Cold Skin

VIELE SIND EINE INSEL

5/10

 

coldskin© Tiberius Film 2018

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN 2018

REGIE: XAVIER GENS

CAST: RAY STEVENSON, DAVID OAKES, AURA GARRIDO U. A.

 

Leuchtturmwärter in Kunst und Kultur sind ganz eigene Persönlichkeiten. Vorwiegend Eigenbrötler, Eremiten, vielleicht auch Misanthropen. Oder nur Leute, die zumindest eine Zeit lang zwar nicht ins Kloster gehen wollen, um dort innere Einkehr zu pflegen, sondern inmitten einer entfesselten Natur, insbesondere nah am Meer, mit sich selbst ins Reine kommen möchten. Zumindest im Kino ist das so. Und im Kino sind diese Leuchttürme vorwiegend auf Inseln oder Halbinseln errichtet, weitab vom Schuss, im Nirgendwo. Auch in Cold Skin geht es um dieses Nirgendwo. Und das ist eine Insel vulkanischen Ursprungs, wo nichts ist außer Sturm, Gischt und rheumafreundliche Feuchtigkeit, die in die Knochen kriecht. Wer will das schon? Nun, in diesem Fall ein an Robinson Crusoe erinnernder Kauz, der, versoffen und textilfrei die Tage im Bett verbringt, und den neu angereisten Meteorologen, der Windmessungen vornehmen soll, am Liebsten dumm sterben lassen will.

Warum dumm sterben? Nun, diese Insel hat ein Geheimnis, dessen Kenntnis fürs Jobprofil nicht unwichtig gewesen wäre: jenes über eine fremde, fischähnliche Spezies, die scheinbar willkürlich – vor allem des Nächtens und zu Scharen – das einzig gemauerte Gebäude auf diesem unsäglichen Stück Fels mit rätselhafter Verbissenheit attackiert. Und nicht nur dieses, auch die Bude des nichtsahnenden Wissenschaftlers, der glaubt, sich in einem nicht enden wollenden Albtraum zu befinden, spätestens dann, wenn blaugraue Hände mit Fischhäuten durch den Türspalt greifen. Am Ende bleibt nur noch die Bastion des als wehrhafte Festung hochgerüsteten Leuchtturms, in dem beide, der Wärter und der Wettermann, vor den fremdartigen Froschkerlen Zuflucht suchen. Und sich regelmäßig zur Wehr setzen.

Ob diese humanoiden Lungen- und Kiemenatmer den beiden verkorksten Herren wirklich ans Leder oder etwas ganz anderes wollen – das ist eine Frage, zu deren Klärung es niemals kommen wird, zumindest vorerst nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass das rabiate Verhalten dieser Wesen die Reaktion auf eine Aktion ist, die in unbeobachteter, näherer Vergangenheit wohl eher xenophob veranlagt war. Diese Furcht vor dem Fremden ist die parabelhafte Essenz dieses phantastischen Märchens, das so verstohlen kokettiert mit dem schmucken Kreaturenkino eines Guillermo del Toro. Nur schade, dass dieser die Verfilmung des Buches von Albert Sánchez Piñol nicht selbst übernommen hat. Wäre naheliegend gewesen, nach seinem großartigen Shape of Water und seinem Know-How, was Amphibienwesen betrifft. Womöglich wäre das ein beeindruckendes Epos geworden, in liebevoller Huldigung an die Swap Thing-Ära. Doch leider leider – der Horrorfilmer Xavier Gens war am Ruder, und er hat aus dem naturgewaltigen Stoff einen unausgegorenen Brocken Treibgut herangekarrt, grob verzahnt und nur peripher interessiert an seinem eigenen Thema. Dafür aber ist das Ganzkörper-Make up der seltsamen Wesen ein Hingucker in Sachen dermatologischer Jumpsuits. Die Haptik dieser Cold Skins ist förmlich fühlbar, das ganze Gehabe dieser fischzahnigen Wesen – insbesondere Aura Garrido als das amphibische Sklavenmädchen Aeneris – ein Must-Explore für jeden Humboldt-Abenteurer, der umso obsessiver wird, je fremdartiger die Dinge werden, die er entdeckt. Überhaupt könnte Cold Skin mitsamt seines historischen Settings aus der Feder eines H.G. Wells oder Jules Verne aufs Papier gebracht worden sein. Sogar ein bisschen Moby Dick schwingt hier mit – aber was heißt ein bisschen: Leuchtturmwärter Gruner gebärdet sich wie seinerzeit Captain Ahab, um das, wovor er sich fürchtet und nicht fassen kann, zu bekämpfen. Das ist unterm Strich eine moralische Mär, mit durchaus philosophischen Ansätzen, die aber auf fahrige Art und Weise trotz wildromantischer Bilder ihrer eigenen Aufgabe etwas zu wenig Respekt zollt.

Cold Skin

Attraction

ALIEN NON GRATA

6/10

 

attraction© 2017 Capelight Pictures

 

LAND: RUSSLAND 2017

REGIE: FJODOR BONDARTSCHUK

MIT OLEG MENSHIKOV, ALEXANDER PETROV, IRINA STARSHENBAUM U. A. 

 

So ein Pech aber auch: Da betreibt man als außerirdische Intelligenz Feldforschung im Geheimen, und tut alles daran, um nicht aufzufallen. Und dann das! Ein Asteroidenschauer, der das fremde Raumschiff von seinem Inkognito-Status befreit und in die Atmosphäre des Planeten Erde schleudert. Für einen stofflichen Körper ist so ein Eintritt nicht gerade angenehm. Das Vehikel wird selbst zum Meteor und glüht dem Erdboden entgegen. Doch damit nicht genug. Zusätzlich zur Arschkarte, die die Aliens gezogen haben, gesellt sich der schwarze Peter in der Gestalt von Abfangjägern dazu, die den Eindringling unterstützend vom Himmel holen. Und aus dem doppelten wird dreifaches Pech – das Ding geht über bewohntem Gebiet nieder. Was an sich schon relativ unwahrscheinlich ist. Da muss man schon richtiges Bad Karma haben, damit sowas passiert. Normalerweise wäre ein Eintauchen in den Ozean oder eine Landung auf unbewohnten Gebieten das plausiblere Szenario. Aber sei´s drum, wie es der Zufall so will, kracht das einem Perpetuum Mobile ähnliche Schiff nach verheerendem Kollateralschaden zwischen die Plattenbauten eines Moskauer Vorortes. 

Wenn man jetzt erwartet, dass der russische ÖAMTC mitsamt Rettung im Schlepptau herangeschneit kommt, hat man sich gehörig geschnitten. Das Raumschiff ist auf der Erde gelandet, nicht auf irgendeinem anderen Planeten! Also wird das Gebiet abgesperrt und das UFO erstmal nicht willkommen geheißen. Alles, was fremd ist, ist mal potenziell gefährlich. Vor allem, wenn es von anderen Planeten kommt. Da haben die Amerikaner ja schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Verheerende, um genau zu sein. Wie kann dann dieses Ding da in Frieden kommen? Am besten ist es, abzuwarten und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Vielleicht repariert sich das Ding von selbst und verschwindet wieder. Doch so viel Selbstbeherrschung ist Homo sapiens nicht zuzutrauen. Da braucht es nicht lange, und aggressive Xenophobie zieht eine weitere Schneise der Verwüstung bis hin zum Objekt ihres Hasses. 

Dabei ist es nur ein Schiff. Das war es bei Neil Bloomkamp´s Alien-Parabel District 9 genauso. Nur um einiges größer. Und mit viel mehr Besatzung. Wohin damit? Nun, in ein Township, wie in den Zeiten der Apartheid die schwarze Bevölkerung Südafrikas. In Attraction sind es nur eine Handvoll Aliens. Und als Alien ist man unter Menschen Persona non grata. Haben die alle zu viel Roland Emmerich-Filme gesehen? Mitnichten. Der Mensch ist laut Regisseur Fjodor Bondartschuk weit davon entfernt, für so eine weltbewegende Begegnung bereit zu sein. Vielmehr ist sein Erdenbürger noch ein Kind, das auf das Unerklärliche und Unverstandene mit Wut und Angst reagiert, egal, welchen Grund das Eindringen des Fremden in die vermeintlich heile Welt des russischen Alltags hat. Solange wir Menschen nationale Grenzen ziehen, Flüchtlingsrouten schließen und Asylantenheime anzünden, ist hier auf Erden für einen Besuch von ganz weit Außen lange noch nicht aufgeräumt. Der Streit der Ethnien um Grund und Boden und die Religionen der Rechthaberei, Kräftemessen mit Nuklearwaffen und das Töten Ungläubiger gibt dem Universum wieder mal ein gutes Gefühl, seine benachbarten Sonnensysteme und Galaxien in Lichtjahren Entfernung zu platzieren, denn die Erde, die ist für Fremde kein einladender Ort. Doch manch ein Terraner oder eine Terranerin fühlt sich zu den humanoiden Astrobiologen dann aber doch irgendwie hingezogen – daher auch der Titel des Filmes. Was aber die Situation auch nicht viel besser macht.

Die russische, tricktechnisch beeindruckende Großproduktion ist bei Weitem besser gelungen als der Superhelden-Actioner Guardians, war in den Kinos im IMAX-3D-Format zu sehen und wartet mit leinwandfüllenden, opulenten UFO-Bildern auf. Die zwar etwas zu lang geratene, weniger unheimliche Begegnung der dritten Art ist ein teils derbes, teils augenzwinkerndes Gleichnis von der Xenophobie und der Entwertung des Ungleichen mit Darstellern, die mal mehr mal weniger ihren emotionalen Anforderungen gerecht werden. Doch unterm Strich ist der Mix zwischen Independence Day, District 9 und Der Mann der vom Himmel fiel ein durchaus solides Stück osteuropäisches Science-Fiction-Kino.

Attraction

Die Migrantigen

AUSLÄNDISCH FÜR ANFÄNGER

7,5/10

 

migrantigen© 2017 Luna Filmverleih 

 

LAND: ÖSTERRECH 2017

REGIE: Arman T. Riahi

Mit Faris Rahoma, Aleksandar Petrović, Doris Schretzmayer, Daniela Zacherl u.a.

 

Stellt euch einmal vor, ihr seid Schauspieler. (jene, die das lesen und es bereits sind, brauchen hier nicht aktiv zu werden) und geht zu einem Casting. Dort werdet ihr aufgefordert, einen Ausländer darzustellen. Wie soll der sein, der Ausländer? Gute Frage, vielleicht sogar eine Fangfrage. Vielleicht entsteht dann so eine Performance wie sie Lukas Resetarits in seinen kabarettistischen Anfängen mit dem oft in der Unterhaltungssendung Wurlitzer gezeigten Kult-Nummer Der Tschusch auf die Kleinkunstbühne gebracht hat. Für alle, die die treffsichere Conference nicht kennen: Es erkundigt sich ein – sagen wir mal – Mittdreißiger mit Migrationshintergrund nach dem Verbleib der berühmt-berüchtigten Thaliastraße. Zu seinem Leidwesen fragt er einen Wiener, der stellvertretend für den Otto Normalbürger besagter Stadt erwartungsgemäß xenophob reagiert und den arglosen „Tschusch“ in eine gesellschaftliche Nische voller Vorurteile drängt. Das Ganze endet mit „Ausländer, raus aus dem Ausland!“. Ein bizarres, im Kern aber leider allzu wahres Bild des Umgangs von autochthonen Österreichern mit immigrierten Bürgern anderer Länder. Das Ganze aktueller denn je. Der gebürtige Iraner und längst Österreicher Arman T. Riahi hat mit der fast schon nestroy´schen Gegenwartsfarce Die Migrantigen den Konflikt zwischen „Zuagrasten“ und Eingeborenen ähnlich auf die Spitze getrieben – mit Wortwitz, ironischem Augenzwinkern und ganz viel Hirn. 

Überhaupt – 2017 ist für den österreichischen Film ein ziemlich starkes Jahr mit beeindruckenden Produktionen und längst nicht mehr nur Betroffenheitskino. Ganz im Gegenteil – Die Migrantigen reihen sich selbstbewusst in die Reihe jener Filme aus heimischen Landen ein, die auf die Watchlist müssen. Vorausgesetzt, es ist eine Watchlist für weltoffene Filmfreunde, die gerne bereit sind, festgefahrene Vorurteile zu hinterfragen. Und hinterfragt wird in Riahi´s intelligent konstruierter Komödie einiges – vor allem eben das Bild, das wir uns von den serbischen, türkischen und sonstigen Minderheiten zurechtgezimmert haben – die aber die urbane Gesellschaft, das Kulturleben und die Vielfalt bislang mehr bereichern als behindern konnten. Dieses oftmals mit der Muttermilch aufgesogene Menschenbild vom anpassungsresistenten Fremden dienst als scheinbar leicht zu tragendes Mäntelchen für die beiden Alltagsloser im Film, die rein zufällig die Aufmerksamkeit eines Fernsehteams erregen, das wiederum auf der Suche ist nach echten, authentischen Schauplatzgeschichten, die das Leben geschrieben hat. Und am besten gleich mit quoten- und sendetauglicher Dramatik. Vielleicht auch mit Action, und ein bisschen Unterwelt. Das sogar sehr gerne. Als überaus ehrgeizige Reporterin darf hier Doris Schretzmayer den Köder schlucken, den die beiden arbeitslosen Bobos im fiktiven Wiener Grätzel Rudolfsgrund breitgefächert auslegen. Und ihre Rollen zumindest verbal bis zur Perfektion beherrschen, stammen doch auch sie aus Familien, die ebenso, vor ewigen Zeiten, eingewandert sind. Doch vom kulturellen Kolorit ihrer Vorfahren ist nicht mehr viel übrig. Macht auch nichts, so denken die zwei. Bedienen wir uns der gängigen Klischees, die den Migranten anhaften, und zeigen wir dem Fernsehpublikum die einzig wahre Parallel- und Subkultur, die wohl jedem in den Kram passt. Zu Rate gezogen werden mitunter auch Vertreter waschechter Ethnien, die wiederum – und jetzt kommt’s – den beiden Gelegenheitsbetrügern selbst einen Bären aufbinden. Einen Bären, der eine Eigendynamik entwickelt, die keinem der mittlerweile drei Parteien letztendlich alles andere als dienlich ist. 

Was folgt, ist eine höchst vergnügliche Verkettung alles verkomplizierender Ereignisse, die das bequeme Verständnis von Integration und festgefahrener Ausländer-Stereotypien konterkariert. Niemals mit erhobenem Zeigefinger, alles selbstentlarvend. Und mit der Erkenntnis, das Integration mitgebrachte Tradition nicht zwingend ausschließen muss. Und man sich vor ihr auch nicht fürchten sollte.

Die Migrantigen