Molly´s Game

MÄCHTIGEN MÄNNERN DIE KARTEN LEGEN

6,5/10

 

MOLLY'S GAME© 2018 SquareOne

 

LAND: USA 2018

REGIE: AARON SORKIN

DREHBUCH: AARON SORKIN NACH MOLLY BLOOM

MIT JESSICA CHASTAIN, IDRIS ELBA, MICHAEL CERA, KEVIN COSTNER, JEREMY STRONG U. A.

 

Erst kürzlich hat sich mir das biografische Panoptikum Tonya Hardings im Kino offenbart. für die, die es nicht wissen: die amerikanische Eiskunstläuferin, die als einzige den sogenannten dreifachen Axel gesprungen ist, hat wegen eines Attentats an einer Konkurrentin ihre Berufung an den Nagel hängen müssen. Was ist dann passiert? Unter anderem eine durchwachsene Zukunft im Frauenboxen. Irgendwie kurios und auch faszinierend, zu erfahren, was aus Sportberufenen, die von Kindesbeinen an spezialisiert werden, noch alles werden können, wenn sie mal aus der fremdinszenierten Seifenblase ihrer perfektionierten Sportart treten und ihre Bestimmung neu suchen müssen. Da frage ich mich doch gleich – was wurde eigentlich aus Petra Kronberger? Michaela Dorfmeister? Vreni Schneider? Was macht denn Gerhard Berger so? Von Niki Lauda wissen wir’s – der verkauft gerade Flugzeuge an RyanAir. Und was hat Molly Bloom gemacht, nachdem sie als Profi-Skiläuferin mit verschraubtem Rückgrat auf der Buckelpiste ihren Ausstieg aus dem Wettlauf-Business hat besiegeln müssen? Der Sturz dürfte ja mindestens so heftig gewesen sein wie der Flug des Hermann Maier seinerzeit in Nagano. Und das wegen eines Reisigs auf der Fahrbahn, der die Bindung zum Ski geöffnet hat. Molly Bloom blieb liegen. Und mit ihr die Sportkarriere. Nur Hermann Maier hat sich wieder aufgerappelt und konnte weiter machen. Jetzt wirbt er für Raiffeisen. Werbung bringt doch das meiste Geld für die Zeit danach. Oder eben das liebe Glücksspiel.

Was aber eine verhinderte Freestyle-Skifahrerin mit kostenintensiven Kartenspielen zu tun hat, lässt sich allerdings nicht so einfach erklären. Dafür hat Drehbuchautor Aaron Sorkin, der ja bekanntlich als intellektuelles Mastermind unter den Schreiberlingen für Film und Fernsehen gilt, seinen ersten Spielfilm inszeniert. Und sich viel, viel Zeit gelassen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Das ist ihm durchaus gelungen. Vor allem die Wandlung vom Ski-Ass zum One-Woman-Kreditinstitut. Molly Bloom kommt anfangs zum Glücksspiel wie die Jungfrau zum Kind. Unerfahren, blauäugig, fasziniert von den reichen, berühmten Männern, die im Etablissement ihres schnöseligen Arbeitgebers ein und ausgehen. Und dann dieses Trinkgeld, das längst kein Trinkgeld mehr ist. Sondern fette Beute, aus der Frau eigentlich mehr machen könnte. Also macht sie das – ihr eigenes Ding. Stampft ihr eigenes Hotelzimmer-Casino aus dem Boden und schart die Creme de la Creme des Establishments um sich. Ist ja eigentlich alles nicht illegal – solange Molly ihre manikürten Hände vom Honigtopf lässt. Doch die Kombination Spielhölle, Geldverleih und Hostessenservice kann nicht lange halten. Da kracht es irgendwann. Und das nicht, weil Molly Bloom zu gierig wird. Vielmehr deswegen, weil die Reichen und Schönen vor Molly Bloom angebuckelt kommen, um zu schnorren. Dieser Reiz der zurückhaltenden Dominanz, ihre Rolle als Frau im Hintergrund, kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Tonya hatte Molly Bloom einen Vormund, der zwar nicht so sehr mit Niedertracht den Ehrgeiz seiner Tochter mobilisiert hat wie seinerzeit Mutter Harding. Der aber dennoch an einem streng organisierten Drill keine Zweifel zulässt. Der übergroße Vater, ihm zu Füßen und gebeugt der trainierte Nachwuchs. Schwierig, wenn dieser die Welt mit eigenen autarken Gedanken fassen kann. Reibung ist garantiert. Und dann tritt ähnliches zutage wie das Poker-Konstrukt, in dem es um Millionen geht. Und später sogar um die Russenmafia und das FBI.

Aaron Sorkin lässt Worte statt Taten sprechen – über zwei Stunden lang. Seine verbalen Gefechte zwischen Idris Elba und Jessica Chastain sind dicht getextet und auf hohem Niveau. Sein dramaturgischer Aufbau der Geschichte runterkomprimiert auf Überlänge. Chastain hat in Molly Bloom ihre Meisterin gefunden. Die stets unterkühlt wirkende, rothaarige Schauspielerin war bislang meist in Rollen zu sehen, die jenseits emotionaler Wärme mit berechnender Intelligenz das Filmset dominiert haben. Dass Jessica Chastain messerscharfen Verstand besitzt, dafür spricht ihr Charisma. In dieser schnittigen Biografie darf sie Schwächen zeigen, Zweifel und Depression, aber niemals Resignation. Dafür ist Chastain und der Charakter, den sie verkörpert, viel zu stark. Der von mir sehr geschätzte Altstar Kevin Costner, der im Film Molly´s Vater mimt, bringt es in einem psychoanalytischen Fazit gegen Ende des Filmes auf den Punkt. Dass es in Sorkin´s eloquenter True Story um den Versuch einer emanzipatorischen Gängelung gegenüber eines diktierenden Patriarchats geht, ist nachvollziehbar. Somit ist Molly´s Game weniger ein Gambler-Thriller als das analytische Psychogramm einer Überbegabten, die die Formel für eine zweite Chance sucht – und sich knapp, aber doch, verrechnet. Das ist natürlich interessant inszeniert, hat aber aufgrund seiner inhaltlichen Dichte und dem Breittreten einiger irrelevanter Details mitunter eine ermüdende Schwere, die ich nicht vermutet hätte. Der Faden ist leicht zu verlieren, Jessica Chastain´s omnipräsentes Profil und das Ringen um Haltung, Coolness und Selbstwert in ihren Augen machen Aufmerksamkeitslücken in dem minutiösen Biopic aber wieder wett.

Molly´s Game

Verräter wie wir

NUR EINE KLEINE GEFÄLLIGKEIT

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verraeterwiewir

Was täte das Spannungskino, vor allem das britisch-amerikanische Spannungskino, ohne die literarischen Vorlagen des Vielschreibers und Geheimdienstexperten John le Carré? Klar, man könnte auf Robert Ludlum, Tom Clancy oder nicht zuletzt Ian Fleming zurückgreifen. Was Filmemacher ja ohnehin tun. Doch es würde das gewisse Etwas fehlen. Nämlich die subtile Komponente aus der geheimen Welt des Verratens, Kooperierens und Spionierens. Die Geschichten le Carrés sind somit anders. Viel wortlastiger, atmosphärischer, und deren Handlung äußert sich meist in der Anordnung neuer Figurenkonstellationen und entscheidenden Gesprächen auf menschenleeren Brücken, leeren Parkplätzen und in dunklen Ecken. Vor allem die Dialoge bringen die Story voran. Und fordern auf, mitzudenken. Man kann sich hier nicht einfach zurücklehnen und den Rest des Filmes abschalten, nachdem die Geschichte ungefähr nach zwei Drittel auserzählt ist. So wäre es üblich.

Nicht hier – le Carré-Krimis erklären, erkennen und investigieren bis zum Schluss. Da gibt’s immer noch eine Wendung, mit der man nicht rechnet. So viel zu dieser Art von Krimis, die keinen schalen Nachgeschmack hinterlassen. In Verräter wie wir ist dieser schale Nachgeschmack aber ausnahmsweise dennoch da. Das liegt vor allem an dem britischen Schauspieler Ewan McGregor, den wir alle seit Trainspotting ziemlich gut kennen und der sich als der junge Obi Wan Kenobi nicht mehr aus dem Gedächtnis verbannen lässt. McGregor ist längst kein Virtuose in seinem Spiel. Seine Figuren wirken beiläufig, vor allem kraftlos. Was in diesem mäßig aufregenden Kronzeugenkrimi besonders stark zutage tritt. Ich weiß nicht warum, aber man wird das Gefühl nicht los, dass McGregor in seiner Darstellung des unbedarften, blauäugigen Oxford-Dozenten, der ehe er sich versieht tief in einem Netz von Verrat und Verfolgung steckt, lediglich Routine sieht. Da gibt es keine Nuancen und keine emotionalen Spitzen. Vor allem auch keine Angst in Anbetracht der akuten Bedrohung, die über das junge britische Ehepaar nach der Bekanntschaft mit Russen-Riese Stellan Skarsgård hereinbricht. Dieser wiederum kann alles spielen – auch einen russischen Geldwäscher, der seiner kriminellen Vergangenheit den Rücken kehren möchte – um seine Auftraggeber gleichzeitig zu verraten.

Dank Skarsgård bleibt man an dem Film doch irgendwie dran – obwohl dieser intensiveren und deutlich geglückteren Filmen wie Der ewige Gärtner oder A Most Wanted Man bei Weitem nicht das Wasser reichen kann. Verräter wie wir zählt zu den schlechtesten Verfilmungen des Autors le Carré. Lauwarm, relativ ideenlos und schauspielerisch – zum Glück nur teilweise – eine Niete.
 

Verräter wie wir