A Useful Ghost (2025)

GEISTER DER VERGANGENHEIT SETZEN AUF SAUBERKEIT

5,5/10


Davika Hoorne als Geist im Film A Useful Ghost
© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: THAILAND, FRANKREICH, SINGAPUR, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE

DREHBUCH: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE, GEOFFREY GRISON

KAMERA: PASIT TANDAECHANURAT

CAST: DAVIKA HOORNE, WANLOP RUNGKUMJAD, APASIRI NITIBHON, WISARUT HIMMARAT, WISARUT HOMHUAN, GANDHI WASUVITCHAYAGIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN



Dabei hatte ich schon Mühe, mir den Namen Apichatpong Weerasethakul zu merken. Jetzt will auch noch Ratchapoom Boonbunchachoke im Gedächtnis bleiben – ein Name, der so klingt wie eine kontrollierte Explosion, wie pyrotechnischer Wahnsinn oder das Platzen einer Gedankenblase. Dreimal lesen, dreimal wiederholen, dann sollte es das sein. Ratchapoom Boonbuchachoke. Wenn das Filmland Thailand weiter im Weltkino mitmischt, kann das die Denkfähigkeit fördern.

So einzigartig wie die Namen der Macher

Schließlich sind nicht nur die Namen der Filmemacher so unvergleichlich und außergewöhnlich, Ihre Werke sind es auch. Dieser Weerasethakul hat bereits die goldene Palme eingeheimst. Sein Geisterfilm Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben ist ein Beweis dafür, dass faszinierendes Kino auch weit jenseits von Hollywood funktionieren kann. Nämlich so, als gäbe es den Westen gar nicht. Entsprechend anders geht man in Südostasien auch mit einem Thema um, das im Westen vorzugsweise mit Horror in Verbindung gebracht wird: Die Parapsychologie.

Geister, raus aus der Geisterbahn!

Im Film mit Uncle Bonmee, und auch in den weiteren Werken von Weerasethakul, sind Geister keine Schreckgespenster, haben keine gruseligen Fratzen und wollen nichts Böses. Sie existieren in einer Dimension, die mit dem Diesseits verzahnt ist. Sie wandeln zwischen den Lebenden, sind meist unsichtbar.

Der Tod ist im thailändischen Mysterykino nicht das Ende, sondern meist eine transzendente Verlagerung. An diese Sehgewohnheit und an dieses Verständnis muss man sich als mit westlichen Paradigmen verwöhnter Seher erst mal gewöhnen. Denn dann lässt sich auch in A Useful Ghost von besagtem Filmemacher mit dem detonierenden Namen viel besser eintauchen. Obwohl: leicht macht er es einem nicht.

Ghost in the Machine

Das liegt jedoch sicher nicht an der Grundidee dieses kuriosen Szenarios: Nat, der Geist einer viel zu früh Verstorbenen, fährt aus Liebe zu ihrem Ehemann in einen Staubsauger, um weiterhin bei ihm sein zu können. Wenn sich dieses Retro-Haushaltsgerät durch die Gegend bewegt und eigentümliche Dinge tut, dann ist das natürlich skurril, wenn nicht gar bizarr. Doch damit lässt sich gut arbeiten.

Starre Gesichter

Die Schwierigkeit, mit A Useful Ghost wirklich warm zu werden, liegt am teilnahmslosen Phlegmatismus seines Ensembles. Gut, das mag ein Stilmittel sein – wirklich nahbar wirkt das nicht. Doch andererseits: Soll doch Boonbuchachoke seine Geschichte erzählen, wie er will. Jedenfalls endet sie nicht dort, wo der Staubsauger beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln.

Stöbern im Schwarzbuch der jüngeren Geschichte

Sie geht noch weiter, viel viel weiter, und weiß nicht, wo sie aufhören soll. Bald wird klar: Boonbunchachoke hat mit dem jüngeren politischen Vermächtnis Thailands ganz klar ein oder mehrere Hühnchen zu rupfen. Denn bald wimmelt es von Geistern, die so manches zu erzählen haben.

Von den verheerenden Rothemd-Protesten aus dem Jahre 2010. Und vom sogenannten Massaker an der Thammasat-Universität aus dem Jahre 1976. Dunkle Flecken in der Geschichte des Landes, die, wie es scheint, gerne und bis zur Stunde unter den Tisch gekehrt worden sind.

Verdrängung nennt man so etwas – die fehlende Aufarbeitung einen schweren Fehler. A Useful Ghost wird so zur metaphysischen Polit-Allegorie wider dem Vergessen. Der Film wird zu allem, wozu Thailand sich bekennen sollte; zu allem, was verfolgt, diskriminiert und schöngeredet wird.

Aufgehalste Traumata und queere Ambitionen

Ein ganz schöner Brocken – vor allem deshalb, weil man nicht erwartet, was passiert. Weil sich A Useful Ghost anfühlt wie eine kauzige Geisterkomödie nach südostasiatischen Regeln. Doch alles kommt anders – Umweltsünden, LGBTQ, Konservativismus, und so weiter und so fort. Die Ambitionen des Films sprengen das Format, der findet dadurch lange keinen Rhythmus, versandet aufgrund fehlender Dynamik in angestrengt arrangierten Tableaus und wird dann sogar zum Zombiefilm.

Das Ganze muss man schließlich sickern lassen, wobei dabei einiges übers Ziel hinausschießt, im Vergessen verdunstet und als dissonantes Patchwork nur bruchstückhaft in Erinnerung bleibt. Ein Umstand, den die Geister in diesem Film wohl nicht gewollt hätten.

A Useful Ghost (2025)

Palästina 36 (2025)

UND SO BEGINNT ES

6,5/10


Karim Daoud Anaya als Yusuf im Film Palästina 36
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: PALÄSTINA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH, DÄNEMARK, QATAR, SAUDI ARABIEN, JORDANIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: ANNEMARIE JACIR

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART, SARAH BLUM, TIM FLEMING

CAST: HIAM ABBAS, KAMEL EL BASHA, YASMINE AL MASSRI, JALAL ALTAWIL, ROBERT ARAMAYO, SALEH BAKRI, YAFA BAKRI, KARIM DAOUD ANAYA, WARDI EILABOUNI, WARD HELOU, BILLY HOWLE, JEREMY IRONS, LIAM CUNNINGHAM, DHAFFER L’ABIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Der ganze Schrecken in einem Blick

In dieser einen Szene liegt die ganze Entsetzlichkeit des Themas, und die ganze Kraft eines Filmes. Und natürlich ist in dieser Szene ein Kind zu sein, gerade mal ein Teenager, vielleicht sogar noch jünger. Wir sehen das schreckensverzerrte Antlitz dieses Jungen, als er mitansehen muss, wie der Bus, in dem sein Vater sitzt, um deportiert zu werden, auf eine bewusst gelegte Mine fährt und dieser in die Luft fliegt.

Wir sehen seinen Schmerz, den diese Person tatsächlich zu spüren scheint. Gar nichts wirkt dabei so, als wäre es geprobt. Wie ist so etwas möglich? Wie können Kinderdarsteller immer und immer wieder Emotionen verkörpern, die so auf den Punkt gebracht wirken, als wären sie echt? Als würde genau in diesem Moment dieser Vater tatsächlich in Stücke gerissen?

Regisseurin und Drehbuchautorin Annemarie Jacir (When I Saw You, Wajib) setzt in dieser Szene sogar noch eines drauf – sie lässt alles noch langsamer ablaufen. Der Junge geht in die Knie, wirft sich in den Staub. Seine Schreie hören wir nicht, was es nur noch schlimmer macht, denn die entstehen im Kopf. Alles nur Pathos oder Wahrhaftigkeit?

Wo ansetzen, um den Konflikt zu verstehen?

Wenn man wissen will, wie eigentlich alles begonnen hat – dieser niemals ruhende Konflikt zwischen Muslimen und Juden, dann sollte man sogar noch viel früher ansetzen, mehrere Jahrhunderte vor Christus, als die Assyrer das jüdische Volk nach Babylonien verschleppten.

Seit damals ist es ein Hin und Her, ein Immigrieren und Emigrieren, ein Streit um Grund und Boden, um Verfolgung und Flucht. Immer und immer wieder. Und dann eben die Briten, die in ihrer Kolonialzeit sowieso nie etwas richtig machen konnten, weil ihnen Überblick und Kompetenz und auch Expertise fehlte, weil sie nur militärisch dachten und eben nicht gesellschaftspolitisch.

Der Konflikt von heute ist nicht das Thema

Der Nationalsozialismus in Europa veranlasste das jüdische Volk überdies, dorthin „heimzukehren“, von wo ihre Vorfahren fortgingen. Dumm nur, dass Palästina mittlerweile, und das seit dem siebten Jahrhundert, von arabischstämmigen Volksgruppen besiedelt wird. Ist dort nicht Platz für alle? Sollte man meinen. Wären da nicht diese unüberbrückbaren Ressentiments und ein damit einhergehender Rassismus gegenüber den jeweils anderen. Doch dieser Konflikt, eben der zwischen Juden und Arabern, ist in Jacirs Historienepos der alten Schule nicht das Thema.

Hier geht es um die britische Kolonialmacht – jene, die etwas zu sagen haben, sind mit Jeremy Irons, Liam Cunningham oder Robert Aramayo (Elrond in Die Ringe der Macht, Verflucht Normal) starbesetzt. Die eingewanderten Juden kommen hier nicht zu Wort, und was von ihnen bleibt, sind maximal tödliche Schüsse, die ganz für sich alleine einen Unmut streuen, der in einer ganz anderen Geschichte bis heute anhält.

Diese vielen Wahrheiten

Es lässt sich während des Films nur schwer unterdrücken, nicht doch irgendwann „Free Palestine“ zu rufen. Es geht gar nicht anders. Weil dieses Unrecht an das muslimische Palästina, so, wie es der Film darstellt, unsagbar ist und nur schwer ertragen werden kann. Hat sich das alles tatsächlich so zugetragen?

Palästina 36 macht zum Thema, oder besser gesagt, stellt sich der Reflexion, ob künstlerische Werke wie dieses, wenn es sich denn mit Geschichte beschäftigt, überhaupt jemals die Wahrheit abbilden können. Das Genre des Historienfilms ist niemals objektiv, und untermauert seine Wahrheit eigentlich nur mit den Fakten. Daraus lässt sich so einiges schließen, doch immer mit dem jeweils gefärbten Blick. Mit dem der Muslime, dem der Juden, vielleicht gar dem der Briten?

Das Recht liegt bei den Erzählenden

Alternativ teilt man einen Film wie diesen in drei Teile, und wechselt dabei die Perspektive. Betrachtet man Palästina 36, wird klar: Das hier ist aus der Sicht Palästinas, die Fakten liegen in der geschriebenen Geschichte, die Schilderungen diverser individueller Tragödien und Schicksale wirken als subjektive Interpretationen. Jacir bemüht sich, das militante Handeln vorzugsweise von Damals auf makellose Weise zu rechtfertigen.

Ist Jacirs Film demnach propagandistisch? Lieber eine von drei Wahrheiten, die man als solche so stehen lassen kann, weil es in einem Konflikt wie diesen mehrere gibt. Gerade bei diesem Thema aber ist es problematisch, die anderen Wahrheiten nicht darzustellen, es sei denn, die Intention für einen Film wie diesen ist eine ganz Bestimmte. Welche, lässt sich womöglich leicht erraten.

Palästina 36 (2025)

Nürnberg (2025)

DAMIT SO ETWAS NIE WIEDER PASSIEREN KANN

5/10


Cameron Crowe als Hermann Göring und Andreas Pietschmann als Rudolf Heß im Film Nürnberg
© 2026 Polyfilm Verleih


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAMES VANDERBILT

DREHBUCH: JAMES VANDERBILT, NACH DEM SACHBUCH VON JACK EL-HAI

KAMERA: DARIUSZ WOLSKI

CAST: RUSSEL CROWE, RAMI MALEK, MICHAEL SHANNON, LEO WOODALL, RICHARD E. GRANT, JOHN SLATTERY, COLIN HANKS, MARK O’BRIEN, PETER JORDAN, ANDREAS PIETSCHMANN, TOM KEUNE, WOLFGANG CERNY, LYDIA PECKHAM, LOTTE VERBEEK U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN



Dass der Teufel sein Gegenüber mit Charme, Eloquenz und Freundlichkeit bezirzt, um dieses dann um den Finger zu wickeln, ohne dass es das merkt – kann man sich gut vorstellen. Es glauben zu lassen, dass es ihn gar nicht gäbe, wird dann schon schwieriger – hat man schließlich gesehen, wer vom Herrn der Finsternis am meisten gelernt hat: Hermann Göring, im Grunde ein ganz normaler, feister und besonnener Politiker, stets eitel, stets freundlich, hochgradig intelligent und hätte es damals schon die manipulative Methode des NLP gegeben – er hätte sie begründet.

Das Kino und sein Faible für Nazis

Nach diversen Fernseh- und Filmformaten rund um Adolf Hitler (in Erinnerung bleiben da Robert Carlyle und Bruno Ganz), nach Ben Kingsleys Performance in Operation Finale als Adolf Eichmann, Robert Stadlober als Josef Goebbels (Führer und Verführer) und zuletzt erst August Diehl als verheerend schlecht gelauntes, paranoides Monster Josef Mengele im Exil donnert nun im hellgrauen Kostüm Superhäftling Göring, des Diktators Stellvertreter und hochrangigstes Tier der Nazis weit und breit, in den für den Prozess rundumerneuerten Gerichtssaal in Nürnberg – genau dort, wo Jahre zuvor die Rassengesetze verabschiedet wurden, mitverfasst von Göring selbst. Als hätte er das alles nicht gewusst.

Casting für den Vize-Führer

Wer kann Göring also spielen, diese schrecklich nette Persönlichkeit? Vielleicht ein Landsmann? Ich hätte da wen gewusst. Josef Bierbichler zum Beispiel. Axel Prahl oder Jürgen Tarrach. Die hätten Authentizität gehabt. Besetzt wurde die durchaus schwierige Rolle aber mit dem neuseeländischen Superstar Russel Crowe. wäre er euch für’s Casting in den Sinn gekommen?

Meine erste Wahl wäre er nicht gewesen, doch so gesehen hätte sich mir Liam Neeson für Oskar Schindler auch nicht aufgedrängt, geschweige denn Ralph Fiennes für den Psychopathen Amon Göth. Man kann es ja probieren, und James Vanderbilt, der hat das getan. Somit sitzt der glattrasierte Riese in Nürnberg in seiner Zelle, des „Teufels“ Gegenüber ist niemand Geringerer als Oscarpreisträger Rami Malek. Der darf den Amerikaner geben, und zwar einen Militärpsychiater, der aber, so scheint es im Laufe des Films, nicht wirklich viel von seinem Know How auch auf sich selbst anwenden kann. Fasziniert wie ein kleiner Junge von Monstern unterm Bett hängt der junge Mann an den Lippen des Vize-Führers außer Dienst, wohl meinend, ihn mit dieser Methode als „Freund“ zu gewinnen, um so einfach alles über ihn zu erfahren.

Die Frage ist nur: wer manipuliert hier wen? Und hat Psychiater Douglas M. Kelley (der mit dem Tatsachenbericht 22 Cells in Nuremberg leider vergeblich versucht hat, als Schriftsteller Karriere zu machen) wirklich nicht gesehen, wie ihm geschieht?

Ein Film, der Bildung schafft

Währenddessen zeigt Vanderbilts Film Nürnberg eben genau das: Wie es überhaupt dazu kam, dass die deutsche Stadt zum Zentrum einer über allen staatlichen Systemen errichteten Gerichtsbarkeit wurde, die als außerordentliches Tribunal bis heute in Fällen wie diesem ihre Verwendung findet.

Hier wiederum steht im Zentrum der für den amerikanischen Supreme Court kandidierende Robert Jackson, der alles in die Wege leitet und, vereint mit den übrigen großen drei, 22 inhaftierte Nazis vor Gericht stellt, darunter so große Fische wie Rudolf Heß, Karl Dönitz oder Julius Streicher – alle dargestellt von deutschen Schauspielern, die ihre Rollen, auch wenn nur nebenbei gestreift, ungemein greifbar werden lassen, und zwar mit Leichtigkeit, während Russel Crowe professionell, aber nicht unangestrengt versucht, sein ganzes Können in diese historische Figur zu legen.

Ehrgeiziges Ringen um Überzeugung

Und ja, er macht es souverän. Auszusetzen gibt es dabei nichts. Doch es ist merkbar: Man tut als Schauspieler auch nur, was man kann. Rami Malek hingegen ist Rami Malek und tut sich noch viel schwerer, seinen Charakter in einen inneren Zwiespalt zu bringen. Davon sieht man wenig, auch das psychologisch fein zu beobachtende Aufeinandertreffen von Arzt und ideologischem Kapazunder bleibt an der Oberfläche, denn keiner von beiden will hier tiefer graben.

Das ist bedauerlich, denn ein Fokus auf diese beiden hätte dazu beigetragen, aus Vanderbilts Film einen psychologisch straffen Arthouse-Knüller werden zu lassen – lediglich vor dem Hintergrund der Nürnberger Prozesse und viel mehr Zeit in ein schleichendes Duell investierend, dass für beide Darsteller wohl ungeahnte schauspielerische Qualitäten herausgekitzelt hätte.

Starkino mit Auftrag

Auf der Haben-Seite steht nun US-amerikanisches Starkino der alten Schule, die jenen, die noch nicht viel über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts wissen, erst mal über Grundlegendes aufklären will.

Nürnberg bleibt ein konvenientes, solides Geschichtsdrama, geeignet fürs Fernsehen und vielleicht gar als Miniserie, doch ohne dramaturgische Besonderheiten und psychologischer Tiefe wird man im Kino dann doch etwas ernüchtert aus den hinteren Rängen im Gerichtssaal entlassen.

Nürnberg (2025)

Nightborn (2026)

WENN MUTTER UND KIND EIN BÄUMCHEN PFLANZEN

6/10

 

Seidi Haarla und Rupert Grint in Nightborn von Hanna Bergholm© 2026 Polyfilm / Crossing Europe

 

ORIGINALTITEL: YÖN LAPSI

LAND / JAHR: FINNLAND, LITAUEN, FRANKREICH, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: HANNA BERGHOLM

DREHBUCH: ILJA RAUTSI, HANNA BERGHOLM

KAMERA: PIETARI PELTOLA

CAST: SEIDI HAARLA, RUPERT GRINT, PAMELA TOLA, PIRKKO SAISIO, REBECCA LACEY, JOHN THOMSON, SILVIA SALORANTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN



Väter haben keine Ahnung davon, wie es ist, Mutter zu sein. Umgekehrt wiederum haben Mütter keine Ahnung, wie es ist, Vater zu sein. Dessen Bindung zum Kind ist weniger körperlich, denn Väter tragen ihren Nachwuchs auch nicht 9 Monate in ihrem Leib herum. Väter müssen in dieser Zeit auch nicht ein zweites Leben miternähren, kein Kind aus sich herauspressen und dann auf schmerzhafte Weise erfahren, wie es ist, den eigenen Körper als Nahrungsquelle zur Verfügung zu stellen. An gesunden Schlaf können Väter schon viel früher denken, um untertags wieder arbeiten zu gehen – Papamonat hin oder her.

Kleinkindpädagogik aus dem Wald

Dieses Überschreiten natürlicher Grenzen und das Aufgeben der eigenen Bedürfnisse für ein neues Leben – das hat vor zwei Jahren schon Amy Adams in der mysteriösen Horrorkomödie Nightbitch demonstriert. Auch hier der Vater nur einer, der leicht reden kann und vorne bis hinten nicht versteht, was die Mutterrolle für Entbehrungen verlangt. Hanna Bergholm geht einen ähnlichen Weg, entfernt sich aber von urbanen Gefilden und siedelt ihre wuchernde Reinigung von gesellschaftlichem Regelwerk, obwohl in Litauen gedreht, zumindest storytechnisch im finnischen Forst an.

Wer dort leben will? Mitunter könnte man dort, wo Saga und Jon sich ansiedeln, auf die Dauer mieselsüchtig werden. Auch ist der Wald ringsum kein einladendes Stück Natur, eher ein Gesamtbewusstsein mit seltsamem Eigenleben und knorrigen Bäumen, die so aussehen, als steckten in ihnen Dämonen, die gerne befreit werden wollen. Das Kind, das Saga auf die Welt bringt, würde dorthin ganz gut passen, weist es doch körperliche Anomalien auf, die sich auch noch im Verhalten widerspiegeln.

Der konstruktive Schrecken

Jede Mutter sollte die Möglichkeit, haben, eine für sie eigene, ideale Art der Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, die sich für beide Seiten richtig anfühlt. Diese Botschaft ist Hanna Bergholm ein Anliegen – und sie weiß: leicht wird es nicht. Der Weg dorthin ist hart, sie schickt Schauspielerin Seidi Haarla (großartig in Abteil Nr. 6) auf einen bizarren Weg, auf dem es keine Umkehr gibt. Die Natur spielt hierbei eine große Rolle, weiters Vermächtnis, Bestimmung und das Eingestehen selbiger.

Was Bergholm dabei gerne macht, ist, den Prozess der Entwicklung als einen Horror darzustellen, vor dem man eigentlich nicht flüchten sollte; der einem letzten Endes nicht schadet, sondern den es anzunehmen gilt, so schauerlich er auch sein mag. Mit ihrem Vorgängerfilm Hatching hat sie ähnliches getan: Das seltsame Ei, dass die junge Tinja im Wald findet, birgt einen zwar bedrohlichen, aber wichtigen Bestandteil auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In Nightborn wiederum ist die Annahme und Akzeptanz auch des Rätselhaften im wahrsten Sinne des Wortes ein Stolperpfad über Wurzeln und zwischen Bäume. Es modert und wuchert, der Appetit nach Fleisch und Blut untermauert die Phrase „Mein Fleisch und Blut“ nochmal neu.

Die Mythen gehen Väter nichts an

Rupert Grint als Vater Jon bleibt da der Fremdkörper, als hätte dieser Teil der Familie nichts zu sagen – weil Väter, so die Prämisse, nicht verstehen, worauf es ankommt. In dieser Phase der Bindung sieht Bergholm für diese Rolle etwas ganz anderes vor, eine ganz andere Opferbereitschaft – und vereinigt dies mit nordeuropäischer Mythologie, über deren versteckte Existenz sich schon Ali Abbasi in Border seine Gedanken gemacht hat.

Schon sehr früh wird klar, was es mit diesem Nachtgeborenen auf sich hat, welches Geheimnis hier über allem schwebt wie ein düsteres Omen. Marielle Heller sucht in Nightbitch nach der archaischen Bedeutung von Mutterschaft genauso wie Bergholm. Nur Bergholm hat den Vorteil, die Natur noch viel deutlicher zu einem Verbündeten werden zu lassen, weg von der Zivilisiertheit.

Blutdurst und simple Symbolik

Was ihr dabei aber immer wieder in die Quere kommt, und ihr Vorhaben auch erschwert, ist eine allzu offensichtliche, simpel konnotierte Symbolsprache, die, oftmals aufgewärmt, selten fasziniert. Die unausweichliche Eskalation wäre in diesem Ausmaß entbehrlich gewesen, andererseits aber unterstreicht sie eingangs erwähnte Ambition, die Vaterrolle im Kontext einer kompromisslosen Natur zu hinterfragen.

Nightborn (2026)

Un Poeta (2025)

DER DICHTER, DER VERLOREN GING

8/10


Ubeimar Rios und Allison Correa als Vater und Tochter in Un Poeta von Simón Mesa Soto© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: KOLUMBIEN, DEUTSCHLAND, SCHWEDEN 2025

REGIE / DREHBUCH: SIMÓN MESA SOTO

KAMERA: JUAN SARMIENTO G.

CAST: UBEIMAR RIOS, REBECA ANDRADE, ALLISON CORREA, GUILLERMO CARDONA, HUMBERTO RESTREPO, ADRIANA UPEGUI, MARGARITA SOTO U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Das hört man oft, wenn man nicht mit Buchverlagen und einer Marketingmaschinerie im Rücken als Schriftsteller von welcher Gattung Schriftstück auch immer unter mitleidigen Blicken und unerwartetem Staunen Anerkennung erlangt: An dir ist wohl ein Dichter verloren gegangen. Doch warum verloren, wenn es doch zu Papier gebracht wird? Wenn das, was man schreibt, öffentlich zugänglich ist, und zwar von allen. Ist der Dichter dann wirklich an einem verloren gegangen, nur wenn man davon nicht leben kann – und vielleicht auch will?

Schreibkunst für die Schublade

An Schülerin Yurlady (Rebeca Andrade) kann die Dichterin unmöglich verlorengegangen sein, schreibt sie doch alles auf, was sie denkt, für sich und für niemanden sonst. Ist es dann immer noch verloren, das Talent verschwendet? Hat Talent nur dann eine Berechtigung, wenn man nur einem einzigen Weg folgt, und zwar den des Ruhms? Vielleicht ist es schon genug, sich die Dinge des Lebens von der Seele geschrieben zu haben.

Anders als Yurlady denkt der Inbegriff des brotlosen Dichters: Óscar Restrepo. Kaum eine Figur verkörpert dieses einerseits bemitleidenswerte und andererseits ungemein aufreibende Bild des wehklagenden verkannten Genies, der die Tage damit zubringt, zuhause bei Muttern sich selbst und die schnöde Welt anzuheulen, aber nichts dafür zu tun, dass irgend etwas anders wird, so dermaßen treffsicher. Denn schließlich gilt: Ein Künstler hat Kunst zu machen, das ist seine Bestimmung.

Vom Einfangen verlorener Dichterinnen

Letztlich schafft es Óscars Schwester dann doch, das literarische Rumpelstilzchen dazu zu bewegen, als Lehrer der Dichtkunst endlich wieder eigenes Geld zu verdienen. Und dort, genau dort, trifft der schräge Kauz auf Yurlady, die gar nicht will, dass man ihre Schriften liest, die sich aber genötigt sieht, diese aus einer gewissen Schulpflicht heraus mit dem Lehrer zu teilen. Der ist hin und weg. Es scheint, als hätte er eine neue Aufgabe: Nicht sich selbst in den Olymp des Autorenruhms zu hieven, sondern sein Protegé.

Das klingt erstmal nach einem guten Weg. Doch Regisseur Simón Mesa Soto hat mit diesem Óscar Restrepo einen Charakter entworfen, der so manche literarische Gestalt in sich vereint: Den Existenzialisten, den Verlorenen, den Verschmähten und den gegen Windmühlen kämpfenden. Allen voran aber als eine Art lebensuntauglicher und nicht unbedingt von Gott auf die Probe gestellter Hiob, der mit den gesellschaftlichen Normen aneckt und sein eigenes Universum mit seiner eigenen Logik bastelt – die aber in der Allgemeinheit nicht gut funktioniert.

Die aufgestauten Energien der Verlierer

Und so entwickelt Un Poeta einen gnadenlosen Sog in die schrecklich verschreckten Tiefen einer verkannten eitlen Künstlerseele, die ihre Existenz unentwegt in die Sackgasse führt. Mesa Soto blickt dabei in die Straßen und Gassen der kolumbianischen Stadt Medellin, blickt auch in die engen, verwahrlosten Mietwohnungen mehrköpfiger Familien, die sich nicht mal ein Hühnerei für alle leisten können und wo Teenager als Mütter gang und gäbe sind. Armut und Überleben stellt Un Poeta auf die eine Seite, den Luxus der Kunst auf die andere.

Und irgendwann im Laufe dieser Improvisationsversuche von Óscar, überlässt Mesa de Soto seine sozialkritische, ungeschönte Parabel ihrem Schicksal. Es ist, als hätte er die Verantwortung seinen Figuren übergeben – Un Poeta wird zum intensiven, sprachlich knallbunt erquickenden Selbstläufer mit einer Eigendynamik, die man so eigentlich nicht dirigieren oder kontrollieren kann.

Ein Kunststück der Eigendynamik

Un Poeta wäre am ehesten zu vergleichen – und das sogar sehr deutlich – mit den anfangs semidokumentarischen, später dann komplexen Spielfilmdramödien von Sean Baker (The Florida Project, Red Rocket), der mit seinem Anti-Pretty Woman-Märchen Anora vor lauter frischem Wind die Frisuren seines Publikums zerzaust. De Soto gelingt eine ähnliche Intensität, er entfesselt eine Kette von Ereignissen, die dicht an dicht aufeinanderfolgen, und in der die gescheiterte Anti-Figur des Òscar völlig die Kontrolle verliert.

Doch ins Chaos stürzt der Film dabei beileibe nicht. Man möchte es kaum glauben, doch immer wieder zwängt sich zwischen den Bemühungen des Möchtegerndichters und dem Widerstand von überall um ihn herum ein zartes, enorm feinfühliges Vater-Tochter-Drama, das beim genauen Hinsehen das aufrichtige Herzstück eines fast schon überlangen Films wird, der zwar keinen Leerlauf hat, durch die Dichte seines Stoffes auf satte zwei Stunden letztlich dann doch etwas anstrengt.

Man küsst und man schlägt ihn

Das aber ist Jammern auf hohem Niveau, wie es vielleicht Óscar Restrepo gefällt. Un Poeta ist ein brillantes Stück Sozialphilosophie und eine den physikalischen Gesetzen des Erzählens erliegenden Verlierballade, welche die Begriffe von Kunst und Können mit ausgeschlafener Klugheit relativiert. Und Ubeimar Rios als Óscar, schauspielerisch ein Laie und im wahren leben tatsächlich Dichter: den schließt man ins Herz und will ihn gleichzeitig vermöbeln, so wenig egal wird einem dieser literarische, ambivalente Hochgenuss eines Charakters.

Un Poeta (2025)

Gelbe Briefe (2026)

DIE MACHBARKEIT DER IDEALE

7,5/10


Özgü Namal und Tansu Biçer in Gelbe briefe von İlker Çatak
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, TÜRKEI 2026

REGIE: İLKER ÇATAK

DREHBUCH: İLKER ÇATAK, AYDA MERYEM ÇATAK, ENIS KÖSTEPEN

KAMERA: JUDITH KAUFMANN

CAST: ÖZGÜ NAMAL, TANSU BIÇER, LEYLA SMYRNA CABAS, İPEK BILGIN, AYDIN ISIK, AZIZ ÇAPKURT, ŞIIR ELOGLU, YUSUF AKGÜN, UYGAR TAMER, JALE ARIKAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



İlker Catak macht es sich nicht einfach. Warum denn auch, denn das kann schließlich ein jeder. Sich selbst mit dem Unbequemen und Komplexen auseinandersetzen – in welchem Dunstkreis lässt sich das am besten und gleichzeitig auch am Schwierigsten bewerkstelligen? Natürlich in der zivilisierten Gesellschaft. Dort verhält es sich, als hätte man ein eigenes Universum entdeckt, mit all der dunklen und der erfassbaren Materie. Mit Gravitation und Masse, mit Masse und Macht. Und letztere, die schafft an, weil sie die Existenzen der Individuen, die danach streben, sorglos zu existieren, in jede Richtung steuern kann.

Wie politische Macht wirkt

Wir kennen aus Film, Fernsehen und allen anderen möglichen Medien, wie Machtinstrumente funktionieren und wer dahinter die Strippen zieht. Wie funktioniert so ein Uhrwerk, wer lässt den anderen machen und wer stellt sich quer? Zuletzt hat Olivier Assayas versucht, mit Der Magier im Kreml das System Russland von der Maschekseite aufzudröseln. Mit beachtlichem Erfolg. Doch diese Seite – wie gesagt – die hat das Publikum schon sehr oft sehr ausgiebig erfahren und erleben müssen. Ändern kann es daran doch nichts.

Mit dem oder gegen das System?

Wie aber sieht es von der anderen Seite aus? Hier, in diesem FIlm, geht es weg von den Mächtigen, weg von der Politik hin zu den greifbaren, fassbaren, auf unserer Augenhöhe befindlichen Menschen, zu den normalen Bürgerinnen und Bürgern, die von diesem Machtgefüge namens Staat leben müssen. Doch ist das so? Müssen sie das? Woher und wie lassen sich die Ressourcen dafür nehmen, einer den eigenen Idealen zuwiderlaufenden Ist-Situation entgegenzutreten wie Don Quixote den Windmühlen. Wie Sam Lowry aus Brazil dem kafkaesken Totalitarismus? Oder – um in der realen Geschichte verankert zu bleiben: Sophie Scholl oder Franz Jägerstätter (Ein verborgenes Leben) gegen den Nationalsozialismus?

Die Praktikabilität des Idealismus

Dem Idealismus wird im Kino stets ehrfurchtsvoll begegnet, man verbeugt sich vor der Opferbereitschaft einzelner Personen, die sich selbst, die Ihre Existenz aufgeben für ein großes Ganzes, für all die anderen, die es später vielleicht irgendwann besser haben sollen. Diese Selbstvergessenheit und Opferbereitschaft ist aber nicht die Norm. Diese ist nämlich auf gesunde Weise und am besten in einer Familie, in einer Partnerschaft zu finden, in der es Verantwortung gegenüber anderen gibt, in der es aber auch eine Liebe oder eine Leidenschaft zum eigenen Leben gibt. Wie zum Beispiel bei Derya und Aziz.

Berlin darf Ankara werden!

Die beiden leben in Ankara – als die Hauptstadt der Türkei fungiert Berlin, Hamburg wird dabei zu Istanbul. Ein kluger, simpler Schachzug, denn eine Staatsform wie unter Erdoğan – da kann man gar nicht so schnell anders wählen, schon ist sie da. Mit anderen Worten: Ankara kann überall sein.

Und so sind Derya und Aziz – sie Schauspielerin, er Schriftsteller – mit dem Big Brother-Regime überhaupt nicht einverstanden und vermitteln ihre Meinungen lautstark in den sozialen Medien. Doch der Machtapparat schläft nicht, nirgends, überall hat er seine Augen, die alles sehen und weitertragen. So kommen die Gelben Briefe ins Spiel – existenzgefährdende Schreiben, die der Staat als Mobbing einsetzt, um Leute wie eben Derya und Aziz mundtot zu machen.

Aziz, der an der Uni einen Lehrstuhl für Literatur hat, verliert seinen Job, Derya kann nicht mehr auftreten, denn das gemeinsam erarbeitete Stück wird gecancelt. Das Geld wird knapp, und dummerweise gibt es da noch zwei Kinder, die ihr Leben erst leben müssen. Was also tun in so einer Situation, in so einer akuten Existenzkrise? Den Idealen weiter folgen und sich dabei selbst vernichten – oder die familiäre Verantwortung wahrnehmen und ein Arrangement mit dem Staat annehmen?

Ein Grundsatzdiskurs als Film

Gelbe Briefe ist filmgewordene Diskussion – aber kein puristisches Dialogkino. Çatak passiert dabei ebenso wenig das Ungeschick, seinen Film zu verkopftem Arthouse zu transformieren. Das Gesellschaftsdrama, das diesmal keine Lust dazu hat, das politische Gefüge näher zu analysieren, bleibt am Boden, und zwar auf jenem, auf dem wir selbst wandeln – der uns bekannt vorkommt, den wir fühlen können. Umso spürbarer wird dann das Dilemma. Und mit Dilemmas kennt sich Çatak aus.

Sein hochgelobter Erfolg Das Lehrerzimmer sucht ebenfalls den Konflikt, die Unlösbarkeit eines Problems; die Schwere der Entscheidung zwischen Ideal und Achtsamkeit anderen gegenüber. Da fällt es schwer, zu sagen, was das richtige Verhalten wäre. Doch anders als im Lehrerzimmer, in welchem Çatak selbst am Ende nicht so ganz weiß, wie er einen Konsens finden kann, bleiben die Gelben Briefe nicht unbeantwortet.

Um dort hinzugelangen, wo am Ende die Quadratur des Kreises entsteht, geht der Filmemacher in die Tiefe – da hin, wo die Nerven liegen. Er löst da Dilemma mit verbaler Konfliktbereitschaft und narrativen Eckpunkten, die das Existenzdrama vorantreiben und lenken – von der öffentlichen Demonstration über den Willen zur Selbstverwirklichung, dem Umgehen des Selbstverrats bis hin zum Kompromiss. Das große Ganze wird dabei zum Gefüge einer Familie und nicht zu einem ganzen Volk.

Mit den eigenen Werten diplomatisch umgehen

Zwischen Ego, Liebe und der Pflicht des Widerstands setzt Çatak sein Ensemble glaubhaft in Szene – vorallem Özgu Namal trägt den Film mit schauspielerischer Kraft und der Ruhe einer kühlen Denkerin, die ihren Bedürfnissen weniger Raum lässt als Ehemann Tansu Biçer es tut. Letztlich finden sich selbst hier Betrachtungen der Geschlechterrollen und ihre Position in einem aufgeklärten Umfeld, das droht, in einer autoritären Gegenreformation zu ersticken.

Çatak holt aber Luft, bis zuletzt. Ob der Strohhalm, durch den am Ende alle atmen, der richtige ist, mag nicht von der Moral jener beurteilt werden, die, gut behütet, diesen Film sehen können.

Gelbe Briefe (2026)

The Chronology of Water (2025)

MOLEKULARE STRUKTUREN DER BEWÄLTIGUNG

6/10

 

Imogen Poots als Schwimmerin im Film The Chronology of Water
© 2025 Polyfilm

 

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, LETTLAND, SPANIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: KRISTEN STEWART

DREHBUCH: KRISTEN STEWART, ANDY MINGO, LIDIA YUKNAVITCH, NACH IHREN GLEICHNAMIGEN MEMOIREN

KAMERA: COREY C. WATERS

SCHNITT: OLIVIA NEERGAARD-HOLM

CAST: IMOGEN POOTS, THORA BIRCH, MICHAEL EPP, EARL CAVE, SUSANNAH FLOOD, IM BELUSHI, KIM GORDON, TOM STURRIDGE, CHARLIE CARRICK, ANNA WITTOWSKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN

 

So wie alle, die im Filmfach in irgendein Franchise hineingestolpert waren, hat auch Kristen Stewart rechtzeitig versucht, sich aus diesem Twilight-Hype herauszustemmen, um nicht für den Rest ihres Lebens die schmachtende Bella Swann zu bleiben. Ihr Filmpartner Robert Pattinson hat es schließlich auch geschafft. Und Stewart, die hat noch ihr Outing mit auf den Weg genommen und ließ alle Welt wissen, dass sie lesbisch ist. Gut gemacht, keine Frage – mittlerweile kann die Schauspielerin vor allem im Independentkino alles spielen, und das ist genau auch diese Blase an zeitgenössischem Film, der sie mit Haut und Haaren angehört. Das aber beinhaltet auch das Filmemachen selbst.

Wer ist Lidia Yuknavitch?

Ab zum Drehbuchschreiben, rauf auf den Regiestuhl, und los kann es gehen mit dem Debüt, welchem die Memoiren der amerikanischen Schriftstellerin Lidia Yuknavitch zugrunde liegen, von der ich noch nie in meinem Leben etwas gehört habe und die sich nun aber um deutlich mehr Umsatz betreff ihrer Bücher freuen wird können. Schließlich haben diese Memoiren einiges zu erzählen – einen schmerzlichen Kreuzweg, der durch eine Kindheit und eine Jugend voller Missbrauch und traumatischer Erfahrungen führt, und in denen die Figur des Vaters zum Angstobjekt Nummer Eins wird.

Scherben bringen Gefühle zutage

Keine leichte Kost, das wird einem schon klar, wenn man den Trailer sieht. Keine leichte Kost auch, was die Art und Weise betrifft, wie Stewart diese Lebensgeschichte erzählen will. Wenn schon im Titel von Chronologie die Rede ist, lässt sich im Film selbst eine solche nur schwer, aber doch, erkennen. Bewusst zerreißt und zerpflückt und zerschlägt die ehrgeizige Debütantin diesen persönlichen Bericht wie einen Spiegel, den man auf den Boden schmettert, dessen Scherben mit der verspiegelten Seite nach oben zeigen und mal dieses, mal jenes Licht und mal diese, mal jene Reflexion einfangen.

Zusammengenommen ist alles Teil eines Ganzen, und ja, Stewart gelingt es, dieses Ganze am Ende wie durch ein Wunder zusammenzufügen und den roten Faden zu behalten. Worauf sie aber zur Gänze verzichtet, ist das klassische Narrativ, der Aufbau einer Geschichte mit Anfang, Hauptteil und Schluss. Willkommen im Experimentalkino, wo es das alles nicht mehr braucht, wo eine Collage Anfang und Ende nebeneinander auch tolerieren kann und den Mittelteil ganz einfach hinten dranhängt, als würde man versuchen, mit Flusskiesel ein Bild zu erstellen, das etwas Gegenständliches abbilden soll. So macht es auch Kristen Stewart – und vielleicht macht sie es so, wie Lidia Yuknavitch selbst ihre Geschichte konzipiert hat. Vielleicht aber will sie auch nur ausprobieren, das Gefühl für das Visuelle erlangen, aufbegehren und es anders machen als alle anderen.

Experimentelle Gleichförmigkeit

Diese vielen Bilder, meist nur Stimmungen, Assoziationen, Impressionen und Details, die bestimmend sind für Yuknavitchs Leben, sie kehren immer wieder. Wie Erinnerungen, die man nicht loswird, die einen übermannen, weil sie einen selbst so geißeln. Bruchstücke dessen hie, Bruchstücke dessen da, alles getragen von Imogen Poots, die sich in dieser Rolle regelrecht verausgabt. Zwischen all den Scherben kriecht deren Filmleben weiter, wird zurückgeworfen, fallengelassen, muss das ganze nochmal zurücklegen – The Chronology of Water arbeitet sich langsam vor, und bleibt daher erstaunlich gleichförmig.

Die Kunst des Filmemachens verlässt sich oft und gerne auf die Dosis, auf die Nuance, und verliert durch den immer gleichen narrativen Sermon eine Lebendigkeit, die auch Nähe zu den Figuren gebracht hätte. Imogen Poots bleibt wie Alice im Wunderland hinter den (zerbrochenen) Spiegeln; wir sehen sie zwar, wie sie sich mit aller Kraft selbst neu erfindet, wir sehen aber in erster Linie das filmtechnische Experiment, was ja einerseits bemerkenswert konsequent erscheint, andererseits aber unerwartet kalt lässt. So kalt wie manches Wasser, dass sich in allen möglichen Formen durch den Film zieht und die mehr als zweistündige Selbstbeschäftigung dahinfließen, gluckern und stürzen lässt, als Sicherheit gewährende Konstante in einem dem Scheitern zugetanen Leben.

Gescheitert ist The Chronology of Water dabei nicht. Vielleicht aber ob der Gestaltungsfreiheit, die Kristen Stewart gehabt haben muss, auf streberhafte Weise zu gewollt progressiv.

The Chronology of Water (2025)

Silent Friend (2025)

VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN

8/10


© 2025 Lenke Szilágyi / Polyfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: ILDIKÓ ENYEDI

KAMERA: GERGELY PÁLOS

CAST: TONY LEUNG CHIU-WAI, LUNA WEDLER, ENZO BRUMM, LÉA SEYDOUX, SYLVESTER GROTH, MARTIN WUTTKE, JOHANNES HEGEMANN, RAINER BOCK, MARLENE BUROW, YUN HUANG, LUCA VALENTINI, FELIX BUROSE U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Mein Sitznachbar im Kino verrät mir, dass der Film schon viel zu lange dauert. Alle zehn Minuten wandert sein Blick aufs Handgelenk, nur mit viel Disziplin schafft er es, die Überlänge abzusitzen. Das in Film empfohlene Zeitempfinden scheint bei ihm nicht angekommen zu sein. Liegt es daran, dass Pflanzen die Geduld strapazieren? Wenn ja, dann wäre der Film von vornherein schon nicht sein Thema gewesen, und es würde mich wundern, ihn hier vorzufinden. Allerdings gibt es aber auch Leute, die gar nicht wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie ins Kino gehen. Sich überraschen zu lassen, ist in dem Fall alles. Auch eine Methode, warum denn nicht. Von Methoden weiß Ildikó Enyedi schließlich auch so einiges zu berichten.

Die Relavitität der Langsamkeit

Während also mein Sitznachbar immer wieder das temporäre Voranschreiten kontrolliert, verliere ich komplett das Zeitgefühl. Zweieinhalb Stunden dauert Silent Friend, ein technisch-philosophisches Triptychon zu manch elementarem Rätseln unserer Existenz, das ein eigenes Empfinden von Geschwindigkeit auslöst. Anders gesagt: Man kann einen Film so entschleunigen, dass eine gewisse Relativität entsteht – damit meine ich eine gewisse verblüffende Kurzweiligkeit, das Ergebnis eines erzählerischen Sogs, der, wenn man alle Sinne öffnet, diese auf sich zieht. Das passiert gerade dann, wenn nichts passiert. Oder nur sehr wenig. Diese Langsamkeit, die sich einer gewissen permanenten Beobachtung entzieht, ist wohl die Charaktereigenschaft der Pflanze.

Drei Zeitebenen, drei Studien

Bis auf die Mimose, die Enyedi auch thematisiert, bleiben Reaktionen der Botanik auf äußere Einflüsse in ihrer Unmittelbarkeit eher endenwollend. Weder hören wir Menschen, noch sehen wir Menschen, wie diese Lebensformen kommunizieren – und wir wissen gar nicht mal oder denken darüber auch nicht nach, ob sie es tun. Auch wenn wir täglich diesen Wesen begegnen, empfinden wir weniger Leben in ihnen als im Tierischen, was sich als Trugschluss herausstellt – spätestens dann, wenn Student Hannes (Enzo Brumm) Anfang der Siebziger Jahre auf die Geranie seiner Kommilitonin achtet, während diese sich auf Forschungsreise begibt. Die Geranie ist aber nicht nur zum Bewässern da – sie ist Teil einer Studie, um herauszufinden, wie Pflanzen wann und worauf reagieren. Hannes sieht das als Herausforderung, das kleine pinke Gewächs aus der Reserve zu locken. Viele Dekaden früher sehen wir Luna Wedler als einzige weibliche Biologiestudentin an der Universität Marburg, in dessen Garten ein stattlicher Ginko-Baum steht. Sie entdeckt ihre Vorliebe für Fotografie, unüblich damals für Frauen, wie so ziemlich alles, was nicht Herd bedeutet, ganz so wie Karl Blossfeldt, und erkennt dabei aus physiologischer Sicht verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Pflanze. Um das Triptychon komplett zu machen, reist Enyedi ins Jahr 2020, zur Hochzeit der Covid-Lockdowns. Ebenfalls in Marburg, und immer noch mit Blick auf den stattlichen Ginkgo, ist Tony (Tony Leung Chiu-wai, In the Mood for Love) ein Neurowissenschaftler aus Hongkong, zum Nichtstun verdammt. Dieser Müßiggang bringt ihn aber auf neue Ideen. Warum denn nicht die Impulse dieses Baumriesen aufzeichnen, der schon vieles gesehen haben muss in seiner Existenz. Ob er sich an diese Dinge erinnern kann? Ob Mensch und Baum in Verbindung treten können, so, als würden sie ein Gespräch führen?

Einlassen auf ein lebendiges Gegenüber

Aktion und Reaktion, die verblüffende Vielfalt der Formen, die Suche nach Verbindung, die das Zeug hat, in andere Dimensionen vorzustoßen: Silent Friend lässt die vertraut unvertraute Welt aus Rinde, Blatt und Wurzel als reflektierenden Erkenntnisspiegel uns selbst betrachten. Unsere Wissbegier, unsere Sehnsucht nach Mysterien, und vor allem das Geborgenheit schaffende Gefühl, ein Teil des großen Ganzen zu sein. Der Ginkgobaum im Garten, er scheint alles zu wissen, jedes Geheimnis dieser Existenz. Wir selbst sind ahnungslos, und dadurch unerbittlich im Erlangen von einem Stückchen Wahrheit nach dem anderen.

Selten zuvor war ein filmisches Werk gerade durch seine jedem Drängen erhabene Erzählweise so erquickend. Die Sekunden sind lang, doch keine davon zu viel. Minuten werden zu Augenblicken, die Stunde zur halbstündigen Episode, beim Betrachten von Silent Friend geraten Wahrnehmungen durcheinander – ich als Zuseher (nicht mein Sitznachbar) nehme diesen Rhythmus an. Silent Friend verlangt Bereitschaft, Unvoreingenommenheit, und ganz wichtig: Geduld. Es ist aber nicht die Geduld des Wartens und Nichtstuns und Harrens, bis eintritt, was wir schon am liebsten gestern gewollt hätten, dass es passiert. Es ist die Geduld, die man erfordern muss, wenn man sich auf etwas einlässt. Auf eine Studie, ein Tier im Dickicht des Waldes und man möchte es beobachten. Auf die Geburt eines Kindes oder die Hoffnung, dass der Gingkosamen keimt. Ausdauer und Beharrlichkeit – in Zeiten wie diesen schwindende Werte. Ildikó Enyedi gibt sie uns zurück, mit noch einem Quäntchen Emanzipation, Feminismus und der mühsam erlernten Voraussetzung, das vor allem erst mal der Mensch unter seinesgleichen bereit sein sollte, sein Gegenüber wahrzunehmen, bevor er eintaucht in etwas ganz anderes. Silent Friend ist so etwas. Etwas ganz anderes.

Silent Friend (2025)

Die My Love (2025)

JENNIFER LAWRENCE STECKT FEST

5/10


© 2025 MUBI / Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: LYNNE RAMSAY

DREHBUCH: LYNNE RAMSAY, ALICE BIRCH, ENDA WALSH, NACH EINEM ROMAN VON ARIANA HARWICZ

KAMERA: SEAMUS MCGARVEY

CAST: JENNIFER LAWRENCE, ROBERT PATTINSON, LAKEITH STANFIELD, SISSY SPACEK, NICK NOLTE, SARAH LIND, GABRIELLE ROSE, VICTOR ZINCK JR., DEBS HOWARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Laut dem Portal gesundheit.gv.at äußern sich die Anzeichen für eine postnatale Depression wie folgt so: Andauernde getrübte Stimmung, Ängste, Schlafstörungen, Störungen der Konzentration, Grübeln, Zweifel am Selbstwert und Verlust von Interessen. Letzteres Symptom ist bei Jennifer Lawrence ganz stark ausgeprägt: Die junge Mutter, die mit dem neugeborenen Sohn und ihrem Ehemann ins leerstehende Haus von dessen Onkel zieht, der sich, wie sich später herausstellt, mit der Schrotflinte umgebracht haben soll, findet sich in Lynne Ramsays neuestem Film in einem festgefahrenen Zustand wieder, der mit der Überdrüssigkeit gleichgesetzt werden kann, nicht schon wieder all die Stereotypen einer kinderpflegenden Hausfrau zu übernehmen, die nur darauf wartet, dass der geldverdienende männliche Part endlich heimkommt, um dann in die bereits bereitgestellten Hauspantoffeln zu schlüpfen, die ihn geradewegs an den Mittagstisch bringen, wo das mit Liebe zubereitete Essen auf die Minute genau vor sich hindampft.

Wenn Rollenbilder langweilen

Grace, diese zutiefst gelangweilte Mutter, will das nicht. Es kotzt sie an, es quält sie Tag für Tag, es unterfordert sie, ihren geliebten Sohn, dem sie für all das nicht die Schuld gibt, im natürlichen Rhythmus der Monotonie beim Heranwachsen Gesellschaft zu leisten. So was machen Mütter eben? Mittlerweile längst nicht mehr. Doch Robert Pattinson kommt nicht auf die Idee, diese Rollenbilder neu abzuwägen, obwohl er ganz genau weiß, dass Grace sehr wohl Ambitionen hat, als Schriftstellerin Karriere zu machen. In diesem ländlichen Amerika bringt die Verweigerung eines solchen Umdenkens vielleicht eine Art Rosenkrieg. Letztes Jahr auf der Viennale lief ein ähnlicher Film, weitaus komödiantischer, der sich mit den verteilten Rollen innerhalb eines familiären Mikrokosmos auf phantastische Weise auseinandersetzt: Nightbitch. Während Amy Adams den Determinismus der Mutterfigur auf archaische Weise hinterfragt, will Jennifer Lawrence einfach nur dieser Stasis entkommen.

Auf der Stelle rotieren

Doch Jennifer Lawrence steckt fest. Weil Lynne Ramsay feststeckt. Die My Love, basierend auf dem schwarzhumorigen Roman Mátate, amor der Argentinierin Ariana Harwicz, will Lawrence spielfilmlang die Möglichkeit geben, in mannigfaltiger Ausdrucksweise Symptome der Langeweile und der Antriebslosigkeit darzustellen. Da fällt ihr vieles ein – was man eben so tut, wenn man sich zu nichts überwinden kann, wir kennen so einen Zustand zumindest temporär und ohne klinischer Diagnose mehr als gut. Da gibt es Tage, da hat man zu gar nichts Lust. Jennifer Lawrence hat das zwei Stunden lang. Vorzugsweise kriecht sie dabei wie ein Tier auf allen Vieren durchs kniehose Gras vor dem Haus. Depressiv wirkt sie dabei nicht, eher auf pauschalisierte Weise durchgeknallt, was nun weniger ein Krankheitsbild darstellt als die Möglichkeit, ungehemmt zu schauspielern. Wonach genau sie sich dabei orientiert? Ihre Rolle gibt keine Richtung vor, nur den Unwillen für alles, den Willen des Ausbruchs überspielend. Robert Pattinson ist die ganze Zeit zwar auch zugegen und gleichzeitig aber auffallend abwesend, als hätte er gegen das exaltierte Spiel seiner Schauspielkollegin sowieso keine Chance.

Rockstar der Psychose

Das sieht auch Ramsey so und interessiert sich kaum für alles Periphere in diesem Psychogramm des Stillstands, das lediglich eine Ausgangssituation für etwas beschreibt, was die ganze Zeit nicht kommt. Immer und immer wieder das gleiche, immer und immer wieder die indisponierte Jennifer Lawrence zwischen kindlicher Überdrehtheit und an den Wänden hochgehender Fadesse, stets auf eine Weise angekündigt, die den großen, abgründigen, gespenstischen Psychothriller verspricht, und dann aber nur Zaungast der ersten Reihe die rockstarähnliche Aufbäumung einer Psyche anhimmelt, die in einer saftigen Krise steckt. Mehr wird das Ganze nicht, und irgendwann ist nicht nur Jennifer Lawrence langweilig, sondern auch mir, dem Zuseher, der hinter all der Verhaltensauffälligkeit einen hohlen Kern vermutet.

Filmische Psychogramme, die Krankheitsbilder geschickt in einen Thriller verpacken, mögen mitunter gelingen, so wie Roman Polanskis nihilistisches Paranoia-Drama Ekel mit Catherine Deneuve, die auf eine Weise dem Wahnsinn verfällt, da läuft es einem kalt den Rücken runter. Suspense trifft auf Psychose – den Suspense lässt Die My Love nicht durch die Tür.

Die My Love (2025)

Good Boy (2025)

BESTER FREUND MIT SECHSTEM SINN

7/10


© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BEN LEONBERG

DREHBUCH: BEN LEONBERG, ALEX CANNON

KAMERA: WADE GREBNOEL

CAST: INDY, SHANE JENSEN, LARRY FRESSENDEN, ARIELLE FRIEDMAN, STUART RUDIN, ANYA KRAWCHECK U. A.

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Der Horror ist längst auf den Hund gekommen. Stephen Kings Cujo ist kein schlechtes Beispiel. Oder Underdog, die Dystopie des Ungarn Kornél Mundruczó, wohl eher eine gesellschafsphilosophische Zukunftsvision als blutiges Gemetzel. Der Hund ist dabei stets der Antagonist, der Aggressor, die sprintende Gefahr. Nicht so in dieser kleinen, feinen, höchst innovativen Hommage an alle Vierbeiner mit Köpfchen, die selten bellen, viel lieber zuhören und ihrem Lebensmenschen bis überallhin folgen, auch durch die Hölle, auch durch die schwierigsten Lebenslagen, die viel zu früh mit dem Tod enden. Dabei wird der Begriff des Tierhorrors gänzlich anders betrachtet.

Auf Augenhöhe mit dem Tier

Hunde sind tatsächlich die besten Freunde, das weiß auch Ben Leonberg, als er sich dazu entschlossen hat, seinem eigenen Hund Indy, einem Nova Scotia Duck Tolling Retriever, seinen ganz eigenen Film zu schenken und ihn darin zum Schauspieler zu befördern. Hundefilme mit vierbeinigen Helden gibt es zur Genüge, die muss ich hier gar nicht aufzählen, Lassie drängt sich da am stärksten auf. Doch auch diese Helden sind nicht vergleichbar mit diesem hier, mit diesem gewieften, empathischen Tier, dass die menschliche Spezies außen vorlässt. Wie das gemeint ist? Nehmen wir die Cartoons über Tom & Jerry her. Erzählt werden diese Episoden ausschließlich auf Höhe der Tiere, der Mensch ist maximal ein zeterndes Etwas, sichtbar nur bis zum Torso, der Blickwinkel ist jener der knuffig-frechen Katzen, Hunde und Mäuse, kein Zweibeiner soll ihnen die Show stehlen. So ist auch hier die Sicht des Hundes die Kerninnovation dieser atmosphärischen Besonderheit, während die Gesichter der Menschen, wenn überhaupt mal zu sehen, dann nur indirekt oder im Dunkeln bleiben.

Sehen, was der Mensch nicht sieht

In Good Boy (nicht zu verwechseln mit dem Psychohorror Good Boy aus 2022, indem es zwar auch um Hunde geht, aber auf eine destruktive, höchst menschliche Art) ist Indy ist hier nicht nur ein sympathischer Sidekick, sondern ihm gehört der Film, voll und ganz. Stolz präsentiert der knuffige Hauptdarsteller eine erstaunliche Palette an Mimiken, und wie selten bis noch gar nicht in dieser Konstellation jemals zu sehen gewesen kommt das Grauen hier, empfänglich für den sechsten Sinn eines Tieres wie dieses, auf leisen, schaurigen Sohlen herbei.

Das Unheimliche liegt vor allem darin, dass Indy anfangs ganz dezenten, aber unwohlig unnatürlichen Umtrieben gewahr wird – bizarren Geräuschen, dunklen Schatten, einer körperlosen Präsenz. Die neugierigen wie skeptischen Blicke des Tieres sprechen Bände, mehr noch als die schattenhaften Gestalten, die es vielleicht gar nicht gebraucht hätte, die aber wohldosiert eine Furcht im Nacken erzeugen, so unerklärlich, wie sie sind. Indys Mensch nimmt das ganze gar nicht wahr, ist schließlich todkrank, spuckt Blut, hustet und keucht vor sich hin. Was er allein mit seinem Hund im Hause seines Großvaters macht, in dem es, wie die Familie längst weiß, nicht mit rechten Dingen zugeht? Nach einem Spitalsaufenthalt will sich Todd auskurieren. Wie das gehen soll, bei all dieser dunklen Geschichte? Den Opa hat das Haus in den Abgrund getrieben, sein Hund, ebenfalls ein Retriever derselben Rasse wie Indy, verschwand auf unerklärliche Weise. Allein in der Wildnis, bei kaltem Regenwetter und düsteren Vorahnungen, ist der „gute Junge“ auf sich allein gestellt, um das Geheimnis hinter dem Grusel zwar nicht zu lüften, seinen Lebensmensch aber vor dem Schicksal zu bewahren.

Wir Menschen wollen den Horror, das Unerklärliche stets lüften. Ein Hund will das nicht, geht es ihm doch nur um das Wohl seines Begleiters, den es zu schützen gilt. Good Boy bleibt daher angenehm rätselhaft und völlig diffus, surreale Albträume von Indy selbst streuen effektive Jumpscares, im Grunde aber bleibt die Tonalität eine subtile, morbide, durch das treffsichere Spiel des Tieres so wärmend wie bedingungslose Treue.

Good Boy (2025)