Hoppers (2026)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ EIN BIBER

4/10

 

© 2025 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DANIEL CHONG

DREHBUCH: JESSE ANDREWS

KAMERA: JEREMY LASKY, IAN MEGIBBEN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): PIPER CURDA, BOBBY MOYNIHAN, JON HAMM, KATHY NAJIMY, DAVE FRANCO, EMAN ABDUL-RAZZAK, EDUARDO FRANCO, TOM LAW, ISIAH WHITLOCK JR., MERYL STREEP U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN

 

Das innovative Pionierstudio Pixar hat seit seiner Abspaltung von ILM wahrliche Wunder vollbracht – berührende Geschichten, unverwechselbare Charaktere, vielschichtige Themen, sowohl für Erwachsene als auch für den anspruchsvollen Nachwuchs, der sich nicht nur mit Teletubbies, Paw Patrol und Co zufriedengeben will. Zu diesen Wunderwerken zählt Hoppers leider nicht, obwohl man angesichts der durchaus witzigen Prämisse erwarten hätte können, dass hier wiedermal die Kreativkeule zuschlägt und die richtige Balance zwischen Komik, Gefühl und lässiger Spannung gefunden wurde, alles innerhalb des gemeinsamen Nenners einer ausgefeilten Visualität und einem Charakter Design, da erscheint im Vergleich dazu manch reales Individuum deutlich zweidimensionaler.

Auf Biegen und Brechen innovativ

Bei Hoppers lässt selbst die Ausgestaltung der Figuren zu wünschen übrig – und erinnert frappant an Illumination und seinen eher kantigen, dynamischen, weniger natürlichen Gesichtszüge. Doch darüber hätte man leicht hinwegsehen können. Zumindest sind all die Fellknäuel mit Biberschwanz liebevoll gestaltet, das Rotwild hingegen kaum. Irgendwo also zwischen noch nicht fertig – da geht noch was und wir haben die ultimative Story will Regisseur Daniel Chong an mehreren Fronten gleichzeitig herumfuhrwerken, und das alles mit dem Argument, diesmal etwas ganz anders abzuliefern als man bisher von Pixar und Disney gewohnt war. Gut, darauf könnte man sich vorbereiten, Innovationen gehen immer, kommt drauf an, welcher Natur sie sind. Bei Hoppers rückt statt narrativer Fürsorglichkeit die bizarre Quadratur des Kreises in den Vordergrund, dabei beginnt alles so, als wäre der Rest des Films mit Sicherheit auch auf Schiene. Sorry, ist er nicht. Irgendwann entgleist er.

Wenn Tiere Krieg wollen

Wir haben ein Ökosystem, vollgestopft mit Arten wie aus einem Bilderbuch für Vorschulklassler. Wir haben einen nur an den Profit denkenden Bürgermeister, der sein Projekt der Umfahrungsstraße komme was wolle in die Realität umsetzen möchte (Erinnerungen an den Lobautunnel werden wach). Wir haben ein ethnisch diverses Wissenschaftsteam, dass die Science-Fiction gerade neu erfindet, während die Uni-Studentin Mabel auf eine Weise in ein Geheimprojekt hineingrätscht, die ihr endlich das beschert, wovon sie immer schon geträumt hat: Mit den Tieren kommunizieren. Das gelingt ihr mit einem Techno-Biber, der aussieht wie der echte. Fragen wir lieber nicht, wie das gehen soll – irgendwie funktioniert es jedenfalls. All die Clans diverser Tiergattungen mobilisierend, ruft sie fast schon ungewollt zum Krieg gegen die Menschenrasse auf, um das Bauprojekt zu vereiteln und den Bürgermeister loszuwerden. Mabel geht der Entschluss natürlich zu weit, und um Blutvergießen zu verhindern gerät der Menschenbiber mit all seinen Biber- und sonstigen Freunden in wilde Turbulenzen.

Stepford-Horror und Hai-Alarm

Viel zu wild, viel zu abstrus. Das alles passt letztlich nicht mehr zusammen. Während Drehbuchautor Jesse Andrews in den Stepford-Horror abgleitet, der wirklich jüngere Semester garantiert verängstigt, lässt er sich auch noch von der Trashfilmreihe Sharknado inspirieren und katapultiert einen Hai durch die Flügelkraft sämtlicher Seevögel aufs Trockene, um Jagd auf unsere Protagonisten zu machen. In der Synchro kommt als Erschwerniszulage noch die Stimme von Heidi Klum dazu. Dass Insekten dabei zu Antagonisten werden, weil eine Raupe den Größenwahn auspackt, ist weder pointiert noch gewitzt, sondern seltsam gehässig.

Von einem ausgewogenen  Abenteuer weit entfernt, verheben sich die Macher dieses Films unter autoaggressivem Ringen um Kreativität mit dem Zusammenschluss einzelner cleverer Ideen vor allem dann, wenn vorne und hinten nichts zusammenpasst.

Hoppers (2026)

May December (2023)

DAS LEBEN IST EIN ROLLENSPIEL

7/10


maydecember© 2024 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: TODD HAYNES

DREHBUCH: SAMY BURCH, ALEX MECHANIK

CAST: NATALIE PORTMAN, JULIANNE MOORE, CHARLES MELTON, ELIZABETH YU, GABRIEL CHUNG, ANDREA FRANKLE, PIPER CURDA, D. W. MOFFETT, CORY MICHAEL SMITH U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Es stand auf der Blacklist der besten, noch nicht verfilmten Drehbücher – das originale Skript von Samy Burch über eine May December-Beziehung – so nennt man den frappanten Altersunterschied eines Paares, der ja an sich kein Problem darstellen würde, wenn beide es wollen. Der aber schnell kriminell werden kann, wenn zum Zeitpunkt des ersten Koitus der Knabe gerade mal 13 Lenze zählt. Dummerweise wurden beide inflagranti erwischt, und aus dem Akt der Liebe entwuchs dazu noch Nachwuchs, den Gracie, verurteilt aufgrund der Verführung eines Minderjährigen, im Gefängnis hat austragen müssen. Der Fall schlug damals ordentlich Wellen, 24 Jahre später ist mehr oder weniger schütteres Gras über die Sache gewachsen, sodass Hollywood damit liebäugelt, einen Film darüber zu machen. Als Hauptdarstellerin soll der Star Elizabeth Berry herhalten. Was Schauspielerinnen und Schauspieler eben so tun, wenn sie eine reale Person verkörpern wollen, die noch unter den Lebenden weilt? Sie fallen den zu interpretierenden Vorbildern insofern auf den Wecker, da sie ihr Rollenstudium in deren Privatleben absolvieren. Elizabeth wird also zum Schatten von Gracie, investigiert nach, sucht den Dialog, stellt Fragen und beobachtet. Langsam aber doch offenbaren sich Geheimnisse, die geheim bleiben, und tun sich Erkenntnisse auf, die vielleicht ein gänzlich anderes Licht auf jene Rollen werfen, die innerhalb der eingeschworenen, unorthodoxen Partnerschaft eingenommen werden. Elizabeths hospitierende Aufgabe nimmt mehr Raum ein als beabsichtigt, der damals minderjährige Joe wird immer mehr aus sich herausgehen – bis klar wird, dass vieles im Leben erreicht, anderes aber auch unwiederbringlich versäumt und verloren scheint.

Todd Haynes hat schon mal mit Julianne Moore gedreht, und zwar das Melodrama Dem Himmel so fern über eine ebenfalls ungewöhnliche Beziehung zu sehr ungünstigen Zeiten. Nach dem subtilen lesbischen Liebesdrama Carol widmet sich der Filmemacher mit dem Gespür für schwer zu fassende Gefühlswelten einem komplexen Familienkonstrukt, bestehend aus zwei Parteien – der früheren Familie von Gracie und der neuen. Dazwischen jede Menge unaufgearbeitetes Dilemma, Kränkungen und zerstörte Leben. Auf der einen Seite steht eben Moore als eine mehrmals auf die Probe gestellte, verletzte Frau, deren Nerven blank liegen. Auf der anderen Natalie Portman als berechnende, stets höfliche Diva, die ihren eigenen Kopf hat und sich somit ihr eigenes Bild macht vom wellenschlagenden Umstand einer verbotenen Liebe, die, keiner weiß es genau, wer auch immer entfacht hat. Wer war die treibende Kraft hinter all dem? Ist es wirklich immer noch Liebe? Oder Pflicht? Oder das Erfüllen einer Erwartungshaltung, um nicht geächtet zu werden?

May December macht keinen Unterschied mehr zwischen Filmrollen und jenen, die man im Leben einnimmt. Das akkurate Drama wirft viele Fragen auf und beobachtet in messerscharfer Genauigkeit die Gefühlslagen der Beteiligten, wobei die Dramatis Personae ordentlich Kreise zieht. Hochkomplex ist Todd Haynes Film geworden, und kaum jemand hätte diese abstrakten, fragilen Gefühlswelten ohne einer differenzierten, kühl-mathematischen Ordnungsliebe darstellen können. Das Mysteriöse in diesem Streifen sind die schwer zu positionierenden Hauptfiguren, die einfach nicht sind, was sie vorzugeben scheinen. Die eine hegt den Verdacht bei der jeweils anderen, dieser schwelende Konflikt gerät aber niemals zum derben Schlagabtausch, sondern bleibt vages Urteil, Vorurteil oder Wunschdenken. Haynes legt Sehnsüchte und Versäumnisse frei, May December ist das impressionistische Geflecht einer eingegrenzten Gesellschaft, die entweder zum Opfer einer spontanen Wollust oder einer echten Zuneigung wurde, wobei man sich fragt, ob letzteres es wirklich wert gewesen war, so viel aufs Spiel zu setzen.

Man darf sich von diesem präzise beobachteten Psychodrama kein mitreißendes Emotionenkarussel erwarten. Vieles bleibt indirekt, nicht alle Geheimnisse werden offenbart, ganz im Gegenteil: Immer mehr kommen hinzu und am Ende ist man genauso schlau wie vorher. Letztendlich ist alles nur Vertrauenssache ohne Gewissheit.

May December ist ein spannender, durchdachter Film – die Qualität von Portman und Moore nochmal zu erwähnen, ist fast schon überflüssig. Beide sind Profis und scheuen sich nicht davor, in die Tiefe ihrer Rollen einzutauchen.

May December (2023)