The Last Duel

DES MANNES EIGENTUM

7,5/10


thelastduel© 2021 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: BEN AFFLECK, MATT DAMON, NICOLE HOLOFCENER

CAST: MATT DAMON, ADAM DRIVER, JODIE COMER, BEN AFFLECK, HARRIET WALTER, SAM HAZELDINE, NATHANIEL PARKER, ALEX LAWTHER U. A.

LÄNGE: 2 STD 32 MIN


Was Ridley Scott wirklich gut kann, und das schon über mehrere Jahrzehnte hinweg: Weltgeschichte als großes Kino zu verpacken. Niemand sonst kann das so gut, niemand sonst hat ein so lässiges Händchen dafür, Dramatik und Schauwerte mit intuitivem Sinn für Balance zusammenzubringen. Ridley Scott, der ist ein Handwerker. Ein nimmermüder, eigenmotivierter Künstler, wie Rodin oder Picasso es waren. Kaum ist ein Projekt fertig, braucht es keine Schaffenspause, um zum nächsten Tonklumpen oder zur nächsten Leinwand zu greifen. Als wäre der Brite ein Meister im Schnitzen hölzerner Reliefs, ausgestattet mit Hammer, Meißel und sonstigem Schnitzwerkzeug, um die Gesichtszüge der sich windenden, historischen Gestalten grob zwar, aber mit viel Esprit, in die dritte Dimension zu holen. Auch The Last Duel ist so ein Relief, eines aus dem Mittelalter, bereits wurmstichig, abgewetzt, aber mit unvergleichlicher Patina. The Last Duel ist nicht die Feinarbeit eines akribischen Nerds wie zum Beispiel Wes Anderson. Dieses Drama aus dem 14. Jahrhundert ist unvergleichbar impulsiv und rustikal – und gerade deshalb so lebendig. Nicht zuletzt auch dank eines formidablen Cast, der sich aus bekannten, aber veränderten Gesichtern zusammenstellt, und die allesamt, eben weil sie auch privat längst miteinander vertraut sind, wunderbar wechselwirken. Großes Schauspielkino ist das, neben der ganzen im Zwielicht des Morgens gedrehten Geschichte aus knirschenden Harnischen, vom Rauch dunstigen Kemenaten und kleinlauten Burgfrauen im Mieder, die mit ihrem Klatsch und Tratsch Social Media bereits vorwegnehmen.

Durch diesen Stille-Post-Mechanismus kommt es auch zu einem historisch belegten, denkwürdigen Moment des späten französischen Mittelalters unter der Herrschaft Karl VI: zum sogenannten letzten Duell auf Leben und Tod, damit Gott darüber entscheiden kann, wer in seiner Wahrheit nun Recht behält und wer nicht. Es kämpfen Matt Damon als Junker Jean de Carrouges und Adam Driver als Jacques Le Gris. Zuerst auf dem Pferd, wie bei einem Tjost, dann mit Schwertern, Äxten, Messern und Fäusten. Scott hat für diese Szene alles gegeben. Das ist maskulines Mittelalter in seinem reinsten Naturalismus. Grund für diese Urteilsfindung: die Vergewaltigung von Carrouges Ehefrau Marguerite (bildschön und oscarverdächtig: Jodie Comer). Unter Freunden wäre diese unschöne Episode wohl im Stillen geregelt worden, unter Ausschluss des eigentlichen Opfers. Doch hier sind andere Räder am Werk – nämlich die der Eifersucht und des Neids. Im Laufe des Films wird klar, dass Le Gris stets der ist, der auf die Butterseite fällt, während Carrouges nichts bekommt. Nicht mal das Erbe seines Vaters. Ein gekränktes Ego unter dem Licht vergangener Tage. Dieses Ego will Genugtuung. Und wir erfahren – ähnlich dem Konzept des Kurosawa-Klassikers Rashomon – aus drei Blickwinkeln, was sich wirklich zugetragen hat. Zuerst aus der Sicht der beiden Männer, dann aus jener der Frau.

Und Ridley Scott nimmt sich Zeit, in die Tiefe zu gehen. Kürzt seine gewohnt routinierten Schlachtenszenen auf das Minimum, um den Figuren viel mehr Spielraum zu geben. Den nutzen sie. Und selbst Ben Affleck beweist Talent. The Last Duel gewährt überraschend viel Einblick ins oftmals romantisierte Tagesgeschäft von Rittern und Machthabern, die sich stets in Korrelation mit dem Volk befinden. Das Ritterdrama erzählt von Geldnot, dem Einsatz für Erfolg und damals tauglichen Werten. Ernüchternd dabei ist, dass #MeToo längst noch kein Thema war – für Marguerite vielleicht, jedoch für niemanden sonst. Frauen waren nicht mehr als eine Sache, das Eigentum des Mannes. Hätte Carrouges nicht eingewilligt, aus Neid und wütender Rivalität die Schuld zu tilgen, wäre das Unglück einer vergewaltigten Frau kein Thema gewesen. Eine traurige, finstere Zeit also. Genauso finster ist auch dieser Film, der versucht, zu verstehen, wie es ist, sich mit ertragenem Leid arrangieren zu müssen, um als Frau zu überleben.

The Last Duel

Freaks (1932)

DIE RELATIVITÄT DES MONSTRÖSEN

7,5/10


freaks_1932© 1932 MGM

LAND / JAHR: USA 1932

REGIE: TOD BROWNING

CAST: HARRY & DAISY EARLES, OLGA BACLANOVA, LEILA HYAMS, WALLACE FORD, HENRY VICTOR, DAISY & VIOLET HILTON, ROSE DIONE U. A. 

LÄNGE: 64 MINUTEN (VON URSPRÜNGLICH 90 MIN.)


Von Mitte des 19 Jahrhunderts bis tatsächlich noch in die späten Dreißigerjahre hinein hat es sie gegeben: Freakshows, die körperlich abnorme Menschen wie Tiere ausgestellt und dafür Geld kassiert hatten. Das Bewusstsein, dass menschliche Wesen, die vielleicht äußerlich anders sind, die gleichen Rechte hätten wie ganz „normale“ unserer Art, traf zur damaligen Zeit auf einen wenig ausgereiften, reflektierenden Verstand. Damals wussten viele noch nicht mal, wie man Kinder erzieht, was Humanismus überhaupt bedeuten soll und dass aus der Norm Gefallenes durchaus progressives Potenzial hat.

Zum Thema der Menschenwürde und der Akzeptanz des Andersartigen gab‘s bereits 1932 einen Film, der in seiner bewusst plakativen Aussage wirklich jeden seiner Zuseher erreichen konnte, und waren diese auch noch so schlicht in ihrem Gemüt. Denn der für damalige Zeiten kontroverse und vielerorts verbotene Film Freaks von Dracula-Mastermind Tod Browning zählt schlicht und ergreifend eins und eins zusammen, und zwar so, dass es ein jeder versteht. Menschenwürde, das ist etwas, worüber man nicht viel diskutieren muss. Um Mensch zu bleiben braucht es nicht zwingend Arme oder Beine, eine gewisse Größe oder ein klassisch-griechisches Antlitz. In Freaks hat es Tod Browning geschafft, ein ganzes Ensemble aus deformierten Schauspielern und Bühnen-Attraktionen um sich zu scharen, die womöglich genau das alles erlebt hatten, was in Freaks so abgeht. Diese Ambition, die erlernten Geschicklichkeiten halber Körper oder den normalen Alltag zwischen den Auftritten zu dokumentieren, verleiht dem Film etwas einzigartig Echtes und Nahbares. So wenig auf Distanz war man körperlich beeinträchtigten Menschen nur selten. Dabei passiert es ihnen niemals, von Browning pietätlos präsentiert oder als etwas zur Schau Gestelltes verstanden zu werden.

David Lynch muss diesen Film ebenfalls schätzen – sein thematisch stark verwandtes Meisterwerk Der Elefantenmensch ist stilistisch ähnlich geraten und zeigt John Hurt als entstellten Merrick in einer ähnlichen Situation, in der sich auch der kleinwüchsige Hans in Freaks befindet. Obwohl er mit einer körperlich gleichgestellten Künstlerin verlobt ist, hat der Gentleman nur noch Augen für die wunderschöne Trapezkünstlerin Cleopatra. Die fühlt sich natürlich geschmeichelt, weiß von Hans‘ geerbtem Vermögen und nutzt ihn nach Strich und Faden aus, nur um an sein Geld zu kommen. Als sie versucht, ihn nach einer Scheinheirat mit Gift ins Jenseits zu befördern, steigen die „Freaks“ auf die Barrikaden.

Die Hintergründe zur Entstehung des Streifens und die tatsächlichen Biographien der einzelnen Personen (gut nachzulesen auf Wikipedia) lassen das eigentliche Werk fast schon außen vor. Freaks ist etwas, das nicht nur auf sein Medium als Film reduziert werden kann, sondern hierfür bräuchte es glatt faktenbasierende Begleitkommentare. Und es ist kaum zu glauben: in manchen amerikanischen Bundessstaaten ist Freaks, nach 91 Jahren, immer noch verboten. Ursprünglich hätte Brownings Werk auf Wunsch der Produzenten eine Schrecklichkeit, viel heftiger noch als Dracula, werden sollen, um Universal die Stirn zu bieten. Browning hatte aber anderes im Sinn – sein Film ist das simple Libretto einer traurigen, mitleiderregenden Operette, die noch vor dem sogenannten Hays-Code etwas zu wagen imstande war und es auch durfte. Bis heute gibt es so ein zeitgenössisches Wagnis kein zweites Mal. Ein wahrhaftiges Dokument über die Niedertracht der Bevorzugten, dessen Horror nur in den Köpfen jener entsteht, die Menschen mit Behinderung nicht für vollwertig erachten. Die, die so denken, sind die wahren Monster. Aber das wissen wir ja bereits, oder?

Freaks (1932)

Promising Young Woman

OBJEKT DER BEGIERDE

6/10


promisingyoungwoman© 2021 Focus Features


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: EMERALD FENNELL

CAST: CAREY MULLIGAN, BO BURNHAM, JENNIFER COOLIDGE, LAVERNE COX, CLANCY BROWN, CHRISTOPHER MINTZ-PLASSE, ALISON BRIE, ADAM BRODY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Der Mann von heute hat immer schlechtere Karten. Vielleicht, weil der alte, weiße Mann von gestern noch viel zu präsent ist. Der Mann von heute pflegt Anstand, Moral und Vernunft in Jeans und Sakko. Ist nicht nur der Sexualtrieb, sondern auch Alkohol im Spiel, fallen die mühsam errichteten Kartenhäuser selbsternannter Edelmänner zusammen. Ab dann wird´s eklig, und der Mann so selbstvergessen instinktgetrieben wie ein Elefant während der Mast. Selbsterkenntnis gibt´s danach keine. Stattdessen sind wir Menschen ohnehin Meister der Verdrängung, es sei denn, etwas traumatisiert uns. Mit einem „Wir waren ja noch jung“ kommt die Absolution so schnell wie ein Burger beim Drive In. Jedoch ist ein Nein kein Ja, und sei es auch noch so gelallt.

Diese Floskel, doch nur jung gewesen zu sein, noch unerfahren – die kann Emerald Fennell genauso nicht mehr hören wie ich selbst nach diesem Film. Es sind Ausreden, die sie ihren Männerrollen ganz bewusst in den Mund legt. Und sie lässt sie allesamt – so wie sie saufen und hecheln – plump, feige und entbehrlich erscheinen. Der Mann von heute, der hat wirklich schlechte Karten. Und noch schlechtere, wenn er nebst erhöhtem Promillespiegel auf Carey Mulligan alias Cassandra Thomas trifft, die selbst einen solchen mit sich führt. Oder zumindest nur so tut, als ob. Ihr Ziel ist es, das Mannsbild zur Einsicht zu bewegen. Ihn inflagranti zu erwischen, wenn er dabei ist, Ehre, Anstand und Selbstachtung zu verlieen. Dabei führt sie Buch, und das aus gutem Grund. Wenig später trifft Cassandra auf einen ehemaligen Studienkollegen, der bestens dafür geeignet scheint, endlich mal die Jagdszenen aus dem nächtlichen Nachtclub hinter sich zu lassen und eine aufrichtige, anständige Beziehung zu führen. Doch die Vergangenheit holt sie ein. und es bietet sich die Gelegenheit für einen Plan, der mehr sein soll als nur ein Spiegel für andere. Dieser Plan hat mit Rache zu tun.

Ich muss zugeben – Carey Mulligan, sonst eher die unterschätzte, liebenswerte Nachbarin – macht ihre Sache ganz großartig. Vor allem, weil sie atypisch besetzt worden ist. Und jeder vermuten würde, dass von diesem Engelsgesicht keinerlei Gefahr ausgehen kann. Ihre Rolle ist aber die einer Aktivistin, die ihren Glauben an männliche Ritterlichkeit längst aufgegeben hat. Die Proben aufs Exempel bestätigen das. Die Einsicht derer zu erlangen, die Frauen auf Objekte der Begierde reduzieren, ist ein steiniger Weg, der Opfer fordert. Durch Mulligans rebellischer Güte entsteht aber aus dem anfangs vermuteten Rape & Revenge-Thriller so etwas wie ein satirisches #Mee Too-Drama, dessen scheinbar scharfe Klinge aber stumpfer ist als erwartet.

Vielleicht war Mulligan doch nicht die beste Wahl für diese erschütterte und den Mann erschütternde Figur. Zumindest passt sich Emerald Fennell inszenatorisch zu sehr an ihren Star an. Vielleicht tut sich Promising Young Woman mit der dazwischenliegenden Romanze keinen Gefallen, da der Film damit etwas den Fokus aus den Augen verliert und auch sonst zu recht konventionellen narrativen Mitteln greift. Das mit dem Oscar geadelte Drehbuch mag ja vor allem im letzten Drittel tatsächlich so einige Erwartungen untergraben, doch abgesehen davon, dass Mulligans Rechnung auch da nicht aufgeht, hinterlässt es mich am Ende mit einem recht unschlüssigen „War’s das?“. Fennells eher zahme Führung des Ensembles und der brave Stil der Inszenierung möchten den Eindruck vermitteln, in offenen Wunden nicht genug herumgestochert zu haben, um wirklich wehzutun. Wäre mehr genugtuende Gewalt die bessere Lösung gewesen? Für uns, die als Zuseher in Sachen Einsicht um einiges weiter sind, vielleicht schon. Für die Männer im Film allerdings nicht. Perlen vor die Säue also? Letzten Endes ist die Quote der Erreichten eine viel zu geringe.

Promising Young Woman

The Hater

DIE EIGENDYNAMIK GEKRÄNKTER EGOS

6,5/10


thehater© 2020 Netflix


LAND: POLEN 2020

REGIE: JAN KOMASA

CAST: MACIEJ MUSIALOWSKI, VANESSA ALEKSANDER, MACIEJ STUHR, AGATA KULESZA, DANUTA STENKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN


Böses, böses Internet. Wie konntest du dich für Manipulation, Hetze und Hass nur so instrumentalisieren lassen? Was ist aus dieser schönen neuen, viel einfacheren Welt des sozialen Lebens nur geworden? Ein neues Schlachtfeld 2.0 für Neider. Nichts ist derzeit perfider als die soziale Vernichtung. Das Erschreckende: bis vor nicht allzu langer Zeit war digitales Gelände noch eine einzige Grauzone. Langsam aber fallen die Schranken und folgt die Ahndung, doch immer noch zu wenig. Hass im Netz, sofern er nicht unterbunden und sträflich verfolgt wird, kann tödlich enden. Der polnische Social Media-Thriller von Jan Komasa, der unlängst mit dem oscarnominierten Corpus Christi in den Kinos war, läuft derzeit auf Netflix und zeigt das virtuelle Miteinander als Apocalypse Now für die Generation Like.

Im Zentrum des Geschehens steht ein charismatischer junger Jus-Student, der aufgrund eines Plagiatvorwurfs von der Uni fliegt. Das ist natürlich nicht gut fürs Selbstbewusstsein, aber wieso schreibt man auch von anderen ab? Anyway, das war schon mal die erste Kränkung – die zweite folgt auf dem Fuß. Der notorische Abhorcher und Mitlauscher bekommt bald mit, dass scheinbar wohlgesinnte Bekannte in Wahrheit nicht viel für ihn übrighaben. Kränkung wird zur Wut, Wut führt zu Hass, Hass zu perfidem Aktivismus. Als er bei einer windigen PR-Agentur voller Soziopathen (wie kalt können Menschen sein?) einen neuen Job anfängt, mutiert seine latente Leidenschaft für Lug und Trug bald noch mehr – und koordinierte Hetze nimmt ihren Lauf, alles auf Auftrag. Existenzen werden zerstört, Ansehen durch den Schmutz gezogen. Tomasz, so heißt er, schert das wenig. Im Gegenteil: langsam fragt er sich selbst, wie weit er gehen kann. Tomasz wird zum Reformator, zum diabolischen Schürer, mit Ringen unter den Augen und ausgezehrter Vitalität. Wie Patrick Bateman aus American Psycho seine Gräueltaten begeht, einfach weil er es kann, perfektioniert Tomasz sein Können darin, Gott und die Welt gegeneinander auszuspielen. Sich selbst beliebt zu machen, einzuschleimen, anzubiedern, gleichzeitig das Fußvolk aufzuhetzen, insbesondere politische Gegner aus dem linken und rechten Lager.

Der Journalist Mateusz Pacewicz, der auch das Drehbuch zu Corpus Christi schrieb, seziert in The Hater die Mechanismen der digitalen Kriegsführung auf anschauliche Weise. Die neuen Waffen sind Fake-User aus Indien und der Missbrauch persönlicher Daten anderer. The Hater ist ein dunkler, polemischer, hässlicher Film. Einer, der im Sündenpfuhl der Online-PR herumstochert und nichts Gutes aus dem finsteren World Wide Web lukrieren kann. Hasspostings und Cybermobbing sind die neuen Scheiterhaufen und Standgerichte, nichts hat sich geändert, nur das gekränkte Ich wechselt stets sein Gewand. Genau dieses gekränkte Ich verkörpert Maciej Musialowski mit gelackter Gefälligkeit und vorgetäuschter Naivität. Dahinter brodelt nicht nur das Ego, sondern auch Polens Politik und so mancher Psychopath – bis sich die Hölle auftut. In einer Szene, die in ihrem nackten Realismus bis an die Grenzen des Erträglichen geht.

Dennoch – The Hater übt rechtmäßigerweise und durchaus verständlich harte Kritik am Social Media-System und hemmungslosem Cybermobbing, gerät aber unterm Strich viel zu nihilistisch, um bereichernd zu sein. Mitnehmen lässt sich kaum etwas, nur ein unbequemes Gefühl in Kopf und Magengegend, und vielleicht der Entschluss, Facebook und Co gezielter und achtsamer zu nutzen. Oder gar nicht mehr zu nutzen. Gut, das ist zumindest etwas.

The Hater

The Nightingale – Schrei nach Rache

GESCHUNDENES TASMANIEN

7/10

 

The Nightingale© 2020 Koch Films

 

LAND: AUSTRALIEN 2020

DREHBUCH & REGIE: JENNIFER KENT

CAST: AISLING FRANCIOSI, BAYKALI GANAMBARR, SAM CLAFLIN, DAMON HERRIMAN, EWEN LESLIE, CHARLIE SHOTWELL U. A. 

 

Erst vor Kurzem hatte sich das belgische Könighaus für seine Gräuel während der Kolonialzeit im Kongo entschuldigt. Wem nützt das noch? Eine Entschuldigung ist schnell daher gesagt, und nichts mehr wert, nach so vielen Jahrzehnten des Zierens. Besser spät als nie, würden manche behaupten. Wäre es nie so weit gekommen, würde ich sagen. By the way: hat sich Großbritannien eigentlich schon dafür entschuldigt, die Ureinwohner Tasmaniens ausgerottet zu haben? Wahrscheinlich schon, und wahrscheinlich gab’s jede Menge Reparationen, um zumindest das letzte Bisschen ethnisches Erbe zu konservieren und fortleben zu lassen, zumindest in musealen Freilichtenklaven und in der Sprache der Ureinwohner, dessen zeitgerechte Archivierung grundlegend dafür war, das gesprochene Wort in seiner Originalität auch für diesen Film hier zu adaptieren, einem Rape and Revenge-Thriller im erd- und blutverkrusteten Gewand eines historischen Abenteuerfilms aus einer Zeit, in der Tasmanien noch Van Diemens-Land hieß und in welcher der Genozid gegen die schwarze Bevölkerung hoch im Kurs lag. Wie erquickend kann so ein Film nur sein, der von Ausbeutung, Versklavung, Vergewaltigung und Tod erzählt? Gar nicht.

The Nightingale von Jennifer Kent, bekannt geworden durch ihren Psychohorror The Babadook, ist trotz all der Hoffnungslosigkeit ein zutiefst feministisches, aufbrausend rechtefordendes Werk. Im Zentrum steht die Ex-Strafgefangene Clare, die beim britischen Leutnant Hawkins (gnadenlos böse und perfide: Sam Claflin) ihre Restschuld abarbeitet, von diesem aber regelmäßig missbraucht wird und die Freiheit, die ihr längst zugesteht, auch nicht bekommt. Irgendwann aber platzt Clares Ehemann der Kragen – was Hawkins natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann und seinen ganzen Unmut eines Nachts an Clares Familie auslässt. Die Folge: Mann und Kind sind tot, der Leutnant mitsamt seines nicht weniger abscheulichen Sergeants (ekelerregend: Damon Herriman) bereits unterwegs in die Stadt, um sich befördern zu lassen. Doch falsch gedacht, wenn man vermutet, dass Clare sich nach all der Tragödie das Leben nimmt. Nein: Clare wird zur Furie, zum wütenden, keifenden, schreienden Racheengel, der Hawkins hinterherfolgt. Ohne Fährtenleser allerdings geht’s nicht, also gesellt sich unter anfänglichem Widerwillen der Tasmanier Billy an ihre Seite. Beide haben anfangs nichts gemein, doch später mehr, als sie vermutet hätten.

Eine Warnung gleich vorweg: The Nightingale hat nicht zu Unrecht eine FSK-Freigabe von 18. Die dargestellte sexuelle Gewalt an Frauen ist in diesem Film ziemlich unerträglich. Wer hier also zu sensibel auf solche Szenen reagiert, und das auch weiß, sollte den Film möglichst vermeiden. Ich selbst habe kurz überlegt, vorzeitig abzubrechen, denn nachdem man ohnehin schon die Nase voll hat von so will menschlichen Abgründen und irreversiblem Leid, setzt Jennifer Kent noch eins drauf. In The Nightingale ist die Bestie Mensch allgegenwärtig, andererseits aber findet die Kamera für einen ruhenden Gegenpool atemberaubende Aufnahmen der tasmanischen Wälder, in denen die Verlorenen umherirren. Doch der eigentliche Grund, The Nightingale nicht dem Bösen zu überlassen und sich erbaulicheren Themen zu widmen ist die Figur des Fährtenlesers Billy. Der Aborigines Baykali Ganambarr ist in jeder Sekunde seiner Spielzeit eine Entdeckung. Seine pragmatische Sicht auf die Gegenwart vereint sich auf berührende Weise mit seiner Wut über das Übel der britischen Land- und Lebensenteignung. Dann aber ist er wieder kindlich beseelt von den alten Mythen seiner Kultur, und man wünscht sich unentwegt, Billy möge diese Tortur durch die Wildnis gut überstehen. Die Finsternis aber, die legt sich über jedes Bild. Die Schönheit einer fremden Welt leidet – sie bleibt entsättigt, regennass und düster. In manchen Szenen, wenn Clare Alpträume plagen, hat der Streifen auch einigen Horror parat, um dann, nach ihrem Erwachen, in das gutmütige Gesicht des Fährtenlesers zu blicken, der sich ihrer annimmt. The Nightingale ist ein erschütterndes Drama über eines der dunkelsten Episoden der Menschheit, ein tiefschwarzer Film, in seiner Kompromisslosigkeit vergleichbar mit Twelve Years a Slave, allerdings nicht ohne bedingungsloser Liebe zu einem verlorenen Paradies, die letzten Endes über den Tod erhaben sein lässt.

The Nightingale – Schrei nach Rache

Sunset

HUTMACHER OHNE WUNDERLAND

4/10

 

sunset© Laokon Filmgroup – Playtime Production 2018

 

LAND: UNGARN, FRANKREICH 2018

REGIE: LÁSZLÓ NEMES

CAST: JULI JAKAB, VLAD IVANOV, EVELIN DOBOS, MARCIN CZARNIK, JUDIT BÁRDOS, SUSANNE WUEST U. A. 

 

Der ungarische Regisseur László Nemes wurde für sein erschütterndes Holocaust-Drama Son of Saul mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Kurze Zeit später hat Nemes gleich einen weiteren Film nachgelegt, der sich nicht weniger mit der europäischen Geschichte beschäftigt, dafür aber einige Jahrzehnte zurückdreht in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg, in die beginnenden Zehnerjahre des 20ten Jahrhunderts sozusagen, als die Popstar-Kaiserin Sissi schon lange tot und der Kaiser Franz Josef sich bereits vermehrt schon gefragt hat, warum ihm denn eigentlich nichts erspart bleibt. Das Kaiserhaus aber ist in Sunset eine Mehrtageskutschenfahrt von Budapest entfernt. Die Vielvölkermetropole an der Donau legt ein frühlingshaft flirrendes Stelldichein an den Tag. Die Straßen sind voll mit gutbetuchten Grüppchen, die sich dieses und jenes leisten wollen, vielleicht auch einen dieser ausladenden Hüte, die es im entsprechenden Salon des Handelshauses Leiter zu bestaunen gibt. In diesen impressionistisch bebilderten Alltag zwischen sonnendurchfluteten Monetbildern und Aquarelle Rudolf von Alts bricht durch die homogene Kakophonie der Mieder, Zylinder und Steckfrisuren das Konterfei einer jungen Frau im Großformat, die mit unsteten Blicken nach ihrer Vergangenheit sucht, die nur im Hutsalon Leiter zu finden ist. Dort ist keiner erfreut, auf das Erbe dieses Unternehmens zu stoßen, das längst von anderen Leuten dirigiert wird. Der Name Leiter ist zur Familie non grata geworden, und das Gerücht, ein unbekannter Bruder treibe in der Stadt sein Unwesen, erhärtet sich.

Das klingt natürlich nach einer spannenden Familiengeschichte. Ein bisschen nach Der Engel mit der Posaune, und wenn man die ersten Minuten des Filmes bereits genossen hat, ließe sich sehr leicht der Stil eines Heimito von Doderers verbergen, der in seinen Romanen sehr viel Wert auf gesellschaftliches Ambiente gelegt hat, ohne den eigentlichen roten Faden seiner Beschreibung konsequent voranzutreiben. Doch ich bewege mich zusehends in Richtung Literatur und verlasse das Medium Kino – was László Nemes nach meiner resümierenden Empfehlung voll eher auch früher als später feststellen hätte sollen. Sunset ist nämlich zu einem zähen, narrativen Ungetüm verhoben worden, das sich sehr bald in vielen Manierismen festfährt, ohne das Kind beim Namen zu nennen.

Dabei ist sein visueller Stil anfangs von betörender, ja geradezu berauschender Art. Panoramen, wie man sie vielleicht erwarten würde, gibt es bei Nemes keine. Sein Kameramann Mátyás Erdély, der auch bei Son of Saul hinterm Sucher saß, komponiert mit sehr viel Objektivunschärfe diffuse Malereien in stark begrenzten Ausschnitten, man erahnt gepinselte Schemen flanierender Personen mit Sonnenschirmen, Kutschen im Hintergrund, die Unruhe einer Monarchie im Abendrot ist spürbar, erlebbar. Ganz vorne, stets zentriert, das Gesicht von Juli Jakab, einmal von vorne, einmal von hinten, dann wieder im Profil, meist mit Hut, und die Kamera weicht ihr nicht von der Seite, niemals, so hat es den Anschein. Bei über zwei Stunden Laufzeit ist dieser wechselnde Stil aus Unschärfe und Portraitaufnahme bald totgelaufen. Vor allem auch deswegen, weil Nemes seine Geschichte nur verhalten weiterbringt, seine Protagonisten meist im murmelnden Flüsterton reden lässt, Juli Jakab versteht man kaum. Der Historienfilm beginnt sich zu ziehen, die Bilder sind nach wie vor stimmig, verlieren aber das Interesse an dem, was sie visualisieren sollen.

Von der Endzeit einer verkommenen Monarchie will Sunset erzählen, von einer Götterdämmerung kaiserlicher Hörigkeit. Das konnte Axel Corti mit seiner phänomenalen Verfilmung des Radetzkymarsch viel besser. Mit Joseph Roth als literarischer Vorlage kann auch nicht viel passieren, seine messerscharfen Beobachtungen rund um den Ersten Weltkrieg sind zeitlos, niemals wehleidig und auf den Punkt gebracht. Nemes ergeht sich in selbstverliebter Schwammigkeit jenseits aller Griffigkeit und ohne fesselnde Akzente zu setzen. Will der Überdruss für ein Politsystem allerdings sein filmisches Pendant finden, dann ist mit Sunset der Wunsch nach dem Ende einer Epoche längst gut genug empfunden.

Sunset

Jurassic World: Das gefallene Königreich

DINOS UNCHAINED

7/10

 

jurassicworld2© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: J. A. BAYONA

MIT BRYCE DALLAS HOWARD, CHRIS PRATT, JAMES CROMWELL, JEFF GOLDBLUM, TED LEVINE, TOBY JONES, GERALDINE CHAPLIN U. A.

 

Ich wünschte, der Vulkan auf Isla Nublar wäre um einige Jahre früher ausgebrochen. Zumindest vor 2015. Denn da durfte nämlich Universal seinen brandneuen Beitrag rund um T.Rex und Konsorten vom Stapel gelassen. Wäre der Vulkan 2014 ausgebrochen, wäre mir die wirklich misslungene Kopie von Steven Spielberg´s Original erspart geblieben. Nichts gegen all jene Raptoren und Sauropoden, auch nichts gegen all die Karnivoren und sonstigen Vogelbecken- und Echsenbeckensaurier. Ich liebe sie alle heiß, und das soweit ich zurückdenken kann. Was mich nicht davon abgehalten hat, Jurassic World kopfschüttelnd Daumen runter zu diagnostizieren. Das lag vor allem an den unsympathisch affektierten Schauspielern, und am erschreckend einfallslosen Plot. Der künstliche Supersaurier Indominus rex hat dem ganzen dann noch die Krone der verzichtbaren Trümpfe aufgesetzt. Als würden sich die sowieso schon genetisch modifizierten Spezies von damals nicht längst anders verhalten. Und als wäre die Ehrfurcht vor der ganzen prähistorischen Artenvielfalt nicht ohnehin schon das höchste der Gefühle. Da ich aber wie schon erwähnt all die leicht- und schwergewichtigen, gefiederten und gepanzerten Kreucher und Fleucher wahnsinnig gerne nicht verpassen will, stand Jurassic World: Das gefallene Königreich aben auf meiner Watchlist. Auch weil der Trailer so richtig Schmackes hatte und mit seinem Einblick in animierte Naturgewalten zumindest so getan hat, als würde er mir das Graue vom aschebewölkten Himmel versprechen. Pyroklastische Ströme inbegriffen.

Also knotze ich auch diesmal mit kesser 3D-Brille bestenfalls Mitte Mitte im Kinosaal, habe relativ niedrige Erwartungen, freue mich aber auf die da kommenden hereinbrechenden Schauwerte. Wie eine Insel explodiert, das sieht man nicht alle Tage. Und bei Krakatau anno 1883 war ich auch nicht live dabei. Obwohl dessen Folgen über Jahrzehnte hinweg sichtbar gewesen wären. Davon ist bei Jurassic World 2 nichts zu sehen. Auch ist diee Größe der Isla Nublar einem unberechenbaren JoJo-Effekt unterworfen. Hat Michael Crichton diese Insel in seinem Buch noch relativ überschaubar angelegt, ist sie im Film mal von regenwaldgrünen Schluchten durchzogen, und mal wieder so groß wie ein Vulkankegel. Natürlich bleibt bei letztgenannten Parametern von der Insel nicht viel übrig, wenn mal der Magmaschlot nicht mehr kann. Andererseits aber gäbe es theoretisch genug Rückzugsmöglichkeiten für zumindest einige Exemplare unserer geliebten Retorten-Dinos. Da hätte auch Chaostheoretiker Ian Malcolm zugestimmt, ohne wieder einmal gottspielend eingreifen zu müssen. Das hat er ja schon anno 1993 kritisch beäugt. Und ist knapp mit dem Leben davongekommen. Jeff Goldblum´s Anhörungs-Cameo ist dann schon eine liebevolle Reminiszenz. Ich wünschte er hätte mehr Sendezeit bekommen. Doch wo hätte das hingeführt? Er hätte Bryce Dallas Howard und „Star Lord“ Chris Pratt ohnehin die Show gestohlen. So sehr sich die beiden auch im 5. Abenteuer zusammenreißen. Und ich muss ihnen zugute halten – sie bemühen sich diesmal wirklich, weder als kreischender Kathleen Turner-Verschnitt noch als tumber Möchtegern-Grzimek die Show zu vermasseln. Nein, diesmal engagieren sie sich auf der richtigen Seite. Und das liegt vermutlich am dramaturgisch geschickten Händchen von J. A. Bayona, der sich ja prinzipiell mit Naturkatastrophen bestens auskennt (The Impossible) und auch Dramatisches mit Irrealem gut verbinden kann (Sieben Minuten nach Mitternacht, Das Waisenhaus). Klar erkennbar, der Mann weiß, welche Richtung das Franchise wieder einschlagen muss. Auf seinem Spickzettel: Plotmäßig bitte nichts mehr von Bewährtem, dafür aber gerne mehr aus der alten Spielberg-Schule und wenn wir schon so weit sind, tackern wir die evolutionäre Möbius-Schleife an einer Stelle zusammen, an der es kein Zurück mehr gibt. Und denken wir doch einfach die Perversion eines kolossalen Rippenbruchs in Sachen Genetik zu Ende. Natürlich so, wie sich das der kleine Max vorzustellen hat. Nichts kognitiv wirklich Herausforderndes, Fortschrittskritik von seiner simpelsten Sorte. Aber wer braucht schon wissenschaftliche Genauigkeiten, das Ganze ist ohnehin schon so absurd. Ein bühnentaugliches Gedankenspiel mit erhobenem Zeigefinder, den wir zum Takt feuchtfröhlicher Kataklysmen tanzen lassen. Zuzusehen, wie das Königreich zerfällt, macht somit tatsächlich Spaß und gefällt unerwartet gut.

Bayona setzt vielmehr auf Suspense als sein Vorgänger und hat sich sichtlich an Steven Spielberg´s Methoden erinnert. In Jurassic World: Das gefallene Königreich gibt es keine einstürzenden Hochschaubahnen mehr, aus dem Ruder läuft aber so gut wie alles. Das taktisch kluge Drehbuch von Colin Trevorrow und Derek Connolly zieht dort die Zügel an, wo sich mehr Spannung aufbauen lässt und grenzt seine Spielwiesen räumlich ab. Bot die Isla Nublar noch so viele Fluchtmöglichkeiten wie eine brennheiße Herdplatte im Nirgendwo, verwüsten die Radaubrüder aus dem Jura in Folge ein herrschaftliches Gemäuer, das aus einem Haunted House-Grusler entsprungen sein könnte. Wenn der hochgezüchtete wie blitzgescheite Indoraptor einem Nosferatu gleich im Blitzlicht eines tosenden Gewitters bedrohliche Schatten auf die Wände des Kinderzimmers wirft, wenn ein aufgestachelter Pachycephalus im Alleingang ein Auditorium raffgieriger Dino-Verschacherer aufmischt, hat Jurassic World: Das gefallene Königreich seine besten Momente. Der grundtriviale Spaß nimmt sich niemals wirklich ernst und setzt charakterlich auf harte Kontraste, schlägt aber manchmal auch übermütig über die Stränge Richtung Klamauk. Die Attraktion fest im Griff hat der Film aber trotzdem und führt seine durchaus spannende und kurzweilige Saurier-Entfesselung konsequent zu einem vorläufigen Ende. Entfesselung trifft es übrigens ziemlich genau, dabei könnte ich mir fast vorstellen, wie es wäre, würde Tarantino mal die Natural Born Monsters aus der Sklaverei befreien. Viel fehlt nicht mehr, Blut spritzt ohnehin schon in diesem schadenfrohen Epos rund um gequirlte Erdgeschichte, Katastrophen und der Neuordnung sämtlicher Nahrungsketten.

Jurassic World: Das gefallene Königreich

Schloss aus Glas

DIE REGELN DER ERZIEHUNG

6/10

 

SCHLOSS AUS GLAS© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

MIT WOODY HARRELSON, BRIE LARSON, NAOMI WATTS U. A.

 

Elternführerschein für alle! Nach der längst überfälligen Ehe für selbige in Österreich wäre dies der nächste Schritt zu einer besseren Welt, oder sagen wir: einer besser erzogenen. Die Eckpfeiler einer guten Erziehung finden sich maximal in guten Ratgebern. Aber wie viele der Eltern lesen schon Ratgeber. Einfach nur mit der Tatsache, erwachsen zu sein und seine eigene Kindheit mehr oder weniger durchgestanden zu haben, lässt sich noch kein Nachwuchs zielsicher durchs unruhige Gewässer der menschlichen Entwicklung steuern. Da gehört Feingefühl dazu, Vernunft, Selbstlosigkeit. Ja, vor allem Selbstlosigkeit. Und ein gesundes, in sich ruhendes Ego, mit zeitlosen Werten geprägt. Oft aber haben familiäre Leitfiguren ein zerrüttetes, beschädigtes, zerstörtes Ich, das bereits mit dem nicht zu vergessenden Trauma einer schallenden Ohrfeige beginnen kann. Oder mit der unkontrollierten Machtausübung des Stärkeren, womöglich auch selbst aus einer gewissen Fehlprägung heraus. Denn Kinder galten Anfang des vorigen Jahrhunderts noch nicht mal als vollwertige Menschen. Das muss man sich mal vorstellen. Da wundert einem eine teils neurotische wie psychotische Welt nicht mehr. 

Die Regeln der Erziehung – gibt es welche? Und können Eltern sie sinnvoll anwenden, wenn sie ihre eigene Erziehung erst noch verarbeiten müssen? Wie dem Nachwuchs eine Existenz schaffen, wenn Papa oder Mama selbst damit hadern? Nun, so viel Trost sei gespendet: der Mensch ist ein Wunderwerk der Evolution, allerdings ein Wunderwerk in progress. Dank der selektiven Radiation ist der Mensch immer noch stets im Wandel begriffen. Kann sich enorm gut anpassen und kann existenztechnisch improvisieren, dank seines Verstandes. Entbehrt das Umfeld des Heranwachsens jeglicher Geborgen- und Sicherheit, absorbiert der juvenile Verstand den Mangel und kurbelt den eigenen Denkapparat an. Der erste Schritt zur frühen Selbstständigkeit. Ein Kind, das, kaum geboren, verhätschelt und übermäßig beschützt wird, braucht selbst seinen eigenen Ist-Zustand nicht zu hinterfragen. Da alles in den Schoß gelegt wird, bleibt die Herausbildung des eigenen starken Ichs vielleicht auf der Strecke. Überspitzt formuliert, und ja, Grauzonen und Mittelwerte außer Acht gelassen. Die italienische Ärztin und Philantrophin Maria Montessori hat ihre Methodik der Pädagogik mit den Worten versehen: Hilf mir, es selbst zu tun. Aber auch dieser befreiende Leitsatz hängt sehr vom genetischen Erbe ab. Und von der Gesundheit eines jungen Menschen. Alles keine leichte Interpretation, alles nur mal angerissen. Aber es sind Gedanken, die sich mir aufdrängen, nachdem ich die Verfilmung der Biografie von Schriftstellerin Jeanette Walls gesehen habe. 

Darin spielt der unvergleichliche Woody Harrelson den asozialen Alltags-Abenteurer Rex Walls, der mit Künstlergattin und seinen vier Kindern dem seines Erachtens nach alles ruinierenden Systems der Gesellschaft zu entkommen versucht und mit vollbeladener Rostlaube von hier nach dort zieht. Dass der idealistisch denkende Über-Vater seinen Nachwuchs nicht in die Schule schickt, allerdings aber nicht mal selbst unterrichtet und das eigene Wissen in losen Anekdoten von sich gibt, ist für diesen Weg der Erziehung nur eine logische Folge. Obwohl – Erziehung ist es keine. Die drei Töchter und der eine Sohne bleiben sich selbst überlassen, müssen oftmals hungern, haben keine Freunde, der soziale Kontakt ist auf die Familie beschränkt. Der Vater selber lebt im Wunderland – sein Lebensstil ist Freiheit, sich niemanden unterwerfen zu müssen. Das Ziel: ein Schloss aus Glas. Für dieses zu bewohnende Kunstwerk werden Pläne gewälzt bis zum Gehtnichtmehr. Und die Begeisterung der Kinder an der Wurzel gepackt. Dumm nur, dass die Ideen des Vaters nur im Kopf passieren. Jeanette Walls und ihre Geschwister schauen durch die dürren Finger – die Tatsache, dass alles nur leere Versprechungen sind, zwingt die dem Ego-Trip der Eltern Unterworfenen zum Handeln. 

Der hawaiianische Regisseur Destin Daniel Cretton lässt Oscarpreisträgerin Brie Larson an ein entbehrliches Damals erinnern und zeichnet ein durchaus vielschichtiges, psychologisch komplexes Familiendrama, indem schwer zu fassende Themen wie Erziehung, Verantwortung und Selbstachtung im Mittelpunkt stehen. Dass sich der Lebensstil von Familie Walls so derart radikal manifestiert hat, erklärt sich nicht ohne schmerzliche Ursache. Auch das versucht der Film mithilfe seines souveränen Ensembles zu verstehen. Ein schwerer Brocken von Film, noch dazu in zwei Zeitebenen. Und um Einiges zu lang. Klar, um das alles unterzubringen, muss es auch ein Drama werden, das Sitzfleisch fordert. Das ähnlich gelagerte Aussteigerdrama Captain Fantastic von Matt Ross, mit Viggo Mortensen als Systemverweigerer mit Anhang, findet klarere Strukturen in der Geschichte. Konzentriert sich zeitgerecht auf einen Erzählfokus, bindet seine Fragen und Antworten besser an den roten Faden. Schloss aus Glas kann den Anspruch gar nicht ganz erfüllen, ohne sich mit einer konservativen Art des Erzählens auszuhelfen. Das wird dann irgendwann zu seifig, und aus dem spannenden Bild einer gestörten Familie wird ein Vater-Tochter-Melodrama, das letzten Endes allzu versöhnlich lächelt.

Schloss aus Glas

The Book of Henry

ÜBER DEN TOD HINAUS

7/10

 

bookhenry@ 2017 Universal Pictures / Quelle: upig.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: COLIN TREVORROW

MIT JAEDEN LIEBERHER, JACOB TREMBLAY, NAOMI WATTS, DEAN NORRIS

 

Zivilcourage beginnt bei einem selber. Die kann man nicht auf andere abladen oder andere dafür verantworten. Bevor nichts getan wird, muss etwas getan werden. Schon klar, warum Verbrechen, die in aller Öffentlichkeit passieren, meist ignoriert werden. Es ist die Angst davor, selber draufzuzahlen. Der Selbstschutz ist nun mal stärker als der Altruismus. Verbrechen können auch totgeschwiegen werden, wenn es um Bürger geht, die Macht besitzen. Mit Macht in den Händen darf man so ziemlich alles. Blöd nur, dass es immer Dumme gibt, die dieser Macht folgen. Denn ohne Anhänger wäre der Mächtige auch selbst ziemlich schutzlos. Aber das nur am Rande. Viel wichtiger ist es, anderen zu helfen und notfalls aus ihrer Misere zu befreien. Genau das überlegt sich Henry, ein hochbegabter, überdurchschnittlich intelligenter zwölfjähriger Junge, der mit ansehen muss, wie die Tochter des Nachbarn missbraucht wird. Was kann er schon dagegen tun? Zumindest mal allererst einen Plan verfassen. Einen Plan zur Rettung des Mädchens, das noch dazu in sie selbe Klasse geht wie der schulpflichtige Geistesriese mit ausgeprägtem Familiensinn und der bis obenhin angefüllt ist mit Liebe für seine Mutter und vor allem für seinen kleinen Bruder. Dumm nur, dass Henry im Krankenhaus landet. Diagnose: Hirntumor.

Colin Trevorrow, Regisseur des wunderbar verschrobenen, absolut sehenswerten Indiedramas Journey of Love (auch bekannt als Der Zeitreisende), aber auch Regisseur des sagenhaft missglückten Dino-Sequels Jurassic World, hat anscheinend wieder zu den Wurzeln budgetär überschaubarer, kleiner aber feiner Dramen zurückgefunden. Vom Set des kommenden Star Wars Spin-Offs Solo: A Star Wars Story hat sich der Filmemacher aufgrund angeblicher Drehbuch-Differenzen entfernt. The Book of Henry dürfte zwischen Dem Dino-Erfolg und Star Wars entstanden sein. Der vereitelte Idealist wird sich in Zukunft wohl mit niedriger dimensionierten Filmprojekten abfinden müssen – was aber kein Schaden für das Kinopublikum sein muss. The Book of Henry ist nämlich, genauso wie Journey of Love, ein ungewöhnlicher Genre-Mix, diesmal aber einer zwischen Jugend-, Familien- und Selbstjustizdrama. Was in erster Linie ins Auge sticht, sind die Darbietungen der beiden Brüder. Jaeden Lieberher als Mastermind, der es schafft, auch über seinen Tod hinaus Botschaften zu vermitteln, beweist gemeinsam mit seinem Co-Filmpartner Jacob Tremblay, den wir bereits aus Raum kennen, dass beim Casting von heranwachsenden Supertalenten in Hollywood stets ins Schwarze getroffen wird. Beide stehlen Naomi Watts den ganzen Film hindurch die Show, einzig abgelöst vom grimmig dreinblickenden Stiefvater der Nachbarstochter, dargestellt von Breaking Bad-Star Dean Norris. Die Jungs dominieren den Film, und die Zuneigung der beiden füreinander ist in jeder Spielminute spürbar. Was The Book of Henry auch noch auszeichnet, oder sagen wir zumindest in Erinnerung bleiben lässt, ist eine der wohl schmerzlichsten und intensivsten Sterbeszenen, die ich jemals in einem Filmdrama miterleben durfte. Das reduzierte, fesselnde Spiel des 14jährigen Lieberher geht an die Nieren, der Moment des Todes ist fast so, als wäre man Teil der Familie. Wenn man selber Kinder hat, so ist die Szene fast schon unerträglich und verursacht einen Kropf im Hals, der nur sehr langsam oder bis zum Ende des Films gar nicht mehr verschwindet. Denn die Trauer des hinterbliebenen Bruders ist nicht weniger berührend als der alles verändernde Schicksalschlag innerhalb der Familie.
Der Tod, so zeigt uns The Book of Henry, ist längst kein Grund, unerledigte Dinge unerledigt zu lassen. Schon gar nicht, wenn es um Zivilcourage geht. Da gibt es immer noch dieses Mädchen, das befreit werden muss. Und plötzlich ist Henry wieder allgegenwärtig, dank seiner vorausschauenden Geistesgegenwart, seines Scharfsinns und seiner Opferbereitschaft im wahrsten Sinne.

Auch wenn einige Kritiker The Book of Henry verrissen haben, ist der Film aus meiner Sicht in keiner Weise ein wild fabulierendes, konfuses Kitschdrama. Ganz im Gegenteil. Taschentücher und Hollywood-Schmalz sucht man in der Erzählung über Mut und Verantwortung vergebens. Tränendrüsen werden zwar gedrückt, aber irgendwie anders. So wie der ganze Film auch irgendwie anders ist. Wie der wache Geist eines hochbegabten Kindes.

The Book of Henry

Die Hölle

DER FEIND IN MEINEM AUTO

7/10

 

hoelle

REGIE: STEFAN RUZOWITZKY
MIT VIOLETTA SCHURAWLOW, TOBIAS MORETTI, ROBERT PALFRADER

 

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen? Der Titel eines von Rainhard Fendrich in den 80er Jahren geschriebenen Austropop-Ohrwurms passt wie bestellt zumindest in die erste Hälfte des von Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky inszenierten urbanen Psychothrillers, der neben jeder Menge Suspense tatsächlich auch großzügige Actionszenen in der ewigen Wienerstadt aus dem Ärmel schüttelt. Doch die Action ist bei Österreichs Regie-Glückskind eigentlich nur als Bonus zu betrachten. Ruzowitzky´s große künstlerische Liebe gilt seiner Hauptdarstellerin – Violetta Schurawlow. Das Gesicht der gebürtigen Ukrainerin ziert nicht nur das Filmplakat im Großformat, auch so ziemlich die ganze Laufzeit des Streifens über schwelgt Kameramann Benedict Neuenfels in der bockigen Trostlosigkeit ihres Blickes – meist im Profil, und oft auch im Close up. Schuwawlow erinnert an Hillary Swank in Million Dollar Baby – so verbissen, selbstzerstörerisch und rebellisch geistert die junge Frau durch ein fremdes, unnahbares, flirrendes Wien. Und boxen kann sie auch. Allerdings Kickboxen ganz so wie van Damme, und das mit verheerender Wirkung, bevorzugt jenseits des Rings.

Unsere Anti-Heldin, die der Hölle entkommen muss. ist eine gescheiterte, missbrauchte Existenz, die ihrer Welt mit Wut und Zorn begegnet, stets begleitet von einer unterschwelligen Aggression ihrer Familie, den Männern und dem Gesetz der Straße gegenüber. Ihr zur Seite steht ein ausnehmend famoser Tobias Moretti. Sein schnauzbärtiger Kommissar ist unfreundlich, grantelnd und gleichzeitig fürsorglich. Vor allem jemand, der sich sein Leben genauso anders vorgestellt hat wie sein taxifahrender Schützling. Eine verkorkste, nach Nähe suchende Figur, die David Fincher verwenden würde, gäbe es eine Wiener Version von Sieben. Wien eignet sich ja für bizarre Krimis ja besonders gut. Die Stadt ist eine Metropole des Morbiden, die vor allem in ihren alten Zinshäusern und engen Hinterhöfen, die an Polanski erinnern, ausreichend Platz für Suspense bieten. Natürlich ist Die Hölle nicht so radikal und ausweglos wie Sieben. Denn Sieben hatte so jemanden wie Schurawlow nicht. Eine Kämpferin, die sich den Widrigkeiten ihres Lebens trotzig entgegenstellt. Und vor allem einem Peiniger, der sündigen Musliminnen die Hölle des Koran auf Erden bereitet. Ein nicht weniger grauenerregender Ritualmord, ebenfalls religiös motiviert wie die sieben Todsünden. Ruzowitzky erspart uns die Morde im Detail. Sein Film setzt auf die düstere Stimmung eines klassischen Serienkiller-Thrillers wie Copykill und orientiert sich, wie bereits erwähnt, stark an Wegbereitern aus dem französischen und amerikanischen Kino, wahrscheinlich, um sein Werk auch international erfolgreich vermarkten zu können. Was ihm aber nur bedingt gelingen wird. Zu manieriert, ja vielleicht sogar zu austauschbar ist sein Film. Spannend, das natürlich. Und weniger belanglos als Cold Blood, der trotz guter Besetzung inhaltlich ziemliche Schwächen aufwies. Aber im Genre des Psychothrillers sind die Plätze für denkwürdig innovative Filmperlen so gut wie durch die Bank besetzt. Und da hat Hollywood, und auch Frankreich schon so gut wie alles gesagt.

Für den kinomuffeligen Österreicher allerdings kann Die Hölle zu einem mitreißenden Genuss werden, vor allem, weil er mal neben Tatort, Kottan und Trautmann auch mal düstere Spannung jenseits des bewährten Wiener Lokalkolorits präsentiert bekommt. Somit kann Die Hölle überall spielen. So bleibt Ruzowitzky´s neuester Film neben all der lehrbuchartigen Geradlinigkeit eines klassischen Thrillers vor allem eines: atmosphärisch, latent depressiv und überraschend gut besetzt – und das ganz ohne Heimvorteil.

Die Hölle