Die Fotografin (2023)

DAS MODEL IN HITLERS BADEWANNE

6/10


diefotografin© 2024 Constantin Filmverleih


ORIGINALTITEL: LEE

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: ELLEN KURAS

DREHBUCH: LEM DOBBS, LIZ HANNAH, JOHN COLLEE & MARION HUME

CAST: KATE WINSLET, ANDY SAMBERG, ALEXANDER SKARSGÅRD, MARION COTILLARD, JOSH O’CONNOR, ANDREA RISEBOROUGH, NOÉMIE MERLANT, VINCENT COLOMBE, SAMUEL BARNETT, ZITA HANROT U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Als Charakterdarstellerin und als jemand, der biografischen Figuren Seele verleiht, ist Kate Winslet wohl nach wie vor und ungebrochen an der Spitze weiblicher Schauspielgrößen vorzufinden, die ihren Charakteren wie aus dem Ärmel geschüttelt eine ganze Biografie verleihen, ohne sie darstellen zu müssen. Da reichen Auszüge im Rahmen eines zweistündigen Dramas, die wissen lassen, dass davor schon eine ganze Menge passiert sein muss. Komplette Lebensgeschichten sind das geworden, eine komplette Lebensgeschichte wird auch die Chronik des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht von Model, Künstlerin und Kriegsreporterin Lee Miller, die als eine der ersten und an der Seite der Alliierten die ganze grausame, himmelschreiende Wahrheit hinter dem Hitler-Regime dokumentieren konnte. Als Berufene und im Auftrag der Allgemeinheit ihre Pflicht erfüllende Reporterin leistete Miller ganze Pionierarbeit. Schließlich waren Frauen an der Front etwas Undenkbares, waren Frauen abseits des Lazaretts aus der Sicht der Männer entweder eine Gefahr für sich selbst oder eine Gefahr für andere. Miller setzte neue Maßstäbe, etablierte wohl einen ganzen weiblichen Berufszweig. Zeigte überdies Mut, Selbstbewusstsein und Leidensfähigkeit. Vor allem die der Psyche. Schließlich muss ein Mensch, reich an Werten und progressiv-humanistischen Idealen das unangekündigt Grausame, das hinter den Mauern der Konzentrationslager von Buchenwald und Dachau zum Vorschein kam, erstmal verarbeiten. Miller konnte das niemals so richtig, all diese Bilder begleiten sie bis ins hohe Alter. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sie in ihrer Wohnung einem Journalisten gegenüber, der über ihr Leben so einiges wissen will. Auf einem Couchtisch ausgebreitet sämtliche Fotografien, ihm gegenüber Kate Winslet hinter missglückten Latexfalten, aber immer noch greifbar erfahren und müde von einem Leben voller menschlicher Dramen zwischen Kunst, Egomanie und höheren Aufgaben im Dienste der ganzen Menschheit.

Im Original betitelt Regisseurin Ellen Kuras, die als Kamerafrau wohl am Set von Eternal Sunshine of the Spotless Mind auf Kate Winslet traf und seither immer wieder mit ihr zusammenarbeitet, ihren Film schlicht als Lee. Die Art der Betrachtung einer Künstlerin wie Miller eine war, mag weder huldigend noch deutlich kritisch ausfallen. Die Selbstinszenierung in Hitlers Badewanne war, und das steht außer Frage, eine Aktion, die gemischte Gefühle hervorruft. Geschmacklos oder nicht: das Foto ist wohl als Triumph über das diktatorische Böse zu sehen. Körperpflege an Hitlers statt zu vollziehen, könnte aber auch als unbeabsichtigte Anbiederung durchgehen, sofern man Miller nicht auf diese Weise kennenlernt, wie Kuras es sich vorgenommen hat: Kettenrauchend, nonkonform und zäh genug für den Job, die Wahrheit im wahrsten Sinne des Wortes ans Licht zu bringen. Winslet portraitiert die Ikone souverän.

Wirklich nahe kommt man der Person aber dennoch nicht. Wenig greifbar bleiben auch all die anderen Nebenfiguren wie Alexander Skarsgård als Künstler Roland Penrose oder Andy Samberg als Millers Arbeitskollege David E. Scherman. Sie sind Gaststars im Laufe eines erfüllten Lebens, das dicht mit den Ereignissen um den Zweiten Weltkrieg verwoben ist und auch mit dazu beigetragen hat, das Schwarzbuch der Menschheit zu illustrieren. Als informativer biografischer Spielfilm macht Die Fotografin augenscheinlich nichts verkehrt. Vor allem jene Szenen, die das Entdecken der Konzentrationslager schildern, gehen unter die Haut, ertappt man sich doch dabei, unter furchterfüllter Neugier Miller auf dem Fuß zu folgen und über deren Schulter zu blicken, als wäre man selbst dabei. Darüber hinaus aber berührt der Film wohl weniger, als dass er Aufschluss gibt. Miller bleibt auf Distanz, es bleibt weitestgehend unklar, was sie bewegt oder antreibt. So gesehen fehlt die Lust an der Interpretation, letztlich sind es nur biographische Notizen eines Lebens, das in Filmform und mit weniger Fokus auf die Psyche nur schwer zu fassen ist.

Die Fotografin (2023)

Minamata (2020)

MEHR ALS TAUSEND WORTE

7/10


minamata© 2020 Larry D. Harricks


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: ANDREW LEVITAS

BUCH: ANDREW LEVITAS, DAVID K. KESSLER, STEPHEN DEUTERS, JASON FORMAN

CAST: JOHNNY DEPP, MINAMI, BILL NIGHY, HIROYUKI SANADA, JUN KUNIMURA, RYO KASE, TADANOBU ASANO, AKIKO IWASE, KATHERINE JENKINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Johnny Depp ist zurück – und hat trotz des Rosenkriegs mit Amber Heard nichts an seinen schauspielerischen Qualitäten eingebüßt. Vielleicht liegt es auch daran, dass man Johnny Depp gar nicht mal sofort erkennt. Diesmal versteckt er sein noch nicht so aufgedunsenes Konterfei hinter graumeliertem Kinnbart a la Abraham Lincoln, während auf seinem Haupt silberne Locken die Steven Seagal-Gedächtnisfrisur vom späteren Zeugenstand vergessen machen. In solchen Rollen, die ihn unkenntlich machen, dürfte sich der Star am wohlsten fühlen. Ist das Äußere dem seinen fremd, kann er sich fallen lassen – und völlig in jener Figur aufgehen, deren Biografie er imitieren muss. Mit Bravour ist ihm das auch diesmal gelungen.

In Andrew Levitas biographischem True-Story-Drama gibt der weltbekannte Schauspieler den 1978 verstorbenen Live-Fotografen W. Eugene „Gene“ Smith, der Anfang der Siebziger längst alles fotografiert und gesehen hat, was auf dieser Welt damals im Argen lag. Desillusioniert, von seiner Familie distanziert und dem Alkoholkonsum alles andere als abgeneigt, denkt er tatsächlich darüber nach, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bis es plötzlich an seine Tür klopft. Auf der Matte steht die japanische Übersetzerin Aileen, die Smith dazu bewegen will, sich für ihre Initiative einzusetzen, die in Japan gegen einen Industriekonzern rebelliert, der die Gewässer in und rund um Minamata vergiftet hat. Über Generationen hinweg scheint das quecksilberhaltige Abwasser zu jener Krankheit geführt zu haben, die mittlerweile als Minamata-Krankheit im Pschyrembel steht. Sichtbar wird dieser industrielle Fluch, wenn vor allem junge Menschen unter Ataxie und Lähmungen leiden, in den schlimmsten Fällen in völliger Unbeweglichkeit auf Pflege rund um die Uhr angewiesen sind. Der Life-Fotograf soll all die Fälle dokumentieren, und tatsächlich gewährt ihm Chefredakteur Bob Hayes (Bill Nighy) ein letztes Projekt, bevor das legendäre Magazin wohl eingestellt werden wird. In Japan angekommen, wird für Smith schnell klar, dass es um mehr geht als nur darum, das Leid anderer zu knipsen. Nebenher geht’s auch um die eigene Katharsis.

Womöglich hätte Minamata längst nicht so gut funktioniert, hätte das Tatsachendrama rund um eine unter Fotojournalisten legendäre Fotografie namens Tomoko in ihrer Badewanne keinen so charismatischen Hauptdarsteller wie Johnny Depp gefunden. Die tragischen Fälle in Japan setzen das Schicksal des von ihm dargestellten, renommierten Fotografen noch dazu in gesunde Relation. Plötzlich wird Levitas‘ Film zum Menschenrechts- und Politdrama im stinkenden Dunstkreis kapitalistischer Bereicherung. Nicht nur irgendwie, sondern ganz deutlich erinnert Minamata an Todd Haynes Real-Kino Vergiftete Wahrheit mit Mark Ruffalo in der Rolle eines Anwalts, der gegen den Teflon-Konzern ins Feld zog. Diesmal ist es der im Kreuzfeuer der Menschenrechtler stehende Chemiekonzern Chisso – und wir sehen anhand eingängiger Bilder und präzise nachgestellter Fotografien, die genau so existieren, einen entbehrungsreichen Kampf gegen die Allmacht der Profitgier.

Natürlich ist Minamata klassisch inszeniert und sehr konventionell, was wiederum dem Auftrag geschuldet ist, Fakten nicht zu verzerren, auch – oder vor allem – wenn es fürs Kino ist. Johnny Depp bereichert die ganze wichtige True Story eines Umweltskandals mit schauspielerischem Glanz und setzt so obendrauf noch die Biographie eines gescheiterten Genies.

Minamata (2020)