Wendy

VON DER ANGST, ERWACHSEN ZU WERDEN

6/10


wendy© 2020 The Walt Disney Company 


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: BENH ZEITLIN

CAST: DEVIN FRANCE, YASHUA MACK, GAGE NAQUIN, GAVIN NAQUIN, AHMED CAGE, KRYSZTOF MEYN, LOWELL LANDES, SHAY WALKER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Alt werden ist die einzige Möglichkeit, länger zu leben, so Johann Nestroy. Dieses Zitat prangt übrigens in metallenen Lettern unübersehbar auf der Fassade des unweit meiner Heimstatt gelegenen Pensionistenheims. Als Zusatz ließe sich noch hinzufügen: Alt werden heißt aber nicht, sich von seinem inneren Kind verabschieden zu müssen. Nur weil man alt aussieht, muss nicht alles vergessen sein, wofür man als Dreikäsehoch geträumt hat. J. M. Barrie, der Autor und Schöpfer von Peter Pan, hat sein Nimmerland als einen Ort gesehen, an dem sich das innere Kind vom eigentlichen Individuum, dass womöglich irgendwo in einer ungreifbaren Zwischenwelt vor sich hin döst, loslösen kann. Peter Pan, der wurde ja niemals mehr alt, es sei denn er würde Nimmerland verlassen und bseinen alten Körper zurückbekommen. Das hat Robin Williams selig unter Steven Spielbergs Regie ja schon erleben müssen. Das erlebt in dieser enorm freien Interpretation des literarischen Stoffes auch das Mädchen Wendy, das über einem von Mama geführten Bahnhofsdiner irgendwo in Florida wohnt und an welcher das Leben in vollen Zügen vorbeirattert. Bis sie eines Nachts jemanden sichtet, der auf den Waggondächern hin- und herläuft. Es ist – wir können es uns denken – ein Junge namens Peter, der Wendy mitnimmt auf eine Insel, auf der – auch das wird bald klar – nimmerländische Zustände herrschen, scheinbar niemand alt wird und die Kids tun und lassen können, was sie wollen. Ein Paradies! Endlich fei von elterlichen Zwängen. Endlich frei von Erziehung. Aber ist das wirklich genau das, wonach Kinder streben wollen?

Benh Zeitlin, längst berühmt für sein metaphysisches Kinderdrama Beasts of the Southern Wild, geht mit Wendy erneut auf Spurensuche nach den Essenzen juvenilen Selbstbewusstseins, betritt dabei phantasmagorische Gefühlswelten mit versinnbildlichten Kreaturen und stellt Zeit und Raum auf den Kopf. Gedreht auf den Karibikinsel Antigua, Montserrat und Barbados, entlässt der Film sein Publikum in tropische Gefilde und schwelgt in majestätischen Aufnahmen von Montserrats Vulkan Souffrière Hills. Ein bisschen allerdings schwelgt Benh Zeitlin zu viel des Guten – pittoresker Leerlauf entsteht. Das Schwelgen beginnt dabei schon, als das Mädchen im Grunde noch überhaupt keine Sehnsucht nach ihrer Kindheit haben muss, weil sie mittendrin in selbiger steckt. Dennoch lässt Zeitlins Drehbuch besagtes Mädchen Dinge vermissen, die nur ältere vermissen. Schwer lässt sich vorstellen, dass Wendy und ihren beiden Brüdern irgendetwas fehlt, um Kind sein zu dürfen. Dieser Widerspruch sorgt für leichte Dissonanzen. Auch ist die kindliche Kraft der Imagination in diesem Film von zu vielen äußerlichen Faktoren abhängig, lässt diese zerbrechlich erscheinen und nicht so autark wie in jenen Filmen, in denen eine entbehrliche Realität ganze phantastische Welten in den Kindern entfachen kann, wie in Pans Labyrinth, I Kill Giants oder Wo die wilden Kerle wohnen.

Mit letzterem lässt sich Wendy durchaus vergleichen. Auch Spike Jonzes Verfilmung des Kinderbuchs von Maurice Sendak schwelgt zur Genüge, hat auch eine ähnliche Bildsprache, lässt aber einer verblüffenden Fantasie die Ordnungsgewalt. Benh Zeitlin tut das nicht. Sein Peter Pan-Mythos ist ein Abgesang. Die Fantasie ist keine kindliche Projektion, sondern eine Enklave irgendwo außerhalb, die anderen Gesetzen unterliegt. Der junge Darsteller Yoshua Mack wirkt in seiner Rolle als Anführer der Schar relativ unglücklich wirkender Kinder am verlorensten. Wendy, die bald begreift, dass es ohne Erwachsenwerden nicht geht, bekommt nicht umsonst den Titel für diesen Film zugesprochen. Sie ist die, die irgendwann checkt, wo´s eigentlich lang gehen muss.

Wendy

Space Sweepers

GROSSREINEMACHEN IM ORBIT

4/10


SpaceSweepers© 2021 Netflix


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2021

REGIE: SUNG-HE JOO

CAST: JOONG-KI SONG, TAE-RI KIM, SEON-KYU JIN, HAE-JIN YOO, RICHARD ARMITAGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


In Ermangelung richtig fetziger Kino-Events hat nun unser allseits stark frequentierter Streamingriese Netflix in Fernost angeklopft. Südkorea, um genau zu sein, hat da sogleich mit einem Film reagiert, der es, wie es scheint, locker mit amerikanischen Vorbildern aufnehmen könnte. Space Sweepers heißt die Weltraumoper, ist laut Trailer knallbunt und actionreich – doch ist man erst mit dem sicherlich sündteuren Abenteuer durch, stellen sich so manche Schlussfolgerungen ein, bevor der Film in der Mindmap eines Filmnerds ad acta gelegt werden kann. Resümee ist: die Koreaner können in Sachen Film wirklich vieles, in manchen Genres oder Genremixes gibt’s kaum jemand, der ihnen das Wasser reichen kann. Sobald aber Korea beginnt (und nicht nur Korea), sich das Blockbuster-Knowhow Hollywoods anzueignen, wird’s problematisch. Dieses Problem hat auch Space Sweepers. Kurz gesagt: das Abenteuer ist zu lang, zu konfus und der Plot selbst eine zu bequeme Adaption einer Reihe von Werken wie Das fünfte Element. Was so viel heißt wie: Space Sweepers ist so vorhersehbar wie die Zyklen unseres Trabanten. Und wagt auch keinen Mix mit anderen Genres – was Korea nämlich gut kann. Und sich auch sonst nicht davor scheut, Erwartungshaltungen zu unterwandern.

Warum bleibt gerade Space Sweepers so enttäuschend konventionell? Es ist ja bei diesem Film nicht so, dass der futuristische Status Quo der Menschheit nicht mit visuellem Schmackes in Szene gesetzt wurde. Vor allem das Interieur sämtlicher Raumschiffe ist voller Details und Krimskrams, was wiederum an die Detailverliebtheit von Star Wars erinnert. Sonst verwöhnt es das Auge mit CGI, das in seiner sterilen Geschmeidigkeit den Bildern aus der Serie The Expanse oder Enders Game gleichkommt. In Terras Orbit also tummelt sich alles mögliche – Raumstationen und Mülltrabanten und jede Menge umherfliegender Schrott, der eben eingefangen gehört, bevor er mehr beschädigt als den Menschen lieb sein kann. Dazu gibt’s Schrottpiraten – kann man so sagen – die zwar legal hantieren, untereinander aber in Konkurrenz stehen. Auf einem der geangelten Brocken allerdings entdeckt die Crew des Frachters Victory ein junges Mädchen, das, schenkt man den orbitalen Nachrichten Glauben, wider ihres süßen Aussehens im Grunde eine Bombe verkörpert, die jederzeit hochgehen kann. Was tun damit? Da das Kind überall gesucht wird, versprechen sich die 3 Menschen und ein Roboter den Deal ihres Lebens, wenn sie die Rückgabe des Dreikäsehochs in Rechnung stellen.

Auserwählte Individuen, die die Menschheit retten (oder eben vernichten) und um die es ein mordsdrum Gerangel gibt – gab’s schon x-fach. Nur selten auf so anstrengende Weise. Wie für südostasiatisches Actionkino mit Komödien-Attitüde üblich, wird hier in Sachen Hektik nicht gekleckert. Dieses viele Hin und Her, diese hudeligen Actionszenen und sehr viel schnelles Gerede sind nicht die Indikatoren eines ausgewogenen Filmerlebnisses, viel mehr eines seltsam aufreibenden Astro-Abenteuers nach Schema F, das mit einer differenzierten Dramaturgie wohl länger in Erinnerung hätte bleiben können.

Space Sweepers

Mortal

SOWAS VON GELADEN

6,5/10


mortal© 2021 Ascot Elite Entertainment


LAND / JAHR: NORWEGEN, USA, GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: NAT WOLFF, IBEN AKERLIE, PRIYANKA POSE, ARTHUR HAKALAHTI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In Skandinavien geht man Hand in Hand mit den Mythen, so ist das dort einfach. Egal ob Trolle, Feen oder überhaupt gleich Walhalla – für jede und jeden scheint da was dabei zu sein. Auf alle Fälle hält Regisseur André Øvredal ziemlich viel davon – er scheint von all dem Metaphysischen um ihn herum richtiggehend verzückt zu sein. Das hat schon sein Erstling Trollhunter bewiesen – eine findige wie originelle und vor allem auch stimmige Mockumentary über einen Mythenjäger und zwei Journalisten, die sich mit haushohen Kreaturen anlegen. Einen Ausflug ins Hollywoodkino hat Øvredal auch schon hinter sich – auf Einladung von Guillermo del Toro. Scary Stories to Tell in the Dark hat als Halloween-Mitternachtseinlage ziemlich gut funktioniert. Jetzt ist der Mann wieder retour und wühlt an den Wurzeln des Weltenbaumes Yggdrasil herum. Dabei ist ihm aber nicht danach, die alten Zeiten von Wikinger und Co wieder aufleben zu lassen. Er bleibt schön brav im 21. Jahrhundert und sichtet in seinem selbst verfassten Abenteuer einen jungen Mann, der gut und gerne Mitglied in Professor Xaviers Schule für Menschen mit besonderer Begabung sein könnte.

Dieser junge Mann namens Eric, gespielt von Nat Wolff (u.a. Margos Spuren), hat die gängige Physik aus dem Lehrbuch nicht ganz so im Griff wie er es gerne hätte. Da ist die Sache mit dem Feuer, mit der Hitze, mit den vielen Blitzen. Eric weiß nicht, wohin mit sich und seinem leuchtenden Arsenal, streunt durch Norwegens Wälder und bemüht sich, den Menschen fernzubleiben. Das klappt nicht – und bald liegt der erste Tote im Gras. Von der Polizei verhaftet, findet Eric in Psychologin Christine eine Person auf Augenhöhe, die ihm auch zuhört. Und die das Rätsel um all diese körperliche Energie zu ergründen versucht.

Mortal fühlt sich an wie die Origin-Story eines Superheldenfilms. Nur europäischer, nordischer. Weniger weltenrettend und für höhere Ziele kämpfend oder gar einen Finsterling die Stirn bietend. Protagonist Eric ist voll und ganz mit seinen Anomalien beschäftigt, die immerhin formschön, wie sich das für Wetterphänomene gehört, in Szene gesetzt sind. X-Mens Storm müsste sich langsam was überziehen. Mortal ist daher ein abenteuerlicher Trip in Richtung Familien- und Kulturgeschichte mit ansehnlichen Make-up- und Brandeffekten, den Øvredal aber fast ein bisschen zu brav erzählt. Weniger brav gebärdet sich das gängigen oder gewohnten Kinoerwartungen zuwiderlaufende Finale des Films. Hier zeigt Øvredal plötzlich mit aller finsterer Konsequenz, was er kann und wohin ihn seine phantastischen Spinnereien eigentlich führen können: in ein Ende, das eigentlich keines ist, sondern der Auftakt zu noch viel mehr. Auserzählt mag Nat Wolffs Genese aus meiner Sicht noch nicht sein. Oder doch? Dann wäre das ein mutiger, dramaturgischer Schachzug. Den sich zum Beispiel Hollywood im Mainstreamkino des Phantastischen sehr selten zutraut.

Mortal

Animal World

SCHERE, STEIN, PAPIER – DER FILM

5,5/10


animalworld© 2018 Netflix


LAND: CHINA 2018

REGIE: HAN YAN

CAST: LI YIFENG, MICHAEL DOUGLAS, ZHOU DONGYU, JIA CHI, ANLIAN YAO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Was man wohl am allerwenigsten bei einer Produktion wie dieser vermuten würde, wäre der Auftritt einer Hollywoodgröße wie Michael Douglas. Doch ja, der Mann hat sich tatsächlich hier eingefunden, in der verwirrenden Verfilmung eines Manga-Comics mit dem Titel Kaiji, die nichts anderes im Sinn hat außer das simple, aber energische und auch berechenbare Spiel Schere Stein Papier, für das man nichts anderes braucht als seine eigene Hand, zu verfilmen.

In Animal World sind das aber nicht Hände, die zum Spiel zugelassen werden, sondern dreierlei Sets besagter Karten, die das entsprechende Symbol zeigen. Wie es so weit kommt, dass Schere Stein Papier der einzige Ausweg aus einer existenziellen Not sein kann? Nun, im Zentrum des recht kruden Manga-Comic-Geschehens steht ein junger Mann namens Zheng, der seltsamerweise, sobald er in die Enge getrieben wird, zu einer Art Superheld wird. Das kann er aber nicht steuern. Und auch nicht die Wahl des Superhelden. Er wird zum Clown. Das kann aber wiederum nur er wahrnehmen. Gleichzeitig verwandelt sich seine Umwelt in eine Grottenbahn aus Monstern und Kreaturen, die sich ihm in den Weg stellen. Das alleine ist schon eine seltsame Ausgangssituation und erinnert an Szenen aus David Cornenbergs Naked Lunch. Hinzu kommt, dass Zheng einige Schulden zu bezahlen hat – an Michael Douglas eben. Der wiederum ist Besitzer eines obskuren Kreuzfahrtschiffs, an dessen Deck das Spiel Schere Stein Papier auf Leben und Tod gespielt wird. Und zwar von allen Schuldnern, die Douglas so angesammelt hat. Denn: Gewinnen sie dieses Spiel, sind sie schuldenfrei. Zheng bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. Was seiner Freundin natürlich gar nicht gefällt.

Tricktechnisch und kameratechnisch ist dieses Fantasyabenteuer erste Sahne. Die Farben sind üppig, sie Slow-Motion-Einlagen mit ausgiebiger Huldigung an den zoom-Fokus auf tropfende Flüssigkeiten und fallende Gegenstände ein Augenschmaus sondergleichen, weil eben gut animiert, allerdings auch enorm überladen und überstilisiert. Als Zheng dann die Spielhalle des Todes betritt, ändert der Film seine Geschwindigkeit und auch seinen Rhythmus, dabei konzentriert sich Regisseur Han Yan vorwiegend auf den Mikrokosmos der Gambler, die hier ihr Glück versuchen. Die Karten kaufen und verkaufen und um jeden Preis berechnen wollen, wie man unter Garantie obsiegen kann. Spätestens da führen die rasant erklärten und schwer bis gar nicht nachvollziehbaren Gedankengänge der unglaublich toughen und scheinbar hochintelligenten Spieler einfach dazu, dem ganzen marktschreierischen Börsengezeter rund um Karten und Abzeichen (die sich anstecken lassen, sofern du gewinnst – und mindestens drei musst du am Ende des Spiels haben) außen vor zu lassen. Das macht dann keinen großen Spaß mehr, denn mit dem Unverständnis an der verschwurbelten Logik geht auch die Spannung flöten. Dann lieber doch wieder per Hand.

Animal World

Sputnik – Es wächst in dir

ES ZÄHLEN DIE INNEREN WERTE

5,5/10


sputnik© 2020 capelight pictures


LAND: RUSSLAND 2020

REGIE: EGOR ABRAMENKO

CAST: OKSANA AKINSHINA, PYOTR FYODOROV, FEDOR BONDARCHUK, ANTON VASILEV U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Dass die Filmnation Russland in Sachen Effekt- und Eventkino bereits einiges draufhat, und zumindest aus technischer Sicht den IT-Schmieden in Übersee sehr wohl das Wasser reichen kann, das konnte man bereits aus Filmen wie Attraction ganz gut nachvollziehen. Im Science-Fiction-Thriller Sputnik – Es wächst in dir waren die Creature Designer ganz besonders ehrgeizig. Das seltsame Wesen, dass hier auf die Menschheit losgelassen wird, bettet sich dank seiner Struktur, seiner Physis und all der Licht-Schatten-Rafinesse perfekt in das reale Szenario ein, das, angesiedelt in den Achtzigern, vorwiegend in völlig unattraktiven und womöglich asbestverkleideten Räumen seine Spielfläche sucht. Wer kommt schon auf die Idee, ein Wesen wie dieses zwischen den Wandverbaueinrichtungen aus Pressspan inklusive symmetrischer Hochglanzfurnier herumschmnüffeln zu lassen? Entweder Wandverbau oder ich, könnte das Wesen meinen, und hinterlässt logischerweise, wie sich das eben für solche Kreaturen gehört, eine Spur der organischen Verwüstung. Dabei muss man bemerken: die Kreatur in Sputnik hat immerhin so etwas wie eine Verhandlungsbasis zu bieten – der Xenomoprh aus Alien natürlich nicht. Was Regisseur Egor Abramenko da entworfen hat, ist eine deutlich subtilere Version des Parasiten-Mythos für das nächtliche Lagerfeuer. Der Sputnik – was soviel heisst wie Weggefährte, Begleiter – hat für seinen Wirt deutlich mehr Verwendung. Wie er diesen manipuliert, sei an dieser Stelle natürlich nicht gespoilert.

Verraten sei aber so viel: Sputnik erreicht das Level an Suspense im Gegensatz zu Alien oder gar Life nur ansatzweise. Zwischen den spannenden Szenen der Konfrontation mit dem Fremden schielt Abramenkos Film deutlich in Richtung Geheimdienstthriller im Stile eines John Le Carre. Klingt prinzipiell mal interessant, hat aber wortlastige Längen. Die biologische Komponente hingegen hat so ihren Reiz, und in der Biologie, so wissen wir, gibt es kein Gut und Böse, sondern Zweckmäßigkeit in ständiger Adaption. Das gelingt Sputnik sogar noch besser als Alien, denn dort ist das Monster scheinbar vorrangig und vorsätzlich fies. Rückblickend wäre dieser Blickwinkel noch weiter aufzufächern gewesen, hätte der Film gerne auch eine Richtung einschlagen können, wie sie Gareth Edwartds Monsters genommen hat. Lezten Endes ist es doch wieder nur klassisches Genrekino mit der gefälligen Portion Blut. Aber mit einem Monster, das aus Ridley Scotts interstellarer Albtraumnotizen entsprungen sein könnte. Was aber nicht heisst, dass man es nicht auch ein bisschen gern haben kann. Wo es doch so anhänglich ist.

Sputnik – Es wächst in dir

Fatman

SANTA SPRICHT DAS NACHTGEBET

5/10


fatman© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: ESHOM & IAN NELMS

CAST: MEL GIBSON, WALTON GOGGINS, MARIANNE JEAN-BAPTISTE, CHANCE HURSTFIELD, SHAUN BENSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zur stillsten Zeit des Jahres tummeln sich in Film und Fernsehen neben traditionellen Klassikern und lieblichem Süßkram auch allerhand Skurriles. Zu erwähnen sei hier auf alle Fälle einmal das finnische Fantasyabenteuer Rare Exports oder auch Krampus mit Toni Colette. Geena Davis durfte es zur Weihnachtszeit auch schon ordentlich krachen lassen und Stirb langsam wird ebenfalls als jährliches Pflichtprogramm angesehen, obwohl dort Weihnachten nur als stille Bühne im Hintergrund fungiert. Zynisch und ungehobelt war Billy Bob Thornton als Bad Santa unterwegs. Und jetzt greift sogar noch Mel Gibson, seines Zeichens einmal großer Actionheld und exzentrischer Regisseur, recht desillusioniert nach der pelzumsäumten roten Mütze. Setkollege Kurt Russel hat es ja auch schon getan – heuer schon das zweite Mal. Beide tragen ihren grauweißen Swiffer stolz im Gesicht, das alleine reicht doch schon, um Santa Clause mal im diesseitigen Filmuniversum irgendwo zu positionieren.

In Fatman, einem brandneu erschienenen „Weihnachtsfilm“, darf sich ein um die Existenz bangender Mythos nun mit einem diabolischen Killer herumschlagen. Denn ein versnobter, ungeliebter und garstiger Junge, der unterm Christbaum nichts anderes als Kohle findet und darüber sehr erbost ist, will den Weihnachtsmann tot sehen. Klingt grotesk? Ist es allerdings auch. Dabei ist Fatman genretechnisch längst kein astreiner Actionfilm, genausowenig ein ernstzunehmender Thriller. Die Brüder Eshom und Ian Nelms haben hier einen vorweihnachtlichen Punsch zusammengerührt, der vor allem auch die Komponente des Fantasyfilms in sich trägt, als alkoholstarke Note wohlgemerkt. Hier tummeln sich spitzohrige Elfen mit Glockenschuhen genauso wie das amerikanische Militär, das die Geldprobleme des Weihnachtsmannes ausnutzt, um dessen freie Ressourcen für den Waffenbau zu nutzen. Der Glaube an eine artige Next Generation ist in Fatman auch längst hinfällig – zu böse, zu egomanisch, zu fies sind die Kids von heute, dass Santa um seine Arbeit bangen muss und zusehends nur noch Kohle verschenkt. Verheiratet ist er diesmal auch, und mit zwei rustikalen Knarren weiß auch er sich vor vergrämten Sterblichen zu verteidigen, die es zu ihm in den Norden schaffen.

Mel Gibsons glorreiche Zeiten scheinen tatsächlich vorbei zu sein, da kann er Bruce Willis die Hand reichen. Zumindest fällt dem gebürtigen Australier noch das eine oder andere originelle Script zu, aber als originell würde ich Fatman auch wieder nicht bezeichnen. Das mitunter blutige Fantasy-Abenteuer, gespickt mit Shootouts und Santas Gier auf Milch und Kekse, stapft als hanebüchener Murks durch den Schnee. Dabei genießt Walton Goggins jede noch so kleine arrogante Eigentümlichkeit seines akkuraten Antagonisten und zieht sein Image des obligaten Finsterlings mitunter freudvoll durch den Kakao. Gibson bleibt im Gegenzug recht flach. Bärbeißig zwar, aber flach. Doch wie man sieht: der American Way of Christmas lässt sich auf alle Arten ausleben – sogar im Stile eines Italowesterns mit Holzhammermoral.

Fatman

November

RÄTSELHAFTES BALTIKUM

7/10

 

november© 2018 Drop-Out Cinema

 

LAND: ESTLAND, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: RAINER SARNET

CAST: REA LEST, JÖRGEN LIIK, TAAVI EELMAA, DIETER LASER, KATARIINA UNT, ARVO KUKUMÄGI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN

 

Was zur Hölle ist ein Kratt? Das wissen eigentlich nur die Esten. Denn der Kratt ist Bestandteil ihrer jahrhundertealten lokalen Mythologie. Es ist ein vom Teufel beseeltes Ding, ein Konstrukt aus Tierknochen und Teilen landwirtschaftlicher Gerätschaften. Es kann auch nur aus Kochtöpfen und sonstigen Utensilien bestehen. Wichtig ist, dass der Antichrist hierbei am Werk war. Und wir wissen: der Antichrist macht nichts umsonst – das heißt also: eine Seele für eine Seele, die in das grob zusammengezimmerte Konstrukt einfährt und dieses zu einem willigen Knecht macht, der rund um die Uhr alle möglichen Arbeiten verrichtet, die man selbst nicht machen will. So ist das mit der Bequemlichkeit. Wenn die Dinge von Natur aus nicht so wollen, wie geplant, muss eben all das, was zwischen oder jenseits der uns bekannten Welt existiert, zum Eigennutz herangezogen werden. Auch die Liebe ist so eine Sache, die manchmal nicht erwidert wird. Da antworten eher noch die Toten am Allerseelentag, die in weißer Gewandung durch den dunklen Wald staksen.

So ein Szenario verspricht die estnische Kunstfilmfantasy mit dem schlichten Titel November von Regisseur Rainer Sarnet. Und mit November ist eigentlich schon alles gesagt, denn dieser Monat des Spätherbstes ist jene Zeit, in der die Grenzen zwischen Realem und Paranormalem in reibungsloser Adhäsion verschmelzen. Zur Vollendung gelangt dieses Vorhaben in erster Linie durch eine in strengen Kontrasten gehaltene Schwarzweiß-Optik mit ganz viel künstlichem Gegenlicht, dem Schein des Mondes und einer Tiefenschärfe, die jeden Staubpartikel, jede Kerbe im Holz und jede Falte im Gesicht zu einer eigenen, isolierten Sphäre werden lässt. Womöglich hat Kameramann Mart Taniel dafür einen weniger lichtempfindlichen Film verwendet, um so all dieses satte Schwarz und die gleißende Helligkeit in jeder Einstellung neu zu definieren. In dieser eigentümlichen Welt geistern eben nicht nur die Toten und beseelte Vehikel durch den subpolaren Forst, sondern auch Hexen, ein Werwolfmädchen und natürlich Luzifer, den man an einer Wegkreuzung lediglich mit Pfeiflauten zu rufen braucht, schon ist er da, der bärbeißige Geselle, um das Leben der mythenfürchtigen Menschen auf ihre Kosten zu erleichtern. Im Mittelpunkt steht auch das Anwesen eines Barons, dessen Tochter gerne schlafwandelt und zum letzten Teil einer Dreiecksgeschichte wird, die an Orten und in Zeiten wie diesen die ungestillte Sehnsucht nach Zweisamkeit über alles stellt.

November fordert von seinem Zuseher die nötige Toleranz für eine Narrative, durch die er sich wie durch ein winterkaltes Dickicht aus Reisig und Astwerk hindurcharbeiten muss. Wer mit der mystischen Filmwelt eines Ingmar Bergman vertraut ist, dem wird das nicht so schwer fallen. Außerdem ebnet der hypnotische Bildersturm ohnehin den Weg. Die eigentümliche Mär verblasst am Wegesrand, es zählt das Hinsehen und vielleicht gar nicht mal groß Mitdenken, man muss gar nicht mal so viel verstehen, die knorrige Geschichte offenbart sich wie das Klopfen eines Fremden an der Hintertür, die man nicht öffnen will. Oder eben doch, weil man dahinter etwas Bereicherndes, Magisches vermutet.

November

The New Mutants

PRÄVENTIVNACHSITZEN FÜR ANDERSBEGABTE

6/10


© 2020 The Walt Disney Company


LAND: USA 2019

REGIE: JOSH BOONE

CAST: BLU HUNT, MAISIE WILLIAMS, ANYA TAYLOR-JOY, CHARLIE HEATON, ALICE BRAGA, HENRY ZAGA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


„Sie sehen in uns einen Schlaukopf, einen Muskelprotz, eine Prinzessin, eine Ausgeflippte und ein Freak.“ Kinder der Achtziger und darüber hinaus wissen: diese Worte standen im Brief an den Schulleiter, der in John Hughes ewigbestem Teeniedrama fünf aus der Rolle gefallene Oberstufler zum Nachsitzen verdonnert hat. Gegen Konventionen verstoßen kann schon mal passieren, schlimmer ist noch, wenn man nicht aus seiner Haut kann. Zumindest noch nicht – später dann, im Erwachsenenalter, vielleicht doch. Die fünf ganz anders gelagerten Teenies im etwas anderen Nachsitzdrama, die legen ein Verhalten an den Tag, das auch Tage später nicht anders sein wird. Denn diese fünf, die können wirklich nicht anders. Denn sie sind – salopp gesagt – Mutanten. Kein schönes Wort, fast schon diskriminierend. Drei Mädels, zwei Jungs – die müssen ihren jugendlichen Alltag in einem obskuren Heim zubringen, das von einer ebenfalls recht obskuren, aber augenscheinlich sehr verständnisvollen jungen Ärztin geführt wird, die den ganzen Laden im Alleingang schmeißt. Das ist schon mehr als seltsam. Und es wird noch seltsamer, nachdem Neuzugang Dany das Quintett komplett macht. Was sie für Superkräfte hat, weiß keiner, nicht mal sie selbst. Die anderen? Die können schon mal heiß gehen, ihr Wunschportal öffnen oder den Mond anheulen. Doch bald wird dieses düstere Gemäuer zu einem Schauplatz paranormaler Ereignisse, die alles gemeinsam haben: sie lassen die Ängste der Insassen real werden.

Klingt nach Freddy Krüger? Oder nach dem mit Hohn leicht besiegbaren Irrwicht aus dem Harry Potter-Universum? Der Endeffekt ist ähnlich. Was also tun, um den eigenen Ängsten entkommen? Klar doch – sich ihnen stellen. Das ist Coming of Age auf der Psycho-Schiene, das ist wie schon erwähnt, The Breakfast Club fürs Marvel-Zeitalter. Das The New Mutants kurze Zeit im Giftschrank Hollywoods landete, um dann streckenweise neu nachgedreht zu werden, um dann wieder gefühlt x-mal in punkto Kino-Release verschoben zu werden, mag ich kaum glauben. So komplex ist das Konzept dieser Teenie-Fantasy nun wirklich nicht. Ein waschechter Horror ist Josh Boones Film – anders als angekündigt – auch nicht geworden, ein paar stimmige Genre-Momente gibt es, aber die wählen den Weg des geringsten CGI-Know-Hows. Highlight des Films sind die grinsenden Männer in Schwarz: formschön entworfen, herrlich schrecklich und noch dazu von Marilyn Manson vertont. Alles andere orientiert sich, um nicht ganz den Anschluss ans X-Men-Universum zu verlieren, an das Look and Feel der bereits bekannten und etablierten Welten rund um Charles Xavier, Magneto und Co.

Misslungen ist The New Mutants aber nicht. Maximal hat der Film sein Thema verfehlt, doch bleibt man als Zuseher flexibel, ärgert das wenig. Dafür sorgen zum Beispiel ganz in sich ruhende Momente zwischen „Arya Stark“ Maisie Williams und Blu Hunt, sorgt das aufgesetzt exaltierte Freakverhalten Anya Taylor-Joys. Die beiden Jungs bleiben da eher etwas blass. So gesehen gehört der Film voll und ganz den Mädels, die genauso wenig als Stereotypen der Jugend angesehen werden wollen wie die uns bekannten Fünf aus dem Breakfast Club. Am Ende des Films von John Hughes wird ja bekanntlich David Bowie zitiert: „…And these children that you spit on as they try to change their worlds are immune to your consultations. They’re quit aware of what they’re going though…” Genau das trifft auch auf die neuen Mutanten zu. Und so gesehen macht das obskure Kammerspiel durchaus Sinn.

The New Mutants

Horns

DEN TEUFEL AN DEN MANN GEBRACHT

5,5/10


horns© 2015 Universal Pictures Germany


LAND: USA 2013

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: DANIEL RADCLIFFE, MAX MINGHELLA, JUNO TEMPLE, KATHLEEN QUINLAN, HEATHER GRAHAM, DAVID MORSE U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Harry Potter war gestern. Daniel Radcliffe muss mittlerweile eine Freude daran haben, einfach Rollen zu verkörpern, die quer durch alle möglichen Genres zumindest eines gemeinsam haben: dass sie nichts mit Rowlings Held verbindet. Auch sein in aller Hinsicht strauchelnder Antiheld im Fantasythriller Horns ist so eine losgelöste Figur, die allein auf weiter Flur sehen muss, wo sie bleibt. Denn nichts und niemand ist dem augenscheinlichen Loser gewogen. Wie denn auch – er wird des Mordes beschuldigt – des Mordes an seiner Geliebten. Anfangs erfährt der Zuseher so gut wie nichts darüber. Einzig wilde Horden an Reportern belagern das Anwesen des Mittdreißigers, der boulevardstudierte Pöbel wünscht den jungen Mann zur Hölle. Manch ein Schundblatt fragt sich gar, ob nicht der Teufel in Menschengestalt unter ihresgleichen weilt. Nichts, was sich gut anfühlt. Kann ja auch sein, dass, je mehr die breite Masse wettert, umso mehr der Beschuldigte zu dem wird, den diese an die Wand malt: eben zum Teufel.

So passiert es ganz plötzlich, und Daniel Radcliffe wachsen eines Morgens geschwungene Hörnchen aus der Stirn. Mit dieser seltsamen anatomischen Begebenheit ändert sich auch das Verhalten der Leute ihm gegenüber. Abgesehen davon, dass das Wunder des Hornwuchses niemanden sonderlich irritiert, scheint der gebrochene Einzelgänger die dunklen Gedanken eines jeden, der ihm begegnet, hervorzukehren. Nicht selten passiert es, und aus der Theorie wird Praxis.

Alexandre Aja, der letztjährig mit dem eher mittelmäßigen Alligatorenschocker Crawl im Kino für reptilophobe Anwandlungen gesorgt hat, nahm sich vor rund 7 Jahren Joe Hills gleichnamigen Roman zur Brust. Ein komplexes Stück Gesellschaftssatire muss das sein, ein ätzender Spiegel vor den Gesichtern bigotter Bürger. Aja fährt allerdings im Slalom, und so sehr sein Film auch szenenweise auf gerader Strecke auf Turbo stellt, bremst er sich selbst wieder ab, um auch jedem Detail der Vorlage gerecht zu werden. Was er besser nicht hätte tun sollen. Klüger wäre es gewesen, sich zumindest an Hills Vorlage zu orientieren, nicht aber den ganzen Stoff zu illustrieren, was vor allem im letzten Drittel etwas für prätentiöse Konfusion sorgt. Das beste Stück ist der Mittelteil des Films, wenn „Teufel“ Radcliffe das Volk gegeneinander aufhetzt und die Verkommenheit so manchen Individuums für alle sichtbar macht. Das ist zynisch und grotesk, das ist mitunter gar absurdes Theater, vor allem im Aspekt der jener Selbstverständlichkeit, in der Radcliffes Hornwuchs hingenommen wird. Der Mensch, der sich in seinem barschen Egoismus so sehr um sich selbst dreht, bekommt den Wandel gar nicht mit. Das erinnert auch wieder an die Serie Lucifer, in der Tom Ellis ebenfalls die Fähigkeit besitzt, die unzensierten Wünsche des Einzelnen herauszukitzeln.

Interessanterweise spielt der christliche Glauben trotz all der Satire eine konterkarierte fromme Rolle, und so sehr das auch gut gemeint ist, so sehr bringt es den erfrischend radikalen Drive aus dem Rhythmus. Am Ende bleibt von diesem auf- und überladenen Mix aus phantastischem Thriller und durchaus humorbefreiter Love-Story ein recht trivialer Showdown mit Blut und Budenzauber. Verschenkt hat Horns sein Potenzial aber auch nicht zur Gänze. Denn die Sache mit der selbsterfüllenden Prophezeiung durfte sich selten zumindest szenenweise zu ungehemmt austoben wie hier. Der gut gesampelte Soundtrack wirkt da löblich unterstützend.

Horns

Hexen hexen (2020)

ZEIGT HER EURE FÜSSE!

6/10


hexenhexen© 2020 Warner Bros. Pictures Germany


LAND: USA 2020

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: ANNE HATHAWAY, OCTAVIA SPENCER, STANLEY TUCCI, JAHZIR BRUNO, CODIE LEI-EASTICK, CHRIS ROCK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Wie ekelhaft! Um eine Hexe zu erkennen, braucht es nicht viel. Sie müssen lediglich ihr Schuhwerk ausziehen. Denn Hexen, die haben gar keine Zehen. Wenn überhaupt, dann nur eine, und die ragt wie ein ausgestreckter Mittelfinger aus einem zehenlosen Fußballen hervor. Dieses noble Körperteil bleibt allerdings nur der Oberhexe vorbehalten. Und wer könnte diese sinistere, ekelhafte Matriarchin wohl am Besten spielen? Ann…jelica Huston. Kaum jemand, der Nicholas Roegs Klassiker nicht gesehen hat. Anjelica Huston, die sonst auch Morticia Addams treffend zu farbenfrohem Leben erweckt hat, ist als kinderhassende Antithese auf die nette Dame von nebenan schwer bis gar nicht zu toppen. Langes, schwarzes Haar, ein Charisma, das alle Anwesenden einen oder gar mehrere Schritte zurücktreten lässt. Mit sensenartiger Nase und massivem Kinn, dabei barhäuptig und von Krätze gezeichnet, schwört die Oberhexe all ihr Gefolge im Rahmen einer Konferenz zum Schutz gegen Kindesmisshandlung (wer’s glaubt) zur vollständigen Vernichtung aller Kinder dieser Welt ein. Blöd nur, dass dieses Treffen genau dort stattfindet, wo der namenlose junge Titelheld dieser Geschichte nach Roald Dahl mit seiner Oma Urlaub macht. Gier und Neugier machen allerdings diesem bösartigen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, auch wenn dann so manch einer auf die Maus gekommen sein könnte.

Der Rest von Hexen hexen ist längst Kult. Und Robert Zemeckis, Regielegende, für dessen Zurück in die Zukunft-Trilogie ich dem Mann ewig dankbar bin, weiß das auch. Dementsprechend bemüht sich der Filmemacher auch gar nicht sonderlich, sich von Nicholas Roegs Klassiker weit zu entfernen. Kleine verändernde Kniffe, die gibt´s schon. Zum Beispiel was Schauplatz, Diversität und das Ende der Geschichte betrifft. Diese neuen Extras rollen den Teppich aus für die größte Veränderung in dieser vergnüglichen, wenn auch selbstverständlich vorhersehbaren Fantasykomödie: Anne Hathaway. Ich denke nicht, dass die Gute auch nur eine Sekunde dabei gezögert hat, diese Rolle zu unterschreiben. In den Fußstapfen von Anjelica Huston treten, überhaupt endlich mal etwas ganz anders spielen. Etwas, das nicht gut, nicht schön, nicht politisch korrekt sein muss. Eine Hexe heben. Herrlich, dieser Spaß. Dementsprechend spiellaunig betritt sie als aufgedonnertes Make-Up-Schreckgespenst das Foyer des Hotel Imperial, Stanley Tucci mit John Waters-Gedächtnisschnauzer zeigt, was es heißt, gleichzeitig devot zu sein und die Gastgesellschaft hinter den Mond zu wünschen. Spätestens dann, wenn Hathaway ihre Hüllen, Handschuhe und sonstiges fallen lässt, kommt sogar ein bisschen grotesker Grusel auf, wenn das Grinsen der fiesen Tanten zwischen Joker und rabenschwarzer Nacht bis über beide Ohren geht. Kleine Kinder sollten sich das skurril-hämische Treiben lieber entgehen lassen. Alle anderen werden erschaudern. Wir Älteren klatschen diesem Mut zur Hässlichkeit, den Anne Hathaway an den Tag legt, gerne Beifall. Und staunen, was dieses dargestellte Wesen mit seinen Gelenken alles anstellen kann.

Mit der Oberhexe hat der Film seinen einzigen Trumpf aber längst ausgespielt. Alles andere huldigt mit mittelmäßigem Mäuse-CGI dem Abenteuer aus 1990. Sogar die dahinflitzende Kamera auf Augenhöhe, um sich an den Fersen der hetzenden Nager zu heften, hatte Roeg bereits ausprobiert. Aber immerhin schön, das Ganze nochmal auf großer Kinoleinwand zu sehen. Schön auch, dass Octavia Spencer als liebenswerte Oma das Herz aber sowas von am rechten Fleck hat. Sonst allerdings hat Zemeckis mit dem von Guillermo del Toro (der ursprünglich daraus ein Stop-Motion-Abenteuer machen wollte) und Alfonso Cuáron mitproduziertem Hexeneinmaleins tatsächlich nur solide Routinearbeit abgeliefert, die es nicht unbedingt gebraucht hätte, die als vollständige Animation womöglich besser dran und vielleicht auch etwas origineller gewesen wäre. Aber immerhin: wer zuletzt grinst, grinst am Besten.

Hexen hexen (2020)