In the Grey (2026)

IST PLANUNG WIRKLICH ALLES?

5/10


Eiza Gonzáles, Henry Cavill und Jake Gyllenhaal in Guy Ritchies Film In the Grey
© 2026 LEONINE Studios / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: GUY RITCHIE

KAMERA: ED WILD

CAST: EIZA GONZÁLES, HENRY CAVILL, JAKE GYLLENHAAL, ROSAMUNDE PIKE, FISHER STEVENS, CARLOS BARDEM, EMMETT J. SCANLAN, KRISTOFER HIVJU, CHRISTIAN OCHOA, KOJO ATTAH U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



In die Höhle des Löwen steigt man nicht einfach so. Jedenfalls nicht, wenn man sich Profi nennen und nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen will. Lebensmüden Abenteurern ist das vermutlich egal, Touristengruppen auch, die verlassen sich auf den Baedeker. Geldeintreiber ziehen die Sache etwas anders auf. Eiza Gonzáles ist so jemand. Eine, die von den ganz bösen Buben die Knete will, die sie anderen schulden – und keinen Grund sehen, ihren Kredit zu begleichen.

Männer bei Fuß

So eine Höhle des Löwen ist nichts, wo die adrette Mexikanerin alleine hingeht. Als Entourage links und rechts von ihr fungieren zwei Mannsbilder, mit denen man sich nicht anlegen will, so böse man auch sein mag. Und nein, es sind nicht Bud Spencer und Terence Hill, auch nicht Tony Curtis und Jack Lemmon, sondern der Prinz von Persien und niemand geringerer als Superman: Jake Gyllenhaal und Henry Cavill, beide sauber mit Dreitagebart, unauffälligem Peek & Cloppenburg-Outfit und darunter Nerven wie Drahtseile. Hier tragen sie die Hundenamen Sid und Bronco. Und ja, mit so jemanden kann Frau auch in Verhandlungen treten, denn die Pläne B, C und D sind geschmiedet.

Bereiten wir uns mal vor

Wir befinden uns In the Grey nicht nur in besagter Grauzone, denn so, wie Gonzáles Figur der Rachel Wild, die von ihren „Bluthunden“ auch des öfteren Ma‘am genannt wird, ans Geld der anderen kommen will, hätte das Gesetz wohl noch einiges zu beanstanden. Wir befinden uns auch auf einer Insel vor Spanien, auf Salazars Insel, auf der Javier Bardems Bruder Carlos als milliardenschwerer Unterweltboss die Übersicht hat – zumindest glaubt er das. Diesem Mann soweit die Hähne abzudrehen, dass er willig wird, das diplomatische Geschäftsgespräch zu suchen – dazu braucht es viel, wirklich viel Vorbereitungszeit und viele kleine Missionen. Viele Tests, viel Training, viel, ganz viel Planung.

Die Zeit drängt. Also beeilt euch.

Wie viel Zeit hat Guy Ritchie? Wir schauen auf die Stoppuhr: genau 98 Minuten. Also schnell, schnell – und am besten alles gleichzeitig. Also beginnt Eiza Gonzáles, aus dem Off zu erzählen, wie die Welt, also die ihre und die ihrer Branche – funktioniert. Nebenher dürfen Gyllenhaal und Cavill inkognito irgendwo auf der Welt die ersten Strippen ziehen und den großen Gangsterboss zum Weinen bringen. Zack, zack, zack, und Gonzáles spricht immer noch. Mitschreiben kann man dabei getrost vergessen, irgendwas wird schon hängenbleiben, denn in Wahrheit ist Ritchies Inkasso-Action sowieso nur halb so komplex wie sie den Anschein hat.

Planung ist das halbe Leben – oder der halbe Film

Wie muss Ritchie sein Drehbuch gnadenlos gestrafft haben, um diese Spielfilmlänge hinzubekommen! Andere benötigen für diese Sache vielleicht eine ganze Serienstaffel, der Vielfilmer, der sich irgendwann von seinen stilsicheren Qualitäten verabschiedet hat (kaum zu glauben, dass zu seinen Arbeiten Aladdin und Fountain of Youth zählen – der erste ist zumindest kurzweilig, der zweite eine Katastrophe), schafft das im Rekordtempo.

Und bevor das ganze Spektakel rund um diesen Salazar überhaupt erst beginnen kann, hat In the Grey so viel Erklärbedarf, das man versucht ist, das ganze Projekt überhaupt zu hinterfragen. Es braucht schon eine gewisse Dreistigkeit, zumindest ein Drittel des Filmes darauf zu verschwenden, zu demonstrieren, wie all die Fluchtrouten aussehen, die Rachel Wilde von der Insel bringen sollen.

Wann geht es denn endlich los?

Kann sein, dass man den Moment beim Zusehen verpasst. Irgendwann ist man mit unterwegs im von Henry Cavill gesteuerten Buggy, während links und rechts Projektile explodieren. Langweilig wird einem dabei zwar nicht, die ganzen Planungsdetails will man sich aber auch nicht merken. Und so ist es völlig egal, was passiert und was andere schwafeln – es ist wie bei so manchem Meeting, wo nach zwei Stunden wohl nur die letzten zehn Minuten relevant genug sind, um weitere Schritte darauf aufzubauen. Doch das ist ein anderer Film – der erst erklärt werden muss.

In the Grey (2026)

Mother Mary (2026)

DIE FURCHT VOR ROTEN TÜCHERN

4/10


Michaela Coel und Anne Hathaway in David Lowerys Mother Mary
© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE / DREHBUCH: DAVID LOWERY

KAMERA: ANDREW DROZ PALERMO, RINA YANG

CAST: ANNE HATHAWAY, MICHAELA COEL, HUNTER SCHAFER, FKA TWIGS, ISAURA BARBÉ-BROWN, JESSICA BROWN FINDLAY, SIAN CLIFFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Anne Hathaway bekommt die Mode nicht los. Eben erst wieder vor Meryl Streep buckelnd, kriecht sie nun reumütig zu Kreuze, um die Gunst einer Modedesignerin zu erlangen, die sie vor Jahren mies behandelt hat.

Wer ist das, der sich erlauben kann, so mit Leuten umzugehen? Jemand, der Einfluss hat. Millionen verdient. Und die Menge zum Jubeln bringt. Jemand wie Taylor Swift. Sie ist die Country-Pop-Ikone schlechthin, und man fragt und wundert sich vielleicht ab und an, wie geschmeidig so ein Dasein als Weltstar eigentlich ablaufen kann – eben auch im Alltag oder zwischen den Zeilen journalistischer Eskapaden.

Man stelle sich vor, Taylor Swift verschwände

Anne Hathaway ist aber nicht Taylor Swift, sondern lediglich ähnlich. Sie ist eine, die sich, allen Entrüstungen der katholischen Kirche zum Trotz, Mother Mary nennt. Klingelt da was? Natürlich, Madonna. Like A Prayer. So sind Mother Marys Bühnenshows fast schon so etwas wie sakrale Feierlichkeiten zwischen Farblichtwahnsinn, Glitterregen und Schwebebühnen.

Eine davon ist ihr zum Verhängnis geworden – ein Unfall hat dazu geführt, dass sich die aufgedonnerte Sängerin mit Heiligenschein von der Bühne zumindest vorläufig verabschiedet hat. Was ist der Grund für diesen Unfall gewesen, und überhaupt für dieses Verschwinden?

Herbergssuche für ein Pracht-Textil

Jetzt, nach dieser unfreiwilligen Auszeit, klopft es bei strömenden Regen an die Tür der renommierten Modeschöpferin Sam Anselm. Mother Mary steht vor der Tür, und sucht keine Herberge, sondern ein neues Kleid. Eines, dass ihrem Comeback gerecht wird und sie, nur sie in Textil, Stich und Schnitt darstellen soll. Ein Kleid, das alle Stücke spielen, jedes Lied vereinen und mehr oder weniger ihr ganzes Œuvre beinhalten soll. Wie kommt Anselm eigentlich dazu, hier die Feuerwehr zu spielen, haben sich beide doch, und zwar nicht ganz im Guten, aus den Augen verloren? Und ja, da war auch Liebe im Spiel, ganz viel Intimität. Zwei Herzen im selben Rhythmus. Und so weiter.

An Erlebtem herumschneidern

Handlungskern in diesem Film von David Lowery (Elliot, der Drache, Ein Gauner & Gentleman) ist dieses Kleid, das neu erschaffen werden muss. Doch wie lässt sich so ein Kunstwerk über persönliche und emotionale Kränkungen hinweg denn überhaupt gestalten? Und zwar so, dass es erfüllt, was es erfüllen soll?

Lowery verwickelt Anne Hathaway und die eindrucksvolle Michaela Coel, die aussieht wie Nina Simone in ihren jungen Jahren und mit ihrer faszinierenden Gesichtsphysiognomie und den großen Augen eine sphärische Aura entwickelt, der man sich nur schwer entziehen kann, in ein tiefschürfendes, lange andauerndes Gespräch.

Guckkästen in die Vergangenheit

Was ihm dabei anfangs gelingt, ist, diese beiden Figuren, trotzdem man sie nicht kennt, in kürzester Zeit irgendwie vertraut zu machen. Das Kammerspiel in einer zur Modewerkstatt umgekrempelten Scheune sprengt dann bald die vierte Dimension, Räume werden zu Guckkästen in die Vergangenheit, magischer Realismus hält Einzug, ganz klar David Lowerys Handschrift, die man bereits aus seinem psychedelischen Märchen The Green Knight kennt – oder auch aus A Ghost Story, seinem bislang besten und berührendsten Film, dessen Metaebene sich nicht so sehr dem Verständnis widersetzt wie Mother Mary.

Was steckt dahinter? Oder doch gar nichts?

Im Trailer des Films heisst es: „This is Not A Ghost Story“ (mit Hinblick auf sein früheres Werk). Und: „This is Not a Love Story“. Eigentlich stimmt, aus meiner Sicht als Betrachter, der Lowerys Intentionen nicht kennt, beides nicht. Mother Mary ist sowohl Ghost Story als auch Love Story, und irgendwo dazwischen ergeht sich das Zeit und Raum knackende Mysterium nur noch in aufgeblasenen Rätseln.

Es ist wie das Konzert dieser Pop-Diva selbst – eine Show fürs Auge, für manche auch fürs Ohr. Lowery findet natürlich Bilder, die so geschmack- und stilvoll arrangiert sind, dass sich denken lässt: Da muss einiges dahinterstecken, und irgendwann, darauf warten wir alle, kommt die Wahrheit ans Licht, die wie alle übersehen haben.

Kraftvoller Symbolismus als ästhetische Hülle

Doch dieses wabernde rote Tuch, diese Wundmale an den Handflächen und zwischen den Brüsten – Blut und Kunst, Seide und Okkultismus: Alles zusammen verbirgt und dekoriert gleichermaßen eine simple Geschichte, nichts Großes, vielleicht auch nur irgend etwas zwischen Selbstmitleid und Aussprache.

Lowery stopft das Ganze voll mit der Lust am Symbolismus. Motive und Metaphern fallen aus allen Wolken, letztlich ist Mother Mary eine enorm prätentiöse Mystery-Show, bei der man eigentlich nicht zugeben will, sowieso alles entschlüsselt zu haben, weil das sonst bei all der Opulenz vielleicht zu banal wäre.

Mother Mary (2026)

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

WICKELKINDER DER ANDEREN ART

4/10


Natalie Grace als Mumie Katie in Lee Cronin's The Mummy
© 2026 Blumhouse / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE & DREHBUCH: LEE CRONIN

KAMERA: DAVID GARBETT

CAST: JACK REYNOR, LAIA COSTA, MAY CALAMAWY, NATALIE GRACE, SHYLO MOLINA, BILLIE ROY, VERONICA FALCÓN, HAYAT KAMILLE, MAY ELGHETY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Das alles wegen Ruhestörung

Was war nochmal gleich der Fluch des Pharao? Stimmt, die Sache mit Tut-Ench-Amun und die Aushebung seines Grabes. Wenn das bei uns wer macht, regnet es Anzeigen, damals aber, in den Pionierzeiten der archäologischen Feldforschung, war die Störung der Totenruhe wohl keine große Sache. Aus diesem Sakrileg hat sich ein gewisser Widerstand entwickelt, die Idee einer Bestrafung all jener, die hier rücksichtslos plünderten im Zeichen der Wissenschaft: Mumien erhoben sich aus geöffneten Sarkophagen und brachten Tod und Verderben mit sich.

Bei Boris Karloff (Die Mumie, 1932) hatte man noch das Glück, dass dieser eingetrocknete Pharao zumindest nur auf eine Gespielin für die Ewigkeit aus war, während Dwayne Johnson als Skorpion King (Die Mumie kehrt zurück) dann doch die Finsternis über ganze Landstriche bringen wollte und Sofia Boutella als tätowierte Revenge-Queen (Die Mumie, 2017) dem Genre so gut wie das Licht ausblies.

Rehydration eines Kultmonsters

Alle Hoffnung steckt nun in Lee Cronin – jenem Visionär, der ganz gut verstanden hat, wie man Sam Raimis garstige Dämonen aus Tanz der Teufel in die Gegenwart befördert: Evil Dead Rise war ein Knüller, bald folgt hier die Fortsetzung. Cronins Selbstbewusstsein hat dazu geführt, dass das Schicksal dieser angestaubten und nur schwer einer Frischzellenkur zu unterziehende Antagonist in dessen Hände gelegt werden sollte – unter der Bedingung, den ganzen Leinenbinden-Grusel sogar nach ihm zu benennen: Lee Cronin’s The Mummy.

Doch dieser Anstrich, der verwendet Farben, die früher vielleicht ganz in waren – zu Zeiten von Friedkins Der Exorzist oder Das Omen. Vielleicht hat Cronin seinen wütenden Teenager ein bisschen mit Puppe M3GAN verwechselt – oder beide kombiniert, um eine zweite Linda Blair ans Bett zu fesseln (was er dann nicht tut, warum auch immer), die aber, statt dem schleimspuckenden Mädel, vorher noch acht Jahre probeliegen durfte – in einem Sarkophag irgendwo im Südosten Ägyptens  und mit einem Dämonen intus, der sich psychosozial ordentlich reinsteigern würde, würde man ihn gewähren lassen.

Muterliebe ist die beste Medizin

Die Eltern der kleinen Katie, die in Kairo entführt wird, um eben besagte Zeit später wieder aufzutauchen – die ist ordentlich gezeichnet. Was niemanden daran hindert, genau nichts dafür zu unternehmen, damit diese traumatisierte junge Frau irgendwann auch wirklich wieder mit beiden Beinen im Leben stehen kann. Mutterliebe, so meint die Mama, muss reichen – was noch schlimmer klingt als die Prinzipien der Zeugen Jehovas, wenn ums Medizinische geht.

Dem Vater ist ohnehin alles egal – sogar ein satter, schleimiger Blutfleck im trauten Eigenheim, schließlich erinnert dieser an den Canterville Ghost, der wohl das kleinere Übel gewesen wäre als das wiedergefundene Töchterchen. Perfekt kombinierbar mit pubertären Verhaltens-Eskapaden, sollten ihre spukhaften Anwandlungen gar nicht mal so auffallen.

Logiklöcher als der Dämonen liebste Nahrungsquelle

Nun, sie tun es doch. Doch Mutterliebe reicht immer noch, kombiniert mit Vorhangschlössern, damit niemandem was passiert. Der zu Rate gezogene Historiker, die investigierende ägyptische Polizistin – sie alle versuchen zwar, zu erklären, was mit Katie nicht stimmt, doch die grobe Fahrlässigkeit in Sachen Nachwuchsgesundheit wird dadurch nicht abgemildert.

Wir wissen: In Horrorfilmen verhält sich auffallend oft niemand so wie im realen Leben, gäbe es Situationen wie diese. Als Publikum, nämlich aus dem realen Leben, ist man da schon tolerant geworden – doch irgendwann reißt auch hier der antike Leinenfaden, wenn alle ihre Pflichten vergessen oder Cronin selbst versucht, mit dekorativem Geisterbahn-Hokuspokus, der ganz plötzlich random erscheint, von seinen groben dramaturgischen Schnitzern abzulenken. Da ist die zahnlos grinsende Zombie-Oma Kukident-Werbetestimonial Nummer eins für alle Gruftis und Cronin selbst hoffnungslos daran gescheitert, von den abgedroschenen Evil Dead-Zutaten die Finger zu lassen.

Den Flow hat nur der Sandsturm

Lee Cronin’s The Mummy hat eine gute Grundidee. Der Mumie eben keinen Liebeskummer angedeihen zu lassen, sondern sie in einen familiären Drama-Kontext zu setzen, das passt. Allerdings bremst sich das narrative Konzept so ziemlich aus, weil es durch den Orts- und Szenenwechsel andauernd seinen Flow unterbricht und zwischen Okkult-Thriller und Besessenheitshorror keinen Rhythmus findet. In einer Szene sitzt Jack Reynor (Midsommar) wie betäubt vor dem Fernseher, nachdem ihm klar wird, was seiner Katie wiederfahren ist. Diese verzögerte Reaktion lässt sich schauspielerisch auch auf fast alle hier Beteiligten übertragen, denn niemand kann mit ihrer oder seiner Rolle wirklich viel anfangen. Nicht mal Natalie Grace findet ihre Spur, die sie anfangs erlangt zu haben scheint. Dadurch gerät ihr Spiel auch unfreiwillig komisch.

Ekelszenen sind einfach zu geil

Die Optik selbst hat ihren Reiz, schließlich vereint sie jene Stilmittel, mit denen Sam Raimi bei seinen Evil Dead-Filmen schon experimentiert hat (extreme Nahaufnahmen, Elemente im Vordergrund, andere weit hinten) – die flatternde Mumien-Megan am Ende wirkt fast schon wieder elegant und inspiriert mit Sicherheit den einen oder anderen Teenie fürs nächste Halloween-Outfit.

Unterm Strich aber bleibt Lee Cronin’s The Mummy mehr Frankenstein-Stückwerk als innovatives Dämonenszenario mit Hang zur Antike. Boris Karloff würde sich dabei wieder in seinen Sarkophag legen und auf eine spätere Reanimation warten, der Skorpion King seine verfütterten Skorpione bemitleiden. Ich selbst würde die selbe Grundprämisse vielleicht nochmal etwas anders umgesetzt sehen wollen – schlüssiger, plausibler. Und nicht so wild zusammengetragen, weil so bemüht, jede erdachte Ekelszene, die nicht mal neu ist, unterbringen zu wollen, einfach weil Cronin sie geil findet.

Lee Cronin’s The Mummy (2026)

Shelter (2026)

JEMAND IST EINE INSEL

5/10


Jason Statham und Bodhi Rae Breathnach sind im Actiondrama Shelter auf der Flucht© 2026 Black Bear


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: RIC ROMAN WAUGH

DREHBUCH: WARD PARRY

KAMERA: MARTIN AHLGREN

CAST: JASON STATHAM, BODHI RAE BREATHNACH, BILL NIGHY, NAOMIE ACKIE, DANIEL MAYS, ANNA CRILLY, HARRIET WALTER, CELINE BUCKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Wie ist das jetzt eigentlich genau mit Jason Statham? Soll er, darf er, kann er verlieren? Die Gerüchteküche brodelt, wenn es heisst, der Actionstar wolle sich vertraglich schadlos halten, wenn es darum geht, seiner Filmfigur, die er gerade spielt, ein Leid zuzufügen oder diese gar – Gott behüte – sterben zu lassen. Dieses Gerücht ist nicht bestätigt, wenngleich es offensichtlich ist, dass diverse Filmemacher und Drehbuchautoren, die ihre Werke womöglich mit Hinblick auf Statham entsprechend konzipieren, diesen bis dato niemals unterliegen ließen.

Der neue Chuck Norris?

Dieser Umstand schränkt die Bandbreite der Charaktere, die Statham immer wieder gerne spielt, deutlich ein. Das Spektrum ist überschaubar, wir haben den Actionhelden maximal als Antihelden, mit dem Herzen am rechten Fleck, tierlieb und gut zu Kindern und all den Schwachen, die sich nicht so zur Wehr setzen können wie Statham. Selbst vor Riesenhaien macht er nicht halt, wobei man hier sehr wohl eine gewisse Selbstironie verorten kann, die sich der drahtige Glatzkopf irgendwann hat angedeihen lassen. Aber verlieren? Das will er nicht. Niemals.

Könnte man im Hinblick darauf nicht ihn als Erben des kürzlich verstorbenen Chuck Norris einsetzen? Unweigerlich denkt man bei Sichtung seines neuen Werkes mit dem Titel Shelter an Gevatter Tod, der nicht den Mut aufbringt, Jason Statham mitzuteilen, er habe zumindest als Filmfigur längst ins Gras gebissen. Kann es denn wirklich so sein, dass der Mann nichts anderes spielen will als den wortkargen Einzelgänger, der seine Karriere als Elitekämpfer, Profi-Killer oder Agenten-Tausendsassa an den Nagel gehängt hat, um ein stilles, einsames und von der Welt abgewandtes Leben zu führen, nur um dann, wenn eben Hunde, Kinder oder die besagten Schwächeren in Gefahr sind, wieder aus sich herauszugehen und ganze Armeen profilschwacher Finsterlinge, die nicht mehr sind als NPCs, über die Klinge springen zu lassen oder sie mit effektiver Handkante zu vermöbeln? Kann es denn sein?

Seemann, lass das Träumen

Nein. Auch in Shelter unter der Regie von Ric Roman Waugh, der unlängst erst einen anderen Recken, nämlich Gerard Butler, durch Greenland 2 geschickt hat, um ihn aber am Ende ins besagte Gras beißen zu lassen (denn Butler hat kein Problem damit), ist Statham wieder Statham, allerdings um eine Nuance differenzierter.

Fast scheint es, als würde er beim ersten Mal Hinsehen schauspielerisch fast schon aus sich herausgehen und Neues wagen. Die Stoppelglatze ist obligatorisch, Dreitagebart und Mütze ergeben das knorrige Bild eines Seemanns, der als Einsiedler mit Vergangenheit auf einer Insel der Hebriden ein Mädchen aus stürmischen Fluten rettet. Um bald darauf Besuch von einer nicht ganz offiziellen Staatsgewalt zu bekommen, die er natürlich aufmischt, als hätten all jene, denen er Mores lehrt, maximal einen Abendkurs an der Volkshochschule in Sachen Kriegsführung absolviert.

Der Sidekick als Sparringpartner

Doch auch hier: So ganz ohne Schrammen kommt Statham diesmal nicht davon, und vielleicht liegt diese Liebe am kantigen Detail wohl auch an der jungen Schauspielerin Bodhi Rae Breathnach, die eben erst an der Seite von Oscargewinnerin Jessie Buckley in Hamnet zu sehen war. Ein aufgewecktes, kluges Mädchen, mit einer Mimik, da könnte Statham noch etwas dazulernen, was er tatsächlich auch tut. Denn bei diesem Sidekick muss selbst ein Routinier wie er entsprechend reagieren – an die Wand spielen ist nicht, das wäre ja fast eine dieser Niederlagen, die er nicht will.

Oder doch der nächste Action-Opa?

Mit dieser jungen Bodhi Rae Breathnach (den Namen muss und sollte man erst mal auswendig lernen, denn diese Dame wird im Kino noch ordentlich mitmischen) hat Shelter aber seine besten Karten ausgespielt. Alles andere ist Schema F, auch wenn man glauben könnte, nach dem Tod eines gewissen besten Freundes ginge der John Wick mit Statham durch. Das passiert aber nicht, weder übertreibt Waugh noch findet sich eine gewisse Selbstironie in diesem abgemühten Szenario. Was Statham wohl dämmert, ist, das er langsam in Richtung Liam Neeson zieht, der schon längst den Action-Opa macht. Zugegeben, der Unwille zum Shootout steht ihm gut, und wenn der ganze Plot dann noch etwas mehr zwischenmenschliches Drama gehabt hätte, wäre auch der Rest vielleicht sogar richtig sehenswert.

Shelter (2026)

Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2025)

ENDZEITGERANGEL MIT DEM KABELSALAT

5/10



© 2026 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: GORE VERBINSKI

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: JAMES WHITAKER

CAST: SAM ROCKWELL, JUNO TEMPLE, HALEY LU RICHARDSON, ZAZIE BEETZ, MICHAEL PEÑA, ASIM CHAUDHRY, TOM TAYLOR, ANNA ACTON, DOMINIQUE MAHER U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wenn die Kacke am Dampfen ist, zwängen sich verkorkste Anti-Helden, die den Eindruck erwecken, nicht mehr ganz richtig in der Birne zu sein, in transparente Kunststoffregenmäntel, die so sehr nach Nicht-von-dieser-Welt aussehen, dass sie schon wieder Teil unseres zukünftigen Schicksals sein könnten. Unter Terry Gilliams Regie hat schon Bruce Willis in der nach wie vor genialen Zeitreise-Apokalypse Twelve Monkeys versucht, den Determinismus des Untergangs zu durchbrechen. Natürlich Fehlanzeige, begleitet von hämisch klingenden Stimmen im Kopf des Verfechters. Damals aber war es nicht die Technologie, die uns eingeholt und vernichtet hätte, war doch dafür schon der Terminator zuständig. Damals war es ein Killervirus, und Willis mehr oder weniger derjenige, der sich selbst gejagt hat. Einige Jahrzehnte später, so quasi fünf Minuten nach dem Paradigmenwechsel in Sachen Künstlicher Intelligenz, schüttet Gore Verbinski, seines Zeichens Piratenkapitän und zuständig für diverse Karibikflüche, die auch nicht so wirklich wussten, wann es sich ausgeflucht hat, einen Hexenkessel an Albträumen über uns Zuseherinnen und Zuseher aus – man könnte fast sagen: ein Bündel diverser Episoden aus der auf Netflix erschienenen Anthologieserie Black Mirror, die auf verstörende Weise den Horror ehrgeiziger Technologien in knappen Spielfilmlängen abbildet.

Helden-Recruiting zwischen Tür und Angel

Nur um es klarzustellen: Aus Black Mirror sind diese Episoden natürlich nicht, und es handelt sich bei Good Luck, Have Fun, Don‘t Die auch nicht um einen Episodenfilm, obwohl man manchmal und vor allem im Mittelteil des Films die Vermutung aufstellen könnte, es wäre einer. Nehmen wir mal an, es ist so, dann ist der dramaturgische Überbau des Ganzen die regennasse und unbequeme Mission eines in erwähntem Kunststoffmantel gezwängten Hausierers, der fernab jeglichen Exhibitionismus allerlei Gerätschaften als Bauchladen vor sich herträgt. An diesem besagten Abend einer nahen Zukunft, in der KI uns schon längst alle dumm und hörig gemacht hat, stürmt diese obskure Gestalt ein amerikanisches Diner mitten im Nirgendwo, um eine Gruppe kampfeswilliger Rekruten um sich zu scharen, die mit seiner Ansprache, das Ende der Menschheit möge heute Nacht verhindert werden, schon genug überzeugt worden sind, um einer höheren Sache dienen zu wollen. Realistisch betrachtet kann Sam Rockwell mit verfilztem Rauschebart eigentlich nur als durchgeknallter Asozialer mit Hang zur Geiselnahme durchgehen, doch wie es der Determinismus will, den man noch gerne ein Weilchen länger hierbehalten möchte, hat manch ein Gast durchaus driftige Gründe, um sich von Rockwells Rekrutierungsaktion triggern zu lassen.

Kabelsalat und KI-Esoterik

Um das zu untermauern, gibt Verbinski Einblick in zumindest drei Schicksale, die dieser Nacht vorangegangen sind. Und in diesen liegt die einzige und eigentliche Stärke des Films, die uns in ihrer Prämisse unheimlich vertraut vorkommen. Das beschert Good Luck, Have Fun, Don’t Die einen bitteren Zynismus, im Gegensatz zum generisch geratenen Überbau einer Nacht- und Nebel-Aktion, die keine Zwischentöne zulässt, sondern in leicht hysterischer Terry Gilliam-Manier, als hätte dieser nach Brothers Grimm wieder einen schlechten Film gedreht (was zum Glück ohnehin nur selten vorkommt), seine pseudokritische Anti-KI-Mission voranpeitscht. Letztlich ist es die Banalität eines wildgewordenen Kabelsalats, die uns Gänsehaut bescheren soll, neben einem bizarren Katzenvideo-Monster als zu neuer Form gebrachter Social Media-Slop, Toy Story-Robotern und der seiner eigenen angestrebten Konsequenz beraubten Manifestation eines Technologie-Symbolismus, der selbst so wirkt, als wäre die Idee dahinter seinerseits mit einem Prompt generiert.

Mit dem schleichenden Horror im Alltag einer möglichen Zukunft macht Gore Verbinski alles richtig, solange die Wurzel allen Übels in uns selbst zu finden bleibt. Das Abwälzen der Verantwortung auf magische Mechanismen mag der Ambition letztlich das Abonnement kündigen. Zurück bleibt eine gewisse Ratlosigkeit, und damit einhergehend eine fehlende Conclusio, die, scheinbar bedeutungsschwer, nur gut dastehen möchte.

Good Luck, Have Fun, Don’t Die (2025)

Das Leben der Wünsche (2025)

WAS UNS DARAN HINDERT, DIE WELT ZU VERÄNDERN

3,5/10



© 2025 Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: ERIK SCHMITT

DREHBUCH: FRIEDEMANN KARIG, ERIK SCHMITT, NACH DEM ROMAN VON THOMAS CLAVINIC

KAMERA: JOHANNES LOUIS

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, LUISE HEYER, VERENA ALTENBERGER, BENNO FÜRMANN, HENRY HÜBCHEN, RUBY O. FEE, HYUN WANNER, ROMAN KANONIK, PRINCE KUHLMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN



Sei vorsichtig, bei dem, was du dir wünschst! Eine altbekannte Weisheit, die in den Märchen von tausendundeiner Nacht der Djinn seinem Herrn und Gebieter Aladdin, nachdem er an der magischen Öllampe gerubbelt hat, rechtzeitig nahelegt. Ein paar Schritte weiter, und wir sind im deutschen Märchenschatz von Hebel und den Gebrüdern Grimm angekommen, worin Wünsche in ihrer Anzahl begrenzt sind, um klarzumachen, wie wertvoll diese sind und gut durchdacht sein will, womit man sich das Leben erleichtern möchte. Hat man die Chance, dieses Begehren zu den eigenen Gunsten zu befriedigen, mag folgendes beachtet werden: Wünsche können eine ganze Kettenreaktion von Ereignissen in Gang setzen, die letztlich zu nichts Gutem führen.

Selbstmordgedanken und ihre Esoterik

Das verpönte und nicht sehr liebgewonnene Sequel zum DC-Origin-Abenteuer Wonder WomanWonder Woman 1984 – hievt die Problematik mit den Wünschen und ihren Folgen in die Gegenwart, gewitzt, klug und nachdenklich stimmend. Und um Eckhäuser globaler und größer gedacht als bei Matthias Schweighöfers neuem Esoterik-Schinken, der sich einer viel düsteren Erzählung des Schriftstellers Thomas Clavinic angenommen hat und einen in die Jahre gekommenen Loser vor den Spiegel seines Badezimmer stellt, um ihn erkennen zu lassen, dass die Zeit und das Glück im Begriff sind, abzulaufen – die Entropie etwas langsamer, das Glück dafür von heute auf morgen. In der Beziehung hapert es gewaltig, Ehefrau Luise Heyer will sich trennen. Und nicht nur sie, auch sein Chef. Und das güldene Haar. Es scheint, als würde das Leben nichts mehr für Felix (oha, der Glückliche) bereithalten, also wie wäre es mit einem Sprung von der Brücke, um der Sache ein Ende zu bereiten? Im richtigen Moment, und so, als wäre der Zufall nur Tarnung für ein herausforderndes Schicksal, lockt den Gescheiterten die leuchtende Inschrift eines rustikalen Eckladens, ein urbanes Maginarium mit deutlichem Drall zu asiatischem Mystizismus. Das Leben der Wünsche, steht da groß und unübersehbar, weil an diesem Abend alles andere in weitem Umkreis im Dunkeln liegt. Drinnen sitzt ein älterer, rauer Geselle, der dem Besucher zwar nicht das Buch der Unendlichen Geschichte in die Hand legt, sondern einen Talisman, einen Glücksbringer, mit dem er drei Wünsche frei hat. Felix, nicht auf den Kopf gefallen, will aber nur einen. Er wünscht sich, dass alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. Womit Schweighöfer und seinem schütteren Haupthaar eine Macht in die Verantwortung übergeben wird, die die ganze Welt verändern könnte. Und nicht nur sein eigenes kleines Leben.

Egomane in der Romantikfalle

Doch diese Möglichkeiten nutz er nicht. Weil er doch nur sich selbst sieht. Sich und seine Bedürfnisse und seine Beziehungen, und nicht das große Ganze. Ein seltsam befremdlicher Zug, geschuldet der eigenen existenziellen Blase, wo all das, was einen nicht tangiert, auch wenn die täglichen Nachrichten Bilder des Schreckens verbreiten. Die Welt dringt nicht vor zu einem Individuum, das plötzlich mächtiger wird als all die Mächtigen auf diesem Planeten zusammen. Hat man also, wenn die Erfüllung der Wünsche garantiert ist, die Pflicht, sie für das Gemeinwohl einzusetzen? Eine Frage, die der Film Das Leben der Wünsche nicht stellt, dabei wäre genau diese eine brennend interessant.

Erik Schmitt (Cleo) verspricht im Laufe der magisch-märchenhaften Erzählung, die Schweighöfer mitunter als langmähnigen Prinz Charming zeigt, dessen Frisur leider verboten gehört, ein die Grundpfeiler der Existenz erschütternden Moral- Schicksalsreigen, der, sobald Schweighöfer seine Visionen hat, ein bisschen so aussieht wie das Artwork jener Handouts, die eine gewisse Glaubensgemeinschaft mit Hausbesuchen gerne unters Volk bringen will. Überraschenderweise gesellt sich hier auch die für diesen Film viel zu starke Ausnahmeschauspielerin Verena Altenberger (Die beste aller Welten) hinzu, deren Rolle aber wenig zu sagen hat. Das Publikum wartet auf die Erkenntnis über ein dem Scheitern verurteiltes Leben, erhält aber am Ende herzlich wenig dafür. Viel wird versprochen, Henry Hübchen als Teufel mag dem sentimentalen, in der Gewichtigkeit eines Sprüchekalenders dahinsinnierenden Schöngeist Schweighöfer allzu leicht auf den Leim gehen. Die Conclusio bleibt karg, enttäuschend privat und überhaupt nicht weltbewegend. Mit Wünschen geht man nicht leichtfertig um, das ist klar. Man nutzt sie auch nicht so dermaßen unbeholfen.

Das Leben der Wünsche (2025)

Wuthering Heights – Sturmhöhe (2026)

VERLORENE LIEBESMÜH

7/10


© 2026 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: EMERALD FENNELL

DREHBUCH: EMERALD FENNELL, NACH DEM ROMAN VON EMILY BRONTË

KAMERA: LINUS SANDGREN

CAST: MARGOT ROBBIE, JACOB ELORDI, HONG CHAU, SHAZAD LATIF, ALISON OLIVER, MARTIN CLUNES, EWAN MITCHELL, AMY MORGAN, VICKI PEPPERDINE, PAUL RHYS, OWEN COOPER, CHARLOTTE MELLINGTON, VY NGUYEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN



Emily Brontës einziger Roman hat es in sich. Es geht um Arm und Reich, um mögliche und unmögliche Liebe, um Arrangements und gescheiterte Existenzen. Um Machtmissbrauch, Verschmähungen und wütende Egotrips. Im Grunde ist der ganze Stoff alles andere als romantisch, weit weg von Jane Austen und Henry James, von Sinn und Sinnlichkeit, Gefühl und Verführung oder leicht ironischen Werken wie Emma. Und doch bezeichnen viele Sturmhöhe als den romantischen Schmöker schlechthin, während im Kino gerade recht zum Valentinstag ein theatralisches Epos die Leinwand erobert hat, dass glückselige Zweisamkeiten entweder mit Füßen tritt oder die Harmonie zwischen zwei Liebenden einfach nicht als etwas anerkennen will, das es auch tatsächlich gibt.

Nachhaltige Romantik tut weh

Man muss dazusagen: Einem Film wie Love Story, nun, dem war, nach gefühlt 100 Packungen Taschentüchern, ein glückliches Liebesleben genauso wenig vergönnt. Vielleicht sind Happy Ends genau nicht das, was glücklich vereinte Paare eigentlich sehen wollen. Vielleicht ist der Herzschmerz, der nicht getilgt werden will, genau das, um die eigene Beziehung in Relation zu setzen und dankbar dafür zu sein, dass man in einer solchen weilen darf. Da können sonstige RomComs nur der Zerstreuung dienen, ohne jeglichen Nachhall. Die wirklich bedeutenden Liebesfilme, die haben kein gutes Ende, sondern ziehen in den Abgrund, in den Tod, in die Ausweglosigkeit. Hach, wie herrlich vernichtend ist doch die Liebe. Und gerade weil sie das ist, tragisch und traurig und schmerzlich und vielleicht auch regelrecht gehässig und wütend, gerade deswegen findet die Romantik überhaupt erst Einzug in die Kunst. In die literarische, in die gestalterische, in die cineastische.

Von Liebe kann man nicht leben, oder?

Und hier sind wir wieder, bei Emerald Fennell, die sich nur den halben Schmöker von Emily Brontë zu Gemüte geführt hat und auch nur diese eine Hälfte verfilmt hat – bis zu jenem Punkt, an dem die Zweisamkeit ihr Ende findet. Der Herzschmerz geht Fennell aber im Grunde ihr wisst schon wo vorbei. Sie hält nichts von all dem Regelwerk, den Geschlechterrollen, dem sozialen Korsett vor allem auch aus einer Zeit, in der zwei Liebende unterschiedlicher Klassen niemals den Jackpot knacken würden. In der Stallburschen niemals auf die Liebe einer Adeligen hoffen konnten und umgekehrt. In der sich Frau verhökern und verkaufen musste, wenn das Hab und Gut des herrischen Vaters durch die Finger sickert und dieser der schwer verliebten Catherine Earnshaw, dargestellt von Margit Robbie, nichts außer Leergut aus dem Suff eines alten Mannes hinterlassen kann. Ihr Traummann ist zu diesem Zeitpunkt schon die längste Zeit ihr Ziehbruder Heathcliff, aufgegabelt als verstoßener Junge, aufgezogen vom Vater und Kindermädchen Nelly und als Erwachsener nicht mehr als ein Knecht. Die Liebe aber ist eine schmachtende und schwülstige – nackte, verschwitze Oberkörper tun da ihr Übriges. Und dann das: Der wohlhabende Nachbar Edgar Linton eröffnet Catherine ein Leben an seiner Seite unter Wohlstand und Ansehen. Stellt sich die Frage: Der wahren Liebe frönen, von der man nicht leben kann? Oder in der Gesellschaft aufsteigen, ganz ohne Liebe, sondern nur mit Duldsamkeit? Es kommt wie es kommen muss, der verschmähte Heathcliff verschwindet für ein paar Jahre und taucht dann wieder auf als gemachter Mann. Dumm nur, dass Catherine nun fremdgehen muss. Denn, nun ja, Everlasting Love ist so eine Sache.

Nicht nur Herzen flattern im Wind

Wenn es doch nur um die wahre, einzige Liebe gehen könnte in diesem opulenten Requiem der romantischen Ideale! Perfide Intrigen, trotzige Handlungen, manipulative Charaktere auf dem Ego-Trip. Klingt irgendwie nach Saltburn? Nicht weit verfehlt – der Psychothriller mit Barry Keoghan und ebenfalls Jacob Elordi ließ am Ende einen nackt durch die Flure tanzenden Egomanen zurück. Hier, auf den Wuthering Heights, ist es zu stürmisch, um nackt zu tanzen. Da flattern höchstens die Roben, die Schleier, Margot Robbies Haar. Fennell setzt ihre beiden neckenden Liebenden, die irgendwie alles tun und nichts so richtig, um wieder zusammenzukommen, in ein üppiges, provokant kitschiges Kostümgemälde, das burgtheaterhaften Glamour versprüht und derweil so dick aufträgt, dass man nicht umhin kann, das Werk als ein Stück postmodernen Naturalismus zu bezeichnen, vermengt mit Salz und Wind und Erde auf der Haut, die nach Sex schmeckt.

Wuthering Heights wirkt wie die Antithese zu Barbie, mit deutlich weniger Rosa, aber schadenfrohen Verhöhnungen auf der Zungenspitze, als wäre das alles nicht der Liebesmühe wert, als würde Fennell das Genre der untröstlichen Romantik gleichsam parodieren und es zu einem schwarzen Loch werden lassen, von dem man zweifellos angezogen wird, egal ob man mit solch verschwurbelten Emotionen letztlich kann oder nicht.

Wuthering Heights – Sturmhöhe (2026)

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

ES MUSS NICHT IMMER LIAM NEESON SEIN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: BRIAN KIRK

DREHBUCH: NICHOLAS JACOBSON-LARSON, DALTON LEEB

KAMERA: CHRISTOPHER ROSS

CAST: EMMA THOMPSON, JUDY GREER, MARC MENCHACA, GAIA WISE, BRÍAN F. O’BYRNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Sie hat wohl schon alles gespielt, was man sich nur vorstellen kann, vorzugsweise natürlich Charakterrollen in anspruchsvollen Filmen, dabei kaum Horror, dafür aber ab und an herzhaften Nonsens, wie seinerzeit an der Seite vom schwangeren Arnold Schwarzenegger in Junior. Zuletzt hat sie sich Callboy Daryl McCormack geangelt – im erfrischend intimen und dialogstarken Kammerspiel Meine Stunden mit Leo. Was ihr in ihrem Repertoire auch noch wirklich fehlt, wäre ein waschechter Thriller. Einer von der harten, straighten, kompromisslosen Sorte. Etwas, wo Emma Thompson die unfreiwillige Actionheldin raushängen lassen kann, trotz fortgeschrittenen Alters, denn was Sylvester Stallone, Dolph Lundgren oder die steirische Eiche können, kann die toughe Britin schon lange. Dafür muss sie gar nicht zum Expendable werden, sondern einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

Hüttengaudi für Hinterwäldler

Oder aber: Zur falschen Zeit  genau dort, wo Witwe Barb die Urne ihres verstorbenen Mannes hinbringen hätte sollen: An einem zugefrorenen See in Minnesota, irgendwo in der Wildnis, meilenweit entfernt vor der nächsten annähernd urbanen Infrastruktur, dort, wo aufgrund der Kälte niemand Gute Nacht sagt, sondern nur schmerzliche Erinnerungen von damals hochkommen, als Barb und ihre große Liebe sich zum ersten Mal verabredet hatten – zum Eisfischen.

Lang ist’s her, und der Weg dorthin eine Challenge durch Schnee, Sturm und Eis. Irgendwann trifft Barb auf eine Hütte im Wald – und wir wissen längst; Hütten im Wald bedeuten zumindest in den USA einfach nichts Gutes. Der wortkarge Hinterwäldler weist der Guten den Weg, nicht ohne bei dieser ein gewisses Gefühl des Unbehagens zu hinterlassen. Kurze Zeit später, bereits am See angekommen, ertönen Schreie durch den im Winterschlaf befindlichen Tann. Barb ist nun auf sich allein gestellt, um das Rätsel zu lösen und um ihr soziales Pflichtgefühl zu aktivieren, welches bedeutet: Menschen in Not muss geholfen werden.

Liam Neeson ist eine Frau!

Wie handhabt ihr das? Filme, die im Winter spielen, im Sommer ansehen? Filme, in denen der Schweiß aus allen Poren dringt, im Winter? Ich für meinen Teil hab’s nicht nur in natura gerne frostig – auch im heimeligen Kino oder den eigenen vier Wänden darf es auf dem Screen gerne der Jahreszeit entsprechen. Also ist Dead of Winter – Eisige Stille zur jahreszeitlichen Abstimmung der ideale, gut verpackte, handliche kleine Thriller, in welchem Judy Greer in kompromissloser Verbissenheit die Antagonistin gibt. Lange bleibt unklar, welche Ursachen dieses ganze Schlamassel weitab vom Schuss eigentlich hat, und Brian Kirk und sein Drehbuch schieben des Rätsels Lösung lange vor sich her. Währenddessen kann man den beiden Damen, die sich auf Augenhöhe begegnen, beim Hickhack und beim Shootout zusehen, wobei Thompson als Survival-Improvisationstalent dank ihrer Glaubwürdigkeit jede Menge Sympathiepunkte sammelt und obendrein noch Action-Opa Liam Neeson, der Rollen wie diese nicht ausschlägt, noch ein bisschen älter aussehn lässt.

Dass es am Ende, und zwar bei beiden Hauptdarstellerinnen, so richtig persönlich wird, hat zur Folge, dass Dead of Winter – Eisige Stille vom knackigen Winterthriller auf geradem Wege zum unerwartet düsteren, fast schon nach skandinavischem Kino anmutenden Arthouse-Drama mutiert, welches Trauer, Todesangst und Opferbereitschaft zwar nur kurz, aber dennoch intensiv genug thematisiert. Letztlich bleibt festzustellen, dass man Dead of Winter – Eisige Stille wohl ein bisschen unterschätzt haben könnte.

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten (2025)

MATRIARCHIN DER NÄCHSTENLIEBE

7/10


© 2025 Vuelta Germany / Constantin Film Österreich


ORIGINALTITEL: MOTHER

LAND / JAHR: BELGIEN, DÄNEMARK, NORDMAZEDONIEN, SCHWEDEN, BOSNIEN UND HERZEGOWINA 2025

REGIE: TEONA STRUGAR MITEVSKA

DREHBUCH: TEONA STRUGAR MITEVSKA, GOCE SMILEVSKI, ELMA TATARAGIĆ

KAMERA: VIRGINIE SAINT-MARTIN

CAST: NOOMI RAPACE, SYLVIA HOEKS, NIKOLA RISTANOVSKI, EKIN CORAPCI, MARIJKE PINOY, LABINA MITEVSKA, AKSHAY KAPOOR, VALA NOREN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN 



Kein einziges Mal fällt in diesem biografischen Drama der Name Teresa. Stets wird die mit bürgerlichem Taufnamen genannte Agnes Gonxha Bojaxhiu als Mutter Oberin oder gar nur Mutter bezeichnet. Dementsprechend lässt Regisseurin Teona Strugar Mitevska, die mich mit ihrem feministischen Powerwerk Gott existiert, ihr Name ist Petrunya schwer beeindruckt hat, ihr neuestes Werk schlicht und einfach mit Mutter betiteln. Nur: Mutter verkauft sich an den Kinokassen ob seiner Austauschbarkeit so gut wie gar nicht, also muss es für ein gutes Marketing anders laufen. Mit Teresa kann schließlich eine jede und ein jeder etwas anfange, denn mit diesem Namen verbindet man schließlich eine einzige Person: den guten Menschen von Kalkutta, Mutter Teresa, von den Katholiken heiliggesprochen und oft als umgangssprachlicher Begriff dafür verwendet, wenn man einen Altruismus lebt, der über eine allvorweihnachtliche Pflichtbesinnung hinausgeht.

Ihr Gewissen allein wollte die mit 18 Jahren dem Loreto-Orden beigetretene Nonne nicht erleichtern. Vielleicht aber, so Teonar Strugar Mitevska, war es Mutter Teresa ja doch nur um die Verwirklichung ihres Selbst gegangen. Eine wagemutige Unterstellung, die in ihrem Film aber dennoch Einzug findet – zumindest als Zweifel, die Teresa herausfordern – kurz, bevor sie die Erlaubnis des Vatikan erhält, aus ihrem Orden auszutreten und einen eigenen, neuen zu gründen, den der Missionarinnen der Nächstenliebe. Von da an wird man sie im blauweißen Baumwollsari durch die Armenviertel Kalkuttas streifen sehen, doch bis dahin bleiben noch, so das Skript, sieben Tage Zeit, um das Innerste zu ordnen, einen neuen Fokus zu setzen und die Beweggründe des Handelns zu erforschen.

Sister Act mit Stromgitarre

Fans, Verehrerinnen und Verehrer der Heiligen, die im Alter von 87 Jahren verstarb, mag dieses unkonventionelle Machwerk gelinde gesagt sauer aufstoßen. Traditionalisten und Konservative werden schon gleich zu Beginn mit den wenig sakralen Klängen von Heavy Metal ihre Probleme haben. Doch Mitevska setzt den Kontrapunkt gleich am Anfang, um allen im Vorhinein klarzumachen: Das hier wird keine sentimentale Reise, kein melodramatisches Biopic mit Chorgesängen, geistig-kitschigem Herzjesu-Esprit und gefälliger Sichtweisen. Hier bricht der Film schon mal mit den Ordensregeln für einen Kirchenfilm, um dann noch mit Noomi Rapace als eben jener Ikone des Altruismus eins draufzusetzen. Die Schwedin entdeckt dabei einen ganz eigenen, harschen Zugang zu ihrer Figur. Sie zeigt sich stoisch, prinzipientreu, eifersüchtig, und fanatisch. Ohne Fanatismus würde eine derart extreme Lebensweise gar nicht funktionieren. In dieser starren und höchst sonderbaren Welt des Ordens hegt Teresa eine besondere Beziehung zu ihrer potenziellen Nachfolgerin als Mutter Oberin, der Polin Agnieszka. Die aber trägt bald ein Geheimnis unter ihrer Gewandung, was die Heilige von Kalkutta völlig vor den Kopf stößt – und sie dazu bringt, über sich selbst und ihr Tun nachzudenken, und darüber, welche Art Mutter sie überhaupt sein will.

Biografie als assoziatives Psychogramm

Mitevska hat sich bewusst keiner faktentreuen Biografie hingegeben – diese letzten sieben Tage von Teresa im Loreto-Konvent haben zwar einen tatsächlichen, grob verankerten Hintergrund, verstehen sich aber mehr als frei interpretiertes Psychodrama, das sich einer unantastbaren Ikone annähert, ohne diese aber zu diskreditieren. Der Blick in Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten fängt menschliche Fehler und Vorzüge ein, innere Konflikte und eigennützige Verhaltensweisen. Diese Vermenschlichung ist ein bewundernswertes Beispiel dafür, wie man sich durch die Hintertüre einem weit über die Person hinausgehenden Begriff annähern kann – was sonst, eben wie bei Mutter Teresa, ja fast gar nicht möglich wäre. Auf diese Weise hat aber Mitevska freie Hand – und entwirft mit Agnieszka – gespielt von Silvia Hoeks – einen fiktiven Sparringspartner des Glaubens, der Lebensentwürfe und Prinzipien. Das Hinterfragen nach der Verheiratung mit Gott ist ebenfalls Thema genauso wie der Grad der Hingabe an das Geistliche und dem Ausschluss allen Weltlichen warum auch immer, dem störenden Faktor eines möglichen eigenen Kindes und überhaupt der Fleischeslust. Teresa hätte die Möglichkeit gehabt, mit allem aufzuräumen. Doch sie tut es nicht, selbst gefangen im Konservativismus, und nur innerhalb einer Strenge, so glaubt sie, zur Nächstenliebe fähig.

Bildsprache aus Chaos und Ordnung

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten ist kein Film, in den man sich fallen lassen kann. Mit Ecken, Kanten und einem verwirrenden Tages-Countdown beobachtet dieser die emotionale Stasis einer inneren Dysbalance, die zwar keine nennenswerte Handlung offenbart, aber mit symbolträchtigen Bildern, kargen Settings und wie schon erwähnt irritierend kontraindizierten Klängen die Anti-Heiligenverehrung liefert, ohne Respekt vermissen zu lassen. Erwähnenswert auch die teils schwindelerregend mobile und dann wieder statische Kameraführung, die auf intuitive Weise den emotionalen Zuständen der Protagonisten entspricht. Freunde macht sich Mitevskas Film in Glaubenskreisen keine – für Agnostiker und jene, die bereit sind, Persönlichkeiten wie diese aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, ein inspirierender filmischer Ausflug in selten betretenes Terrain.

Teresa – Ein Leben zwischen Licht und Schatten (2025)

The Running Man (2025)

WENN WUTBÜRGER HAKEN SCHLAGEN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: EDGAR WRIGHT

DREHBUCH: EDGAR WRIGHT, MICHAEL BACALL, NACH DEM ROMAN VON STEPHEN KING

KAMERA: CHUNG CHUNG-HOON

CAST: GLEN POWELL, JOSH BROLIN, COLMAN DOMINGO, LEE PACE, KATY O’BRIAN, DANIEL EZRA, KARL GLUSMAN, MICHAEL CERA, JAYME LAWSON, EMILIA JONES, WILLIAM H. MACY, DAVID ZAYAS U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Gewichtige 38 Jahre nach Arnold Schwarzenegger im Ganzkörper-Radleroutfit hechtet nun ein sichtlich weniger aufgepumpter, aber immer noch äußerst sportiver Publikumsliebling durch ein dystopisches Amerika, das sich den Leitsatz an die Fahnen geheftet hat: The Show must Go on. Wenn also alles andere schon den Bach runtergeht, und womöglich die dritte und wohl verheerendste Amtszeit eines Donald Trump mich Ach und Weh überstanden wurde, haben die Staaten so gut wie nichts, womit sie sich Zuversicht leisten können. Was bleibt, ist das liebe Fernsehen, das überraschend analog daherkommt und Live-Shows bietet, als wäre man immer noch in der Ära von Wetten dass…?.

Zerstreuung wie im alten Rom

Tatsächlich dürfte im neuen Aufguss von The Running Man in diesem wohlgestalteten gesellschaftspolitischen Nirgendwo das Programmfernsehen zurück sein, um wie schon seinerzeit als Straßenfeger das zerstreuungsgierige Volk vor die Flimmerkiste zu locken. Diesmal flimmern die Shows sogar auf ganzen Hauswänden, man bräuchte eigentlich nur den Blick heben und ist  mittendrin in diesem Show-Wahnsinn, der seine schönste Eskapade nicht in den Spielen von Panem findet, auch nicht im Inselkampf Battle Royale (der ja vorher da war, wie wir nicht erst seit Tarantino wissen) und auch nicht während eines Todesmarschs (The Long Walk), bis der letzte wegknickt. Hier gibt es Freiwild, und dieses wird gejagt. Von einer Killer-Elite, oder vielleicht auch von tötungshungrigen Zivilisten, die zu viel The Purge gesehen haben. Dieses Freiwild ist unter anderen Ben Richards – der in Sachen Show wohl lieber sanftere Töne anschlagen wollte und nun mittendrin in der Show aller Shows steckt, wo die mangelnde Aussicht auf Erfolg Richards Frau mit dem Gedanken spielen lässt, als alleinerziehende Mutter weiterzustrudeln. Doch Geldnot verlangt den Pakt mit dem Teufel, und so muss Richards hauptsächlich eines: Untertauchen, ab und an ein Lebenszeichen von sich geben. Davonlaufen, wenn‘s knapp wird. Oder aber den Gegner um die Ecke bringen.

Do the Wright Thing

Jahrzehnte ist es her, da hat Stephen King unter dem Pseudonym Richard Bachmann neben The Long Walk eine weitere TV-Show-Dystopie verfasst. Wer hätte gedacht, dass für den Reboot mit dem smarten Schönling Glen Powell nun einer wie Edgar Wright auf dem Regiestuhl Platz nimmt – womöglich handelt es sich hier weniger um ein Projekt auf dessen Wunschliste, sondern eine gut bezahlte Auftragsarbeit weit jenseits der Originalität, die man von der Cornetto-Trilogie gewohnt ist. The Running Man ist ja schließlich auch kein Autoren- oder Independentfilm, sondern eine stattliche Studioproduktion, wo viele VIPs mitzureden haben und dann auch ihren Senf dazugeben, weil künstlerische Freiheit ja nichts ist, was sich zwingend gut verkaufen lässt. Genau das ist mehr als nur bemerkbar. Wäre es nicht Edgar Wright, wäre es jemand anders gewesen, und den Unterschied hätte, bis auf einige Szenen britisch-sarkastischen Teatime-Humor, niemand bemerkt. Was aber alles nicht heisst, dass The Running Man ein schlechter Film ist. Immerhin gelingt ihm eines: Gut zu unterhalten.

Der nahbare Sozialheld

Weder hat das Remake repetitive Szenen noch zum Augenrollen verleitende Szenen, die nicht mehr sind als Lückenfüller. Wright hält die Zügel straff, Action und Thrill in gesunder Balance und den Rest erledigt Powell. Mit dem Zynismus eines Wutbürgers, der statt nichts eben viel zu verlieren hat und der wie ein Berserker manchesmal in völliger Todesverachtung wie einst Bruce Willis im Nakatomi Plaza vor den Schießeisen der Killerbrigade herumtanzt, um doch noch zu entwischen, lässt Powell den trockenen Achtziger-Helden im Feinripp fast schon wiederauferstehen. So gesehen wäre damals vielleicht sogar wirklich einer wie Willis die bessere Wahl gewesen, weil hemdärmeliger, nahbarer und geerdeter als Arnie. Mit solchen Typen solidarisieren sich Action-Afficionados durchaus gerne, der Typ hat Sympathie, das Herz am rechten Fleck, und hat auch die Dreistigkeit eines Revoluzzers, den Mächtigen voller Inbrunst die eine oder andere – wie sagt man so schön – Gosche anzuhängen. Mit „Ich bin noch hier, ihr Kackfressen“ schlägt diese Jetzt-erst-recht-Manier wie „Yippie-Ya-Yay, Schweinebacke!“ auch aufs Publikum um, und schließlich will man wissen, zu welchen geradezu übermenschlichen Fähigkeiten der Knabe noch fähig sein wird.

Dass es am Ende stets zum obligaten Showdown kommen muss, nimmt dem ganzen etwas die Spontaneität, weil es dann doch so aussieht, als wäre vieles allzu konstruiert. The Running Man inhaltlich so aufzublasen, damit die Kritik an der Unterhaltungsindustrie nicht versandet, ist löblich, aber wäre im Endeffekt gar nicht notwendig gewesen. So haben wir wieder – im Gegensatz zum weitaus mutigeren The Long Walk – einen aufgestempelten Paradigmenwechsel, der aber mit gerechter Wut die mittlerweile auch im realen Leben existierende Konzern-Ohnmacht abwatscht.

The Running Man (2025)