Im Labyrinth des Schweigens

DAS BÖSE ZUR RECHENSCHAFT ZIEHEN

6/10


labyrinthdesschweigens© 2014 Universal Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2014

REGIE: GIULIO RICCIARELLI

CAST: ALEXANDER FEHLING, GERT VOSS, JOHANNES KRISCH, ANDRÉ SZYMANSKI, JOHANN VON BÜLOW, ROBERT HUNGER-BÜHLER, LUKAS MIKO, FRIEDERIKE BECHT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Was habe ich nicht die schauspielerischen Spitzen dieses großartigen Künstlers auf den Brettern des Wiener Burgtheaters genossen! Egal, ob Thomas Bernhard oder Samuel Beckett – mit seiner sonoren Stimme und seinem Charisma war Gert Voss immer ein Erlebnis. 1995 gar von der Times als bester Schauspieler Europas genannt, verstarb dieser mit nur 72 Jahren – sein letzter Auftritt lässt sich im Holocaust-Aufarbeitungsdrama Im Labyrinth des Schweigens bewundern, in welchem er den legendären Eichmann-Jäger Fritz Bauer verkörpert. Voss hat seine Version des Staatsmannes ganz anders angelegt als dies ein Jahr später Burghart Klaußner in Der Staat gegen Fritz Bauer getan hat. Die zerzauste weiße Haarpracht, kettenrauchend und im Verhalten recht sperrig – zumindest optisch weiß Klaußner die historische Persönlichkeit schillernder und naturgetreuer zu verkörpern. Voss ist da womöglich bereits von seiner Krankheit gezeichnet, bleibt lieber er selbst als jemand anderer, erreicht aber immer noch Größe. Allein dafür wäre dieser Film schon sehenswert. Und natürlich kann ein Film nicht nicht ansehenswert sein mit einer Thematik wie dieser, geht’s doch um so etwas menschenrechtlich relevantes wie die in Frankfurt stattgefunden Auschwitz-Prozesse. Der Film beleuchtet, wie es dazu eigentlich gekommen war.

Im Mittelpunkt dieses in seinen Fakten tatsächlichen Geschehens steht allerdings eine fiktive Figur, die im Grunde die drei wirklichen Anwälte zusammenfassend darstellt: Alexander Fehling gibt den jungen Anwalt Johann Radmann, der sich erstmal nur mit juristischem Pipifax auseinandersetzen muss – Bezirksgericht auf langweilig. Bis ihm allerdings die Aussage eines Holocaust-Überlebenden namens Kirsch in die Hände fällt (gewohnt intensiv: Johannes Krisch), der dann folglich vieles ins Rollen bringt, in erster Linie aber ganz viel Papierkram und Organisatorisches. Ziel ist es schließlich, so viele Zeitzeugen wie möglich zur Aussage zu bewegen, um damit so gut wie alle Nazis, die in Auschwitz stationiert waren, des Mordes oder zumindest der Beihilfe dessen zu verurteilen. Fritz Bauer ist da als Generalstaatsanwalt ganz vorne mit dabei (in eingangs erwähntem Film von Lars Kraume sieht man ganz genau, auf welchen Widerstand aus den eigenen Reihen er damals gestoßen war). Im Laufe seiner Arbeit allerdings verbeißt sich Radmann auf eine ganz bestimmte Person – nämlich jene des nach Brasilien geflüchteten KZ-Arztes Josef Mengele, dem Inbegriff unmenschlicher Scheußlichkeiten.

Im Labyrinth des Schweigens ist konventionelles, polithistorisches Erzählkino, notwendigerweise chronologisch aufgebaut und vermengt mit den Versatzstücken eines pseudobiographischen Begleitdramas rund um Fehlings Filmfigur. Geschichtsdramen wie diese brauchen einen gefälligen, dramaturgischen Unterbau, schon allein deshalb, um eine Identifikationsfigur auf Augenhöhe zu schaffen. Hier, im Frankfurt der späten 50er Jahre, kauert der Faschismus hinter den Masken jener, die es sich gerichtet haben. In einer Szene verfällt Anwalt Radmann geradezu in verzweifelte Panik, weil er plötzlich in allen und jeden einen heimlichen Nazi zu erkennen glaubt. Dieser braune Dunst wabert über dem Retro-Interieur privater Wohnungen und Büros – ein schwelender Zustand, den Regisseur Giulio Ricciarelli relativ gut einzufangen weiß.

Ganz besonders begrüßenswert ist aber vielmehr die Art und Weise, wie der Film mit den schrecklichen Details umgeht, die weder breitgetreten noch als sentimentales Betroffenheitskino demonstrativ eingesetzt werden. Über die erzählenden Gesichter unterschiedlichster Art legt er den Mantel des Schweigens, nur ab und zu werden so manch erschütternde Erinnerungen artikuliert, und der ganze schreckliche Rest lässt sich in den eigenen Gedanken sowieso nacherleben – wenn man es zulassen kann und will. Durch diese pietätvolle Balance findet Im Labyrinth des Schweigens nie sein Ziel aus den Augen. Was bleibt, ist wichtiges Kino, allerdings nach bewährtem Muster, das durch seine prosaische Norm zwar interessant ist, aber nie wirklich emotional vereinnahmt. Dass dann tatsächlich so jemand wie Mengele bis in die 70er Jahre hinein unbehelligt weiterleben konnte, macht einem zumindest klar, wie sehr man in Sachen Gerechtigkeit damals wie heute gegen Windmühlen kämpft.

Im Labyrinth des Schweigens

Persischstunden

DAS WUNDER DER SPRACHE

7/10


Persischstunden© 2020 Alamode Film

LAND: DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2019

REGIE: VADIM PERELMAN

CAST: NAHUEL PÉREZ BISCAYART, LARS EIDINGER, JONAS NAY, LEONIE BENESCH, NICO EHRENTEIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Kann man nicht erfinden – oder doch? Wenn es ums nackte Überleben geht, lässt sich fast alles bewerkstelligen. Es lassen sich ganze Schwachturniere im Kopf gewinnen, wie wir seit Stefan Zweigs Novelle wissen. Es lässt sich auf Ressourcen zurückgreifen, die sich im alltäglichen Normalzustand gar nicht vermuten lassen. Zum Beispiel auch so zu tun, als beherrsche man eine Fremdsprache. Diese Täuschung findet Verwendung, und zwar in einem Nazi-Lager in Frankreich des Jahres 1942, in welchem Sturmbandführer Koch – Nomen es Omen – davon schwärmt, nach dem Krieg nach Teheran auszuwandern, um dort ein Restaurant zu eröffnen. Da kommt ihm ein eingefangener Perser ganz gelegen, denn der könnte ihm Farsi lehren. Durch Zufall gerät der französische Jude Gilles in Besitz eines persischen Märchenbuchs – und gibt sich, nichts ahnend, wie sehr er damit die eigene Haut rettet, als Perser aus. Eine Tarnung, die sehr leicht auffliegen könnte. Nur Perser, die sind außerhalb des Iran und ihrer Kolonialmacht Großbritannien rar gesät. Somit hat niemand eine Ahnung von Farsi, selbst Gilles nicht. Der sich aber bald um Kopf und Kragen redet, wenn es darum geht, seine ganz eigene Sprache des Überlebens zu erfinden.

2003 ließ Vadim Perelman Jennifer Connelly und Ben Kingsley in der Tragödie Haus aus Sand und Nebel aneinander krachen. Diesmal stellt er ein ganz anderes, ungleich kurioseres Zweiergespann in den Mittelpunkt seiner Weltkriegs-Erzählung. Charaktermime Lars Eidinger (gewohnt nuanciert und voll bei der Sache) als impulsiver NS-Offizier auf der einen Seite, der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart als Jude inkognito auf der anderen. Ein Zwei-Personenstück, wenn man so will, mit einigen nebensächlichen Ausreißern, die für diese Geschichte gar nicht notwendig gewesen wären, wie zum Beispiel jene Episode der beiden Lageraufseherinnen Melanie und Elsa. Um das tragische Ausmaß der Situation natürlich greifbar zu machen, verzichtet Perelman auch nicht ganz darauf, das Verbrechen an den Juden zu dokumentieren – allerdings hält er sich, so wie damals schon Stefan Ruzowitzky in Die Fälscher, mit reißerischem Grauen mehr oder weniger zurück, und lenkt damit auch nicht von dem eigentlichen Impact der unglaublichen Begebenheiten ab, die sich in Wortgestalt einer völlig neu erfundenen Sprache Bahn brechen. Natürlich, Eidingers Figur zweifelt, will sich nicht verführen lassen, hängt seinen Träumen nach, ist mit Sicherheit kein durch und durch verdorbener Charakter, kein überzeichneter Hans Landa, sondern ein Opportunist auf Zeit, der ganz andere Pläne hat als das Deutsche Reich für ihn vorsieht. Gilles setzt alles auf eine Karte, ist anfangs ein verschreckter, panisch um sein Leben ringender Gefangener, der zusehends merkt, wie sehr er die Willkür seines Peinigers eigentlich parieren kann, und welche Macht er eigentlich über ihn hat.

Angeblich beruht diese Episode auf wahren Begebenheiten, jedoch: sicher ist das nicht. Zugrunde liegt eine Erzählung von Michael Kohlhaase, die natürlich genügend Potenzial vergibt für ein Drama, das sich über ein ausreichend dokumentiertes, reines Zeitbild hinwegsetzt und stattdessen ein zeitloses Gleichnis zitiert, dass über Opferrollen und die Kunst des Überlebens so Einiges zu sagen hat. Perelman macht daraus ein prosaisches Melodram um aus dem Stegreif erfundene Wörter, die ihre Wurzeln in den Namen der Ermordeten und Vertriebenen haben. Das ist zu komplex, zu konsistent und zu sinnbildlich, um tatsächlich so passiert sein zu können. Und auch wenn es nur erdacht ist – das Potenzial, mit Sprache ein Wunder zu vollbringen, und sei es auch nur für einen selbst und um das Böse hinters Licht zu führen, liegt dem Menschen zugrunde.

Persischstunden

Jojo Rabbit

VOM KRIEG DER KINDER

8,5/10

 

jojorabbit© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: ROMAN GRIFFIN DAVIS, TAIKA WAITITI, THOMASIN MCKENZIE, SCARLETT JOHANSSON, SAM ROCKWELL, REBEL WILSON, ALFIE ALLEN, STEPHEN MERCHANT U. A. 

 

Niemals sollte man sein inneres Kind aus den Augen verlieren. Niemals vergessen, wie es ist, Dingen im Leben mit einer verspielten Neugier zu begegnen. So, als wäre man ein Pionier für eine Sache, die zwar durchaus schon längst bekannt ist, aber so noch nicht gesehen worden ist. Mit unbedarftem Blick. Taika Waititi ist so ein Mensch, ein Künstler, der sich formelhafter Herangehensweisen an eine Sache entzieht. Der diese vielleicht kennt, und weiß, wie es andere bislang gemacht haben, dem das Bisher aber nicht sonderlich gefällt, und sich daher auf eine Augenhöhe begibt, die noch niemand eingenommen hat. Seine Augenhöhe ist die des zehnjährigen Johannes, genannt Jojo. Wir sind irgendwo in Deutschland, in einer Kleinstadt, nicht weit vor Ende des Zweiten Weltkriegs, wo Jungen und Mädchen zur Hitlerjugend müssen und das jüdische Volk längst schon in den KZs vor sich hinstirbt. Jojo himmelt Hitler an, dieser ist sein Idol, und das geht sogar so weit, dass der Führer zu einem imaginären Freund wird, der den blonden Buben stets begleitet und mit rollendem R und kantiger Aussprache Ratschläge fürs arische Leben erteilt. Wäre da nicht seine Mutter, die, was natürlich vorerst niemand ahnt, im Haus ein jüdisches Mädchen versteckt. Was Hitler ganz und gar nicht unter die schnauzbärtige Nase geht. Und dem kleinen Jojo anfangs auch nicht. Aber warum eigentlich?

Ja, warum eigentlich, fragt sich Waititi und entlässt seinen kleinen (Anti)helden in den bizarren Alltag eines so irren wie wertevernichtenden Regimes, dass völlig aus der Luft gegriffene Schauermärchen über alles Andersartige kolportiert und mit kruden Schreckgespenstern vom eigenen Schrecken ablenkt. In diesem zerstörerischen Sog steckt also dieser Jojo, der sich einerseits vom Massenwahn mitziehen und begeistern lässt, wie sich Kinder eben begeistern lassen, und andererseits aber langsam anfängt, seine eigenen Wertvorstellungen anzuerkennen. Einem Kaninchen den Hals umdrehen? Geht nicht. Denn als Kind ist man immer noch Mensch, hat seine eigene Sicht der Dinge und wehe, man bleibt sich nicht selber treu. Waititi weiß das alles, er weiß, welche Fragen er stellen muss, und er weiß, worauf es in Zeiten wie damals hätte vermehrt ankommen sollen. Dass der verspielte Neuseeländer einen ganz eigenen Draht zum Kindsein hat, das wissen wir seit Wo die wilden Menschen jagen. Wobei er das Kindsein niemals idealisiert, niemals wirklich wie Grönemeyer all die Bengel an die Macht kommen lassen will, sondern sie dazu nötigt, in ihrem ach so jungen Alter ihr Tun selbst zu reflektieren.

Dass einem Thema wie diesem – die Nazizeit und all der Krieg – mit solch zerstreuter, verspielter Leichtigkeit begegnet werden kann, ist staunenswert und überraschenderweise kein bisschen irritierend. Jojo Rabbit ist bunt, aber niemals unbotmäßig schrill. Ist parodistisch wie es einst Chaplin in Der Große Diktator, aber niemals geschmacklos. In dieser Kindlichkeit liegt ein bitterer, erschreckender Ernst, der sich aber bewältigen lässt, weil er den Keim junger, humanistisch denkender Helden in sich trägt. Diese Dinge entdeckt man in diesem Film nicht ohne Gänsehaut. Nicht ohne einen Frosch im Hals. Aber mit unverhohlener Sympathie zu einem Ensemble, das ein gefühlt großes Vertrauen zu seinem Regisseur hat und sich in ein Szenario fallen lässt, dass es wert ist, durchzuleben. Roman Griffin Davis ist eine Entdeckung! Thomasin McKenzie fasziniert wiedermal genauso wie schon damals in Leave No Trace. Scarlett Johansson gelingt eine Gratwanderung zwischen Stummfilm-Performance und schönstem Bühnenzauber. Sam Rockwell wiederum hätte ich auch diesmal wieder für den Oscar nominiert, so seltsam hanswurstig und unbefangen verkörpert er seinen Hauptmann Klenzendorf.

Kindheitserinnerungen aus dem Krieg, die gibt es. Maikäfer flieg! zum Beispiel, von Christine Nöstlinger. Die Bücherdiebin. John Boormans Hope & Glory natürlich. Und nicht zuletzt die erschütternde Wahrheit hinter dem Tagebuch der Anne Frank. Waititi nutzt, ergänzend zu all diesen Erinnerungen, die fiktive Chance, in seiner berührenden, fabulierenden Tragikomödie durch die Welt- und spätere Weitsicht eines Jungen die verheerende Absurdität eines kranken Systems klar erkennbar werden zu lassen. Aber was viel wichtiger ist: er lässt die Kinder daraus lernen. Damit sich Fehler wie diese nicht nochmal wiederholen. Denn am Ende ist nichts schöner, als in Freiheit auf der Straße zu tanzen. Jojo Rabbit ist ein großartiger Film, ein rotzfreches Gloria, aufmüpfig, grundehrlich und bezaubernd. Und darf auch erhobenen Hauptes vor Wehmut und Erleichterung schluchzen.

Jojo Rabbit

Dolmetscher

OPFER, TÄTER UND IRGENDWAS DAZWISCHEN

5/10

 

dolmetscher© Barbora Jancárová/Titanic, InFilm, coop99

 

LAND: ÖSTERREICH, TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2018

REGIE: MARTIN ŠULÍK

MIT JIRÍ MENZEL, PETER SIMONISCHEK, ZUZANA MAURÉRY, ATTILA MOKOS U. A.

 

Irgendwann passiert es einfach. Und es lässt sich nicht verhindern. Die Opfer von früher treffen auf jene, die ihnen Böses wollten. Sind Opfer oder Täter von früher irgendwann nicht mehr, bleiben die Nachkommen. Doch auch als Filius eines Mörders ist ein solcher immer irgendwie noch jemand, der Schuld auf sich geladen haben muss. Und weiß man seine Eltern gemeuchelt im Massengrab unter der Erde liegend, prangt Opfer auf der Stirn des alten Waisen, der als Dolmetscher außer Dienst den Wohnsitz eben jenes Kriegsverbrechers heimzusuchen gedenkt, der das Leben von Mutter und Vater auf dem Gewissen hat. Der tschechische Filmemacher und Schauspieler JirÍ Menzel spielt diesen alten Herrn im Columbo-Gedächtnismantel und mit einem Profil, das frappant an Gunther Philipp zu seinen späten Kalauerzeiten erinnert, einzig die Ohrläppchen sind etwas kleiner. Da steht er also im Stiegenhaus eines Wiener Altbaus und läutet den völlig zerknitterten Georg Grabner aus dem vormittaglichen Müßiggang. Das hat erstmal nicht wirklich den gewünschten Effekt, den sich der alte Ali Ungar ausgemalt hätte, mit Schießeisen in der Manteltasche und den Memoiren von Papa Grabner im Koffer. Doch kommt Zeit, kommt Erkenntnis – und irgendwie finden sich die beiden plötzlich als Vertreter ihrer Past Generation im Auto wieder – quer durch die Slowakei, auf den Spuren politisch angeordneter Schwerverbrechen, auf aufklärerischen Pfaden, und auf der Suche nach dem Grab der Eltern – oder so ähnlich.

Denn irgendwie verzetteln sich die beiden. Gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten, sie sollten sich ruhig Zeit nehmen. Kauzige Roadmovies mit ernstem Hintergrund haben schon Potenzial. Aber das heißt leider nicht, dass sich Regisseur Martin Šulík ebenfalls verzetteln muss. Dolmetscher ist sowohl die Geschichte einer Freundschaft, aber auch ein Gräuel-Dokument mit dem Holzhammer. Dieses Aussöhnen der Nachkommen, dieses Abklären der nachhaltigen Verantwortung und der Sippenhaft – diese Thematik findet sich auch in Chris Kraus´ schräger, ganz anders aufbereiteten Dramödie Die Blumen von gestern wieder. Da wurden sogar Enkelin und Enkel nicht mit ihrer Familiengeschichte fertig. Den Kraftakt muss Dolmetscher auch nicht auf knapp zwei Stunden hinbiegen, das ist etwas, das wohl niemals wieder richtig gut wird.

Die Annäherung von Täterkind Peter Simonischek an den völlig spaßbefreiten Ungar sind die besten Szenen des Filmes. Dieses Miteinander hätte schon Substanz genug gehabt, aus der ganzen nachhallenden Spurensuche ein streitbares Roadmovie durch ein so nahes und doch so unbekanntes Land zu skizzieren. Die von mir sehr geschätzte Burgtheaterlegende in Silbergrau hat noch immer ein bisschen den Toni Erdmann in den Knochen, kann aber auch sein, dass der Mann in diesem Film sehr oft einfach er selbst ist. Das macht ihn sympathisch, brummig und zugänglich – aber erinnert auch an einen Moderator aus einer Gedenktag-Doku. Menzel gibt mit seiner wandelnden, unfreiwillig schrulligen Tristesse in Beige da ordentlich kontra. Doch das und die nebelverhangenen Herbstlandschaften der Ostslowakei ziehen an einem Film vorbei, der eigentlich nur das Grauen der Nazizeit in der Slowakei aufarbeiten will. Das geht schwer zusammen, dafür ist auch zu wenig Platz in dieser Geschichte. Wenn in wenigen Momenten tatsächliche Zeugen auf alten Filmaufnahmen zu Wort kommen, dann ist das Aufarbeitung im Schnellverfahren – so viele schreckliche Details wie möglich in wenigen Minuten. Das kommt ein paar Mal vor. Und ist dann doch erzwungen reißerisch. Wenngleich der Versuch, der NS-Geschichte in den Tälern der Tatra Gehör zu verschaffen, von Regisseur Šulík durchaus ehrenhaft ist.

Dolmetscher weiß nicht, wie es mit all den Ansprüchen umgehen soll. Tragikomisch oder nur tragisch? Augenzwinkernd oder in trauernder Apathie? Neuanfang oder Nicht vergessen können? Natürlich darf Film Widersprüche vereinen, doch hier findet sich nicht mal Peter Simonischek ganz zurecht, den eigentlich mehr die Bilder von damals bewegen als alles andere. Im Grunde aber ist das Ganze ein unausgewogenes Drama, teils semidokumentarisch, teils das Reisevideo zweier Pensionisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Zu wenig geht hier voran, zu viel will erledigt werden. Am Ende hat Martin Šulík sogar noch einen Story-Twist parat, der dann aber tatsächlich funktioniert, und die Figuren von Heute näher ans Ziel ihrer Bestimmung führt.

Dolmetscher

Das Tagebuch der Anne Frank

UMS LEBEN GEBRACHT

7,5/10

 

annefrank„Das Tagebuch der Anne Frank“ auf Blu-ray & DVD erhältlich (Universal Pictures)

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE: HANS STEINBICHLER

MIT LEA VAN ACKEN, ULRICH NOETHEN, MARTINA GEDECK, STELLA KUNKAT, GERTI DRASSL U. A.

 

Es heißt ja immer: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wenn aber auch noch die Hoffnung stirbt, bleibt gar nichts mehr. Nur Dunkelheit, Vernichtung, Resignation. Die Niederschrift des gerade mal 15 Jahre alt gewordenen Mädchens Anne Frank zählt zu den wohl erschütterndsten Dokumenten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Und das nicht, weil Anne Frank das Grauen in all ihren Details beschrieben hat. Solche Berichte sind in ihrem Tagebuch nicht zu finden. Es ist so erschütternd, weil die kindlich formulierte Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Freiheit ungehört bleibt. Das unendlich Traurige ist nicht das, was in dem Tagebuch geschrieben steht. Das unendlich Traurige stützt sich auf dem Wissen, das all das Wünschen, Träumen und Hoffen so kurz vor der Erfüllung letzten Endes umsonst gewesen war. Dass nach den letzten Zeilen in diesem Buch nichts mehr war. Nur Leere und Vernichtung.

Es beweist, dass die wichtigsten sozialen Strukturen einer Kernfamilie gegenüber einer zerstörerischen Macht wie dem Nationalsozialismus unweigerlich zerbrechen müssen. Eine heile Familie – die hat so etwas Unbesiegbares. Da wohnt ein Funken inne, der besagt, dass alles gut werden muss. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. So betroffen wie dieses Bewusstsein der Verletzbarkeit vom Wunsch nach Normalität macht auch der Film von Hans Steinbichler. Seine Neuverfilmung des in die Ewigkeit eingegangenen persönlichen Berichts einer Verfolgten hat seine Besetzung mit Bedacht gewählt. Das Ensemble, allen voran Ulrich Noethen als Otto Frank, lässt das Ausharren und Bangen der versteckten Familie lebendig werden. Lea van Acken lässt ihre Anne Frank der enormen Rollenanforderung zum Trotz das aufgewühlte Emotionsspektrum eines Teenagers empfinden – von Zerbrechlichkeit über Selbstzweifel bis hin zu unerschütterlichem Trotz. Die Schwierigkeit, auch unter so extremen Bedingungen wie der selbst auferlegten Isolation vom Kind zur Erwachsenen zu reifen und ihre eigene unverwechselbare Persönlichkeit herauszubilden, wird zur Gratwanderung zwischen Aufbegehren und dem Suchen nach Nähe. Dazwischen träumt sie. Sieht sich auf sonnenwarmen Wiesen, im Wald, an der Luft.

Kaum eine andere Verfilmung nach Tatsachen endet so vernichtend wie Das Tagebuch der Anne Frank. Und dabei war die Erlösung so zum Greifen nah. Dann der abgrundtief höhnische Zynismus einer unbarmherzigen Realität. Das geht dann gar nicht anders, da läuft es einem kalt über den Rücken. Vor allem dann, wenn man beginnt, sich mit den Rollen zu identifizieren. Und das passiert, sofern man selbst Familie hat. Bei den wortlosen Szenen aus dem KZ am Ende des Films fehlen dann auch noch die Worte, wenn sie nicht schon zuvor ihre Stimme verlieren. Nämlich dann, wenn die Eingesperrten voller Zuversicht an das bevorstehende Ende des Krieges glauben – um kurz darauf entdeckt zu werden.

Das Tagebuch der Anne Frank ist ein handwerklich solider, aber inhaltlich so beeindruckender wie erschütternder Film geworden. Eine immens wichtige Neuverfilmung, die durch das Dokudrama Meine Tochter Anne Frank von Richard Ley ergänzt werden kann, welches das Schicksal der Familie aus der Sicht des Vaters Otto Frank erzählt. Des einzigen Überlebenden.

Das Tagebuch der Anne Frank

Verleugnung

DER PROZESS DES SCHWEIGENS

7/10

 

DENIAL, Tom Wilkinson, 2016. Ph: Laurie Sparham  / © Bleecker Street Media /Courtesy EverettPhoto: Laurie Sparham / © Bleecker Street Media /Courtesy Everett Collection

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: MICK JACKSON

MIT RACHEL WEISZ, TIMOTHY SPALL, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT U. A.

 

Erst kürzlich, vor einigen Tagen, erschien bei der Burschenschaft Germania ein Buch mit faschistoiden Liedertexten. Aber keiner, und vor allem einer, will irgendetwas davon gewusst haben. Neuerdings sollen Flüchtlinge konzentriert werden, und die rote Linie ist laut österreichischem Sportminister noch nicht überschritten. Was keiner merkt – die rote Linie – oder sagen wir: die braune Linie – wird unmerklich immer weitergezogen. Bis sich wieder vermehrt Tendenzen einschleichen, die nur jene, die genau hinsehen, als solche wahrnehmen. Wie die Sache mit dem Frosch in langsam kochendem Wasser. Der Trick dabei ist, kein Hehl aus seinem Nationalstolz zu machen, verbale Ausrutscher zu bagatellisieren und immer wieder und das vermehrt das rechte Bein zu stellen. Wie man sich sonst auch noch als Verfechter für Volk und Vaterland outen kann, ohne sonderlich aufzufallen, ist, die ganze Sache wissenschaftlich anzugehen. So einer war David Irving. Historiker, Populist und flammender Redner. Vor allem ein Wetterer gegen die erschütternde Wahrheit des Holocaust. Ein Leugner, und einer, der es besser wissen will.

Leugnen kann man im Grunde fast alles. Die Frage ist nur, wieviel Gehör man sich damit verschaffen kann. Die Nichtexistenz des Holocaust bewiesen zu haben ist so, als gäbe es Zweifel darüber, dass die Erde rund sei. Oder Zweifel darüber, dass der Mensch auf dem Mond gelandet ist (Übrigens eine Theorie, die sich bis heute hält.). Unglücklicherweise aber war der Holocaust so echt wie all die Tode, die in den Konzentrationslagern gestorben wurden. Ich wünschte, dieses Grauen hätte es tatsächlich nicht gegeben. Aber aus ganz anderen Gründen, nicht aus jenem Vorsatz heraus, den David Irving strategisch verfolgt hat. Gehört haben ihn viele, zu viele. Und natürlich kann dieses abwertende, rassistische Gedankengut des geradezu predigenden Geschichtsverzerrers nicht unkommentiert bleiben. Da gab es jemanden wie die jüdische Autorin und Uni-Dozentin Deborah Lipstadt, die den geifernden Hetzer in ihrem Buch Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory als das bezeichnet hat, was er ist. Bei soviel Wahrheit wird einem Mann wie David Irving dann doch plötzlich unwohl – und verklagt die Holocaust-Forscherin mitsamt ihres Verlages Pinguin Books mit Pauken und Trompeten wegen übler Nachrede. Taktisch klug lässt Irving den Prozess in Großbritannien stattfinden. Wohlwissend, dass nicht der Kläger Beweise für seine Klage, sondern der Geklagte Beweise für seine Rechtfertigung erbringen muss. Was sich ziemlich schwierig anstellt. Da man dem gnadenlosen Polemiker nicht mit herkömmlichen Mitteln beikommen kann. Das wissen Lipstadt´s Anwälte. Und planen eine Taktik, die erstmal alle vor den Kopf stößt.

Vor allem die Zeugen. Dass gerade sie schweigen müssen, ist zwar hart, aber dennoch klug. Da es in dem Prozess nicht um die Aufarbeitung der Traumata geht, und ehemalige Opfer emotional so dermaßen befangen sind, dass sie für Leute wie Irving Angriffsfläche genug bieten, um manipuliert zu werden, muss die Methode eine sein, die in ihrer kalkulierten Klarheit und Objektivität unangreifbar bleibt. Regisseur Mick Jackson, der den Blockbuster Bodyguard mit Whitney Houston und Kevin Costner für sich verbuchen konnte, hat sich dieser wahren Geschichte über die Blasphemie des Schmerzes und der Wahrheit mit kundgebendem Schulterschluss eines souveränen Ensembles angenommen. Mit Tom Wilkinson als glasklar denkenden Juristen und einem stark abgemagerten Timothy Spall als preisverdächtig subversivem Faschisten im Anzug hat Jackson grandios agierende Vollblutschauspieler für sein Projekt verpflichten können. Rachel Weisz als die jüdische Autorin Lipstadt könnte, auch wenn sie wollen würden, den beiden Herren kaum die Show stehlen.

In Zeiten des latenten Nationalismus und dessen Waffe des subversiven Populismus wäre es fast schon eine Pflicht des österreichischen Filmverleihs gewesen, Verleugnung ins Kino zu bringen. Das schlichte und konventionell erzählte, aber intensive Gerichtsdrama musste sich hierzulande mit dem Retail-Markt begnügen. Doch auch wenn die Besucherzahlen zu wünschen übrig gelassen hätten – Mick Jackson´s Film, beruhend auf unerhört beschämenden Ereignissen, hätte aufgrund seiner inhaltlichen Brisanz die Chance verdient, überall gesehen zu werden.

Verleugnung

Die Blumen von gestern

LERNEN SIE GESCHICHTE!

6/10

 

blumenvongestern© 2016 Dor Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE & DREHBUCH: CHRIS KRAUS

MIT LARS EIDINGER, ADÉLE HAENEL, HANNAH HERZSPRUNG, JAN JOSEF LIEFERS U. A.

 

Im Herbst 1945 richteten die USA anlässlich der bevorstehenden Nürnberger Prozesse ebenda das sogenannte Zeugenhaus ein. Sowohl Nazis als auch Opfer des faschistischen Regimes, insbesondere ehemalige KZ-Insassen, hatten sich dort zu versammeln, um auf den Moment ihrer Einvernehmung zu warten. Dieses Haus war bis 1947 aktiv, obwohl die Nürnberger Prozesse bis 1949 andauerten. Freilich beherbergten die Amerikaner beide Parteien nicht ohne Aufsicht und protokollierten akribisch das Mit- oder Gegeneinander während des langen Wartens.

Diese an der Kippe des Zumutbaren mäandernde Konstellation erfahren in Chris Kraus´ bizarrer Holocaust-Romanze Darsteller Lars Eidinger und Adéle Haenel zwar nicht aus erster Hand, aber zumindest tragen sie als Nachfahren von Opfer und Täter das zentnerschwere Bündel der Geschichte mit sich herum. Die eine Enkelin von KZ-Ermordeten, der andere Enkel eines Offiziers der Waffen-SS. Traumata, die sich wie die DNA der Erinnerung durch die Generationen bis ins Heute ziehen. Verstörende Schicksale und verbrecherische Entscheidungen, für welche allem Anschein nach die Sippe haftet – oder das Individuum, das damit leben muss, die Schuld der Machthabenden oder die Ohnmacht der Ungeschützten weitertragen zu müssen. Aber müssen sie das wirklich? In ihrem Verhalten, in ihrer Unfähigkeit, ein Leben in gesunden Normbereichen zu führen, gilt für Totila Blumen, einem Mitarbeiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und Zazie Lindeau, einer Praktikantin aus Frankreich, die Frage zu bejahen. Erstmal. Und als die beiden, die anfangs notgedrungen und eher spinnefeind miteinander arbeiten müssen, auf ein verblüffendes Crossover ihrer Familiengeschichten stoßen, beginnt sich der Lauf der Dinge und die Frage von Verantwortung, Sühne und Vergebung neu zu formulieren. 

Dabei gerät aber Chris Kraus´ darstellerisch intensive Nabelschau über das Gegenwartsbewusstsein zum Holocaust zum Beziehungsfilm der anderen Art. Der völlig hysterische, unberechenbare und aggressive Totila Blumen ist von Lars Eidinger mit Hingabe verkörpert. Adéle Haenel als nicht minder uneinschätzbare, Paroli bietende Grenzgängerin mit französischem Akzent gebärdet sich noch unnahbarer und schwerer zugänglich als der Gedenkinitiator Blumen himself. Beide okkupieren den Film für sich, was ja auch ihr gutes Recht ist – der brisante Background mitsamt seiner Täterkinder-Opferkinder-Allegorie tritt da ganze Filmlängen hindurch beschämt beiseite. Die Blumen von gestern will nicht nur durchgeknallte Beziehungskiste sein. Und da will die tragische Komödie oder komische Tragödie wieder zu viel. Wobei es nicht zu viel sein hätte müssen. Die Exaltiertheit und Verschrobenheit des Schauspielduos ist zu einnehmend, um beides zu wollen. Dadurch gerät der mahnende Anspruch und das Erinnern an das unerlebte Damals zum austauschbaren Platzhalter in einem dicht und dick schraffierten Psychodrama um familiäre Identitäten und Versäumnisse, mit denen die Generation von Schindlers Liste zu hadern hat. Das vererbte Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen. Das ist der Kinosessel bei Die Blumen von gestern auch nicht. Viel zu nervös ist das Ganze, und nur leidlich packend, weil wir als Zuseher von außen in diesem intimen Drinnen irgendwie nichts zu suchen haben. Das macht den Film zumindest für mich zu einer sperrigen Performance, die eigentlich doch nur eine schräge Romanze bleibt.

Die Blumen von gestern