Midway – Für die Freiheit

TOLLKÜHNE MÄNNER IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

5/10

 

midway© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, CHINA 2019

REGIE: ROLAND EMMERICH

CAST: ED SKREIN, LUKE EVANS, NICK JONAS, MANDY MOORE, WOODY HARRELSON, DENNIS QUAID, PATRICK WILSON U. A.

 

Was will man genretechnisch mehr, als vor Sichtung des neuen Emmerich den passendsten aller Trailer vorgesetzt zu bekommen: nämlich jenen von Top Gun: Maverick. Da klingeln die unverkennbaren Takte Harold Faltermeyers in den Ohren, und ein ewig junger Tom Cruise schmeißt sich ins Cockpit – wie in den guten alten Achtzigern. Dann, bevor das Coming Soon auf der Leinwand erscheint, bekommt Maverick noch folgende abgebrühte Weisheit mit auf den Weg: „Die Zeiten für Typen wie dich sind vorbei.! Daraufhin Maverick: „Ja… nur nicht heute.“ Mehr braucht es also nicht, um auch den darauffolgenden Hauptfilm zu charakterisieren. Hier zwängen sich Typen hinter die Konsole, deren Zeit zwar historisch betrachtet vorbei ist, die aber ob ihrer Heldenstatus genauso nüchtern über die Schulter selbiges raunen könnten wie Good Old Tom: Die Rede ist von den Flieger-Assen während der Schlacht um Midway.

Ich hatte mal nebst meiner Junggesellenwohnung einen hochbetagten Nachbarn, der war im Zweiten Weltkrieg in Italien stationiert, rund um Monte Cassino. Unter anderem hatte er dort ob seines künstlerischen Talents Szenen des Krieges nachgemalt, vorwiegend Flugmanöver, die ungefähr so farbenfroh, pittoresk und ikonisch ausgesehen haben wie nahezu jede Einstellung in vorliegendem Kriegsfilm, der so weit entfernt ist von einem Antikriegsfilm wie Emmerichs 10.000 BC von Jean Jacques Annauds Am Anfang war das Feuer. Midway – Für die Freiheit ist vielmehr ein Schlachtenepos, und steht als solches völlig losgelöst von einem Weltkrieg dar, der in all seiner Schrecklichkeit relativ ausgespart wird. Verständlich, einerseits, denn Emmerich will sich nur auf eines konzentrieren: auf eine akkurate Rekonstruktion der Geschehnisse, die zur größten Seeschlacht des 20. Jahrhunderts geführt haben. Schiffe versenken Dreck dagegen – Midway war die Mutter aller Raster- und Kreuzchenspiele, allerdings in natura, und mit Verlusten auf beiden Seiten. All die Gefallenen bleiben natürlich nicht unbedacht, die Helden der Lüfte explodieren entweder in einem Feuerball oder stürzen ins Meer, gehen mit ihren schwimmenden Untersätzen unter oder werden auf grausige Weise mit einem Gewicht an den Füßen im Ozean versenkt. Dieses Gefecht hat Geschichte geschrieben, und jene, die es interessiert, bekommen relativ haarklein und maßstabsgetreu einen Bericht vorgelegt, der in seiner erzählerischen Strenge und gewissenhaften Chronologie die Herzen aller Kriegshistoriker und Hobbystrategen höherschlagen lässt. Ein Militärfilm also erster Güte, im Grunde fast komplett vor Blue Screen gedreht, und das Meer steckt in einer dieser Studiohallen irgendwo auf einem Filmgelände. Eine adrette Illusion, die Emmerich da mit all seinen Experten geschaffen hat.

Geflogen wird jede Menge, die Sturzflüge auf japanische Flugzeugträger präsentiert der Film am liebsten inklusive Sogwirkung, während links und rechts an den Ohren vorbei ratternde Salven ins Leere flitzen. Das ist traditionelles, aber auch distanzloses Gefechtskino, und alles zusammen irgendwie Retro, was aber vielleicht an der ganzen Ausstattung liegt, von der ledernen Sturmhaube bis zur ventillastigen Innenausstattung diverser U-Boote, die szenenweise an Wolfgang Petersens Das Boot erinnern. Midway – Für die Freiheit ist wie eine Sonderausstellung in einem heeresgeschichtlichen Museum. Das kann ganz interessant sein, und ist es auch, wenn man nicht genau weiß, wie der Seekrieg damals ausgegangen ist und Richard Fleischers Version aus den 70ern mit Charlton Heston schon zu weit zurückliegt. Allerdings – Emmerichs Ausflug in die Ära der hemdsärmeligen, tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten will zwar nach eigener Aussage des Regisseurs die Ängste und Sorgen der im Einsatz befindlichen Jungmänner in den Fokus rücken, muss aber diesbezüglich bald W.O. geben. Was Midway da gelingt, sind bestenfalls emotionale Phrasen, die wir in Top Gun eben auch finden, die ohne US-amerikanischer Ehre nichts anzufangen wüssten, und die mitunter geflissentliches Augenrollen fördern. Aber so ist es nun mal bei solchen Filmen, die so pathetisch sind, dass man gerne gewusst hätte, wie es wohl wirklich war, damals, im Krieg. Das zeigt uns Midway – Für die Freiheit nur anhand seiner Fakten, nicht aber anhand eines weniger reingewaschenen, menschelnden Ist-Zustandes. Dabei versucht Emmerich sein bestes, so wenig dick aufzutragen wie möglich, und sticht genreähnliche Vorgänger wie Michael Bays Pearl Harbor in Sachen Kitsch in geschickten Flugmanövern um einige Breitengrade aus. Ein seltsam biederer Heroismus bleibt aber trotzdem, immerhin aber bemüht rechtschaffen und durchaus informativ.

Midway – Für die Freiheit

Mr. Long

KOCHEN UND KILLEN

8/10

 

mrlong© 2017 Rapid Eye Movies

 

LAND: JAPAN, TAIWAN 2017

REGIE: SABU

CAST: CHANG CHEN, YI TI YAO, RUN-YIN BAI, RITSUKO OHKUSA U. A.

 

Wortkarg, auf leisen Sohlen, und 100% tödlich: Eigenschaften, die Profikiller haben sollten, um ihren Job zu machen. Dieses Knowhow besitzt Leon – der Profi genauso wie die zwangsrekrutierte Nikita oder die Filmfiguren eines Takeshi Kitano. Oder eben Mr. Long, dessen wirklicher Name ein Geheimnis bleibt und der noch weniger spricht als Jean Reno in seiner besten Rolle. Mr. Long sagt eigentlich gar nichts, killt und verschwindet. Die Aufträge, die er annimmt, erfüllt er ungefähr genauso mit blutiger Raffinesse wie Denzel Washington als Equalizer, der schon so manchen Antagonisten mit Bleistift oder Löffel unter die Erde gebracht hat. Mr. Long greift aber gern zum Messer. Was für eine Sauerei danach, aber um die sollen sich andere kümmern. Bis plötzlich einer der Aufträge, für den er nach Japan reist, seltsam misslingt, als hätte die Zivilperson gewusst, dass das Unheil auf leisen Sohlen sich seiner annehmen wird. Der stoische Taiwanese wird verletzt, kann flüchten, die Häscher hinter ihm her – und versteckt sich zwischen den Bungalows einer brach liegenden Wohnsiedlung.

Das wäre, so könnte man sagen, dass Ende einer Karriere, würde da nicht ein kleiner Junge auf der Bildfläche erscheinen, der sich bemüßigt sieht, der blutenden Gestalt in der Gosse helfend die Hand zu reichen. Ein Schutzengel. Oder Fügung des Schicksals. Doch warum nur? Mr. Long lässt sich natürlich helfen, muss also zusehen, wie ihm geschieht, bekommt gar nicht so richtig auf die Reihe, welche Amnestie ihm da zuteilwird. Und er beginnt, während er genest, zu kochen. Suppen vor allem, und der kleine Junge, der isst mit. Sowas wie Freundschaft lässt sich erahnen. Doch ob Mr. Long zu so etwas fähig ist, lässt sich nicht erkennen. Klar wird nur, dass der Junge auch seine drogensüchtige Mutter mit ins Spiel bringt, und überhaupt wird noch eine ganze Handvoll anderer Leute auf die verführerischen Düfte diverser Suppen aufmerksam, die durch das verwahrloste Areal wehen.

Das japanische Kino hat mit Mr. Long einmal mehr bewiesen, wie virtuos und unberechenbar es sein kann, wie berührend und erschreckend zugleich. So, wie sich diese Filmerfahrung entwickelt, nämlich sorgfältig, langsam und niemals überstürzt, welche Richtung sie nimmt und welche Schicksale hier noch als Querschläger die Ballade einer verlorenen Seele devastieren, ist von einer Art und Weise, wie es nur das asiatische Kino zustande bringt. Wiedermal wird die Diskrepanz zwischen der narrativen Virtuosität von Filmen aus Fernost zur eher zögerlichen Skepsis Hollywoods, stereotype Erzählstrukturen zu unterwandern, so deutlich wie nie. Mr. Long ist ein so dermaßen ambivalentes Thrillerdrama, dass es schwerfällt, sich auf irgendeine Situation einlassen zu wollen. Dennoch: angesichts dieser Sogwirkung artfremder Kompositionen muss man es. Der japanische Filmemacher Hiroyuki Tanaka, bekannt unter dem Künstlernamen Sabu, hat mindestens etwas so nachhaltig Bewegendes geschaffen wie Takeshi Kitano seinerzeit mit Hana Bi – Feuerblume. Und das, weil er erstens ein ungemein menschliches Drama rund um scheinbar ausweglose Schicksale schonungslos auf die Leinwand heftet, zweitens mit subtilem Humor eine kulinarische Erfolgsgeschichte mit viel Liebe zum Detail auftischt, die ungefähr so geschmackvoll zubereitet ist wie Ang Lees Eat Drink Man Woman, und drittens einen knallharten Killerthriller vor sich hermeucheln lässt, dessen hässliche Effektivität nur die erlösende Antwort ist auf erschütternd perfide Methoden der Unterdrückung. Das hat eine Wucht, kann ich sagen, das berührt und verstört mitunter auch zutiefst, sofern es einem schwerfällt, sich von der Vorstellung zu distanzieren, dem Bösen ausgeliefert zu sein. Mr. Long zwängt sich in diese Tragödie wie ein Freiheitskämpfer wider Willen, wie einer, der zumindest nicht dem Bösen, sondern dem Leben an sich ausgeliefert ist, weil er nichts davon steuern, sondern nur einsetzen kann, was ihn auszeichnet: Kochen und Killen.

Mr. Long

Shoplifters

FAMILIE KANN MAN SICH AUSSUCHEN

7,5/10

 

shoplifters© 2018 Filmladen

 

LAND: JAPAN 2018

REGIE: HIROKAZU KORE-EDA

CAST: LILY FRANKY, SEKURA ANDÔ, MAYU MATSUOKA U. A. 

 

Bei Oma ist es doch am Schönsten. So sieht es zumindest mal auf den ersten Blick aus. Oma wohnt allerdings in einem kleinen Häuschen mit Garten, das vollgeräumt ist mit Dingen, und eigentlich viel zu wenig Platz bietet für fünf Personen, die hier auf engstem Raum leben. Vor allem wenn es kalt ist, hier in Tokio, lässt sich nicht mal der Garten nutzen. Bei fünf Personen bleibt es auch nicht, bald sind sechs Mäuler zu stopfen, weil ein kleines, verwahrlostes Mädchen bei den scheinbar unbekümmert vor sich hin lebenden Fünf wohl besser aufgehoben ist. So finden das Nobyo und Osamu, die das Kind entdecken und sich seiner annehmen. Wie es aussieht, scheinen die leiblichen Eltern den ungeliebten Nachwuchs gar nicht mal zu vermissen. Da ist es besser, Kind sucht sich eine andere Familie. Denn die kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen, da muss der Nachwuchs nehmen, was er bekommen hat. Die Familie um Osamu scheint hier aber die bessere Wahl zu sein. Wobei nicht ganz klar ist, ob Omas Schützlinge allesamt zueinander gehören oder nicht. Blut scheint hier kaum dicker als Wasser zu sein, und mit Vorbildwirkung nehmen es die Älteren auch nicht so genau. Osamu nämlich, der als Vaterfigur gesehen werden will, bessert das Haushaltsbudget gerne mit Ladendiebstählen auf. Das macht er mit seinem Ziehsohn Shota, der darin immer besser wird, allerdings braucht es da ein ausgeklügeltes Fingerritual vor jedem Coup, denn der scheint spirituell vor dem Erwischen zu schützen.

In diesem japanischen Familiendrama der anderen Art nimmt der Zuseher lange die Rolle des Wartenden ein, der nicht in die privaten vier Wände gebeten wird, und kaum einer Geschichte folgt, sondern nur Zeuge alltäglicher Rituale einer Gemeinschaft wird, die man allgemein eben als Familie bezeichnet. Einer Familie am Rande oder am Existenzminimum, auch bezeichnet als Präkariat, also dem Über-Leben in einer prekären finanziellen Situation, in der im schlimmsten Falle nicht mal Anspruch auf Versicherungsschutz besteht. Sozial gesehen ist das ein ziemliches Abstellgleis, sichtbar sowieso überall in den Großstädten Südostasiens, in diesem Falle eben Tokio, wo sich die urbane Existenz in Fleiß, Arbeit und beruflicher Hingabe manifestiert. Wo emotionale Nähe wirklich etwas ist, was man sich kaufen muss. Und wofür Familie längst nicht mehr steht. Das ist ein trauriges Bild einer Gesellschaft unter Druck. Und da kann es schon sein, dass gesellschaftliche Kreativität das einzige ist, was vor dem werteverlorenen Nichts retten kann. Ein kleines Paradies also, versteckt im Straßenwirrwarr einer Millionenmetropole, mit etwas Grün vor der Haustür und einer gemeinsamen Not, die zusammen ein Stück Glück ermöglicht. Familie ist demnach also etwas, das kein Echtheitszertifikat braucht, was auch ohne gemeinsame Gene funktioniert, was einfach durch Zuhören, Achtsamkeit und gegenseitiger Verantwortung wirklich erst das wird, wofür sich diese Mikrogemeinschaft loben lässt.

Ein Film wie Shoplifters verabschiedet sich von den durchaus lobenswerten, aber redundanten Klischees des originären Familienbildes, welches grundlegend immer intakt ist, und nur durch äußere Einflüsse zerrissen wird. Disney zum Beispiel will im Rahmen seines Angebots familienfreundlicher Filme gar nichts anderes zeigen, und variiert seine Messages daher auch kein bisschen. Hirokazu Kore-Eda verabschiedet sich von dieser Zweckform, löst seine Geborgenheit suchenden Gestalten aus jeglicher Zugehörigkeit, macht sie alle zu Waisen, obwohl sie es eigentlich nicht sind. Und dann geschieht das, was in Shoplifters geschehen ist – das Soll einer Familie bündelt die Umherirrenden wie Trabanten in der Umlaufbahn. Dass dieser Zustand nicht ewig halten kann, wird irgendwann klar. Das passiert relativ plötzlich, und die Harmonie unter dem Glassturz, der es dadurch auch schwer macht, als Zuseher ein Teil davon zu sein, wird durchbrochen. Plötzlich aber kann ich mich den Individuen nähern, lerne ihre Geschichten kennen, will nicht, dass der isolierte, zeitlose Zustand auf Dauer bestehen bleibt. Kore-Eeda findet intensive Bilder für seine Ballade, teils durchdrungen von den Lichtern einer Großstadt, teils dringt die Kamera indiskret in den engen Fuchsbau einer Gemeinschaft ein. Man hört sie Suppe schlürfen, palavern, lachen, es ist ein geordnetes Chaos. Letzten Endes aber nur reiner Zweck, der den evolutionären Sinn einer Familie zweckentfremdet. Shoplifters ist ein Film auf der Suche nach Nähe, eine aufrichtige Studie, mit Sympathie für seine Seelen, die als Einzelgänger verloren wären.

Shoplifters

Pokémon Meisterdetektiv Pikachu

MONSTER FÜR ZWISCHENDURCH

5/10

 

pikachu© 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA, JAPAN 2019

REGIE: ROB LETTERMAN

CAST: JUSTICE SMITH, KATHRYN NEWTON, RYAN REYNOLDS, KEN WATANABE, SUKI WATERHOUSE, BILL NIGHY, RITA ORA U. A.

 

Diese Dinger sind wie Schokoriegel: süß, handlich und immer mit dabei. Pokémon eben. Für die, die es noch nicht wissen: Pokémon ist die Sparversion des japanischen Ausdrucks Poketto Monsuta, was so klingt wie Pocket Monster und auch genau das bedeutet. Obwohl – so klein sind die Dreikäsehochs nun auch wieder nicht. Aber süß und immer mit dabei, das sind sie schon. Knuffiger Bonus obendrein: Pokémons kann man (zum Glück?) nicht verstehen, sie quaken und quietschen und fiepen, maximal bringen sie ein Wort zustande, das sie repetativ verwenden. Wie PSY-Entenwesen Enton. Wer mit Pokémons nie etwas am Hut hatte oder sich dem Hype vor ein paar Jahren, nämlich Pokémons überall im Land via App zu suchen, der kann sich dennoch getrost in den Film setzen. Denn so wirklich komplex ist das Universum im Film bei weitem nicht. Auch wenn die Namen der jeweiligen Kreaturen nicht geläufig sind – keine Angst, sie werden vorgestellt. Und die Range ist überschaubar. Im Zentrum des ganzen plüschig-amphibischen Abenteuers: Mega-Pokémon Mewtu, seines Zeichens die Urform aller Kreaturen und einer göttlichen Erscheinung gleich über den Dingen schwebender Endgegner, dessen Auftauchen für einige Unruhe in Ryme-City sorgt – der Stadt, in der Menschen und Pokémons in einer schillernden Koexistenz zusammenleben. Man könnte all diese Kreaturen aus diesem alternativen Universum auch durch Hunde ersetzen, magische Hunde, die mehr können als nur bellen, das Stöckchen holen und mit dem Schwanz wedeln. Ein sonntäglicher Spaziergang im Park könnte sich in Anbetracht der über den weg laufenden Hunderassen tatsächlich auch so anfühlen, und es lässt sich aus dem Ärmel geschüttelt so tun, als wäre Ryme City gar nicht mal so weit entfernt. Von diesen gepflegten und umhegten Taschen- und Dauerbegleitern für Zwischendurch gibt es mittlerweile über 800 verschiedene. 53 davon kommen im Film vor – ja, das könnte hinkommen. Vom Schlabber-Klecks bis zum Feuer speienden Drachen ist da alles dabei.

Und die Darstellung dieser Welt, die funktioniert wirklich gut. Dabei werden Erinnerungen an Roger Rabbit wach – da hielten Cartoonfiguren jedweder Art, allerdings mit viel mehr Wortgewalt, das Zusammenleben mit den Menschen für eine gewinnbringende Kosten-Nutzen-Rechnung. Bis dem teuflischen Christopher Lloyd die ganze gechillte Gesellschaftssymbiose zuwiederlief. Pokémon Meisterdetektiv Pikachu startet mit einem ähnlichen Setting, nämlich dem einer Detektivgeschichte. Statt Bob Hoskins tritt nun Jungspund Justin Smith das Erbe seines verschwundenen Vaters an – und hat das kultige Pelzknäulel Pikachu mit dem Zickzackschwanz von nun an an der Backe. Wundersamer Bonus: Pikachu kann sprechen, und lässt sich auch verstehen. Was es spricht, klingt nach Deadpool Ryan Reynolds, allerdings jugendfrei. Unter diesen Voraussetzungen ist das ungleiche Gespann bald auf heißer Spur unterwegs, muss Feuer speiende Ringkämpfer abwehren, die Gestik eines Pantimos interpretieren oder rabiate Griffel loswerden. Das klingt jetzt sogar ein bisschen nach dem Tierlexikon eines Newt Scamander, so gesehen in Phantastische Tierwesen. Ja, irgendwie ist es das auch – aber dann doch ganz anders. Denn diese entworfene urbane Koexistenz, die hat ihren Reiz, sowohl optisch als auch in den Szenen eines bunt-bereichernden Alltags, der die Artenvielfalt preist.

Was dann doch hinterher trippelt wie die kleinen Pfoten des gelben Promi-Pokémon, das ist der austauschbare Plot. Natürlich, es ist mühsam, einen phantastischen Familienfilm zu entwickeln, der Nachwuchs wie Eltern begeistern kann. Der die Charakterlichkeit der Pokémons nicht verändert und den Nintendo-Kult ehrt. Was dabei rauskommt, ist viel plastische Liebe zum realistisch anmutenden Detail, irgendwo zwischen den Muppets und dem Revival von Marvels Howard, ein tierischer Held. Im Grunde aber sind all diese Geschichten sehr ähnlich. Und hinter der visuellen Finesse von Pokémon Meisterdetektiv Pikachu versteckt sich eine Krimikomödie vom Fließband, die sich durch keinerlei Besonderheiten auszeichnet, sondern trotz all seiner erzwungenen Story-Twists so vorhersehbar ist wie das Scheitern von Pechvogel Donald Duck. Da fehlt einfach das gewisse Etwas, und Konfusion ist nicht gleich Komplexität. Meistens ist eine stringentere Story die dichtere – weil dann auch noch Zeit bleibt, näher auf das Knuddel-Verhältnis zwischen Mensch und Fellknäuel näher einzugehen. Das hat Rob Lettermann (u. a. Gänsehaut) teilweise ziemlich verabsäumt, und bis auf Enton wächst einem so keiner richtig ans Herz. Der Handlung, der können Grundschul-Kids sowieso nicht mehr ganz folgen, und selbst Erwachsenen fällt dieses bemühte Hin und Her bald schon auf den Wecker, ohne es verstehen zu wollen. Was bleibt, ist ein zitatenreiches, buntes Abenteuer sowohl für Kenner als auch für Anfänger (wie mich), ein Elysium der Kuscheltiere, die zu teilautonomen Haustieren werden und das Alltagsleben versüßen, während irgendwo im Hintergrund ein holprig recycelter Familienkrimi vonstatten geht, der sich oft verfährt und letztendlich in einem Schema-F-Getöse mündet, das ermüdet. Schön, wenn nach der Heimkehr aus dem Kino dann das eigene Tierchen auf einen wartet – vielleicht mit einem Upgrade?

Pokémon Meisterdetektiv Pikachu

Alita: Battle Angel

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

8/10

 

alita© 2019 20th Century Fox Deutschland GmbH

 

LAND: USA, ARGENTINIEN, KANADA 2019

REGIE: ROBERT RODRIGUEZ

CAST: ROSA SALAZAR, CHRISTOPH WALTZ, JENNIFER CONNELLY, MAHERSHALA ALI, ED SKREIN, KEEAN JOHNSON, JACKIE EARL HALEY U. A.

 

Was haben Tim Burton und Robert Rodriguez gemeinsam? Augenscheinlich erstmals nichts, doch eigentlich machen beide große Augen. Burton hat die True Story von Margaret Keane erzählt, die Portraits trauriger Kinder mit exorbitant gepimptem Sehsinn aufs Papier gebracht hat. Die Künstlerin, die ewig im Schatten ihres Mannes gestanden hat, hätte mit Sicherheit an der Manga-Ikone Alita ihre Freude gehabt. Wüssten wir nicht, dass Alita ganz anderen Quellen zuzuordnen ist, hätte Margaret Keane – wäre sie dem Gestalten von Graphic Novels zugetan gewesen – einen Charakter wie Alita ohne weiteres entwerfen können. Die Blicke, die das Cyborgmädchen austeilt, sind mitunter genauso sehnsüchtig, unsicher und traurig wie jene Gesichter, die in den 60ern auf allen möglichen Printmedien in hohen Auflagen gedruckt wurden. Was Burton und Rodriguez noch gemeinsam haben – und das betrifft sogar noch die gleichen beiden Filme: Das ist Christoph Waltz. Große Augen, und nebstbei einer, der es gut meinen will. Gut, in Big Eyes wohl weniger, in Alita: Battle Angel sehr wohl. Waltz ist diesmal so was wie eine Art Geppetto, ein Prothesenschuster für biomechanische Roboter, für Cyborgs eben, deren einziger wesentlicher Unterschied zu seelenlosen Robotern darin besteht, dass sie eben Seele haben, ein menschliches Gehirn – und ein Gesicht. So gesehen unterscheidet sie von einer rein organischen Person eigentlich gar nichts, geht es doch in erster Linie um die Persönlichkeit eines Wesens, um dessen Fähigkeit, abstrakt zu denken, vor allem zu fühlen – und diese Gefühle zu zeigen.

Alita – das ist der Pinocchio des neuen Jahrtausends. Der Fuchs und der Kater – das sind Kopfgeldjäger und grimmige Schlächter, die auf wehrlose Menschen losgehen und menschliche Organe beschaffen sollen – für einen kafkaesken Überherren, der sich Nova nennt, der in der einzig noch übrigen schwebenden Stadt namens Salem seine verschwörerische Herrschaft ausübt – und den wüsten Moloch darunter, nämlich Iron City, als millionenschweres Ersatzteillager sieht. In diesem urbanen Machts- und Ohnmachtsgefüge entdeckt unser Geppetto in den Untiefen eines Schrottplatzes indischer Größenordnung den Torso eines künstlichen Mädchens, nimmt diesen mit und schenkt der Kleinen einen neuen Körper – nicht ganz uneigennützig, wie sich später herausstellen wird. Alita kann sich an nichts mehr erinnern, ist wie ein kleines Kind, entdeckt, was es kann und wozu es fähig ist – und begreift, dass ein „Hardbody“ wie sie etwas verspürt, was doch eigentlich nur rein organische Menschen können: Liebe.

Und genau darin liegt die Qualität dieses beeindruckenden Cyberpunk-Märchens, das schon jetzt zu einer der größten Überraschungen des Kinojahres 2019 gehören könnte. Alita: Battle Angel strotzt nur so vor kybernetischen Kreationen – diese Freakshow an mechanischen Mutationen, Missgeburten und Verwandten des Terminator lässt das eher sterile Ghost in the Shell oder die Dystopie von Mad Max ziemlich blass aussehen. Wer hier durch die eiserne Stadt des 26. Jahrhunderts streift, darf wirklich nicht schreckhaft sein. Da wäre mir spontan gesagt lieber, all die künstlichen Menschen gar nicht mal als solche unterscheiden zu können. Doch wäre das besser? Dann hätten wir einen Ist-Zustand ganz so wie in Blade Runner, wo das Gespenst sozialer Hackordnung wie ein schwermütiger, bedrohlicher Feinstaub über all den Straßen und Neonlichtern liegt. Oder Battlestar Galactica, wo die Zylonen nicht mal selbst wissen, ob sie künstlich sind oder nicht. In Alita legt die Gesellschaft einer fernen Zukunft gleich alle Karten auf den Tisch. Man weiß, woran man ist. Man sieht mit Schrecken, wer hier seine Damaszenerklinge schwingt. Vielleicht macht das ein gesellschaftliches Zusammenleben einfacher und Hexenjagden unmöglich. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, das die Cyborgs aus dem Alita-Universum im Grunde zwar nach humanoiden Mustern konstruiert sind, das Menschsein in dieser fernen Zukunft aber von wenigen, aber bestimmten Faktoren abhängt. Ein Cyborg zu sein ist in so einer Welt womöglich bereits von Vorteil. Dennoch bewahren sich diese Individuen etwas, wofür es keine künstliche Alternative gibt: Nämlich ihr Gesicht. Da können die Maschinen noch so monströs sein, wie im Falle von Grewishka – doch selbst dieses Ungetüm trägt den Spiegel seiner wütenden Emotionen als menschliches Antlitz zwischen all seiner Hydraulik. Zu sehen, wie der andere lacht, weint, wie er wütend wird oder glücklich ist – die Mimik eines Menschen ist durch nichts zu ersetzen, sie ist das Buch der Emotionen und des Empfindens. Womöglich hätte C-3PO selbst gern so ein Gesicht – aber der ist ja ein Roboter.

Gegenwärtig lassen die sozialen Medien dieses Buch der Emotionen außen vor, und die Posting-Plattformen verkommen zur Selbstironie. Da helfen nicht mal mehr Emoticons, diese genormten Abziehbilder ohne Persönlichkeit. Da sind die Maschinenmenschen in ferner Zukunft schon wieder etwas klüger. In ihren Gesichtern steckt die Würde ihres Selbst. Und im Gehirn sitzt die Seele. Der Mensch – auf das Wesentliche reduziert. Und das Unwesentliche ist austauschbar. So wechselt auch Alita irgendwann ihren Körper, bleibt aber immer sie selbst. Und was die wichtigste Erkenntnis dabei ist: Ob Androiden von elektronischen Schafen träumen, sei dahingestellt – Cyborgs tun das auf jeden Fall.

Robert Rodriguez, mit El Mariachi zu Kult gewordener Filmpionier und Sin City-Co-Regisseur, hat den Einstand der Manga-Legende auf richtige Bahnen gelenkt. Alita: Battle Angel fasziniert längst nicht nur mit freilich atemberaubenden Kamerafahrten, verblüffender CGI und epischen Kulissen – sondern allen Mätzchen und hochschraubenden Action-Extras voran mit einer klar umrissenen, liebevoll modellierten und berührend responsiven Protagonistin, die, obwohl selbst noch ein Teenie, alle um sie herum ganz klein werden lässt. Aber nicht, weil Alita einschüchternd wäre. Das ist sie nicht. Sie ist kein Vamp und keine Amazone. Keine integre Wonder Woman oder schnoddrige Buffy. Sondern ein Wesen mit der einnehmenden Aura eines grundunschuldigen Schützlings mitsamt Kindchenschema, das seine Wirkung nicht verfehlt. Alita ist eine selbstlose Kriegerin, eine Johanna von Orleans, bereit, sich selbst zu opfern. Ob die Inquisition auf sie wartet, bleibt ungewiss. Das hängt ganz davon ab, ob das straff und elegant erzählte Coming of Age-Abenteuer zwischen Rollerball, Elysium und Judge Dredd mit all seiner visionären Opulenz, die aber niemals plump Vorbilder zitiert, genug Publikum ins Kino lockt. Und ich hoffe inständigst, das wird er, würde ich doch allzu gerne wissen, was das Schicksal für die kindliche Nemesis bereithält. James Cameron womöglich auch. Der muss selbst große Augen gemacht haben, in Anbetracht dessen, was Rodriguez hier kreiert hat. Besser hätte es der Avatar-Visionär wohl selbst nicht hinbekommen. Die großen Augen mache auch ich, und trotz all des blanken, kalten Stahls, der da funkensprühend aufeinander trifft, lädt Alita: Battle Angel auf eine ganz eigene, bezaubernde Art zum Schwärmen ein.

Alita: Battle Angel

Die rote Schildkröte

ZURÜCK ZUM URSPRUNG

6,5/10

 

dieroteschildkroete© 2016 Wild Bunch

 

LAND: FRANKREICH, JAPAN, BELGIEN 2016

REGIE & DREHBUCH: MICHAEL DUDOK DE WIT

 

Letztendlich hat es Tom Hanks dann geschafft. Nämlich, sich in Cast Away ein Floß zu bauen, und mit sonst nichts außer einer gehörigen Portion Todesmut, unverschämtem Glück und Hoffnung auf eine mögliche Zukunft das vermaledeite Eiland nach sieben Jahren zu verlassen. Die donnernden Brandungswellen, die sich an der Riffkante brechen, zu überwinden, ist nämlich eine Sache – die andere: da draußen in der Wasserwüste gefunden zu werden und nicht zu verdursten. Der namenlose Schiffbrüchige aus dem Animationsfilm Die rote Schildkröte kommt gar nicht mal so weit. Seine Fluchtversuche vor der quälenden Isolation enden stets mit dem Zerstörungsdrang eines sonderbaren Wasserwesens, das sich, wie der Titel bereits verrät, als gigantische rote Schildkröte der Metaphysik einer widerspenstigen, menschenfeindlichen Natur bedient. Doch ist das feindliche am Verhalten dieses Tieres nicht ein Trugschluss? Ist es nicht viel mehr der Mensch selbst, der seiner eigenen Natur feindlich gegenübersteht, und stets bemüht ist, sich diesem Ursprung zu entziehen?

Der erste abendfüllende, handgezeichnete Trickfilm des Niederländers Michael Dudok de Wit ist so etwas wie ein kosmopolitisches Kunstwerk, dass sich vor allem sprachlich keinem lingualen Erdkreis unterordnet, weil es eben über keine Sprache verfügt. Was de Wit zeigt, passiert auf paraverbaler Ebene und findet seinen Ausdruck jenseits des Graphischen in den Klängen, die Land, Wasser und Wind bereit sind, preiszugeben. Ein Stummfilm ist es also nicht, genauso wenig wie Nikolaus Geyrhalter´s menschenleerer Dokufilm-Essay Homo Sapiens – ebenfalls eine Komposition, die mit den Geräuschen auskommt, die Wind und Wasser erzeugen. Der Homo sapiens, der anfangs noch glaubt, mit der roten Schildkröte in einem Wettkampf um Leben und Tod ringen zu müssen, wird bald zu einer Einsicht über das menschliche Dasein selbst gelangen, so isoliert, einsam und weltvergessen er auch sein mag. Denn Die rote Schildkröte, sie scheint in Wahrheit etwas ganz anderes zu sein. Etwas, wofür es sich lohnt, ein Inseldasein zu führen, weit weg von allem Gedränge und all den störenden Einflüssen einer nach allen Richtungen strebenden, fordernden Gesellschaft. Was folglich bleibt, wenn nichts und niemand mehr da ist, das ist die kleinste verbindende Entität, die mit dem Ur-Wesen unseres Planeten im schadlosen Einklang existieren will – das Dreieck Familie aus Mutter, Vater und Kind. Und irgendwann, scheinbar Augenblicke später nur, zerfällt auch diese. Und wird Teil des Ganzen, zum Teilchen innerhalb des Perpetuum mobile des Lebendigen, das immer schon da war, formuliert aus all den natürlichen Gesetzen.

Für den Oscar 2017 als bester animierter Spielfilm nominiert, ist Die rote Schildkröte ein Spiel der Gedanken und Assoziationen und führt in philosophischen und humanistischen Metaphern den Menschen als Inselwesen auf das eigentlich Wichtige zurück. Das mag manchmal seltsam entrückt, geradezu befremdend und beklemmend einsam sein, kehrt aber den Status Quo der eigenen Entfremdung vom Ursprung hervor. Das ist erfrischend erkenntnisreich, und trotz oder aufgrund all der magisch-poetischen Entrücktheit des Filmes vor allem wehmütig, wenn es um wertvolle, viel zu schnell vergangene Momente des gemeinsamen Glücks geht. Tröstend aber, dass wir niemals verloren gehen. Und wieder zum Teil einer Natur werden, die sich als Fels, Meer, Palme – oder vielleicht als Schildkröte – neu manifestieren kann.

Die rote Schildkröte

Isle of Dogs – Ataris Reise

HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN?

6,5/10

 

isleofdogs© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, DEUTSCHLAND 2018

REGIE: WES ANDERSON

MIT DEN STIMMEN (OV) VON BRYAN CRANSTON, EDWARD NORTON, SCARLETT JOHANSSON, KOYU RANKIN, BILL MURRAY, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

Ihr kennt doch alle diese Bücher, die meist irgendwelche Märchen erzählen, und die, wenn man sie aufmacht, eine ganze Landschaft oder auch ganze Interieurs entstehen lassen, fein säuberlich aus Karton gestanzt, in mehreren Ebenen hintereinander montiert, um Tiefe zu simulieren. Meist lassen sich solche Bücher auf Floh- oder Weihnachtsmärkten finden. Die Produktion solcher Pop-Up-Bücher ist immens aufwendig, meist in Kleinauflage, und dementsprechend teuer. Der neue Film des in seinem Stil unverkennbaren Wes Anderson fühlt sich vergleichbar an. Wie eines dieser Bücher, mit nur wenigen Seiten, die aber im Querformat am Tisch liegend sachte geöffnet werden, bei jeder Seite ein staunendes Aufseufzen des Betrachters. Akribisch sucht der Leser jeden Winkel des staubfrei geschnittenen Sammelsuriums liebevoller Details ab, um natürlich nichts zu versäumen. Denn allzu oft will der Bucheigner sein Kunstwerk nicht vorführen müssen – oder gar selbst die fragilen Seiten zerlesen. Welch ein Glück aber auch – die Parabel Isle of Dogs – Ataris Reise ist nur ein Film, und ein Film lässt sich immer und immer wieder ansehen, ohne Abnützungserscheinungen. Was ratsam wäre, wie bei allen Filmen von Wes Anderson, denn die akkurate Perfektion des unheilbaren Perfektionisten lässt sich nicht auf einmal in seiner Gesamtheit erfassen.

Trickfilme sind eine Sache, Isle of Dogs eine andere. Und vergleichbar mit gar nichts. Angesiedelt in einem Japan der nahen Zukunft, wird die fiktive Stadt Megasaki von einer Hundeplage heimgesucht, die allerlei Krankheiten mit sich bringt, denen sich der Mensch nicht mehr erwehren kann. Megasakis Bürgermeister macht kurzen Prozess – und lässt alle Hunde, ob Streuner oder gepflegter Schoßhund, auf eine vorgelagerte Müllinsel deportieren. Darunter auch den Hund von Atari, dem Mündel des Bürgermeisters. Der 12jährige Junge wagt das Abenteuer seines Lebens – und begibt sich per Flugzeug in die verbotene Zone, um seinen vierbeinigen Freund zu suchen. Nach der unvermeidlichen Bruchlandung und einigen anderen Hunden im Schlepptau macht sich das Mensch-Tier-Kommando auf eine bizarre Reise durch eine postapokalyptische, menschenfreie Welt bis ans andere Ende der Insel.

Wes Anderson schlägt in seiner mit Trommelrhythmen unterlegten Bildgewalt alle seine bisherigen Werke über Längen. Selbst The Grand Budapest Hotel verblasst ein wenig angesichts dieser puppenhausgroßen Tableaus, die Isle of Dogs Szene für Szene vom Stapel lässt. Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jedes Bewegtbild ist das Ergebnis eines im Vorfeld durchdachten, arrangierten Konzepts, auf den Millimeter genau in Position gebracht. Improvisieren ist hier nicht, aus dem Bauch heraus die Leinwand bepinseln – nicht auszudenken. Anderson lässt sich nicht lumpen, am Trickfilm-Set hat alles seine Ordnung. Diese Ordnung unterwirft sich dem Dogma einer beschränkt dynamischen Sachlichkeit, die einem neurotisch sortierten Setzkasten gleicht. Komposition ist alles, den goldenen Schnitt stets bedacht, Ausgewogenheit auf der Schaubühne das Ziel des Visionärs. Seine bewusst verlangsamte Bildfolge bringt den Bewegungsfluss in marionettenhaftes Stocken, was aber genau so gewollt ist und den Zauberkasten namens Leinwand in etwas verwandelt, das nicht unbedingt nur mehr Kino ist, sondern ein unbenanntes Medium dazwischen. Bewegte Miniaturen, projiziert auf Großformat. Anders lässt sich Isle of Dogs nicht betrachten, schon gar nicht im Heimkino, denn da müsste man mindestens knapp einen halben Meter vor dem Bildschirm kauern, damit nichts verloren geht von dieser Fülle an mathematischem Formelreichtum.

Das Ergebnis dieses durchrechneten Arrangierens wirkt seltsam steril. Die kunstvollen Kulissen, davor all die Hunde, die in irrer Optik mal als Close Up, mal weit entfernt einen ungeheuren Raum erzeugen, der die Ebenendynamik von Pop Up Büchern bei Weitem sprengt – das alles ist zugegeben ziemlich virtuos, trotz allem berührt mich die Erwachsenen-Fabel auf Totalitarismus, Hetze und Faschismus nur bedingt. Zu klinisch ist Andersons Bühnen-Ornamentik. Vielleicht auch zu manieriert, jedenfalls von einer statischen, trockenen Pedanterie, die ihresgleichen sucht.

Isle of Dogs – Ataris Reise ist dennoch fraglos ein Kunststück, weit abseits von Gewohntem.

Isle of Dogs – Ataris Reise