Der Schrecken vom Amazonas

ZORES MIT DEM MISSING LINK

7,5/10

 

schreckenvomamazonas

 

LAND: USA 1954

REGIE: JACK ARNOLD

CAST: RICHARD CARLSON, JULIE ADAMS, ANTONIO MORENO, RICHARD DENNING, WHIT BISSEL, NESTOR PAVIA U. A. 

 

Wir haben es ja schon immer gewusst. Diese Missing Links werden uns nochmal zum Verhängnis. Und das Xenophobe an uns Menschen macht es auch nicht leichter. Denn alles, was wir nicht kennen, klassifiziert und untersucht haben – alles, was wir nicht unterwerfen können, ist faktisch mal eine Bedrohung, die wegsoll. So gebrochene Wesen können so viel Antipathie durchaus spitzkriegen – und holen zum Rundumschlag aus. Dabei kann das Fremde sowohl künstlichen Ursprungs sein wie Frankensteins Monster – oder einfach im Dickicht des Amazonas vergnüglich umherplantschen, und das schon seit Millionen von Jahren, als lebendes Fossil wohlgemerkt, so wie der allseits bekannte Quastenflosser.

Unter Guillermo del Toros Regie wurde so ein Wesen tatsächlich eingefangen – und wieder befreit: The Shape of Water, ein wunderbares filmisches Bilderbuch, sehr phantastisch, sehr verträumt. Wo der Spanier mit dem Faible für Kreaturen aller Art seine Inspirationen verankert sieht, wird auch sofort klar, wenn man sich Jack Arnolds fast schon wegweisenden und tatsächlich in 3D gedrehten Klassiker Der Schrecken vom Amazonas hernimmt. Wie jetzt – das ist doch das Wesen aus del Toros Film, oder etwa nicht? Naja – fast – aber ich könnte mir Arnolds Film als Vorgeschichte zum oscarnominierten, ebenfalls in den 50ern spielenden Werk durchaus vorstellen. Irgendwo gefangen muss der Fischmensch schließlich geworden sein. Und auch das Vorbild in Schwarzweiß hat ein gewisses Faible für Damen. Eine davon, also die einzige in diesem Film, geht der Kreatur das eine oder andere Mal durch die Flossen, während diese ihren Loverboy mit auf eine Expedition ins Amazonasbecken begleitet, um einem sensationellen fossilen Fund nachzugehen, der im Grunde nichts anderes erzählt, als von der Tatsache, das humanoide Wasserwesen uns zeitlich weit voraus waren. Was für ein Irrtum – es gibt sie noch! Und die ganze Partie an Wissenschaftlern, Sponsoren und Möchtegern-Monsterjäger sind ganz aus dem Häuschen, als klar wird, dass sich eine dieser Kreaturen noch quicklebendig zeigt. Blöd nur, dass diese eine nicht auf der Nudelsuppe daher geschwommen ist und ihren Tod noch etwas rauszögern möchte – am besten in trauter Zweisamkeit mit einem Landzweibeiner.

Dieser wirklich alte und dabei aber überraschend unverstaubte Klassiker des Monsterfilms hat technisch gesehen auch heute noch nichts zu verbergen. Da das Zuhause des Fischmenschen natürlich die Gewässer der Schwarzen Lagune ist, und Homo sapiens ihm genau dort an die Schuppen will, musste die Filmcrew wohl oder über vermehrt auf Tauchstation gehen. Das Ergebnis: verblüffend noble Unterwasseraufnahmen, insbesondere jene, die den geschmeidig dahingleitenden Fremdling zeigen oder diesen beim sandaufwühlenden Schlagabtausch mit einem Menschen. Immer noch ansehbar, ohne schadenfroh zu grinsen ob der Unzulänglichkeiten der Kostümbildner, ist der Bodysuit des Monsters. Ehrlich, del Toro hätte es nicht besser gekonnt. Das Outfit wirkt nicht wie plumpes Gummi, sondern wirkt tatsächlich wie Haut. Und wenn der Kiemenmann dann nach Sauerstoff ringt, ist die Biologie für diesen Humanoiden längst geschrieben.

Der Schrecken am Amazonas macht Lust auf Retro, macht Lust auf die alten Perlen des phantastischen Kinos, auf Formicula und Tarantula und wie sie sonst noch alle heißen. Dieser hier allerdings ist wohl einer der Besten, obwohl dramaturgisch gesehen sicherlich noch jede Menge Luft nach oben ist. Doch das schert niemanden, im Gegenteil – der naive Charme der 50er inklusive ohnmachtsnaher Scream Queen trägt noch zusätzlich dazu bei, dass Arnolds Pionierarbeit ein Guilty Pleasure für Monsterfans bleibt.

Der Schrecken vom Amazonas

Die Weite der Nacht

I WANT TO BELIEVE

7/10

 

vastofnight© 2019 Amazon.com Inc.

 

ORIGINALTITEL: THE VAST OF NIGHT

LAND: USA 2018

REGIE: ANDREW PATTERSON

CAST: SIERRA MCCORMICK, JAKE HOROWITZ, BRUCE DAVIS, GAIL CRONAUER U. A. 

 

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, da waren sich Scully und Mulder ziemlich sicher. Nur: die Wahrheit lag schon da draußen, da waren die beiden selbst noch Sternenstaub. Selbige fand ihre Spielwiese in New Mexiko, genauer gesagt in Roswell, als dort angeblich ein extraterrestrisches Vehikel samt Insassen geborgen wurde, was aber mittlerweile von vielen Seiten dementiert wird. Verschwörungsgurus wollen das gar nicht hören. Aber he! Langsam wird es Zeit, sich wieder mal anderen Fakten zuzuwenden, weg von entfesselten Virengewalten aus dem Versuchslabor. Weg von Chemtrail und Flat Earth-Ideen. Vielleicht wieder mehr herumstöbern in den UFO-Annalen? Das tut weniger weh, vor allem auch, weil man dort mehr fabulieren kann.

Erst heute morgen habe ich einen Artikel gelesen über die statistische Wahrscheinlichkeit außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Nun, es müssten rund 35 solcher Fälle geben, parallel zu unserem Fall inklusive Schwankungsbreiten von mehreren Milliarden Jahren. Wenn es sie statistisch gäbe, dann wären wir von der nächsten viel zu weit entfernt, um die Post vom anderen Ende noch zu erwarten. Dennoch, und weil sich die im Flüsterton vorgebrachte Idee an geheimnisvollen lauen Sommerabenden bestens eignet – könnten die Fremden schon längst angeklopft haben. Vielleicht in den 50er Jahren, als Radio und Funk der Hochgenuss des Entertainments waren. Wo Tonbandgeräte für Verblüffung sorgten. Und wo Kleinstädte in New Mexiko prädestiniert dafür waren, das Mysteriöse anzuziehen.

The Vast of Night, oder – in der Übersetzung – Die Weite der Nacht (eine Formulierung aus Shakespeares Der Sturm) ist ein seltsam mysteriöses, kleines Phänomen und eine in sich fremdartig grummelnde Hommage an Orson Welles Radioperformance zu H. G. Wells Klassiker Krieg der Welten, womit er 1938 ganz Amerika zum Narren hielt. Regisseur Andrew Patterson hat sich sein Regiedebüt komplett eigenfinanziert. Eine Liebhaberei, das sieht man. Aus so Liebhabereien entstehen Innovationen, entstehen Experimente für neue Ansätze, um filmische Geschichten zu erzählen. Aber zugegeben: Aller Anfang ist nicht leicht. Die Weite der Nacht pflanzt uns Zuseher vor den Eingang einer kleinstädtischen High School (Buffy lässt grüßen) und hängt die ersten 20 Minuten an den Lippen der beiden Protagonisten Everett und Fay. Die quasseln ungebremst über Leute, die wir nicht kennen, über das Triezen anderer Mitschüler und das bevorstehende Basketball-Spiel in der Turnhalle. Später schlendern sie durch die laue Sommernacht und palavern über die Zukunft der Technik, über die absurde Vorstellung, in 50 Jahren vielleicht auf kleinen Hosentaschenbildschirmen mit anderen zu kommunizieren. Oder dass eine Stimme im Auto die Fahrtrichtung vorgibt. Begeisterte Technik-Nerds, das sind sie beide, er ein Moderator im Radio, sie im Nachtdienst an der Telefonvermittlung. Kurze Zeit später aber passiert das Rätselhafte: Seltsame Funkgeräusche werden wahrgenommen, Zeugen melden sich über Telefon, indem sie offenbaren, mehr über diesen Sound zu wissen als ihnen lieb ist. Und schon ist die Stimmung perfekt, der Zuschauer gefesselt, das große, verändernde Ereignis vielleicht kurz davor einzutreten?

Was Spielberg mit seiner Unheimlichen Begegnung der dritten Art mit viel Licht und Bühnenshow formuliert hat, lässt Die Weite der Nacht in einer bedeutungsschweren Spärlichkeit aus Licht und grobkörniger Kamera, ausgewaschenen Postkarten-Kolorit von damals und knackenden Geräuschkulissen eine ganz andere Gestalt annehmen. David Lynch gelang es meist, in der Abwesenheit von etwas oder einfach nur mit der Dunkelheit selbst enormes Unwohlsein zu erzeugen – Patterson gelingt ähnliches, lässt seine entfesselte Kamera auf Kniehöhe über die leeren finsteren Straßen ziehen, dann wieder folgt Schnitt auf Schnitt, dann wieder ein Blackout und die Mysterytour wird zum Hörspiel. Der Score selbst verbucht durch seinen unberechenbaren Mix aus Sound und Instrumenten eine ganze Metaebene für sich, entwickelt aber gemeinsam mit der enorm dialoglastigen Tendenz zum Kammerspiel a la The Guilty eine atmosphärische Erstaunlichkeit, obwohl oder gar weil dem Independent-Streifen einer dieser üblichen, manchmal aber sowieso eher aufgesetzten Story-Twists fehlt. Den schüttelt Die Weite der Nacht nämlich nicht aus dem Ärmel, das kommende Geschehen ist prinzipiell mal einzuschätzen, obwohl ich auf den Richtungswechsel in der Storyline bis zuletzt gewettet hätte. Man sieht aber wieder, dass mit dem semidokumentarischen Kniff eines Pseudo-Reports und dem magischen Retro-Charme einer Twilight-Zone-Episode aus flirrenden Schwarzweiß-Fernsehröhren Erdachtes einnehmend authentisch wirken kann. Man braucht nicht viel zu sehen, nur in seinem Mix alles zu empfinden, was für eine alternative Wahrheit sprechen kann. Und das prickelt, während das rationale Denken zugunsten jugendlicher Fantasien gerne eine Pause macht.

Die Weite der Nacht

Der Honiggarten

BIENENFLÜSTERN GEGEN BIGOTTERIE

6,5/10

 

honiggarten© 2019 capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: ANNABEL JANKEL

CAST: ANNA PAQUIN, HOLLIDAY GRANGER, GREGOR SELKIRK, KATE DICKIE, LAUREN LYLE, BILLY BOYD, STEVEN ROBERTSON U. A. 

 

Verdammt lang ist das schon her – 1993 erhielt das junge Mädchen namens Anna Paquin für ihre außergewöhnliche Leistung in Jane Campions Neuseeland-Drama Das Piano mit gerade mal zwölf Jahren den Oscar. Sie war somit die zweitjüngste Gewinnerin in der Geschichte des Goldjungen nach Tatum O´Neal für Papermoon. Das nur am Rande. Seitdem hat die kanadisch-neuseeländische Schauspielerin allerhand zu tun gehabt – für nicht zu knappe Bekanntheit sorgte natürlich ihr Auftreten in Xaviers Mutantenschule bei den X-Men. Der  Liebesfilm Der Honiggarten (im Original viel treffender: Tell it to the Bees) lief noch vor Scorseses The Irishman, wo Paquin die von De Niro schwer enttäuschte Tochter spielt. Interessant, welche Künstler am Set dieses durch und durch britischen Streifens zusammengefunden haben: Paquin eben, und eine Dame namens Annabel Jankel, die, was wohl angesichts dieses Films niemand vermuten wurde, den virtuellen Kultkopf Max Headroom in den 80ern mitentwickelt hatte. Nebst diesem Medien-Trendsetter geht auch die weniger prickelnde Game-Verfilmung Super Mario Bros auf ihr Konto – rückblickend eigentlich nicht mehr anschaubar. Gut, auch die Zeiten verändern die Ambition der Schaffenden, und so ist es diesmal die Verfilmung gediegener Belletristik von Fiona Shaw.

Schöne, rustikale Bilder sind´s, die das Stückchen Arthousekino hier beschert. Die britischen Fünfzigerjahre kann man sich sowieso nicht anders vorstellen als verpackt in kleinstädtische Gemeinden, die von der Industrie leben, Backsteinhäusern, Rockabilly-Moden, kleinen Läden und sehr viel Asphalt. Sehr oft Regen und wenn’s mal nicht regnet, spärlicher Sonnenschein, in dessen Gegenlicht die paar schönen Momente stattfinden, die die beiden Liebenden, um die es hier geht, für sich verbuchen können. Natürlich, Der Honiggarten ist kein gewöhnlicher Liebesfilm, das wäre dann gar etwas zu sehr abgegriffen – es ist die sexuelle Beziehung zweier Frauen. Etwas Verbotenes, das niemand wissen darf. Die Nachbarn nicht, der Vater des einzigen Sohnes nicht, der seine Familie verlassen hat (finster: Emun Elliott) – überhaupt niemand. In den 50ern war Homosexualität auf der großen Insel etwas Verachtenswertes, Krankes. Aber nicht nur dort. Aus Todd Haynes betörenden Film Carol wissen wir, dass das auch an der Ostküste der USA ein gesellschaftliches No-Go war. Cate Blanchett und Rooney Mara haben es versucht. Auch Anna Paquin und Holliday Granger versuchen es. Und wie sie es versuchen, genau das bekommt der Film auf geschmeidige Weise hin. Dieses Annähern, dieses diskrete Beobachten, die unausgesprochene Sympathie. Dann will es das Schicksal, dass Mutter Granger und Sohn mit Anna Paquin unter einem Dach leben. Nichts besser als das, sagt die romantische Ader der beiden Frauen. Das ist schon sehr behutsam, sehr zartfühlend inszeniert. Paquins Rolle der verschreckten Erbin eines Landsitzes mit Mut zum unorthodoxen Lebensstil entbehrt nicht einer gewissen Faszination – Grangers Sehnsucht nach dieser Person lässt sich durchaus nachvollziehen. Dazwischen der Junge, der nicht weiß, wo er hin soll. In den bigotten Konservatismus seiner väterlichen Verwandten – oder mit dem Neuland, welches ihn umgibt, zurechtkommen. Dazwischen auch jede Menge Bienen, denn zu diesem geerbten Landsitz gehört auch eine Imkerei. Dieses Mysterium der nützlichen Insekten, zu denen man sprechen kann und die einem auch angeblich zuhören, quasi eine freud´sche Biene Maja samt Hofstaat, dieses Mysterium verleiht dem traditionellen Liebes- und Leidensreigen eine Art literarische Abgehobenheit, die sich dann aber gegen Ende etwas zu viel erlaubt – das dick aufgetragene Irreale wirkt leider etwas schnulzig.

Macht aber nicht allzu viel, darüber lässt sich hinwegsehen. Der Honiggarten ist eine ansehnliche Verfilmung geworden, die in ihrer klassisch erlernten Erzählweise jetzt nicht die Liebe neu erfindet, aber zumindest der eher selten gesehenen Anna Paquin einen noblen, sinnlichen und selbstbeherrschten Auftritt ermöglicht.

Der Honiggarten

Motherless Brooklyn

DIE BALLADE VOM SCHIMPFENDEN SCHNÜFFLER

6,5/10

 

motherlessbrooklyn© 2019 Warner Bros.

 

LAND: USA 2019

REGIE: EDWARD NORTON

CAST: EDWARD NORTON, GUGU MBATA-RAW, BRUCE WILLIS, WILLEM DAFOE, ETHAN SUPLEE, ALEC BALDWIN, LESLIE MANN, BOBBY CANNAVALE U. A. 

 

Kann noch irgendwer die genaue Handlung aus Howard Hawks Klassiker Die Spur des Falken rekapitulieren? Ich habe nur noch diese Vogelskulptur in Erinnerung, und Humphrey Bogarts müden Blick. Sonst aber war mir schon bei direkter Sichtung des Films der Plot einen Tick zu vertrackt. Der amerikanische Film Noir, der war bekannt dafür, einfach ganz viele Namen in ganze vielen Dialogen zu verstecken, die dann plötzlich immens wichtig waren und nach angestrengtem Erinnern vermutet man, diese irgendwann doch schon gehört zu haben. Hat man einmal nicht aufgepasst, hat man in der ganzen Dichte einer Story nicht den geringsten Durchblick mehr – Aufpassen wie ein Haftelmacher also das einzige Mittel dagegen. Edward Norton dürfte diese Art von Filmen der schwarzen Serie geliebt haben. Tote schlafen fest, Die Spur des Fremden oder wie sie alle heißen. Ein späteres Beispiel, das mir so in den Sinn kommt, ist The Two Jakes von Jack Nicholson, gemeint als Fortsetzung von Roman Polanskis Chinatown. Ein ungelöster Kriminalfall, mysteriöse Frauenfiguren und eine politische Verschwörung im Schatten – genau das ist es, was Norton auf die Leinwand bringen wollte, nicht weniger detailverzettelt und mit allerhand Namen. Um das zu gewährleisten, hat er gleich die literarische Vorlage des Schriftstellers Jonathan Lethem adaptiert. Warum gerade dieses Buch? Womöglich, weil Protagonist des ganzen wortgewaltigen Krimis keiner ist, der völlig unbemerkt in der Menge verschwinden kann. Dieser Lionel Essrog, oder auch Motherless Brooklyn, wie er gerne genannt wird, der leidet unter dem Tourette-Syndrom. Nicht leicht zu spielen so was. Entweder man verpeilt sich als Schauspieler in einer lächerlichen Nummer, oder man stellt die Krankheitssymptome, die sich in unkontrolliertem Lauteschmettern und Schimpfen bemerkbar machen, wirklich als ein pathologisches Defizit dar. Norton gelingt letzteres. Die Nervenkrankheit, die er imitiert, ist ein erschwerender Umstand in einem Job, der äußerste Diskretion verlangt. Ob all die Leute, denen er begegnet, mit diesem Erscheinungsbild umgehen können? Der blitzgescheite Lionel Essrog macht diesbezüglich niemanden etwas vor, denn er hat trotz all dieser Schwierigkeiten etwas, was wiederum andere vielleicht lieber hätten: ein eidetisches Gedächtnis. In diesem Zwielicht aus wandelndem Pocketmemo und Freakshow versucht der grundsympathische Sonderling, dem Mord an seinem Freund Frank (ein relativ farbloser Bruce Willis) aufzuklären. Was natürlich ungeahnte Kreise zieht.

Nortons gepflegte Krimikost samt Ich-Erzähler aus dem Off lädt zur mehr als abendfüllenden Postkartenschau aus dem Nachkriegs-New York, entwickelt eine Vorliebe für formschöne Boliden und erzählt aus einer längst vergangenen Zeit, in der noch Stil großgeschrieben wurde, fahrbare Untersätze noch Schmuckstücke waren und der Fedora als gängige Kopfbedeckung des kultivierten Mannes galt. Des Weiteren hat nicht nur Woody Allen eine fieberhafte Vorliebe für Jazzclubs und der dort gespielten Musik – auch in Motherless Brooklyn trötet die Trompete, klimpert das Klavier und federn die Saiten des Basses. Alles mit Stil, alles formschön und formatfüllend in Szene gesetzt – adrett, geschmackvoll und im Grunde fast jede Einstellung eine Verbeugung vor Huston, Hawks und einer ebenso längst vergangenen Film-Ära, die spannendes Bohren nach der Wahrheit mit sozialkritischen Untertönen vereinbaren konnte. So gesehen erfüllt Motherless Brooklyn als Reminiszenz auf das nostalgische Großstadtkino viele Erwartungen und bringt selbst Verweigerern von Hochprozentigem auf den Geschmack rauchiger Whiskeys. So richtig risikofreudig wird Norton bei der Interpretation bewährter Stilelemente allerdings nicht, wenngleich er nihilistische Weltbilder aus seinem Krimi weitestgehend getilgt hat und letztendlich zugunsten romantischer Ambitionen das Schlachtfeld aus langen Schatten von mantel- und huttragenden Daviden gegen krakengleiche Goliathe leerräumt.

Motherless Brooklyn

Stan & Ollie

NICHT OHNE MEINEN BUDDY

5,5/10

 

Unit stills photography© 2019 SquareOne Entertainment / capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA, KANADA 2019

REGIE: JON S. BAIRD

CAST: STEVE COOGAN, JOHN C. REILLY, DANNY HUSTON, NINA ARIANDA, SHIRLEY HENDERSON U. A.

 

Es gibt Beziehungen, die sind in so heißem Feuer geschmiedet, da reichen weder familiäre Bindungen noch ein Ehegelübde heran. Sie sind sogar schon mehr als nur eine innige Freundschaft, das ist sogar schon so etwas wie eine Symbiose – eine Existenz, die nur doppelt gemoppelt gelebt werden kann. Im fiktionalen Kulturkreis findet sich da einiges, wie zum Beispiel Don Camillo und Peppone oder Asterix und Obelix. Oder könntet ihr euch Obelix ohne Asterix vorstellen? Oder umgekehrt? Fix ohne Foxi? Peterson ohne Findus? Dinge der Unmöglichkeit. Bud Spencer oder Terence Hill waren im Alleingang bei weitem nicht so gut. Genauso verhält es sich auch mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Ihre Beziehung war genauso, nämlich die eines dynamischen Duos, das ohne den anderen niemals konnte und wenn doch, dann war das eine Schmach für beide. Stan & Ollie oder Dick & Doof, wie sie im deutschen Sprachraum auch hießen, waren nicht auseinanderzudividieren, waren wie Dean Martin & Jerry Lewis, Farkas & Waldbrunn und wie sie noch so alle hießen, diese Buddies, die sich ihre Pointen zuwarfen wie treffsichere Pässe beim Volleyball. Wo einer die Scherze auflegt, und der andere hineinsteigen muss. Das war wohl witzig damals, das war Slapstick mit Niveau, perfekt getimt und minutiös vorbereitet. Da saß jede Geste, jede Mimik. Sogar das Schälen von Eiern wurde zur Lachnummer. Das musste man können, so clownesk aufzutreten, dass es nicht peinlich wirkt, sondern pointiert und von lässiger Jovialität, trotz oder gerade wegen der hingebungsvoll nervenden Blicke von Oliver Hardy, der den achselzuckenden und kopfkraulenden Stan Laurel stets maßregeln musste, um kurzerhand Torten oder ähnliches ins Gesicht zu bekommen. Es lassen sich die Klassiker wie Die Wüstensöhne tatsächlich noch genießen – diese Nummernrevuen haben ein Kolorit und eine paraverbale Palette an komischer Performance, die heutzutage noch ihresgleichen sucht.

Und nun, da sind sie wieder, begleitet vom musikalischen Intro des Cuckoos Dance und nach einem Drehbuch von Jeff Pope (Oscarniminierung für Philomena), der die Fakten zu den letzten Dekaden des Komikerduos gewissenhaft zusammengetragen hat. Handverlesene Momente, hinter den Kulissen hervorgeholt. Was da zum Vorschein kam? Der Plan zu einem Film über Robin Hood. Veralbernd natürlich und aus der Feder von Stan Laurel, sowieso stets der Mastermind hinter dem Erfolg, wie Blitzgneisser Asterix, dem Obelix in blindem Vertrauen stets folgt. Nur – die Zeiten haben sich geändert, wir schreiben Anfang der 50er Jahre. Da fährt das Publikum doch eher auf die Eskapaden von Abbot & Costello ab, und weniger auf den lakonischen Fettnäpfchenreigen, wie sie Chaplin, Lloyd oder Keaton auch so an den Tag gelegt hatten. Die Investoren zieren sich, die Bühnenversion ihrer Filmsketches sind im Rahmen einer England-Tournee nur spärlich besucht. Und Ollie, der hat Knieprobleme. Beide aber können es nicht lassen. Sie müssen weitermachen, denn was wären sie ohne einander. Und ohne ihren Sinn für Humor, der die Massen doch bis jetzt begeistert hat. Alles hat aber ein Ende. Und irgendwann müssen auch die beiden ihre viel zu kleinen und zu großen Melonen an den Haken hängen.

Stan & Ollie ist ein wehmütiges Farewell für Fans und Kenner dieser Urgesteine aus einer längst vergangenen, analogen Ära. Steve Coogan und John C. Reilly sind phänomenal – nicht nur dass sie so aussehen wie die beiden darzustellenden Kindsköpfe. Sie bewegen sich auch genauso, haben dieselbe Mimik. Machen immer wieder mal vergessen, dass es sich hierbei gar nicht um die echten Stars handelt. Darüber hinaus aber bleibt das Porträt einer innigen künstlerischen Verbundenheit in schaumgebremster Zurückhaltung seltsam blass. Und das nicht wegen des grauen Schnauzers von Ollie. Sondern, weil das Abendrot ihres Erfolges nicht die ganze Geschichte ist – die ich aber gerne gesehen hätte. Der Film hebt zwar am Höhepunkt ihrer Karriere an, springt aber sofort 16 Jahre weiter. Was bleibt, ist ein Abgesang. Rührend zwar, aber verdünnt auf Spielfilmlänge. Reilly und Coogan legen sich ins Zeug, füllen mit ihren Konterfeis vorwiegend die Kamera aus und machen schon deutlich, was beide damals wirklich verbunden hat. Das hat als Psychogramm einer Freundschaft schon Hand und Fuß, leidet aber schnell unter Atemnot, wie Oliver Hardy, dessen Herz bald nicht mehr mitmacht. So ist das ganze biografische Fragment: langsam, irgendwie schwächelnd, wenn geht rastend. Das passt natürlich zum Befinden von Stan & Ollie, lässt aber deren unverwüstlichen komödiantischen Esprit der beiden auf Dauer vermissen, auch wenn die Vision eines letzten gemeinsamen Films wehmütig macht.

Stan & Ollie

The Death of Stalin

DIE VOLLEN HOSEN DES DIKTATORS

6/10

 

deathofstalin© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: ARMANDO IANNUCI

MIT STEVE BUSCEMI, JEFFREY TAMBOR, OLGA KURYLENKO, MICHAEL PALIN, JASON ISAACS U. A.

 

Da geht er hin, der letzte König des europäischen Abendlandes. Der letzte gottgleiche Pharao jenseits der Wolga. Der Menschenschinder und Verschwindenlasser. Und das unantastbare, unkaputtbare Monstrum namens Josef Stalin hat sich sogar noch selbst ans Bein gepinkelt. So zumindest finden ihn seine pseudopolitikmachenden Kettenhunde in geheuchelter Verzweiflung, in taktisch kalkulierter leidender Mine vor dem Unausweichlichen – und längst Herbeigesehnten. Es sind alle da – der devote und völlig zerstreute Generalsekretär Georgi Malenkow, der menschenverachtende und tötungsbeauftragte Geheimdienstchef Lawrenti Beria, der aussieht wie das Alter Ego des Pinguins auf Lebertranentzug. Der Außenminister Molotow, der uns dank effektiver Benzinbomben ewig in Erinnerung bleiben wird (Michael Palin geht in dieser Rolle sang- und klanglos unter – Monty Python ist sichtlich zu lange her). Und natürlich nicht zu vergessen – Nikita Chruschtschow im Pyjama, mit der deutschen Synchronstimme eines Spongebob, nervös zappelnd, unterschätzt und getarnt mit einer gespielten Berechenbarkeit, die Abhängigkeit von all den anderen vermittelt. Wie sie da in Stalin´s Datscha stehen, jeder für sich in seinem Denkapparat verhaftet, im Versuch, den bestmöglichen Benefit in diesem neu entstandenen Machtvakuum herauszuholen, ist feinstes Ensemblekino im Genre der politischen Satire. Die Suicide Squad des Nachkriegsrusslands, der dreckige Haufen zwar nicht von Navarone, aber von Moskau. Bemerkenswert ist dabei der lange verschollene Independent-Schauspieler Steve Buscemi. Als unterschätzter, händeringender Hampelmann Chruschtschow mit Latex-Kartoffelnase muss man erstens zweimal hinsehen, um den ehemaligen Tarantino-Sidekick zu erkennen. Und zweitens ist alleine sein Auftreten, auch wenn er nur so am Set herumsteht, schon alleine eine Parodie für sich. Da hat er tatsächlich so etwas saukomisch Physiognomisches wie der österreichische Komiker Ernst Waldbrunn, der einfach nur durch sein Schauen die Lacher auf seiner Seite hatte. Jeffrey Tambour in seiner Weltverdruss-Mimik ist auch so ein Gesicht, dass die Karikatur aus dem Dornröschenschlaf holt. Karikatur – das ist wohl der richtige Begriff für Iannuci´s Personenkult-Abgesang The Death of Stalin.

Fast sind wir bei den süffisanten Eskapaden eines Charlie Chaplin angelangt, der wie kein anderer den Oberdiktator mitsamt seiner erschütternden Weltpolitik auf treffende Art und Weise der Lächerlichkeit preisgegeben hat. In diese Tradition rückt die Ironisierung einer Politik, die dem Grauen eines Nazi-Deutschland um nichts oder um nur sehr wenig nachgestanden hat. Humor mag man hier als falsche Medizin ahnden. Und dennoch ist die politische Karikatur ein notwendiges Übel oder eine üble Notwendigkeit, den Mächtigen die sprichwörtliche Cremetorte ins Gesicht zu klatschen wie einst Hilmar Kabas, um die Irrungen und Wirrungen gesellschaftlicher Paradigmen aus einer immer bedeutungsloseren, heilsamen Entfernung zu betrachten, die den erschütternden Ernst des Lebens verzerrt. Das gelingt Iannuci vor allem zu Beginn des Filmes, und überhaupt so ziemlich die erste dreiviertel Stunde. Bestes Regierungstheater mit gnadenlos bitterem Nachgeschmack, wenn Geheimdienstchef Beria in den Folterkellern seine Abschusslisten verteilt. Clownesk das Gebärden der Minister, wenn sie versuchen, Haltung zu bewahren. Dann aber verliert The Death of Stalin seinen boulevardesken Drive. Irgendwann haben wir nur noch Politkino der chronologischen Art, ohne Extras und wenig Wortwitz. Die Figuren hat man sattgesehen, die Satire schwindet dahin wie das Brennen im Brustbereich nach einem Glas Wodka. Auf anfänglichem Niveau zu bleiben ist bei solchen Filmen zugegebenermaßen schwierig. Wäre schön gewesen, wenn es Iannuci aber gelungen wäre. Dann hätten wir vielleicht einen neuen Großen Diktator gehabt. Oder zumindest Teil zwei davon – The Great Dictator-Aftermath. Mit nicht weniger Angriffsfläche auf jene, welche die Fäden in der Hand haben. Und deren Gutdünken wir alle letzten Endes ausgeliefert sind.

The Death of Stalin

Suburbicon

SICH´S RICHTEN ODER GERICHTET WERDEN

6/10

 

suburbicon© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: GEORGE CLOONEY

DREHBUCH: JOEL & ETHAN COEN

MIT MATT DAMON, JULIANNE MOORE, NOAH JUPE, OSCAR ISAAC U. A.

 

Der Papa wird’s schon richten – so haben es zumindest mal Bronner und Qualtinger gesungen. Ob der Papa es hier in Suburbicon richten wird, da hat der kleine Nicky so seine Zweifel. Und das völlig zurecht. Der Junge lebt gemeinsam mit seinen Eltern in einer ziemlich langweiligen Einfamilien-Haussiedlung, für welche die Desperate Housewives wohl schwach werden, alle anderen aber großräumig ausweichen würden. Es strotzt hier nur so vor Spießigkeit, ein jeder biedert den anderen an und zumindest die Damen tauschen im züchtig beschürzten Faltenrock Kuchenrezepte aus. Die Männer gehen ordentlich arbeiten, das Heimchen hinter dem Herd wissend. Die 50er Jahre, da hatte alles noch seine Ordnung, denkt der kleinkarierte Chauvinist. In diesem Dunstkreis spielen sich alsbald Dinge ab, die fürchterlich eskalieren. Dabei will doch jeder nur seine Ruhe, und die Frömmsten in Frieden leben. Wobei – fromm ist hier niemand. Diesen Frieden ersehnen auch die Niederträchtigsten. Womit hätten sie das nur verdient? Zuerst alles Geld in den Sand setzen und dann der Mafia die Kohle schuldig bleiben. Geht gar nicht. Also muss der Biedermann Matt Damon mit altväterischer Krankenkassabrille und täuschend rechtschaffener Mimik die Dinge übers Knie brechen. Die Versicherung zum Narren halten. Und nicht nur die – auch den eigenen Sohn. Welcher aber nicht so naiv zu sein scheint wie sein gieriger Vater, der sich gesundgestoßen glaubt, nachdem die Ehefrau bei einem häuslichen Überfall das Zeitliche segnet.

Ganz schön bizarre Verhältnisse, dabei habe ich noch nicht mal die afroamerikanische Familie erzählt, die sich – warum auch immer – an diesem unsäglichen Ort niederlassen hat müssen. In den 50ern war der Rassenhass womöglich noch en vogue, worauf das fortschrittliche Amerika wahnsinnig stolz sein kann. Da gehört es zumindest in Clooneys schwarzer Groteske zum guten Ton, auf die Straße zu gehen und mit dem Kochlöffel auf Pfannen zu klopfen, um böse Geister zu vertreiben. Doch dieser rote Faden gesellt sich nur nebenbei zum eigentlichen Geschehen, damit deutlich bleibt, in welchem gesellschaftlichen Fegefeuer wir uns befinden. Außerdem sind die bigotten Fünfziger eine Zeit, in welcher Joel und Ethan Coen in genüsslicher Verschwendungssucht die Abgründe kleinkarierter Vorteilssucht wie nirgendwo sonst so deutlich karikieren können. Aus ihrer Feder stammt auch, wie kann es anders sein, die Vorlage zu Suburbicon. Und wenn wir nun ehrlich sind – die Wahl des Regisseurs war hier womöglich keine Qual der selbigen, sondern ein sozialergonomischer Freundschaftsdienst, den die beiden Schreiberlinge dem Schönling mit dem Haus am Comer See angedeihen haben lassen. Genauso gut hätte Regisseur XY den Film inszenieren können. Die Handschrift eines George Clooney trägt der Film beim besten Willen nicht. Matt Damon und Julianne Moore muss man auch längst nicht mehr sagen, wie man zu arbeiten hat. Also könnte der Adressat Clooney tatsächlich nur ein netter Promotiongag gewesen sein.

Und doch – das Kaffeekapsel-Testimonial hat solide Arbeit geleistet. Die konsequent augenzwinkernde Vernichtung des Kleinbürgertums mit allerlei Mord- und Totschlag spitzt sich in frappanter Kurzweil einer kleinen Apokalypse entgegen – ohne aber sehr zu überraschen. Denn den Drang, alles haben und Mitwisser dabei aus dem Weg räumen zu wollen, die Sehnsucht nach dem Paradies des Nichtstuns und des Schlendrians – all das hat schon der Gesundheit etlicher Figuren aus dem Coen-Universum geschadet. Die Gier nach Kapitalglück ist ein Hund, auch und gerade erst in Suburbicon. Das Drehbuch variiert gängige Figuren, die aber allesamt kalt lassen, bedient sich aus der eigenen Mottenkiste und schafft mal hier und mal da ganz gewiefte Konstellationen. Sonst aber macht der Film deutlich, dass auch die Kreativität der ganz Kreativen seine Grenzen hat. Das konnte ich erstmals bei Hail, Caesar! erkennen, einem der schwächsten Werke der beiden Brüder. Viel Lärm um nichts, dafür schön ausgestattet. Da wirkt Suburbicon im Vergleich dazu schon straffer, wenn auch einfallsloser. Und die Moral von dieser G´schicht:  Diesmal wird selbst aus dem horrenden Schaden keiner klug. Oder doch? Womöglich der kleine Nicky. Aber der ist dann schon ein Kind der 60er. Des Jahrzehnts des Umbruchs, der da kommen wird.

Suburbicon