I Am Greta

AM FREITAG IST ALLES GANZ ANDERS

6/10

greta© 2020 Filmwelt Verleihagentur

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, USA, GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE & KAMERA: NATHAN GROSSMANN

MIT: GRETA THUNBERG

LÄNGE: 1 STD 37 MIN

Was haben Forrest Gump und Aktivistin Greta Thunberg eigentlich gemeinsam? Sie haben ein Projekt, das sie durchziehen, frei nach dem Motto: Move your ass, your mind will follow. Forrest Gump hat irgendwann zu laufen begonnen, Greta hat sich irgendwann vor das schwedische Parlament gesetzt. Beide sind Einzelgänger, und beide hatten irgendwann die Medien auf ihrer Seite. Dank dieser meinungsmachenden Institution hatten gab’s bald unzählige Anhänger, die entweder mitgelaufen sind, weil sie den Run von Forrest Gump für ein höheres Ziel hielten – oder mitstreiken wollten, weil sie auch das für ein höheres Ziel hielten – was es ja im Gegensatz zu Forrest Gumps Dauerlauf auch war. Hatte Greta Thunberg das beabsichtigt? Oder ist ihr das Ganze passiert? War es vielleicht in erster Linie die Idee von Gretas Papa?

Das dokumentarische Portrait einer Öko-Ikone von Dokufilmer Nathan Grossmann beginnt mit der Stunde Null, aus allen erdenklichen Perspektiven gefilmt. Rein zufällig wird Grossmann nicht vor dem Parlament auf und ab spaziert sein, um darauf zu warten, die Story schlechthin zu ergattern. Gretas Projekt „Friday for Future“ war also nichts spontanes, sondern etwas sorgfältig geplantes, durchbesprochenes – ein durchgetaktetes Medienereignis, natürlich für einen guten Zweck. Oder war alles ganz anders, war vielleicht Grossmann doch rein zufällig dort? Spannend, was sich in die Doku I am Greta alles hineininterpretieren lässt oder welche Gedanken man dabei verfolgt. Grossmann hat das Mädchen also ein Jahr lang überallhin begleitet. gefilmt, wo noch nicht gefilmt wurde und dazu gefilmt, wo längst die Kameras anderer Reporter glühten. Viel Persönliches zeigt er daher nicht. Was wir sehen, ist ein zusammenmontiertes Portrait aus öffentlichen und privaten Aufnahmen. Greta spricht, Greta schweigt, Greta sucht ihren Ausgleich im Tänzeln und Herumhüpfen. Ist mal in sich gekehrt, dann wieder vergnügt. Lässt negative Feedbacks aus den sozialen Medien aber unkommentiert.

Nichtsdestotrotz ist I am Greta eine nicht wenig faszinierende und nicht zwingend zum Vorteil für Gretas Jünger konzipierte, erhellende Betrachtung auf ein menschliches Phänomen. Ironisch, wenn Greta Wasser predigt und die Gefolgschaft Wein trinkt. Wenn es nicht um Selfies geht, und alle anderen auf ein Selfie mit ihr wollen. Es scheint, als wäre Gretas manischer Wille, das Klimafehlkonstrukt umzureißen, ein Perlenwerfen vor die Säue. Ihre verbale, verkniffene Wut vor all den Politbonzen sind ihre besten Momente. Nur schade, dass diese bei vielen Mächtigen maximal eine gewisse belustigende Faszination vor dem Ungewöhnlichen hervorruft. Denn das ist sie auf jeden Fall, unsere Greta Thunberg: ungewöhnlich. Klug obendrein, keine Frage. Eine Musterschülerin, die sich Auszeiten vor der Schulbank leisten kann. Was mich aber am Ende des Portraits weiterhin und noch mehr faszinieren würde, wäre so manch eine Stimme aus dem Off. Zum Beispiel mehr Wortspenden vom Vater, von der Mutter. Vielleicht gar aus Gretas Schule? Welche Mechanismen wohl hinter all diesem Foght fürs Klima stecken mochten. So gesehen bleibt I am Greta zwar ein runder Abschluss ihres Aktivistenjahres, ein Resümee ihrer öffentlichen Person und ein werbewirksamer Abspann. Mehr aber nicht. Und gerade dieses „Mehr“ würde mir noch fehlen.

I Am Greta

Der Moment der Wahrheit

EIN KNÜLLER UM JEDEN PREIS

7,5/10

 

momentderwahrheit© 2015 SquareOne/Universum Film

 

LAND: USA, AUSTRALIEN 2015

REGIE: JAMES VANDERBILT

CAST: CATE BLANCHETT, ROBERT REDFORD, STACY KEACH, DENNIS QUAID, TOPHER GRACE, BRUCE GREENWOOD U. A.

 

Was ist Wahrheit? Das hat schon vor mehr als 2000 Jahren ein römischer Statthalter gefragt. Und das fragen sich Journalisten seit Anbeginn ihrer Zunft: Wem oder was genau jage ich nach? Die Wahrheit – das ist etwas, das ans Licht kommen muss, wie auch immer. Der Nazarener ist die Antwort auf die Frage schuldig geblieben. Jene, die gegenwärtig für Aufklärung unter uns Otto Normalverbrauchern sorgen, bemühen sich aber, sie zu beantworten. Und beschaffen sich diese mit teils unlauteren Mitteln, verheimlichen Quellen, um diese zu schützen. Kommen dann mit der Wahrheit ans Licht, wenn die Umstände es verlangen. Jüngstes Beispiel: Ibiza. Die Art und Weise, wie Gesagtes in kürzester Zeit zum meinungspolitischen Zitatenschatz wurde, ist selbstredend eine zweifelhafte. Wenn aber das prognostizierte öffentliche Interesse größer ist als das Vergehen bei der Wahl der Mittel, tritt letzteres in den Hintergrund. Vorausgesetzt, das, was diese Mittel ans Tageslicht befördern, ist authentisch genug, um keine Zweifel an der Wahrheit zu schüren. Das scheint den Pseudo-Oligarchen wohl gelungen zu sein, denn jene Medien, die Mitte Mai die Bombe haben platzen lassen, konnten sich, nach sorgfältiger Prüfung, auch beruhigt zurücklehnen, um die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Anderen wiederum war das heiße Eisen wohl zu heiß. Nicht dass sie es nicht angepackt hätten. Doch heißes Eisen kühlt rasch aus, brennt in der Hand, hinterlässt Wunden. Zu früh fallengelassen ist jedenfalls nicht probiert. Allerdings aber auch nicht zu Ende gedacht.

Diese anderen, das waren die Journalistinnen und Journalisten einer renommierten Nachrichtensendung bei CBS. Für die investigative Reporterin Mary Mapes, die mit ihrem Bericht über die Foltermethoden im irakischen Gefängnis Abu Grab 2004 für Aufsehen sorgte, nahmen mutmaßliche Hinweise schön langsam Gestalt an. Und: sie könnten Einfluss haben auf die bevorstehende Wiederwahl von Präsident Goerge W. Bush. Diese Hinweise deuten an, dass der politisch stets mit der Tür ins Haus fallende Texaner Anfang der 70er Jahre gezielt vom Militäreinsatz in Vietnam abgezogen wurde. Besser noch – Bush wurde der Nationalgarde unterstellt, unter Protektion wohlgemerkt. Konsequentes Nichtwahrnehmen seiner Pflicht wurde unter den Teppich gekehrt. einer wie Bush, der musste, wie es aussieht, schon damals so gut wie gar nichts. Die Frage: stimmt das? Ist das die Wahrheit? Zwei Memos belegen das – sofern sie echt sind. Eigentlich egal, raus damit, wenn die Quellen sich schon sicher sind, was braucht es da noch für Überprüfungen. Ein fahrlässiger Fehler, wie sich bald herausstellen wird. Und ein Skandal, der plötzlich weite Kreise zieht, sogar alteingesessene Hasen wie Dan Rather (eine Art US-Armin Wolf) mit sich reißt und die berufliche Existenz so mancher gutmeinender Journalisten zerstört.

Der Moment der Wahrheit ist mit Robert Redford, Cate Blanchett und „Mike Hammer“ Stacy Keach schon mal prominent besetzt. James Vanderbilt hat ein Journalismus- und Mediendrama inszeniert, dass die Qualitäten eines Adam McKay erreicht. Wohl überlegt, nicht überhastet und geduldig rollt der Film eine Chronik der Tatsachen auf, die zwar jedweden Sarkasmus vermissen lassen, aber mit den Fakten alleine schon, und wenn sie auch noch so detailliert in die dramatisierte Version eines Skandals gestreut sind, zu fesseln weiß. Mag es nur ein hochgestelltes th sein, über das sich kritische Stimmen äußern. Mag es nur die Möglichkeit sein, die im Raum steht, dass besagte Beweislast politisch schöngefärbt ist – in diesem klugen Drama bekommt der Ehrenkodex des Journalismus fundamentzerstörerische Risse. Was darf man, was soll man, und wofür – stellt sich die Frage. Schlampigkeit ist fehl am Platz, Meinungsmache auch – und politische Mission sowieso. Aber wo ist die Grenze gezogen? Was ist richtig und was falsch? Zurückkommend auf Ibiza: in einem Moment der polemischen Euphorie bezeichnet unser Ex-Vizekanzler „Journalisten als die größten Huren unseres Planeten“. Mary Mapes und ihr Team wurden ähnlich beschimpft. In Der Moment der Wahrheit ist die Suche nah selbiger das Ziehen der Arschkarte, ist der Übereifer, dem Rest der Welt keine Tatsachen schuldig zu bleiben, das anscheinend Niederträchtigste, was es gibt. Allerdings – der Wille zum nächsten Knüller trägt die rosarote Brille des medialen Jagdinstinkts. Vanderbilt erzählt anhand dieses Beispiels von schwerwiegenden Fehlern, Gesichtsverlust und dem Ringen um Anstand. Blanchett gibt die verzweifelte, leidenschaftliche und unter Hochspannung stehende Reporterin gewohnt glaubwürdig, Redford an ihrer Seite gibt den letzten Schliff. In brisanten Zeiten wie diesen, wo Beeinflussung, (Neu)wahlkampf und politische Grabenkämpfe alles sind, ist die moralische Frage des journalistischen Auftrags dringender denn je. Dieser Film stellt sie, ohne Antworten finden zu wollen. Ohne ein Resümee zu ziehen. Dieses bleibt nämlich uns Sehern – und Wählern überlassen.

Der Moment der Wahrheit

3 Tage in Quiberon

SCHICKSALSJAHRE EINER SCHAUSPIELERIN

7/10

 

quiberon© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, ÖSTERREICH 2018

REGIE: EMILY ATEF

CAST: MARIE BÄUMER, BIRGIT MINICHMAYR, ROBERT GWISDEK, CHARLIE HÜBNER, VICKY KRIEPS, DENIS LAVANT U. A.

 

Sissi, Sissi, Sissi – jede Erwähnung des Namens ist wie ein Stich ins Herz. Romy Schneider´s Nemesis ist eine kindliche Kaiserin im Dirndl, verspielt und lausbübisch, Karlheinz Böhm an den Hals werfend und mit des Kaisers Mutter im Clinch. Angehimmelt von Josef Meinrad und händeringend zur Etikette angehalten von Mama Magda. Wer hätte das gedacht, dass Ernst Marischka´s Trilogie so nachhaltig traumatisieren kann. Dabei sind diese Filme handwerklich perfekt – über den Inhalt lässt sich sicher streiten, aber wenn Kitsch gut gemacht sein will, dann ist Sissi I – III wohl die ideale Vorlage für das autodidaktische Erlernen von romantischer Verklärung ganz anderer Wahrheiten. Sissi war für Romy Schneider sowas wie eine lästige Kinderkrankheit, der Inbegriff einer womöglich völlig zerrütteten Familiensituation. Der Name für ein Schicksal, welches man als Kinderstar wohl meistens aussitzen muss – und das nicht ohne Zuhilfenahme bewusstseinsverändernder Substanzen, die den Selbstwert pushen sollen. Und die das eigene Selbstmitleid tief ins Jammertal hineinführen.

Aus dem Jammertal kommt die in Frankreich wahren Ruhm erlangende Filmgöttin dann auch Zeit ihres Lebens nicht mehr heraus. Die Flucht in andere Identitäten bestimmt ihr Dasein, vom Mädchen in Uniform bis hin zu ihrem letzten Spaziergang in Sans Souci, alles Rollen, in denen Romy Schneider jede Faser ihres Daseins legt legt als ginge es darum, sich selbst rechtfertigen zu müssen. Teils enervierend hysterisch, teils fürchterlich leidend. Dazwischen die nicht viel andere Realität: Liebeskummer wohin man blickt, die Trennung von Alain Delon, der Selbstmord von Harry Meyen. Ertragen kann die bildschöne, von der Märchenkaiserin nun völlig abgenabelte Extravaganz in Person das alles nur mit Alkohol und Medikamenten. Die Hilfe von außen grenzt fast schon an Bemutterung. Alleine lassen kann man die Diva wohl niemals mehr wirklich lange. Davon kann Busenfreundin Hilde Fritsch einiges erzählen. Anfang der 80er besucht sie die auf Kur befindliche Drama-Queen im Küstenstädtchen Quiberon, um zufällig einem Interview mit dem Magazin Stern beizuwohnen, das im Laufe von drei Tagen – na sagen wir zwei, weil der dritte Tag beinhaltet nur mehr die Abreise – ordentlich ans Eingemachte geht. Allerdings auch, weil Romy Schneider hier ganz bewusst ihr Innerstes nach außen kehrt und einen Seelenstriptease hinlegt, den Journalist Michael Jürgs mit Handkuss entgegennimmt. Der Gossip-Schreiberling ist anfangs ein stoischer Unsympathler, undurchschaubar und von arrogantem Understatement. Ihm zur Seite ein alter Bekannter Schneiders, der Fotograf Robert Lebeck, der den Filmstar anhimmelt wie kein Zweiter. Freundin Hilde, gespielt von Burgschauspielerin Birgit Minichmayr, kann nicht glauben, was sie hört und sieht, wirkt reichlich genervt ob dieses Schwelgen in einem Elend, das an Selbstinszenierung grenzt und jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht, was scheinbar auch gewollt ist, denn geliebt will sie ja werden, die Romy Schneider. Und gleichzeitig in Ruhe gelassen, womit sie wiederum noch mehr im Mittelpunkt steht als ihr lieb ist.

EINE ART BIOGRAPHISCHES KINO

Schauspielerin Marie Bäumer schafft es unter der Regie von Emily Atef tatsächlich, zur großen, abgestürzten, vergangenen Ikone zu werden. Um nicht zu sagen – Marie Bäumer ist Romy Schneider und führt von nun an die Benchmark an, wenn es darum geht, Romy Schneider zu verkörpern. Kolleginnen wie Jessica Schwarz oder Yvonne Catterfeld können das Feld räumen, da bleibt im Nachhinein nur das glänzende Schauspiel in weichgradigem Schwarzweiß in Erinnerung. Die Mimik, das Lachen, selbst die mit dezentem österreichischem Dialekt gefärbte Sprache Schneiders weiß Bäumer authentisch zu interpretieren. Da ist sie mindestens so kraftvoll und faszinierend wie Michelle Williams es einst war, in der biographischen Episode My Week with Marilyn als blonder Engel mit nicht weniger labiler Seele. 3 Tage in Quiberon sieht zumindest nach harter, aber längst nicht vertaner Schauspielarbeit aus, andauernd zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt hin und her zu rotieren, um dann wieder gelähmt vor lauter Weltschmerz verkatert im Bett dahinzuvegetieren. Doch die Würde, die nimmt sie ihrer darzustellenden Figur kein einziges Mal. Atef ist auf Romy Schneider´s Seite, auch wenn sie sie bemitleidet, auch wenn sie sie als kranken Menschen betrachtet, der verlernt hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das Packen an eigenem Schopf und das Rausziehen aus dem Sumpf des Selbstmitleids ist ein abgefahrener Zug, eine Chance, die maximal durch die Auszeit von Film und Medien wieder geradegebogen hätte werden können. Romy Schneider will aber weitedrehen, sammelt sich wieder, strauchelt wieder – dabei steht ihr zu dieser Zeit, an dem das Stern-Interview und die legendären Fotos stattgefunden haben, ihr größter und vernichtender Schicksalsschlag noch bevor – der tragische Tod ihres Sohnes David.

3 Tage in Quiberon ist eine Art biographisches Kino, das so am besten funktioniert. Durch das Fokussieren eines öffentlichen Lebens auf einen Augenaufschlag lassen sich Persönlichkeiten grandios skizzieren. Da muss kein Filemacher eine ganze Curriculum vitae herunterspulen, die irgendwann ermüdet und sich auf keinen greifbaren Moment einlassen kann. Da reicht der Blick eines Zeitgenossen auf den begehrten Charakter, da reicht das Interagieren der Außenwelt mit dem Faszinosum im Elfenbeinturm für eine kurze Zeitspanne, um viel mehr zu erzählen als bei einem filmischen Nachruf. Atef gelingt, genauso wie Anton Corbijns gelungenem Künstlerfilm Life über die Begegnung eines Fotografen mit James Dean (großartig gespielt: Dane DeHaan), eine subjektive, kunstvolle Annäherung an eine abgründig anmutige Künstlerin, die Nähe verlangt und gleichzeitig unmöglich macht.

3 Tage in Quiberon

Thank you for Bombing

REPORTER DES SATANS

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thankyoubombing

Sorry gleich vorweg – aber die Wahl des einleitenden Titels für meine Rezension zu Barbara Eders eben erst mit Filmpreisen überhäuften Episodenfilm muss auf die schon recht abgedroschene, aber unglaublich passende Floskel aus Billy Wilders Filmklassiker fallen. Nicht anders, und wenn, dann nur mit viel mehr Worten kann der für österreichische Verhältnisse relativ untypische Film beschrieben werden. Dabei ist es nur positiv zu bewerten, dass es FilmemacherInnen gibt, die sich an Genres heranwagen, für die unser kleines Land nicht gerade bekannt ist.

Der bittere, enorm zynische Reigen rund um das Geschäft der Kriegsreportage beginnt wie ein Fiebertraum von Friedrich Orter und endet mit konsequenter Radikalität, die an David Fincher´s Fight Club erinnert. Mit Thank you for Bombing ist Barbara Eder tatsächlich etwas Bemerkenswertes gelungen, so verstörend die einzelnen Episoden auch sein mögen. Oder vielleicht sogar deswegen. Wenn Erwin Steinhauer, wohl einer der besten Schauspieler unseres Landes, am Wiener Flughafen am Rande eines Nervenzusammenbruchs wandelt, vermutet der Zuseher bisweilen immer noch gediegenes, aber eher zaghaftes Thrillerkino mit Suspense-Faktor, um schon bei der nächsten Episode, die dann bereits in Afghanistan spielt, den gnadenlosen Sarkasmus Eders auf voller Breitseite abzubekommen. Hier erleben wir den brillanten, wenn auch beklemmend unangenehmen Höhepunkt des Filmes, der an Brutalität und galligem Spott kaum zu überbieten ist. Die Episode über obsessivem Ehrgeiz, Geltungsdrang und Erfolgssucht ist knochenharte Satire und ausgefeiltes dramaturgisches Theater, die den Qualitäten eines Quentin Tarantino um nichts nachsteht. Dicht genug, um zu packen, erstaunlich entlarvend und den Kern der Aussage auf den Punkt gebracht. Allerdings würden jetzt wohl sensiblere Gemüter dann doch lieber den Film wechseln. Doch dranbleiben lohnt sich – das bizarre Finale ist wieder eine Klasse für sich, irgendwo zwischen Breaking Bad und dem südamerikanischen, ebenfalls in Episoden gegliederten Film Wild Tales. Die Groteske spitzt sich zu, verläuft in der Wüste und treibt das Zerrbild des isolierten, mit sich selbst und seinen Albträumen kämpfenden, nach Gefahr lechzenden Medienhelden an die Spitze. Bereit, ihr Leben zu geben. Sich selbst nur in Ausnahmesituationen zu spüren, das eigene Seelenheil im Leiden der anderen zu finden – damit beendet Barbara Eder ihr Requiem auf den inszenierten Krieg im Fernsehen, verstärkt durch einen Knalleffekt, der alle drei Stories letzten Endes doch noch auf einen Nenner bringt. Das Grauen senkt sich über Kabul, und das Fernsehen hat Top-Quoten.

Thank you for Bombing taucht seine Geschichten in scheinbar postapokalyptische, kühle, faszinierende Bilder und findet für seine narzisstischen, paranoiden und obsessiven Protagonisten die ideale Besetzung. Tatsächlich wurde der Film teilweise in Afghanistan gedreht, die Szenen in der Wüste stammen aus Jordanien. Beides gemeinsam verleiht dem ganzen erschreckende Authentizität, in welcher sich die Absurdität der Lust am Krieg umso beklemmender visualisiert.

Das Antikriegs- und Mediendrama ist gleichermaßen ein vernichtendes Pamphlet gegen Sensationsjournalismus, Gier und notwendige Gewalt, der als Zweck die Mittel heiligt. In Thank you for Bombing ist gar nichts mehr heilig. Barbara Eder lädt ein zu einer Radikalkur, die unangenehm nachhallt, aber gezielt ins Schwarze trifft. Wieviel Wahrheitsgehalt hinter ihrer polemischen Reportage steckt, lässt sich nur vermuten – großes, konzentriertes Kino auf internationalem Niveau ist es aber allemal. Spannend, aufrichtig und gemein wie ein böser Scherz.

Thank you for Bombing