Der schwarze Diamant

STEIN DES ANSTOSSES

7/10

 

uncut-gems© 2019 Netflix

 

ORIGINALTITEL: UNCUT GEMS

LAND: USA 2019

REGIE: BENNY UND JOSH SAFDIE

CAST: ADAM SANDLER, JULIA FOX, ERIC BOGOSIAN, IDINA MENZEL, THE WEEKND, KEVIN GARNETT, JUDD HIRSCH U. A.

 

Die kleinen Smaragde, die ich das Glück hatte, letzten Sommer im österreichischen Habachtal zu finden, diese kleinen Uncut Gems, die haben schon eine Wirkung, das brauche ich gar nicht kleinzureden, sowas zu finden hat schon so ein bisschen die Attitüde eines kleinen Schatzes, den man zwar nicht den Fängen eines Drachen entrissen, aber zumindest der Erdgeschichte entnommen hat. Im neuen Film der Gebrüder Safdie geht es um einen weitaus größeren Brocken, um einen so genannten schwarzen Opal, oder genauer gesagt um ein Konglomerat aus mehreren Opalen, halb verborgen im Muttergestein. Der Brocken ist ungefähr so groß wie eine Süßkartoffel – und steingewordener Glücks- und Geldbringer eines jüdischen Juweliers und Wettsüchtlers, der sich damit für den Rest seines Lebens gesund stoßen will. Das Glück ist, wo sie sind, sagt man – oder dort, wo der Stein des Anstoßes gerade herumgereicht wird. Polykrates hätte seine Freude damit, aber womöglich würde er den Stein gar nicht benötigen, war er doch ohnehin zum Glück verdammt. Mit Polykrates musste sich schon unlängst Philipp Hochmair in der österreichischen Psycho-Krimikomödie Glück gehabt herumschlagen. Zu viel dieses diffusen Zustandes der Wohlgesinnung ist bekanntlich ungesund. Obacht, wer es sich zur Obessison gemacht hat, es unentwegt herauszufordern.

In Der schwarze Diamant macht das niemand anderer als der womöglich wirklich zu Unrecht als nerviges Klamaukfilm-Faktotum abgestempelte Adam Sandler. Die Überraschung, ihn in einem Film dieser Art wiederzufinden, ist jedoch nicht über die Maßen groß. Es gibt Sandler bereits in anderen, weniger klamaukigen Produktionen, wie unter anderem in Noah Baumbachs Meyerowitz Stories oder überhaupt schon in dem viel früheren, 2004 entstandenen Werk Punch Drunk Love von Paul Thomas Anderson. Es ist also nicht so, als wüsste man nicht, dass Sandler genauso gut weniger blödeln kann. Mit Der schwarze Diamant aber hat er bislang seinen engagiertesten Auftritt absolviert. Und das war sicher einer, der einiges an Substanz gekostet hat. Nicht aufgrund seiner Art, wie er spielt, sondern vielmehr wen oder was er spielt – und mit welchem irrwitzigen, in seiner Hektik und Ruhelosigkeit kaum zu überbietendem Drehbuch er sich zurechtfinden musste. Seine Figur des Howard Ratner ist die eines idealistischen, obsessiven Hektikers, eines scheinbar ewigen Jägers nach dem großen Jackpot, ein Kaufmann von Venedig, wenn man so will. Einer, der Hasard spielt, unentwegt und so dermaßen auf Speed, dass es schwer fällt, während des Film herauszufinden, wohin Sandler jetzt wieder eilt, mit wem er jetzt wieder telefoniert oder welches Ding er jetzt am Laufen hält. Diese Konfusion alleine reicht aber noch nicht – im Nacken sitzt ein Haufen Gläubiger, die mit der Eintreibung von Schulden wenig zimperlich vorgehen. Und das alles reicht immer noch nicht – dieser wertvolle Stein, der wird zum Infinity-Pusher für einen Basketballer, der sich diesen zwar ausborgt, aber ungern wieder hergeben will.

Wer sich an den urbanen Nachtthriller Good Time erinnern kann – jenen Film mit Robert Pattinson, in dem es ebenfalls um ganz viel Geld geht, das man nicht hat wenn man’s braucht – weiß, welchen ungewöhnlichen Stempel die Gebrüder Safdie ihren Werken aufdrücken: es sind Filme, genauso wie Der Schwarze Diamant, die eine unergründliche Liebe zur Hässlichkeit haben. Das heißt nicht, dass ihre Filme schockieren. Dieses Hässliche, Verbrauchte, Abgemühte, das spiegelt sich in den Visagen plötzlich auftauchender Figuren wieder, die von Gier, Geld und Rache gezeichnet sind. Die ebenfalls alle auf ihren eigenen Sieg setzen, wie Juwelier Ratner, der es allen und am Besten gleichzeitig recht machen will. Unschön ist das, und auch Sandlers gezeichnetes Antlitz ist ein ungeschminktes, unreines Konterfei. Safdies Film ist unerhört ruhelos, hechelnd und hektisch, manchmal hat man das Gefühl, dass mehrere Filme, mehrere Handlungen übereinander liegen, dass die kataklysmische Eigendynamik der von Sandler verursachten Handlungen alle gleichzeitig hereinbrechen. Darin steckt die Anstrengung, welcher er pausenlos schimpfend, zeternd und andere einkochend ein Fünkchen Erfolg abluchsen will. Dabei ist das irre, fiebernde Szenario unterlegt mit einem noch irritierenderen Synthie-Sound, der an die tiefsten Achtziger erinnert, und das ganze Desaster wohl kaum moderater werden lässt. Der schwarze Diamant ist mit all seinen gierenden Geschöpfen (außer Eiskönigin Idina Menzel als Sandlers Ehefrau und einziger Ruhepol) faszinierend unsympathisch, unbequem und pöbelhaft bedrängend. Dennoch erzeugt das finstere Thrillerdrama einen Sog, aus dem wie beim Roulette das oft zitierte rie ne va plus ertönt und das Glück zu einer Belohnung des Karmas wird, mit dem Sandler sichtlich und mit Bravour überfordert ist.

Der schwarze Diamant

Molly´s Game

MÄCHTIGEN MÄNNERN DIE KARTEN LEGEN

6,5/10

 

MOLLY'S GAME© 2018 SquareOne

 

LAND: USA 2018

REGIE: AARON SORKIN

DREHBUCH: AARON SORKIN NACH MOLLY BLOOM

MIT JESSICA CHASTAIN, IDRIS ELBA, MICHAEL CERA, KEVIN COSTNER, JEREMY STRONG U. A.

 

Erst kürzlich hat sich mir das biografische Panoptikum Tonya Hardings im Kino offenbart. für die, die es nicht wissen: die amerikanische Eiskunstläuferin, die als einzige den sogenannten dreifachen Axel gesprungen ist, hat wegen eines Attentats an einer Konkurrentin ihre Berufung an den Nagel hängen müssen. Was ist dann passiert? Unter anderem eine durchwachsene Zukunft im Frauenboxen. Irgendwie kurios und auch faszinierend, zu erfahren, was aus Sportberufenen, die von Kindesbeinen an spezialisiert werden, noch alles werden können, wenn sie mal aus der fremdinszenierten Seifenblase ihrer perfektionierten Sportart treten und ihre Bestimmung neu suchen müssen. Da frage ich mich doch gleich – was wurde eigentlich aus Petra Kronberger? Michaela Dorfmeister? Vreni Schneider? Was macht denn Gerhard Berger so? Von Niki Lauda wissen wir’s – der verkauft gerade Flugzeuge an RyanAir. Und was hat Molly Bloom gemacht, nachdem sie als Profi-Skiläuferin mit verschraubtem Rückgrat auf der Buckelpiste ihren Ausstieg aus dem Wettlauf-Business hat besiegeln müssen? Der Sturz dürfte ja mindestens so heftig gewesen sein wie der Flug des Hermann Maier seinerzeit in Nagano. Und das wegen eines Reisigs auf der Fahrbahn, der die Bindung zum Ski geöffnet hat. Molly Bloom blieb liegen. Und mit ihr die Sportkarriere. Nur Hermann Maier hat sich wieder aufgerappelt und konnte weiter machen. Jetzt wirbt er für Raiffeisen. Werbung bringt doch das meiste Geld für die Zeit danach. Oder eben das liebe Glücksspiel.

Was aber eine verhinderte Freestyle-Skifahrerin mit kostenintensiven Kartenspielen zu tun hat, lässt sich allerdings nicht so einfach erklären. Dafür hat Drehbuchautor Aaron Sorkin, der ja bekanntlich als intellektuelles Mastermind unter den Schreiberlingen für Film und Fernsehen gilt, seinen ersten Spielfilm inszeniert. Und sich viel, viel Zeit gelassen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Das ist ihm durchaus gelungen. Vor allem die Wandlung vom Ski-Ass zum One-Woman-Kreditinstitut. Molly Bloom kommt anfangs zum Glücksspiel wie die Jungfrau zum Kind. Unerfahren, blauäugig, fasziniert von den reichen, berühmten Männern, die im Etablissement ihres schnöseligen Arbeitgebers ein und ausgehen. Und dann dieses Trinkgeld, das längst kein Trinkgeld mehr ist. Sondern fette Beute, aus der Frau eigentlich mehr machen könnte. Also macht sie das – ihr eigenes Ding. Stampft ihr eigenes Hotelzimmer-Casino aus dem Boden und schart die Creme de la Creme des Establishments um sich. Ist ja eigentlich alles nicht illegal – solange Molly ihre manikürten Hände vom Honigtopf lässt. Doch die Kombination Spielhölle, Geldverleih und Hostessenservice kann nicht lange halten. Da kracht es irgendwann. Und das nicht, weil Molly Bloom zu gierig wird. Vielmehr deswegen, weil die Reichen und Schönen vor Molly Bloom angebuckelt kommen, um zu schnorren. Dieser Reiz der zurückhaltenden Dominanz, ihre Rolle als Frau im Hintergrund, kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Tonya hatte Molly Bloom einen Vormund, der zwar nicht so sehr mit Niedertracht den Ehrgeiz seiner Tochter mobilisiert hat wie seinerzeit Mutter Harding. Der aber dennoch an einem streng organisierten Drill keine Zweifel zulässt. Der übergroße Vater, ihm zu Füßen und gebeugt der trainierte Nachwuchs. Schwierig, wenn dieser die Welt mit eigenen autarken Gedanken fassen kann. Reibung ist garantiert. Und dann tritt ähnliches zutage wie das Poker-Konstrukt, in dem es um Millionen geht. Und später sogar um die Russenmafia und das FBI.

Aaron Sorkin lässt Worte statt Taten sprechen – über zwei Stunden lang. Seine verbalen Gefechte zwischen Idris Elba und Jessica Chastain sind dicht getextet und auf hohem Niveau. Sein dramaturgischer Aufbau der Geschichte runterkomprimiert auf Überlänge. Chastain hat in Molly Bloom ihre Meisterin gefunden. Die stets unterkühlt wirkende, rothaarige Schauspielerin war bislang meist in Rollen zu sehen, die jenseits emotionaler Wärme mit berechnender Intelligenz das Filmset dominiert haben. Dass Jessica Chastain messerscharfen Verstand besitzt, dafür spricht ihr Charisma. In dieser schnittigen Biografie darf sie Schwächen zeigen, Zweifel und Depression, aber niemals Resignation. Dafür ist Chastain und der Charakter, den sie verkörpert, viel zu stark. Der von mir sehr geschätzte Altstar Kevin Costner, der im Film Molly´s Vater mimt, bringt es in einem psychoanalytischen Fazit gegen Ende des Filmes auf den Punkt. Dass es in Sorkin´s eloquenter True Story um den Versuch einer emanzipatorischen Gängelung gegenüber eines diktierenden Patriarchats geht, ist nachvollziehbar. Somit ist Molly´s Game weniger ein Gambler-Thriller als das analytische Psychogramm einer Überbegabten, die die Formel für eine zweite Chance sucht – und sich knapp, aber doch, verrechnet. Das ist natürlich interessant inszeniert, hat aber aufgrund seiner inhaltlichen Dichte und dem Breittreten einiger irrelevanter Details mitunter eine ermüdende Schwere, die ich nicht vermutet hätte. Der Faden ist leicht zu verlieren, Jessica Chastain´s omnipräsentes Profil und das Ringen um Haltung, Coolness und Selbstwert in ihren Augen machen Aufmerksamkeitslücken in dem minutiösen Biopic aber wieder wett.

Molly´s Game

Forsaken

DIE WOHLTAT DER VERGELTUNG

5,5/10

 

forsaken@ 2017 Universal Pictures / „Forsaken“ auf Blu-ray & DVD erschienen

 

LAND: USA 2016

REGIE: JON CASSAR

MIT DONALD SUTHERLAND, KIEFER SUTHERLAND, DEMI MOORE U. A. 

 

Wir alle kennen unsere geliebten Vierbeiner. Ob Zimmerwolf oder Stubentiger, wenn wir unsere Lieblinge an den Pfoten nehmen, an ihrem Fell zupfen oder am Schwanz ziehen – dann beißen sie. Das kann auch die kleine Rennmaus sein, der Biss eines Nagers ist ziemlich schmerzhaft. Bis aufs Blut ärgern ist aber nicht nur bei Tieren ein Zeitvertreib mit unbequemen Folgen – auch bei Menschen, und vor allem im Wilden Westen, kann das mitunter tödliche Folgen haben. Vor allem, wenn man einen Revolverhelden ausgiebig triezt. Diesen Revolverhelden, den gibt im klassischen Western Forsaken Kiefer Sutherland. Als traumatisierter Scharfschütze – anfangs weiß keiner, warum – kehrt dieser an den Ort seiner Kindheit zurück. Nur der alte Vater ist noch da. Und mit dieser ersten Begegnung von Vater und Sohn kommen wir auch schon zu der einzigen Besonderheit dieses Filmes – nämlich dass Papa Donald und Sohn Kiefer gemeinsam vor der Kamera stehen. Und die Blutsverwandtschaft gar nicht erst spielen müssen. Um hier den familiären Subtext hervorzuholen, bedarf es keines Method Acting. Der ist einfach da. Fällt aber auch nicht deutlicher ins Gewicht als bei Schauspielern, die das innige Verhältnis einer Kernfamilie erst aus dem Hut zaubern müssen.

Dass Donald Sutherland irgendwann vor einigen Jahren damit aufgehört hat, zu altern, ist alleine schon verblüffend. Und wahrscheinlich seinem Rauschebart geschuldet. Hingegen hat Kiefer Sutherland einiges an Charisma verloren. Die vielen Ausflüge ins Fernsehfach haben den ehemaligen Lost Boys– und Flatliners-Star deutlich routinierter werden lassen. Ein Clint Eastwood ist der 51jährige demnach keiner, und auch relativ weit davon entfernt. Das lässt sich über Demi Moore als Kiefers weiblicher Sidekick ähnlich formulieren. Beide spielen in einem Film, von dem sie wissen, dass es dieser wohl niemals auf die große Leinwand schaffen wird. Dabei hat Forsaken auch nicht weniger zu bieten als rund 90 Prozent aller anderen Produktionen aus dem Cowboy-Genre. Überhaupt dürfen die Plots in Western sich meistens ungestraft einspuriger Handlungen bedienen, die so simpel gestrickt sind, dass man sich anderswo wahrscheinlich provoziert unterfordert fühlen würde. Beim Western ist das nicht so. Das liegt wohl daran, dass wir es mit dem Heimatfilm der Amis zu tun haben. In unseren Breiten, beim österreichischen Bergfilm, sind die Parameter für einen Heimatfilm auch nicht anders gesetzt. Liebe, Eifersucht und Vergeltung. Von mir aus noch Schuld und Sühne. Jedenfalls meist tragisch. Mit keinem oder nur knappem Happy End.

Forsaken nimmt sich hier nicht aus und ist schon so einfallslos traditionell, dass es fast schon wieder nostalgisch wird. Dabei skizziert das konventionelle Rache- und Befreiungsdrama zwischen all den gängigen Shootout- und Vergeltungsklischees das Psychogramm eines von Schuldgefühlen Beladenen, der nach Absolution sucht. So gesehen sollte der Film statt Forsaken – auf dt. Verlassen – viel eher Absolution – Tilgung der Schuld – betitelt werden. Der Fokus wäre von vornherein stärker auf die psychologischen Details gerichtet, was den Schema-F-Western nicht ganz so bieder hätte aussehen lassen.

Forsaken

John Wick: Kapitel 2

DIE MEUTE HETZT DEN WOLF

7/10

 

wick2

LAND: USA 2017
REGIE: CHAD STAHELSKI
MIT KEEANU REEVES, IAN MCSHANE, RUBY ROSE, LAWRENCE FISHBURNE

 

Da bittet man schon John Wick um einen Gefallen, und dann das! Vor allem, wenn John Wick eine Schuld zu begleichen hat. Da kann man schließlich alles verlangen. Dumm nur, wenn John Wick nicht mehr will. Jetzt hat er ein neues Auto und einen Hund und ein nobles Zuhause – das will der Superkiller nicht mehr morden, sondern in den vorzeitigen Ruhestand treten. Keine Ahnung, was man als menschliche Tötungsmaschine macht, wenn man nicht mehr töten will. Im Supermarkt arbeiten? Andere Killer coachen? Nicht wenn das Schuldmedaillon noch in Gebrauch ist. Mit Blut beeidigt und unabwendbar. Also muss John Wick noch mal ans Eingemachte gehen. Und jemanden erledigen. Nicht irgendwen. Ein hohes Tier im Gomorrha-Syndikat. Man kann sich eigentlich denken, wen der Anzugträger mit Brillantine im Haar da alles aus dem Weg räumen muss.

Was aber überrascht, ist, dass John Wick: Kapitel 2 deutlich besser gelungen ist als der Erstling. Das liegt sicher nicht an Keeanu Reeves. Die ehemalige Matrix-Ikone hat schauspielerisch mittlerweile ungefähr so viel drauf wie Jean Claude Van Damme und bedient sich im Laufe des Filmes im Grunde einer einzigen Mimik. Die des verkniffenen Dreinblickens. Aber sei’s drum. Der Film ist ohnehin so abgehoben wie ein Ego Shooter und teilweise so überzeichnet wie das Ballerkino aus Asien. Nehmen wir nur The Raid. Tatsächlich dürfte sich Regisseur Chad Stahelski, der Teil 1 noch gemeinsam mit Atomic Blonde-Macher David Leitch auf sein Publikum losgelassen hat, einiges am Body Count der mittlerweile zweiteiligen Blutoper abgeguckt haben. Weg von der Schmuddel-Action aus dem Videokeller, stattdessen finden die Schusswechsel in anspruchsvollen Settings statt. Kaltes Neonlicht, verspiegelte Aufzüge, die Ruinen von Rom – Stahelski weiß sein knallhartes Männerkino in Szene zu setzen.

Mitunter etwas prätentiös, ist John Wick: Kapitel 2 allerdings nicht ganz frei von bizarren, fast schon ins irreale tangierenden Momenten. Da fällt mir Sin City ein – auch in diesen äußerst brutalen, aber stilistisch hochkomplexen Unterweltfilmen haben wir es längst nicht mehr mit der Realität zu tun. Da gibt es unter anderem gelbe Gnome und bis an die Zähe bewaffnete Amazonen. John Wick geht nicht so weit. Da genügen schon Extras wie das Hotel Intercontinental, eine Freihandelszone und eine Art Leo für alle Killer dieser Welt. Und da gibt es die Meute, die den Wolf hetzt. Der Wolf, das ist John Wick. Wenn er zum Gejagten wird, macht die Action noch mehr Spaß. Die Meute, das sind Menschen wie wir, in Wahrheit aber alles Killer.

Durch die radikale Karikierung einer Welt der Toten und der Tötenden gefällt John Wick: Kapitel 2 vor allem durch eines: die rücksichtslose, augenzwinkernde Erschaffung einer eigenen Welt. In der Blut genauso dick ist wie Wasser.

John Wick: Kapitel 2

The Gambler

FREUDE AM PRIVAT-KONKURS

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gambler

All jene, die Mark Wahlberg unlängst in dem Ölkatastrophenthriller Deepwater Horizon bewundern durften, werden bei Betrachten des Zockerdramas The Gambler verwirrt mit den Augen blinzeln. Denn der ehemalige Bodybuilder und derzeitiges Transformers-Herrchen wirkt in diesem hierzulande nur im Retail-Bereich erschienen Film dermaßen verjüngt, dass man das Gefühl hat, hier einem zeitlichen Betrug aufzusitzen. Doch keine Sorge, der Betrug findet maximal nur am Black Jack-Tisch statt. Das sieht man auch am in die Jahre gekommenen John Goodman, der als glatzköpfiger Unterweltler keinerlei Kuschelfaktor mehr aufzuweisen hat. Im Gegenteil – die wuchtige Statur in ein Feinripp zu zwängen birgt enormen Mut zur Hässlichkeit. Bei Mark Wahlberg hingegen liegt seine Verjüngung in der Wahl des Haarschnittes. Man sieht, nicht nur Kleider machen Leute.

Jedenfalls lässt der Schauspieler – ihm zur Seite Oscargewinnerin Brie Larson (Oscar für Room) und eine aufgrund diverser Botox-Behandlungen bis zur Unkenntlichkeit mutierte Jessica Lange – als krankhafter Glücksspieler das eigene reizlose Leben an sich vorbeiziehen. Im Grunde ist der melancholische, hausbackene Schuldenkrimi die sehr persönliche Sinnsuche eines Mannes, der alles haben kann und nichts will. Der sich nur dann spürt, wenn er Geld verspielt, das ihm nicht gehört. Und sich seinen Gläubigern ausliefern kann. Das mag interessieren, muss es aber auch nicht. Überhaupt legt die Figur, welche Wahlberg verkörpert, eine Arroganz an den Tag, der man sich auch nicht unbedingt auszusetzen wünscht. Daher folgt man der sanften Spirale abwärts, die dieser eher gediegen-ruhige, kleine Film vollführt, mit einer gewissen Teilnahmslosigkeit. Da hatte Arronofsky´s The Wrestler, Spike Lees kraftvolle Verliererballade 25 Stunden oder Inside Llewyn Davis von den Coen-Brüdern, allesamt sehr persönliche, intensive Portraits gesellschaftlicher Outlaws, mehr Reibungsflächen, mehr Ecken und Kanten. Und mehr Ironie. Zumindest Inside Llewyn Davis.

The Gambler – ein Remake des Filmes Spieler ohne Skrupel aus dem Jahr 1974 – spart sich das und schildert die Chronik der inneren Verwahrlosung eher halbherzig. So, als würde Regisseur Rupert Wyatt seine eigene Figur nicht wirklich zu seinen Freunden zählen. Das spürt auch der Zuseher, der ein packendes Zockerdrama erwartet, oder zumindest das Psychogramm eines Spielsüchtigen. Ansatzweise ist es das. Meist aber bleibt der Film zwischen Drama und Kriminalgeschichte stecken, ohne sich entschieden zu haben, was er sein will. Im Grunde müsste er das nicht – zwischen den Themen hin und herzupendeln gelingt aber nur, wenn man seine Figur genug charakterisiert, um sie greifbar zu machen. Das ist bei The Gambler nicht gelungen. Der Film wartet zwar mit einer illustren Besetzungsliste auf, enttäuscht aber aufgrund seiner deprimierenden Antriebslosigkeit und der Antipathie, die von Mark Wahlberg ausgeht.

Übrigens – für alle, die ihn nicht erkannt haben: In der ersten Szene ist der 2016 verstorbene Dallas-Veteran George Kennedy in seiner letzten Rolle zu sehen.

 

The Gambler