Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

DER LANGEN REDE KURZER ZAUBER

5/10

 

grindelwald© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID YATES

DREHBUCH: JOANNE K. ROWLING

CAST: EDDIE REDMAYNE, KATHERINE WATERSTON, DAN FOLGER, JOHNNY DEPP, JUDE LAW, EZRA MILLER, ZOË KRAVITZ U. A.

 

Das muss man Joanne K. Rowling einmal nachmachen – nämlich einen dermaßen zielgenauen Treffer zu landen, was den Geschmack des lesefreudigen Bürgertums betrifft. Phantastische Literatur ist sicherlich nicht jedermanns Sache, eine Welt wie die von Harry Potter hingegen schon. Das liegt vor allem daran, dass die ehemalige Englischlehrerin, die schon von Kindesbeinen an das Schreiben für sich entdeckt hatte, Charaktere erschuf, die in die eigene Kindheit des jeweiligen Lesers zurückführen und das Erwachsenwerden als magische Challenge interpretieren. In einem dualistischen Universum, wo das Böse schleichend und nicht immer wahrnehmbar ist, das Gute oft ins Grau chargiert und Geheimnisse lange gehütet werden. Dieses Universum wird jenseits der auserzählten Geschichte über den Jungen mit der Narbe auf der Stirn mittlerweile als Wizarding World bezeichnet. Rowling ließ ja unmissverständlich verlauten, dass mit Den Heiligtümern des Todes die Ereignisse um den Waisenjungen auserzählt seien – mit Ausnahme eines als ergänzenden Band angelegten Theaterstückes – Harry Potter und das verwunschene Kind (auch unaufgeführt absolut lesenswert). Das Kino liebäugelt da wohl mehr mit der Zeit vor dem Unheil, das nicht genannt werden darf. Um genau zu sein: rund 70 Jahre vor den uns allen wohlbekannten Ereignissen, die man immer und immer wieder lesen kann.

Ein gewisser Newt Scamander, der in Harry Potter und der Stein der Weisen namentlich erwähnt wird, reist mit einem Koffer nach New York, in geheimer Mission, wie es scheint. Und der eine ganze Menagerie an sonderbaren Kreaturen über den Atlantik schleust, die ihm dann auch teilweise entfleuchen. So ein animalisches Fangenspiel wäre für eine so komplexe Welt wie die des Harry Potter eindeutig zu wenig. Auch Übersee hat ein Zaubereiministerium voller Auroren, die einem Obskurus auf der Spur sind – der negativen Energie eines Zauberers, dessen magisches Handeln verboten wird. So viel zu Teil eins, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Und ich rate tunlichst, vor Sichtung des eben erschienen zweiten Teils der Prequel-Reihe den Erstling dringend nachzuholen, sofern hier noch Unkenntnis herrscht. Bei Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen quer einzusteigen mag zwar durchaus machbar sein, führt aber zu noch mehr Konfusion, als diese ohnehin auf das vorab informierte Publikum hereinbricht. Schauplatz ist diesmal nämlich London und Paris, und neben dem ausgebüxten Grindelwald gilt es, dem rätselhaften Obscurus namens Credence Barebone habhaft zu werden. Warum gerade der schrullige Newt Scamander darauf angesetzt wird, weiß nur der junge Dumbledore. Im Grunde ist es so, als würde man Charles Darwin darum bemühen, geheimdienstlich aktiv zu werden. Ich würde da jemand anderen wählen, aber bitte – jedem seinen Nervenkitzel.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen allerdings ist ein überlanges, wenig nervenaufreibendes Szenario mit natürlich allerlei Schauwerten. Die diesmal spärlicher eingestreuten Kreaturen – allen voran ein Fuchur-ähnlicher Glücksdrache – sind wiedermal enorm detailverliebt und in Vollendung gestaltet, und zur Freude leidenschaftlicher Harry Potter-Fans finden sich auch allerlei Reminiszenzen an das erste Jahr von Hogwarts, als der Stein der Weisen Voldemort´s erste Versuchung war. Mit diesen Bonmots aber hätte sich maximal ein Fanfilm ausgezahlt – nicht aber ein ganzer Film, der einem sagenhaft verworrenen und ermüdend redseligen Drehbuch unterliegt. Dafür verantwortlich: Joanne K. Rowling. Denn da wo Wizarding World draufsteht, ist die mächtige Autorin auch drin. Nichts geht hier ohne Abnicken der Urheberin, was prinzipiell durchaus verständlich ist. Und um ganz sicher zu gehen, dass ihre Welt auch nicht mit einer anderen kollidiert, bleibt das Leben des Newt Scamander auch niemand anderem überlassen. Doch genau darin liegt das Problem. Joanne K. Rowling ist eine großartige Schriftstellerin, die penibel genau ihre unzähligen Handlungsstränge beispiellos verwebt, zusammenführt und wieder aufdröselt. Auch ein Grund, warum die Harry Potter-Bücher so faszinieren. Das allerdings funktioniert so sagenhaft gut, wenn es sich um einen Roman handelt. Ein Drehbuch funktioniert ganz anders. Genauso wie ein Theaterstück. Da ich selbst Romane und Dramen verfasst habe, weiß ich, worauf es zu achten gilt. Beides sind zwar Medien der schreibenden Zunft, haben aber völlig unterschiedliche Regeln. Rowling scheint für Grindelwalds Verbrechen vergessen zu haben, dass sie nicht für den Ladentisch in der Buchhandlung, sondern für das Kino schreibt. Als Buch würde der Plot aus Grindelwalds Verbrechen verdächtig nach Bestseller aussehen. Eine vertrackte Geschichte voller Rätsel und Spuren, fast schon eine Verbeugung vor den Detektivkrimis eines John Huston. Seriöse Gestalten in schickem Trenchcoat und Fedora, einzig die Zauberstäbe unterm Ärmel lassen wissen, dass man hierbei niemand Gewöhnlichem auf der Spur ist. Als Vorlage für einen Film dieser Größenordnung lasse ich mal Rowling´s Talent außen vor: Ihr dichter Magierkrimi ist, was den inhaltlichen Aufbau betrifft, wie das Wedeln und Wischen mit angeknackstem Zauberstab. Folglich also ein Zauber, der nach hinten losgeht.

Ein Film fesselt dann, wenn der rote Faden des Erzählten stets erkennbar und das Handeln der Personen sowohl erwartbar als auch nachvollziehbar bleibt. Zumindest von jenen Personen, die als Identifikationsfiguren durch die Geschichte begleiten. Er fesselt dann, wenn der Plot nicht zerfranst und sich in einzelnen Charakterdramen verliert, die nicht wesentlich zum Vorwärtskommen der Story beitragen. Das ist Verzetteln auf hohem Niveau, auf welchem Komplexität gerne mit Komplikation verwechselt wird. Eine packende Story, die ist im darstellenden Medium eines Filmes oder Dramas so straff wie möglich, auf den Punkt genau gesponnen, sollte dabei aber tunlichst nicht unterfordern. Rowling erfüllt fast jedes dieser Do Not´s, und auch wenn sie als Romancier zu schreiben versteht – Drehbücher schreiben kann sie nicht.

Dennoch verspricht Grindelwalds Verbrechen einigen Filmgenuss, der weitgehend vom guten alten Johnny Depp verschuldet wird. Man kann über diesen exzentrischen Star sagen, was man will – schauspielern kann er, und wie! Nach der letzten Fluch der Karibik-Gurke und einiger Auszeit kann Depp wieder aus neuen, kreativen Ressourcen schöpfen. Und verpasst seinen Gellert Grindelwald eine ganz eigene charakterliche Note. Weder kokettiert er mit den diabolischen Allüren eines Voldemort, noch gibt er sich platter Boshaftigkeit hin. Grindelwald ist ein politischer Aktivist, ein perfider Taktiker. Gelassen und selbstbewusst, weniger manisch. Gegen die paar Minuten gachblonder Überlegenheit wirken Newt Scamander und seine Entourage geradezu blass. Und die Entourage ist breit gefächert, unzählige Figuren tauchen aus dem Dunst der magischen Historie empor und haben kaum genug Spielzeit, um nachhaltig aufzufallen. Das ist mitunter auch ein Handicap an dieser versuchten Entfesselung an hellen und dunklen Künsten, die auf das große Duell von Dumbledore und Grindelwald hinarbeiten. Seine Verbrechen markieren somit die bisher schwächste Filmepisode aus Rowling´s Welt, und so sehr ich Niffler, Bowtruckles und Kelpies liebend gern anfassen würde – der phantastische Zirkus weicht einem konfusen Who is Who vor der Kulisse eines magischen Europa, dass die mitreißende Effizienz jugendlicher Neugier, wie sie Ron, Hermine und Harry an den Tag legten, vermissen lässt. Hoffen wir, das Teil III die Zügel der Thestrale deutlich straffer zieht.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

Mord im Orient-Express

DIE GRAUZONEN DER GERECHTIGKEIT

6/10

 

orientexpress@ 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: KENNETH BRANAGH

MIT KENNETH BRANAGH, JOHNNY DEPP, MICHELLE PFEIFFER, DAISY RIDLEY, JUDI DENCH U. A.

 

Nein, gezwirbelt hat er das liebevoll arrangierte Bartkunstwerk nicht, so wie einst Sir Peter Ustinov als Hercule Poirot. Und auch ist Kenneth Branagh nicht so eine einnehmende, kernsympathische Wuchtbrumme wie der hochintelligente Brite, aber immerhin fast annähernd ein solcher Genussmensch. Die von Kultautorin Agatha Christie ersonnene Figur des belgischen Detektivs Poirot ist um Eckhäuser zugänglicher als der arrogante Sherlock Holmes, der nicht weiß wohin mit seiner Hochbegabung. Poirot ist vor allem in den Filmen von John Guillermin und Guy Hamilton kein Kostverächter, und gleichzeitig ein akribisch denkender und stets beobachtender Mensch mit fotografischem Gedächtnis und einer Kombinationsgabe, die uns im Vergleich dazu jubeln lässt, wenn wir einfache Schlussrechnungen auf die Reihe bekommen. Kombinieren und Mörder finden, das können wir getrost anderen überlassen. Am Liebsten auch Miss Marple, die von Grand Dame Margarete Rutherford mit ihren weißen Locken und dem kuscheligen Knautschgesicht bis in alle Ewigkeit wegweisend besetzt wurde. Peter Ustinov war in seine Rolle ebenso unverwechselbar – ein anderer sollte diese Figur gar nicht mehr spielen dürfen. Doch Ustinov weilt in den ewigen Jagdgründen, und also müssen andere ran – sofern man noch die Muße hat, das bereits dreimal verfilmte Meisterwerk Agatha Christie´s tatsächlich nochmal zu bebildern.

Die meisten Leser und Kinogeher wissen, was es mit dem Mord im Orient-Express auf sich hat. Es ist längst kein Geheimnis mehr, auf was für eine unglaubliche Wahrheit der zwangsrekrutierte Detektiv inmitten schneeverwehter Landschaft da stoßen wird. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die nun vierte Verfilmung unter der Regie des theateraffinen Briten Kenneth Branagh äußerst entbehrlich, und ganz ehrlich gesagt wollte ich mir das altbekannte Szenario nicht noch einmal geben. Fast muss ich zugeben, dass Christie´s berühmtestes Buch und all jene Verfilmungen, die es bereits gibt, Branagh Neuauflage ungefähr so notwendig machen wie Gus van Sant´s farblich durchwirktes Imitat von Psycho. Aber sei´s drum – die wirklich geniale, leicht klaustrophobische und tiefenpsychologische Mörderhatz ist längst nicht nur ein Krimi. Bei Mord im Orient-Express kann sich der Zuseher trotz der widrigen Umstände des Schauplatzes irgendwie geborgen fühlen. Was zu erwarten ist, passiert auch. Branagh´s Film ist wie ein Samstagnachmittag auf der Couch, wenn man beim Zappen zufällig auf einen Agatha-Christie-Krimi stößt und dabei hängen bleibt, weil einfach die Stimmung, das Setting und die Schauspieler vielleicht ein bisschen an die zweite Dekade der Kindheit erinnern. Oder eben Reize auslöst, auf welche sich enorm kribbelige Gemütlichkeit einstellt. Das ist die eine Sache, die die Story immer wieder sehenswert macht. Die andere ist die, das hier ausnahmsweise Quantität tatsächlich gleich Qualität ist – nämlich die illustre Besetzungsliste, die sich liest wie die Sitzordnung eines Tisches bei der Oscarverleihung. Publikumslieblinge wohin man blickt – sogar „Jedi“ Daisy Ridley zwängt sich ins Abteil, Willem Dafoe gibt den Österreicher und Judi Dench ist sowieso die angenehm versnobte Grand Dame, die eigentlich bei keiner Agatha-Christie-Verfilmung fehlen sollte. Der, von dem wir vielleicht am Ehesten noch die Nase voll hätten, wäre Johnny Depp, aber der ist ja bekanntlich das Opfer und segnet das Zeitliche nach rund einer halben Stunde. Dafür legt Michelle Pfeiffer einen ehrwürdigen Auftritt hin. Und der rote Kimono fehlt auch nicht – den kennen wir schon aus den Vorgängerfilmen.

Der ganze Film ist ein elegantes, kurzweiliges Déjà-vu in opulent-nostalgischen Bildern und keinerlei Innovation, aber einem penetrant schnauzbärtigen Kenneth Branagh in der Titelrolle, der seine Sache allerdings souverän hinbekommt und den Gehirnakrobaten Poirot tatsächlich wiederauferstehen lässt. Natürlich, Ustinov ist er keiner. Aber das muss er auch nicht. Worauf Branagh aber Wert legt, ist die psychologische Tiefe der Geschichte. Das Motiv ist, worum es hier geht, weniger der Weg der Wahrheitsfindung. Das Ensemble schlittert und entgleist fast so wie der Zug in eine diffuse Schneeverwehung der Gerechtigkeit – in eine Grauzone aus Recht, Rache und Genugtuung. Ein Aspekt, der in keinen Agatha-Christie-Romanen je wieder so ambivalent und diskussionsanregend zu Tage tritt. Hätte ich einen Mustache wie Poirot, hätte ich ihn mir beim Abspann des Filmes womöglich nachdenklich gezwirbelt.

Mord im Orient-Express

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache

SCHIFFBRUCH MIT SPERLING

3/10

 

salazar

Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Mit: Johnny Depp, Javier Bardem, Geoffrey Rush, Brenton Thwaites

 

Nicht nur dass Hans Zimmer´s und Klaus Badelt´s Piratenouvertüre zu den Lieblingssounds meines Sohnes gehören – das fulminante Arrangement eines Score-Orchesters hämmert in fetzigem Rhythmus über gewaltige, akustische Wellenkämme und alles zermalmende Wogen. Ich sehe förmlich die Black Pearl aus dem Nebel auftauchen, mit windgeblähten Segeln. Und dieser Wind stand damals günstig. Gemeinsam mit dieser unvergleichlichen Ode an die verspielte Piraterie hat Gore Verbinski vor vielen Jahren das Genre des verwegenen Abenteuergenres zwischen Bug und Heck neu erfunden. Und das Publikum, so auch mich, begeistert. Johnny Depp stand da noch am Anfang seiner eigenwilligen Karriere als karnevalstauglicher Make up-Mime. Umso mehr war sein Gehabe, sein „Klar soweit“ und seine Kajal-Schminke ein ikonischer Trendsetter auf vielen Themenconventions. Ja, es gab sogar eine Oscarnominierung.

14 Jahre später ist von dem sagenhaften Raubzug quer durch die Welt der Fantasy und den Eskapaden eines Errol Flynn kaum mehr etwas übrig geblieben. Mit dem fünften und sehr wahrscheinlich letzten Teil dürfte der Sperling – auf englisch: Sparrow – ausgezwitschert haben. Salazars Rache unterliegt einer haarsträubend zerfransten Story, die während der mehr als zweistündigen Laufzeit so gut wie gar nicht im richtigen Wind liegt und mehr schlecht als recht vor sich hin dümpelt. Das Wasser rund um den legendären Kinopiraten, Barbossa und all die anderen üppigst kostümierten Gestalten ist bedrohlich seicht geworden. Bei solch einem Wasserstand lässt sich natürlich nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Zugegeben, diesen löchrigen Kiel hat man schon beim ersten Sequel des Originals zu kalfatern versucht – die im wahrsten Sinne des Wortes zu Herzen gehende Story rund um den krakengesichtigen Davy Jones war so dermaßen verkopft, konfus und zersäbelt, das man vor lauter Langeweile sowohl diesen als auch den darauf folgenden Teil einzig aufgrund der in Urlaubsstimmung versetzenden Kulissen bis zum Abspann ertragen hat. Teil 4 – Fremde Gezeiten – war dann schon etwas besser. Bunt auf alle Fälle, aber kaum von Belang.

Jetzt haben Joachim Rønning und Espen Sandberg, die Macher hinter dem Ozeanabenteuer Kon-Tiki, den bislang fünften Teil inszenieren dürfen. Allerdings – von ihrer Handschrift ist nichts mehr übrig geblieben. Wie so oft haben bei zentnerschweren Geldschluckern wie der Pirates of the Caribbean-Reihe die Produzenten das Sagen. Gemacht wird, was approved wurde. Hier anzufangen, mit eigenem Stil Jack Sparrow neue Perspektiven abzugewinnen, wäre viel zu riskant, wenn nicht gar unerwünscht. Nun, ich würde mich nicht wundern, wenn Rønning und Sandberg unter ihrer Kreuzfahrt das Pseudonym Alan Smithee anführen würden. Stolz, so vermute ich, sind sie auf diesen Aufguss sicher nicht gewesen. Alles schon dagewesen, zu allem schon applaudiert, und zwar schon beim ersten Mal. Jetzt ist Johnny Depp zur Saufnase verkommen, und sein aufgesetztes Spiel ist freudlos und stereotyp. Da hilft nicht mal ein Javier Bardem mit abblätterndem Gesichtsverputz. Die Darstellung seines Lebertran spuckenden Bösewichts beginnt viel versprechend, ist aber dann genauso eindimensional wie alle anderen Figuren (übel uninspiriert: Brenton Thwaites). Und das Artefakt, um das es geht, könnte aus einem Percy Jackson-Roman entliehen sein.

Warum nicht eine spannende Geschichte, warum nicht mal was anderes? Warum versumpft Pirates of the Caribbean auf dem elend langweiligen Niveau einer billigen Soap Opera? Wenn schon Dreizack des Poseidon, dann hätten Drehbuchautoren und Produzenten durchaus mal aus der immerwährenden Hafenrundfahrt eine Odyssee machen können. Quer über den Atlantik, dorthin, wo der Gott der Meere tatsächlich seinen Ursprung hat. Das wäre mal was gewesen. So bekommen wir immer die gleichen Gesichter, gleichen Gesten und gleichen Sprüche serviert. Noch dazu mit Fehlern in der erzählerischen Kontinuität, welche den ohnehin kruden Plot fast gänzlich in Frage stellen. Oder woher hat die smarte Astronomin Carina Smyth ihr hübsches Kleid wieder her, nachdem dieses von Zombie-Haien zerrissen wurde? Klar soweit? …Nein, wohl eher nicht.

 

Pirates of the Caribbean: Salazars Rache

Alice im Wunderland 2 – Hinter den Spiegeln

WUNDERLAND IST ABGEBRANNT

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Der britische Schriftsteller Lewis Carroll erschuf in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine phantastische Kindergeschichte, die er auf Bitten von Alice Liddell, einem ihm bekannten und verehrten Mädchen, zu Papier brachte. Wobei nur der erste Band, Alice im Wunderland, eine durchgehende Geschichte war. Alice hinter den Spiegeln, der rund zehn Jahre später erschienene Folgeband, war nur mehr eine Sammlung aus Kurzgeschichten und Gedichten aus einer surrealen Wunderwelt, wo alles möglich zu sein scheint und jedes noch so bizarre Lebewesen existieren kann. Neben Michael Endes unendlicher Geschichte und Alfred Kubins Anti-Fantasy Die andere Seite ist Carrols Phantasmagorie wohl eine der psychologisch-phantastischsten und kreativsten Geschichten überhaupt. Aber wie wagt man sich an einen solch überbordenden Stoff heran, wie wird man so einer Fülle an Ideen und Bildern überhaupt gerecht? Die Zeichentrickserie aus den Achtzigern, die meine Generation im Kinderprogramm sehen durfte, hat uns Kleinen etwas mit dieser Welt vertraut gemacht. Nie wieder werden wir vergessen, wer Humpty Dumpty, der Märzhase oder der Hutmacher sind. Vor einigen Jahren aber hat sich niemand geringerer als Visionär Tim Burton an den Stoff herangewagt – allerdings hat er die Story etwas adaptiert und erwachsener gemacht. Und hat eine üppig bebildertes Widersehen mit all den schrägen alten Bekannten organisiert – in mäßigem 3D wohlgemerkt.

Der nachgeschossene zweite Teil, der sich aus dem Motivfundus von Carrolls zweitem Buch bedient, ist allerdings ein bemitleidenswerter Fehlgriff geworden, der alles Kreative und Lebendige in klinischem CGI ertränkt. Ich weiß nicht, wie anders Tim Burton seinen ersten Teil angelegt hat – No Name-Regisseur James Bobin jedenfalls hat es nicht richtig gemacht. Womöglich war er mit dem Stoff überfordert. Womöglich wollten die Studios unbedingt an der Erfolgsgeschichte des Erstlings anschließen. Doch auf Biegen und Brechen lässt sich keine Fortsetzung machen, das wissen wir. Da sind schon viele baden gegangen. Und so auch Alice, die zweite. Was wir hier sehen ist ein albernes Familiendrama rund um den Hutmacher. Natürlich reicht das nicht, da müssen noch die weiße und die Herzkönigin her, und deren Familiengeschichte erzählt werden. Haben die denn alle Carrolls Geschichte nicht verstanden? Der Zauber der Figuren, das Surreale, das Mystische – das liegt im Geheimnis um jede einzelne Figur in diesem metaphysischen Universum. Sie sind einfach da. Sie müssen keine Familie haben. Sie sind von unserer gewohnten Welt vollends entkoppelt. Daher ist es ja ein Wunderland. Wieso nun diese Ahnenforschung? Dieses Vermenscheln traumartiger Gestalten? Das ist ja so, als würde man den zerronnenen Taschenuhren Dalis eine physikalische Ursache für ihren Zustand unterschieben. Will das wer? Ich denke nicht.

Doch abgesehen davon ist Alice im Wunderland 2 – Hinter den Spiegeln ein bestes Beispiel dafür, wie man CGI genau nicht einzusetzen hat. Es ist eine ungeschriebene Regel, dass das Verhältnis computeranimierter und realer Elemente zumindest halbe-halbe sein muss. Besser noch, die CGI ist so perfekt in die Bilderwelt integriert, dass man nicht genau trennen kann, was nach dem Dreh hinzugefügt wurde und von vornherein schon da war. Dieser Film zerstört sich aber selbst, indem er billige Welten auferstehen lässt, die so offensichtlich künstlich sind, dass jeder Charme und jeder Reiz verloren geht. Das Problem hatte bereits Star Wars – Angriff der Klonkrieger, das Problem hatte Gods of Egypt. CGI ist ein wunderbares Werkzeug, doch es sollte dem Zweck dienen, und nicht den Film dominieren. Vor allem, wenn es noch dazu schlecht gemacht ist.

Alice verliert im Sequel ihr Wunderland. Da kann nicht mal die Zeit in Gestalt von Sascha Baron Cohen alle Wunden heilen. Keine Ahnung wie Tim Burton zu diesem Film steht. Wäre zumindest der Plot gut gewesen, hätte ich noch ein Auge zugedrückt. Aber das, was hier hinter den Spiegeln verborgen liegt, lohnt sich nicht, erkundet zu werden.

 

 

 

Alice im Wunderland 2 – Hinter den Spiegeln