Johnny English – Man lebt nur dreimal

STOLPERN MIT STIL

6/10

 

Johnny English 3© 2018 Universal Pictures Germany GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID KERR

CAST: ROWAN ATKINSON, EMMA THOMPSON, OLGA KURYLENKO, BEN MILLER U. A.

 

Niemand kann sich so exorbitant komisch fürchten wie Mr. Bean während der Betrachtung eines Horrorfilms. Und niemand bereitet sich so ekelhaft geschmackvoll ein Sandwich zu. Natürlich kann auch niemand seinen Vierräder so zielgenau in die Parklücke manövrieren. Die urbritische Kultfigur von jenseits des Ärmelkanals ist zeitloser Slapstick an der Grenze zum guten Geschmack, brüllend komisch und eine perfide Karikatur auf das urbane Kleinbürgertum und die Tücken des Alltags.  Dabei waren die Fernseh-Sketches weitaus besser als die beiden Kinofilme, denn spätestens, wenn Mr. Bean anfängt zu sprechen, ist der skurrile Charme des Lucky Losers so gut wie verloren. Gerade das nonverbale Spiel hat den Szenen feinsten Brit-Humors diesen bizarren Touch verliehen. Rowan Atkinson allerdings, der sich privat wie so viele andere Komiker eigentlich gar nie wirklich zum Possenreißer hinreißen lässt, kann auch anders. Wobei – gar nicht mal so sehr anders. Im Grunde bleibt er seinem Alter Ego des Mr. Bean weitestgehend treu. In seiner Rolle als Geheimagent Johnny English ergänzt er seine körperbetonten Eskapaden mit überheblichem Geschwafel und kreiert so einen entfernten Verwandten des braun gekleideten TV-Egozentrikers, der noch dazu dort mitmischt, wo es brenzlig wird – das hätte Mr. Bean wiederum nie getan. English allerdings schon. Und der hatte 2003 seinen Einstand. Ja, das war schon ganz witzig, wenn auch etwas bemüht. Bonuspunkte gab’s immer dann, wenn Atkinson mit den Glupschern rollt oder in seltsamen Verbiegungen das Tanzbein schwingt. Das ist schon komisch, kann aber nicht einen ganzen Film tragen, auch wenn John Malkovich zum Cast gehört. Ähnliche Austauschbarkeit muss da das Sequel mit dem Untertitel Jetzt erst recht erleiden. Ich habe die Komödie zwar gesehen, kann mich aber nicht mal mehr erinnern, dass hier tatsächlich Gilian Anderson oder Rosamunde Pike mitgespielt hätten, so sang- und klanglos hat dieses Werk ihren Eindruck hinterlassen.

Der nun vorläufig letzte dritte Teil besinnt sich konsequenter und akkurater auf  hemdsärmelige Späße weit vor der Bequemlichkeit des Informationszeitalters und nimmt sich das filmische Komödien-Euvre eines Peter Sellers zur Brust, genauer gesagt die Filmreihe rund um den Rosaroten Panther. Johnny English – Man lebt nur dreimal blickt zurück nach vorn auf die analogen Katastrophen eines Inspektor Clouseau – und verbeugt sich vor dem sich unendlich selbst überschätzenden, schnauzbärtigen Trenchcoatträger mit einem Repertoire feinster Retro-Fettnäpfchen, die man heutzutage, wie ich finde, gerne als obsolet betrachtet.

Natürlich, der dritte Film um die Wirrungen und Irrungen eines Johnny English ist jetzt mal nichts, was vom Plot her länger in Erinnerung bleibt als ein Durchschnitts-James-Bond. Auch angelt sich Supernase Atkinson seine bewährten Kalauer aus der eigenen Klamottenkiste, verbiegt sich auch hier wieder unter Disco-Rhythmen, macht augentechnisch Marty Feldman wieder alle Ehre und haspelt mit Hängelippe teils ratlos und ob seines Ungeschicks peinlich berührt und frei von jeglicher Selbstreflexion die Cote d´Azur Frankreichs entlang. Ich will gar nicht näher auf den Inhalt des Filmes eingehen, denn der ist nach wie vor austauschbar. Dafür aber unterhalten eben diese liebevoll platzierten Szenen entschleunigter Situationskomik, zum Beispiel wenn English das Smartphone verweigert – das hätte Clouseau auch getan – und stattdessen in der womöglich einzig verfügbaren Telefonzelle am europäischen Kontinent mit jeder Menge Kleingeld versucht, ein R-Gespräch zu führen. Launig auch die Possen mit der Rüstung – auch hier ahnt man fast Peter Sellers wieder auferstanden – einzig Herbert Lom als in den Wahnsinn getriebener Chefinspektor Dreyfus fehlt, aber dafür macht Emma Thompson, eben noch als Jurorin im Drama Kindeswohl auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, als fahrige Premierministerin eine gute Figur, mit eleganter Tendenz zur Hysterie.

Johnny English – Man lebt nur dreimal ist distinguierte Turbulenz auf manierlichem Niveau, angenehm bieder und vielleicht gerade deshalb überraschend zum Auflachen, weil dieser Humor ebenso seltsam vor sich hin stakst wie ein Akrobat auf Stelzen – was man vermutlich auch nicht alle Tage sieht. Und Atkinson in seiner expressiven Performance bleibt vermutlich wirklich irgendwie zeitlos – wie der ganze Film, der weitgehend dem Zeitgeist den Rücken kehrt, auf Schnurtelefon setzt und so sehr Old School ist, dass man sich die Wählscheibe wieder zurückwünscht.

Johnny English – Man lebt nur dreimal

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

DER LANGEN REDE KURZER ZAUBER

5/10

 

grindelwald© 2000-2018 Warner Bros.

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID YATES

DREHBUCH: JOANNE K. ROWLING

CAST: EDDIE REDMAYNE, KATHERINE WATERSTON, DAN FOLGER, JOHNNY DEPP, JUDE LAW, EZRA MILLER, ZOË KRAVITZ U. A.

 

Das muss man Joanne K. Rowling einmal nachmachen – nämlich einen dermaßen zielgenauen Treffer zu landen, was den Geschmack des lesefreudigen Bürgertums betrifft. Phantastische Literatur ist sicherlich nicht jedermanns Sache, eine Welt wie die von Harry Potter hingegen schon. Das liegt vor allem daran, dass die ehemalige Englischlehrerin, die schon von Kindesbeinen an das Schreiben für sich entdeckt hatte, Charaktere erschuf, die in die eigene Kindheit des jeweiligen Lesers zurückführen und das Erwachsenwerden als magische Challenge interpretieren. In einem dualistischen Universum, wo das Böse schleichend und nicht immer wahrnehmbar ist, das Gute oft ins Grau chargiert und Geheimnisse lange gehütet werden. Dieses Universum wird jenseits der auserzählten Geschichte über den Jungen mit der Narbe auf der Stirn mittlerweile als Wizarding World bezeichnet. Rowling ließ ja unmissverständlich verlauten, dass mit Den Heiligtümern des Todes die Ereignisse um den Waisenjungen auserzählt seien – mit Ausnahme eines als ergänzenden Band angelegten Theaterstückes – Harry Potter und das verwunschene Kind (auch unaufgeführt absolut lesenswert). Das Kino liebäugelt da wohl mehr mit der Zeit vor dem Unheil, das nicht genannt werden darf. Um genau zu sein: rund 70 Jahre vor den uns allen wohlbekannten Ereignissen, die man immer und immer wieder lesen kann.

Ein gewisser Newt Scamander, der in Harry Potter und der Stein der Weisen namentlich erwähnt wird, reist mit einem Koffer nach New York, in geheimer Mission, wie es scheint. Und der eine ganze Menagerie an sonderbaren Kreaturen über den Atlantik schleust, die ihm dann auch teilweise entfleuchen. So ein animalisches Fangenspiel wäre für eine so komplexe Welt wie die des Harry Potter eindeutig zu wenig. Auch Übersee hat ein Zaubereiministerium voller Auroren, die einem Obskurus auf der Spur sind – der negativen Energie eines Zauberers, dessen magisches Handeln verboten wird. So viel zu Teil eins, Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Und ich rate tunlichst, vor Sichtung des eben erschienen zweiten Teils der Prequel-Reihe den Erstling dringend nachzuholen, sofern hier noch Unkenntnis herrscht. Bei Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen quer einzusteigen mag zwar durchaus machbar sein, führt aber zu noch mehr Konfusion, als diese ohnehin auf das vorab informierte Publikum hereinbricht. Schauplatz ist diesmal nämlich London und Paris, und neben dem ausgebüxten Grindelwald gilt es, dem rätselhaften Obscurus namens Credence Barebone habhaft zu werden. Warum gerade der schrullige Newt Scamander darauf angesetzt wird, weiß nur der junge Dumbledore. Im Grunde ist es so, als würde man Charles Darwin darum bemühen, geheimdienstlich aktiv zu werden. Ich würde da jemand anderen wählen, aber bitte – jedem seinen Nervenkitzel.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen allerdings ist ein überlanges, wenig nervenaufreibendes Szenario mit natürlich allerlei Schauwerten. Die diesmal spärlicher eingestreuten Kreaturen – allen voran ein Fuchur-ähnlicher Glücksdrache – sind wiedermal enorm detailverliebt und in Vollendung gestaltet, und zur Freude leidenschaftlicher Harry Potter-Fans finden sich auch allerlei Reminiszenzen an das erste Jahr von Hogwarts, als der Stein der Weisen Voldemort´s erste Versuchung war. Mit diesen Bonmots aber hätte sich maximal ein Fanfilm ausgezahlt – nicht aber ein ganzer Film, der einem sagenhaft verworrenen und ermüdend redseligen Drehbuch unterliegt. Dafür verantwortlich: Joanne K. Rowling. Denn da wo Wizarding World draufsteht, ist die mächtige Autorin auch drin. Nichts geht hier ohne Abnicken der Urheberin, was prinzipiell durchaus verständlich ist. Und um ganz sicher zu gehen, dass ihre Welt auch nicht mit einer anderen kollidiert, bleibt das Leben des Newt Scamander auch niemand anderem überlassen. Doch genau darin liegt das Problem. Joanne K. Rowling ist eine großartige Schriftstellerin, die penibel genau ihre unzähligen Handlungsstränge beispiellos verwebt, zusammenführt und wieder aufdröselt. Auch ein Grund, warum die Harry Potter-Bücher so faszinieren. Das allerdings funktioniert so sagenhaft gut, wenn es sich um einen Roman handelt. Ein Drehbuch funktioniert ganz anders. Genauso wie ein Theaterstück. Da ich selbst Romane und Dramen verfasst habe, weiß ich, worauf es zu achten gilt. Beides sind zwar Medien der schreibenden Zunft, haben aber völlig unterschiedliche Regeln. Rowling scheint für Grindelwalds Verbrechen vergessen zu haben, dass sie nicht für den Ladentisch in der Buchhandlung, sondern für das Kino schreibt. Als Buch würde der Plot aus Grindelwalds Verbrechen verdächtig nach Bestseller aussehen. Eine vertrackte Geschichte voller Rätsel und Spuren, fast schon eine Verbeugung vor den Detektivkrimis eines John Huston. Seriöse Gestalten in schickem Trenchcoat und Fedora, einzig die Zauberstäbe unterm Ärmel lassen wissen, dass man hierbei niemand Gewöhnlichem auf der Spur ist. Als Vorlage für einen Film dieser Größenordnung lasse ich mal Rowling´s Talent außen vor: Ihr dichter Magierkrimi ist, was den inhaltlichen Aufbau betrifft, wie das Wedeln und Wischen mit angeknackstem Zauberstab. Folglich also ein Zauber, der nach hinten losgeht.

Ein Film fesselt dann, wenn der rote Faden des Erzählten stets erkennbar und das Handeln der Personen sowohl erwartbar als auch nachvollziehbar bleibt. Zumindest von jenen Personen, die als Identifikationsfiguren durch die Geschichte begleiten. Er fesselt dann, wenn der Plot nicht zerfranst und sich in einzelnen Charakterdramen verliert, die nicht wesentlich zum Vorwärtskommen der Story beitragen. Das ist Verzetteln auf hohem Niveau, auf welchem Komplexität gerne mit Komplikation verwechselt wird. Eine packende Story, die ist im darstellenden Medium eines Filmes oder Dramas so straff wie möglich, auf den Punkt genau gesponnen, sollte dabei aber tunlichst nicht unterfordern. Rowling erfüllt fast jedes dieser Do Not´s, und auch wenn sie als Romancier zu schreiben versteht – Drehbücher schreiben kann sie nicht.

Dennoch verspricht Grindelwalds Verbrechen einigen Filmgenuss, der weitgehend vom guten alten Johnny Depp verschuldet wird. Man kann über diesen exzentrischen Star sagen, was man will – schauspielern kann er, und wie! Nach der letzten Fluch der Karibik-Gurke und einiger Auszeit kann Depp wieder aus neuen, kreativen Ressourcen schöpfen. Und verpasst seinen Gellert Grindelwald eine ganz eigene charakterliche Note. Weder kokettiert er mit den diabolischen Allüren eines Voldemort, noch gibt er sich platter Boshaftigkeit hin. Grindelwald ist ein politischer Aktivist, ein perfider Taktiker. Gelassen und selbstbewusst, weniger manisch. Gegen die paar Minuten gachblonder Überlegenheit wirken Newt Scamander und seine Entourage geradezu blass. Und die Entourage ist breit gefächert, unzählige Figuren tauchen aus dem Dunst der magischen Historie empor und haben kaum genug Spielzeit, um nachhaltig aufzufallen. Das ist mitunter auch ein Handicap an dieser versuchten Entfesselung an hellen und dunklen Künsten, die auf das große Duell von Dumbledore und Grindelwald hinarbeiten. Seine Verbrechen markieren somit die bisher schwächste Filmepisode aus Rowling´s Welt, und so sehr ich Niffler, Bowtruckles und Kelpies liebend gern anfassen würde – der phantastische Zirkus weicht einem konfusen Who is Who vor der Kulisse eines magischen Europa, dass die mitreißende Effizienz jugendlicher Neugier, wie sie Ron, Hermine und Harry an den Tag legten, vermissen lässt. Hoffen wir, das Teil III die Zügel der Thestrale deutlich straffer zieht.

Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

Mission: Impossible – Fallout

EIN TOM FÜR ALLE FÄLLE

7/10

 

null© 2018 Paramount

 

LAND: USA 2018

REGIE: CHRISTOPHER MCQUARRIE

CAST: TOM CRUISE, SIMON PEGG, VING RHAMES, REBECCA FERGUSON, HENRY CAVILL, VANESSA KIRBY, ANGELA BASSETT, ALEC BALDWIN U. A.

 

Wenn die Welt Gefahr läuft, vernichtet zu werden, war früher einmal keiner der Regierenden zweimal überlegt, das rote Telefon anzuwählen und James Bond anzurufen. Neuerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn der nervös zitternde Finger kurz mal über den Tasten des Fernsprechgeräts innehält, um nicht vielleicht doch im Register des Telefonbuchs weiterzugehen und 007 dort zu belassen, wo er gerade ist. Besser wäre es vielleicht, die Nummer von Ethan Hunt anzuwählen – dieser Mann nämlich scheint noch unermüdlicher zu sein als der legendäre britische Gentleman-Agent, darüber hinaus noch zeitgeistiger, mehr risikogefährdet und irgendwie gewinnbringend verbissener. Hunt, gemeinsam mit seinen beiden Sidekicks Luther und Benji (in herrlich entspannter, serientauglicher Selbstironie: Simon Pegg und Ving Rhames), ist sozusagen das Bermudadreieck für alle Weltenvernichter, Terroristen und psychopathische Besserwisser, die  nach dem Homöopathie-Prinzip „Bevor es besser wird, soll es noch mal so richtig schlimmer werden“ vorgehen wollen. Eine Herangehensweise, die der Superagent mit der schier unerschöpflichen Energie wie ein Duracell-Hase nicht ganz so sehr zu schätzen weiß – und den finsteren Gesellen, die gerne mit Atombomben jonglieren, ein A für ein U vormacht. Und wenn das nicht klappt, einfach drauflos rennt, boxt, feuert und fahrbare Untersätze bis an die Grenze der Belastbarkeit malträtiert.

Jede Episode – mittlerweile sind wir bei Nummer 6 – hat so seine Schauplätze. Meist Städte, die fremdenverkehrstauglich und stets das kulturelle Erbe wertschätzend in Tages- und Nachtlicht gerückt werden. In den Gassen und allseits bekannten Gebäuden dann Action der guten alten Schule, hemdsärmelig und angestrengt. Theoretisch ist uns Zusehern natürlich klar, wie das Gerangel ausgehen wird, doch das Kino der Franchise-Agenten wäre nicht das Kino der Franchise-Agenten, laden nicht all die handwerklich perfekt inszenierten Event-Kapitel zum Mitfiebern ein. Nicht zuletzt ein großes Verdienst von Mr. Cruise höchstpersönlich, welchem sein gewieftes, scheinbar niemals alterndes Alter Ego ein echtes Anliegen zu sein scheint. Klar, die Mission: Impossible-Reihe ist mittlerweile Cruises Brotjob geworden, damit verdient er die meiste Kohle, und da hinein buttert er auch säckeweise eigenes Geld im Rahmen seiner Produktionsfirma. Einige Faktoren also, die den energischen Zappelphilipp und scheinbaren Jungspund die Sache nicht ganz egal sein lassen.

Mission: Impossible – Fallout ist ein dankbarer Knochenjob mit nur wenigen Überraschungen – und das ist gut so. Bei Mission: Impossible – Fallout ist der rote Teppich der Erwartungshaltung bereits gelegt, und wird weder untergraben noch gestört. Der episodenverwöhnte Zuschauer bekommt, was er erwartet, und unterhält sich zweieinhalb Stunden geradezu prächtig, während der Stakkato-Zickzackkurs der Handlung zwischen lässigem Understatement-Management der Gefahrenlage und verzweifelten Hetzjagden hin und herpendelt. Handwerklich staubfrei geschnitztes Agentenkino, das in gewohnt straffer Dramaturgie von einer ausweglosen Situation zur nächsten sprintet. Hinterfragen darf man den Plot aber lieber nicht, die Notwendigkeit des engmaschigen Konzepts von Tarnen und Täuschen, um zum Ziel der Geschichte zu gelangen, ziehe ich mal vorsichtig in Zweifel, um nicht das ganze Kartenkonstrukt an bemühter Verstrickung zum Einsturz zu bringen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Womöglich unterlag Mission: Impossible – Fallout der gleichen mathematischen Formel wie Brian de Palma´s Erstling: Wie lassen wir es krachen, wohin sollen wir reisen, und wie bauen wie die Geschichte drumherum? Die Stunts, die waren sicher als erste da – und Tom Cruise als Selfmade-Gefahrenjunkie ganz vorne mit dabei. Dabei freut er sich wie ein kleiner Junge, der Räuber und Gendarm spielen darf, nach- und wegläuft, aus Flugzeugen fällt und keine Ahnung vom Fliegen eines Hubschraubers hat, was ihn letzten Endes bis an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringt. Dem smarten Scientologen (geht das überhaupt?) dabei zuzusehen, wie er sich abstrampelt, hat etwas Mitreißendes. Immer noch hat er’s drauf, und die lausbübische kindliche Gerechtigkeit in uns will so gerne mit dabei sein, wenn Unmögliches möglich wird – so vibriert und blinkt der Notfallbutton für alters- und zynisch befreites spannendes Eventkino, dass sich glücklicherweise nicht schon nach 5 Sekunden selbst zerstört, sondern zweieinhalb Stunden erstklassig routiniertes Retro-Hunting liefert, eingebettet in den ohrenbetörenden Klängen Lalo Schifrins, die Tom Cruise´s Steckenpferd zu einem wohltrainierten Wildpferd striegeln.

Mission: Impossible – Fallout

RED SPARROW

DEN SPATZ IN DER HAND

5,5/10

 

redsparrow© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: FRANCIS LAWRENCE

MIT JENNIFER LAWRENCE, JOEL EDGERTON, MATTHIAS SCHOENAERTS, JEREMY IRONS, CHARLOTTE RAMPLING U. A.

 

Wenn ich als feierabendlicher TV-Channelsurfer an den SWR denke, dann fällt mir erstmal unweigerlich der Südwestrundfunk ein. Dass mit diesem Kürzel aber auch der russische Auslandsnachrichtendienst gemeint ist, erschließt sich mir erst nach Sichtung des neuen Films von Panem-Macher Francis Lawrence. Red Sparrow heißt sein Agententhriller, und natürlich hat Namensvetterin Jennifer womöglich schon vor Vorlage des Drehbuchs zum Film ihre Rolle als fix in ihrer Agenda gehabt. Francis hätte aber auch Charlize Theron besetzen können – die hat aber bereits für Atomic Blonde zugesagt. Mit seiner ehemaligen Darstellerin der Katniss Everdeen ist Francis Lawrence aber sowieso auf der publikumswirksameren Seite. Lawrence zählt zu den bestverdienenden Stars und hat auch weit über ihr schauspielerisches Können hinaus im weltweiten Celebrity-Pool ihre Hände mit im Spiel. Red Sparrow wird also wohl vor allem wegen Jennifer Lawrence sein Geld einspielen, keine Frage. Noch dazu, wenn bei Erwartung einer im Vorfeld angekündigten ungezügelten Nabelschau Erinnerungen an Sharon Stone wach werden. Dass zumindest zeitweilig die Zugriffe auf die unwillkommenen Nacktfotos der jungen Dame weniger werden, kann auf taktisches Kalkül zurückzuführen sein.

In Red Sparrow, nach dem Roman des Ex-CIA-Agenten Jason Matthews, der sicher mit reichlich Erfahrungen aus der Branche authentisches Gebaren hinter den Kulissen illustriert, führt der SWR also so etwas Ähnliches wie ein Bootcamp für reizorientierte Kampfmätressen, genannt die Spatzenschule, unter der Fuchtel einer steingesichtigen Charlotte Rampling, die einen seltsamen Haufen junger Russinnen und Russen zur Schamlosigkeit erzieht. In dieses zweifelhafte Etablissement wird die Ex-Ballerina Dominika Egorova von ihrem zwielichtigen Onkel Wanja – da war wohl Matthews ein Liebhaber Anton Tschechows – gekarrt. Doch wenn ich Dominika Egorova wäre, würde ich, sofern ich die Wahl hätte, absichtlich aus der Schule fliegen wollen. So elitär und effektiv, wie angekündigt, ist diese knochentrockene Erziehungseinrichtung, die irgendwie an das Internat Romy Schneiders aus Mädchen in Uniform erinnert, längst nicht. Zumindest gelingt es Francis Lawrence kaum, die angebliche Relevanz der Vorgeschichte unseres roten Spatzen zu rechtfertigen. Die sogenannten Geheimnisse der Verführung und Manipulation, die dort weit jenseits des Kamasutras beigebracht werden, scheinen auch als Online-Tutorial auf Youporn seinen Zweck erfüllen zu können. Und die Erkenntnis von Jennifer Lawrence, dass sexuelle Nötigung meist mit Machtgehabe zu tun hat – das ist jetzt nicht so die Aha-Erkenntnis, die sie wohl meint erlangt zu haben.

Hat man die zumindest in der Synchronisation im unfreiwillig komischen, russischen Dauerakzent sprechende Meisterin aller Klassen in die freie Wildbahn der Agenten und Spione entlassen, beginnt das Spiel um Information, Täuschung und Taktik überhaupt erst interessant zu werden. Da ist aber schon rund die Hälfte des Filmes um. Sei´s drum, das war bei Atomic Blonde auch so. Da hat das Genre des Agentenfilms generell das Problem, die Gesamtsituation für das Publikum in viel zu langen Erklärungen überhaupt erst erfassbar werden zu lassen. Bei Atomic Blonde und Red Sparrow zeigt das Drehbuch zur ersten Halbzeit deutliche Schwächen – leicht zu dramatisieren ist so eine Romanvorlage sicher nicht. Hut ab, wenn es zumindest halbwegs gelingt. Dann aber wird das Gefühl, schon viel zu viel Zeit in Red Sparrow investiert zu haben, deutlich schwächer. Jennifer „Dominika“ Lawrence, die trotz ihres barbusigen, aber dennoch verhaltenen Teasings wie kaum eine andere junge Filmdiva so sehr ihre Keuschheit an die vorderste Front schickt, hat in Joel Edgerton zumindest einen Filmpartner gefunden, der seine Reize zum Glück nicht vortäuschen muss. Der stets verkniffen dreinblickende, gestandene Charaktermime hat schon Charisma, während Matthias Schoenaerts wie der jüngere Bruder von Vladimir Putin Todesdrohungen wie Tombolapreise verhökert.

Man bemerkt mitleidig, dass der rote Spatz immer noch gerne Ballerina hätte sein wollen. Von Professionalität keine Spur, vielmehr fallen die scheinbar unerwarteten Umstände in der Agentin aufreizenden Schoß. Improvisation ist wohl mehr ihr Ding  – oder ist alles nur Fassade? Spätestens jetzt sollte ich damit das Interesse meiner Leser wecken, denn je näher wir zum Ende kommen, umso mehr schlägt der Thriller seine notwendigen Kaninchenhaken, um als durchaus spannender Geheimtrip – nicht Tipp – zwischen Moskau, Budapest und Wien in Erinnerung zu bleiben. Und der Wiener Michaelaplatz könnte zumindest für Fans, die sich getrost wieder JLa´s Nacktfotos widmen, eine völlig neue Bedeutung erlangen.

RED SPARROW

The Shape of Water

FISCH VERLIEBT

8/10

 

shapeofwater© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA, KANADA 2018

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

MIT SALLY HAWKINS, DOUG JONES, MICHAEL SHANNON, RICHARD JENKINS, OCTAVIA SPENCER U. A.

 

Wohl eine der künstlerisch wertvollsten Comicverfilmungen, die jemals das Licht der Kinoleinwand erblickt haben, ist Hellboy von Guillermo del Toro. Beide Episoden sprühen vor Einfallsreichtum und zeigen, mit welcher Stilsicherheit der Mexikaner seine Visionen, Bilder und Kreaturen in bewegtes Drama umsetzen kann. In Hellboy gibt es einen Fischmenschen namens Abe Sapien, der seine Glupschaugen stets mit Fliegerbrille feucht hält und genauso immer mal wieder baden geht wie sein entfernter Verwandter aus dem für 13 Oscars nominierten Academy-Favoriten The Shape of Water. Dass beide Kreaturen einen gemeinsamen Ursprung haben, ist offensichtlich. Sie stammen beide aus del Toro´s unverwechselbarem Universum. Niemand kann dessen Handschrift mit dem Oeuvre anderer Filmemacher verwechseln. Das war bei Pans Labyrinth so, das war bei Crimson Peak so, und das wiederholt sich auf wunderbar variierte Art auch hier, in dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen poetischer Fantasy und einem Abenteuer aus dem Kalten Krieg, in dem die Kleinen ganz groß und die Mächtigen verzweifelt um Anstand bemüht sind.

The Shape of Water – fälschlicherweise übersetzt mit Das Flüstern des Wassers, richtigerweise müsste es aber Die Form des Wassers heißen – ist neben all der romantischen Momente und den Anleihen aus dem Spionagethriller-Genre eine leidenschaftliche Hommage an das Monsterhorror-Genre der 50er-Jahre. Anzunehmen, dass del Toro diese Filme womöglich alle in seinen DVD-Regalen hortet, und Jack Arnolds Phantastereien wie Der Schrecken vom Amazonas den Visionär für seine Arbeiten angeregt haben. Sucht man nach Bildern von Arnolds Wasserwesen, lässt sich der Dschungel Südamerikas als gemeinsame Herkunft nur bestätigen. Del Toro weiß gekonnt, seine Assoziationsquelle liebevoll zu zitieren. Hätte del Toro aber seine Wasseroper in Schwarzweiß gedreht, wie er ursprünglich sogar überlegt hat, hätte mir seine sonst so opulente Farbgebung, die seine Bilder so sehr auszeichnen, ziemlich gefehlt. Das Grün, Petrol und Rot, dieses satte Setting mit all diesen kolorierten Details – von der flirrenden Biolumineszenz des Fischmenschen bis zu den roten Leuchtdioden an den Überwachungskameras der Forschungsstation – setzen dem schwelgerischen Film nämlich gezielt gesetzte Akzente.

Zwischen all der nostalgischen Lobeshymnen an das gute alte Kino der Träume, dass sich warnend als barocker, leerer Kinosaal präsentiert, in welchen sich das Wesen als einziger Gast hineinverirrt, ereifert sich ein famoses Ensemble in heller Spielfreude zur Rettung des Unbekannten. Wer würde in diesem Kontext nicht über seinen Schauspielerischen Schatten springen wollen? Für ein Wesen dieser Art einzustehen, das hat wohl zuletzt der kleine Elliott aus E.T. – Der Außerirdische vollbracht. Auch der pummelige Gnom aus Spielbergs Klassiker hatte so seine Fähigkeiten, und das Zeug dazu, mit der Angst vor dem Fremdartigen und Unverstandenen, die unserem menschlichen Verhalten inhärent ist, aufzuräumen. Der namenlose Amphibienmann tut dies genauso – auf seine eigene, passive, kryptische Art. Und gewinnt die Liebe und Zuneigung von Eliza, die des Nächtens im Forschungslabor sauber macht. Sally Hawkins ist eine ganz große Performance gelungen. Selbst stumm wie ein Fisch, einsam und sich nach Nähe sehnend, findet sie in dem anmutigen, faszinierenden Geschöpf mit dem Schuppen- und Flossenkleid ihren „Lebensmenschen“. Hawkins spielt genauso wie in Maudie mit jener zerbrechliche wirkenden Zurückhaltung und einer von jedermann unterschätzten Stärke, dass man einfach auf ihrer Seite sein muss. In Momenten erinnert ihre Eliza an Jean-Pierre Jeunet´s Amelie, gespielt von Audrey Tautou. Dazu trägt womöglich auch das Setting bei, dass mit jeder Menge skurrilem Interieur aufwartet und das Abgewohnte wohnenswert macht. Nicht weniger beeindruckend zeigt sich Richard Jenkins als liebenswerter Grafiker, der noch mit Pinsel und doppelter Brille malt und im Grunde die scheinbar heile 50er-Jahre-Welt des Spezialagenten Michael Shannon aufs Papier bringt. Dass diese hinter den Kulissen ziemlich krankt, wird bald klar – den bonbonlutschenden Sadisten, der unter Minderwertigkeitskomplexen leidet, seine Untergebenen belästigt und in herablassender Arroganz bibelzitierend Gott spielt, gibt Shannon mit Hingabe und hätte zumindest gleichwertig mit Jenkins für den Oscar nominiert werden sollen.

The Shape of Water ist ganz großes Kino des Fremdartigen. Ein visionäres Gleichnis von Liebe und Wasser, die sich beide, so del Toro in einem Interview – zuerst formlos und chaotisch, erst durch einen Körper, ein Gefäß, eine feste Hülle, artikulieren können. So gesehen steht das Wasser in diesem Film für das metaphysische Element der Liebe. Überall dort, wo es fließt, rinnt, verschüttet wird, übergeht – erlangt die lyrischste Kraft des Universums ihre größtmögliche Intensität oder wird im Keim erstickt. Das Element des Wassers als formbares Empfinden beginnt als alles durchdringende, amorphe Materie, um sich im Laufe des Filmes auf unterschiedlichste Art zu vermitteln, sei es im Wasserkocher, in der Badewanne oder an der Fensterscheibe. Selbst Blut fließt jede Menge, ein Quantum Ekel ist auch dabei – das mag angesichts dieses poetisch-phantastischen Kinokunststücks kontraindiziert sein, verleiht dieser eigentlich schmerzvollen Leidens- und Überlebensgeschichte aber ein zusätzlich expressives Vokabular. Und die Bezeichnung „schlimmer Finger“ bekommt auch hier eine gänzlich neue, darauf bezugnehmende Interpretation.

Aus dem Schrecken des Amazonas wird ein begnadetes Wesen, dass die Terra Incognitas dieser Welt sowie das Geheimnisvolle in sich trägt. Die Magie des Anderssein wird zum Glücksmoment für jene, die in einer hierarchisch strukturierten Machtgesellschaft nichts zu sagen haben. Für die Fische ist diese herzblutende, tropfnasse Bilderflut jedenfalls nicht. Oder zumindest nicht in seiner gewohnten Bedeutung. Sie ist ein Filmgenuss, der betört, erfrischt und auf die große Leinwand gehört – wo man ihn auch sehen sollte.

The Shape of Water

American Assassin

TREFFEN DER ANONYMEN WUTBÜRGER

4/10

 

AMERICAN ASSASSIN@ 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MICHAEL CUESTA

MIT DYLAN O’BRIEN, MICHAEL KEATON, TAYLOR KITSCH U. A.

 

Hallo, ich bin Mitch. Und ich habe meine Partnerin bei einem Terroranschlag verloren.“ Natürlich, das ist traurig und erschütternd. Ganz klar hat die Buchvorlage des Thrillers von Vince Flynn auf tatsächliche Ereignisse des Sommers 2015 Bezug genommen. Was ist passiert? Ein Islamist hat den Strand eines 5-Sterne-Hotels meerseitig überfallen und wahllos um sich geschossen. Zahlreiche Menschen sind dabei gestorben. Die Wirtschaft der Wüstennation am Mittelmeer hat die blutige Katastrophe bis ins Mark erschüttert. Ähnlich furchtbar und wenig zimperlich zeigt Regisseur Michael Cuesta als Auftakt seines Filmes eine ähnliche Szene, die irgendwie schwer zu ertragen ist. Die Bilder kommen einem bekannt vor. An solchen Stränden war man selbst schon einige Male. Sich Vorzustellen, wie man selbst mittendrin ums Überleben rennt, ist somit kein Ding der Unmöglichkeit mehr. Schauspieler Dylan O’Brien, den wir alle aus der Jugend-Dystopie Maze Runner kennen, erlebt das Unvorstellbare am eigenen Leib – und muss zusehen, wie seine Verlobte von Kugeln durchsiebt wird. Das kann zweifelsohne das Leben der Hinterbliebenen zerstören. Für einen Neuanfang braucht es Therapie oder zumindest einen enormen Willen, weiterzumachen. Oder man lässt sich von Rachegefühlen beherrschen, stählt sich zur Kampfmaschine und schleust sich in die Terrorzelle ein, die das Drama von damals verursacht hat. Das klingt jetzt ein bisschen nach Arnold Schwarzenegger. Der hat, um seine entführte Tochter zurückzuholen, ganze Landstriche in Brand gesteckt. So gesehen in Phantom Kommando. Der Actionklassiker von damals ist heute fast nicht mehr ansehbar. Die unreflektierte, moralisch enorm fragwürdige Lizenz zum Töten hat die Jahrzehnte allerdings spurlos überdauert. Auge um Auge zieht immer noch. Doch die Berufswahl zum modernen Assassinen ist auch keine Lösung.

Egal, denkt sich dieser Mitch. Das Treffen der anonymen Traumatisierten wird zum Treffen der anonymen Nemesis-Übermenschen. Wozu Gesprächstherapie, wenn es gleich ans Eingemachte gehen kann. Wer kann bei dieser Chance zur zwangsbeglückten Aggression da schon widerstehen? Doch sobald es um Geheimdienst geht, ist die ganze Gewaltbereitschaft ja für den guten Zweck des Weltfriedens. Dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, davon hat dieser seltsam agierende Geheimdienst noch wenig gehört. Umso plumper und tölpelig stellt er sich an. Am Tölpeligsten ist da Michael Keaton als reaktionärer Drillmeister, der seine Schützlinge im ebenfalls äußerst fragwürdigen Boot Camp sowieso nie im Griff hat. Kommt es dann zum Einsatz, bleiben die Undercover-Qualitäten ebenso geheim wie der Geheimdienst selbst. Und Dylan O’Brien? Der wirkt mit Bart tatsächlich um mindestens zehn Jahre älter als der Jungspund in Maze Runner. Aber berechtigt ihn das zum Ausknipsen der bösen Buben? Mitnichten. O’Brien bemüht sich sichtlich in seiner tragenden Trauma-Figur, ist aber weder ein Matt Damon (Die Bourne Identität) noch ein Leonardo Di Caprio (Der Mann, der niemals lebte). Maximal kann er Taylor Kitsch das Wasser reichen – der gibt nämlich den schlimmen Finger, Keatons gefallenen Engel, ein ausgewachsener Psychopath unter der Sonne. American Assassin wirkt so, als gäbe es die Ausbildung zum staatlich geförderten Killer pro Semester im Volkshochschulkurs. Da könnte ja ein jeder kommen, der auch nur irgendwie Rache verspürt, das psychische Gleichgewicht außen vor.

Wie hanebüchen sich die Story entwickelt, ist fast schon abzusehen. Hier lebt keiner auch nur ansatzweise die notwendige Objektivität und Gelassenheit, die ein Geheimagent besitzen sollte. James Bond kann da nur lachen. American Assassin ist stellenweise sehr brutal, teilt wie ein verhaltensgestörter Jugendlicher überallhin Schläge aus und missfällt letzten Endes aufgrund seiner unverhohlenen Naivität, seinen schwachen schauspielerischen Qualitäten und seinem ideenlosen Nacheifern diverser Genre-Meilensteine. Angesichts dessen könnte man ja leicht aggressiv werden und den nächsten Sommer-Killer-Workshop im Boot Camp Waldviertel buchen.

American Assassin

Moonwalkers

MOND-SÜCHTIG

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moonwalkers

Man stelle sich folgenden Alptraum vor: der Augenblick, in dem der erste Mensch den Boden unseres Erdtrabanten betritt, wird weltweit live auf allen Fernsehkanälen, die es in den späten Sechzigern gibt, übertragen – und keiner landet. Nicht auszudenken. Eine Blamage, vor allem für die Vereinigten Staaten. Und nicht nur das. Die Supermacht im Westen verliert auch ihr Gesicht vor der Supermacht im Osten, die immerhin schon mit Juri Gagarin den ersten Menschen überhaupt in den Weltraum geschickt hat. Was für ein Spektakel das gewesen sein muss. Und wie sehr sich die USA dabei in den Allerwertesten gebissen hat. Also muss der Mond zumindest ein amerikanischer sein. Und falls das nicht gelingt – dann trotzdem. Wen also damit am besten beauftragen als den britischen Kino-Visionär Stanley Kubrick, der doch erst kürzlich mit dem Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum die Illusion des Outer Space geradezu perfekt auf die Leinwand gezaubert hat.

Auf Basis dieser angeblich tatsächlichen Ereignisse begibt sich die psychedelische Thrillerkomödie Moonwalkers auf satirisches Terrain. Niemand geringerer als Hellboy Ron Perlman schlüpft in die fiktive Rolle eines vom Vietnamkrieg traumatisierten Spezialagenten, der den Deal mit Kubrick an Land ziehen soll. Nur, da gibt es noch die Idee eines von „Ron Weasley“ Rupert Grint dargestellten Taugenichts und Möchtegern-Bandmanager, die millionschwere Chance eines gefakten Mondabenteuers für sich selbst zu nutzen. Zugegeben, die turbulente Groteske hinter der ohnehin skurrilen Episode aus der Geheimdienst- und Mediengeschichte ist fürwahr ein origineller Spaß, der über weite Strecken unterhält. Die 60er genau wie die 70er Jahre kann man designtechnisch bis zum Abwinken ausschlachten – alleine die Mode der Flower-Power-Ära sorgt schon für Belustigung. Wie sehr muss dann auch noch das drogengeschwängerte Lebensgefühl der Children of Revolution auf die Gegenwart befremdlich wirken?

Moonwalkers ist ein bizarrer Mix aus dem Musical Hair, Gilliam´s Fear & Loathing in Las Vegas und – man möchte es kaum glauben – den österreichischen Drogenkomödien von Michael Glawogger und mit Michael Ostrowski, allen voran Contact High oder Hotel Rock ‚N‘ Roll. Auch in diesen beiden Filmen spielt die Handlung eine untergeordnete Rolle. Viel mehr ist die verharmlosende plakative Illustration einer aufgrund von LSD beeinträchtigter Wahrnehmung auf die Welt wohl die eigentliche lustgewinnende Ambition des Regisseurs. Diese farbenfrohe Grottenbahnfahrt ist natürlich gespickt mit allerhand absurden Einfällen, lässt den Film aber relativ rasch stagnieren. Ein zugedröhnter Ron Perlman ist in der ersten Szene vielleicht wirklich erlebenswert, in jeder weiteren allerdings nur noch repetitiv. Doch mit der ausufernden Eskalation der verabreichten chemischen Wirkstoffe ist es in Moonwalkers damit aber noch nicht getan. Gegen Ende kippt das schrullige, Kunst und Künstler parodistisch beäugende Szenario in einen blutigen Shootout, der an Kingsman oder Kick Ass erinnert. Das passt in seiner comichaft überzeichneten Extreme zwar einerseits dazu, wirkt aber auch so orientierungslos wie aufgesetzt. Abgeschossene Köpfe und gurgelndes Kunstblut hätten in keinster Weise sein müssen – dem Direct-to-DVD-Konsumentenkreis dürfte es gemäß dem trendigen Publikumsmotto „Blood sells“ aber gefallen.

Anders als im Home Cinema ist Moonwalkers zumindest hierzulande gar nicht anzusehen – eine vorgefertigte Zielgruppe fürs Kino hätte er vor allem bei Fans der Sex & Drugs & Rock ‚N‘ Roll-Trilogie in österreichischen Landen allerdings schon verbuchen dürfen.

Moonwalkers