Der Stadtneurotiker

DIE KATASTROPHE DER ZWEISAMKEIT

7/10

 

stadtneurotiker© 1977 United Artists

 

ORIGINAL: ANNIE HALL

LAND: USA 1977

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: WOODY ALLEN, DIANE KEATON, TONY ROBERTS, CAROL KANE, SHELLEY DUVALL, CHRISTOPHER WALKEN U. A.

 

Anlässlich des neuesten Films von Woody Allen – A Rainy Day in New York – war es mal an der Zeit, einen seiner größten Erfolge unter die Lupe zu nehmen. Seinen Stadtneurotiker, oder im Original Annie Hall, denn den kannte ich bis dato noch nicht. Lücken aus der Filmgeschichte wollen obendrein geschlossen werden, also her mit den Neurosen, die sich der schmächtige Brillenträger so gerne an den Leib schreibt, und die natürlich autobiografisch sind, so wie (fast) alle seine Filme, die er jemals inszeniert hat. Aus seiner Haut kann der mittlerweile 84 Jahre alte Filmer auch nicht, konnte er nie und wird er nie können, also sind seine Alter Egos, seine männlichen Filmfiguren, alle irgendwie er selbst. Sie denken wie er und sie handeln wie er – sie sprechen sogar wie er. Und trotzdem oder gerade deshalb: diese Selbstbetrachtungen, dieses ironisch-selbstironische Herumgezappel, diese Kapitulation vor dem gesellschaftlichen Sumpf aufgedonnerter Egomanen – die sind scheinbar bis in alle Ewigkeit sehens- und hörenswert. Und es wird ordentlich etwas fehlen, wenn Allens Senf, den er der Welt des Films hinzugibt, sich nicht mehr aus der Tube drücken lässt. So richtig angefangen hat nämlich alles mit eben diesem Stadtneurotiker, diesem Alvy Singer, einem Komödianten und Schreiberling (wenig überraschend), der beim Tennis mit einem Freund besagte Annie Hall kennen lernt, gespielt von einer blutjungen Diane Keaton in adrettem Siebziger-Look. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, auf verkopfte Art, das ist natürlich kein Geheimnis. Und es wäre eine herkömmliche Romanzet, würde der Film genau davon handeln, um dieses Kennen- und Liebenlernen. Dabei ist das hier nur der Anfang. Interessant wird es erst, wenn Alvy Singers Neurosen den Beziehungsalltag dominieren, Annie dabei zwischen den Stühlen sitzt und alsbald ihre eigene Ego-Dominanz ins Feld führt.

Dieses Beziehungs-Auf-und-Ab ist legendär. Mehr ist es nicht, es ist ein Kommen und Gehen, ein Annähern und Entfernen, ein Stolpern über den eigenen Narzissmus, über die eigenen haushohen Bedürfnisse und den eigenen Geltungsdrang. Ein Klassiker, wie er im Drehbuch eines Komikers steht, der über alles und nichts herzieht, alles anzweifelt und im Grunde in feinster intellektueller Manier als zwar berühmter, aber innerlich brotloser Künstler das Lebensglück herbeijammert, um dann wieder in Panik zu geraten. Es ist die Panik vor einem möglichen, ausweglosen Dilemma, das als selbsterfüllende Prophezeiung den kleinen Schreibmaschinenvirtuosen erst dann wieder erden kann, wenn er sich in seinen gefürchteten Katastrophen wieder findet. Beantwortet werden die aber meist mit humorvollen Anekdoten und Witzen, und dieser Humor rettet Woody Allen im übertragenen Sinn fast schon das Leben – nicht aber zwingend die Beziehung. Der Stadtneurotiker ist natürlich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen, in den Umbrüchen der Siebziger, dem Veröffentlichen der eigenen dysfunktionalen Zweisamkeit, mit der sich Leute wie Alvy Singer und Annie Hall aber seltsamerweise oder völlig absichtlich wichtig vorkommen wollen. Als etwas Besonderes, weil die Differenzen untereinander das Resultat eines grundehrlichen Umgangs mit den Erwartungen sein kann. Und womöglich auch ist.

Das Hinausposaunen fehlerhafter intimer Harmonie liegt beim Stadtneurotiker im Trend, oder setzt ihn erst, als neue, charmant überhebliche Mode der belesenen Elite. Das macht natürlich Spaß, dem zuzusehen. Doch die Zeit, die hat der Film nicht ganz überdauert. Mittlerweile können Beziehungen im Film schon mal ganz anders sein, sind radikaler und destruktiver. Was Allen noch mit den Handschuhen eines Conferenciers befummelt, landet mittlerweile auf dem Seziertisch. So hat es der New Yorker Klarinettenspieler nicht gewollt, so will er es heute nicht, denn er ist immer noch ein melodiebewusster Erzähler moralischer Boulevardkompositionen, wie ein George Gershwin in Bildern. Und so betrachtet darf Der Stadtneurotiker wie ein Musikstück wahrgenommen werden, als Teil seiner Zeit und als wortgewandte Diagnose eines Beziehungsmusters mit dem vor Alltagspanik wild klopfendem Herzen am rechten Fleck.

Der Stadtneurotiker

Frankensteins Braut

DIE HAARE ZU BERGE

7/10

 

frankensteinsbraut© 1935 Universal Studios

 

LAND: USA 1935

REGIE: JAMES WHALE

CAST: BORIS KARLOFF, COLIN CLIVE, VALERIE HOBSON, ELSA LANCESTER, ERNEST THESIGER U. A.

 

Kaum eine Nacht blieb so nachhaltig legendär wie jene auf dem Anwesen des Schriftstellers Lord Byron, wo dieser höchstselbst mit dessen Leibarzt John Polidori und dem Ehepaar Shelley bei Nacht, Sturm und Gewitter einen Wettstreit um Gruselgeschichten führte. In diesen paar Stunden trauter Stimmungsmache dürfte wohl die Grundidee zu Frankenstein entstanden sein, ebenfalls der Roman Vampyr, den Polidori zwar ersonnen, von Byron aber des Plagiats bezichtigt wurde. James Whale nimmt in der Fortsetzung seines Klassikers aus den 30er Jahren jene Zusammenkunft zum Anlass, um die blutjunge Mary Shelley eine Fortsetzung zu ihrem Bestseller erzählen zu lassen – nämlich Frankensteins Braut. Etwas hat also überlebt. und alle, die mit Frankenstein bereits eine Mußestunde fürs Retrokino genossen haben, möchten meinen, dass Frankensteins Monster in der brennenden Windmühle wohl nicht überlebt haben kann. Hat es doch. Und es ist wütend. Wäre ich auch, wäre ich das Monster. Keiner liebt mich, keiner will mich, jeder will mir an die Schrauben. Boris Karloff wäre mit einem einmaligen Auftritt als Kultmonster wohl sowieso nicht zufrieden gewesen. 4 Jahre später soll dann noch die letzte Episode mit ihm als finsterer Quadratschädel in die Kinos kommen – Frankensteins Sohn. Aber den hebe ich mir für nächstes Halloween auf.

Die geschundene, gedemütigte Kreatur irrt also nach dem Showdown in der Mühle durch die Lande, hungrig, durstig, müde. Und keine Menschenseele ist gewillt, dieser Schreckgestalt menschliche Grundrechte zuzugestehen. Das Monster muss sich also selbst nehmen, was es braucht, sonst gibt´s kein Morgen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner, das muss sich der klobige Riese mit den mächtigen Stiefeln wohl hinter die angenähten Ohren schreiben. Aber nicht alle Menschen sind schlecht. Boris Karloff wiederfährt auch diese Erkenntnis, doch leider viel zu kurz. Eine traurige Geschichte, wäre da nicht ein sinisterer Wissenschaftler namens Prätorius, der den traumatisierten Dr. Frankenstein dazu zwingt, nochmal durch die Hölle neuen Erschaffens zu wandeln. Wenn es schon einen künstlichen Adam gibt, dann darf eine Eva nicht fehlen. Wer macht schon gerne halbe Sachen? Und das Monster freut´s obendrein, denn dann wäre es nicht mehr ganz so allein. Der Good Will geht da mit dem Fanatismus Hand in Hand, und das ethische Gewissen hält brav die Klappe.

James Whale findet in seinem Sequel zum Original aus dem Jahr 1931 einen wunderbaren Zugang. Auch wenn der knapp 80 Minuten lange Streifen bereits schon 84 Jahre auf dem Buckel hat, erstaunt es, wie stilsicher der Brite seinen Gruselklassiker inszeniert hat. Wobei: auf der Gruselskala erreicht Frankensteins Braut wohl nicht mal die goldene Mitte, mittlerweile gruseln uns in Film und Fernsehen ganz andere Sachen und längst nicht mehr die Ikonen des Schwarzweißhorrors. Doch man staune: Der gediegene Schloss-und-Riegel-Grusel, den sich Whale hier mit aufwändigen Kulissen und ganzen Indoor-Waldszenen für eine Menge Dollars bezahlen lässt, hat nach so vielen Jahrzehnten nichts von seinem Charme verloren. Und für damalige Sehgewohnheiten dürfte dieser Blockbuster tricktechnisch sehr wohl State of the Art gewesen sein. Highlight ist ohnedies das Erwachen von des Monsters besserer Hälfte als die schillernde Geburtsstunde der wirren Stehfrisur, quasi der Grundstein der Gothic-Matte für Damen, mitsamt silbernen Strähnchen. Wie Elsa Lancaster als frisch geteaserte Königin der Untoten in mechanisch anmutenden Rundblicken ihre Umwelt wahrnimmt, ist nach wie vor eine kleine Sternstunde filmischen Expressionismus, die die Werke Robert Wienes oder Friedrich Wilhelm Murnaus ehrt. Der verwirrten Braut zur Seite natürlich Boris Karloff, der sich aber nur noch Karloff nennt, und beide zusammen sind, ob sie es wollen oder nicht, das wohl schaurig schönste Paar, wenn es ums Tindern von Freaks geht.

Frankensteins Braut