Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

Molly´s Game

MÄCHTIGEN MÄNNERN DIE KARTEN LEGEN

6,5/10

 

MOLLY'S GAME© 2018 SquareOne

 

LAND: USA 2018

REGIE: AARON SORKIN

DREHBUCH: AARON SORKIN NACH MOLLY BLOOM

MIT JESSICA CHASTAIN, IDRIS ELBA, MICHAEL CERA, KEVIN COSTNER, JEREMY STRONG U. A.

 

Erst kürzlich hat sich mir das biografische Panoptikum Tonya Hardings im Kino offenbart. für die, die es nicht wissen: die amerikanische Eiskunstläuferin, die als einzige den sogenannten dreifachen Axel gesprungen ist, hat wegen eines Attentats an einer Konkurrentin ihre Berufung an den Nagel hängen müssen. Was ist dann passiert? Unter anderem eine durchwachsene Zukunft im Frauenboxen. Irgendwie kurios und auch faszinierend, zu erfahren, was aus Sportberufenen, die von Kindesbeinen an spezialisiert werden, noch alles werden können, wenn sie mal aus der fremdinszenierten Seifenblase ihrer perfektionierten Sportart treten und ihre Bestimmung neu suchen müssen. Da frage ich mich doch gleich – was wurde eigentlich aus Petra Kronberger? Michaela Dorfmeister? Vreni Schneider? Was macht denn Gerhard Berger so? Von Niki Lauda wissen wir’s – der verkauft gerade Flugzeuge an RyanAir. Und was hat Molly Bloom gemacht, nachdem sie als Profi-Skiläuferin mit verschraubtem Rückgrat auf der Buckelpiste ihren Ausstieg aus dem Wettlauf-Business hat besiegeln müssen? Der Sturz dürfte ja mindestens so heftig gewesen sein wie der Flug des Hermann Maier seinerzeit in Nagano. Und das wegen eines Reisigs auf der Fahrbahn, der die Bindung zum Ski geöffnet hat. Molly Bloom blieb liegen. Und mit ihr die Sportkarriere. Nur Hermann Maier hat sich wieder aufgerappelt und konnte weiter machen. Jetzt wirbt er für Raiffeisen. Werbung bringt doch das meiste Geld für die Zeit danach. Oder eben das liebe Glücksspiel.

Was aber eine verhinderte Freestyle-Skifahrerin mit kostenintensiven Kartenspielen zu tun hat, lässt sich allerdings nicht so einfach erklären. Dafür hat Drehbuchautor Aaron Sorkin, der ja bekanntlich als intellektuelles Mastermind unter den Schreiberlingen für Film und Fernsehen gilt, seinen ersten Spielfilm inszeniert. Und sich viel, viel Zeit gelassen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Das ist ihm durchaus gelungen. Vor allem die Wandlung vom Ski-Ass zum One-Woman-Kreditinstitut. Molly Bloom kommt anfangs zum Glücksspiel wie die Jungfrau zum Kind. Unerfahren, blauäugig, fasziniert von den reichen, berühmten Männern, die im Etablissement ihres schnöseligen Arbeitgebers ein und ausgehen. Und dann dieses Trinkgeld, das längst kein Trinkgeld mehr ist. Sondern fette Beute, aus der Frau eigentlich mehr machen könnte. Also macht sie das – ihr eigenes Ding. Stampft ihr eigenes Hotelzimmer-Casino aus dem Boden und schart die Creme de la Creme des Establishments um sich. Ist ja eigentlich alles nicht illegal – solange Molly ihre manikürten Hände vom Honigtopf lässt. Doch die Kombination Spielhölle, Geldverleih und Hostessenservice kann nicht lange halten. Da kracht es irgendwann. Und das nicht, weil Molly Bloom zu gierig wird. Vielmehr deswegen, weil die Reichen und Schönen vor Molly Bloom angebuckelt kommen, um zu schnorren. Dieser Reiz der zurückhaltenden Dominanz, ihre Rolle als Frau im Hintergrund, kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Tonya hatte Molly Bloom einen Vormund, der zwar nicht so sehr mit Niedertracht den Ehrgeiz seiner Tochter mobilisiert hat wie seinerzeit Mutter Harding. Der aber dennoch an einem streng organisierten Drill keine Zweifel zulässt. Der übergroße Vater, ihm zu Füßen und gebeugt der trainierte Nachwuchs. Schwierig, wenn dieser die Welt mit eigenen autarken Gedanken fassen kann. Reibung ist garantiert. Und dann tritt ähnliches zutage wie das Poker-Konstrukt, in dem es um Millionen geht. Und später sogar um die Russenmafia und das FBI.

Aaron Sorkin lässt Worte statt Taten sprechen – über zwei Stunden lang. Seine verbalen Gefechte zwischen Idris Elba und Jessica Chastain sind dicht getextet und auf hohem Niveau. Sein dramaturgischer Aufbau der Geschichte runterkomprimiert auf Überlänge. Chastain hat in Molly Bloom ihre Meisterin gefunden. Die stets unterkühlt wirkende, rothaarige Schauspielerin war bislang meist in Rollen zu sehen, die jenseits emotionaler Wärme mit berechnender Intelligenz das Filmset dominiert haben. Dass Jessica Chastain messerscharfen Verstand besitzt, dafür spricht ihr Charisma. In dieser schnittigen Biografie darf sie Schwächen zeigen, Zweifel und Depression, aber niemals Resignation. Dafür ist Chastain und der Charakter, den sie verkörpert, viel zu stark. Der von mir sehr geschätzte Altstar Kevin Costner, der im Film Molly´s Vater mimt, bringt es in einem psychoanalytischen Fazit gegen Ende des Filmes auf den Punkt. Dass es in Sorkin´s eloquenter True Story um den Versuch einer emanzipatorischen Gängelung gegenüber eines diktierenden Patriarchats geht, ist nachvollziehbar. Somit ist Molly´s Game weniger ein Gambler-Thriller als das analytische Psychogramm einer Überbegabten, die die Formel für eine zweite Chance sucht – und sich knapp, aber doch, verrechnet. Das ist natürlich interessant inszeniert, hat aber aufgrund seiner inhaltlichen Dichte und dem Breittreten einiger irrelevanter Details mitunter eine ermüdende Schwere, die ich nicht vermutet hätte. Der Faden ist leicht zu verlieren, Jessica Chastain´s omnipräsentes Profil und das Ringen um Haltung, Coolness und Selbstwert in ihren Augen machen Aufmerksamkeitslücken in dem minutiösen Biopic aber wieder wett.

Molly´s Game

I, Tonya

DREIFACHER AXEL AUF DÜNNEM EIS

7/10

 

I_Tonya© 2018 DCM

 

LAND: USA 2017

REGIE: CRAIG GILLESPIE

MIT MARGOT ROBBIE, SEBASTIAN STAN, ALLISON JANNEY, MCKENNA GRACE U. A.

 

Lillehammer 1994 – nur in Bruchstücken kann ich mich an jene Ausgabe der Olympischen Winterspiele erinnern. Woran ich mich wirklich erinnern kann, ist Katharina Witt – warum auch immer. Und tatsächlich sieht man die Eiskunstläuferin in Craig Gillespie´s True-Story-Farce zumindest eine Sekunde lang auf einer einmontierten Archivaufnahme. Das ist dann aber auch schon der einzige persönliche Bezug zu zeitnahen, realen Ereignissen – und ich weiß nicht, ob der ganze Skandal rund um Tonya Harding auch wirklich bis in die Medienlandschaft Österreichs so flächendeckend vorgedrungen ist. Das war wohl nur Sportinteressierten bekannt. Da kenn ich in meinem Bekanntenkreis so einige, und die gelten sowieso längst als fixer Telefonjoker für einen möglichen Auftritt in der Millionenshow. Die würden auch wissen, ohne I, Tonya gesehen zu haben, womit diese junge Dame damals in Verbindung gebracht wurde – mit dem vor Gericht ausgefochtenem Vorwurf, eine Konkurrentin mithilfe von grenzdebilen Schlägertypen per Schlagstock außer Gefecht gesetzt zu haben. Also zumindest das Knie von Nancy Kerrigan. Was Kerrigan´s Karriere letzten Endes zumindest bis Lillehammer glücklicherweise nicht wirklich geschadet hat, der Karriere von Tonya Harding allerdings schon.

Dabei kommt die in Intervallen des Ehrgeizes aufblühende Blondine völlig unverschuldet zum Handkuss. Das beteuert sie jedenfalls. Also das beteuert Margot Robbie, in Gestalt einer gesetzten, in den zynischen Winkel gedrängte Tonya, die ein fiktives Interview gibt. Und nicht nur sie kommt zu Wort – auch ihr Liebhaber, ihr größenwahnsinniger Bodyguard (so einen Bodyguard habt ihr noch nicht gesehen) und die Schreckschraube namens Mutter, die stets betont, ihrem unfähigen Kind die größte Mutterliebe überhaupt zugestanden zu haben. Allison Janney spielt das verknöcherte Hassobjekt mit Hingabe. Außer Flüchen, Drill und Liebesentzug hat die kettenrauchende Matrone für ihre Tochter sichtlich nichts übrig. Vertrauensvorschuss an der Kassa. Da kann man sich als Kind entweder völlig zurückziehen und sich selbst als wertlos empfinden – oder man trotzt der dauerbeschallenden Demotivation und zeigt, was in einem steckt. Harding hat das versucht. Ohne aber die Rechnung mit ihrem Ehemann zu machen. Der schnauzbärtige Schlägertyp lässt sich mit dem hübschen Sportsternchen Tonya auf eine Never Ending Lovestory ein – im Grunde auf eine ähnliche Hassliebe wie jene mit der alles in den Dreck ziehenden Übermutter. Auf Blutergüssen folgt traute Zweisamkeit. Eine Amour fou, die schon ziemlich bezeichnend ist für ein Leben, das letzten Endes zum Scheitern verurteilt sein muss. Da reißt auch ein dreifacher Axel nur kurzzeitig das Leben der im Grunde ehrgeizigen Sportlerin aus dem verkorksten Alltag. Weil man nur so kann, wie die anderen wollen. Und Harding kann wieder mal nichts dafür.

Ein Biopic rund um ein Attentat im Schlittschuhmilieu – das ist normalerweise ein Plot, den Studios dahergelaufenen Filmemachern und Drehbuchautoren nachschmeißen müssten. Nicht aber, wenn solch eine auf den ersten Blick schale Geschichte dermaßen pfiffig aufbereitet wird. Da sieht man wieder, dass die Faszination eines Stoffes, der nur bedingt was hergeben kann, davon abhängt, wie man ihn erzählt. Autor Steven Rogers hat ein Musterbeispiel dafür abgeliefert, wie biografische Puzzleteile zu einem schnittigen Ganzen komponiert werden können. Aus der Chronik eines Scheiterns lassen sich Filme wie The Wrestler machen – tristes Sozialdrama, autoaggressive Lebensüberdrüssigkeit. Oder Filme wie I, Tonya. Realsatire, aufbereitet wie eine Episode Gossip-TV. Eine semidokumentarische Ironie des Schicksals, so absurd, man glaubt es kaum. Craig Gillespie (Lars und die Frauen) schaltet niemals auf resignierendes Pathos. Margot Robbie´s Interpretation von Tonya Harding ist aufmüpfig, trotzig, durchaus jammernd und unschuldig an allem – womöglich ist das aber der einzige Selbstschutz, den Robbie ihrer Tonya gewährt – und der sich ausnehmend glaubhaft einsetzen lässt. Die Harley Quinn des DC-Universums ist auch ohne Baseballschläger, dafür aber mit scharfkantigen Schlittschuhen eine Haudrauf-Person, die sich in Wahrheit immer nur selbst schlagen lässt. Von jenen, deren sporadische Nähe alle Entbehrungen vergessen lässt. Ein gelungenes Portrait, und nicht weniger gelungen Sebastian Stan und Allison Janney, herrlich garstig und eigennützig um das Geheimnis eines Erfolges ringend, dass sie selber nie haben werden.

Zwischen gefakten Fernsehinterviews und Spielszenen sorgt dieses Beispiel, wie sehr man dem Undank des Lebens trotzen kann, für kopfschüttelndes Staunen und seltsam schadenfroher Neugier. I, Tonya unterhält dort, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt. Eine eisglatte, unerhörte Satire, teils frei erfunden, und trotzdem nah am Leben. Ein Film wie ein Sturz auf dem Eis. Es schmerzt, man rappelt sich auf – und lächelt. Und bestenfalls ist nichts gebrochen.

I, Tonya