney Mara als Callahans Partnerin und Jonah Hill als Selbsthilfe-Gruppenleiter sowieso. Der zieht wieder einmal alle Register seines Könnens, ist kaum wiederzukennen und legt ungewohnte, manchmal aber zu selbstgefällige Ernsthaftigkeit an den Tag. Darüber hinaus aber gibt es in dieser Chronik des Durch- und Auftauchens Probleme mit der Sympathie. Es ist, als hätte van Sant Mühe, eine solche für seine Figuren aufzubringen. Bis auf Rooney Mara als engelsgleiches Wesen haben diese Probleme nicht nur van Sant, sondern auch alle anderen, die hier auftreten. Vieles hat eine resignierende Beiläufigkeit, ich will nicht sagen arrogant, aber etwas egozentrisch, als wäre das Problem der Akzeptanz anderen gegenüber davon abhängig, ob man sich selbst akzeptiert hat. Dass dies in diesem Film das Endziel der Challenge ist, verwundert mich die Geisteshaltung natürlich nicht wirklich – andererseits hält das den Zuschauer, in dem Fall mich, seltsam auf Distanz.

Don´t worry, weglaufen geht nicht

Rocketman

DURCH DIE ROSAROTE BRILLE

7/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEXTER FLETCHER

CAST: TARON EGERTON, JAMIE BELL, RICHARD MADDEN, BRYCE DALLAS HOWARD, STEVEN MACKINTOSH U. A.

 

Was haben Freddy Mercury und Elton John eigentlich gemeinsam? Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick sehr vieles. Ein unglaubliches, musikalisches Talent, das absolute Gehör und das Zeug zu einer Repräsentanz, die die Dimensionen einer One-Man-Show oft schon mal durchbrochen hat. Beide sind schwul, haben markanten Zahnwuchs und einen Hang zu exzentrischen Outfits, Elton John vorzugsweise Brillen und Mercury hautenge Trikots. Und noch etwas haben sie gemeinsam, man möchte meinen ein gemeinsames Leid, nämlich ihren Manager John Reid. In Bohemian Rhapsody durfte „Kleinfinger“ Aidan Gillen in die Rolle der profitgierigen rechten Hand seiner hörigen Superstars schlüpfen. In Rocketman darf das Richard Madden, ebenfalls aus Westeros übersiedelt, in die Welt der Biopics und der Aufs und Abs legendärer Bühnenkünstler, die sich durch die Schattenseiten des Ruhms nun mal durchwühlen müssen, mit all ihren sirenengleichen Versuchungen, die dann gottlob abendfüllend überwunden werden können.

Der Mensch ist für das permanente Reiten am Wellenkamm grundsätzlich nicht gemacht, das geht an die Substanz, und fordert folglich Substanzen, die das Defizit wettmachen sollen. Hinzu kommt mitunter elterliches Versagen aus der Kindheit wie bei Reginald Dwight der Fall, und fertig ist der Mix aus mangelnder Selbstliebe und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Da bei einem Star meist nur die Fassade geliebt wird, ist sowas selten erfüllend. Elton John hat aber, wie man unlängst in Cannes gesehen hat, wirklich die Kurve gekriegt. Schön, sich sowas im Kino anzusehen. Denn das ist die lose Storyline, die quasi als straffes Libretto Dexter Fletchers Musical-Chartshow dramatisches Rückgrat verleiht. Womit wir wieder bei der nächsten Gemeinsamkeit mit Bohemian Rhapsody wären. Fletcher hat auch beim Oscar-geadelten Musikfilm der Queen-Band Hand angelegt, nachdem Bryan Singer aus uns bekannten Gründen gebeten wurde, das Handtuch zu werfen. Fletcher hat es aufgefangen, und die Sache zu einem guten Ende gebracht. Im Zuge dieses Erfolges, und da wohl nur der halbe Film unter seinen Fittichen stand, war etwas Ähnliches in der Art nur das Weiterführen einer gemähten Wiese. Wenn schon gerade warmgelaufen, muss man die Energie auch irgendwie weiter nutzen – für die Schicksalssymphonie eines kaum weniger kultisch verehrten Großmeisters der Pop-Komposition. Und da Dexter Fletcher diesmal von Anfang an dabei war, und die quirlige Leichtigkeit seiner Sportlerdramödie Eddie the Eagle weiteres in der Art verspricht, beginnen deshalb auch hier trotz aller Gemeinsamkeiten zum Queen-Film langsam Differenzen hochzusickern.

Während Bohemian Rhapsody als prosaisches Drama all seine fetzigen Ohrwürmer vom dargestellten Künstlerteam erarbeiten ließ und sie Teil des chronologischen Geschehens waren, baut Rocketman das musikalische Erbe Elton Johns als erzählerisches Mittel ein: Voila, wir haben ein Musical. Und was für eines. Natürlich, Ohrwurm-Bühnenshows sind schnelle Abkassierer, regelrechte Crowdpleaser, die das große Geld garantieren, und das auf sehr einfachem Weg. Da geht’s gar nicht um die Geschichte dahinter, da geht es um den Rhythmus und den Groove, und den schmachtenden Abnicken wohlbekanner Evergreens. Das war so bei Falco, beim We Will Rock You-Musical, bei Mamma Mia oder bei I am from Austria. Zuerst waren da die Songs, und das Drumherum bekommen wir schon hin. Das ist natürlich Instant-Kultur, wie das Aufgießen einer Päckchensuppe – aber den Leuten gefällt’s. Also darf und soll auch Rocketman das Gleiche tun. Nicht leiden, nicht Probleme wälzen, sondern gefällig aufspielen wie beim Crocodile Rock, wo alles, was keine Flügel hat, fliegt.

Fletchers Filmoperette ist eine schillernde Rampensau, und wie hier Drama mit Bühnenshow kombiniert wird, einfach virtuos. Taron Egerton, der seit Fletchers Eddie-Hommage nie mehr wieder so gut war, taumelt in erfolgstrunkenem Zustand vom luxuriösen Wohnzimmer auf die Bühne, vom Krankenhaus an den Flügel, vom Flanieren auf einer Party in seinen nächsten Song. Wie Egerton sie bringt, hat eine ganz eigene Färbung, ist nicht Elton Johns Timbre, aber das macht nichts, ganz im Gegenteil – so lernt man bekannte Melodien plötzlich neu kennen. Keine Szene, die nicht ein paar Takte seiner Stücke anspielt, und seien sie auch noch so unplugged, noch so verborgen zwischen den Textzeilen. Rocketman schippert ganz eindeutig im Erfolgsfahrwasser von Bohemian Rhapsody, legt seine Songs aber ganz anders auf. Sie sind wichtiger als der ganze biographische Rest, doch greifen sie umschmeichelnd auf Stationen eines Lebens zurück, die fast schon generisch sind für das Ruhm-Handling eines Weltstars. Elton John war dafür bestens geeignet.

Rocketman

Werk ohne Autor

VOM KLAGEN DER BILDER

7,5/10

 

werkohneautor© 2018 Walt Disney Company

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2018

REGIE: FLORIAN HENCKEL VON DONNERSMARCK

CAST: TOM SCHILLING, PAULA BEER, SEBASTIAN KOCH, SASKIA ROSENDAHL, OLIVER MASUCCI, LARS EIDINGER, BEN BECKER U. A.

 

Wo kein Richter, da kein Wohlgefallen: mit Florian Henckel von Donnersmarcks neuem und für den Auslands-Oscar nominierten, episch-biographischen Streifen hatte der Maler eingangs erwähnten Namens keine Freude. Warum? Nun, weil sich der Künstler in Werk ohne Autor ganz anders nennt – nämlich Kurt Barnert. Auf die Frage hin, warum denn von Donnersmarck nicht gleich und völlig aufrichtig Richter selbst erwähnt, gab es die Antwort, dass vorliegender Film lediglich eine Anlehnung an dessen Biografie sei, und nicht die Biografie selbst. Das allerdings macht vielleicht wütender als die Tatsache, das Kind nicht beim Namen nennen zu wollen. Denn Werk ohne Autor ist bis ins Detail und völlig offensichtlich sehr wohl die Biografie von Gerhard Richter. Selbst die Bilder sind inhaltlich ident, selbst Dresden als die Stadt, in welcher die Lebensgeschichte ihren Lauf nimmt, ist dieselbe. Somit ist das Drama eindeutig eine True Story, nichts Fiktives. Dafür aber trotz seiner sitzfleischfordernden Dauer von 3 Stunden so dermaßen straff und fesselnd inszeniert, dass diese wie im Flug vergehen. Dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts so punktgenau auf relevante Eckdaten heruntergestrichen wurde, dass man dennoch das Gefühl hat, die Zeit in all seinen Tagen vorüberziehen zu sehen. Das klingt, als wäre der Film epische Langeweile – mitnichten! Trotz der formalen Perfektion sind die unerwähnten Tage dazwischen Zwischenbilder im Kopf, scheinbar lückenlos, wie ein ganzes, volles Leben. In welchem viel passiert ist, viel Düsternis zwar, viel unbarmherziges Schicksal, aber auch die Chance, die Dinge in ihrem Zusammenhang zu begreifen, wie Barnert selbst sagt. Und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Was ist Wahrheit? oder besser gesagt – wie ist Wahrheit? Wahrheit ist schön, das sagt zumindest der künstlerisch hochbegabte Junge, dargestellt von Tom Schilling, der mit seiner Aussage gut und gerne einen Platz in Stefan Sagmeisters MAK-Ausstellung Beauty seinen Platz hätte finden sollen. Warum aber ist sie so schön? Schmerzt Wahrheit nicht viel mehr? Oder ist damit nur die Wahrheit der Kunst gemeint? Werk ohne Autor beginnt mit eben dieser – einer vermeintlich falschen Wahrheit, im Rahmen einer Kunstausstellung entarteter Schöpfer des Jahres 1937. Da waren die Maler der Brücke oder des Blauen Reiter künstlerische Missgeburten, verachtet und für krank befunden. Die Wahrheit ist hier auf das groteskeste verzerrt, und damit meine ich nicht die der Bilder, sondern das generische Gesetz eines faschistoiden Geschmacks. In dieser Welt wächst Kurt Barnert auf, ist sichtlich fasziniert von den entarteten Formen, die nur im Kopf geboren sind. Und von seiner Tante, die dem Jungen Weisheiten auf den Weg gibt, und ihn anhält, niemals wegzusehen. In Folge der Säuberung minderwertigen Lebens unter der NS-Herrschaft fällt auch die schizophren veranlagte Verwandte zum Opfer – durch die Hand des SS-Arztes Seeband, der darüber urteilt, was weiterleben darf und was nicht. Erschreckende Szenen, nicht zu begreifen. In seinem Grauen aber pietätvoll, soweit es geht, in Szene gesetzt. Der kleine Kurt ahnt all die Vorfälle, zieht sich zwar nicht zurück, aber verankert sich zusehends in seiner eigenen Realität, seiner Wahrheit, die eines Künstlers, der in einer gewissen Übersensibilität vermeint, mehr zu verstehen als andere, dafür aber nur spricht, wenn Bedarf besteht. Bis es allerdings soweit kommt, bis sich das Portal zum Ausdruck seiner Wahrheit öffnet, vergehen Jahre, Jahrzehnte, passieren seltsame Zufälle, die den Verdacht auf eine deterministische Welt schüren.

Die Wahrheit der Kunst ist die Prämisse von Donnersmarcks schillernden, bravourös erarbeiteten Film, in dem der künstlerische Umbruch der 60er Jahre mit sehr viel Affinität und Aufmerksamkeit nachgestellt ist. Die Kunstakademie Düsseldorf wird zum Schmelztiegel unterschiedlichster Weltsichten, nicht mehr unterdrückter Messages und schwer zugänglicher, befreiender Aufschreie. Hinsehen muss erstmal weniger der Kunstkonsumierende, sondern der Künstler selbst, der zu dieser Zeit den Krieg mit der Muttermilch mitbekommen und die Nachkriegszeit erlebt hat, eine Kindheit voller Entbehrung und Bitternis. Von diesen Umständen längst angewidert, müssen innere Wahrheiten ans Licht, und schwere Schuld getilgt werden. Zum Beispiel die Schuld eines Monsters in Weiß, das noch nach dem Krieg das Erbgut der Elite arisiert sehen will. Sebastian Koch legt als arroganter Übermensch eine beeindruckende schauspielerische Arbeit vor – so furchterregend rausgeputzt war rechthaberischer Trotz noch selten. Schilling aber, stets mit dem Blick aufs Wesentliche, findet in seiner Wahrheit jene dunkle des anderen. Und lässt Kunst entstehen, unscharf und verwaschen wie die Erinnerung. Doch was steckt dahinter, hinter all diesen Bildern? Vielleicht gar nichts, nur der Deckmantel des erkennenden Blickes. Keine Biografie, kein Trauma. Ist das zu wenig? Soll ein Künstler nicht sich selbst verarbeiten? Als man Samuel Beckett gefragt hat, was seine Werke eigentlich sollen, wusste er es selbst nicht. Auch David Lynch trägt wenig Erhellendes zu seiner Arbeit bei. In Werk ohne Autor hat das Werk letzten Endes tatsächlich keine Geschichte. Sondern nur die Geschichte des Betrachters, der sich ertappt fühlt.

Werk ohne Autor

Die Berufung

WELT VERÄNDERN IN VIER MINUTEN

5/10

 

dieberufung© 2019 eOne Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: MIMI LEDER

CAST: FELICITY JONES, ARMIE HAMMER, KATHY BATES, SAM WATERSTON U. A.

 

Gäbe es keine Menschen wie Ruth Bader Ginsburg, wäre die Welt eine trostlose. Vor allem eine regressive, statische, undynamische. Eine, die den Dingen nachhängt, die immer schon waren, die bestehende Ordnungen und Parameter nicht hinterfragt, sich einfach nur auf gesprochenen Wörtern ausruht, die irgendwann mal, vor unsagbar langer Zeit, gesagt wurden, als unsere Ahnen noch ganz anders tickten. Den Wandel muss sich der Mensch bewusst machen – und als Teil des kollektiven Metabewusstseins akzeptieren. Evolutionstechnisch auf der Schokoladenseite, zumindest kognitiv, sollten sich im Rahmen unserer Aussichten Ansichten erneuern. Evolutionstheoretisch betrachtet, gibt es immer einige wenige, die das Körnchen Weisheit im Rahmen der selektiven Anpassung in sich tragen. Ähnlich wie in der Welt der Tiere, in der Einzelne als neue Spezialisten unbesetzte Nischen erschließen, damit Erfolg haben und ihr Erbe weitergeben. Das Erbe des Verstands, des Umdenkens und der Vernunft, das haben in der jüngeren Geschichte Menschen wie zum Beispiel Emmeline Pankhurst, Martin Luther King oder eben Ruth Bader Ginsburg weitergegeben. Gegenwärtig: ein 15jähriges Mädchen namens Herta Thunberg. Es ist dieses Streben nach dem Guten, das sich durch die Geschichte der Menschheit zieht, wie ein roter Faden, der manchmal hauchdünn erscheint und kurz davor ist zu zerreißen. Bei den Worten und Taten dieser Einzelnen wird der Faden wieder dicker, die Gesellschaft hellhöriger. Zumindest ein guter Teil davon. Und die anderen? Die werden irgendwann verschwinden. Bis es soweit kommt, sind sie aber noch ein Bollwerk, gegen das aufgestanden werden muss. Gegen das Ruth Bader Ginsburg aufgestanden ist.

Der unscheinbare Fall, mit dem die blitzgescheite und eloquente Juristin letztendlich berühmt geworden ist, wäre fast zu übersehen gewesen. Eine Steuersache, nicht der Rede wert. Eher ein Fall für Ginsburgs Gatten, der sich in Finanzdingen eigentlich besser auskennt. Wäre da nicht, wenn man genauer hinsieht, diese Sache mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen. Und interessanterweise ist Ginsburg Präzedenzfall einer, der nicht das weibliche, sondern das männliche Geschlecht benachteiligt. In wenigen Worten: Kein Pflegegeld für ledige Männer, die daheimbleiben, um die eigene Verwandtschaft zu pflegen anstatt arbeiten zu gehen. Absurd, hier zu differenzieren, impliziert es doch ein statisches Rollenbild, das so eigentlich nicht existieren sollte. Diese sture Gesetzgebung sagt Ginsburg, einer der wenigen weiblichen Juristinnen zu dieser Zeit, den Kampf an. Es ist ein Kampf mit Worten und Argumenten. Und gerade zur richtigen Zeit im Kino, in der Lohngleichheit, Me too! und familiärer Resourcenpoker zur Chefinnensache wird. Und das Ganze noch mit Premiere am Internationalen Frauentag.

Hollywood folgt, stärker als jede andere Filmnation, einem energischen Trend, der sich auf drei Schwerpunkte auffächert. Erstens das – zu Recht – schlechte Gewissen gegenüber der schwarzen Bevölkerung Amerikas, zweitens die Integration der Homosexuellen und drittens die Egalität der Frau. Gefühlt jeder zweite Film aus Übersee hat sich eines dieser drei Themen zur Brust genommen. Damit wird die Traumfabrik zum medien- und massentauglichen Gewissen auf der Leinwand, zum Trendsetter eines Umdenkens, das womöglich nur jene abholen wird, die die Behebung jener Missstände ohnehin unterstützen. Mimi Leder, mir bislang durch das Katastrophenspektakel Deep Impact ein Begriff, folgt nun des Filmemachers Verpflichtung zur Aufklärung und bringt Auszüge aus der Biographie der mittlerweile im Supreme Court tätigen Rechtspionierin auf die Leinwand, mit Felicity Jones in der Hauptrolle, in der Hoffnung, ein True-Story-Drama zu entfesseln, dass alle mitreißt und noch mehr motiviert, irgendetwas Gutes zu tun. Nun, das Streben nach dem Guten hatte ich schon vorher auf der Agenda, da ist Die Berufung nicht wirklich der Auslöser. Überhaupt ist Leders Inszenierung gleich einem Stapel durchaus brisanter Akten, aber letztendlich Akten, die ungeachtet ihres Inhalts eben Papierkram sind – und ähnlich trocken bemüht sich die Story, sich kinotauglicher Eigenschaften zu bedienen. Daraus wird nur bedingt etwas bewegendes. Das Justizdrama ist ein sehr sachlicher Film, und mischt sich relativ wenig in die Privatangelegenheiten der biographischen Figur ein, und wenn, dann nur am Rande, wenn es zum Beispiel um das Leiden von Ehemann und Vater Martin Ginsburg geht, gespielt von Armie Hammer, der seinen Part zwar in souveräner Eleganz, aber oberflächlich anlegt. Oberflächlich ist in diesem Film relativ viel und vor allem das, was die Essenz der Geschichte, nämlich die – sagen wir mal so – „vier Minuten Ruhm“ dramaturgisch notwendig auspolstern. Aber was hat es mit den vier Minuten auf sich? Das ist der Zeitrahmen, der Ruth Bader Ginsburg für das Schlusswort während des Berufungsprozesses noch zur Verfügung stehen, und welches den Stein für weitere Reformen überhaupt erst ins Rollen bringen wird. Das ist schon grandios, was der ehrgeizige Workaholic hier vollbracht zu haben scheint, und der ganze Film läuft auf diese vier Minuten zu, übereifrig und mit dem Blick nach vorne. Was man leider sehr deutlich merkt, nämlich, dass Mimi Leder handwerklich solide, aber nicht mehr, die ersten eineinhalb Stunden abdreht, um endlich dort anzukommen, wo Geschichte geschrieben wird. Felicity Jones macht dabei vieles richtig, müht sich aber, die darzustellende, öffentliche Person charakterlich einzuordnen.

Fast, und das ist für einen inhaltlich so relevanten wie brisanten Film nicht zwingend keine Auszeichnung, lässt sich der Gesetzesexegese fast noch besser lauschen als zusehen, weil die Qualität von Mimi Leders Hommage in der zitierten Rede und Antwort liegt, und nur eher bedingt ein großes Drama daraus macht.

Die Berufung