Nurejew – The White Crow

AUS DER REIHE GETANZT

5,5/10

 

EF6B7528.CR2© 2019 Alamode

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RALPH FIENNES

CAST: RALPH FIENNES, OLEG IVENKO, LOUIS HOFMAN, ADÈLE EXARCHOPOULOS U. A. 

 

Nennt mir fünf Filme, die Ballet zum Thema haben. Würdet ihr diese Challenge meistern, ohne nachzusehen? Ich glaube ich würde es schaffen. Billy Elliot, Black Swan, Girl… Wenn der deutsche Kinofilm Anna nach der gleichnamigen Fernsehserie auch noch zählt, hätte ich mit Nurejew – The White Crow gerade mal eine Hand voll. Ralph Fiennes hat hierzu keinen unwesentlichen Beitrag geleistet, denn die teils kuriose Biographie des russischen Meistertänzers Rudolf Nurejew, die geht auf sein Konto. Nicht nur als Schauspieler und Produzent, sondern auch als Regisseur, wobei, wenn ich die Regiearbeiten des Briten genauer betrachte, ich nicht umhin komme festzustellen, dass der von mir sehr geschätzte Akteur ein kultureller Feingeist sein muss. Shakespeares Coriolanus – ja, der war ein bisschen ungelenk, sehr wuchtig und prätentiös. Wie eine Oper eben. In die Oper dürfte Fiennes wohl auch gerne gehen. Und da dürfte ihm die Idee zu Nurejew gekommen sein. Zur Eleganz des Ballett und zum kalten Krieg. Zu staatlicher Paranoia, Geheimdienst und Überwachung.

Alles beginnt mit Einblicken in eine recht elende Kindheit irgendwo in der russischen Provinz, farblich entsättigt, damit das Verständnis für Zeitebenen gesichert bleibt. Der Junge schafft es mit viel Glück auf die Ballettschule und, wie Kenner der Materie wissen, in die zweitberühmteste Ballettgruppe Russlands neben dem Bolschoi – ins Kirow-Ensemble. Ballett verlangt natürlich eiserne Disziplin, intensivstes Training, nicht zwingend Fanatismus wie bei Black Swan, aber schaden würde das in dieser Branche wahrscheinlich nie. Einen Körper so zu beherrschen, das ist große Kunst. Das Ballett Spartacus damals in der Wiener Staatsoper ist mir nicht nur wegen Rimski-Korsakows Musik noch lebhaft in Erinnerung. Nurejew war also auch so einer, ein Star unter den Professionisten – mit der Aussicht, in den 60ern ein Gastspiel in Paris zu absolvieren. Das passiert dann auch, doch nur unter strengen Auflagen. Westen und Osten können sich nämlich nicht riechen, und der Feind lauert überall. Nur: Auflagen sind Nurejew so ziemlich egal. Er knüpft Kontakte, wohin auch immer. Und stellt fest: müsste er noch mal zurück nach Russland, müsste er für immer dort bleiben,

Nurejew – The White Crow (Weiße Krähe als Synonym für jemanden, der aus der Reihe tanzt, oder einfach anders ist) ist wider Erwarten doch nicht allzu viel mehr als ein Ballettfilm. Für diese formelle Tanzkunst muss man sich schon ansatzweise interessieren, oder zumindest für Extreme der Körperbeherrschung. Für Ehrgeiz natürlich auch. Und erst peripher für den Kalten Krieg. Mit den Schwierigkeiten, die dieser politische Frost mit sich brachte, hat Nurejew erst später zu tun. Bis dahin ist es eine Erfolgsstory, eine schön schimmernde Hommage in der braunstichigen Optik verblassender Papierbilder. Mittendrin sehr zurückhaltend, in elitärem Nachdenkmodus und etwas introvertiert: Ralph Fiennes als Ballettlehrer Alexander Puschkin, mit Halbglatze und Strickweste. Ja, Puschkin wird wohl so gewesen sein, zurückhaltend und distinguiert. Auch Nurejew selbst wird womöglich ziemlich gut getroffen worden sein, auch wenn es danach aussieht, als müsste es Zeit seines Lebens nicht einfach gewesen sein, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren. Oleg Iwenko, tatsächlich auch Ballettänzer, bleibt als der Bühnenstar unnahbar und arrogant. Ein Egozentriker aus Fleiß und der Lust am Ruhm. Aber immerhin einer, dem nichts in die Wiege gelegt wurde. Damit kann man sich anfreunden oder nicht. Interessant, wenn auch etwas tanzlastig, ist das ganze Szenario, das Fiennes hier rekonstruiert hat, trotzdem, plätschert aber bis zum alles entscheidenden Wendepunkt in Nurejews Leben eher recht hausbacken vor sich hin. Immerhin: das Sinnbild offener Türen, die in die Zukunft weisen, findet seine realhistorische Entsprechung.

Nurejew – The White Crow