Tarantula

JEDEM TIERCHEN SEIN PLÄSIERCHEN

6/10


tarantula© 1955 Universal Studios


LAND / JAHR: USA 1955

REGIE: JACK ARNOLD

CAST: JOHN AGAR, MARA CORDAY, LEO G. CARROLL, NESTOR PAVIA, ROSS ELLIOTT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Was würden Arachnophobiker dazu sagen, wäre das Subjekt ihrer Angst ums Hundert-, wenn nicht gar Tausendfache oversized? Wäre das eigentlich ein Erschwerniszuschlag zur Phobie oder wäre es weniger furchtbar, das Tier schon aus weiter Ferne sichten zu können? Liegt die Angst nicht eher darin, dass so kleine haarige Biester wie eine Tarantel (nicht falsch verstehen: ich liebe diese Kreaturen!) aus jeder Ecke kriechen und dabei mit ihren acht unepilierten Beinchen bedrohlich winken könnten? Ich würde mich vermutlich vor einer tonnenschweren Schabe wohl weniger ekeln als vor einem rasend schnell dahinkriechenden daumengroßen Sanitär-Invasor. Bedrohlich bleibt so ein achtbeiniges Ungetüm vielleicht dennoch. Und nicht, weil es Phobien zusätzlich schürt, sondern durchaus imstande ist, ganze Straßenzüge plattzumachen.

Jack Arnold, Fifties-Papst des Monsterfilms, hat nicht nur Ameisen aufgeblasen oder Guillermo del Toros Wasserwesen aus The Shape of Water vorweggenommen – er hat mit seinem kleinen Öko-Reißer Tarantula auch ein Denkmal für die südamerikanische Vogelspinne gesetzt – für ein an sich recht verträgliches, nicht wirklich aggressives, dezent giftiges Wesen, dass man als Haustier durchaus gerne auf Körperteilen spazieren lassen kann, um nichtsahnende Besucher ob des eigenen Mutes zu beeindrucken.

Schauplatz des Schwarzweißfilms ist ein Wüstenkaff irgendwo im Süden der USA. Dort treibt ein Wissenschaftler Experimente mit Tieren und deren Wachstum und versucht so, zukünftig aufkeimende Welternährungsprobleme im Keim zu ersticken. Experimente implizieren meist auch Fehlschläge, vor allem, wenn sie am Menschen erprobt werden. Und so gibt es, bevor die Arachnide größenwahnsinnig wird, erstmal mutierte rachsüchtige Ex-Kollegen, die besagtes Labor verwüsten und so ganz unbeabsichtigt manchen Tieren die Freiheit schenken. Eines davon hat dabei schon einige Dosen des Wachstumsserums intus und denkt gar nicht daran, sich in irgendein Erdloch zu verkriechen. Bald ist das staksende Teil unübersehbar für alle.

Natürlich ist Tarantula ein Klassiker. Alleine das Filmposter (lässt sich leicht googlen) spricht Bände. Und auch, was die visuellen Effekte angeht, fährt der Streifen heute noch. Gewieft, wie Arnold das sonst nur 10 bis 20 cm große Tier in die Landschaft kopiert, als steige sie tatsächlich über die Hügel, um sich an Pferden und Menschen zu mästen. Legendär natürlich auch die Szene, in der das possierliche Wesen durch das Fenster eines Hauses guckt, um den weiblichen Cast zum Kreischen zu bringen. Dieser Moment ist tatsächlich etwas schaurig, und auch wenn die schwarze Silhouette am Horizont erscheint, wird einem gar ein bisschen anders. Aber nur ein bisschen, denn der unfreiwillig komische Guilty Pleasure-Faktor überwiegt. Auch sonst macht Arnold nicht viel Feserlesen mit dem Plot und wie üblich in den 50ern kommt das banale Ende recht abrupt. Ein Low Budget-Thriller eben, der die in der breiten Masse vertretene Abneigung für Spinnen potenziert und daraus eine derbe Creepshow zelebriert, die zumindest optisch immer noch seinen Reiz hat.

Tarantula

Der Schrecken vom Amazonas

ZORES MIT DEM MISSING LINK

7,5/10

 

schreckenvomamazonas

 

LAND: USA 1954

REGIE: JACK ARNOLD

CAST: RICHARD CARLSON, JULIE ADAMS, ANTONIO MORENO, RICHARD DENNING, WHIT BISSEL, NESTOR PAVIA U. A. 

 

Wir haben es ja schon immer gewusst. Diese Missing Links werden uns nochmal zum Verhängnis. Und das Xenophobe an uns Menschen macht es auch nicht leichter. Denn alles, was wir nicht kennen, klassifiziert und untersucht haben – alles, was wir nicht unterwerfen können, ist faktisch mal eine Bedrohung, die wegsoll. So gebrochene Wesen können so viel Antipathie durchaus spitzkriegen – und holen zum Rundumschlag aus. Dabei kann das Fremde sowohl künstlichen Ursprungs sein wie Frankensteins Monster – oder einfach im Dickicht des Amazonas vergnüglich umherplantschen, und das schon seit Millionen von Jahren, als lebendes Fossil wohlgemerkt, so wie der allseits bekannte Quastenflosser.

Unter Guillermo del Toros Regie wurde so ein Wesen tatsächlich eingefangen – und wieder befreit: The Shape of Water, ein wunderbares filmisches Bilderbuch, sehr phantastisch, sehr verträumt. Wo der Spanier mit dem Faible für Kreaturen aller Art seine Inspirationen verankert sieht, wird auch sofort klar, wenn man sich Jack Arnolds fast schon wegweisenden und tatsächlich in 3D gedrehten Klassiker Der Schrecken vom Amazonas hernimmt. Wie jetzt – das ist doch das Wesen aus del Toros Film, oder etwa nicht? Naja – fast – aber ich könnte mir Arnolds Film als Vorgeschichte zum oscarnominierten, ebenfalls in den 50ern spielenden Werk durchaus vorstellen. Irgendwo gefangen muss der Fischmensch schließlich geworden sein. Und auch das Vorbild in Schwarzweiß hat ein gewisses Faible für Damen. Eine davon, also die einzige in diesem Film, geht der Kreatur das eine oder andere Mal durch die Flossen, während diese ihren Loverboy mit auf eine Expedition ins Amazonasbecken begleitet, um einem sensationellen fossilen Fund nachzugehen, der im Grunde nichts anderes erzählt, als von der Tatsache, das humanoide Wasserwesen uns zeitlich weit voraus waren. Was für ein Irrtum – es gibt sie noch! Und die ganze Partie an Wissenschaftlern, Sponsoren und Möchtegern-Monsterjäger sind ganz aus dem Häuschen, als klar wird, dass sich eine dieser Kreaturen noch quicklebendig zeigt. Blöd nur, dass diese eine nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen ist und ihren Tod noch etwas rauszögern möchte – am besten in trauter Zweisamkeit mit einem Landzweibeiner.

Dieser wirklich alte und dabei aber überraschend unverstaubte Klassiker des Monsterfilms hat technisch gesehen auch heute noch nichts zu verbergen. Da das Zuhause des Fischmenschen natürlich die Gewässer der Schwarzen Lagune ist, und Homo sapiens ihm genau dort an die Schuppen will, musste die Filmcrew wohl oder über vermehrt auf Tauchstation gehen. Das Ergebnis: verblüffend noble Unterwasseraufnahmen, insbesondere jene, die den geschmeidig dahingleitenden Fremdling zeigen oder diesen beim sandaufwühlenden Schlagabtausch mit einem Menschen. Immer noch ansehbar, ohne schadenfroh zu grinsen ob der Unzulänglichkeiten der Kostümbildner, ist der Bodysuit des Monsters. Ehrlich, del Toro hätte es nicht besser gekonnt. Das Outfit wirkt nicht wie plumpes Gummi, sondern wirkt tatsächlich wie Haut. Und wenn der Kiemenmann dann nach Sauerstoff ringt, ist die Biologie für diesen Humanoiden längst geschrieben.

Der Schrecken am Amazonas macht Lust auf Retro, macht Lust auf die alten Perlen des phantastischen Kinos, auf Formicula und Tarantula und wie sie sonst noch alle heißen. Dieser hier allerdings ist wohl einer der Besten, obwohl dramaturgisch gesehen sicherlich noch jede Menge Luft nach oben ist. Doch das schert niemanden, im Gegenteil – der naive Charme der 50er inklusive ohnmachtsnaher Scream Queen trägt noch zusätzlich dazu bei, dass Arnolds Pionierarbeit ein Guilty Pleasure für Monsterfans bleibt.

Der Schrecken vom Amazonas