Die Unglaublichen 2

PÄDAGOGIK FÜR WUNDERKINDER

7/10

 

Incredibles 2©2018 Disney-Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRAD BIRD

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): HOLLY HUNTER, CRAIG T. NELSON, SAMUEL L. JACKSON, BOB ODENKIRK U. A.

 

Das bisschen Haushalt ist doch kein Problem, sagt mein Mann – und stürzt sich mit biegsamem Elan in ihre neue Aufgabe. Die Rede ist von Elastigirl, dreifacher Mama und anscheinend eng verwandt mit „Mr. Fantastic“ Reed Richards. Die Supermama, die muss die schiefe Optik auf Superhelden in der Bevölkerung wieder geraderücken. Derweil verboten, sollen exorbitante Kräfte wieder zum Einsatz kommen dürfen, wenn es hart auf hart gehen sollte. Dieses Dilemma der Übermenschen, die gut und gerne und ohne viel Widerstand rein theoretisch die Weltherrschaft anstreben könnten und die eigentlich permanent im Vorteil sind, wenn es heißt, wirkungsvoll Akzente zu setzen – das kennen wir schon aus dem Marvel-Universum. Da waren die Avengers – oder zumindest die Hälfte davon – so ziemlich personas non grata. Und bei Superman vermutete selbst Batman, dass der Kryptonier irgendwas im Schilde führt. Also lieber gar nicht so weit kommen lassen. Aber gut, letzten Endes muss ich hier nicht die höchste Geheimhaltungsstufe wahren – irgendwann kommt in diesen Filmen immer der Punkt, an dem alle wieder jubeln, wenn das Cape im Winde weht.

Superpapa Bob alias Mr. Incredible bleibt also daheim – die einstweilige Karenz kann beginnen. So einfach ist das natürlich nicht, wenn zwei wissentlich hochbegabte Sprösslinge entweder an der Mathearbeit verzweifeln oder unter Liebeskummer leiden und das unwissentlich superfähige Baby einfach nicht einschlafen will, wenn doch dem Waschbären die Leviten gelesen werden sollen. Das Baby ist dann auch Herzstück und Hingucker dieser Fortsetzung von Brad Bird, der auch schon 2004 die Pixar-Antwort auf X-Men, Inhumans und Co in knallig roten Trikots auf Unfriedenstifter losgelassen hat. Die 14jährige Pause hat bei dieser unglaublichen Familie nichts zu sagen – wir schließen eigentlich nahtlos an den Erstling an – und haben Spaß dabei, zuzusehen, wie der kleine Windelkrieger frei nach dem Motto von Maria Montessori – „hilf mir, mir selbst zu helfen“ – im Grunde alle Superkräfte auf diesem Planeten in seinem kleinen Körper vereint und diese erstmal sowieso nicht kontrollieren kann. Das bringt so gut wie alle an den Rand des Nervenzusammenbruchs, ganz besonders den superstarken Schrank von Papa, der sich plötzlich ganz klein vorkommt. Damit hätten wir eine schräge Alltagskomödie, die vieles, was wir selbst aus den arbeitstüchtigen Wochentagen kennen, augenzwinkernd durchs Benco zieht. Drehbuchautor Bird gibt’s sich damit aber nicht zufrieden – angesichts der Größenordnung am Marvel– oder DC-Antagonismus darf sich auch die liebe Familie mit Bedrohlichem herumschlagen. Und da kommt sogar einiges an düsterem Suspense auf, als der Screenslaver in perfider Hypnosetechnik das Land terrorisiert. Herumzuraten, wer wohl hinter dem Spiralauge steht, sorgt vor allem bei jüngerem Publikum garantiert für ein gewisses Kribbeln, und auch selbst tappt man zumindest ein paarmal hin und her, bis sich der richtige Verdacht bestätigt.

Die Unglaublichen 2 ist kurzweiliges Vergnügen, visuell sowieso state-of-the-art und in der für Pixar üblichen und stets willkommenen Detailverliebtheit in Dramaturgie und Setting erarbeitet. Garantiert wird es hier weitere Fortsetzungen geben, dafür wäre das ausgefeilte Charakterdesign der schrägen Truppe einfach zu schade, um es zu schubladisieren. Andererseits aber muss Pixar unter Mastermind Bird aufpassen, seine Heldenabenteuer nicht repetativ werden zu lassen, was im Superheldengenre oftmals gerne passiert. Ein Tipp am Rande: Beim nächsten Mal vielleicht sogar noch mehr die Tücken des Alltags ausspielen, denn darin liegt eine unverhohlen selbstironische Kraft, die jene, die Übermenschliches leisten, genauso herausfordert wie uns Normalos.

Die Unglaublichen 2

Coco – Lebendiger als das Leben

MIT DEN AHNEN PLAUDERN

8/10

 

Coco©2017 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2017

REGIE: Lee Unkrich, Adrian Molina

MIT DEN STIMMEN VON Anthony Gonzalez, Benjamin Bratt, Gael García Bernal u. a.

 

 „Mach die Musik leiser!“ – Das wäre zumindest ein Imperativ gewesen, mit welchem der kleine mexikanische Junge Miguel zumindest irgendetwas hätte anfangen können. Aber gar keine Musik – das geht gar nicht. Miguel ist der einzige in seiner Familie, der Musik über alles liebt und seinem Idol, dem großen Ernesto de la Cruz nacheifern will. Aber Musik – Musik ist verpönt in Miguels Schusterfamilie, seit sein Ururgroßvater Karriere vor Familie gesetzt hat – und letzterer den Rücken kehrte. Also Schluss mit dem Geklimpere – Miguel hat gefälligst Schuster zu werden. Wie es aber bei zwölfjährigen Jungs so ist, darf mit Widerstand gerechnet werden. Der aufgeweckte, träumerische Bursche denkt gar nicht daran, sein Talent versauern zu lassen. Schon gar nicht am Tag der Toten, dem größten Fest Mexikos, an welchem es der Tradition nach wie alle Jahre einen Talentwettbewerb gibt. Nur blöd, dass seine Familie geschlossen dagegen ist. Widerstand überall. Nur seine Uroma Coco sagt nichts. Seine Uroma Coco kauert in ihrem Rollstuhl, dämmert vor sich hin und verliert allmählich all ihre Erinnerung. Vor allem die Erinnerung an ihren Papa, dem schwarzen Schaf der Familie. Und wie die alte Coco da so sitzt, nach vorne gebeugt und mit langen, weißen, geflochtenen Zöpfen – da sieht man wieder, dass die Pixar-Schmiede erneut wieder so etwas wie ein Wunder vollbracht hat. 

Denn die Filme von Pixar sind längst nicht mehr nur Kinderkram. In ihrer neuen Geschichte nach einem Originaldrehbuch beweisen die Kreativen hinter den Rechnern und Schreibtischen einmal mehr, dass ihr Mut zu Anspruch und weltbewegenden Themen keinesfalls familientaugliche Unterhaltung ausschließen muss. Denn Coco – lebendiger als das Leben ist ein zutiefst berührender Film über Familie für Familie. Interessant ist alleine schon die Tatsache, dass der titelgebende Charakter nicht der quirlige Miguel selber ist, sondern die steinalte Urgroßmutter, die mit so viel Liebe entworfen, modelliert und gezeichnet wurde wie selten eine Figur in einem animierten Film. Diese Oma schlägt alle, bis in jede Falte ihres Gesichts lässt sich das gelebte Leben nachfühlen, von welchem hier erzählt wird. Nämlich auch von denen, die nicht mehr sind. Man kann den Tag der Toten gleichsetzen mit dem Feiertag Allerheiligen hierzulande. Und wer den letzten James Bond: Spectre gesehen hat, kann ungefähr erahnen, was sich am Tag der Toten in Mexiko abspielt. Da kommen die Ahnen aus dem Jenseits in die Welt der Lebenden – aber nur, sofern man sich an sie erinnert und Gott behüte – nicht vergessen hat, ein Bild aufzustellen. Mit den Ahnen zu reden ist so eine Sache – das kann man mit Tischerücken probieren, oder mit einem Medium wie Lotte Ingrisch. Oder man erträumt sich die Verstorbenen einfach – allerdings ohne Echtheitsgarantie. Mal ehrlich, wer würde nicht gern seine Vorfahren kennenlernen, um sie aus dem Nähkästchen plaudern zu lassen. Da gibt es aus meiner Familie einige. Und selbst meinem Großvater würde ich gerne noch so einiges mitteilen. 

Miguel bekommt diese Chance – und es gelingt ihm irgendwie, ins Jenseits abzugleiten, ohne tot zu sein. Die Welt der Ahnen ist eine knallbunte, surreale Dimension, in der die Toten Skeletten gleich vor sich hin klappern, ihr Totsein vor dem endgültigen zweiten Tod fristen und eben die Dinge tun, die sie schon zu Lebzeiten immer getan haben. Auch hier haben die Animationskünstler und Designer eine Welt erschaffen, die so noch nie im Kino zu sehen war. Ein Jenseits, in welchem sich Hades für seine eigene Unterwelt fremdschämen würde. Die Gesichter der Verstorbenen sind auf eine Art entworfen, die zweifelsfrei als Totenköpfe zu identifizieren sind, andererseits aber auch so gestaltet sind, dass sie eine gewisse Gesichtsmimik zulassen – andernfalls würden sich Emotionen bei all den Ahnen nur erahnen lassen. Und Emotionen spielen eine wichtige Rolle. Emotionen und vor allem Erinnerungen. Spätestens ab diesem Punkt dringt die Geschichte um Miguel und die Toten in eine tiefere Bedeutungsebene vor. Coco wird zu einer Parabel über das Vergessen und Vergessen werden, über das ewige Leben in der Erinnerung der Lebenden. Dass der Wert der Familie bei Disney sowieso immer eine Rolle spielt, braucht gar nicht erst erwähnt zu werden. Das ist fast die Basis eines jeden Disney-Films. Doch dieser unerwartet ernste Kern der Geschichte, die nebenbei einfach wunderbar erzählt ist, gerät nie in stockende Betroffenheit oder gleitet ab in falsche Rührseligkeiten. Mit aufrichtigem Wagemut und unverschämter Leichtigkeit setzt sich die Ode an die Ahnen mit einem für gewöhnlich betroffen machenden Tabuthema auseinander, das längst kein solches sein muss. Mir fallen gerade die Riten der Madagassen ein – ihre Begräbnisse enden in ausgelassenen, bunten Festen, weit jenseits schwarz gewandeter Trauer. Auch ein Ansatz, der den letzten Meilenstein des Lebens als solchen besser wahrnimmt. Und Coco tut dies – die Gratwanderung zwischen Leben und Tod wird in Pixar´s neuem Film zum phantastischen, prächtigen Abenteuer in atemberaubender, erlesener Tricktechnik. Und zum erfolgreichstem Film aller Zeiten in Mexiko. Da kann man nur sagen; Viva La Vida. Und La Familia sowieso.

Coco – Lebendiger als das Leben

Arlo & Spot

FRESSEN UND GEFRESSEN WERDEN

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arlospot

Wovon ernährt sich eigentlich der Säbelzahntiger Diego aus Ice Age? Was frisst der Löwe aus König der Löwen? Und was hat eigentlich Bagheera aus dem Dschungelbuch auf seiner Speisekarte? Details, die Kinder nicht zu wissen brauchen – oder doch? Seit jeher haben Fleischfresser oder Karnivoren, wie der Fachmann sagt, in Disneys und anderen Animationsfilmen den schwarzen Peter gezogen. Entweder man sieht nie, wie sie sich ernähren und was sie fressen, oder sie werden völlig grundlos zum Vegetarier. Was andererseits wieder vollkommen widernatürlich ist. Dass sich  aber das Leben auf unserem Planeten in die berühmte Nahrungskette eingegliedert hat, wird meist tunlichst ignoriert. Und könnte ja den Nachwuchs verstören. Obwohl dieser mitunter gerne Fleisch ist. Und Fleisch braucht, um sich zu entwickeln.

Für das fiktive Dinomärchen haben es sich diesmal Disney und Pixar anders überlegt. Flugsaurier verspeisen mir nichts dir nichts knuffige Fellsäuger und der wortlose Spot, das Menschenbaby, das aus Jean Jaques Annaud´s Am Anfang war das Feuer herübergekrochen zu sein scheint, reißt einem hilflosen Käfer den Kopf ab. Auch die Natur schenkt den Figuren aus The Good Dinosaur – so der Originaltitel – nichts. Neben der Berücksichtigung dieser und ähnlicher Naturgesetze haben die Macher gleich noch ein Szenario entworfen, das eine mögliche prähistorische Parallelwelt zeigt, in welcher der Kelch des aufschlagenden Asteroiden 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit an den schrecklichen Echsen vorübergegangen ist. So ist auch die Einleitung des Filmes ein auf die Erde stürzender glühender Felsbrocken – der aber haarscharf an unserem blauen Planeten vorbeizieht. Knapp daneben ist auch vorbei bekommt hier eine gänzlich andere Bedeutung.

Oder besser gesagt: Knapp daneben ist nicht vorbei – was die Existenz der Saurier betrifft. So spielt Arlo & Spot einen Ist-Zustand durch, in welchem die Nischen für den Siegeszug der Säuger leider nicht frei geworden sind. Die Dinos werden intelligenter, und übernehmen das, was des Steinzeitmenschen Aufgabe gewesen wäre – Ackerbau und Viehzucht. Auf den ersten Blick ist die What if-Überlegung absurd. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wahrscheinlich eine alberne Vision. Für den Film aber passt es und hat sogar einen gewissen Reiz. Er erinnert mitunter an die Gummipuppen-Serie Die Dinos, die in den 90ern im Fernsehen lief. Nur sind es keine Gummipuppen, sondern im Verhältnis zu ihrer Umgebung relativ stark abstrahierte Sauropoden, die so gar nicht wirklich in den naturalistischen Kontext der Landschaft passen. Natürlich, der Kontrast hat was Witziges, ziemlich Eigenes. Doch Arlo und seine Gefährten sind mir in diesem Fall etwas zu simpel geraten. Ihre Knubbelnasen passen eher ins Universum des Drachen Kokosnuss als in einen Pixar-Film, der neben ausgetretener Coming of Age-Philosophie abermals das Thema Familie variiert und sich auch in punkto Story wenig Neues einfallen lässt.

Somit ist Arlo & Spot zwar ungewöhnlich anzusehen und hat auch die eine oder andere unerwartete Szene in petto – unter Pixars Top Ten schafft er es aber nicht.

 

Arlo & Spot