Das Letzte, was er wollte

AUS DEM DSCHUNGEL IN DEN DSCHUNGEL

2/10

 

thelastthinghewanted© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: DEE REES

CAST: ANNE HATHAWAY, ROSIE PEREZ, BEN AFFLECK, WILLEM DAFOE, TOBY JONES U. A.

 

Irgendwo in der Provinz Nicaraguas schleicht Anne Hathaway als relativ unerschrockene Reporterin und Teil einer Guerillagruppe durch den Dschungel. Wir befinden uns mitten in den Achtziger-Jahren. In nämlichem mittelamerikanischem Land herrscht Bürgerkrieg. Die Volksfront der Contras gegen die linksorientierten Sandinisten. Anne Hathaway muss Furchtbares mit ansehen. So wie Rosamunde Pike als Marie Colvin in A Private War. Doch sie notiert fleißig alles, was sie sieht. Gerät ins Kreuzfeuer, steht natürlich mit einem Bein im Grab, wie das bei Kriegsreportern nun mal so ist. Mit dieser wuchtigen Intensität beginnt der von Netflix veröffentlichte und vormals beim Sundance Festival vorgestellte Film mit dem recht sonderbaren Titel Das Letzte, was er wollte. Diese Intensität aber will nicht lange halten. Dem, was mit der Verfilmung des gleichnamigen Buches von Joan Didion passiert ist, muss ich für meine Begriffe ein filmisches Armutszeugnis erteilen. Und das aus mehreren Gründen.

Einer dieser Gründe ist nicht Anne Hathaway. Sie hat ihr Drehbuch aufmerksam gelesen, improvisiert auch nicht und gibt sich professionell, soweit es die Charakterzeichnung zulässt. Ein Grund ist genauso wenig Willem Dafoe, denn der ist als etwas geistig verwirrter und egozentrischer Papa stark wie immer. Womöglich könnte einer der Gründe Ben Affleck sein. Wäre die Razzie für dieses Jahr nicht schon vergeben – er wäre ihrer würdig. So ausdruckslos habe ich selten jemanden spielen sehen. Es ist, als wäre Affleck das Gesicht eingeschlafen. Der Mann ist aber ob seiner paar kurzen Auftritte nicht das eigentliche Problem. Viel schlimmer ist die völlige Ratlosigkeit, wovon Das Letzte, was er wollte eigentlich erzählen will. Klar, im Mittelpunkt steht Hathaway – und ja, sie übernimmt den recht undurchsichtigen Auftrag ihres Vaters, eine dubiose Lieferung nach Costa Rica zu bringen, die natürlich vor Ort auch noch bezahlt werden will. Die Währung ist eine andere als gedacht – es sind Drogen. Und ganz plötzlich kommt die Iran-Contra-Affäre ins Spiel, hautnah miterlebt, bis über beide Ohren darin verstrickt. Soweit so spannend. Doch etwas haut nicht hin: Regisseurin Dee Rees, die mit der Südstaatenballade Mudbound zu Recht für Aufsehen gesorgt hat (lief ebenfalls über Netflix und war 2018 gar oscarnominiert), findet keinen Fokus. Für einen Politthriller enthält ihr Film viel zu viel Geschwafel, das die Handlung nicht weiterbringt. Statt prägnanter Schlüsselszenen inszeniert Rees stets am point of interest vorbei, kann ihren filmischen Schwerpunkt nicht finden und verliert immer wieder den roten Faden, sofern es jemals einen gegeben hat. Neben dem politischen Skandal rund um die Reagan-Präsidentschaft will der Film aber auch noch ein fiktiv biographisches Charakterdrama unterbringen und das psychologische Dilemma seiner Hauptprotagonistin relevant erscheinen lassen. Irgendwie hat diese Schiene keinen Platz. Das merkt man daran, dass das persönliche Drama relativ wenig tangiert. Interessanter wäre gewesen, den ganzen Kanälen hinter der Iran-Contra-Affäre mehr auf die Spur zu kommen als die Vater-Tochter-Storyline reinzubringen. Genau dieser unglückliche Mix nimmt dem Film seine Straffheit und Relevanz.

Das Genre des Politdramas oder –thrillers hat naturgemäß stets den Hang, letztlich viele Mosaiksteine zu einem großen Ganzen zu vereinen und jede Menge Details in den Dialogen zu verstecken, die wichtig sind für das Verständnis eines solchen Films. Da braucht es ein klar strukturiertes Drehbuch, das Aussieben von unnötigem Ballast, der sonst die Geschichte zum Stocken bringt. Ist nicht leicht, so ein Schritt. Ist auch durchaus schwierig, wenn die literarische Vorlage einfach mehr Seiten hat, um alles erzählen zu können als ein Film Minuten und Stunden. Das ist bei Das Letzte, was er wollte scheinbar nicht passiert. Das letzte, was ich wohl gewollt hätte, wäre gewesen, diesen Streifen zu sehen. Aber was weiß man im Vorhinein? Nichts Genaues – so wie der Film nichts Genaues zum Besten gibt.

Das Letzte, was er wollte

A Private War

DEN BLICK DORTHIN, WO´S WEHTUT

6/10

 

privatewar© 2018 Ascot Elite

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: MATTHEW HEINEMAN

CAST: ROSAMUNDE PIKE, JAMIE DORNAN, STANLEY TUCCI, TOM HOLLANDER, GREG WISE U. A.

 

Einem Schulkollegen aus der gymnasialen Unterstufe bin ich vor Jahren zufällig mal auf Facebook begegnet. Beeindruckt hat mich, was aus ihm geworden ist – nämlich Journalist. Das wäre auch für mich eine Alternative gewesen, und zumindest als Blogger kann ich gegenwärtig der Freude am Schreiben ein bisschen nachgehen. Was aber besagter Kollege aus seiner Profession letzten Endes gemacht hat, das würde ich nie tun, schon allein aus einer gewissen Grundverantwortung heraus: mich beruflich in Gefahr begeben. Den Schreibtisch hat der Ex-Kollege schon mal gegen Schussweste und Helm getauscht, zum Beispiel auf seinen Recherchen nach Afghanistan. Sichere Wege sind das keine mehr, aber den Blick dorthin zu richten, wo es weh tut, das machen nur wenige. Wie sonst könnte man erfahren, was in Regionen wie diesen alles abgeht. Unerfreuliches, Bitteres, humanitär höchst Bedenkliches. Das wird, da man nur einer oder eine von wenigen ist, zu einer Berufung, zu einer ganz anderen Verantwortung, der man sich schwer entziehen kann, die sich schon fast damit vergleichen lässt, auserwählt zu sein. Mit so einem Umstand musste zum Beispiel die amerikanische Journalistin Marie Colvin klarkommen. Und die hat, was Krieg und Krisen betrifft, wirklich keine halben Sachen gemacht. Hat dabei sogar ein Auge verloren. Und ist auch sonst wie dem Tode entkommen, bist dieser dann doch zugeschlagen hat, im syrischen Homs, so geschehen im Februar des Jahres 2012.

Für die Lebens- und Leidensgeschichte dieser Reporterin ohne Grenzen hat sich Rosamunde Pike verpflichten lassen. Und sie entfesselt diesen diffizilen Charakter mit einer grimmigen Hartnäckigkeit, die preisverdächtig erscheint. Pike war schon immer für alle Rollen zu haben, doch meist waren es solche, die sich nicht so einfach auf einen Nenner bringen lassen, die gerne eine dunkelgraue Seite haben, die anecken und provozieren. Provokant ist ihre Marie Colvin in jedem Fall, denn das Bild, dass sie zeichnet, ist weder das einer furchtlosen Heldin, die den Adrenalinkick zum Eigennutz braucht, noch das einer schillernden Ikone des Kriegsjournalismus. Es ist die Studie einer Psyche mit massiver posttraumatischer Belastungsstörung, und viel weniger die Sucht nach dem Kick, den manchen Kriegsreportern nachgesagt wird. Regisseur Matthew Heineman differenziert die Stereotype einer manisch-selbstlosen Reporterin, die vielleicht nur auf den ersten Blick so wirkt, als wäre sie eine todesverachtende, fast schon mythologische Heldin, die in den Tartaros menschengemachter Zwistigkeiten eindringt. Auf den zweiten Blick ist Colvin eine ruinierte Seele, die ohne den Level der Anspannung in sich zusammensackt, die ein normales Leben nie wieder führen kann, die sich mit Haut und Haaren einer Wahrheitsfindung geopfert hat, die wir in den täglichen News konsumieren, nichts oder nur peripher ahnend, was dahintersteckt. In A Private War, wie der Titel schon sagt, blicken wir hinter und unter die Trümmer nicht nur ganzer Minderheiten, sondern auch eines Individuums, das seinen ganz privaten, inneren Krieg führt. Das ist etwas, was dem Film gelingt, wenngleich er aufgrund seines Fokus auf Rosamunde Pike das dramaturgische Grundgerüst etwas vernachlässigt. Was heissen soll, dass Marie Colvins letzte Lebensjahre wie von ihr besuchte Niemandsländer aneinandergereiht sind. Diese fragmentarische Erzählweise kann man machen, wenn man es kann. Heineman verlässt sich zu sehr auf seine Hauptdarstellerin, worauf man sich prinzipiell auch problemlos verlassen könnte. Nur ist der Unterbau unterkühltes Sückwerk ohne Raffinesse. Die Bilder aber, die sprechen für sich, und es ist ein besonderer Kniff dabei, A Private War mit demselben Bild beginnen und enden zu lassen: Mit dem Blick dorthin, wo nichts mehr wehtut, weil alles vernichtet ist.

A Private War